Die Kunst des Nichtreagierens

Nichtreagieren, wie geht das überhaupt? Ich lese etwas und sofort reagiere ich. Immer eigentlich. Ich fühle immer, was ich lese, außer vielleicht die Beipackzettel von Kopfwehtabletten oder die Straßennamen im Telefonbuch. Aber gegen alles andere sind meine Gefühle leider nicht gefeit. Und weil es dem so ist, brauche ich vermutlich den Ausdruck. Ich brauche dazu Medien wie die Sprache oder den Körper, die meine Reaktion transformieren. Die dem Gelesenen – dem Erlebten, dem Beobachteten, dem Erlauschten, dem Angerührten – eine Gestalt, eine Form, eine Daseinsberechtigung geben. Um mich zu vergewissern, dass ich da bin vielleicht. Um mir selbst auf die Spur zu kommen. Um zu verstehen. Mich und das Gelesene.

Mag sein, dass du das langweilig findest. Es müsste mir egal sein. Eigentlich. Es müsste mir gleichgültig sein, was du über meine Ausdrücke denkst. Ich schreibe ja nicht für dich, ich schreibe für mich. Um dem vielen Zöix in mir zu entkommen.

Ich werfe es hin. Ich spucke es aus. Ich werfe es auf den Boden. Scherben manchmal. Kies. Manchmal haben die einzelnen Teilchen eine Form. Manchmal sehe ich, wenn ich auf den Boden gucke, dass ich diese Rohstoffe verwenden will. Kompostieren. Transformieren.

Warum tut es mir weh, wenn jemand schreibt, dass ich langweilig twittere? Wo diese Person ja nur einen winzigen Teil meiner Tweets und Texte kennt und somit sehr undifferenziert, subjekt und doch sehr absolut urteilt. Tut es mir weh, weil sie womöglich recht hat? Weil ich eine Langweilerin und weil ich unkuhl bin, weil ich nicht die Rampensau des Twitteruniversums bin, wie es ein klitzekleines Willensteilchen in mir drin vielleicht gerne wäre?

Obwohl … nein, ehrlich, das möchte ich nicht sein. Das wäre der pure Stress für mich. Ich halte mich lieber bedeckt. Werde lieber von Menschen gefollowt, die sich von meinen (zugegeben subjektiv womöglich durchaus) langweiligen Tweets angesprochen fühlen (ja, fühlen!), als von denen, die es lieber laut und schrill mögen.

Langeweile. Sie ist eins meiner Geheimnisse. Ich bin nämlich ziemlich gerne langweilig. Jedenfalls für mich. Mit mir. Ich mag es lange Weilen zwischen den schnellen Zeiten zu haben, ich mag die stillen Augenblicke. Dumm nur, dass das Wort wohl anders gemeint war. Und für die meisten von uns anders besetzt ist. Dumm nur, dass wir damit Reizlosigkeit und mangelnde Leidenschaft verbinden. Zweites kann man über mich so nicht wirklich sagen. Außer vielleicht, wenn ich die Steuererklärung ausfülle oder den Müll hinaus bringe.

Wie aber, fragst du dich (und zu recht finde ich) lassen sich nun Langeweile und Leidenschaft zusammenbringen? Frag mich nicht.

Vielleicht ist dies der Fluch der Schreibenden? Vorne die langweilige Fassade, hinter den Mauern die Leidenschaft?

Oops. Ich wollte ja was ganz anderes schreiben. Etwas über Geheimnisse nämlich. Weil die Mützenfalterin gestern darüber gebloggt hat. Weil ich darüber seither viel nachgedacht habe. Aber jetzt, wo das hier auf dem Bildschirm entstanden ist, werde ich es wohl einfach mal bloggen. Sorry, ich bin halt langweilig.

Und das hier? Nun ja, es ist ja nicht geheim das. Es ist wohl sogar etwas, das alle irgendwie kennen, dieses Ding mit der Kritik und dem Schmerz. Dass es dabei um mein verletztes Gerechtigkeitsempfinden geht, hat mir eine andere Tweetse verraten. Dass ich mich vermutlich ungerecht behandelt fühle, wenn mich jemand mit einem undifferenzierten Satz zu erfassen glaubt und dass es darum wehtut.

