Zusammenhängend

Ich kenne fast nur auf die eine oder andere Weise beschädigte Menschen. Menschen, die chronische Krankheiten, starke Beschwerden, psychische Krankheiten und seelische oder körperliche Schmerzen haben. Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise am einen oder andern leiden; am Leben und an dessen Schatten. Natürlich ist die Spanne sehr breit, was die Schwere der Beschwerden, die Wahrnehmung derselben sowie der Umgang mit oder das Leiden an ihnen betrifft.

Im Kreis der mir lieben und nahen Menschen gibt es einige, die meiner Meinung nach dringend mehr Unterstützung von außen bräuchten; finanzielle die einen (manche sehr dringend), andere eher kompetentere oder besser vernetzte Hilfe als die bisher erhaltene.

Manche dieser Menschen, die mir am Herzen liegen, sind den Weg von Pontius nach Pilatus in vielen Variationen gegangen, auf Umwegen, auf scheinbar vielversprechenden Abkürzungen, dabei mal mäandernd, mal auf allen Vieren, mal aufrecht und dabei immer wieder neu hoffend, dass doch endlich, eines Tages, eine gute Lösung für ihr Problem gefunden werde.

Einige sind auf diesem Weg, obwohl sie teilweise sichtbare Gebrechen haben, immer wieder in die Schublade der hysterischen HypochonderInnen gesteckt worden und wurden in ihrem Leid nicht ernst genommen. Schließlich kann da doch nichts sein, wenn mit den zur Verfügung stehenden Diagnosemethoden keine Ursachen für die Beschwerden zu finden sind. Oder aber sie sind in die Schublade ’Das können wir nichts machen, das ist psychisch!’ gesteckt worden. (Und selbst wenn es so wäre? Wäre es denn nicht genauso wichtig, diese möglichen Ursachen ernsthaft zu untersuchen?) ’Das bilden Sie sich bestimmt nur ein!’ ist ebenfalls eine wenig hilfreiche Reaktion auf noch nicht definierte Krankheitsbilder oder solche, die atypisch für ein bereits definiertes Krankheitsbild sind.

Speziell denke ich an eine Freundin, die schon länger wegen unterschiedlicher inzwischen längst chronischer Beschwerden in Behandlung ist. Unterwegs wurde sogar mal ein gutartiger Tumor entdeckt und entfernt, doch die Hauptbeschwerden blieben weiterhin bestehen und die Ursachen sind bisher unerkannt. Nun endlich tut sich eine ganz neue Spur auf und ich hoffe soo sehr, dass es diesmal die richtige ist. Auf der Suche nach Auslösern kam nämlich endlich jemand auf die Idee, ihren Hormonhaushalt unter die Lupe zu nehmen. Dabei wurde ein eklatanter Mangel eines sehr wichtigen Hormons festgestellt, der bekannterweise(!) genau zu einigen ihrer Symptome passt. Etwas, worauf in den ganzen Jahren noch nie jemand sein Augenmerk gerichtet hatte. Weil bestehende Zusammenhänge nicht hergestellt worden sind.

Die Zusammenhänge, in denen wir uns bewegen – die körperlichen ebenso wie die gesellschaftlichen, die mentalen ebenso wie die politischen – sind weit komplexer als wir es ahnen. Sie zu sehen, sie zu verstehen, sie überhaupt herstellen zu können, erfordert Wissen und Kenntnisse, die wir oft nicht oder nicht umfassend genug haben, um überhaupt auf die richtige Lösung kommen zu können. (Interesse und Neugier sind dabei auch nicht zu unterschätzen, aber sie ersetzen das Wissen nicht.)

Wichtig also auch, dass wir immer wieder bereit dazu sind, davon auszugehen, dass es noch immer unentdeckte Dimensionen und ungelöste Fragen gibt. Im Menschen ebenso wie in der Welt. [Man denke an den quadratischen Flächenländer aus dem Buch Flächenland, der seinen Mitbewohnern von der dritten Dimension erzählen wollte und auf lauter Unglauben gestoßen ist.*]

Ich plädiere einmal mehr für individuelle, für persönliche Lösungen. Und das in einer Welt, wo alles immer mehr normiert und standardisiert wird. Natürlich gibt es Parallelen von Mensch zu Mensch, doch was der einen geholfen hat, ist bei der anderen – trotz ähnlicher Beschwerden – unwirksam oder sogar kontraproduktiv. Jeder und jede leidet eben anders.

