Das Ressourcending | #notjustsad – #Depressionen

Wann immer ich mir und anderen Menschen zuhöre, wenn wir über unsere Beschädigungen sprechen, kommt irgendwann die Rede auf die Kindheit. In Büchern ebenso. Im Internet sowieso. Gerade, wenn es darum geht zu verstehen, warum wir uns selbst so wenig zutrauen. Sind aber eigentlich wirklich immer die Eltern schuld? Müßige Frage. Womöglich tragen sie die Verantwortung für unsere Minderwertigkeitsgefühle und Depressionen, aber tragen sie auch Verantwortung an einem missglückten Leben? Haben sie uns, anders gefragt, für immer die Möglichkeit verbaut, unser eigenes Ding zu machen? An den Ursachen lässt sich nichts mehr ändern; rückwärtsleben geht nicht. Ändern kann ich einzig mein Denken. Und das ist verdammt harte Knochenarbeit, machen wir uns da nichts vor. Da hilft keine Medizin. Einzig ich selbst kann meinen Umgang mit von mir gemachten Erlebnissen schrittweise umgestalten, meine Absichten, meine nächsten Schritte. (Und wenn ich es nicht schaffe, bin ich keine Versagerin, dann war es einfach zu schwer. Das darf sein.) Knochenarbeit, wie gesagt, Schwerarbeit für die Seele. Dazu eine Mutprobe vom feinsten, denn ich muss mich ja erst mal trauen, solche Schritte zu tun. Was aber wenn ich mich aus vielerei Gründen nicht (mehr) traue, mich zu trauen und mir zu trauen? Und ja, natürlich hat auch dieses Mir-nicht-(ver)trauen damit zu tun, wie ich mich als Kind wahrgenommen habe und von anderen wahrgenommen worden bin und wiederum diese Fremdwahrnehmung wahrgenommen und daraus mein Bild von mir selbst gezimmert habe. Aber. Ich bin dennoch die Einzige, die herausfinden kann, ob ich innere Zustände wirklich oder wirklich nicht verändern kann. Mein heutiger Wissensstand sagt, dass ich nur meine Innenausstattung verändern kann, nicht aber meine Innenräume an sich, die Grundausstattung also: meine Hirnchemie, meine Gene, meine Anlagen.

An den Wänden meiner Innenräume hängt die Angst noch sehr prominent. Ich brauche dringend neue Bilder. Bilder mit Sicherheit drauf. Nein, nicht Bilder mit Pseudo-Sicherheiten drauf wie ’Mein Haus, mein Auto, mein Boot’, denn das alles ist letztlich Illusion. Ich weiß es nur zu gut: Jede und jeder von uns kann von jetzt auf gleich alles verlieren – Materie, Erinnerungen und Gedächtnis, Gesundheit, liebe Menschen … Nichts ist wirklich sicher, nichts ist für immer.

Dennoch vermittelt uns alles, was wir haben und was wir tun ein ganz bestimmtes Grundgefühl und wird somit zu einer dieser vielen Wechselwirkungen, die unser Leben formen. Die Summe dieser Grundgefühle ist es, die unser Lebensgefühl hauptsächlich bestimmt. Ob es also eher Grundgefühle von Sicherheit sind oder voller Angst, die uns bestimmen, ist somit entscheidend dafür, wie entspannt und wohl letztlich auch wie glücklich wir leben können. Und wie kraftvoll. Angst frisst Kraft. Je mehr Angst, desto weniger Kraft, sag ich mal ein bisschen salopp.

Ich brauche also, wie gesagt, dringend mehr Sicherheit, Selbstsicherheit. Ich will sie in mir wissen und an sie glauben, zumal sie auf der Liebe zu mir selbst basiert, auf Respekt vor mir selbst inklusive all meiner persönlichen Grenzen, die ich ihr und mir zuliebe ernst nehme.

