Weiterleben irgendwie

Ich habe ständig Kopfweh und bin erschöpft. Bin zerstreut und vergesslich. Ferienreif. Und ich fühle mich immer ein bisschen neben der Spur. Gut, das mag wohl alles auch damit zusammen hängen, dass der Liebste ans Nordkap radelt und alles so spannend ist, aber ich glaube, da steckt mehr dahiner.

Ich ahne, dass da noch ein weiterer Abschied dahinter steckt.

Tage, nachdem ich die letzten Sätze meines Manuskripts (Teil eins, autobiografische Essays) geschrieben habe, stelle ich fest, dass mir etwas Essentielles fehlt. Der tägliche Schreibflow.

Vielleicht wird darum das hier mein neues letztes Buchkapitel?

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Und wenn sie nicht gestorben ist, schreibt sie heute noch? Heute, ein paar Tage nach der Vollendung des letzten Kapitels, begreife ich, wie schwer mir der Abschied fällt. Von diesem intensiven Schreibprozess ebenso wie von alldem, was er bei mir ausgelöst hat. Das Schreiben an sich, vor allem aber dieser liebevolle regelmäßige und sehr dichte Hinblick, die Konzentration auf meine Erfahrungen und mit ihr dieses Innehalten. All das beeinflusste meinen Alltag, meine Befindlichkeit, sogar meine Kommunikation. Es floss in meine Mails hinein. Und jetzt – wie soll ich sagen? – jetzt fehlt es mir. Ähnlich wohl, wie mir Irgendlink fehlt, der heute Halle an der Saale erreichen und dort den lieben Emil besuchen wird.

Das biografische Schreiben ist mir eine liebevolle Freundin geworden. Eine, die mir täglich den Spiegel hingehalten hat.

Jetzt, in dieser postscriptalen Phase, werde ich vermutlich wieder mehr zur Tagebuch- und Mailschreiberin. Und zur Bloggerin. Was ich alles vorher schon war, aber in den letzten schreibintensiven Monaten vernachlässigt habe.

Und jetzt … jetzt, stelle ich fest, dass mein vielgerühmter Synchronisationsprozess, über den ich ja immer wieder geschrieben habe, bei mir definitiv ans Schreiben, ans biografische Schreiben gekoppelt ist. Ich verstehe endlich, wie sehr ich mich schreibend synchronisiere, wie sehr mich Schreiben erdet und zentriert. Schreiben ist mir Atmen, ist mir Denken, ist mir Ruhen geworden. Je länger je mehr.

Da ist nun diese unangenehme Leere, die an Abschied erinnert. Die sich wie jenes Fremdsein in der alten, nun leeren Wohnung nach einem Umzug anfühlt, ein klein bisschen sogar wie das Ende einer Freundschaft.

Anders gesagt: Ich bin auf Entzug.
Und noch anders gesagt: Ohne Schreiben kann ich nicht leben.

Wie ich nun mit dieser Leere umgehen werde, mit dieser ganz konkreten? Ich weiß es noch nicht. Zumal das Buch ja noch nicht fertig ist. Es folgt ja noch Teil zwei. Das erste der drei bis vier geplanten Gespräche mit anderen Gewaltbetroffenen ist aufgezeichnet; ein Tondokument, das ich aufschreiben werde – und als Gespräch ins Buch integrieren. Das zweite Gespräch ist bereits geplant. Ich wünsche mir drei bis vier Gespräche als Ergänzung zu meiner Geschichte, damit „Weiterleben“ noch mehr zu dem Mutmach-Buch werden kann, das ich mir vorstelle. Und damit Menschen, die es lesen – ob sie nun ähnliche Dramen wie ich erlebt haben oder andere – ahnen, dass es manchmal zwar lange dauern kann, bis ein Leben vom „Status: Überleben“ zum „Status: Weiterleben“ wechselt. Aber, und das ist wichtig, dass es möglich ist. Bei mir, bei andern. Und bestimmt auch bei meinen zukünftigen Buchleserinnen und -lesern.

Innehalten

Kann man ein Buch so (und ähnlich und anders) schreiben, was meint ihr?

Eine kleine Kostprobe aus meinem aktuellen Buchprojekt:

Kapitel 97_ […] Auf den Großtierzoo von Järvsö übersetzt: haben es jene Tiere leichter, die resigniert haben und sich mit den zugegeben riesigen Gehegegrenzen abfinden oder jene, die ständig in der Nähe der Grenzen herumschleichen, hoffend sie öffnen sich. Wenn ja, was dann? Was würden sie mit jener Freiheit anfangen. Da haben es wohl die in Gefangenschaft geborenen leichter.