Zum Heilwerden braucht es in der Regel eben mehr als einfach nur die richtigen Tabletten oder ein bisschen mehr guten Willen und gute Ratschläge.

Was das ganze menschliche Miteinander kompliziert macht. Und auch darum ist Respekt vor unserer Unterschiedlichkeit so dringend notwendig.

 


* Wikipedia dazu: »Zurück in seiner zweidimensionalen Welt erscheint dem Erzähler eine Kugel, ein Gast aus unserer dreidimensionalen Welt. Erst nach langer Mühe gelingt es der Kugel, das Quadrat von der Existenz der dritten Dimension zu überzeugen, und sie nimmt es zu einem Rundflug über seine zweidimensionale Heimat mit. Der nun zur vollen Erkenntnis der Dimensionalität gelangte Erzähler übertrifft daraufhin die Kugel, seinen Lehrer, darin, indem er sogar die Denkbarkeit vier- und höherdimensionaler Welten beschreibt, was die Kugel verärgert, die ihn deshalb zurück in seine Welt stößt. Als der Erzähler seine Erkenntnis der höheren Dimensionen schließlich unter den Bewohnern von Flatland verbreiten will, stößt er allerdings nur auf Irritation und wird schließlich als Aufrührer eingekerkert.«

Wofür es sich lohnt

Es gibt Tage, Orte und Erlebnisse, die wir einfach nie vergessen. So ein Tag, so ein Ort und so ein Erlebnishappen war die Reiseetappe des 11. Juli 2010, als Irgendlink und ich uns auf der Straße 17, jener legendären norwegischen Küstenstraße immer weiter nach Norden, immer näher an den Polarkreis, geschoben hatten.

Geendet hatte dieser wunderbare Reisetag schließlich – nach einigen Inselhüpfern in Fähren, wo es keine Straßen gab – auf einem traumhaft schönen Campingplatz. Bei wohligen 20 Grad genossen wir direkt am Strand unseren bis dahin wohl längsten Sonnenuntergang. Stundenlang ist nicht übertrieben.

»Nur schon dafür hat sich die lange Reise gelohnt!«, sagte Irgendlink damals. Ein Satz, der seither fast reisetraditionell geworden ist. Zumal, wenn wir gemeinsam reisend unterwegs sind. An besonders schönen Orten, in besonders stimmigen Stunden, an besonders guten Tagen fällt er wie von selbst, doch noch nie klang er fad oder abgedroschen. Im Gegenteil: Es klebt Dankbarkeit an ihm und er dreht sich wie ein Windrad mit uns mit, wenn wir es besonders gut haben.

Gestern nun, als ich mir morgens meine tägliche Wellnessstunde schenkte – zuerst eine halbe Stunde Meditieren, danach eine halbe Stunde Yoga –, gestern also, als ich im Sonnengruß den Tag begrüßte, sagte meine Herzstimme zu mir: »Dafür hat sich doch dein bisheriges Leben gelohnt!«

Der Gedanke ist irgendwie neu. Eigentlich bin ich ja der Ansicht, dass alles, was wir tun sinn- und wertvoll und wichtig sein sollte, eine Verbesserung für die Welt, eine Leistung für die Menschheit. (Nun ja, von Ferien- und Freizeitdingen einmal abgesehen: diese dürfen, sollen sogar, in erster Linie Spaß machen, müssen also nicht zwingend wichtig, sinn- und wertvoll sein).

Mein kleiner Alltag als offiziell Stellenlose/Stellensuchende, als Schriftstellerin, als Teilselbständige erlaubt mir zum Glück zurzeit, meinen Alltag sehr frei zu gestalten. Darum ist meine Wellnessstunde ein fester Alltagsbestandteil geworden, doch bis jetzt buchte ich das immer als Freizeitelement (ich muss also in dieser Stunde nicht die Welt retten und so), doch nach diesem neuen Gedanken – »Dafür hat sich doch dein bisheriges Leben gelohnt!« – dachte ich zum ersten Mal darüber nach, dass eigentlich jeder Mensch innerhalb seiner Arbeitszeit eine bezahlte Wellnessstunde haben müsste. Dass also auch die Erholungsräume von den Arbeitsgeberinnen und -gebern entlöhnt werden müssten, weil diese Zeiten es ja erst möglich machen, dass wir Menschen arbeiten können. Ohne Erholung keine Arbeit.