Uuh, das war jetzt wahrlich ein langweiliger Artikel. Wenn du es bis hierher geschafft hast, gratuliere ich dir herzlich.

Es lebe die Langeweile. Und ihre Schwester, die Muse. Mögen sie uns hin und wieder küssen, damit wir Menschen sein können, richtig lebendige Menschen. Richtig schön langweilig und leidenschaftlich.

Oh weia, nicht reagieren kann ich offenbar wirklich nicht.

Und du? 😉

Brücken bauen

Ein ähnliches Projekt wie jenes, das ich selbst, allerdings mit einer anderen Menschengruppe*, angedacht habe, will die Bloggerin und Fotografin Sarah Berger realisieren.

Ich zitiere sie hier:

„Meine Idee ist daher, den Kontakt zu Menschen zu suchen, die sich mittels des Hashtags [#notjustsad] auf Twitter den Raum geschaffen haben, ihre eigene Depression öffentlich zu thematisieren. Ich möchte ihnen begegnen und mir ihre Geschichte anhören: Ihr je eigenes Erleben dieser Krankheit. Im Zuge dessen möchte ich im gemeinsamen Gespräch ein Bild entwerfen, welches die je eigenen Aspekte und Konsequenzen dieser Erkrankung am Besten zum Ausdruck bringt. Mein Photoprojekt soll eine Brücke schlagen zwischen dokumentarischer Photographie – denn ich möchte nur mit Menschen arbeiten, die an Depressionen leiden und bereit sind, darüber zu sprechen – und inszenierter Photographie, denn das Endergebnis soll ein Bild sein, welches zwar die eigenen Erfahrungen aufgreift, diese jedoch auf ein Moment reduziert und im Lebensraum des Protagonisten inszeniert. Ich möchte mich mit der Nicht-Sichtbarkeit dieser Krankheit auseinandersetzten und versuchen, die verschiedenen Erlebnisse, Eindrücke, Ängste, sozialen Schwächen in durchdachten Bildern dokumentieren.

Die Bilder sollen in Farbe sein, da der dokumentarische Charakter enthalten bleiben soll. Schwarzweiß Aufnahmen würden gerade in diesem Kontext wieder sehr plakativ und artifiziell wirken. Ziel ist eine Serie von sechs Bildern bis neun Bildern von jeweils unterschiedlichen Menschen und unterschiedlichen Inhalten, um den Facettenreichtum dieser Krankheit aufzugreifen.“

Kontakt: mail@sarah-berger.de
Quelle: Den gesamten Blogartikel mit mehr Details gibt es hier → klicken.

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[* Meine „Zielgruppe“ sind Menschen, die einen erweiterten Suizid überlebt haben und/oder durch andere Gewaltverbrechen ein „neues Leben“ zu leben haben. Ich suche ebenfalls Menschen für Interviews. Mehr Details gerne unter Kontakt erfragen.]

Wem oder was?

Wem oder was verdanke ich wen oder was? Dativ trifft Akkusativ. Und mich. Dich auch.

Meine Mausmatte an der neuen Arbeitsstelle sagt, dass wir die besten Dinge dem Zufall verdanken …

Was meinst du? Stimmt das für dich? Oder anders gefragt: Was würde auf deiner Mausmatte stehen?

Mausmatte_was

  • Was ist es, was dich dankbar macht?
  • Wenn du dankbar bist, wann ist das? Und wem gehört dein Dank?
  • Sagst du oft Danke? Und wenn ja, wem?
  • Wie wirkt sich Danken auf dein Leben aus?

Ich freue mich schon sehr auf eure GEDANKEN zum Thema. Wenn ihr denn mögt!

Und ja, herzlichen Dank für all die lieben Kommentare und Likes zu meinem letzten Artikelchen. Es hat mich echt total gefreut, so viel Mitgefühl und Mitfreude von eurer Seite zu erleben.
Ihr seid wunderbare Menschen, ihr da draußen. Das darf ruhig auch mal gesagt werden.

Ich wundere mich

Kurz vor neun Uhr betrete ich das Schulhaus, das jetzt meins ist (mein Arbeitsplatz zumindest, mein neuer) und fühle mich wohl. Vertraut. Auf die Art, die nicht klemmt und leiert.

