Vielerlei Sehnen

Zufriedenheit geht, natürlich, und hilft sicher in manchen Situationen eine Zeit lang. Sehnsüchte sind aber besser, viel besser, finde ich, schrieb Jürgen Küster in einem Kommentar zu meinem letzten Blogartikel

Ich lasse deinen Gedanken und die darin implizierte Frage sacken, was ich lieber mag: Zufriedenheit oder Sehnsucht, schrieb ich zurück. Und ob es vielleicht zweierlei Menschen gebe, fragte ich mich.

Nun ja, vermutlich gibt es sogar mehr als zweierlei Menschen, vielerlei sogar. Doch bei manchen Lebensbereichen sind wir alle doch irgendwie entweder so oder eben so. Besonders in Sachen Sehnsucht versus Zufriedenheit kann ich nicht unbedingt an ein Sowohl-als auch glauben, da ahne ich eher das gute alte Entweder-oder. Oder?

IMG_0422Heißt Sehnsucht denn nicht eigentlich, dass ich mit dem, was ist, nicht oder zumindest nicht vollständig einverstanden, nicht ganz zufrieden bin? Und heißt eine gewisse Form von Zufriedenheit denn nicht – manchmal? immer? –, dass ich resigniert habe? Wie groß ist der fühlbare Unterschied zwischen Resignation und Akzeptanz? Und warum schmeckt ersteres bitter und zweites irgendwie mutig?

Doch ist der Zustand, den ich im Grunde am meisten zu ersehnen glaube, nicht der von stetiger innerer Zufriedenheit? Frei zu sein von meiner Unruhe, von meinem Getriebensein, von meinem Denken, dass es anders besser wäre, wenn nämlich dies so und jenes so. So oder so ist da immer diese latente Unzufriedenheit. Denn, ich gestehe es, zu viel Zufriedenheit, ist mir suspekt und riecht ein bisschen nach Bequemlichkeit.

Ich wünschte mir dennoch, dass Zufriedenheit ein klitzeklein wenig kompatibel mit Sehnsucht wäre – mindestens so kompatibel wie Essig und Öl in der gleichen Flasche. Ich wünschte, mir, dass es so wäre. Und ja, ehrlich, ich sehne mich oft danach, mich nach nichts mehr zu sehnen. In diesen Momenten sehne ich mich nach einem wunschlosen, stressfreien, erleuchtungsähnlichen Zustand, frei von Bedürfnissen, Süchten, Wertungen, Getriebenheiten und Unruhe. Weil ich an diesem Zustand schon ein paar wenige Male gekostet habe. Er kann noch nicht mal mit Zufriedenheit benannt werden, auch wenn Frieden irgendwie darin vorkommt.

Nun ja, da sind dann aber diese anderen Momente: Dann nämlich, wenn ich mir diesen Zustand herbeizumalen versuche. Dann stelle ich fest, dass ich diesen ersehnten Zustand wohl doch nicht wirklich dauerhaft kann und will – jedenfalls nicht hier, nicht in diesem Umfeld, nicht in diesem Kontext. Es wäre nicht auszuhalten. Ich bin zu mehrfarbig für so was. Zu mehrdimensional und zu kämpferisch, zu inkonsequent. Und ja, zu pragmatisch wohl auch.

Ich gestehe, ich brauche wohl auch die kleinen Exzesse mittendrin, das Überborden, das Abtauchen, und ja, auch ab und zu eine gewisse Larmoyanz sogar oder/und ein wenig Gejammer und Selbstmitleid. Blues, wie es der Emil neulich trefflich in Worte gefasst hat. Huch … vielleicht lebe ich ja genauso, wie ich leben will? Mit all meinen Baustellen?

So bin ich wohl eher die Sehnsüchtige denn die Zufriedene? Oder zwinkert ich da doch eine gewisse Kompatibilität hinter dem Vorhang hervor? Irgendwie bin ich nämlich ganz zufrieden mit meiner Sehnsucht.

Baustellen

Eine Welt voller Baustellen. Auf der Straße helfen mir Wegweiser, Tafeln und Ampeln, sie zu umgehen oder unbeschadet zu überleben. Manchmal kommt es so zu Staus. Zu Staus, die sich aber, wenn wir den Engpass hinter uns haben, wieder auflösen. Stau und Auflösung, Problem und Lösung … wenn Leben doch überall so einfach wäre.

Ich sag nur: Technik! Und packe ein kleines Puh mit Ausrufzeichen obendrauf. Am Donnerstag wars. Im Büro tat mein Handy noch seinen Dienst. Kurz darauf, nach dem Tanken vor der Fahrt nach Deutschland, schrieb ich dem Liebsten munter und vorfreudig, dass ich gleich losfahren und in etwa dreieinhalb Stunden bei ihm sein würde.

So weit so gut. An der Grenze, die ich wie immer bei Basel querte, war mein Handy ein erstes Mal abgestürzt. Nun ja, kann ja vorkommen. Als ich zweieinhalb Stunden später, in einem elsässischen Wald, pinkle, ist das Handy tot. Lässt sich nicht mehr anschalten noch laden. Das Uralthandy mit der deutschen Karten geht zum Glück noch, denn ehrlich: so ohne funktionierendes Handy fühlt man sich ja schon irgendwie nackt und verletztlich. Ich Pechvogel aber auch.