Einmal mehr ertappte ich mich selbst dabei, wie an meiner Wellnessstunde, obwohl sie so wichtig und so kostbar für mich ist, noch immer das ihr von mir verliehene Etikett Luxus klebte. Mir diese Stunde zu gönnen hat noch immer etwas latent Illegales an sich (ich müsste doch in dieser Zeit etwas leisten!), zumal ich ja zurzeit nicht klassisch berufstätig bin.

»Dafür hat sich doch dein bisheriges Leben gelohnt!« Mit diesem Satz legitimiere ich ab sofort Freude, Dankbarkeit und Alltagsschönheit, die ich zuweilen kaum wirklich wahrnehme. Insbesondere dann nicht, wenn ich mal wieder – oft genug – durch die Depro-Brille nur Grautöne sehen kann. Den grauen Tagen, Stunden, Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen also Dankbarkeit entgegenhalten, dazu Freude und einen Blick auf das, was in meinem kleinen Alltag Spaß macht, gut tut, Lust auf das Leben, auf die Zukunft macht. Genau das will mir dieser Satz sagen.

Ähnlich wie bei einer langen Reise von Zeit zu Zeit eine Reisemüdigkeit auftaucht, taucht ja in meinem Leben phasenweise immer wieder eine tiefe Lebensmüdigkeit auf, die alles, was je war, in Frage stellt. Warum also nicht ähnlich wie bei einer langen Reise diese Müdigkeit zwar sehen, beobachtend, möglichst wertfrei, sie aussitzen, ihr aber zugleich auch erlauben, sich von neuen Erfahrungen ablösen zu lassen und sich aufzulösen?

Auch wenn es abgelutscht klingt: Eigentlich weiß ich ja inzwischen, dass es hinter der schwarzen Wand weitergeht. Weil es bisher immer weitergegangen ist. Immer irgendwie. Nicht immer einfach, nicht immer ideal, aber immer irgendwie. Und irgendwann wurde es immer wieder irgendwie besser. Warum sollte es nicht auch weiterhin so sein?

Diese Gedanken, aber genau umgekehrt, in invertierten Farben und Formen also, denke ich auch, wenn ich in einer depressiven Episode stecke. Dass nämlich alles immer so schwarz wie jetzt weitergehen wird.

Jetzt aber, in einer nicht-schwarzen, in einer sogar eher bunten Lebensphase (und ja, dafür hat es sich doch wirklich gelohnt, bisher zu leben!), kann ich Herzressourcen sammeln. Lebensvertrauen. Denn Satz in mir konfigurieren. Schritt für Schritt anderes Denken üben, mir dabei bewusst machen, wofür es sich zu leben lohnt. Nicht nur die großen Dinge, eigentlich eher noch und besonders die kleinen. Das sehen lernen, was gut ist und was gut tut.

Und auch wenn das alles jetzt ein bisschen unstrukturiert und wild daher kommt: Ja, auch das tut manchmal gut. Wie ein wilder Garten, der in meinem Kopf und in meinem Herz vor sich hin wächst.

Das Ressourcending | #notjustsad – #Depressionen

Wann immer ich mir und anderen Menschen zuhöre, wenn wir über unsere Beschädigungen sprechen, kommt irgendwann die Rede auf die Kindheit. In Büchern ebenso. Im Internet sowieso. Gerade, wenn es darum geht zu verstehen, warum wir uns selbst so wenig zutrauen. Sind aber eigentlich wirklich immer die Eltern schuld? Müßige Frage. Womöglich tragen sie die Verantwortung für unsere Minderwertigkeitsgefühle und Depressionen, aber tragen sie auch Verantwortung an einem missglückten Leben? Haben sie uns, anders gefragt, für immer die Möglichkeit verbaut, unser eigenes Ding zu machen? An den Ursachen lässt sich nichts mehr ändern; rückwärtsleben geht nicht. Ändern kann ich einzig mein Denken. Und das ist verdammt harte Knochenarbeit, machen wir uns da nichts vor. Da hilft keine Medizin. Einzig ich selbst kann meinen Umgang mit von mir gemachten Erlebnissen schrittweise umgestalten, meine Absichten, meine nächsten Schritte. (Und wenn ich es nicht schaffe, bin ich keine Versagerin, dann war es einfach zu schwer. Das darf sein.) Knochenarbeit, wie gesagt, Schwerarbeit für die Seele. Dazu eine Mutprobe vom feinsten, denn ich muss mich ja erst mal trauen, solche Schritte zu tun. Was aber wenn ich mich aus vielerei Gründen nicht (mehr) traue, mich zu trauen und mir zu trauen? Und ja, natürlich hat auch dieses Mir-nicht-(ver)trauen damit zu tun, wie ich mich als Kind wahrgenommen habe und von anderen wahrgenommen worden bin und wiederum diese Fremdwahrnehmung wahrgenommen und daraus mein Bild von mir selbst gezimmert habe. Aber. Ich bin dennoch die Einzige, die herausfinden kann, ob ich innere Zustände wirklich oder wirklich nicht verändern kann. Mein heutiger Wissensstand sagt, dass ich nur meine Innenausstattung verändern kann, nicht aber meine Innenräume an sich, die Grundausstattung also: meine Hirnchemie, meine Gene, meine Anlagen.