Das Lächeln jener Raumpflegerin, der ich mich am ersten Einarbeitungstag mit Vornamen vorgestellt habe, umfängt und empfängt mich warm. Ihr eher kantiges, abgehärmtes Gesicht, wird weich und leuchtet, als sie mich sieht. Ihr Lächeln erreicht nicht nur ihre Mundwinkel, es erreicht auch meine Zehenspitzen. Auch die andern vom Schulhaus-Putzteam, das die Schulferien für einen Grundputz nutzt, grüßen mich lächelnd. Zwei jobbende Schülerinnen, der junge Schulhausabwart, ein zweiter Angestellter und zwei Raumpflegerinnen kann ich ausmachen. Sie hören laut Musik. Mir egal, denn ich kann einfach die Türe zumachen und habe Ruhe.

Wie eine Königin setze ich mich auf meinen bequemen Bürostuhl und starte den Rechner.

Ich wundere mich, wie leicht mir das frühe Aufstehen in dieser neuen Lebensphase fällt. Nun ja, halb acht ist human.
Ich wundere mich, dass ich so fit bin. Und gut schlafen kann. Und keine Panikattacken mehr habe.
Ich wundere mich, wie wohl ich mich fühle, so wohl wie bei meiner letzten Arbeitsstelle weder am Anfang, noch mittendrin noch am Schluss, und ich bin einfach nur froh, dass ich dort gekündigt habe. Kein Vergleich dazu wie gut es mir jetzt geht.

Ich öffne das Mailprogramm und stelle fest, dass ich mich erst mal wieder an Outlook gewöhnen muss, ich Opensourcerin ich. Alles auf dem Rechner, außer das Betriebssystem, ist auf dem Mist meiner Vorgängerin gewachsen. Es ist, als würde ich in ihren, als würde ich in einen fremden Kopf hineingucken. Die Dateienstruktur ist zwar im Großen und Ganzen nachvollziehbar, aber die Ablage wenig konsequent und längst nicht so logisch wie die Idee, die ich dahinter ahne. Die Herausforderung an mich besteht nun darin, dass ich parallel die einzelnen Arbeitsabläufe meiner neuen Aufgaben kennenlernen sollte, aber, bevor ich mich an die verqueren von ihr gelegten Spuren allzu sehr gewöhne, neue Strukturen einführe. Nicht altes übernehmen, sondern erneuern, ist unser erklärtes Ziel. Vom Scheff und von mir.

Zumal ich – sagen wir es offen – ein wirklich exorbitantes Chaos erben durfte (siehe auch hier). Die Entflechtung zweier Sekretariate – welche meine Vorgängerin hätte bewerkstelligen sollen, um meiner Kollegin und mir die Einarbeitung möchlichst leicht zu machen – findet erst jetzt statt. In den Schubladen, in den Schränken und auf der Festplatte ist noch alles beim Alten. Alles, was ich in die Hand nehme, um mir einen besseren Überblick zu verschaffen und Dinge zu finden, zieht einen Rattenschwanz von vorher zu lösenden Aufgaben nach sich. Wie im Märchen muss ich drei Rätsel lösen und so fange ich einfach mal irgendwo an. Ich reinige auch den Raum energetisch, mache ihn bereit für mich und für eine neue Zeit.

Für eine zweistündige Sitzung fahre ich um zehn Uhr ins Nachbardorf, wo unsere Musikschule ebenfalls Unterricht anbietet. Und wo der Scheff sein Büro hat. Wir besprechen die wichtigsten ToDos von heute und morgen und später holen wir auf der Gemeinde meinen neuen Büroschlüssel für das Schulhaus hier. Bei dieser Gelegenheit lerne ich gleich ein paar neue Ansprechpersonen kennen. Alle total nett.

Später kommt noch ein Kommissionsmitglied, der meine Ansprechperson in Bezug auf die Webseite der Schule sein wird. Ich frage ihn nach dem verwendeten Web-Programm und er sagt, dass die Seite zurzeit auf WordPress umgebaut werde. Ich bekomme große Augen.
Das kenne ich, sage ich, das unterrichte ich sogar. Nun bekommt er große Augen.
Was für ein Glück, sagt er, dann brauchst du ja kaum Einführung.

Noch so ein Zufall ist, dass meine private und meine neue geschäftliche Telefonnummer bis auf die drei Ziffern mittendrin, die für den Ort stehen, identisch sind. Das hatte ich wirklich noch nie.

