Währungsreform

Ich fahre von Nord nach Süd. Es ist Montagvormittag. Drei Tage her. Monoton die Strecke, die ich inzwischen fast wie in Trance fahre. Nein, nicht die Strecke ist monoton, sondern die Tatsache, dass ich sie schon so oft gefahren bin. Wiederholung macht Dinge glatt und kantenlos, stumpf, unspektakulär. Wiederholung und Routine verkürzen aber auch die Zeit, die wir für etwas brauchen. Und schaffen damit Raum im Kopf und Herz.

Fakten und Interpretation – das eine nicht ohne das andere, sinniere ich. Fakten? Ist denn nicht alles, was ich als Faktum definiere, äußerst fragil und dem Wandel durch Zeit und Entwicklung ebenso ausgesetzt wie alles andere? Auch sogenannte Fakten sind nicht in Stein gemeißelt. Sogar Fakten sind Momentaufnahmen, wenn auch verhältnismäßig objektive. Der Interpretation haftet dagegen von Anfang an Subjektivität an. Aus Erfahrung gewachsene Subjektivität. Ein Faktum wird erst durch Interpretation verständlich – das eine nicht ohne das andere, wie gesagt.

So sinne ich fahrend vor mich hin. Summe das eine oder andere Lied vom ins Autoradio gestöpselten mp3-Player mit und überlege, woran es liegt, dass mir das eine Lied heute ganz besonders gut gefällt, während ich das eine oder andere Stück weiterklicke, weil es mich jetzt nervt.

Alles ist eine Momentaufnahme. Ich bewerte ständig. Alles. Und ich synchronisiere ständig die Außenwelt mit meinem Innen. In beide Richtungen. Verdammt anstrengend ist das.

Abgleichen ist eins, das andere, dass ich laufend alles bewerte, meist unbewusst. Und ungefähr. Zuweilen aber auch sehr exakt. Zehn Dänische Kronen sind heute genau einen Franken und fünfundsechzig Rappen wert. In Euro irgendetwas anderes. Und in Pfund nochmals anders. Und alle haben sie recht. Heute zumindest. Da ist eine Skala in meinem Kopf. Meine verinnerlichte Wertetabelle. Von Geburt an ist sie mit mir gewachsen.

Natürlich rechnen wir nicht nur Währungen auf, nein, alles – trotz dem Gelabber von Du-sollst-nicht-werten. Ich schaue Menschen an, unterwegs bei der Raststätte. Ich gehe den einen aus dem Weg, während ich andere, die meisten, nur am Rand wahrnehme. Noch anderen schenke ich sogar ein Lächeln. Zurück im Auto wird mir klar, dass der Steinzeitmensch in mir zu glauben meint, wem er trauen kann. Und dabei auch mal ganz schön danebengreifen kann.

Altes Steinzeit-Wissen? Sind es nicht einfach Konditionierungen, die mich die Dinge so und nicht anders bewerten lassen? Ich mache die Probe aufs Exempel: Warum denkst du, frage ich mich, dass Zugfahren am frühen Morgen schlimm ist? Erfahrung, versuche ich eine erste Antwort, doch ich merke sofort, dass sie mir nicht genügt. Der Begriff Erfahrung ist mir zu diffus.

[Gut, eine mühsame Erfahrung kann durch eine angenehme Erfahrung überschrieben, aufgewogen werden, überlege ich. Doch erst wenn objektiv mehr mühsame als gute Erfahrungen gemacht worden sind, dann können wir von Fakten sprechen und das Wort Erfahrung als Antwort dulden. Wiegen jedoch Fakten wirklich mehr als Wahrnehmungen? Wiegt denn nicht das mühsame schwerer als das angenehme? Schon wenig schwarze Farbe kann einen ganzen Eimer weiße Farbe versauen, aber um schwarze Farbe aufzuhellen braucht es ungleich viel mehr weiß. Heißt das nun, dass es viel mehr Gut als Böse braucht, um ein Gleichgewicht hinzubekommen … in mir und dir? Auf der Welt?]