An den Wänden meiner Innenräume hängt die Angst noch sehr prominent. Ich brauche dringend neue Bilder. Bilder mit Sicherheit drauf. Nein, nicht Bilder mit Pseudo-Sicherheiten drauf wie ’Mein Haus, mein Auto, mein Boot’, denn das alles ist letztlich Illusion. Ich weiß es nur zu gut: Jede und jeder von uns kann von jetzt auf gleich alles verlieren – Materie, Erinnerungen und Gedächtnis, Gesundheit, liebe Menschen … Nichts ist wirklich sicher, nichts ist für immer.

Dennoch vermittelt uns alles, was wir haben und was wir tun ein ganz bestimmtes Grundgefühl und wird somit zu einer dieser vielen Wechselwirkungen, die unser Leben formen. Die Summe dieser Grundgefühle ist es, die unser Lebensgefühl hauptsächlich bestimmt. Ob es also eher Grundgefühle von Sicherheit sind oder voller Angst, die uns bestimmen, ist somit entscheidend dafür, wie entspannt und wohl letztlich auch wie glücklich wir leben können. Und wie kraftvoll. Angst frisst Kraft. Je mehr Angst, desto weniger Kraft, sag ich mal ein bisschen salopp.

Ich brauche also, wie gesagt, dringend mehr Sicherheit, Selbstsicherheit. Ich will sie in mir wissen und an sie glauben, zumal sie auf der Liebe zu mir selbst basiert, auf Respekt vor mir selbst inklusive all meiner persönlichen Grenzen, die ich ihr und mir zuliebe ernst nehme.

Womöglich ist es ja – und nein, das ist nicht zynisch gemeint! – sogar eine Ressource, was uns unsere Eltern mitgegeben haben. Gutes ebenso wie all die Fehler, all  also, das uns für eine gesunde Entwicklung fehlte. Wie jetzt? Wir sollen das Versagen unserer Eltern und unserer Bezugspersonen uns gegenüber als mögliche Ressourcen zu sehen?

Seit vielen Jahren kaue ich an diesem bitterschmeckenden Satz, den mir mal eine ziemlich kluge Person mit auf den Weg gegeben hat. Und ich weiß noch nicht so genau, ob er wahr ist. Wahr aber ist, dass ich ohne manche gemachten bitteren Erfahrungen nicht die und nicht so wäre, wie ich heute bin. (Und das versuche ich jetzt, als Kompliment von mir an mich zu verstehen.)

Einfach so

Wenn ich grad mal nicht Bewerbungen schreibe, am neuen Romanprojekt arbeite, ein Buch lese, im Haushalt schufte, einkaufe oder spazierengehe, bin ich oft am Kritzeln. Abends auf dem Sofa vor allem. Das Ziel ist eigentlich immer runterzukommen, mich zu entspannen.

Ich denke dabei nichts, ich verfolge kein Ziel. Ich überlasse das Kritzeln meiner rechten Hand. Es ist ein bisschen wie Écriture automatique, das automatische Schreiben, das eine Schreibmethode, bei welcher Bilder und Gefühle so unzensiert wie möglich wiedergegeben werden sollen. Dabei wird der Stift nicht abgesetzt. Geschrieben wird pausenlos, ohne Nachzudenken. Beim Kritzeln halte ich es sehr ähnlich. Meine Hand kritzelt einfach vor sich hin.

Gestern hatte ich mein Gekritzel sogar fotografiert und mit einige Apps nachbearbeitet. Die nachfolgende Version hier mag ich besonders. Weil sie grad so meinen Zustand – irgendwo zwischen fluffig-schwebend-ungeordnet und doch irgendwie strukturiert – wiedergibt.

Auf einmal habe ich in obigem Bild einen Indianerkopf entdeckt, der sich eingeschlichen hat. Sogar doppelt, von oben und von unten.

Ich bin als Hinschauerin geboren worden. Schade, dass das kein Beruf ist. Oder doch?