Ich fahre ins Büro zurück, esse mein Picknick und räume weiter auf. Schritt für Schritt.

Auf meiner Mausmatte steht, dass wir dem Zufall vieles verdanken. Ob es wirklich Zufälle gibt? Mich dünkt fast, als hätte ich diese neue Arbeitsstelle selbst erfunden. Oder mir erzaubert? Oder erschrieben?

Wer weiß, vielleicht bin ich ja nur eine Romanfigur. Und nun endlich im richtigen Buch gelandet? In einem mit lächelnden Raumpflegerinnen und glücklichen Menschen.

Heimliche Flaschen

Ja, mich hat die Art und Weise auch gepackt, wie Karl Ove Knausgård schreibt. Und was und worüber er schreibt. Wie er hinschaut. Wie er Worte findet für Phänomene, die ich auch kenne. Ja, auch ich habe solche Gedanken in mir. So viel Ungesagtes, Ungeschriebenes, Unformatiertes, auch Hässliches, Verrücktes, Undenkbares, Unsägliches … Dinge womöglich, von denen ich noch nicht einmal weiß.

Hellsicht 1 Karl Ove Knausgård in STERBEN
Hellsicht 1
Karl Ove Knausgård in STERBEN
Hellsicht 2 Karl Ove Knausgård in STERBEN
Hellsicht 2
Karl Ove Knausgård in STERBEN

Zuweilen überlege ich deshalb, ob ich nicht ein neues anonymes Blog öffnen sollte, wo ich mit der gleichen mutigen Kompromisslosigkeit wie Knausgård über mein Leben schreiben kann. Schonungsloser und offener noch als hier.

Obwohl … im Grunde brauche ich dazu kein Publikum. Nur den Raum, diese Texte freizulassen. Manchmal ahne ich, dass da – wie der Korken in einer Schampus-Flasche – nur noch ganz wenig fehlt.  Dass ich den Deckel einfach mal wegmachen sollte und ausprobieren, was da, in dieser heimlichen Flasche, alles drin steckt.

Ich vermute, wir alle haben solche heimlichen Flaschen. Knausgård, über den Ulli und die Mützenfalterin schon oft geschrieben haben, schreibt mir in seiner Heimliche Flaschen-Sprache mitten aus dem Herzen. Und was dabei herauskommt, ist gar nicht so schlimm, so schrecklich, so obszön, wie man vielleicht glauben würde, es ist einfach echtes Leben. Ungeschönt. Ach, wie viele meiner heimlichen Gedanken finde ich – in anderen Worten – auch bei Knausgård!

Wie es bei mir wäre, bei andern, weiß ich natürlich nicht. Aber ich ahne, dass wir uns die eigene Dunkelheit, solange sie verborgen ist, viel dunkler denken als sie ist. Wenn wir ihr die Türen öffnen, unsere Flasche entkorken, kommen möglicherweise unerwartete Schätze zum Vorschein.

Wir meinen ja gerne, so was-auch-immer wie man selbst, sei bestimmt sonst niemand. Doch wir sind es alle. Das ist es übrigens, was mich an Twitter fasziniert und heilsam berührt: ich bin nicht verrückter als der ganze Rest. *lach*

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Wikipedia über Karl Ove Knausgård

Das echte Leben. Und du so?

Wäre sie die Figur in einem Film, würde ihre Rolle von jeder Filmkritikerin in der Luft zerrissen. Zu klischeehaft. Zu vorhersehbar. Zu … Schreibt jedoch das Leben selbst das Drehbuch, kommen dabei Figuren heraus, die man sich so nicht auszudenken trauen würde. Nicht als Drehbuchautorin, nicht als Plotlieferantin. Nie und nicht. Wie sich Herrchen und Frauchen im Laufe eines Lebens einander angleichen, ähm an ihre Hundchen meinte ich natürlich, so gleichen sich wohl auch Menschen im Laufe der Zeit an ihre Berufe, an ihre Arbeitsstellen an.* Und nun wird also ihre große Stelle entflochten und auf zwei Menschen verteilt. Und sie wird nach dreizehn Jahren eine neue Arbeitsstelle antreten.