In Gefangenschaft geboren – wie ich. Wie wir alle. Gefangen. Dochdoch, mir geht’s gut, danke. Ich habe ja frei, Urlaub. Neinnein, es ist nicht die Arbeit, die mich gefangen hält.

Illusion beides, die Gefangenschaft ebenso wie die Freiheit. Nur das Leben, das ist echt. Die Elche, Wölfe und Rentiere ebenso. Und ich auch.

Auf der Weiterreise Richtung Süden denke ich oft: Ich will da ja gar nicht hin, wo ich hinfahre. Ich will hierbleiben. Oder zumindest endlich herausfinden, was ich wirklich will. Und mir klarwerden, was Freiheit, meine persönliche Freiheit bewirken kann. Gas- und Bremsfuß sind sich uneinig.

Natürlich siegt die Vernunft. Siegen Pflichtbewusstsein und der Ruf der Normalität. Wir kehren eines schönen Samstagabends wieder auf den Hof zurück. Seltsame Zwischenwelt. Wieder da. Noch nicht da. Noch nicht Alltag.

Der Alltag holt mich erst am Montagmorgen wieder ein. Im Büro. Wie nach einer Einweihung fangen die eigentlichen Herausforderungen erst dort an, wo wir diese unfassbare Zwischenwelt des Geprüftwerdens wieder verlassen.

Was will ich hier? Der Kehrreim meines Lebens holt mich nach der Reise durch Skandinavien mit einer Wucht ein, die ich nicht erwartet hätte. Was will ich wirklich? Was will ich mit meinem Leben?

[Kapitel 98_ …]

Kapitel 99 _ Hier. Jetzt. Ende Mai 2015. Draußen ein Tag, der nicht so recht weiß, was er will. Ein bisschen Sonne, ein bisschen Sturmwind, Hochnebeldecke mit blauen Klecksen. Kurz nach eins. Ich bin seit Stunden am Schreiben. Zwischendrin kam K., mein Exmann, der ebenfalls wieder glücklich liiert ist, vorbei, um eine Pflanze, die ich ihm versprochen hatte, abzuholen. Danach telefonierte ich lange mit Irgendlink, der gestern nach zehn Tagen gemeinsam verbrachter Zeit wieder nach Hause gefahren ist.

In drei Wochen wird er aufbrechen und ans Nordkap radeln. Diesmal, so ahne ich, wird er es schaffen. Vor zwanzig Jahren drehte er um, weil sie, sein Freund P. und er, keine Lust mehr hatten, dem kalten, regnerischen Wetter zu trotzen. Vor fünf Jahren drehten wir beide um, weil wir zu wenig Zeit im Gepäck hatten.

Doch diesmal radelt er früher im Jahr los. Nur auf sich selbst gestellt, allein, aber mit einer Gruppe Menschen im Rücken, die mitfiebern werden. [Hier kann man seinen Rücken stärken: → klicken!]

Nicht dass er nicht wieder umdrehen dürfte, das darf er. Er kann scheitern. Er darf scheitern. Auch das habe ich von ihm gelernt. Zu scheitern ist kein Makel. Auch schwach zu sein, auch um Hilfe zu bitten, nicht. Er darf seinen Weg so gehen, wie er will. Und er geht seinen Weg so, wie ihn außer ihm niemand gehen kann. Das ist wohl – in Kurzform – etwas vom wichtigsten, was ich in den letzten Jahren gelernt habe. Und es ist wohl das, was hinter dem Satz, dass das Leben ein Geschenk sei, in Wirklichkeit steckt. Nur ich kann so, wie nur ich kann. Im falschen Tontopf habe ich zu lange gesteckt. In der falschen Ecke des Gartens gestanden. In den falschen Schuhen bin ich gewandert. Zu lange.

Es ist die Liebe zu mir selbst, die mir geholfen hat, endlich die zu sein, die ich immer schon gewesen bin. Und es ist diese Fähigkeit, die mir letztes Jahr bei Pilgern endlich nachgewachsen ist: Dass manche Dinge nicht zu ändern sind. Und darum einfach zu akzeptieren. Ohne zu hadern.

Einfach ja sagen. Einfach? Nun ja, einfach ist nicht einfach. Aber es tun, tut gut.