#Depressionen – Drüber reden hilft | #notjustsad

»Nicht-Betroffene äußern gern mal – und das ist kein Vorwurf – in ihrer Rat- und Verständnislosigkeit Dinge wie: Aber der/die hatte doch alles. Talent. Erfolg. Familie. Geld. Es gab doch gar keinen Grund.

Genau da liegt das große Missverständnis, weshalb sich viele so schwertun, eine Depression wenigstens annähernd zu begreifen: Es gibt keinen äußeren Grund. Es gibt eine Hirnchemie, die nicht das tut, was sie tun sollte. Hormone, die in die falsche Richtung flitzen. Manchmal werden solche Zustände von außen verstärkt, aber diese Verstärker sind nicht die Gründe für die Krankheit.«

So schreibt Zoë Beck in ihrem Blogartikel Schwarz, innen über Menschen mit Depressionen. Über Menschen wie sie und ich.

»Niemand redet gern darüber, weil es so schwer ist, anderen verständlich zu machen, was da in einem vor sich geht. Es ist unlogisch, irrational. Aber vor allem redet niemand gern darüber, weil die Reaktionen auf diese Krankheit fürchterlich sind. Dass Menschen, die nicht selbst betroffen sind, Schwierigkeiten haben, diesen Zustand nachzuvollziehen – geschenkt. Ich weiß nicht, wie sich ein gebrochener Arm anfühlt, ich hab mir noch nie was gebrochen. Wovor ich Angst habe, wenn ich darüber spreche: dass man mich für „schwach“ hält. Dass man mich abschreibt. Dass ich keine Jobs mehr bekomme. Dass man mich behandelt, als wäre ich nicht zurechnungsfähig. Solche Sachen. «

Zum Glück gibt es sie doch, jene Menschen, die darüber reden. Immer wieder. Ein wenig da, und ein wenig dort. Auch bei Viktoria habe ich einen Beitrag zum Thema gefunden. Ihr geht es darum, Ursachen zu benennen; herauszufinden, woher es kommt, dass immer mehr Menschen depressiv werden. Sie benennt den Druck von außen, der mehr geworden ist und sie schreibt über die Schere, die sich immer weiter geöffnet hat.

»Der Neoliberalismus hat den Kapitalismus auf die Spitze getrieben, indem alles auf den Gewinn ausgerichtet wurde, inklusive der Menschen selbst. Je mehr Geld jemand erwirtschaftet, umso anerkannter ist er in der Gesellschaft, umso mehr Macht steht ihm zu. Dass es bei diesem Spiel nur wenige Gewinner und viele Verlierer gibt, ist den meisten Menschen deshalb nicht bewusst, weil es eben anders als früher nicht bloß eine herrschende und mehr oder weniger eine unterdrückte Klasse gibt, sondern der fortgeschrittene Kapitalismus die unteren Klassen schlichtweg ausgesplittet und gegeneinander aufgehetzt hat. […] Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist der Ursprung vieler Depressionen.«

Nun ja, Ursachen und Auslöser gibt es unzählige. Und wir sind so viele. Umso wichtiger ist doch, dass wir uns nicht schämen, nicht verstecken. Und dass wir nicht aufhören, zu wissen und zu erkennen, wer wir sind. Dass wir mehr sind als die Depression, auch wenn sie Teil von uns ist.

Wie sagte Herr Bock noch mal so schön? ’Als depressiver Mensch kannst du alles, nur nicht einfach so. Und schon gar nicht immer. Und manchmal gar nicht.’

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Verrückt ist, dass immer alle anderen besser wissen, was wir brauchen, wenn es uns schlecht geht. Zoe beschreibt das so:

»Man riet mir zu Sport, Johanniskraut, Lichttherapie, Urlaub, Hormonen, keinen Hormonen, Tabletten, keinen Tabletten, mehr schlafen, weniger schlafen, zu bestimmten Tees und Vitaminen und Ölen und Duftkerzen. Man riet mir so viel.«

Was ich sagen will? Depression ist, wie jede andere Krankheit und insbesondere jede andere psychische Krankheit von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Angefangen, wie gesagt, bei den Auslösern – inneren ebenso wie äußeren – bis hin zur Therapie. Darum es ist müßig, zu vergleichen. Schmerzen lassen sich eh nur bedingt messen und vor allem werden sie – körperliche ebenso wie mentale – von Mensch zu Mensch unterschiedlich wahrgenommen. Was dem einen brutal weh tut, steckt die andere scheinbar locker weg. Und selbst diese Wahrnehmung kann sich ändern. Früher ertrug ich vieles besser, länger, war womöglich auch einfach strenger und härter zu mir selbst, forderte mir mehr ab, heute bin ich wehleidiger (ach, gäbe es hierfür doch ein wertfreieres Wort!) und schneller an meiner Belastungsgrenze.