Fakt ist, dass meine Stellenvorgängerin – hm, nun ja … nein, ich frage andersrum: Wie stellt ihr euch eine klassische, alle gängige Klischees bedienende Sekretärin an einer Schule vor? Ja, genau so ist sie. Nein, sie ist mir nicht wirklich unsympathisch, aber ich glaube, ich bin einfach froh, dass ich nicht mir ihr zusammenarbeiten muss. Nicht nur aber auch, weil wir ziemlich diametrale Ansichten zu so ziemlich allem haben.

Schicker, vermutlich auf Schlankmachung angelegter Schlabberschichtenlook, angetan mit lauten Klapperschuhen an den Füßen, die den hellhörigen Schulfluren noch genau das fehlende Etwas verleihen, das ich so was von überhaupt nicht ab kann (mit Klapperschuhen könnte man mich foltern: ich würde alles zugeben, sogar meine Unschuld). Außerdem ist sie unschlagbar genial organisiert (aus ihrer Perspektive), respektive ziemlich chaotisch im Vorgehen (aus meiner Perspektive), dazu sprunghaft, sehr leicht ablenkbar … Nun ja (bin ich ja selbst auch …).

Die einen reden über jene, der hat das, und die dies gesagt …

Ja, zugegeben, der neue Scheff hat mich vor ihr gewarnt. Doch halt, müsste mich dann nicht – genau genommen – auch jemand vor ihm warnen?

Wem soll ich vertrauen, zumal es deutlich zu fühlen ist, dass er die andere neue Sekretärin, die mir sehr sympathisch ist, ein bisschen zu tough findet? Und verdammt, wie kann ich mich vor Tratsch fernhalten, vor Tratsch und Klatsch, der nun wirklich niemandem dient? Sag es laut: NIEMANDEM!

Morgen um acht geht’s weiter mit der Stellenübergabe. Gut, dass ich bei so frühem Arbeitsbeginn nur eine knappe Viertelstunde Arbeitsweg habe. Und zum Glück ist so früh die Ausnahme.
Und nein, eingearbeitet bin ich morgen Abend natürlich noch lange nicht, doch vieles wird ja eh neu angedacht. Und wir haben Zeit. Stress ist vorläufig keiner zu erwarten. Dennoch jammern bereits die ersten Lehrpersonen, weil nachher alles anders wird. Alles. Anders.

Nein, ich nehme das nicht persönlich. Ich kenne uns Menschen. Wie wir es lieben, wenn das Frauchen zum Herrchen passt. Und zum Hundchen. Und zum Schreibtisch und zu den Vorhängen; und zu den Vorgängen auch noch. Niemand mag Wechsel. Alles soll einfach immer rund laufen. Funktionieren.

Das war mein Tag, Liebling. Danke gut, und du so? 😉

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(* Notiz an mich: Wie müsste ich dann sein, aussehen, mich verhalten, als pädagogisch ausgebildete Buchhändlerin-Betreuerin-kauffrauisch Angestellte? Oder ist das womöglich zu viel des Guten und ich darum unpassend für gängige Schubladen?)

Wie die Kinder

Heute, beim späten Frühstück, im neuen A-Bulletin geschmöckert, einem kleinen alternativen Inserate- und Info-Blatt, das ich schon sehrsehr lange abonniert habe. Handgestrickt noch immer, setzt es sich wie eh und je mit allen möglichen Themen, die auch mich beschäftigen, auseinander.

Heute las ich auf dem Titelbild dies hier:

A-Bulletin_Kinder1a

A-Bulletin_Kinder2a

Wer sich ebenfalls für das Thema interessiert, findet hier [→ KLICK] und hier [→ KLICK] mehr Infos über Daniel Hess und seine Glücksschule und auch bei Blinkyblanky habe ich heute unter dem schlichten Titel Schule etwas Seelenverwandtes gefunden.

Ich erinnere mich zum Glück nicht schmerzlich an meinen Schulunterricht. Obwohl es schon auch fragwürdiges, wie Schönschreibnachhilfestunden gab, hatte ich doch das Glück, recht moderne, eher junge Lehrkräfte gehabt zu haben. Fast immer. Außer im Französisch in den letzten Jahren. Im großen Ganzen also recht unschlimm. Dennoch: so viel Glück haben nicht alle. Ich bin überzeugt davon, dass die Glücksschule da einen wichtigen Gedankenanstoß gibt, denn Schule muss sich ständig weiterentwickeln. So wie wir Menschen es ja auch tun. Das Leben heute ist anders als vor zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig Jahren als wir, die wir heute den Großteil der Bevölkerung ausmachen, zur Schule gingen.

