Zwei Tipps fürs Auge und Gemüt

Gerne empfehle ich euch, mal wieder auf Pixartix, dem Bilderblog, vorbeizuschauen. Unser zweiter Drei Bilder-Zyklus hat bereits vor einem Monat begonnen und schon fünf KünstlerInnen haben ihre Bilder-Trilogien erzählt. Heute geht es weiter mit dem ersten Holzweg von Irgendlink.

Und wenn wir schon bei Irgendlinks Abenteuern sind. Er steht − nämlich, vermutlich oder vielleicht? − mal wieder in den Startlöchern für eine weitere Radreise. Diesmal mit Ziel Gibraltar. Seine Gedanken vor der Reise gibt es neu nicht auf dem Irgendlink-Blog, sondern hier:
⇒ europenner.de. ⇐

Jaaa, der Europenner lebt, man muss ihn nur zuweilen aus seinem Winterschlaf wecken.

Genres

Von allen literarischen Genres mag ich die Biografie und den Kriminalroman am liebsten. Das war schon immer so. Heute habe ich endlich begriffen, warum es für mich so ist.

Beide Genres streben nach Aufklärung, Lösung und dem Wiederherstellen einer durcheinandergebrachten Ordnung.

Alle meine Wörter

Mein Leben wird nie ohne Staub sein, sagen die Wörter in mir, die ich zuweilen meine Gedanken nenne. Sie sagen es nicht, sie stellen sich auf. und bilden in meinem Kopf gemeinsam diesen Satz. Meine Wörter sagen weiter, dass ich mir meinen Wunsch nach einem Leben ohne Staub & Dreck besser aus dem Kopf schlagen solle. Sie sagen es immer wieder, während ich Staub sauge. Was ich nicht gerne mache. Und weshalb ich froh bin, dass die Wörter da sind. Sie sagen, dass ich dennoch nicht aufhören soll, mich danach zu sehnen, wie es denn so wäre, ohne Staub zu leben, denn nur diese Sehnsucht lasse mich den Staub halbwegs ertragen. Ihr spinnt doch, denke ich. Und ich frage mich einmal mehr, ob sich meine Wörter zuweilen auch so nackt und unbeholfen fühlen, wenn sie sich mir so zeigen wie heute, wie ich mich manchmal fühle, wenn ich mit Buchstaben jongliere.  So wie heute, so wirr, so unvernünftig, ja genau. So verdammt unvernünftig, unlogisch und sinnlos. Wohl ahne ich, dass sie Scham und Hemmungen nicht kennen. Die haben es gut. Ich möchte ein bisschen sein wie sie, wie meine Wörter.

Obwohl ich mir ja eher (unter uns gesagt) manchmal wünschte, dass die andern (nun ja) ein bisschen mehr so wären wie ich. (Natürlich nur, damit es ein wenig einfacher wäre, sie zu verstehen.) [Wobei. Einfach zu verstehen bin ich ja auch nicht wirklich.] Die gemeinsame Schnittmenge wäre halt größer als jetzt, wo ich ganz viele Menschen da draußen, meist sogar solche, die die gleiche Sprache wie ich sprechen und aus meinem Land stammen, einfach nicht verstehen kann. Oke, ich höre wohl, was sie sagen und was sie meinen, aber alle meine Übersetzungstools scheitern. Denn obwohl diese Menschen mir bekannte Wörter verwenden, scheinen sie etwas anderes zu meinen mit den Wörtern als ich. Zum Beispiel sagen Sie: „Wir sind besorgt um unser Land!“ Klar, das bin ich auch. Aber. Eben. Anders. Kurz und gut: Es wäre doch viel einfacher, wenn sie so wären wie ich. Singt ja schon Büne Huber in seinem uralten Song Grossbrand. [Es gieng mängs viu ringer we sie so wär win i ||| Oder i viellech so wie sie … → Lyrics → Song]*

Aber wie war das gleich noch beim kategorischen Imperativ**? Würden denn meine Maximen taugen? Oder wären sie nur ein weiterer Nährboden, um egoistische Ziele zu erreichen, wie wir das neulich auf Twitter diskutiert haben?

Nachtrag:

Ich schweife ab.

Wörter, so bleibt doch mal stehen, drängelt nicht so, ich kann euch ja so gar nicht lesen. Haltet still. Ihr seid ja wie wir Frauen in der Konzertpause vor den beiden einzigen Klos, die nicht verstopft sind.

Wie? Was sagt ihr? Dass ich mir ja immer vorstellen würde, dass kein Menschen von Anfang an böse sei, sondern erst im Laufe seines Lebens böse geworden wäre. Stimmt. Das ist meine These: Menschen werden destruktiv, weil sie zu wenig konstruktive Kraft erlebt haben, will heissen, zu wenig oder falsch geliebt worden sind. Ja, liebe Wörter, das glaube ich. Bis ihr mir das Gegenteil beweist und mir ein von Geburt an böses Neugeborenes zeigt.

Liebe, sagt Jonathan Safran Foer in seinem wunderbaren, herrlich-schräg-weisen Roman Alles ist erleuchtet, Liebe ist womöglich vor allem eine Idee. Die junge Brod begnügte sich jedenfalls in seinem Roman, da nichts ihren Ansprüchen liebenswert genug für ihre Liebe zu sein genügte, mit der Idee von Liebe.