Morgendliche Zugfahrten, die richtig schlimm waren – laut und stinkig – kann ich, ganz ehrlich gesagt, vermutlich an zwei Händen abzählen, während jene, die neutral oder beinahe heiter verliefen, irgendwo in mir drin, im großen Niemandsland, abgebucht worden sind. So what? Und all die andern schlimmen Dinge – Montagmorgen zum Beispiel oder Staustehen – sind, von nahem betrachtet, eigentlich auch nur halb so schlimm.

Wie ich mich langsam der Schweizer Grenze nähere, fasse ich einen Beschluss: Alles was ich in der nächsten Zeit tue, sehe, spüre, höre, will ich prüfen, mich fragen, warum ich so und so und nicht zum Beispiel so und so über dies und das denke. Und mich fragen, wer mich so denken lässt. Woher kommt der Maßstab in meinem Kopf? Nein, ich will nicht das berühmte Kind aus der Badewanne kippen, denn viele meiner inneren Werte sind bewusst gewählt. Ich habe mir über viele Dinge des Lebens bereits und immer wieder Gedanken gemacht, alle andern, die unbewussten, die verinnerlichten, die reflexartigen Werte bedürfen allerdings einer Reform. Ob ich gar eine neue Währung einführen soll – meine?

viel oder wenig

Man sollte immer nur so viel Gepäck dabeihaben, wie man selber tragen kann. Gedacht heute Morgen, als ich einer Familie beim Zugausstieg zugeschaut habe. Und dabei festgestellt, dass ich keine Ahnung von den wahren Bedürfnissen dieser Familie habe. Von den vermeintlichen auch nicht wirklich. Gemerkt auch, dass ich mal wieder in Vorurteilen zapple, dass ich andere verurteile und, vor allem, dass ich im Grunde keine Ahnung habe.

Womit wir mitten im Thema Was-denken-die-andern? wären, bei den Konventionen und Konditionen, die unser Leben prägen. Ich weiß, ich weiß, über Freiheit und Unfreiheit wurde schon viel geredet und geschrieben – auch hier in diesem Theater Blog.

Zwar hat mich das Darüberschreiben nicht freier gemacht, doch verändern sich meine Perspektiven zu diesen Zusammenhängen immer wieder ein wenig.

Von allem (und damit auch von allen) frei zu sein ist mein Bestreben nicht. Freiheit kann für mich immer nur eine differenzierte, spezifische sein. Anders gesagt: Die Freiheit, die ich anstrebe, ist, selbst zu definieren, wo ich von andern Dingen und Menschen wie sehr abhängig sein will (und davon bin ich noch meilenweit entfernt). Ja, meinen Kontext größtmöglich selbst zu definieren, strebe ich an.

Ich verstehe mich immer als Teil eines Ganzen, eines Gesamtzusammenhanges – sowohl im ganz irdischen Sinn (Teil der irdischen Gemeinschaft) als auch im metaphysischen Kontext, auch wenn sich zweites nur vage benennen lässt.

Um zu den Konventionen zurückzukommen: Dem Kontext, in den ich hinein geboren bin, verdanke ich eine so und so geartete Lebensweise, die funktioniert, wenn ich mich daran halte. Wenn ich … (Merke: Funktionalität ist nicht bedingungslos). Damit eine Gesellschaft funktionieren kann, hat jede menschliche Kommune Verhaltensregeln geschaffen (samt Göttern und Schuld, Gesetzen und Sanktionen). Irgendwie muss man sich ja auf etwas einigen …

Wer hat wohl das erste Mal Danke gesagt und wer bitteschön Bitte? Müssen wir, sollen wir, immer brav Dankeschön sagen, auch dann, wenn wir keine Dankbarkeit empfinden und um etwas bitten, auch wenn wir keinen Bedarf haben? Sind Danke- und Bitte-Sätze sowie andere ähnliche Formeln mehr als Dressur ohne Sinn oder gehören sie abgeschafft? [Ich denke laut – sprich schreibend – vor mich hin, während der Zug mich nach Olten fährt, wo ich umsteigen muss, wozu mich die höfliche Stimme per Lautsprecher auffordert.] Ach, die Höflichkeit! Sie ist eine der Konventionen, die ich immer wieder sehr ambivalent betrachte. Zum einen angenehm, zum andern oft sehr künstlich, so dass ich mich frage: wie authentisch kommunizieren wir? Vor allem dann, wenn uns etwas nahe geht? Sagen wir Aua, wenn uns jemand verbal – ob unbeabsichtigt oder vorsätzlich – auf die Zehen oder den Schlips tritt?