Zufällig

Ob zufällig oder nicht, zurzeit stolpere ich über Bücher, die keine Krimis und weder belletristische noch hochgeistige Literatur sind, auch nicht klassische Biografien. Eher so Bücher, wie das, woran ich selbst arbeite. Bleuel_raushier Biografische Essays, Ausschnitte, Lebensabschnitte, Hinblicke, Einblicke. Das eine habe ich heute auf Onleihe entdeckt: Ich will raus hier. Nataly Bleuel beschreibt den Moment in ihrem Leben, als sich alles wendete und das, was danach kam. Diese Sehnsucht nach dem Leben, das sich vom Leben im Hamsterrad unterscheidet.

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Auch Milena Mosers neues Buch geht in eine sehr ähnliche Richtung. Sie schreibt in Das Glück sieht immer anders aus über ihre Reise durch die USA, in der sie sich von ihrer Erschöpfungsdepression oder was immer es war, erholt und sich selbst und ihrer inneren Stimme wieder gehorchen will.

Bücher über Wandlungen mochte ich schon immer.

Und nun übergebe ich Nataly Bleuel das Wort:

bleuelraus

Und ihr? Was braucht es, damit ein Buch, ein persönliches Buch, euch berührt?

Ausgelesen #2 – Druckstaueffekt von Sabine Wirsching

Selten hat mich ein Buch so überrascht, positiv überrascht.

DruckstaueffektcoverIch gestehe, dass ich – trotz der tollen Lesung letzten Herbst in Hamburg – ein klein bisschen Bammel vor diesem Buch hatte. Was kann man schon über die promiskuitive Liebe schreiben, dass nicht irgendwie wiedergekaut, trivial oder platt daherkommt. Und dann das!

Ein literarisch anspruchsvolles Buch, das dazu meinen haptischen und ästhetischen Ansprüchen, die ich bisweilen an ein Buch habe, gerecht wird. Das meine Augen und meine Hände verwöhnt. Außen und innen ist das Buch wie aus einem Guss.

Lesen!

Ein paar weitere inhaltliche Impressionen gibt es hier → klicken
und hier → klicken
und hier ebenfalls → klicken

Danke, Sabine, dass du dieses Buch geschrieben hast. Auch wenn ich nicht in Berlin lebe, gibt es doch ein paar ähnliche Erfahrungen in meinem Leben. Und ein paar ähnliche Erkenntnisse. Mehr verrate ich hier aber nicht.

Worum es geht?

Na, um die Suche. Nach der Liebe im allgemeinen, und jener zu sich selbst im speziellen. Aber das hört sich leichter an, als es ist.

Lesen! (Oh, ich wiederhole mich …)

DefinitionDruckstaueffekt

Ausgelesen #1 – Wiederholte Verdächtigungen von Jutta Reichelt

(M)eine neue Buchbesprechung gibt es hier → klicken!

KLM_151_LAY_Reichelt.inddEine weitere Besprechung des Buches gibt es auch bei Sätze und Schätze, wo ich das Bild geklaut habe. Dort habe ich auch das nachfolgende Zitat ausgeliehen, denn ich musste über die gleiche Stelle im Buch schmunzeln:

Wer bereits den Blog von Jutta Reichelt kennt, wird das eine oder andere déjà vu-Erlebnis haben – schmunzeln musste ich, als Katharina ihrer Nachbarin, der psychologischen Psychotherapeutin, die selbst einen Krimi schreiben will, einen Schreibratgeber ausleihen möchte.

Ein Buch, das ich sehr und herzlich empfehlen kann.

Einen Hörbeitrag dazu, gelesen von Emil auf Radio Corax, gibt es → hier.

richtig sterben | vorgelesen

Ich bin begeistert und berührt … und ja, ich fühle mich geehrt. Eben habe ich ein sehr großes Geschenk bekommen, das ich nicht für mich behalten kann.

In der letzten „Buchfink“-Sendung, einem Literatur zum Hören-Ohrenschmaus der feinen Art, die das freie Radio Corax allzweiwöchentlich ausstrahlt, hat Moderator und Mitblogger Emil meinen Blogartikel „richtig sterben?“ vorgelesen.

Hier könnt ihr ihn und ihn hören.

Danke, lieber Emil, für deine wunderbare Lesung.

Eigentlich mal wieder

Eigentlich sollte ich eine Buchbesprechung schreiben, eine die ich der Autorin versprochen habe. Im Blog oder auf einer meiner Webseiten. Eine moralische Pflicht. Weil ich gesagt habe: Ich mach das. Und weil ich ein kostenloses Rezensionsexemplar bekommen habe.

Ihr kennt das Dilemma: Der Lesegeschmack hat sich geändert. Das wäre vielleicht die neutralste und netteste Umschreibung für: Ich mag das Buch nicht wirklich.