Sie liebte sich selbst als Liebende, sie liebte es, die Liebe zu lieben, so wie die Liebe das Lieben liebt, und war dadurch imstande, sich mit einer Welt zu versöhnen, die allzu weit hinter dem zurückblieb, was sie sich erhofft hatte. Die große, rettende Lüge war nicht die Welt selbst, sondern Brods Bereitschaft, sie schön und gerecht zu machen und ein Leben zweiten Grades zu leben.

Quelle: Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet

Versöhnung. Da komme ich je länger je mehr drauf. Weil sie der Anfang jeden Friedens ist. Am Anfang ist sie ein Same. Eine Idee. Gerne wird sie zur Aktion: Ich reiche dir meine Hand. Ob du mir deine auch reichst, ist für mich letztlich nicht entscheidend.

Ich habe auch, so sagen mir die Wörter nun sehr aufgeregt und ein bisschen verlegen, ich habe mich die größte Zeit meiner ersten Lebenshälfte aktiv (oder zumindest latent) selbst abgelehnt. Oh. Hm. Stimmt wohl. Doch nun will ich den Rest meines Lebens darauf verwenden, das entstandene Minus auszugleichen. Wozu? Um der Balance willen, um der Ausgeglichenheit und Gesundheit willen.

Und ja, es ist gut, dass wir uns damit abwechseln, die heißen Kartoffeln aus der Glut zu holen, sagen die Wörter als letztes. Mal hole ich sie für dich raus, mal du für mich. (Und machmal andere für dich oder mich, mal ich oder du für die andern.)

Ich klopfe Glut, Ruß und Asche weg. Wie Staub kleben sie an der Haut, die ich wie ein Kleidungsstücke abstreifen kann. Die Kartoffel, mit ein bisschen Salz bestreut, schmeckt wunderbar nach Heimat. Obwohl ihre Grosseltern von weit her gekommen sind.

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* NACHTRAG: Achtung: Ironiemodus! 

**»Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.« -Immanunel Kant

Leidenswertes

Eben habe ich ein mühsames Buch zu Ende gelesen und rezensiert und dabei über den Umgang mit meinen Energien nachgedacht. Ob es beispielsweise jemandem irgendwie nützt, wenn ich meine Wut- & Trauer-Energien nach Paris schicke (Mitfühl-Energien tun sicher besser). Kurz gesagt: ich verwende oder verschwende gar oft meine Energien in eine Richtung, die mir – und womöglich sogar auch meiner Mitwelt – eher schadet als sie gut tun.

Heute morgen, noch bevor ich all die News über das Drama in Paris überhaupt gewusst und gelesen hatte, wurde ich vom Wasserrauschen, das die Waschmaschine unseres Mehrfamilienhauses produziert, geweckt. Die Waschküche des Hauses liegt unmittelbar – aber außerhalb meiner Wohnung – neben meinem Schlafzimmer. Es war halb acht. An einem Samstag. Halb acht! Schon war ich auf hundertachzig. Nicht mal ausschlafen darf man! Gestern habe ich bis eins gelesen und nun war ich – zu Recht! – empört und richtete meine ganze Energie auf jenen rücksichtslosen Nachbarn, der mir das angetan hatte. Nein, diese Energie mich wegen solcher Banalitäten zu nerven, müsste ich eigentlich nicht verschwenden, denn wo Menschen zusammenleben, reibt es und das erzeugt eben zuweilen Geräusche. Ich müsste schon in der Einöde, in der Wüste, im ewigen Eis oder im Wald leben, um diesen menschlichen Geräuschen zu entkommen. Gestern, ich war mit Freundin L. (1) in der Sauna, litt ich sehr. Alle alten, dicken Männer der Schweiz schienen sich gestern Abend dort eingefunden zu haben. Die meisten schamlos nackt.

Ich gestehe es: Das hat mich echt überfordert. Mit Freundinnen und Freunden kann ich gut nackt sein, kann Sauna genießen, aber dieser Überfluss an nackter fremder Haut, war purer Stress für mich. Dazu waren Frauen, die in der Regel doch fürs Auge der Betrachterin ein etwas angenehmerer Anblick sind, in der Minderheit. Und von den drei möglichen Saunaräumen war nur der heißeste einigermaßen frei.

Da muss ich nicht mehr hin, nein, mich überfordern so viele unbekannte Menschen aufs Mal. Heute denke ich: Hey, was regst du dich so auf über deine kleine, gefährdete Komfortzone? Zumal in Paris hundertzwanzig Menschen sinnlos getötet wurden? Und in Anbetracht all der Heimatlosen und Flüchtenden? Und überhaupt … Da ist so viel Leid. Und was macht, dass ich an etwas leide? Was macht etwas zu Leid für mich, was andere nicht mal als leidenswert wahrnehmen (Beispiel Sauna)?

Schnitt.

Ich habe vor zweieinhalb Wochen einen mir bis dahin unbekannten Schweizer Krimiautoren entdeckt, dessen dritten Krimi ich gerade verschlinge.

Vor der ZeitVor der Zeit von Beat Portmann erzählt die Geschichte des Mittelalterforschers Thelmann, der von Extremisten verschiedener Richtungen bedroht wird. Er hat Informationen gefunden, demzufolge bereits im frühen Mittelalter Anstrengungen zu einer interreligiösen Allianz, zumindest zu einem interreligiösen Dialog im Gange waren. Heutigen Extremen – christlich wie muslimisch Gesinnten – will es nicht gefallen, dass Thelmann weiterforscht – so werden die Unterlagen geklaut und vernichtet. Und tauchen woanders wieder auf. Oder sind es Fälschungen? Der Ich-Erzähler, ein mäßig erfolgreicher Autor, wird von einem unbekannten Mäzen zwecks Recherchen für einen weiteren Kriminalroman auf die Geschichte losgelassen. Banal? Nur auf den ersten Blick.