Was bestimmt unsere Art, zu kommunizieren? Scham und Angst, wie ich das immer wieder zu beobachten glaube? Oder sind es Mut und Offenheit? Wenn ja, wann und wie?

Über eine weitere Konvention in unsern Breitengraden denke ich auch wieder mehr nach, seit ich wieder angestellt bin: über die Sache mit dem Geld und seinem Erwerb. Ich arbeite für eine Institution, die Stellensuchenden temporäre Arbeitsplätze und Unterstützung bei der Stellensuche anbietet und bin darum sehr nahe an dem Thema Geld und Identität dran. Aus Fallakten und Gesprächen schließe ich, dass den meisten Menschen, die nicht im Arbeitsmarkt sind, ein paar Sachen – vom Geld mal abgesehen – fehlen: Sie fühlen sich aus der Gesellschaft herauskatapultiert und als Außenseiter, ihnen fehlt eine sinnvolle Tagesstruktur und sie fühlen sich vom Leben unterfordert oder ausgestoßen. Auch hier wieder: Scham, dazu Angst vor einem Leben außerhalb der Gesellschaft.

Zu wenig gut zu sein oder zumindest von einem grundsätzlichen oder punktuellen Mangel auszugehen, scheint mir ein weitverbreitetes Lebensgefühl zu sein und mir ebenfalls bestens bekannt. Bekannter als das Leben in Fülle.

Meist ist es nicht die fehlende oder vorhanden Materie, die über Mangel- und Fülle-Wahrnehmung entscheidet. Das Problem sitzt tiefer. Meistens ist es die grundsätzliche Wertschätzung uns selbst gegenüber, die uns fehlt. Ach, und das ist ja nur die Spitze des Eisberges …

… eigentlich ganz schön verrückt: Unsere ganze westliche Gesellschaft ist so „reich“ und wird doch von einem ganz tiefliegenden Mangeldenken und -fühlen dominiert.

Ob die Familie von vorhin, die mit acht Koffern und Taschen vorhin den Zug verlassen hat, darum so viel mitgenommen hat?

[Heute Morgen unterwegs im Zug zur Arbeit geschrieben]

gleich oder besser

Wir brauchen die Gewissheit, dass das Leben heute und morgen mindestens gleich gut oder besser ist als gestern um weiterleben zu wollen, sagt sie, morgens im Bett,

Ist das nicht der kapitalistische Wachstumsgedanke?, sagt er.

So gesehen schon … Ich meinte allerdings in erster Linie den Zufriedenheitsfaktor mit gleich oder besser. Beim Kapitalismus wäre sowieso „gleich gut“ schon ein Rückschritt, sagt sie. Das Leben jeden Tag neu anfangen als Schöpferin meiner Zufriedenheit. So wird jeder Tag zum Geburtstag.

Kleine Unterschiede?

Wie wir gestern das Haus verlassen, um eine kleine Radtour zu machen, steht die Haustür offen. Auch die vom Haus vis-à-vis: weit offen, Geräusche von Staubsaugern. Samstagsstimmung im Quartier. Bei meinem Haus scheinen einige MitbewohnerInnen dazusein, denn einige Autos stehen davor und einige Fenster offen. Wir befinden uns in einem ruhigen Wohnquartier eines großen Schweizer Dorfes.

Ich setze mir den Helm auf, als Irgendlink meint:
Ähm, willst du die Haustür nicht zumachen? (Anzumerken ist, dass es sich um Sechsparteien-Haus handelt und wir vorhin die Wohungstür abgeschlossen haben.) Ich muss wohl ziemlich verdutzt geguckt haben. Zucke die Schultern.
Soll sie schließen, wer sie geöffnet hat, sage ich.
Irgendwie, setzt Irgendlink an, irgendwie ist das ja schon paradiesisch. Du lebst in einem Land, wo auch nicht abgeschlossene Dinge als jemandes Besitz verstanden werden. Wo nicht automatisch alles, das nicht abgeschlossen ist, niemandem und allen gehört. Bei uns in Deutschland gilt: Wer nicht abschließt, ist selbst schuld, wenn etwas geklaut wird.