Irgendlink hat mir schon vor einer Woche einen Ersatzakku bestellt, den er am Abend ins tote Handy einbaut, so dass es wieder läuft- Eine Reanimation, die nicht wirklich so viel bringt. Der nächste Absturz ist nah – das Handy stürzt ab, startet neu, stürzt ab … da capo al fine. Kurz und gut: Das Teil ist ohne Reparatur nicht mehr zu gebrauchen. Auch nach gründlichem Putzen aller Schnittstellen nicht. Vermutlich die Nachwirkungen des sommerlichen Reussbades, das ich glimpflich überlebt geglaubt hatte. Sagt auch der Apfeldoc, den wir aufsuchen und der uns für teuer Geld einen neuen Akku samt Ultraschallreinigung aufnötigen will. Ich sage nein, ist doch das Handy schon ein paar Jährchen alt. Und vielleicht können wir − heißt Irgendlink, der Problemlöser vom Dienst − es ja doch noch selbst sauber bekommen?

Am Freitagabend kommt Journalist F. zu Besuch. Zeigt sein neues Handy vor. Sein altes iPhone, ein neueres als meins, sei ihm runtergefallen, gehe zwar noch, bräuchte aber ein neues Display. Ich könne es bekommen, gratis, müsse mir aber ein neues Display drauftun lassen.

Juhu! Wir holen es am Samstag ab. Der Display-Reparaturservice-Mann bei Mister Minit kann aber samstags nicht und so fahren wir mit dem kaputten Teil zurück auf den Hof. Nun gut, so schlimm ist das nicht, konfigurieren kann ich es ja auch so. Und mit Tesafilm überklebt sind die Risse auch nicht mehr so gefährlich für die Fingerspitzen. Sieht eigentlich sogar ziemlich witzig aus. Wäre da nicht dies doofe NanoSIM-Karte gefragt, wäre alles ein Kinderspiel. Wir schnippeln meine Schweizer Microkarte zurecht, bis sie fast zu klein ist. Aber Handy2irgendwie habe ich irgendwannalle gebackupten Daten auf dem Handy und bin einfach nur froh, ich Glückspilz ich.

Nun ja, jene Phase, als es eine Weile lang so ausgesehen hatte, als hätte ich meine SIM-Karte unrettbar mit der Schere zerstört, war schrecklich. Wie sollte ich ein paar Tage ohne funktionierendes Handy leben? Undenkbar! Ich gestehe, dass dies doch eine ziemlich erschütternde Erkenntnis war. Diese Abhängigkeit von Dingen wie Erreichbarkeit, Kommunikation, allzeitbereitem Foto-, Twitter- und Blogapparat … Handy1

Wie gesagt: Baustellen überall. Wie schön es wäre, wenn ich mich endlich und überall endlich selbst wieder eingeholt hätte. Wenn ich mich selbst synchronisieren könnte − wie das Handy dank Backup auf dem Rechner. Und wenn ich nicht immer das Gefühl haben müsste, mir hinterher zu sein, ohne Hoffnung auf Einholen. Bei der Arbeit im Büro ebenso wie bei all den Projekten, an denen ich sonst noch so arbeite. Endlich ankommen. (Notiz an mich: Und dann? Und gleich noch eine Notiz: Wie viele Baustellen verträgt ein Mensch ohne krank zu werden? Oder zumindest, ohne die Übersicht zu verlieren?)

Baustellen. Eine gibt’s übrigens auf Pixartix, dem Bilderblog, wo ich heute meinen Drei Bilder-Zyklus gestartet habe.

Jung und alt und die Sache mit den Vorurteilen

kürbisqueenMein Kopf ist zum Bersten voll.
Mein Herz will Leere.
Will Stille. Will ankommen, will bei mir ankommen.

Kotzen wäre eine Option. Kann ich aber nur, wenn ich muss. Wenn es muss. Fällt somit als Lösung weg.
Schreiben mag ich lieber.

Alles fing ja an, als Zerfall und Tod für böse und schlecht erklärt wurden. Nicht, dass da jemand aufgestanden wäre und gerufen hätte: Wehret dem Zerfall! [Geht ja nicht. Wissen wir alle. Tun wir aber dennoch.] ES kam ganz langsam. ES? Wissen kann ich ES nicht nennen. Erkenntnis auch nicht. Das wäre sonst so, als wäre ES wahr. Als wäre ES richtig.

Unser ES ist also eher eine Art Vorurteil und wie die meisten Vorurteile eine der vielen Schwestern von Herrn Angst (oder Frau Angst, wenn dir das lieber ist).

Zerfall also. Älterwerden ist auch so was. Der Zerfall des eigenen Lebens. Die Zersetzung des eigenen Körpers. Ja, den gibts. Der findet statt. Langsam zwar, aber letztlich unaufhaltsam. Big buisness. Da muss man doch was gegen tun, sagen sie. Da muss man doch.

So wird aus etwas Normalem, Natürlichen, mirnichtsdirnichts ein Krankheitsbild. Und ja, das war früher besser. Früher, als die Menschen, unsere noch mit der Natur leben statt gegen sie. Und heute? Orangenhaut bei Frau Angst und Glatze bei Herrn Angst? Böse! Müssen weg! Muss man was gegen tun! Geht so gar nicht! NO GO! In Großbuchstaben und mit viel zu vielen werbewirksamen Ausrufezeichen. Frau Meike hat neulich ein paar sehr-sehr-seeehr lesenswerte Zeilen über das Böse und wie wir es lieber mit lauten Sätzen zersetzen und tabuisieren als ihm mit klaren Worten, Mut und Offenheit zu begegnen (bitte lesen!).