Nur wenn wir uns und unsere Grenzen ernst nehmen, wenn wir dazu stehen, dass wir diesen Druck  – äußeren ebenso wie inneren – nicht mehr ertragen können und wollen und wenn wir uns für uns einsetzen, kann sich für uns persönlich aber auch gesellschaftlich etwas verändern. (Und ja, ich weiß, dass das in Zeiten einer depressiven Episode oft nicht geht … aber es geht womöglich vorher & nachher.) Drüber reden hilft.

Manches schon, manches nicht – Gedanken zum Heilwerden

Bei einem Auto spricht man ja davon, ob es sich noch lohnt, es zu reparieren. Etwa dann, wenn sich die Kosten für die Reparatur denen für die Anschaffung eines neuen (Gebraucht-)Wagens annähern oder sie gar überschreiten. Selbst dann, wenn der Schaden womöglich mit großem Aufwand repariert werden könnte, wird das kaputte Auto oft lieber ersetzt. Es hängt vom Menschen ab, dem das Auto gehört, ob er in eine Reparatur oder in eine Neuanschaffung investieren will. Oder ob er ohne Auto leben will.

Metaphern wie diese lassen sich nur bedingt aufs Menschsein übersetzen. Zumal sich der Wert eines Autos nicht mit dem eines Menschenlebens messen lässt. Auch ist ein menschlicher Körper weitaus komplexer als ein Motor. Dennoch gibt es auch bei einem kranken Menschen diesen einen Moment, diesen einen Punkt, und jemand spricht die Worte ’unheilbar krank’ aus.

Doch wann gilt ein Mensch als unheilbar krank und wer trifft diese Entscheidungen und sind sie wirklich wahr? Welche Grenze muss überschritten sein, damit wir das Therapieren aufgeben und nur noch danach trachten, Schmerzen auf ein Minimum zu reduzieren?

Körperlich-physisch lässt sich vielleicht ein klein wenig besser definieren und beobachten, wann der Punkt erreicht ist, wenn – bezogen auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse und berufliche Erfahrungen – nichts mehr gemacht werden kann. (Von Wundern mal abgesehen.)

Wie aber sieht es bei psychischen Krankheiten aus? Wann gilt jemand mit einer psychischen Einschränkung als austherapiert?

Ich frage mich, ob meine Eingeschränktheit in Sachen mentaler Belastbarkeit, die sich durchaus auch körperlich bemerkbar macht, heilbar, veränderbar ist oder ob sie zu jenen nicht mehr veränderbaren, heilbaren Dingen gehört, die ich einfach als gegeben akzeptieren muss. Einer Amputation gleich – ein Bild, das so unzutreffend gar nicht ist.

Mit ’mir mehr Mühe geben’, mit Ausdauertraining und mit ’es nur richtig wollen’, wächst zwar kein amputiertes Glied nach, aber ich kann manchmal und punktuell etwas erreichen. Dennoch gehe ich dabei immer wieder über meine Grenzen. Und es stellt sich die Frage, was damit erreicht ist.

Ist es nicht, wie gesagt, vielmehr wichtig, zu akzeptieren, dass etwas eben so ist, wie es ist?
Zu akzeptieren, dass ich das Putzen meiner kleinen Wohnung immer auf zwei Tage verteilen muss, weil ich es an einem einzigen kräftemäßig nicht schaffe.
Zu akzeptieren, dass ich nicht mehr länger als vier Stunden am Stück am PC sitzen kann, weil ich bei mehr Zeit im Sitzen Schmerzen bekomme.

Akzeptieren ist für mich so oder so die einzige Möglichkeit mit Schwierigkeiten umzugehen. Wenn ich denn nicht verbittern will. Selbst dann, wenn etwas wieder besser werden sollte. Wie bei meiner Schulter (frozen shoulder), die nach vielen Monaten Schmerzen und Unbeweglichkeit dank gezielter Physiotherapie und schmerzhaften täglichen Trainings nun langsam wieder beweglich geworden ist (zu 95% von 100% wieder hergestellt).

Manches ist heilbar, manches nicht.