Andererseits, ich gestehe es, ist es ja so, dass ich es verschlungen habe. (Was das wohl jetzt über mich aussagt?)

Und genau das ist auch ein Dilemma: Ich habe das Buch ja nur deshalb verschlungen, weil es so leicht verschlingbar ist, leicht verdaulich, leicht lesbar und nirgends blieb etwas wirklich hängen. Das Buch hat keine Kanten. Die Handlung ist vorhersehbar. Ein bisschen wie RTL, das ich – zu meiner Schande sei’s gesagt – zum Glück nur vom Hörensagen kenne.

Die Geschichte folgt einem gewohnten Spannungsbogen – ähnlich den Vorgängerbüchern dieser Krimi-Serie. Die Figuren kenne ich inzwischen. Die weibliche Hauptfigur ist trotz ihrer schlimmen Vergangenheit eine reine, liebe, nette, moralisch einwandfreie Frau, die ihrem Partner, der Fahnder bei der Kriminalpolizei ist, sogar verzeiht, als er mit ihr umspringt, wie man mit mir nicht umspringen dürfte. Statt ihn in die Wüste zu schicken, hofft sie nur, dass er sich nicht von ihr trennt. Nun ja …

Ihre mit Abstand größte Schwäche ist die, dass sie immer wieder auf eigene Faust ermittelt, weil sie jemandem helfen will oder muss, und sich so, auch in diesem Band wieder, immer mal in Lebensgefahr begibt. Auch diesmal wird sie schlussendlich gerettet und nimmt schließlich den Heiratsantrag ihres Polizisten an. Ooops. Hätte ich nicht verraten sollen. Wobei. Man weiß das ja ab dem Moment, wo er ihr in der Mitte des Buches den Ring gibt.

Die beiden Bösen haben zwar schon einen Grund, dass sie so böse geworden sind, natürlich, und es gibt sogar ein nachvollziehbares Motiv, ein ökologisches sogar, aber dennoch sind die beiden so schwarzweiß in ihrem optischen, sprachlichen und sozialen Auftreten dargestellt, so zweidimensional, so klischeehaft, dass ich zunehmend frustrierter bin, je mehr ich lese, und immer auf etwas mehr Grautöne hoffe. Mir reicht das nicht.

Beim ersten Buch der Autorin war ich gnädig, es war ja ihr Erstling. Und außerdem geschieht die Geschichte ja in meiner Heimatstadt. Und ich mag es, wenn Bücher in meiner Heimat spielen. Und überhaupt. Ich meine, es sei spannender gewesen als das hier. Gut, ich mag die Figuren, sie sind mir sympathisch. Dennoch stört mich jetzt, was mich schon beim ersten Buch gestört hat, je länger je mehr: Allem voran ist es wohl die unoriginelle, floskelhafte Sprache.

Und fast ebenso sehr nerven oder behindern mich die ständigen Erklärungen und Adjektive. Nichts bleibt meiner Phantasie überlassen. Nichts dem Zufall. Alles wird erklärt. Jede Gefühlsregung – obwohl sie schon in den Dialogen sichtbar ist – wird nochmals nachgeliefert. Hätte ich das Buch lektoriert, hätte ich der Autorin besonders solche für mich nicht unerheblichen stilistischen Feinheiten auszuarbeiten ans Herz gelegt.

Zitate gefällig?
Sein Gesicht nahm einen verschlossenen Ausdruck an. […] Jetzt huschte ein Lächeln über sein Gesicht. […] Wir tappen überall im Dunkeln.

Nun denn, der Plot ist soweit okay. Serienmorde aus Gründen, die ich nicht verraten will.

Doch fehlt mir auch hier die Tiefenschärfe, das Dreidimensionale: ein bisschen mehr Leben und Dreck bei den Guten, ein bisschen mehr Verständnisvermittlung bei den Bösen. Grautönen eben, denn Figuren, die nur gut oder böse sind, überzeugen mich nicht. Wir sind alle alles. Ich jedenfalls.

Und nun weiß ich nicht, was ich machen soll.

Das Buch sehr kritisch besprechen vermutlich.

Und weiterhin darüber nachdenken, was eigentlich einen guten Text wirklich ausmacht. Dabei muss ich mal wieder an einen wunderbaren Blogartikel von Irgendlink denken. Über gutes Schreiben. Über Füllwörter. Über das Kürzen.

Und darüber, dass im Grunde jeder und jede so schreiben soll, wie sie will. Ich muss es ja nicht lesen, ich Text-Snobine

Und ja, ich werde auch darüber nachdenke, was eine gute Buchbesprechung eigentlich ausmacht.