Vorverurteilen und Verurteilen sind so viel einfacher als Nachdenken. Verstehen wollen ist der Schlüssel. Verstehen heißt nicht gutheißen noch in die gleiche Kerbe hauen. Verstehen aber hilft dabei, der Angst, die da ist − vor den Flüchtenden, vor der Arbeitslosigkeit, vor der Einsamkeit, vor Krankheiten, vor dem Alter, vor der Altersarmut − zu begegnen. Die Angst, die hinter der Angst steht, ist unsere Matrjoschka. Sie zieht immer noch eine Angst aus dem Ärmel und am Schluss haben wir vergessen, wovor wir eigentlich Angst hatten; wir sind selbst Herr oder Frau Angst geworden.

Mag sein, dass ich das Alter noch zu wenig gut kenne, um darüber zu reden, denn *hüstel* mit fünfzig ist man ja noch nicht alt. Dieser Satz ist falsch, denn noch nicht alt zu sein impliziert, dass man ja zum Glück noch jung sei. Die Gleichung ist einfach: jung = gut, alt = böse. Oder wenigstens weniger gut. Wegen des Zerfalls. Ihr wisst schon. Da capo.

[Dass ohne Zerfall und ohne Endlichkeit Leben auf diesem im Grunde wunderbaren Planeten gar nicht möglich wäre, steht nicht wirklich zur Diskussion. Das setze ich bei meinen LeserInnen als Basis voraus.]

Die alterslose Gesellschaft, sagte der Liebste neulich, das ist es, was uns gut täte.
Nicht nur alterslos − also das Alter wertfrei betrachtend − müsste die Gesellschaft sein, auch geschlechtsneutral (nicht der Mensch als solcher, nur die Gesellschaft und ihr Wertesystem) und frei von Rassedenken. Nein, nein, ich träume nicht von Einheitsbrei. Grau und braun haben wir genug. Nur das: Dinge, die sind, wie sie von Natur aus sind, sollten wir nicht bewerten. Den Menschen sich selbst sein lassen. Wie heute Frau Kaiserin schrieb. Über ihre Tochter, die einfach da ist und sie glücklich zu sein lehrt (bitte lesen!)

Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Schritt in diese Richtung. Es spricht davon, Arbeit und Entlöhnung anders zu bewerten, Wichtigkeiten neu zu definieren.

Irgendwie wars ja heute kurz zum Kotzen im Büro. Das von meiner Vorgängerin geerbte Chaos ist nämlich noch längst nicht gesichtet. Jedenfalls nicht in den geerbten Personaldossiers, die durch ihre Unvollständigkeit glänzen. Das muss Priorität haben, sagt die Schulpflegerin, die neue, die heute das Chaos sehen wollte. Baustellen habe ich mehr als genug. Dazu das ordentliche Tagesgeschäft eines Schulbetriebes. Das Hamsterrad muss doch am Laufen gehalten werden. Nun ja, ich habe andere Prioritäten als sie.

Ausschnitte. Wir alle sehen immer nur die Ausschnitte, die gerade mit uns zu tun haben, denke ich, als ich endlich wieder allein im Büro bin. Alle sehen vor allem ihren Ausschnitt des ganzen Bildes. Und, in meinem konkreten Fall, wollen natürlich alle, dass ich an genau der von ihnen fokussierten Baustelle schufte. Geht nicht. Nicht alles. Nicht gleichzeitig jedenfalls. Gut, dass der Scheff mich da unterstützt.

Warum tun wir uns das an? Weil wir die Kohle brauchen. Ja, klar. Aber doch auch, weil Arbeit die gesellschaftlich anerkannte Vorlage für wertvoll ist.

Nein, ich bin nicht gegen Arbeit, gar nicht. Ich arbeite gerne. Besonders dann, wenn ich jene Dinge tun kann, die ich tun will. Die notwendig sind. Die ich als sinnvoll erachte. Die mir wichtig sind. Die in sich selbst wertvoll sind. Die Inhalte, meine ich, nicht das Ding Arbeit. Das Objekt. Und nein, ich bin noch nicht mal grundsätzlich dagegen, Dinge für Geld zu tun. Nicht jedenfalls solange, wie ich nicht damit anfange, Zeit gegen Geld aufzuwägen. Und Freundschaftsdienste für Geld zu tun. Oder Dinge für FreundInnen nicht mehr zu tun, wenn ich kein Geld dafür erhalte.

Wie wohl hat es mir deshalb getan, vorhin diesen wunderbaren Artikel über Annelie zu lesen. Zeit ist ein kostbares Gut. Sie mit Nichtstun zu verschwenden ist wunderbar. Und mit Geschichten noch wunderbarer.

Ach, und das Alter? Nun, über dieses Thema ist noch längst nicht zu Ende geschrieben …

Zwiespältig

Wie so oft, schaffe ich es nicht, pünktlich aus dem Haus zu gehen. Es ist bereits wieder zehn nach neun Uhr, wie ich heute Morgen das Büro betrete. Macht aber nichts. Ich erlaube mir das, zumal ich ja auch selten exakt Punkt sowieso das Büro wieder verlasse. Und wenn jemand angerufen haben sollte zwischen neun Uhr und zehn nach neun hat sie eben Pech gehabt und das Band volltexten müssen. Schließlich bin ich keine Maschine. Und heute Morgen hat mal wieder alles länger gedauert. Vor allem das twitterlesen. Kann ich doch nichts dafür.

Außerdem hatte ich wieder so eine seltsame Nacht, in der ich weder schlief noch wach gewesen war. Gedanken blitzten durch den Kopf, auch wenn es kein wirkliches Nachdenken war. Eher ein Zuschauen. So sah ich das Buch vor mir, das ich für meine Zeitschrift besprechen muss darf muss. Eigentlich ein spannendes Thema, das mich hautnah betrifft: Die Wechseljahre. Aus ganzheitlicher Sicht. Vieles, was die Autorin schreibt, ist wirklich sehr toll. Aber ein paar Sachen darin mag ich nicht. Was überwiegt, weiß ich noch nicht.