Immer jetzt

Eigentlich muss man, um morgens gut und gerne aufstehen zu können und wirklich gerne und lebendig leben zu wollen, mit mehr Vehemenz an eine gute lebenswerte Welt – innen ebenso wie außen – glauben als an eine kaputte. Oder man muss wütend genug sein, sie auf den Kopf stellen zu wollen.

rote JohnannisbeerenWie auch immer: im Moment stehe ich morgens ziemlich gerne auf.

Jetzt.

Wenn ich es schaffe, den zensurierenden und nörgelnden Stimmen mein großes Jetzt entgegenzulachen, geht es mir eigentlich ganz gut. Wenn ich den grübelnden Stimmen, die mehr Fragen stellen als ich je Antworten haben werde, ein Jetzt ins Ohr flüstere, kann ich manchmal, jetzt, einfach sein. Einfach sein ist allerdings gar nicht so einfach. Nicht für mich jedenfalls.

Dennoch: Es hat in mir drin Macht gewonnen, dieses Jetzt. Es hat sich mit der Sonne, dem Wind und dem Grün der Bäume verbündet und es tut so, manchmal jedenfalls, als wäre jetzt alles gut.

Und wenn ich es dann frage, mein Jetzt, ob es denn alles wäre, was zählt, lacht es nur. Schließlich sagt es, dass wir Menschen trotz ihm nicht ohne Verantwortung unserer Mitwelt gegenüber seien. Dass die anderen Wesen in ihren Jetzt-Blasen dennoch relevant seien, verwandt, verbunden. Es sei vielmehr so, dass nicht Jetzt alles sei, sondern alles Jetzt. Alles im Jetzt gebündelt. Viele Folien, viele Dias übereinander, oder auch viele Wollschichten, ein einziges großes Gefilze.

Wir alle unentrinnbar im Jetzt verdichtet.

Wie die Johannisbeeren, die ich jetzt zu Marmelade verkochen, verdichten werde und die mir immer Winter von der Sommersonne erzählen können.

Die Neidspirale oder Das Habenwollending

Die Mützenfalterin hat heute einen Auszug aus Knausgårds letztem Buch ’Kämpfen’ zitiert, in welchem sich seine Frau Linda Teil eines größeren Kontextes zu sein wünschte, eine Großfamilie im Park beneidete, die offenbar Teil eines solchen zu sein schien.

Ich gestehe, dass ich diesen Neid bestens kenne. Für mich muss es allerdings keine Großfamilie sein wie im Falle Lindas, die sich verspricht, in dieser verschwinden zu können. (»Stell dir vor, wir hätten etwas, worin wir verschwinden könnten!«). Ich meine, für mich könnte es auch ganz einfach eine kleine Familie sein. Hauptsache etwas, worin ich verschwinden kann. (Danke, Linda, für diesen Denkanstoß.)

Aber mit dem In-etwas-hinein-Verschwinden ist es ja so eine Sache: Verschwindet man wirklich darin, will man es auf einmal doch nicht mehr, auf einmal will man gesehen werden.

»… und was er hat, das will er nicht, und was er will, das hat er nicht …«, weiß ein Kinderlied, das wir oft gesungen haben.

Wie ich über dieses Phänomen der latenten Unzufriedenheit, das ich von mir und anderen sehr gut kenne, nachdenke, wird mir bewusst, wie viel wir alle haben, worauf andere womöglich neidisch sein könnten. Immer picke ich mir ja für meinen Neid Dinge heraus, die ich nicht habe. Und die ich nicht kann. Materielles und Immaterielles wie bestimmte Fähigkeiten. Immer das also, was mir vermeintlich fehlt. (So werde und bin ich blind für das, was ich kann und habe …)

Auf diese Weise lebe ich und leben viele von uns in einer Dauerneidspirale, die weder mir noch anderen gut tut. Als wären es wirklich Dinge, die uns glücklich machen!

Heute Morgen, beim Duschen, wurde mir auf einmal bewusst, wie viel ich habe: Eine Dusche mit fließend Heißwasser zum Beispiel. Und ich habe einen wunderbaren Liebsten, der diese Tage mit mir verbringt, weil er mich liebt. Und ich habe eine gemütliche Wohnung. Ich habe … und ich bin … sooo viel. Wie ich diesen Gedanken so Raum gab, wurde ich mir bewusst, wie reich ich bin. Doch offenbar reicht dieser Reichtum dennoch nicht aus, mich dauerhaft glücklich machen zu können? (Ist Glück eines der Gegenüber von Depression?)