Darüber muss ich erst einmal nachdenken – und das nicht zum ersten Mal. Wieder geht es hier (wie im vorletzten Artikel meines Blogs) um Vertrauen in die Gesellschaft, in der wir leben. Und natürlich geht es letztlich auch um Respekt vor dem Gut anderer. Vor Besitz. Vielleicht ist es hier so, dass wir in diesem Land, das Irgendlink manchmal Puppenstubenwelt nennt, den eigenen Besitz so überhöht haben, dass wir eben auch den Besitz anderer mit diesem Blick betrachten? Vielleicht ist der Satz „was du nicht willst, das man dir tue, das füg‘ auch keinem andern zu“, den ich quasi mit der Milchflasche eingetrichtert bekommen und verinnerlicht habe, auch bei andern SchweizerInnen Erziehungsprogramm gewesen? Vielleicht hat dies alles auch mit dem politischen Gedanken der Mitverantwortung zu tun, den wir hier – in diesem basisdemokratisch regierten Land – ganz praktisch leben.

Vorgestern Abend erinnerte mich mein virtueller Kalender daran, dass ich abstimmen soll. Ich soll mitentscheiden, ob ich für eine neue Umfahrung bin (eine Abstimmung auf der kantonalen Ebene > Aargau), ob ich dafür bin, dass das Asylgesetz verschärft wird und ob das Volk direkt den Bundesrat wählen soll (zwei nationale Abstimmungen). Ich habe mir in den letzten Wochen so meine Gedanken zu diesen Vorlagen gemacht, konsultiere aber nun noch die Webseiten der von mir sympathisierten Parteien, um deren Wahlparolen zu beachten. Die Parteien und ich sind einer Meinung. Dreimal Nein schreibe ich auf die drei Wahlzettel und stecke sie in einen verklebbaren kleinen Umschlag. Danach unterschreibe ich den dem Umschlag beigelegten Stimmrechtsausweis, auf dem meine Adresse und meine Kennnummer stehen und stecke alles in den Rücksende-Umschlag, den ich theoretisch entweder per Post (dazu ist es aber zu spät) oder per Briefkasten des Gemeindehauses dem Wahlbüro zukommen lassen kann. Irgendlink hat zuerst gekichert, als ich den Umschlag sorgfältig bei der Perforation geöffnet hatte, dann gestaunt. Tricky, dass der gleiche Umschlag auch für die Rücksendung verwendet werden kann.

Ich gestehe, ich bin manchmal ein klein bisschen stolz auf solche Errungenschaften wie Basisdemokratie, Respekt und weltweit höchte Recyclingquote trotz keinerlei Flaschenpfand – zwar sind sie nicht mein Verdienst, doch habe ich sie verinnerlicht und praktiziere sie alltäglich und selbstverständlich. Natürlich habe ich auch all die spießigen Seiten meines Landes verinnerlicht und bin dadurch bei Abweichungen von meinen Werten auf eine Weise intolerant, die Deutsche manchmal kopfschüttelnd betrachten.

Wir radeln los. Zu einem Punkt, den wir aus Zufallszahlen generiert haben. 191 Grad und 7 km Luftlinie vom Ausgangspunkt – so definierten wir noch zu Hause unser gestriges Tagesziel. Alles Radwege, hat Irgendlink gejubelt, wie er sich die Karte auf dem iPhone angeschaut hat.
Bei uns gibt es kaum eine Straße, außer der Autobahn, die keinen Radstreifen hat, murmle ich kleinlaut. Das muss also nicht heißen, dass das alles nun speziell ruhige Radwege sind.