Damit die Kinder von heute morgen eine Welt gestalten können, in der man noch staunen und lachen und glücklich sein kann.

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Details zum Buch Glücksschule gibt es hier: → klicken

Infos zum A-Bulletin gibts auch hier: → klicken

Der Apfel, du und ich

ApfelIch bin. Du bist. Warum auch immer. Oder vielleicht, weil einzig ich tun kann, was nur ich tun kann. Und einzig du kannst tun, was nur du tun kannst. Mithilfe des in dir installierten Betriebssystems sozsagen.

Ich sehe es so, dass unsere Aufgabe in uns angelegt ist. Ebenso wie in einer Blume. Oder wie in einem Apfelbaum, dessen Aufgabe es ist, zu wachsen und eines Tages Äpfel zu tragen.

Ich muss deine Aufgabe nicht kennen, nur wissen, dass du wächst, weil es in deiner Natur liegt. Und ich weiß auch, dass du so wichtig bist wie alle andern. Ich auch. Und dass wir, wie alle andern, dennoch nur ein Pünktchen auf dieser Welt, in dieser Zeit sind. Vielleicht sind wir Doppelpunkte für die, die nach uns kommen? Wer weißt das schon.

Größe und Nichtigkeit schließen sich für mich nicht aus. Sie helfen uns dabei, uns in einer angemessenen Relation im großen Ganzen zu sehen und zu verstehen – oder auch nicht. Es geht darum, uns nicht zu wichtig zu nehmen aber wichtig genug. Verrückt eigentlich, dass wir, die wir Menschen, die wir schon so vieles erforscht und verstanden und erkannt haben, noch immer das Meiste nicht verstehen. Nicht im mindesten, wage ich sogar zu behaupten. Wir alle kratzen nur an der Oberfläche. Da wo der Schmerz, der menschliche Schmerz liegt. Da, wo das Herz klopft und das Blut fließt. Da wo wir materiell sind, körperlich. Da kratzen wir und da trauern wir und da leben wir. Und da hoffen und lieben wir.

Ich ahne, dass alles viel größer und unbegreiflicher ist, und dass das hier, das sogenannte Leben, möglicherweise nur eine Art Versuch oder Vorbereitung darauf ist, uns dem große Geheimnis des wirklichen Lebens anzunähern. In diesem großen Geheimnis drin (nein, ich werde es nicht göttlich und nicht Gott oder Göttin nennen) schläft und wacht die Liebe. Das ist ihr Raum, ein Raum allerdings, der durch nichts begrenzt ist.

Das mag jetzt alles womöglich ziemlich abgehoben klingen. Egal. Ich sehe und spüre dies alles ganz losgelöst von religiösen Dogmen, größer und ganzer. Ganz im Sinne von unbeschädigt und für immer unkaputtbar. Ohne Löcher. Wie eine unzerstörbare Atmosphäre. Wie Luft, die nicht verschmutzbar ist. Es ist all das, was zwischen allen Zeilen Platz hat. Und noch viel mehr. Es ist größer als alle Zerstörung und aller Hass, größer und heiler als aller Schmerz und jede Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Tiefer als jede Schlaflosigkeit und weiter als jede Sehnsucht.

Ich suche in mir nach Worten, stoße an Grenzen, stelle fest, wie wenig ich ausdrücken kann, was ich ahne, wahrnehme und erlebe, in mir trage. Tief in mir drin, wo ich kaum hinkomme. In den Räumen, die ich gut hüte vor jenen, die spotten und nicht verstehen können. Vor den Zynikerinnen und Hasspredigern. Vor den Menschen, die sich mit Oberflächen zufrieden geben. Und ich gestehe: ich lasse das, was ich ahne, meistens innen vor – nein, nicht außen vor –, weil es sehr anstrengend ist, mit diesen Ahnungen zu leben.