Es sind innere Schalter und innere Knoten, die uns, sind sie so oder so gedrückt oder geknotet, davon abhalten, uns dem, was ist und wie es ist, hinzugeben. Sie lassen sich auch nicht einfach dadurch verändern und auflösen, dass ich mir ein bisschen mehr Mühe gebe, mich weniger mimosenhaft – kurz: anders – verhalte, auf die Zähne beisse oder was immer noch an Tipps von der Front der Helden kommt, die für alle Probleme eine Lösung haben (die meistens nicht wirklich taugt).

Nein, jahrelang verinnerlichte Programme lassen sich nicht mit ein bisschen gutem Willen verändern (obwohl es wohl schon auch viel Willenskraft ist, die wir brauchen, wenn wir etwas langfristig ändern wollen). Mehr noch als guter Wille verändert mich persönlich und langfristig nur wachsende Selbstliebe und die mit ihr in mir wachsende Erkenntnis, dass ich mir genug bin, dass ich genug bin, so wie ich bin, dass ich genug habe mit dem, was ist.

So abgedroschen Sätze wie diese auch klingen mögen, sind sie doch wahr; sie sind die einzige Möglichkeit, die ich persönlich kenne, der Neidspirale langfristig zu entkommen. Und ja, ich gestehe, ich würde das alles hier gerne anders, schöner, wohlklingender, literarischer ausdrücken können, doch weil ich es nicht kann, ist es so, wie es ist, genug. Gut genug.

Fernweh oder doch eher Heimweh?

Der Liebste ist schuld. Weil er neuliche dieses Huckelpiste-Bild gepostet hat. Eine ganze Flut von Bildern, eine Woge von Erinnerungen an unsere Reise zum Polarkreis hat er damit losgetreten.

Vor sieben Jahren wars. Und ein paar Bilder und die ganzen Texte gibts noch immer im Netz (siehe mein Bilderblog, mein Uraltblog und Irgendlinks Blog (zur Tour).

Schweden ist seit langem mein Sehnsuchtsland. Betrete ich schwedischen Boden ist’s um mich geschehen. Es fühlt sich einfach immer so richtig an, so heimisch, wenn ich dort bin.

Jetzt klicke ich mich einfach mal durch die Bilder von damals. Klickt, klickt, klickt … Bilder gucken ist fast so schön wie reisen. Aber nur fast … Nun ist es um mich geschehen. Ich vergeh’ fast vor Fernweh (oder Heimweh) nach Schweden. Und jetzt weiß ich auch nicht. (Pssst, eine der Optionen für die diesjährigen Sommerferien – allerdings jene, die wir uns eher nicht leisten können – spricht von Schweden. Mal schauen. Manchmal werden Träume ja wahr …)

(Etwa die Hälfte der Bilder sind von Irgendlink, die andern von mir. Die Reihenfolge für einmal zufällig, zufüllig sozusagen, aus der Fülle gepickt.)

→ Klick auf ein Bild und öffne so die Galerie.

 

So viele andere

Nicht nur für mich selbst bin ich viele, wie Pessoa* es seinerzeit so schön formuliert hat. Ich bin auch für alle anderen immer wieder eine andere. Und das nicht nur, weil ich mich A gegenüber anders verhalten als gegenüber B. Nein, auch darum, weil A mich anders sieht als B. Weil A eine andere Perspektive auf mich und das Leben hat als B, weil A bisher andere Erfahrungen gesammelt hat als B.

Bin ich so viele andere?

Oder bin ich einfach nur ein kleines bisschen mehr als die Summe all dieser vielen einzelnen Teile, die ich und die all die anderen von mir sehen, kennen, von mir zu sehen und zu kennen glauben, und aus denen sie und ich aufs Ganze schließen.

Wir glauben zu verstehen. Aber ist verstehen nicht viel größer und viel unmöglicher als wir denken?

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Manchmal sehe ich in anderen Menschen, die ich zu sehen und zu kennen glaube, Dinge – Talente, Kräfte, Potential –, die sie selbst nicht sehen können. Und manchmal sehen andere in mir solche Dinge, für die ich selbst blind bin.

Was also ist wahr? Was können wir wirklich sehen, in anderen, in uns? Da ist mehr Unbekanntes als Bekanntes, sagen die PsychologInnen über die Persönlichkeit von Menschen.

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Innen und außen – wie kongruent sind sie? Bei mir? Bei dir?


* »Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermass an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen.«
aus: Fernando Pessoa, “Livro do Desassossego”, Aufzeichnung vom 20.12.1932