Leben ohne Träume – reblogged von Zoë Beck

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Zoë Beck*
Veröffentlicht am März 27, 2015

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(Dieser Text entstand ursprünglich für die Salzburger Straßenzeitung “Apropos”. In Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus werden Schriftsteller*innen gebeten, sich mit Verkäufer*innen zu treffen und sie zu porträtieren. Ich traf Gabriela im Oktober 2014.)

Zu den Dingen, die man einer jungen Frau Anfang zwanzig wünscht, gehört vor allem: Träume zu haben. Gabriela hat keine Träume. Sie hat zwei Kinder, die bei ihrer Mutter in Rumänien leben, während sie selbst mit ihrem Freund, dem Vater der beiden, in Salzburg ist. Sie ist hier, ich würde nicht sagen, dass sie hier lebt, aber dazu kommen wir gleich noch. Gabriela wünscht sich etwas: bei ihren Kindern sein zu können. Mehr nicht. Ein bisschen mehr Geld haben, sagt sie, damit es reicht, um mit den Kindern leben zu können. Gabriela ist das älteste Kind ihrer Mutter, ihr jüngster Bruder ist so alt wie ihr eigener ältester Sohn.

Es ist kein Pragmatismus, der Gabrielas Wünsche im Leben so sehr auf das Wesentliche reduziert hat. Gabriela hat sich noch nie weggeträumt, fortgewünscht, woanders gesehen. Sie sagt, sie sei gern zur Schule gegangen. Jedes Fach hätte ihr Spaß gemacht. Aber dann sei die Schule eben vorbei gewesen. Sie sagt, in Rumänien gäbe es keine Arbeit, Schuld daran sei der Zusammenbruch des kommunistischen Systems und der Zuzug ausländischer Firmen, aus China zum Beispiel. Ich frage sie, ob denn ausländische Firmen nicht auch neue Arbeitsplätze bedeuteten. Sie überlegt, findet erst keine Antwort, spekuliert dann, dass die Chinesen möglicherweise ihre eigenen Leute mitbrächten. Ihre Eltern, erzählt sie, seien schon lange arbeitslos wegen der ausländischen Firmen und des verschwundenen Kommunismus. Irgendwann einmal war alles besser in Rumänien. Da hatten alle Arbeit, und alle konnten lesen und schreiben. Heute sei das anders. In den Schulen würden die Kinder bevorzugt, deren Eltern den Lehrerinnen und Lehrern Geld zustecken. Dass reiche Kinder mehr Aufmerksamkeit und bessere Noten bekommen, bestätigt unsere Dolmetscherin. Der Rest lässt sie die Stirn runzeln. Ich glaube, sie ist nicht der Meinung, dass früher alles besser war. Aber auch nicht, dass heute alles gut ist.

Ich möchte wissen, wie Gabriela als Kind war. Es war schön, sagt sie. Ich erzähle ihr von einer finnischen Fotografin, die Kinder aus einem Heim so fotografiert hat, wie diese sich sehen wollten. Wie hätte sich Gabriela damals fotografieren lassen? Gabriela kann mir nichts erzählen. Sie hat das Leben genommen, wie es war, sagt sie. Nein, ihre Eltern hätten ihr nie etwas vorgelesen oder Geschichten erzählt. Ihre Eltern seien Analphabeten.

Gabriela hat keinen und hatte nie einen Berufswunsch, oder nennen wir es einmal Berufsziel. Sie würde alles machen, sei sich für nichts zu schade, sagt sie. Ich denke, sie hat meine Frage falsch verstanden. Die Dolmetscherin erklärt mir aber, dass sie schon genau nachgehakt hat. Die Dolmetscherin hat mich sehr gut verstanden. Gabriela sah sich nie als Ärztin, Pilotin, Lehrerin. Auch nicht als Verkäuferin, Köchin, Schneiderin. Ich merke, dass es nicht nur mir schwer fällt, sich dieses Fehlen von Visionen vorzustellen. Auch unsere Dolmetscherin wirkt ratlos. Gabriela lächelt schüchtern.

Sie sagt, die Menschen sind immer nett zu ihr. Nett, aber eigentlich doch auch kühl. Sie steht trotzdem gern vor dem Supermarkt. Dort steht sie zusammen mit ihrem Freund, der jetzt auch zu uns kommt und sich ohne große Worte an den Tisch setzt. Er ist länger in Salzburg als sie, seit drei Jahren. Sie versteht deutlich mehr Deutsch als er. Sie haben einmal in der Woche für eine Stunde Deutschunterricht. Das reicht natürlich nicht. Sie haben keine Gelegenheit, das Gelernte anzuwenden. Sie haben keine engeren Kontakte zu deutschsprachigen Menschen, dafür zu anderen Rumänen.