«Vor der Zeit» ist ein überraschender Roman über das monotheistische Erbe Europas und über das Verhältnis von Offenbarung, Schrift und Literatur (Quelle: Verlagswebseite).

In Durst und Alles still hat Beat Portmann bereits mit der Stimme des Ich-Erzählers zwei Fälle gelöst – einen im Geldwäsche-Umfeld (Durst), den anderen in der Welt des alten Luzerner Adels (Alles still). Auch diese Geschichten wirken auf den ersten Blick trivial, werden nach und nach immer komplexer und dreidimensionaler, was dem scharfen Blick, der klugen, literarischen Sprache und der dreidimensionalen Figurenzeichnung des Autors zu verdanken ist. Den Jo Nesbø der Schweiz nenne ich Beat Portmann bereits, denn wie Nesbø zeichnet auch Portmann ein ungeschöntes Bild seiner Heimt. Portmann skizziert die hiesige Polit- und Wirtschaftslandschaft scharfsinnig, überzeugeund und mit Innerschweizer Lokalkolorit gewürzt. Doch, wie gesagt, vor allem überzeugt er mich mit seinen glaubwürdigen Figuren. Ich mag es, dass wir Lesenden nicht erfahren, ob Portmanns Geschichten erfunden sind oder sogar wirklich erlebt – zumal Portmann seinem Protagonisten, einem Krimiautoren, die Titelnamen seiner eigenen Bücher in den Mund legt. Realitätsfiktion vom feinsten.

Das vor einem Jahr erschienene Buch Vor der Zeit ist auch jetzt noch hochaktuell, geht es doch darin – unter anderem – um die Angst vor dem unbekannten religiös motivierten Feind. Und um die Angst davor, unsere eigene Welt mit ihren wohlgeordneten eigenen Komfortzonen zu teilen.

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Noch eine Rezension aus der Luzerner Zeitung.

Kleines literarisches Experiment #1 – Die Beiträge

Ihr erinnert euch? Vor einer Woche habe ich euch zu einem kleinen Experiment eingeladen? Das hier ist dabei herausgekommen:

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„Atme. Atme. Lauf. Lauf. Atme. Lauf. Vorwärts. Weg. Nicht stolpern. Nur nicht stolpern.“
Nichts anderes konnte sie denken, während sie durch den Wald hetzte. Nasse Zweige schlugen ihr ins Gesicht und gegen ihre Jacke, ihre Schuhe waren völlig durchweicht. Sie spürte nichts davon, konzentrierte sich einzig darauf, wegzukommen. Weg von dem, was passiert war.

Sie spürte, wie ihre Kräfte nachliessen. Die Anhöhe würde sie noch schaffen, doch was dann? Sie wusste nicht einmal, wo sie war. Ihr Handy steckte in Wolfs Tasche und Wolf lag tot in diesem alten Schuppen. „Nicht daran denken. Nicht jetzt.“

Wolf! Sie spürte, wie ihr Herz sich zusammenzog, wollte auf die Knie sinken, die Hände ins matschige Laub am Boden graben, sich hineinwühlen und das Entsetzen aus sich heraus schreien. Doch stattdessen rannte sie weiter. Einen Fuss vor den anderen. Nicht denken, nicht daran denken. Doch was konnte der Kopf schon gegen das Herz ausrichten? Nichts. Mit einem gequälten Aufschrei schmiss sie sich der Länge nach hin, krallte ihre Finger in den Boden, vergrub ihr Gesicht in dem Gemisch aus altem Laub, Moos und Erde.

Wie hatte sich ihr Leben innerhalb von acht Stunden so ändern können? Heute Morgen war sie noch unbeschwert aus dem Bett gesprungen und hatte sich auf die seit langem geplante Wanderung gefreut. Sie hatte ihren Rucksack aus dem Flurschrank gekramt, Brote geschmiert und sich kurz darüber geärgert, dass es nach der langen Trockenperiode ausgerechnet heute in Strömen regnete.
Wolfs Gesicht tauchte vor ihr auf. Wie er lachend in der Tür stand, um sie abzuholen. Wie er sie daran erinnerte, ihre Regenjacke einzupacken und sie sich darüber lustig gemacht hatten, dass sie am besten auch noch das Schlauchboot einpacken sollten, falls der Regen sie wegspülen würde.

Sie atmete den erdigen Geruch des Bodens ein und beruhigte sich etwas. Sand knirschte zwischen ihren Zähnen. Sie setzte sich auf, spuckte aus und wischte sich das Gesicht ab. Langsam verebbte ihre Panik und sie beschloss, zurück zu gehen.

Sehr weit war sie bei ihrer Flucht nicht gekommen und viel schneller als gedacht gelangte sie wieder an dem alten Schuppen an, in dem sich Wolf befand. Ihr Verstand weigerte sich zu akzeptieren, dass er tot sein sollte. Sie drückte einen Moment ihre kalten Finger auf ihre Augen, öffnete sie wieder und schob zögernd die Tür des alten Verschlags auf. Muffige Luft schlug ihr entgegen und sobald ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah sie die Schemen der zwei Männer auf dem Boden liegen.