Ich habe einige Caches in der Nähe des Ziels und für unterwegs aufs iPhone geladen und so machen wir noch einen kleinen Bergwald-Schlenker und finden eine wunderbar idyllische Waldecke, wo ich bestimmt nicht das letzte Mal war. Später radeln wir über Felder und durch die kleine Orte meiner Kindheit und Jugend (da und dort hat der und die gewohnt) und finden schließlich unser Tagesziel inmitten einer Nutzwiese in der Nähe von Möriken. Wir stellen uns so auf, dass wir uns gegenseitig fotografieren können, Spinner wir, und fahren dann weiter zum nächsten Geocache.

Auf dem Rückweg Gespräche darüber, dass sich alle Leute irgendwie abreagieren. Auch in dieser sauberen Zuckerpuppenwelt.
Hier, über Land, tun sie es mit rasen, meint Irgendlink.

Die Welt geht vor die Hunde, resümmiert mein Liebster, wie wir uns unserm Wohnquartier nähern. Die Menschheit wird immer kaputter. Alle tun irgendwas, um das Leben aushalten zu können. Die einen rasen, andere werden kriminell, wir leben in einer immer kränker werdenden Gesellschaft, die sich selbst zerstört in ihrer Gier und ihrem Egoismus… Ich sehe von der Seite, wie seine Augen funkeln – wie immer, wenn er ein bisschen übertreibt.
Hat das alles nicht schon Sokrates gesagt?, frage ich. War die Menschheit nicht immer schon so?

Und hindert uns das daran, zu versuchen, so gut wie möglich zu leben?, frage ich mich selbst, wie ich das Fahrrad vor dem Haus mit einem Ringschloss vor Dieben schütze während Irgendlink seins vorsorglich in den Keller trägt.

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Übrigens: auch Irgendlink hat über unsere Zufallsradtour gebloggt.

* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.

Hinterlassenschaften, Dünger und andere Spurenelemente

… die selbstzerstörerische Desillusion des Das-was-ich-tue-hat-doch-keinen-Wert … Gold hat eigentlich auch keinen Wert. Also alles Trugschlüsse und alles Hirngespinste und vielleicht ist diese Erkenntnis das, was mir den Tag wieder hell macht. Nämlich, im bewussten Zustand bin ich eigentlich ganz zufrieden und ich weiß, dass das, was ich tue, denke und vorantreibe eine Bedeutung hat und ich weiß auch, dass es für andere gerne bedeutungslos oder gar wertlos sein darf. So ist das nunmal, wenn man Zeitgenosse ist. Mehr noch: ich darf in dem, was ich tue, sogar grottenschlecht und dilettantisch sein. Schließlich ist es mein Leben und es sind meine Ideen. Und wenn ich lebe, leben auch die Ideen und wenn ich gegangen bin, leben die Ideen immer noch und wenn sie nicht gut waren, so sind sie verbesserbar, so können sie ein Fundament sein für Besseres,
mailte Irgendlink heute Morgen.
Der Kern, so schrieb ich zurück, der Kern, der Same, die Frucht der Erkenntnis ist, dass wir selbst – NUR wir selbst! – den Wert dessen, was wir erschaffen, ob Gold oder Scheiße, definieren können.
Auch wenn nichts bleibt, so hinterläßt doch alles seine Spuren. Überall.
schreibt Emil ungefähr zur gleichen Zeit unwissentlich auf pixartix im Kommentarstrang.
Wir düngen die Welt. Jetzt. Jederzeit. Wo immer wir sind. Womit düngst du?

Kundenkopierer

Für einmal war ich richtig froh, gestern auf der Post, dass die Deutschen mit der Gleichberechtigung in der Sprache schludern. Ich hoffe sehr, dass das mit Kundenkopierer beschriftete Ding wirklich nur das tut, was ihm aufgetragen worden ist. Alle Kunden in der Reihe vor mir zu kopieren, ginge ja noch, doch würde der Kopierer auch gleich alle Kundinnen kopieren – puh, nicht auszudenken, da wäre ich ja heute noch dort!
Was habe ich gelernt? Es gibt definitiv mehr Frauen, die Briefe und Pakete verschicken.