Womöglich ist es ja – und nein, das ist nicht zynisch gemeint! – sogar eine Ressource, was uns unsere Eltern mitgegeben haben. Gutes ebenso wie all die Fehler, all  also, das uns für eine gesunde Entwicklung fehlte. Wie jetzt? Wir sollen das Versagen unserer Eltern und unserer Bezugspersonen uns gegenüber als mögliche Ressourcen zu sehen?

Seit vielen Jahren kaue ich an diesem bitterschmeckenden Satz, den mir mal eine ziemlich kluge Person mit auf den Weg gegeben hat. Und ich weiß noch nicht so genau, ob er wahr ist. Wahr aber ist, dass ich ohne manche gemachten bitteren Erfahrungen nicht die und nicht so wäre, wie ich heute bin. (Und das versuche ich jetzt, als Kompliment von mir an mich zu verstehen.)

Einfach so

Wenn ich grad mal nicht Bewerbungen schreibe, am neuen Romanprojekt arbeite, ein Buch lese, im Haushalt schufte, einkaufe oder spazierengehe, bin ich oft am Kritzeln. Abends auf dem Sofa vor allem. Das Ziel ist eigentlich immer runterzukommen, mich zu entspannen.

Ich denke dabei nichts, ich verfolge kein Ziel. Ich überlasse das Kritzeln meiner rechten Hand. Es ist ein bisschen wie Écriture automatique, das automatische Schreiben, das eine Schreibmethode, bei welcher Bilder und Gefühle so unzensiert wie möglich wiedergegeben werden sollen. Dabei wird der Stift nicht abgesetzt. Geschrieben wird pausenlos, ohne Nachzudenken. Beim Kritzeln halte ich es sehr ähnlich. Meine Hand kritzelt einfach vor sich hin.

Gestern hatte ich mein Gekritzel sogar fotografiert und mit einige Apps nachbearbeitet. Die nachfolgende Version hier mag ich besonders. Weil sie grad so meinen Zustand – irgendwo zwischen fluffig-schwebend-ungeordnet und doch irgendwie strukturiert – wiedergibt.

Auf einmal habe ich in obigem Bild einen Indianerkopf entdeckt, der sich eingeschlichen hat. Sogar doppelt, von oben und von unten.

Ich bin als Hinschauerin geboren worden. Schade, dass das kein Beruf ist. Oder doch?

#Depressionen – Drüber reden hilft | #notjustsad

»Nicht-Betroffene äußern gern mal – und das ist kein Vorwurf – in ihrer Rat- und Verständnislosigkeit Dinge wie: Aber der/die hatte doch alles. Talent. Erfolg. Familie. Geld. Es gab doch gar keinen Grund.

Genau da liegt das große Missverständnis, weshalb sich viele so schwertun, eine Depression wenigstens annähernd zu begreifen: Es gibt keinen äußeren Grund. Es gibt eine Hirnchemie, die nicht das tut, was sie tun sollte. Hormone, die in die falsche Richtung flitzen. Manchmal werden solche Zustände von außen verstärkt, aber diese Verstärker sind nicht die Gründe für die Krankheit.«

So schreibt Zoë Beck in ihrem Blogartikel Schwarz, innen über Menschen mit Depressionen. Über Menschen wie sie und ich.

»Niemand redet gern darüber, weil es so schwer ist, anderen verständlich zu machen, was da in einem vor sich geht. Es ist unlogisch, irrational. Aber vor allem redet niemand gern darüber, weil die Reaktionen auf diese Krankheit fürchterlich sind. Dass Menschen, die nicht selbst betroffen sind, Schwierigkeiten haben, diesen Zustand nachzuvollziehen – geschenkt. Ich weiß nicht, wie sich ein gebrochener Arm anfühlt, ich hab mir noch nie was gebrochen. Wovor ich Angst habe, wenn ich darüber spreche: dass man mich für „schwach“ hält. Dass man mich abschreibt. Dass ich keine Jobs mehr bekomme. Dass man mich behandelt, als wäre ich nicht zurechnungsfähig. Solche Sachen. «

Zum Glück gibt es sie doch, jene Menschen, die darüber reden. Immer wieder. Ein wenig da, und ein wenig dort. Auch bei Viktoria habe ich einen Beitrag zum Thema gefunden. Ihr geht es darum, Ursachen zu benennen; herauszufinden, woher es kommt, dass immer mehr Menschen depressiv werden. Sie benennt den Druck von außen, der mehr geworden ist und sie schreibt über die Schere, die sich immer weiter geöffnet hat.