Kein Traum.
Sie ging hinüber zu einem der Männer und drehte in um, damit sie sein Gesicht sehen konnte. Wolf. Das vertraute Gesicht, das sie seit ihrer Kindheit begleitet hatte. Es hatte Momente gegeben, da sie sich aus den Augen verloren hatten, doch sie hatten immer wieder zueinander gefunden. Wolf. Ihr Kindheitsfreund, ihr bester Kumpel, immer war er da gewesen, wenn sie ihn gebraucht hatte. Und hier lag er nun, ganz still und kalt. Vorsichtig nahm sie seinen Kopf in ihre Hände und bettete ihn auf ihre Knie. Sie schloss seine halbgeöffneten Augen und seinen Mund und drückte ihm einen zarten Kuss auf die Stirn. Etwas, das sie zu Lebzeiten nie getan hatte. Sie strich über seine Wange und bemerkte erst jetzt, dass ihre heissen Tränen auf sein Gesicht tropften, so dass es aussah, als würde er selbst weinen. Sie wiegte ihn in ihren Armen, schaukelte hin und her und flüsterte seinen Namen. Tränen und Rotz vermischten sich, und trotzig wischte sie beides mit ihrem nassen schmutzigen Ärmel weg. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und ihrer Kehle entrang sich ein Laut, wie sie ihn noch nie von sich vernommen hatte. Ein langes heisseres Schluchzen, ein gedämpfter Schrei, irgendetwas dazwischen, ein Urlaut der Trauer.

Mit zitternden Händen legte sie Wolfs Kopf auf einem kleinen Haufen Stroh ab, wischte sich erneut übers Gesicht und wandte sich der anderen Gestalt am Boden zu.

Da lag er. Sie hatte ihn getötet. Ein Mann in ihrem Alter, ungepflegt, seine Kleidung abgetragen und teilweise verschlissen.

Als sie im Schuppen Schutz vor dem Regen gesucht hatten war er aus einer dunklen Ecke auf sie gestürzt, hatte Wolfs Kopf so brutal herum gerissen, dass sein Genick brach und sich anschliessend ihr zugewandt. Als sein verwirrter Blick auf sie fiel hatte sie in völliger Panik nach dem ersten Gegenstand gegriffen, der ihr in die Hände fiel – eine alte, schmutzige Heugabel – und sie ihrem Angreifer entgegen gerammt.
Eine der Zinken hatte seinen Hals komplett durchbohrt. Das sah sie aber erst jetzt, da sie ihn genauer anschaute. Vorher war sie voller Entsetzen davon gelaufen.
Sie fasste ihn nicht an, betrachtete die Leiche nur aus der Entfernung und ohne Vorwarnung erbrach sie sich krampfhaft auf den schmutzigen Schuppenboden.

Sie fühlte sich unendlich müde. Unendlich schwer. Jede Sekunde schien ihr eine Ewigkeit zu sein. Langsam drehte sie sich zurück zu Wolf, nahm ihre restliche Kraft zusammen und zog ihr Handy aus seiner Tasche. Sie wählte den Notruf und legte das Handy auf den Boden. Sie hatte keine Kraft, mit irgendjemandem zu sprechen. Man würde sie schon finden. Dann legte sie sich neben Wolf, zog ihn in ihre Arme, schloss die Augen und wartete.

Schnipseltippse

++++++

Ein dunkler Raum, vier Beine, eine Blutlache, zwei Menschen, Sonntagabendstandbild. Sie starrt darauf. Ihre Hand hält die Fernbedienung, ihr Daumen findet das Aus. Sie schüttelt das Bild von ihrer Netzhaut. Vier Beine, eine Blutlache, zwei vermisste Menschen. Nun werden die Kommissarios wieder jagen und suchen und am Ende finden, heute ohne sie. Sie starrt noch immer auf den Schirm ohne Bild, als liesse sich ein Neu dort finden, ohne Suche, ohne Jagd, einfach so, weil sie es vermisst.

Ulli

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Das Echo meiner Schritte tut weh. Jedes ­Mal, wenn meine Füße auf den Beton treff­en, explodiert etwas in meinem Kopf. Ich­ stelle mir vor, wie die Explosionen nac­h und nach alle Erinnerungen löschen, wi­e der Regen, der mir ins Gesicht peitsch­t, die entfachten Feuer in meinem Hirn l­öscht und die Asche zuverlässig wegspült­. Ich muss nur lange genug weiter laufen­, dann ist nichts mehr da, dann ist nich­ts geschehen. Dann ist die Wahrheit nich­ts als ein dunkles Loch, ein Raum, den i­ch nie betreten werde. Wenn ich immer we­iter laufen könnte, Tage lang, Nächte la­ng, würde ich schließlich an einen Punkt­ kommen, an dem sich die Zeit gabelt, un­d ich wählen kann, zwischen dem Weg zurü­ck in die Vergangenheit, oder einer Gege­nwart, in der ich nur immer weiter laufe­n kann. Vermutlich bin ich dabei, den Ve­rstand zu verlieren, aber wie gerne gäbe­ ich meinen Verstand, um wieder mit Piet­er und Mareike zusammen zu sein. Um sie ­noch einmal zu suchen, dieses Mal mit de­r Aussicht auf Erfolg.