unlösbar

Première. So, wie ich jetzt schreibe, habe ich noch nie geschrieben. Auf meinen Knien liegt eine kleine Tastatur in der Größe eines in die Breite gezogenen A5-Blattes. Alles wird möglich. Alles wird einfacher. Alles ist nur noch eine Frage der Zeit und des ErfinderInnengeistes. Wie ich da an dieser neuen Tastatur sitze, wird mir bewusst, dass jedes Ding, das wir besitzen, neue Wünsche gebärt. J. hat seinem neuen iPhone ein paar Geschenke gemacht – zur Vorbereitung auf das nächste Reiseprojekt. Ich bin nur temporäre Nutznießerin. Via Bluetooth sind Tastatur und iPhone verbunden. Mein Laptop defragmentiert derweilen großräumig und ist darum zurzeit nicht benutzbar. So aber ist es eigentlich ganz praktisch. Handlich. Und gemütlich warm, da ich am Ofen sitze. Ich habe mal wieder s’Weggli u de Batze, wie wir Schweizerinnen sagen. Das gibt es also doch. Oder hat nicht alles scheinbar Ideale irgendwo einen Haken? Und wer definiert Perfektion? Der Haken dieser Schreibtechnik hier, am Ofen, ist der, dass ich immer vornüber schauen muss, den Blick aufs kleine iPhone-Display. Macht aber nichts, da meine Schulter, die rechte, weh tut und dies die einzige einigermaßen schmerzfreie Haltung ist.
Die Wohnungssuche beschäftigt mich sehr. Es geht um mein neues Nest. Meine Insel. Meine Höhle. Wo ist es, mein neues Zuhause? Was brauche ich wirklich und was tut mir gut? Luxusprobleme? Existentiell?
Gestern Abend vor dem Ofen sofasophierten J. und ich angeregt. Über Ideale zuerst, dann hin zur Weltlage und mir wurde dabei mehr als bewusst, dass ich eigentlich nicht primär am Sterben von Menschen leide. Ich leide umso mehr am menschenunwürdigen Leben vieler. Am unfairen Mächteverhältnis auf dieser Welt. Am Machtmissbrauch. An der Tatsache, dass nicht die wirklich Wohlwollenden an den Hebeln der Macht sitzen, sondern die mit dem größten Potential an Druckmitteln wie Geld, Angstmacherei und so.
Wir sind unterwegs durch die Zeit, meinte J. recht pragmatisch, das hat es immer gegeben. Es sei aber immerhin doch schon vieles viel besser geworden. Worauf ich erwiderte, dass ich mir da nicht so sicher sei, was das Wort besser betrifft. Sicher haben wir hier im Westen heute mehr Freiheit und mehr Rechte, aber auf wessen Rücken? Ich kann nicht verdrängen, nicht immer jedenfalls, dass wir nur deshalb so reich sind und es so gut haben, weil wir dafür andere ausgebeutet haben. Nicht ich direkt, aber mein Land. Die Schulden- und Zinspolitik ist es, die ganze Nationen ins Sklaventum schickt.
Wir mit unseren Luxusproblemen!,
denk ich und schäme mich, dass ich so wenig belastbar bin.
Wenn ich Tagesschau gucke oder Zeitung lese, identifiziere ich mich immer mit einzelnen Menschen. Ich sehe die Augen der Menschen und leide mit. So sehr, dass mir alles weh tut und ich mich meines Lebens nicht mehr freuen kann. Deshalb meide ich Tagesschau und Zeitung oft. Feige, ja, vielleicht, doch ich will nicht abstumpfen und nicht nicht-mehr-fühlen. Wenn ich doch gelegentlich Medien konsultiere, haut es mich zuweilen fast um. Ich leide jedoch nicht nur mit den einzelnen, da kommt auch das Gefühl von Mitverantwortung oder Mitschuld dazu. Hilflosigkeit, die mich schon oft in Krisen gestürzt hat. Unlösbar – ein Wort, das schwer auf meiner Schulter liegt, wenn ich an die unsäglichen Konflikte auf unserer Welt denke, Fatalistisch seufze ich. Gewissen. Wohlwollendes Leben. Empathie. Wörter tauchen auf.
Wohlwollend sei der Mensch, freundlich und rücksichtsvoll, dachte ich am Sonntagabend auf der Autobahn. Wenn alle so Auto fahren würden wie ich (es zumindest versuche), wäre es friedlicher auf den Straßen, grummle ich vor mich hin. Diese Powergames aber auch! Wozu bloß?
Die meisten verhalten sich nicht absichtlich oder jedenfalls nicht böswillig so mühsam, sagt J, wie wir gestern am Feuer sofasophieren. Hat er wohl recht, aber …
Letztlich geht es bei fast allem um Bewusstsein. Was erkenne ich? Wie reflektiere ich mich in Bezug zu meiner Mitwelt? Auch geht es um die Kompensation von Wunden. Ich nicht, aber du auch. Da bringt uns echt nur Selbsterkenntnis weiter, wohlwollende Reflektion. Ach ja, das wüsste ich alles. Auch wie ich ein richtig guter Mensch sein könnte. Bin ich ja schon, allerdings noch in komprimierter Form. Und mit vielen Wenn und Aber im Rucksack. Bremsklötze.
Fazit: Auch ich bin nicht immer wohlwollend. Auch ich kompensiere. Und bin zuweilen unanständig. Unfreundlich. Ja, alles bin ich auch. Nicht nur alle andern.