Was ich nicht mag? Das Frauenbild, das die Autorin vermittelt. Die Doppelbotschaft ist es, die ich nicht mag. Zum einen höre ich sie schreiben: Hey, Frauen, jetzt kommt endlich die Zeit, wo wir uns nicht mehr anpassen müssen, wo wir endlich zu uns selbst schauen können, wo wir wirklich die sein und werden können, die wir sein und werden wollten! Legt los! Zum andern steht da über Haare färben und das Grau nun wirklich gar nicht geht (wörtlich!). Ich lese über all die Salben, die die reife Haut jetzt braucht, über die richtigen Kuren, die uns dabei helfen schlank zu werden und sexy zu bleiben. Halt so Quatsch wie in Frauenhochglanzmagazinen, nur ein bisschen auf spirituell getuned. Außerdem ist mir die Sprache für die teils doch recht sensiblen Inhalte zu salopp. Das kommt bei mir anbiedernd an. Vermutlich will die Autorin jene Frauengruppe anzusprechen, die eben noch nicht Was-auch-immer ist. Erlaucht oder so.

Doppelbotschaften mag ich eh nicht. Vermutlich weil ich mich in ihnen erkenne. Weil das ganze Leben aus Doppelbotschaften besteht. Weil das ganze Leben eine einzige große Ambivalenz ist.

Am Mittag Feierabend. Wochenende. Finitolavoro. Zuhause erwartet mich das neue A-Bulletin, eine tolle, autonome Schweizer Zeitschrift, die es nur gedruckt gibt. Darin wird aus einem Interview von Jens Wernicke mit Fabian Scheidler zitiert (Zum Interview geht’s hier lang). Der Titel spricht mich schon mal sehr an: Die globale Ordnung zerbricht. Das teilweise abgedruckte Gespräch dreht sich um Scheidlers Buch. Auch dessen Titel macht mich neugierig: Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation. Ich lese gebannt über die Ursachen der aktuellen Misere.

Ja, klar, das geht weit zurück. Die Misere ist nicht neu. Ich nicke beim Lesen vor mich hin und auf einmal ist der Gedanken wieder da, der in der letzten Zeit immer hartnäckiger an mir nagt. Die Sache mit dem ersten geworfenen Stein. Mit der Wut, die sich verlagert. Mit all den unlösbaren Dingen. Wie im Film, den ich gestern geschaut habe: Eine junge Muslima will in einem freien deutschen Gymnasium ihren Glauben praktizieren und stößt damit an – trotz der in der Klasse und Schule gelebten Toleranz. (Die Neue, zdf-mediathek)

Mag sein, dass ich jetzt ein bisschen zu weit aushole, wenn ich jetzt oben drauf noch Liza Marklund zitiere.

Zitat aus Paradies. Roman von Liza Marklund.
Zitat aus Paradies. Roman von Liza Marklund.

Was ich sagen will? Es ist der Einzelne, der das Gift in sich trägt. Die Gesellschaft – ob nun kommunistisch oder kapitalistisch, ob religiös oder atheistisch – ist nur immer eine Erweiterung des Einzelnen. Gut, bewusst, klar und nicht korrupt zu leben ist schwerer als unbewusst, achtlos, gleichgültig.

Shit happens.
Ordnung muss man selber machen.

Ich sehe es bei mir. Eigentlich will ich so und so, lebe aber so und so. Schließe halbherzige Kompromisse, weil ich da und dort für dies und das zu faul bin. Wer unter euch nicht, werfe das erste Wort. Es ist wie bei meiner Pyjamahose. Der Stoff über den beiden Knien ist zerrissen. Zigmal geflickt, denn immer wieder reißt der Stoff von Neuem ein.

Wenn ich versuche, in der einen Ecke meines Lebens konsequent und klar zu sein, reiße ich an anderen Ecken Löcher. Ich verlagere. Ich verschiebe. Ich schichte um.

Die Ordnung zerbricht.
Und dann?

Zählen, was wirkt

Charlie Brown und Snoopy sitzen am See
Charlie Brown und Snoopy sitzen am See

Ist es womöglich die Illusion, die du liebst? Mitten in der Nacht weckt mich dieser Satz.
Meine Illusionen? Ja, die gibt es, Illusionen des Lebens, über meine Freundinnen und Freunde, über mein Land, meine Umwelt, meine Arbeit.

Lange liege ich da ich in einem äußerst seltsamen Zustand. Nicht schlafend, nicht wach. Und erst als der Wecker klingelt, stelle ich fest, dass ich wieder eingeschlafen bin.

Ist es womöglich wirklich die Illusion des Lebens, die ich liebe, statt der Wirklichkeit? Liebe ich eine Illusion meiner selbst? Ist die Liebe zu mir und zu meinen Lieben nur ein Trugbild oder womöglich das einzige, das trägt? Womöglich ist die Illusion das einzig Echte, wenn ich es mir so überlege? Oder anders gesagt: Ist nicht alles Illusion, was wir haben, was wir sehen, was wir anfassen? Die Materie tut ja eigentlich nur materiell und ist doch eigentlich nichts als Luft – mit ein paar Atomen drumrum. Oder so.

Was zählt wirklich?
Was wähle ich wirklich?Was wirkt wirklich?

Ja. Ich glaube, ich liebe die Illusion. Ich liebe Geschichten.