-anonym

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Jetzt werden sie immer Vermisste bleiben. Dieser eine Satz. Fast unhörbar tauchte er auf, setzte sich in ihr fest, schwoll an. Auch das Bild, wie die beiden da auf dem Boden lagen, würde sie nie mehr loswerden. Sie hatte noch nie tote Menschen gesehen. Dass sie rannte, merkte sie erst, als ihre Lunge zu brennen anfing. Die Nacht war jung, nass und kalt. Dunkelheit, Regen und feuchte Haare verboten ihr die Sicht, aber ihre Füße kannten den Weg.

-Sofasophia

Kleines literarisches Experiment #1

Mach mit, wenn du Lust hast:

1.) Ich skizziere in möglichst anschaulichen aber banalen/trivialen Worten (ähnlich einer Szenenbildbeschreibung/Filmdrehbuch oder Regieanweisung), ein bis zwei Szenen.

2.) Du setzst dich hin und schreibst in eigenen Worten über diese Szene/n, so wie du einen Romananfang schreiben würdest. Oder einen Kapitelanfang. Oder diese Szene/n als Teil einer Kurzgeschichte.

3.) Du mailst mir deine Sätze. Ich werde sie demnächst verbloggen – unter Angabe der Namen der AutorInnen (Echtname oder Initialen oder Pseudonym je nach deinem Wunsch). sofasophia (((ät))) lebenswertvoll (((punkt))) ch. [Mailadresse ohne Leerschläge natürlich 🙂 ]

Ziel ist es, uns an der Vielseitigkeit unserer Sprache zu erfreuen. Und uns gegenseitig zu inspirieren. Zu erkennen, wie unterschiedlich wir Dinge nicht nur wahrnehmen, sondern auch ausdrücken.

Ich freue mich auf eine rege Beteiligung. Wer meine Idee aufnehmen will und das gleiche Experiment mit anderen Szenen umsetzen will: Gerne!

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MEINE SZENEN:

Nacht. Eine Frau rennt. Ihr Gesicht ist nass. Die Haare kleben ihr im Gesicht. Niederschlag. Entsetzen im Gesicht.
Schnitt.
Ein dunkler Raum. Zwei tote Menschen am Boden. Todesursache unbekannt. Irgendwie weiß man als ZuschauerIn, dass diese beiden Menschen vermisst worden sind.

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(Das ist ein Traumfetzen von heute Nacht.)

Und nun viel Spaß beim Schreiben. Ich bin gespannt auf eure Texte.

Abgabetermin: 11. Oktober 2015

Weil ich ein Mensch bin

Es ist diese ewige, seltsame, unfassbare Ambivalenz. Zerrissenheit sogar. Oder Hin- und Hergerissenheit. Das Leben auf der Wippe. Es ist dieses Mal so-mal so, das uns vermutlich ganz besonders von den Tieren unterscheidet.

Wie ich immer tiefer in die Schichten von Knausgårds Buch Lieben einsinke und dabei erschrocken feststelle, dass auch andere, außer mir, solche beinahe abstrakten Sinneswahrnehmungen haben, wie er sie beschreibt, werde ich mir bewusst, dass ich vermutlich bisher von Lieben erst einen kleinen Vorgeschmack erhalten habe. Ich liebe weder mich noch andere so vollumfänglich, dass ich einfach jederzeit in der Liebe sein kann. Immer ist mein Lieben verknüpft mit subjektiven Ereignissen, mit Erfahrungen, mit Bedingungen, mit Zusammenhängen. Es ist kein Lieben-an-sich. Kein Lieben um der Liebe willen. Mag sein, dass das furchtbar negativ klingt, furchtbar depressiv sogar. Ist aber nicht so gemeint. Ich bin mir einfach nur, einmal mehr, meiner Beschränktheit, meiner Grenzen bewusst. Und dass ich vermutlich gar nicht anders sein kann als so. Weil ich als Mensch so bin.

Wären da bloß nicht diese unerreichbar hohen Ansprüche an mich. Diese perfekte, losgelöste, den andern ganz und gar meinende, objektive, umfassende Liebe gibt es sie vielleicht unter uns Menschen gar nicht – außer in unseren romantischen Vorstellungen? Selbst als die Mutter eines kleinen Buben, die ich ja mal war, muss meine Liebe mit Bedingungen verknüpft gewesen sein wie, dass mein Sohn wunderbar, herzig, schlau … ist

Mag sein, dass unser Geschmack – alles was uns gefällt – äußerlich von den Umständen neu tariert wird, wenn uns jemand sympathisch ist, den wir im ersten Moment mit unseren bisherigen, inneren Wertmaßstäben nicht attraktiv fanden. Dass wir jemanden auf einmal schön finden, einfach darum, weil er uns sympathisch ist. Und dass sich sodann der Inhalt unseres Schön-Begriffes verändert. Doch sind äußerliche Aspekte denn nicht nicht immer irgendwie trügerisch? Ohne blinden Menschen da mit Vorurteilen meinerseits zu nahe treten zu wollen, doch zuweilen frage ich mich ja schon, ob es vielleicht einfacher ist, Menschen zu mögen, wenn man sie nicht sieht? Ist dafür nicht sogar die Welt der sozialen Medien ein Beweis?