»Der Neoliberalismus hat den Kapitalismus auf die Spitze getrieben, indem alles auf den Gewinn ausgerichtet wurde, inklusive der Menschen selbst. Je mehr Geld jemand erwirtschaftet, umso anerkannter ist er in der Gesellschaft, umso mehr Macht steht ihm zu. Dass es bei diesem Spiel nur wenige Gewinner und viele Verlierer gibt, ist den meisten Menschen deshalb nicht bewusst, weil es eben anders als früher nicht bloß eine herrschende und mehr oder weniger eine unterdrückte Klasse gibt, sondern der fortgeschrittene Kapitalismus die unteren Klassen schlichtweg ausgesplittet und gegeneinander aufgehetzt hat. […] Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist der Ursprung vieler Depressionen.«

Nun ja, Ursachen und Auslöser gibt es unzählige. Und wir sind so viele. Umso wichtiger ist doch, dass wir uns nicht schämen, nicht verstecken. Und dass wir nicht aufhören, zu wissen und zu erkennen, wer wir sind. Dass wir mehr sind als die Depression, auch wenn sie Teil von uns ist.

Wie sagte Herr Bock noch mal so schön? ’Als depressiver Mensch kannst du alles, nur nicht einfach so. Und schon gar nicht immer. Und manchmal gar nicht.’

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Verrückt ist, dass immer alle anderen besser wissen, was wir brauchen, wenn es uns schlecht geht. Zoe beschreibt das so:

»Man riet mir zu Sport, Johanniskraut, Lichttherapie, Urlaub, Hormonen, keinen Hormonen, Tabletten, keinen Tabletten, mehr schlafen, weniger schlafen, zu bestimmten Tees und Vitaminen und Ölen und Duftkerzen. Man riet mir so viel.«

Was ich sagen will? Depression ist, wie jede andere Krankheit und insbesondere jede andere psychische Krankheit von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Angefangen, wie gesagt, bei den Auslösern – inneren ebenso wie äußeren – bis hin zur Therapie. Darum es ist müßig, zu vergleichen. Schmerzen lassen sich eh nur bedingt messen und vor allem werden sie – körperliche ebenso wie mentale – von Mensch zu Mensch unterschiedlich wahrgenommen. Was dem einen brutal weh tut, steckt die andere scheinbar locker weg. Und selbst diese Wahrnehmung kann sich ändern. Früher ertrug ich vieles besser, länger, war womöglich auch einfach strenger und härter zu mir selbst, forderte mir mehr ab, heute bin ich wehleidiger (ach, gäbe es hierfür doch ein wertfreieres Wort!) und schneller an meiner Belastungsgrenze.

Nur wenn wir uns und unsere Grenzen ernst nehmen, wenn wir dazu stehen, dass wir diesen Druck  – äußeren ebenso wie inneren – nicht mehr ertragen können und wollen und wenn wir uns für uns einsetzen, kann sich für uns persönlich aber auch gesellschaftlich etwas verändern. (Und ja, ich weiß, dass das in Zeiten einer depressiven Episode oft nicht geht … aber es geht womöglich vorher & nachher.) Drüber reden hilft.