Eine falsche Wahrnehmung der Wirklichkeit sei sie, sagen die Suchmaschinen. Ich aber sage: Was ist denn die richtige Wahrnehmung der Wirklichkeit und wer sagt das? Ist die richtige Wirklichkeit die, dass sich die Menschheit selbst zerstört? Dass immer mehr Menschen aus der Zentrifuge geworfen werden, verschaukelt, verbrannt, verraten?

Kann ich denn anders lieben als die Illusion? Ist sie es nicht, die mich hoffen lässt? Wider alle Vernunft?

Keine Rolle mehr

Langsam erwachte ich heute aus einem sehr farbigen Traum. Ich hatte Besuch von Menschen, die ich nicht kenne und auch im Traum nicht kannte. Meine erste Besucherin war eine mir unbekannte Frau. Sie sah sich die Bilder an meinen Wänden an, doch es war nicht meine aktuelle Wohnung, auch keine meiner früheren. Eher war es eine Art Galerieraum mit riesigen Fenstern, den ich als meine Wohnung betrachtete. Immerhin stand mittendrin ein Bett, das im Traum mein Bett war. Ein großes Bett, eins für richtig große Träume denke ich jetzt, aber auch dieses Bett war nicht mein „richtiges“ Bett aus meinem aktuellen Leben. An den Wänden hingen große, auf Rahmen gespannte Leinwände, die wie gemalt aussahen. Es waren aber Appspressionismen, also von mir offenbar zu einem früheren Zeitpunkt mit Foto-Apps gestaltete Bilder. Keines kam mir aber wirklich vertraut vor. An keines konnte ich mich erinnern, auch nicht an den Schaffensprozess, weder im Traum noch im echten Leben.

Ich identifizierte mich jedoch sehr mit den Bildern, sie mussten also – so sagt mir mein Traumwirklichkeitsgefühl – von mir sein. Die Besucherin wählte ein Bild aus, das noch nicht auf einem Rahmen aufgespannt war, sondern in einer der Kisten an der Wand gesteckt hatten. Es war ein Bild, das ich besonders mochte. Alle Bilder waren eigentlich eher abstrakt und doch auf eine Weise sehr konkret und unmittelbar, so konkret und unmittelbar wie Wolkenbilder und Rorschach-Tests vielleicht. Voller einzelner Elemente, die vom einen ins Nächste führten, wenn man sich einließ. Bilder wie Labyrinthe. Selbst ich war fasziniert. Meine Bilder kosteten alle um die Fr. 1000.–, doch so viel Geld hatte die Frau nicht dabei. Ich durfte es ihr weder schenken noch günstiger geben, das war uns beiden klar.. Ich legte also zur Sicherheit das Bild unter mein Bett, bis sie mit dem Geld zurückkommen würde.

Sherlocks LupeNächste Szene: Eine Frau mit einem Kind besucht mich. Ich scheine sie flüchtig zu kennen. Sie entdeckt die Bilder, obwohl sie eigentlich wegen mir da ist, mich besucht. Sie ist hin und weg von meinen Bildern, was mich eigentümlich berührt, mehr als von einem Menschen, den ich nicht kenne. Weil sie mehr sieht, weil sie dahinter sehen kann. Sie murmelt, dass sie nicht verstehen könne, warum ich nicht längst „entdeckt“ worden sei. Meine Bilder seien einfach einmalig. Ihr Kompliment schmeichelt mir, ich merke, dass sie es ernst meint, dennoch weiß ich natürlich, dass meine Bilder, da ich ein NoName bin, niemanden außer ein paar Fans, ansprechen werden. Ich bin zu leise, ich bin zu beliebig, zu unauffällig, zu wenig Mainstream. Und ich kenne den Markt. Weiß wie Hypes entstehen. Mache mir da nichts vor, obwohl ich weiß, dass diese Bilder gut sind.

Das Kind hat sich auch vor die Bilder gestellt und ist total vertieft in die Betrachtung. Es erzählt, was es alles sieht und erlebt, was ihm aus den Bildern entgegenkommt und ihm begegnet. Mir kommt es vor, als wäre das Kind, es ist so ungefähr fünf bis sieben Jahre alt, nun wie in Trance, als wäre es ein Teil meiner Bilder geworden. Es wirkt wie eingetaucht. Gerade sagte ich zu der Frau, dass das übrigens keine Gemälde seien, sondern Bildbearbeitungen, die ich auf digitalen Medien geschaffen habe. Sie kann das kaum glauben.

Inzwischen liegt das Kind unter meinem Bett und betrachtet, auf dem Bauch liegend, das Bild, das dort für die andere Frau bereit liegt. Es ist total begeistert. Auch das Kind mag das Bild sehr. Ich selbst bin einfach nur total gerührt, wie sehr sich Kind und Frau auf die Bilder einlassen können. Wie sehr sie von den Bildern berührt werden. Das macht mich unglaublich froh.

Irgendwo in diesen Traumsequenzen drin, mitten drin, bin ich dann auf einmal in meiner echten, aktuellen Wohnung, die allerdings im Traum viel größer und geräumiger ist als in echt. Ich habe einen doppelt oder dreimal so großen Küchenwohnraumteil. Dort stehen im Traum nicht nur ein Tisch mit Stühlen, sondern gleich zwei. Es ist Morgen und ich wusle wie üblich noch im Pyjama herum. Meine Mutter hat Geburtstag und sie will, mit meinem Vater und andern Verwandten, um 11 Uhr zu mir kommen. Sie wohnen – obwohl sie schon lange gestorben sind – in diesem Traum in einer anderen Wohnung im selben Haus. Kurz vorher bin ich kurz oben bei ihnen gewesen, um etwas zu holen/fragen. Nun wusle ich also durch meine Wohnung, räume da und dort ein bisschen auf und habe die Zeit vergessen. Auf einmal klingelt es. Elf Uhr. Huch, die Verwandten! Und ich noch immer im Pyjama. Die Leute kommen herein, viele sind es, und immer kommen noch mehr. Ich denke: Huch, ich bin ja noch ungeduscht! Und mein Yoga hab ich auch noch nicht gemacht. Das geht doch so gar nicht. Ich fühle mich nackt und ungeschützt und alle kommen in meine Räume und tragen die Schuhe an den Füßen, was ich überhaupt nicht gerne habe.