Möglich, dass auf Grund von Stimmen, Texten, Berührungen, die Wahrnehmung eine reinere ist, eine wahrere, eine unabgelenktere, doch ist nicht selbst dann Lieben von subjektiven Faktoren abhängig? [Oh, ich merke schon … das, was ich da schreibe, kann ein anderer Mensch wohl nur schwer verstehen.] Ach. Und Liebe als etwas Universelles zu verstehen ist ja vielleicht gar nicht Sinn eines kleinen Lebens wie meinem. Universelle Liebe ist ja vielleicht nur das Innenfutter für unsere Illusion vom Liebengott?

http://waslesen.ch/wp-content/uploads/2014/04/Lieben.jpgWenn ich Knausgård lese, der noch ziemlich am Anfang des Buches über einen Kindergeburtstag-Nachmittag schreibt, über die Menschen dort und über die Begegnungen und wie er diese hinterher auch gleich wieder aus seinem inneren Speicher löscht und die keine Spuren bei ihm hinterlassen haben, und wie er emotional losgelöst ist von all den Menschen, die er im Grunde liebt, frage ich mich, zuerst entsetzt, dann begreifend, wie das sein kann. Denn ich merke, dass auch ich, wenn ich allein bin und an andere denke, manchmal nichts fühle, wo doch ganz viel Liebe sein sollte. Nicht nichts, aber nicht Wow-Liebe, sondern einfach: Ich bin da. Du dort. Und nun lasst mich doch bitte alle in Ruhe! Diese Verbundenheit, die ich unter allem und von allen zu allem und mit allem ahne, weiß, diese Verbundenheit fühle ich nämlich nicht immer.

Denke ich an Irgendlink, ist da immer, auch nach all den Jahren, dieser kleine Herzhüpfer, dieses kleine Aus-dem-Takt-kommen meines Herzschlages. Immer. Ich halte das für Liebe. Ich halte es für Verbundenheit. Die größtmögliche, die geht. Dieses Das-Beste-für-ihn-wollen ist immer da. Aber zugleich ist da auch mein Wollen. Es soll ihm möglichst gut gehen, doch er soll bitteschön täglich bloggen, möglichst schnell vorankommen (und bitte möglichst ohne Regen und Stress), möglichst viele schöne Pausen haben. Und am liebsten wäre mir, er wäre immer hier bei mir, mit mir.

Aber das alles geht nicht. Nicht alles. Nicht gleichzeitig. Alles, was lebendig ist, ist immer in Bewegung, im Prozess, in der Veränderung, in der Wandlung. Hin und Her. Wieder die Schaukel, siehe oben. Den Nullpunkt gibt es immer nur einen Bruchteil einer Sekunde lang im Vorbeischwingen. Die totale Stille ist immer nur im Jetzt. Nichts kann ich aufhalten. Alles schwingt. Alles fließt. Alles pumpt sich, wie es Irgendlink heute (hier) gebloggt hat, von A nach B und so weiter.

Getriebensein? Ist es das? Ist das die große Verwechslung? Dass wir eigentlich zu sein und zu lieben meinen, es aber mit diesem ewigen Strom verwechseln?

„Denn Sinn ist nichts, was wir bekommen, sondern etwas, das wir geben.
Der Tod macht das Leben sinnlos, weil alles, wonach wir jemals gestrebt haben, mit ihm aufhört, und er macht das Leben sinnvoll, weil seine Gegenwart das wenige, was wir davon haben, unverzichtbar, jeden Augenblick kostbar macht.
Aber in meiner Zeit war der Tod entfernt worden, er existierte nur noch als fester Bestandteil in Zeitungen, Fernsehnachrichten und Filmen, wo er nicht den Abschluss eines Verlaufs markiere, die Diskontinuität, sondern angesichts der täglichen Wiederholung im Gegenteil eine Veränderung des Verlaufs, eine Kontinuität bedeutete, und so seltsamerweise zu unserer Sicherheit und zu unserem Halt geworden war.“

Zitat aus Lieben von Karl Ove Knausgård

Die Erkenntnis, dass ich im Grunde immer wieder bei Null, das es so also gar nicht wirklich gibt, anfange, macht mich demütig. Nichts wirklich zu verstehen, nichts wirklich Wesentliches – nur solange ich darüber nachdenke, ist das Ding wesentlich, für mich – zu leben. Aber vielleicht geht es genau darum? Wegzukommen von diesen großen hehren Zielen. Nicht, dass ich nicht noch immer die ganze große weite Welt retten wollen würde … Aber weiß ich denn wirklich, was sie braucht, um gerettet zu werden? Wovor und wohin?

Ist es da vielleicht für mich nicht besser, mich treiben zu lassen? Mich hinzugeben? Dem Schreiben zum Beispiel. Den Worten. Und zu verstehen, dass Liebe immer subjektiv ist.

Ausgelesen #4 – Delete von Karl Olsberg

Auf einmal hatte ich Lust zu lesen. Wenn ich reisend unterwegs bin, habe ich diese Lust nicht unbedingt. Meist ist mir da die Gegenwart genug. Vielleicht ist es also Nachholbedarf, weil ich in den letzten Wochen und Monaten echt selten dazu gekommen bin? Oder weil das Sofa zum gemütlich lesen verführt, das in unserem Häuschen steht? Egal. 

Sie war da, die Lust, und so surfte ich ein wenig in den eBook-Portalen nach einer passenden Lektüre.

Auf einmal fand ich ein Buch zum Nulltarif, das den Namen Delete Bonus-Story trug – von einem mir bis dahin unbekannten Autor namens Karl Olsberg. Keine Ahnung, ob es eher der Preis als der Titel war, aber ich lud das Ding runter und war sofort hin und weg. Angefixt. Schnell lud ich mir die andern vier Bonus-Bücher herunter. Allesamt Kurzgeschichten. In Ich-Form erzählen die ProtagonistInnen ein Erlebnis aus ihrem Leben, das sie entscheidend geprägt hat, zu der Persönlichkeit werden lassen hat, die sie heute sind. Das aber erkannte ich natürlich erst später.