Manches schon, manches nicht – Gedanken zum Heilwerden

Bei einem Auto spricht man ja davon, ob es sich noch lohnt, es zu reparieren. Etwa dann, wenn sich die Kosten für die Reparatur denen für die Anschaffung eines neuen (Gebraucht-)Wagens annähern oder sie gar überschreiten. Selbst dann, wenn der Schaden womöglich mit großem Aufwand repariert werden könnte, wird das kaputte Auto oft lieber ersetzt. Es hängt vom Menschen ab, dem das Auto gehört, ob er in eine Reparatur oder in eine Neuanschaffung investieren will. Oder ob er ohne Auto leben will.

Metaphern wie diese lassen sich nur bedingt aufs Menschsein übersetzen. Zumal sich der Wert eines Autos nicht mit dem eines Menschenlebens messen lässt. Auch ist ein menschlicher Körper weitaus komplexer als ein Motor. Dennoch gibt es auch bei einem kranken Menschen diesen einen Moment, diesen einen Punkt, und jemand spricht die Worte ’unheilbar krank’ aus.

Doch wann gilt ein Mensch als unheilbar krank und wer trifft diese Entscheidungen und sind sie wirklich wahr? Welche Grenze muss überschritten sein, damit wir das Therapieren aufgeben und nur noch danach trachten, Schmerzen auf ein Minimum zu reduzieren?

Körperlich-physisch lässt sich vielleicht ein klein wenig besser definieren und beobachten, wann der Punkt erreicht ist, wenn – bezogen auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse und berufliche Erfahrungen – nichts mehr gemacht werden kann. (Von Wundern mal abgesehen.)

Wie aber sieht es bei psychischen Krankheiten aus? Wann gilt jemand mit einer psychischen Einschränkung als austherapiert?

Ich frage mich, ob meine Eingeschränktheit in Sachen mentaler Belastbarkeit, die sich durchaus auch körperlich bemerkbar macht, heilbar, veränderbar ist oder ob sie zu jenen nicht mehr veränderbaren, heilbaren Dingen gehört, die ich einfach als gegeben akzeptieren muss. Einer Amputation gleich – ein Bild, das so unzutreffend gar nicht ist.

Mit ’mir mehr Mühe geben’, mit Ausdauertraining und mit ’es nur richtig wollen’, wächst zwar kein amputiertes Glied nach, aber ich kann manchmal und punktuell etwas erreichen. Dennoch gehe ich dabei immer wieder über meine Grenzen. Und es stellt sich die Frage, was damit erreicht ist.

Ist es nicht, wie gesagt, vielmehr wichtig, zu akzeptieren, dass etwas eben so ist, wie es ist?
Zu akzeptieren, dass ich das Putzen meiner kleinen Wohnung immer auf zwei Tage verteilen muss, weil ich es an einem einzigen kräftemäßig nicht schaffe.
Zu akzeptieren, dass ich nicht mehr länger als vier Stunden am Stück am PC sitzen kann, weil ich bei mehr Zeit im Sitzen Schmerzen bekomme.

Akzeptieren ist für mich so oder so die einzige Möglichkeit mit Schwierigkeiten umzugehen. Wenn ich denn nicht verbittern will. Selbst dann, wenn etwas wieder besser werden sollte. Wie bei meiner Schulter (frozen shoulder), die nach vielen Monaten Schmerzen und Unbeweglichkeit dank gezielter Physiotherapie und schmerzhaften täglichen Trainings nun langsam wieder beweglich geworden ist (zu 95% von 100% wieder hergestellt).

Manches ist heilbar, manches nicht.

Immer jetzt

Eigentlich muss man, um morgens gut und gerne aufstehen zu können und wirklich gerne und lebendig leben zu wollen, mit mehr Vehemenz an eine gute lebenswerte Welt – innen ebenso wie außen – glauben als an eine kaputte. Oder man muss wütend genug sein, sie auf den Kopf stellen zu wollen.

rote JohnannisbeerenWie auch immer: im Moment stehe ich morgens ziemlich gerne auf.

Jetzt.