Ich lasse die Leute Platz nehmen und will mich schon zurückziehen, da rufe ich laut: Alle sofort die Schuhe ausziehen! Bitte! Also ziehen die Leute widerwillig ihre Schuhe aus. Alle genau dort, wo sie sind/sitzen/stehen. Was ja nun auch nicht wirklich etwas bringt. Außer Chaos. Alle schauen sich ungeniert um und sehen ebenfalls überall meine Bilder an. Ab hier an sind wir alle auf einmal in jener anderen Wohnung und der Traum geht dort weiter. Später sind die Leute wieder weg und die Frau mit dem Kind kommt.

Die Bilder, das spüre ich, sind ohne inneren Zensor entstanden. In einer Zeit, als ich noch mit dem Herzen gestalten konnte. In einer Zeit, wo ich mich nicht von allem Wissen und all den Maßstäben, wie Kunst zu sein habe, verwirren lassen habe.

Habe ich das? Tatsache ist, dass dieser innere Zensor furchtbar brutal, anspruchsvoll, gnadenlos und ziemlich zynisch ist.

Ich sehne mich zuweilen an meine erste Zeit des Appens zurück, wo ich einfach daruflos gebildert und gekunstet habe ohne viel zu denken. Heute kenne ich mich je länger je besser mit all der Technik, mit all dem Handwerk aus, das ich brauchen kann. Ja, ich kenne wohl auch mich und meine Bildsprache besser. Aber, und da hänge ich fest, ich bin heute weniger spontan denn je. Beim Bildern vor allem, aber auch oft beim Schreiben. Auch dort stellt sich der Kopf in den Weg und winkt ab.

Wie kann ich mich wieder aus dieser Befangenheit befreien? Wie kann ich den unmittelbaren Zugang zu meinen Bild- und Wort-Bildern wieder finden? Wie erschließe ich mir meine Herzsprache wieder, die ich einmal kannte und konnte? Natürlich darf sie nachher durch all die handwerklichen Filter laufen, aber zuerst soll sie einfach mal unzensiert fließen dürfen. Weil es nämlich genau das ist, was ich am liebsten mache. Es ist dieses freie Draufloskreieren, das mich nährt, das ich brauche, um leben zu können. Um mein Schreiben und Kunsten in seiner ganzen Weite und auch ganz und gar leidenschaftlich erleben zu können.

Tun ohne Denken und Selbstzensur. Mich sein. Wenn mir das gelingt, bin ich glücklich und froh und bei mir, synchronisiert mit mir selbst. Wenn ich keine Rolle mehr spiele, sondern nur noch bin.

Jenseits von gut und böse

Sie schwitzt. Nun ja, das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Wechseljahre. Medikamente. Nur klebt die Hitze im Bett an ihr, als läge sie auf einer Gummimatte. Auf Plastik oder auf Leder. Das Leintuch ist schuld. Sie weiß es seit Tagen. Eine kleine Wut macht sich breit. Er muss doch wissen, dass sie dieses synthetische Leintuch hasst. Er muss es doch auch hassen! Es fühlt sich an wie Kreide auf Wandtafel, wenn man sich darauf bewegt. Gänsehaut der unangenehmen Art.

Sie schickt sich drein. Bestimmt sind alle andern Laken in der Wäsche. Es wird schon gehen!, sagt sie sich, und: Jetzt tu mal nicht so zimperlich. Sie schläft ja eigentlich recht gut zurzeit. Trotz der unangenehmen Unterlage. Andere haben kein Leintuch, haben noch nicht mal eine Decke. Reiss dich zusammen.

Nachts die Erkenntnis, dass sie vielleicht eine andere wäre, wenn er ein anderer wäre. Oder so: Sie wäre vielleicht weniger freundlich, wenn er nicht so liebevoll wäre − zu ihr, zu allen andern. Sie hätte ihn vielleicht längst angeschnauzt, divaesk nach einem anderen Leintuch geschrieen, wenn er nicht so ein respektvoller Mensch wäre. Es steckt ja keine böse Absicht dahinter, dass er ihr dieses Leintuch zumutet. Sie reitet auf dem Leintuch herum. Dreht sich, wendet sich. Schwitzt.

Was wäre, wenn er so wäre wie … In früheren Beziehungen hat sie sich anders verhalten. Direkter, auf eine wunde Art fordernder. Eine Art, die sie heute und hier nicht braucht. Viele Wunden sind verheilt. Oder auf gutem Heilweg zumindest. Dank ihm. Aber die Aggression, aber die Wut, sie ist noch immer da. Ob sie ein Teil ihrer selbst ist, fragt sie sich und döst wieder ein. Als sie aufwacht, klebt sie wieder schweißnaß am Laken. Der Ärger ist auch gleich da. Vielleicht sollte sie es ihm sagen? Dass es für sie nicht einfach ist. Dass sie das Leintuch nicht mag.