Später nämlich als ich mir auch das Buch Delete – satte 355 Seiten dick – gekauft hatte. Und zu lesen angefangen hatte.

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Ein Thriller, den ich mit nichts vergleichen kann, das ich bisher gelesen habe. Ist es Philosophie? Ist es Sciene fiction? Ist es gar ein Soziogramm?

Vier StundentInnen, die im Laufe eines halben Jahres verschwunden sind, bilden die Ausgangslage. Scheinbar ohne Zusammenhang haben sie sich in Luft aufgelöst. Außer dass alle World of Wizardry gespielt haben und alle in Berlin wohnen, gibt es keinen Zusammenhang.

Sehr glaubhaft führt uns der Autor in die Welt virtueller Zusammenhänge ein, verknüpft Spielwelt, Realität und philosophische Ansätze miteinander, wirft Fragen auf über das Woher und Wohin, zu Machbarkeit und Paranoia, zu Sicherheit und das Gläserne Menschsein. 

Die fünf Ermittelnden der neu geschaffenen Gruppe SEGI des Berliner LKA werden erst langsam ein Team. Jeder der fünf schrägen Vögel findet allmählich über seine persönlichen Affinitäten und Stärken seinen Platz in der Gruppe und so können sie sich dem Verschwinden der inzwischen fünf Menschen mit neuen Ansätzen widmen.

Man muss vermutlich schon ein wenig Interesse an der virtuellen Entwicklung und an philosophischem Gespinst haben, um sich für dieses Buch so begeistern zu können wie ich, aber vielleicht auch nicht. Denn der Autor bleibt Mensch, schreibt für Menschen, nicht in erster Linie für Nerds. Daran aber dass dieses Buch gut recherchiert ist, zweifle ich nicht, da Olsberg aus der IT-Branche kommt und weiß, wie das alles funktioniert. Und er kennt auch die Menschen.

Ein Actionthriller mit Geballer ist es nicht, und die Spannung baut sich eher aus den zwischenmenschlichen Ereignissen auf. Und zugegeben, manche Menschen und ihre Eigenschaften mögen auf den ersten Blick ein bisschen klischeehaft sein: Der übergewichtige Hacker zum Beispiel oder der Asperger mit Inselbegabung, doch je länger ich lese, desto glaubwürdiger wirken sie suf mich.

Und der Täter … nun ja, nein, ich verrate nicht mehr. Zumal ich ja nun noch die restlichen achtzig Seiten lesen muss. Darf. Will. Kann.

Draußen regnets. Schön, ein gemütliches Häuschen zu haben. Und ein gutes Buch. Das Gewitter eben war auch nicht ohne. 

Versehrte Kindheiten

Bastard, dieser deutsche Psychothriller mit Martina Gedeck als Kriminalpsychologin, der zurzeit auf ARD Mediathek zu sehen ist, wartet mit Szenen auf, die beinahe die Netzhaut verätzen. Ein Film, der Bilder sichtbar macht, wie ich sie Tage vorher im neuen Buch von Linus Reichlin gelesen habe. In einem anderen Leben.

Zwar ist es unmöglich, beiden – Film und Buch – in diesem Artikel gerecht zu werden, da die Geschichten grundsätzlich verschieden sind; ich möchte einzig ein paar Parallelen erwähnen.

ReichlinCoverDie weibliche Hauptfigur aus Bastard, das Mädchen Mathilda, erinnert nämlich an das Kind, das die erwachsene weibliche Hauptfigur Nora in Reichlins neuem Roman, einmal war. Beide haben eine Kindheit erlebt, die keine war. Beide haben ihre Gespenster – auch Noras Partner und Ich-Erzähler Luis. Kindheiten, die keine waren. Eltern, Elternteile, die sich aus der Verantwortung gesoffen oder mit Pillen heraus katapultiert haben.

Während in Bastard dreizehnjährige Kinder versuchen, einzufordern, was ihnen versagt geblieben ist, versuchen Luis und Nora einen Weg zu finden, mit den Entbehrungen ihrer Kindheit umzugehen.

Im Film diese Szene, wo Mathilda nach Hause kommt und ihre Mutter, die den Tod des Vaters vor zehn Jahren noch immer nicht verarbeitet hat und mehr trinkt als ihr gut tut, vom Boden aufkratzt und in die Dusche schleppt. Natürlich hat sie nichts gekocht.

Im Buch diese Szene, wo Nora Luis erzählt, wie ihre Mutter jeweils in der chinesischen Reisschale ihre Tabletten vermörsert hat. In eine Wattewelt geflüchtet ist. Dem Kind nicht die Mutter war, die dieses gebraucht hätte. Versehrte Kinder.

Reichlin seziert die Gefühle der beiden, entblößt, schaut hin, schönt nicht, schreibt über Verdrängung so dicht, so unglaublich menschlich, so schwerzhaft präzis, dass wir nicht anders können als verstehen. Er macht es sich nicht einfach, wenn er beschreibt, wie sich Nora und Luis angesichts der Veränderungen, die sich in ihrem Leben abzeichnen, beinahe gegenseitig kaputtmachen.

Beinahe.