Wenn ich es schaffe, den zensurierenden und nörgelnden Stimmen mein großes Jetzt entgegenzulachen, geht es mir eigentlich ganz gut. Wenn ich den grübelnden Stimmen, die mehr Fragen stellen als ich je Antworten haben werde, ein Jetzt ins Ohr flüstere, kann ich manchmal, jetzt, einfach sein. Einfach sein ist allerdings gar nicht so einfach. Nicht für mich jedenfalls.

Dennoch: Es hat in mir drin Macht gewonnen, dieses Jetzt. Es hat sich mit der Sonne, dem Wind und dem Grün der Bäume verbündet und es tut so, manchmal jedenfalls, als wäre jetzt alles gut.

Und wenn ich es dann frage, mein Jetzt, ob es denn alles wäre, was zählt, lacht es nur. Schließlich sagt es, dass wir Menschen trotz ihm nicht ohne Verantwortung unserer Mitwelt gegenüber seien. Dass die anderen Wesen in ihren Jetzt-Blasen dennoch relevant seien, verwandt, verbunden. Es sei vielmehr so, dass nicht Jetzt alles sei, sondern alles Jetzt. Alles im Jetzt gebündelt. Viele Folien, viele Dias übereinander, oder auch viele Wollschichten, ein einziges großes Gefilze.

Wir alle unentrinnbar im Jetzt verdichtet.

Wie die Johannisbeeren, die ich jetzt zu Marmelade verkochen, verdichten werde und die mir immer Winter von der Sommersonne erzählen können.

Die Neidspirale oder Das Habenwollending

Die Mützenfalterin hat heute einen Auszug aus Knausgårds letztem Buch ’Kämpfen’ zitiert, in welchem sich seine Frau Linda Teil eines größeren Kontextes zu sein wünschte, eine Großfamilie im Park beneidete, die offenbar Teil eines solchen zu sein schien.

Ich gestehe, dass ich diesen Neid bestens kenne. Für mich muss es allerdings keine Großfamilie sein wie im Falle Lindas, die sich verspricht, in dieser verschwinden zu können. (»Stell dir vor, wir hätten etwas, worin wir verschwinden könnten!«). Ich meine, für mich könnte es auch ganz einfach eine kleine Familie sein. Hauptsache etwas, worin ich verschwinden kann. (Danke, Linda, für diesen Denkanstoß.)

Aber mit dem In-etwas-hinein-Verschwinden ist es ja so eine Sache: Verschwindet man wirklich darin, will man es auf einmal doch nicht mehr, auf einmal will man gesehen werden.

»… und was er hat, das will er nicht, und was er will, das hat er nicht …«, weiß ein Kinderlied, das wir oft gesungen haben.

Wie ich über dieses Phänomen der latenten Unzufriedenheit, das ich von mir und anderen sehr gut kenne, nachdenke, wird mir bewusst, wie viel wir alle haben, worauf andere womöglich neidisch sein könnten. Immer picke ich mir ja für meinen Neid Dinge heraus, die ich nicht habe. Und die ich nicht kann. Materielles und Immaterielles wie bestimmte Fähigkeiten. Immer das also, was mir vermeintlich fehlt. (So werde und bin ich blind für das, was ich kann und habe …)

Auf diese Weise lebe ich und leben viele von uns in einer Dauerneidspirale, die weder mir noch anderen gut tut. Als wären es wirklich Dinge, die uns glücklich machen!

Heute Morgen, beim Duschen, wurde mir auf einmal bewusst, wie viel ich habe: Eine Dusche mit fließend Heißwasser zum Beispiel. Und ich habe einen wunderbaren Liebsten, der diese Tage mit mir verbringt, weil er mich liebt. Und ich habe eine gemütliche Wohnung. Ich habe … und ich bin … sooo viel. Wie ich diesen Gedanken so Raum gab, wurde ich mir bewusst, wie reich ich bin. Doch offenbar reicht dieser Reichtum dennoch nicht aus, mich dauerhaft glücklich machen zu können? (Ist Glück eines der Gegenüber von Depression?)