Er öffnet die Augen. Sie fühlt sich falsch. Die Wut über das doofe Leintuch verdirbt ihr die täglich neue Freude, neben ihm erwachen zu dürfen. Überschattet die Liebe. Dass es das Leben mit ihr so gut gemeint hat. Sie wäre heute eine andere, wenn sie ihn nicht getroffen hätte. Sie fühlt sich falsch. Der Ärger verdunkelt wie Regenwolken ihre Wahrnehmung.

Ich schwitze wie auf einer Gummimatte, sagt sie dann doch irgendwann. Dieses Leintuch ist einfach nicht so mein Ding.
Dann lass uns doch ein anderes drauftun, sagt er.
Wie jetzt? Du hast noch eins? Nicht alle in der Wäsche?
Nö, müsste noch eins da sein.
Oh, hätte ich das früher gewusst! Wie konnte ich denn ahnen, dass du freiwillig so was auf dein Bett tust.
Oh, hätte ich doch gewusst, dass du daran so leidest! Hättest du doch schon früher was gesagt!

Sie fühlt sich wie die Frau in jener kleinen alten Geschichte, die fünfundzwanzig Jahre lang das Knörzche, den Mürggu, jeden Anschnitt jedes Brotes auf den Teller ihres Mannes gelegt und schweren Herzens aufs beste Stück jedes Brotes verzichtet hat, um ihm eine Freude zu machen. Woraufhin er jeden Tag das zähe, harte, doofe Stück Brot heruntergewürgt hat, damit seine geliebte Frau es nicht essen muss.

Das Böse in ihr, es ist immer da. Das Böse? Was ist es überhaupt, dass sie immer wieder sich so leer fühlen lässt? Immer noch. Sie schämt sich, dass sie dieses Was-auch-immer noch immer nicht überwunden hat. Und jetzt? Jetzt taucht zum Bösen noch die Scham auf. Dieser Blick der andern Menschen auf sie selbst, ihr eigener Blick auf sie selbst. So klein, so groß, so übermächtig ist er zuweilen. Als würden alle an ihr nur die Schwächen sehen. Als würden die andern sie überhaupt sehen. Als wäre sie für andere überhaupt so wichtig, dass sie ihr so viel Aufmerksamkeit schenkten, dass sie über ihre Schwächen nachdachten. Sie wahrnahmen.

Die andern. Die Macht, die ich andern beimesse, denkt sie, ist immens. Viel zu viel Macht. Eigenmacht würde mir besser stehen. Wenn ich meinen Blick auf mich selbst statt mit Scham mit Liebe fülle, fühle, wird es anders. Das Bild, das ich von mir habe. Und ich selbst werde eine andere. Hinter und vor dem Spiegel.

Ja, das Böse ist immer da. Sie hat es allerdings in der Hand, wie viel Futter sie ihm hinstellt. Aushungern ist keine Alternative.

Kleine Helden braucht das Land. Heldinnen auch.

Was war ich stolz gestern Abend, als wir endlich wieder auf dem Einsamen Gehöft anlangten, Irgendlink und ich. Selbst er war ein bisschen k.o., doch nach mehreren Tagen mit Gegenwind radeln im Hohen Norden, war es für ihn nicht gar so anstrengend wie für mich.

Vierzehn Kilometer mit Gegenwind (Stärke 14) sind für eine wie mich (unsportlich) doch sehr herausfordernd. Und nein, ich bin nicht auf diese Leistung stolz. Stolz bin ich darauf, dass ich mich nicht habe hetzen lassen. Ich mag ja recht beweglich sein, Yogaseidank, aber in Sachen Kondition bin ich, nun ja, eher schwach. War ich schon als Kind. Immer die Letzte bei Klassenwanderungen. Die, auf die man warten musste. Kaum hatte ich aufgeschlossen, war die Pause der anderen vorbei. Und ich? Ich konnte mich natürlich nicht ausruhen, wenn ich nicht schon wieder die Letzte sein wollte.

Nervt es dich, frage ich den Liebsten zuweilen, dass ich so langsam bin?

, sagt dieser, wieso? Sollte es?

Typisch für ihn. Und er meint es sogar so. Weil er nicht vergleicht.

Später reden wir über dieses dauernde Werten und Vergleichen. Schnell ist gut, langsam ist schlecht. Gesellschaftlich verankerte Systeme, die wir uns schon von klein auf überziehen lassen. Oder: Was denken die andern, wenn ich …? Und das da: Ich falle den andern bestimmt auf den Geist, wenn ich so und so …? Alles Bullshit.

Ich kann Dinge, die nur ich so und so kann. Ja, ich weiß, ich wiederhole mich, das hatten wir hier schon. So und ähnlich. Es ist mein roter Faden. Jeder und jede so, wie es ihm und ihr entspricht. Roter Faden und Credo zugleich. Und nicht immer so einfach umsetzbar, wie es klingt.

Nach dem zweiten Besuch dieser Woche beim Radflüsterer D. in Homburg, der für Irgendlink und mich ein paar neue Teile für unsere Stahlrosse bestellt hatte, radelten wir gestern wieder südwärts, aber nicht nach Hause diesmal, sonderen nach Blieskastel, wo wir mit K. zum Kaffee verabredet waren. Rückenwind, ein angenehmer weiter Radweg über Land, durch Wiesen – Herz, was willst du mehr?

Nun ja, die Steigung von Blieskastel unten nach Blieskastel oben ist nicht ohne. Sowohl rauf als auch runter. Runter über Kopfsteinpflaster. Holperdipolter. Schön wars trotzdem. Sehr. Und eigentlich war auch der Rückweg toll. Nur eben … Gegenwind ist nicht mein Lieblingsfreund.  