Buch und Film ist gemein, dass die Enden neue Anfänge sind Und dass sie Mut machen, wider alle Vernunft, Mut, dem Leben doch immer wieder neu zu vertrauen. Und dass trotz der erlebten Dramen neue Möglichkeiten warten.

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Bastard – Film von Carsten Unger
In einem anderen Leben – Roman von Linus Reichlin

Ausgelesen #3 – Die Tote von Saint-Loup von Danielle Ochsner

Schon seit etwa acht oder neun Jahren lese ich ihr Blog. Es war das erste überhaupt, das ich kennenlernte. Ich gestehe, dass Madame Lila meine Idee vom Blogschreiben maßgeblich mitgeprägt hat. Und sie war es auch, die mich zum Bloggen inspiriert hat – lange bevor wir uns persönlich kennengelernt haben. Sie war es auch, die mich mit ihrer damaligen Blogroll mit andern Blogs bekanntgemacht und mir so gezeigt hat, was ein Blog alles so sein und bewirken kann. Vernetzung zum Beispiel.

Wenn man so will, ist sie sogar ein klein bisschen schuld daran, dass ich meinen Liebsten kennengelernt habe. Über Bloglinks bei ihr bin ich damals nämlich auf andern Blogs gelandet, irgendwann schließlich auf der damals noch aktiven Blogbibliothek, und endlich, im Winter 2008/2009 auf einem Artikel Irgendlinks, der dort verlinkt gewesen war. Der Rest ist Geschichte. Aber eine andere als die, über die ich jetzt hier berichten will.

Madame Lila hat nämlich auch eine geschrieben. Was heißt da eine? Im Blog schrieb sie ja schon ganz viele. Immer mal wieder kleine Erzählungen und dazwischen persönliche Erlebnisse. Ein herznährendes Blog. Ja, diese kleinen Erzählungen mochte ich schon immer sehr, ich mochte Frau Lilas samtweiche Sprache, die mich die Welt immer ein klein bisschen besser und schöner sehen machte. Und ein klein bisschen liebevoller und voller Düfte. Ihre Geschichten, die – obwohl sie mitten im Alltag gewachsen waren – zeigten mir immer wieder, dass es eben darauf ankommt, wie wir schauen und wohin. Und dass selbst Alltagsgrau viele Nuancen hat und viele Gerüche.

Und nun hat sie also eine Geschichte geschrieben, eine ganz lange sogar. Einen Krimi. Keinen wirklich schwarzen, keinen Psychothriller, nein, keinen, bei dem man sich nachts nicht mehr aus dem Haus traut.

Danielle Ochsner hat einen Krimi geschrieben, der mit seiner ganz besonderen Atmosphäre und seinem Hinblick schnell klar macht, dass der erste Schein noch trügerischer ist als wir ahnen. Dass sich hinter netten Fassaden – über Jahrzehnte aufrecht gehalten –, hinter schönen und schweren Erinnerungen, Geschichten und noch mehr Geschichten verbergen. Und auf einmal steht die Welt im beschaulichen französischen Kuhkaff Saint-Loup Kopf. Cover_StLoupZuerst taucht eine tote Frau auf. Bald darauf wird die zweite Leiche gefunden: ein toter Mann. Was genau geht hier vor und in welcher Beziehung standen die beiden zueinander?

Yvan Duclos und sein Assistent Ahmed rätseln tagelang ohne wirkliche Spur. Was genau ist von all den Lobhudeleien auf das erste Opfer zu halten? Die Mauer des Schweigens in Saint-Loup ist sprichwörtlich; und erst ganz allmählich bröckelt der erste Verputz. Die beiden Polizisten fangen an, Zusammenhänge zu verstehen, ausgelöst durch einen Satz im Obduktionsbericht über die weibliche Leiche. Was steckt hinter ihrem Geheimnis?

Zugegeben, einiges an der Geschichte ist vorhersehbar. Der Schluss war es nicht, definitiv nicht. Nicht so jedenfalls. Und nicht bei mir. Raffiniert, beinahe ingridnollesk entwickelt Danielle ihren Plot. Aber halt, mehr verrate ich nicht! Denn Lesen lohnt sich.

Aber – und auch das muss gesagt werden und ich gestehe, dass ich es befürchtet hatte – eben auch in ihrem Buch steht Madame Lila mit den Verben, der Konjugation, den Zeiten, gewissen Wörtern und Pronomen auf Kriegsfuß. Und auch fanden mich recht viele – zugegeben teils sehr originelle – Tippfehler (fliegende Trauben statt Tauben).

Nichtsdestotrotz hält Danielle Ochsner, was sie versprochen hat – auch wenn sie das eine oder andere Klischee bedient (das allerdings so geschickt, dass ich manchmal zwei Augen und die nicht vorhandenen Hühneraugen zugedrückt habe). Danielle erzählt uns nicht nur eine spannende und unterhaltsam, sondern auch eine doppelbödige Geschichte. Sie zeichnet die Stimmungen und die Menschen des verschlafenen kleinen französischen Dorfes so sensibel, dass ich es keine Sekunde bereue, dass ich dieses Buch mitsubventioniert habe. Per Crowdfunding. Und dass ich über all diese Schwächen eines Erstlings hinweg sehe. Ich wünsche ihr und der Toten von Saint-Loup viele LeserInnen.

Und für ihre nächsten Bücher wünsche ich ihr einen richtigen Verlag und ein professionelles Lektorat/Korrektorat.  Denn Erzählen kann sie!

Die Tote von Saint-Loup von Danielle Ochsner
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