Es sind innere Schalter und innere Knoten, die uns, sind sie so oder so gedrückt oder geknotet, davon abhalten, uns dem, was ist und wie es ist, hinzugeben. Sie lassen sich auch nicht einfach dadurch verändern und auflösen, dass ich mir ein bisschen mehr Mühe gebe, mich weniger mimosenhaft – kurz: anders – verhalte, auf die Zähne beisse oder was immer noch an Tipps von der Front der Helden kommt, die für alle Probleme eine Lösung haben (die meistens nicht wirklich taugt).

Nein, jahrelang verinnerlichte Programme lassen sich nicht mit ein bisschen gutem Willen verändern (obwohl es wohl schon auch viel Willenskraft ist, die wir brauchen, wenn wir etwas langfristig ändern wollen). Mehr noch als guter Wille verändert mich persönlich und langfristig nur wachsende Selbstliebe und die mit ihr in mir wachsende Erkenntnis, dass ich mir genug bin, dass ich genug bin, so wie ich bin, dass ich genug habe mit dem, was ist.

So abgedroschen Sätze wie diese auch klingen mögen, sind sie doch wahr; sie sind die einzige Möglichkeit, die ich persönlich kenne, der Neidspirale langfristig zu entkommen. Und ja, ich gestehe, ich würde das alles hier gerne anders, schöner, wohlklingender, literarischer ausdrücken können, doch weil ich es nicht kann, ist es so, wie es ist, genug. Gut genug.

Fernweh oder doch eher Heimweh?

Der Liebste ist schuld. Weil er neuliche dieses Huckelpiste-Bild gepostet hat. Eine ganze Flut von Bildern, eine Woge von Erinnerungen an unsere Reise zum Polarkreis hat er damit losgetreten.

Vor sieben Jahren wars. Und ein paar Bilder und die ganzen Texte gibts noch immer im Netz (siehe mein Bilderblog, mein Uraltblog und Irgendlinks Blog (zur Tour).

Schweden ist seit langem mein Sehnsuchtsland. Betrete ich schwedischen Boden ist’s um mich geschehen. Es fühlt sich einfach immer so richtig an, so heimisch, wenn ich dort bin.

Jetzt klicke ich mich einfach mal durch die Bilder von damals. Klickt, klickt, klickt … Bilder gucken ist fast so schön wie reisen. Aber nur fast … Nun ist es um mich geschehen. Ich vergeh’ fast vor Fernweh (oder Heimweh) nach Schweden. Und jetzt weiß ich auch nicht. (Pssst, eine der Optionen für die diesjährigen Sommerferien – allerdings jene, die wir uns eher nicht leisten können – spricht von Schweden. Mal schauen. Manchmal werden Träume ja wahr …)

(Etwa die Hälfte der Bilder sind von Irgendlink, die andern von mir. Die Reihenfolge für einmal zufällig, zufüllig sozusagen, aus der Fülle gepickt.)

→ Klick auf ein Bild und öffne so die Galerie.

 

So viele andere

Nicht nur für mich selbst bin ich viele, wie Pessoa* es seinerzeit so schön formuliert hat. Ich bin auch für alle anderen immer wieder eine andere. Und das nicht nur, weil ich mich A gegenüber anders verhalten als gegenüber B. Nein, auch darum, weil A mich anders sieht als B. Weil A eine andere Perspektive auf mich und das Leben hat als B, weil A bisher andere Erfahrungen gesammelt hat als B.

Bin ich so viele andere?

Oder bin ich einfach nur ein kleines bisschen mehr als die Summe all dieser vielen einzelnen Teile, die ich und die all die anderen von mir sehen, kennen, von mir zu sehen und zu kennen glauben, und aus denen sie und ich aufs Ganze schließen.

Wir glauben zu verstehen. Aber ist verstehen nicht viel größer und viel unmöglicher als wir denken?

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Manchmal sehe ich in anderen Menschen, die ich zu sehen und zu kennen glaube, Dinge – Talente, Kräfte, Potential –, die sie selbst nicht sehen können. Und manchmal sehen andere in mir solche Dinge, für die ich selbst blind bin.