Das einzige Bild der letzten Tage. Krea-Pause muss auch mal sein.

Windschattenfahren hat zwar Vorteile, aber den einen großen Nachteil, dass man dabei das Tempo des Vorradlers einhalten muss. Was ich irgendwann nicht mehr schaffte. Ich sag nur Kondition.

Über die Triesch dann zurück, bei Gegenwind bergauf. Nun ja, die Erkenntnis, dass ich keine Ferntourenradlerin bin, hatte ich ja schon länger. Ich bin eher die Wandertype. Und ja, ich habe ein bisschen gejammert gestern, nur ein bisschen. Ich darf das. Und ich habe auch ganz oft das Rad geschoben. Pausen gemacht. Meinen Rhythmus ernst genommen. Ich kleine Heldin ich.

Und auf einmal waren wir wieder da, auf dem Hof. Im Frieden mit mir.

Häutung vielleicht

Diese Schicht, die ich im Blick auf die Welt da draußen aus Zorn und Wut und mit Trauer als Mörtel um mein Herz gepackt habe, ist verkrustet, verdorrt, von mir abgefallen.
Aufgeweicht, von Tränen weggespült worden.
In der Umarmung des Liebsten hat sie sich in Luft aufgelöst.

Egal wie. Hauptsache weg.

Weich wieder.
Schwach sein zu dürfen.
Dem Fieberfeuer, dem Feuerfieber nachzugeben.
Schlafen.

Ich setze mich neu zusammen.

Meinem Körper geben, was er braucht. Mir geben, was ich brauche. Vitamine. Berührung. Frische Luft. Liebevoll gemeinsam gekochte Mahlzeiten.

Ruhe. Als könnte ich die Welt ein bisschen anhalten. Illusion nur, wenn auch nicht die schlechteste.
Ein bisschen bunt mich zu fühlen mit dir, in all dem Grau.

Anders fasten

Vor zwei Tagen habe ich bei Frau Rebis gelesen, wie wichtig es ist, nicht zu erstarren ob all des Umbruchs um uns herum.

„Doch, ja, wir leben hier weiter. […] sind viel bewusster als sonst dankbar für das, was wir haben, gestalten unsere Tage bunt und farbenreich, begegnen einander. Und das alles ist wichtig. Sich der Lähmung nicht hingeben. Und sich um sich selbst kümmern, scheinen die Befindlichkeiten noch so nichtig zu sein. Wenn ich selbst nicht hell bleibe, kann ich nicht nach außen strahlen. Niemandem würde das nützen.“

Quelle: gestreift-beruehrt-geteilt.blogspot.de

Sie hat so recht.

Ich neige zu Extremen. Erstarre ich nicht, verliere ich mich dafür in höchst leidenschaftlichen Aktionismus. Mache dies, mache das, will und will die Welt noch immer retten und merke dabei kaum, wie ich mich immer näher an ein Ich-kann-nicht-mehr manövriere. Mein Körper sagt schon seit Tagen – seit Wochen, wäre ich ehrlich – dass ich ruhiger treten soll. Ein Fieberfeuer bremst mich aus und die Ärztin schreibt mich krank. Die ganze Woche soll ich mich auskurieren.

Ich neige zu Extremen. Ich gebe mich mit Haut und Haar hin. Ganz oder gar nicht. Obwohl ich so viel Lauwarmes in meinem Leben kenne. Tue. Habe. Ambivalenzen überall.

Tagelang habe ich alles über die Flüchtenden aus Syrien gelesen. Kaum etwas anderes gedacht und gefühlt. Mich erinnert an die Zeit, als ich im Flüchtlingszentrum gearbeitet habe. An die Gespräche mit den Geflüchteten. An ihre Erfahrungen. Und schließlich räume ich im Fieberrausch meine Schränke aus. Verpacke. Liefere ab. Spende. Überlege, im Dorf eine Hilfsmittelsammlung anzuleiern. Oder zumindest im Haus. Oder doch nicht. Und ich lese auf Twitter, was andere tun. Was andere können. Was andere schaffen. Wo Hilfe nötig ist. Was schon erreicht wurde. Und ich lese auch auf FB. Ich teile da und dort. Retweete. Verlinke. Vernetze. Und ich leide. Ich leide mit. ich leide körperlich. Ich bin, so scheint es mir jetzt, wieder einmal besessen vom Leid anderer, weil ich es lösen möchte und nicht kann. Und weil es mir das eigene Leid erträglicher macht.

Doch auf einmal geht gar nichts mehr. Wie ein Ballon mit Loch sacke ich in mir zusammen.

Hochsensibilität ist Segen und Fluch. Ich sehe und nehme wahr, was andere nicht sehen und spüren. Aber ich kann so verdammt schlecht priorisieren, kann mich schlecht abgrenzen, bewerte alles gleich wichtig. Was es im Grunde ja auch ist. Weil jeder Mensch gleich wichtig ist.

Heute aber, heute – morgen vielleicht auch und vielleicht die ganze Woche? – heute faste ich Nachrichten, Krautreporter, Twitter, FB und Co.. Nennt mich egoistisch. Egal.

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Und ganz allmählich tauchen wieder eigene Wörter auf. Und ich verstehe: Mich interessiert nicht das Abbild, sondern die Interpretation. Dieses Da. Dieses Jetzt.

Eine Geschichte ist das, was bleibt, wenn der Wasserstand sinkt. Das Schwere. Die Schicht da, die Insel, die sich nicht wegspülen lässt. Wörter sind Sandkörner. Erdklumpen die Sätze.