Natürlich wollen sie zurück. Schon wegen der Kinder. Das Paar lebt in einem Caritaswohnheim. Kleidung besorgen sie sich, wenn sie in Rumänien sind. In Salzburg könnten sie nichts bekommen. Keine Wohnung, keine bezahlbare Kleidung. Die Dolmetscherin schüttelt den Kopf, erklärt den beiden, an wen sie sich wenden müssen. Ich kann an Gabrielas lächelndem Gesicht nicht ablesen, ob sie mit diesen Informationen etwas anfangen wird.

Morgens stehen die beiden auf, gehen an ihren Stammplatz, versuchen, die Zeitungen zu verkaufen, kommen abends nach Hause, essen, schlafen. Sonst macht ihr nichts? Unternehmt ihr nichts?, will ich wissen. Kopfschütteln. Sie seien zu müde. Sie könnten nichts tun. Und dann wäre da ja noch die Sprache. Fernsehen oder Kino sei nicht möglich. Wo solle man außerdem hin.

Gibt es denn nichts, frage ich, was sie gern tut? Hat sie kein Lieblingsessen, zum Beispiel? Gabriela sagt, sie müsse essen, was sie sich leisten könne. Ich sage: Wenn du dir alles leisten könntest? Sie weiß es nicht. Sie kann so nicht denken. Ich verstehe langsam, dass sie es nicht gelernt hat, sich Dinge zu wünschen. Sie hat nur gelernt, das Schicksal zu akzeptieren. Egal, ob es ihr gefällt oder nicht.

Ich muss sie und ihren Freund überreden, sich etwas in dem Café, in dem wir uns treffen, zu bestellen. Der Kellner braucht mehrere Anläufe, um die Bestellung überhaupt aufzunehmen, dann muss er noch mehrfach daran erinnert werden. Erst als ich ihm sage, dass ich die Rechnung übernehme, bringt er ihr den Cappuccino und ihm den Orangensaft. Das Café befindet sich direkt am Bahnhof. Wahrscheinlich wird hier öfter die Zeche geprellt. Trotzdem schäme ich mich dafür, wie der Kellner uns behandelt. Wie er allen klarmacht, dass ich diejenige mit dem Geld bin und deshalb bedient werde.

Was ist das Schöne in ihrem Leben? Woran erinnert sie sich gern? Was tut sie gern? Irgendetwas muss es doch geben. Sie sagt, dass sie ihren Freund kennengelernt hat, das war das Schönste. Und die Kinder. Die übrigens beide Wunschkinder sind.

Was sind die negativen Erfahrungen, was würde sie im Leben ändern? Gabriela weiß nichts wirklich darüber zu sagen, man gewinnt den Eindruck, ihr Leben sei ein steter, ruhiger Fluss. Die Reise darauf ist oft kalt und ungemütlich, aber so ist es nun mal, dieses Leben. Glaubt sie an Gott? Ja, das tut sie. Und Gott wird immer für sie da sein.

Will sie ihre Kinder nicht nach Salzburg holen, wenn die Umstände in Rumänien, was Schule und Ausbildung angeht, so schlecht sind? Darüber hat sie noch nicht recht nachgedacht. Auch da fehlt ihr die Fähigkeit, sich Dinge für die Zukunft auszumalen, sich etwas zu wünschen, daraus Energie zu ziehen und ein Ziel zu haben. Gabriela hat keine Fragen an mich. Die üblichen sozialen Codes sind ihr und ihrem Freund fremd. Sie trinkt nur, wenn ich sie auffordere zu trinken. Sie hat einen schwachen Händedruck, und nachdem ich die Verabschiedung einleite, bleibt sie unsicher sitzen, holt sich die Erlaubnis, aufzustehen und zu gehen.