Was also ist wahr? Was können wir wirklich sehen, in anderen, in uns? Da ist mehr Unbekanntes als Bekanntes, sagen die PsychologInnen über die Persönlichkeit von Menschen.

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Innen und außen – wie kongruent sind sie? Bei mir? Bei dir?


* »Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermass an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen.«
aus: Fernando Pessoa, “Livro do Desassossego”, Aufzeichnung vom 20.12.1932

Umwucht

Rundlaufen wäre das Ziel, sagen sie. Ausgewogen, ausgewuchtet, so muss es sein. Ich aber eiere. Zu viel Umwucht. Eigentlich war das schon immer so. Ich habe, wäre ich Rad, eine hässliche Acht. Hätte eine Delle, einen Knick in der Außenwand wäre ich eine Kugel. Ich eiere, laufe nicht rund.

Nun ja, wer sagt, dass Rundlaufen das Wahre ist? Bloß weil es rundläuft, weil es bequem ist und wir beim Rundlaufen nirgends anecken?

Was ist das Wahre?

Meine Normalität ist das Eiern. Und ja, es ist anstrengend, verdammt anstrengend. Weil, eiernd kannst du keine Bahn halten, wirst immer in die eine oder andere Richtung rollen ohne es zu wollen. Eiernd bist du ziellos.

Unfassbar. Unhaltbar.
Eiernd rollst du davon.

Grenzenlos

Manchmal frage ich mich ja schon, wie das mit den Hühnern, den Eiern und den Menschen wirklich ist. Also wirklich, meine ich. Und ob da zuerst der unzufriedene Mensch war, der seine Gehässigkeiten in die Welt hinauswirft oder ob es vorher, zuallererst, dafür noch einen Grund braucht. Einen, der die folgenden Gehässigkeiten halbwegs nachvollziehbar macht. Und ich frage mich auch, wer für diesen Grund verantwortlich ist. Und wer wir sind, wir Menschen, dass wir uns alles erlauben. Dass wir uns alles erlaubt haben. (Ist ja nichts ganz neues.) Alles möglich gemacht, haben wir uns; alles, das möglich ist. Und ob das für uns eher gut ist oder ob es schlussendlich eher zerstörerisch wirkt. Dass wir alles können, heißt ja nicht, dass wir alles tun müssen, was wir könnten. (Na ja, fast alles.) Aber Fakt ist, dass alles möglich ist. In der Kunst ebenso wie im Alltagsleben. (Na ja, fast alles.)

Ist es, weil wir keine Definitionen mehr kennen, weil wir den Definitionen ihre Gültigkeit verboten haben, ihnen ihre Inhalte genommen haben?

Und wann eigentlich sind wir Menschen so krass extrem geworden? Hängt es damit zusammen, dass wir immer mehr Halbwissen und immer weniger wirkliches Wissen mehr haben?

Und weil wir nichts mehr wirklich wissen – wie auch, wo wir doch viel zu viele Quellen haben, um noch zu wissen, zu sehen, zu erkennen, zu schmecken, welche von ihnen gutes Wasser hat und welches Wasser uns schaden wird – trauen wir allem und niemandem mehr. Und selbst wenn jemand gründlich recherchiert (ja, das gibt es noch immer in dieser postfaktischen Zeit), ist der Wahrheitsgehalt letztendlich Vertrauenssache. In einer misstrauischen, sarkastisch-zynischen Welt.

Wer sagt, was geschrieben und gedruckt wird? Und wer, was verschwiegen wird und warum?

Wir leben zwar in einer (fast resp. theoretisch) zensurfreien Welt, hier im Westen, aber auch Selektion ist eine Form von Zensur.

Ob sie einer der Gründe für die heute fast alltäglich gewordenen Gehässigkeiten ist?

(Ach und gerade frage ich mich, sehr un|zeitgeistig allerdings, ob Grenzen wirklich so schlimm sind.)