Lebenskunst

Leben ist wie Kunstunterricht. Sobald du ein paar Grundregeln kennst, kannst du loslegen. Blau und gelb wird grün, zum Beispiel. Eine einfache Gleichung, die in der Praxis unzählige Variationen ermöglicht. Ebenso wie gelb und rot oder blau und rot.
Die Mischregeln und ein paar andere Theorien zu Material und Bildkonzeption zu kennen, macht aber noch kein berührendes Bild. Erst dank Ideen, Fantasie, Schaffensfreude, Hingabe, Übung und Können sowie Freund Zufall gelingt ein (Lebens-)Werk.
Wie im richtigen Leben eigentlich.

Mathe und so

Leben ist wie Mathe. Manchmal muss ich grübeln, manchmal reicht das große Einmaleins, ganz selten das kleine. Zuweilen muss ich Klammern auflösen, dann wieder muss ich welche setzen. Wenn ich die Punkt-vor-Strich-Regel kenne, bin ich auf der richtigen Seite, wie es so schön heißt, und wenn ich daran denke, dass sich Minus und Minus aufheben, ist schon fast alles gut.
Und dann muss ich nur noch richtig addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren. Richtig? Wer hat eigentlich alle diese Regeln gemacht?

Reiseerkenntnisse

Irgendwie wäre es richtig toll, wenn ich immer einen Rechtschreibe-Duden dabei hätte, sagte ich letzten Montag auf der Fahrt in die Schweiz. Irgendlink saß am Steuer und konzentrierte sich auf die Straße. Ich hätte immer etwas zu lesen, weißt du, erklärte ich. Alles da. Jedes Wort.
Alle Bücher deutscher Sprache bestehen einzig aus seinem gewichtigen Inhalt,
sagte J.
Weißt du was? Ich könnte eigentlich mithilfe des Rechtschreibe-Dudens meine nächste Geschichte schreiben.
Du hast etwas vergessen,
sagte J.. Da gibt es nämlich ein Problem, ein großes sogar: das Copyright! Du weißt doch, dass Abschreiben verboten ist!
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Was meinst du, fragte ich später, sind meine orthopädische Einlagen wohl eher Brillen oder eher Zahnspange für meine Füße?
Keine Ahnung,
sagte J., der auf seinem iPhone Bilder bearbeitete, während ich uns durch die Landschaft Richtung Winterthur lenkte.
Wenn ich es mir so überlege … eigentlich ist jeder Mensch irgendwie Brille oder Zahnspange für seine Mitmenschen, sofasophierte ich weiter.
Oder eine Dialyse, meinte mein Liebster.
Wie wäre es mit einem Herzschrittmacher?, sagte ich.
Noch besser: ein Nierentransplantat!, sagte er.
Wir sitzen eben alle im gleichen Boot, pardon, im gleichen Auto … 🙂