Gabriela ist eine hübsche junge Frau. Sie hat die ungewöhnlichsten Augen, die ich je gesehen habe: grün mit braunen Streifen, die sternförmig von der Pupille abstrahlen. Sie weiß gar nicht, wie schön ihre Augen sind. Ich glaube auch, dass sie clever ist. Sie hat nur eben nie gelernt, für sich selbst etwas erreichen zu wollen. Ein besseres Leben. Eine Ausbildung. Eine Reise irgendwohin. Demut, denke ich. Eine Tugend? Ihre Demut macht mich wütend. Nicht weil ich denke, dass junge Frauen vom Ehrgeiz zerfressen sein sollten. Sondern weil ich mir für Gabriela wünsche, dass sie ein gutes Leben hat. Sie und ihr Freund und ihre Kinder, vielleicht will ich es vor allem für ihre Kinder. Ich wünsche mir für Gabriela, dass sie Interesse am Leben entwickelt. Freude. Es ist keine buddhistische Gelassenheit, die sie so sein lässt, wie sie ist, sondern die Resignation der Elterngeneration. Wahrscheinlich bin ich deshalb so wütend. Weil man ihr keine Wahl gelassen hat und sie offenbar nie eine Chance hatte, aus dieser Resignation – zumal sie ihr Schicksal auch noch als gottgegeben hinnimmt – auszubrechen.

Ich hätte sie übrigens fast nicht erkannt, aber das sage ich ihr nicht. Das Foto, das man mir von ihr geschickt hatte, zeigte sie mit einer Baseballkappe. Darunter war ein starkes, schönes Gesicht. Ich stellte mir eine rebellische junge Frau vor, die im Leben Pech hatte, aber jetzt erstmal schaut, wo sie bleibt, und weiß, wohin sie will.

Ich wünsche ihr seit unserer Begegnung jeden Tag, dass sie anfängt zu träumen. Und dass sie rebelliert gegen diese Resignation, gegen dieses „Es ist, wie es ist“. Ich will mit dem Eindruck von dem Foto richtig liegen. Ich wünsche es ihr.

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*Quelle: zoebeck.wordpress.com

Ungeöffnet und geheim

Da ist noch so vieles nicht geschrieben, was geschrieben werden kann. Könnte. Vielleicht. Darüber beispielsweise, wie ich meine heimlichen Flaschen langsam öffne. Bisher noch ohne über sie zu schreiben. Weder für mich, noch öffentlich. Sichten will ich sie. Will ich? Einen Schluck davon trinken und mich an den Geschmack erinnern. Will ich? Dabei begreifen, wissen, dass das ich bin. Auch ich. Und dass meine heimlichen Flaschen weder besser noch schlechter als jene anderer sind. Hier versagt Wertung. Sie ist wertlos, wo es darum geht, zu sein. Denn Sein an sich schließt Wertung aus. Ist neutrales Land ohne Grenzen.

Heimliche Flaschen also. Meine riechen nach Gefühlen, ja, und nach Gedanken. Nach Geheimnissen riechen sie ganz besonders. nach ungeteilten. Alten. Neuen.

Wie ich damals über mich dachte, steht auf der Etikette dieser Flasche hier. Und wie ich über mich denke, heute, auf der Etikette jener daneben. Und wie ich mich fühle, steht auf dieser. So banal. So banal!

Auf weiteren Flaschen, kleinen, großen, schmalhalsigen, ausladenden Flaschen kleben Etiketten mit nur einem einzigen Wort darauf. Körpergefühl. Selbstwertgefühl. Selbstbewusstsein. Selbstliebe. Ablehnung. Selbsthass. Wo bin ich den hier gelandet? Ich trete zur Seite und gehe zum nächsten Regal. Hier stehen weitere gläserne Gefäße. Manche sind verstaubt. Manche ganz neu. Auf einer steht Was ich auf dem WC denke. Die daneben trägt den Titel Was ich vor dem Einschlafen denke. Wieder andere sind angeschrieben mit Was ich über andere Menschen denke und Was ich beim Sex fühle.

Nun ja, die Etiketten sind ja erst der Anfang. Der Inhalt ist es, der mich interessiert. Der Inhalt meiner Flaschen. Knausgård hat mich angefixt. In STERBEN, dem ersten Band seiner Autobiografie, schreibt er so akribisch, brutal ehrlich, banal, bis zur Langweiligkeit exakt, was er damals gedacht und gefühlt hat, als er zum Beispiel die versiffte Alkoholikerwohnung seines toten Vaters entrümpelt hatte, dass es beim Lesen schmerzt. Und doch: In dieser Banalität liegt ein Zauber, dem ich mich nicht entziehen kann. Ein Zauber, eine Genialität, und ja auch eine Art Sehnsucht liegt in Knausgårds Worten. Eine Sehnsucht danach, genauso mutig wie er sich, mir mit ganz viel Liebe und Geduld in die Augen schauen zu können. Hinzuschauen. Ja zu sagen, ja zu allem, was ich sehe, zu allem, was ich bin.