Was genau es ist? Ich weiß es nicht. Vielleicht schlicht und einfach meine einzig wirkliche Wirklichkeit. Und dahinter, wenn es denn ein Dahinter gibt – eher wohl ist es wohl ein Darin? –, da gibt es die Wahrheit über den Tod und das Leben. Eine Ahnung wie eine Art Traumerinnerung. Paradies würde ich es nicht nennen, nein, bestenfalls ein anderes Paradies, anders als jenes, das uns Bibel, Koran und Co. beschreiben, denn mein geahntes Paradies ist nicht als Trost gedacht und ist weder Pokal noch Lohn für ein gescheitertes oder zerstörtes Leben. Nichts was sich verdienen ließe. Es ist das Leben an sich. Das, was Leben wirklich ist.

Ich sehe das alles heute aus einer andere Art Perspektive als bis anhin. Wie oft habe ich das Leben kaum ausgehalten. Ich spreche hier nicht explizit von persönlichem Leid. Mehr noch erschütterte und erschüttert mich immer wieder das Leid, das Unschuldigen angetan wird. Am allermeisten das Leid von Kindern und von jenen Menschen, die stellvertretend für Ängste oder im Zusammenhang mit von Menschen gemachten Dogmen gequält, gefoltert, ausgepeitscht werden. Krieg, Verfolgung, Naturkatastrophen, Hunger, Korruption, Machtmissbrauch, Gewalt, sexuellen Übergriffen … und ja, auch seelische Grenzüberschreitungen haben viele Gesichter. Wenn ich das alles aufzähle, verschwindet dieses Ahnen um das große Ganze, das ich oben beschrieben habe, beinahe; es wird blass und zieht sich zurück. Allerdings, und das ist der alles entscheidende Punkt, es zieht sich nur aus meinem Blickfeld zurück. Es bleibt da. Es ist stärker. Es durchdringt alles und verbindet alle und alles mit allem. Unabhängig von mir und meinem Blick und meiner Wahrnehmung. Glaube ich. Ahne ich.

Da wo einst keine Hoffnung mehr in mir war, ist wieder Hoffnung entstanden. Vielleicht darauf, dass das hier – gemeinhin Leben genannt – wie gesagt, nur eine Art Vorspann ist. Oder ist das alles nur eine Art tröstliche Illusion, die ich mir geschustert habe, um leben zu können? Und wenn?

Die Liebe, diese Hauptenergie meines Ahnens, ist auf alle Fälle real. Vielleicht die einzige Realität überhaupt. Größer als jeder Hass ist sie. Und als jede Wut und sogar als jede Trauer.

Dieser Tage

Während ich diese Zeilen schreibe,
während du diese Zeilen liest,
während sie über die Straße geht,
während er den Zug besteigt,
während sie im Büro sitzt,
während sie zu Mittag essen,
während sie sich zärtlich umarmen,
während er die Seite umschlägt,
während du die Tafel putzst,
während ihr um Hilfe ruft,
während ihnen dort Hilfe gewährt wird,
während euch hier Hilfe verweigert wird,
während man dir nicht zuhört,
während du den Vertrag unterschreibst,
während sie auf dem WC sitzt,
während er vom Jagdhochsitz aus Rehe beobachtet,
während ich huste,
während er schläft,
während sie die Wände neu streicht,
während es hinfällt und wieder aufsteht,
während sie ihn auslachen,
während alle Charlie sind,
während in Nigeria Menschenrechte ignoriert werden,
während in Köln oder in Berlin eine Asylbewerberin aufgenommen wird,
während in Dresden ein Mensch begreift, dass es auch anders geht,
während sie in Zürich den Kopf schüttelt,
während er in Bern auf die Uhr schaut,
und ich hier aus dem Fenster,

fällt hier kein Schnee. Möglicherweise woanders.

HochsitzAb Februar bin ich (offiziell wieder) nur noch teil-selbständig. Ich hoffe, meine neue Arbeitsstelle wird zu mir passen wie ein paar perfekte Schuhe, wie meine bequemste Jeans und wie mein Lieblingspulli.

Während du das liest,
unterschreibe ich vielleicht gerade den neuen Arbeitsvertrag.

Und du?

Fasziniert

Ja, das Wort passt. Auch wenn es ein bisschen geschmacklos scheinen mag angesichts des Themas. Aber eigentlich. Warum nicht. Weil – es gehört dazu. Wie geboren zu werden. Nur dass wir es nicht werden, sondern tun. Oder eben nicht mehr tun?