Was ich heute fühle, denke, wahrnehme, mag und ablehne und das, was ich damals fühlte, dachte, wahrnahm, mochte und ablehnte, ist so banal gar nicht. Oder jedenfalls nicht banaler als das, was alle anderen fühlen, denken, wahrnehmen, mögen und ablehnen. All das zusammen bestimmt nämlich heute meine Handlungen. Es bestimmt, wie ich auf Menschen zugehe, wie ich mit mir und andern umgehe. Ob ich mir und andern gut und Gutes tue.

Der Inhalt jeder meiner Flaschen wurde im Laufe der Zeit unzählige Male ergänzt. So manche Korrektur habe ich vorgenommen. Befreiung da und dort erlebt. Mehr Struktur ist geworden. Mehr Selbstliebe und Selbstakzeptanz vor allem.

Immer ein Stück näher bin ich zu meiner Wahrheit hin unterwegs, zum dem, was für mich wirklich zählt. Was wirklich wirkt in meinem Leben. Stille zum Beispiel. Und damit rücke ich immer ein bisschen weiter weg von Effekt und Schein, von Lärm und So-tun-als-ob.

Oh, wie schön still wäre es auf der Welt, würden wir nur noch über jene Dinge sprechen und schreiben, die wirklich zählen und die jetzt für mich wahr sind.

Aber was wäre denn mit meinen heimlichen Flaschen von früher? Würden sie mir denn für immer verschlossen bleiben? Und wäre das schlimm?

Ja, ich habe, wie alle andern, meine ganz persönliche Art zu denken, zu fühlen, wahrzunehmen, zu mögen und abzulehnen, doch im Grunde fühle, denke und mag ich nicht sehr anders wie alle andern. Und deshalb ist es wohl tatsächlich egal, was ich mit meinen Flaschen anstelle. Egal, ob ich meine Flaschen öffne, teile oder für mich behalte. Wenn nur ich selbst mir gegenüber nichts vormache. Wenn nur ich selbst mir gegenüber bereit bin, hinzuschauen.

aus: Karl Ove Knausgård: Sterben

Heimliche Flaschen

Ja, mich hat die Art und Weise auch gepackt, wie Karl Ove Knausgård schreibt. Und was und worüber er schreibt. Wie er hinschaut. Wie er Worte findet für Phänomene, die ich auch kenne. Ja, auch ich habe solche Gedanken in mir. So viel Ungesagtes, Ungeschriebenes, Unformatiertes, auch Hässliches, Verrücktes, Undenkbares, Unsägliches … Dinge womöglich, von denen ich noch nicht einmal weiß.

Hellsicht 1 Karl Ove Knausgård in STERBEN
Hellsicht 1
Karl Ove Knausgård in STERBEN
Hellsicht 2 Karl Ove Knausgård in STERBEN
Hellsicht 2
Karl Ove Knausgård in STERBEN

Zuweilen überlege ich deshalb, ob ich nicht ein neues anonymes Blog öffnen sollte, wo ich mit der gleichen mutigen Kompromisslosigkeit wie Knausgård über mein Leben schreiben kann. Schonungsloser und offener noch als hier.

Obwohl … im Grunde brauche ich dazu kein Publikum. Nur den Raum, diese Texte freizulassen. Manchmal ahne ich, dass da – wie der Korken in einer Schampus-Flasche – nur noch ganz wenig fehlt.  Dass ich den Deckel einfach mal wegmachen sollte und ausprobieren, was da, in dieser heimlichen Flasche, alles drin steckt.

Ich vermute, wir alle haben solche heimlichen Flaschen. Knausgård, über den Ulli und die Mützenfalterin schon oft geschrieben haben, schreibt mir in seiner Heimliche Flaschen-Sprache mitten aus dem Herzen. Und was dabei herauskommt, ist gar nicht so schlimm, so schrecklich, so obszön, wie man vielleicht glauben würde, es ist einfach echtes Leben. Ungeschönt. Ach, wie viele meiner heimlichen Gedanken finde ich – in anderen Worten – auch bei Knausgård!

Wie es bei mir wäre, bei andern, weiß ich natürlich nicht. Aber ich ahne, dass wir uns die eigene Dunkelheit, solange sie verborgen ist, viel dunkler denken als sie ist. Wenn wir ihr die Türen öffnen, unsere Flasche entkorken, kommen möglicherweise unerwartete Schätze zum Vorschein.

Wir meinen ja gerne, so was-auch-immer wie man selbst, sei bestimmt sonst niemand. Doch wir sind es alle. Das ist es übrigens, was mich an Twitter fasziniert und heilsam berührt: ich bin nicht verrückter als der ganze Rest. *lach*

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Wikipedia über Karl Ove Knausgård