Und ich gebe Karl Ove Knausgård so was von recht, wenn er in STERBEN, dem ersten Band seiner sechsbändigen Autobiografie, darüber schreibt, dass er es nicht versteht. Ich nämlich auch nicht. Ehrlich nicht. Nicht verstehen zumindest auf meiner ganz persönlichen Lebenswahrnehmung. Auf der gesellschaftlich-konventionnellen verstehe ich es natürlich irgendwie schon. So jedenfalls, wie ich alle andern gesellschaftlichen Codes und sozialen Gewohnheiten verstehe. Verstehen also eher gemeint im Sinne einer Verinnerlichung. Man denkt nicht darüber nach. Man macht es einfach so. Weil man es immer so gemacht hat.

Wenn jemand stirbt, deckt man ihn zu. Man schließt ihm die Augen. Man versteckt die Offensichtlichkeiten jeglicher Vergänglichkeit möglichst schnell. Möglichst unter Tüchern, in Kühlräumen, unter der Erde. Warum auch immer, ist uns die Vergänglichkeit im echten Leben beinahe unerträglich. In Büchern, im Fernsehen geht es. Da ist es ja nur eine Geschichte.

Schon als Kind habe ich viel darüber nachgedacht, warum das wohl so ist. Ich hatte immer ein ziemlich unverkrampftes Verhältnis zum Tod. So habe ich oft tote Tiere gefunden und sie genau betrachtet – mit einem leisen Grusel, zugegeben – bevor ich sie im Wald oder im Garten beerdigt habe. Mit einer Faszination, der aber, wenn ich mich heute an damals erinnere, nichts Morbides anhaftete. Eher eine Art Respekt vor den Geheimnissen des Lebens. Und ein tiefes Erkennen und Begreifen jeglicher Vergänglichkeit. Ja, fasziniert hat es mich wohl schon immer, dass alles eines Tages aufhört zu sein. Jedenfalls so, in dieser materiellen Form. Und natürlich habe ich mir auch die Fragen nach dem Danach immer wieder neu gestellt. Antworten gibt es, so meine Meinung, letztlich keine abschließenden. Hoffnungen, ja. Und viele übermittelte Erkenntnisse. Persönliche Glaubenssätze. Ja, das gibt es alles.

Darüber, darunter, dahinter immer meine Frage: Ja, aber wenn es nun ganz anders ist? Noch anders anders als alles andere, was je gedacht und erkannt wurde?

1000todecoverUnd darum lasse ich diese Fragen. Ich versuche, das Leben hier – ob nun das einzige oder eins in einer Abfolge vieler – so zu leben, dass ich eines Tages sagen kann well done!, bevor ich die Augen für immer schließe.

Vorerst öffne ich sie aber weit, denn ich will noch viele Texte lesen. Tausend Texte über den Tod zum Beispiel.

Tausend Tode schreiben, das eBook aus dem Frohmann Verlag, ist heute in einer zweiten Version erschienen. Nun umfasst es bereits 247 Texte. Noch weitere 753 werden folgen, so die Hoffnung der Verlegerin. Auch aus andere Sprachen und Traditionen. Texte, die sich auf vielerlei Wegen dem Mysterium Tod nähern. In ungefähr einer Woche gibts das neue Exposé, die Spielregeln für die Teilnahme am dritten Teil des Buches.

Christiane Frohmann folgen kann man auf Twitter (*klick*) oder auf ihrer Webseite (*klick*). Und ja, richtig. Bereits früher habe ich über dieses Buchprojekt, an dem ich beteiligt bin, berichtet. Nämlich hier (*klick).

Auch eure Erfahrungen mit dem Tod wollen möglicherweise aufgeschrieben werden. Und in diesem eBook Eingang finden. Die dritte Version erscheint in etwa einem Monat und die letzte, die vierte, wird zur Buchmesse in Leipzig erscheinen – idealerweise mit 1000 Texten. Das Buch kann man ab sofort bei minimore kaufen. Ab Montag auch in andere eBook-Shops. Einmal gekauft, wird das Buchupdate automatisch nachgeliefert. Für nur 4.99 € und einen guten Zweck.

Und wenn ich schon am Werben bin, dann aber richtig. Oder nein, eigentlich nicht werben, verschenken will ich. Denn wieder habe ich aus meinen letztjährigen Blogtexten ein eBook gemacht.

Gratis zu haben. Hier (*klick*).