Ausgelesen II. #2

An alles gewöhnt sich der Mensch, Mutantin, die sie ist. Sogar ans Zugfahren. Zumal ich lesen kann. Dazu bin ich nämlich schon früh morgens um halb acht in der Lage.

furchtbarliebZufällig bin ich neulich beim Surfen auf das e-Book Furchtbar lieb von Helen FitzGerald gestoßen und lud es mir aus Neugier aufs iPhone. Fast in einem Zug habe ich es verschlungen. Sicher werde ich noch mehr von dieser schottischen Autorin lesen. Fitzgerald schreibt glasklar und ironisch, zugleich äußerst sensibel und verstörend. Ihre Geschichte verblüfft mich immer wieder neu und lässt mich kaum zu Atem kommen. Wer englische Bücher mag, muss das lesen. Das Buch gibt’s übrigens auch als – ähm – Buch.

die_welt_auf_dem_kopfWeil ich dank der App Onleihe kostenlos an die eBooks meiner Bibliothek komme, habe ich mir das Neue von Milena Agus ausgeliehen und – wie vor einiger Zeit ihre Frau im Mond – bis zur letzten Seite mit offenem Mund dieser wunderbaren sardischen Geschichtenerzählerin gelauscht. Ihrer poetischen Sprache, die authentisch und bezaubernd den Alltag in einem verrückten alten Mietshaus in Cagliari auf Sardinien schildert. Die Welt auf dem Kopf liest sich wunderbar schwerelos, obwohl die Menschen darin keineswegs alle auf der Sonnenseite des Lebens stehen.
Ein tolles Buchgeschenk für Menschen mit Phantasie.

scheintotAuf dem Heimweg von der Arbeit habe ich heute einen Thriller von Tess Gerritsen, ebenfalls als eBook ausgeliehen, angefangen: Scheintot. Eine Autorin, die ich bisher nur vom Namen her kannte. Sie liest sich ausgesprochen spannend. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung.

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Wenn ich grad nicht Zug fahre oder im Büro sitze, bin ich am Laptop und lektoriere Irgendlinks Buch fertig: Schon wieder ein Jakobsweg soll Ende Woche als eBook bei neobooks erscheinen. Wenn alles klappt. Wenn wir fertig werden. Wenn nichts dazwischen kommt.

Und wenn ich nicht am Lektorieren bin, versuche ich meinen zurzeit überlasteten Geist irgendwie zur Ruhe zu bringen. Ich lasse alle Tippfehler sein, was sie sind. Sollen sie doch grad machen, was sie wollen. Miiir doch egal …

Wie gut, dass ich morgen frei habe … (Arbeit habe ich nämlich auch zu Hause genug.) Und, ja, auch viele Bücher, die darauf warten, von mir gelesen zu werden …

Ausgelesen II. #1

Da ich ja seit letzter Woche zehnmal pro Monat mit dem Zug zur Arbeit fahre, starte ich hiermit eine neue Serie. In einem Zug gelesen # 1 widme ich dem Krimi-Zweitling von Ina Haller.

978-3-95451-076-4

Zugegeben, der Titel haut höchstens Leute aus den Socken, die wie ich im Aargau wohnen oder aus der Gegend hier stammen. Darum gleich zu Anfang: Das Buch hätte einen besseren Titel verdient. Bücher mit Lokalkolorit – insbesondere Krimis – mag ich sehr. Speziell Bücher aus der Schweiz. Und wenn ein Buch in meiner biografischen Heimat spielt – teilweise in einem mir bestens bekannten Wohnquartier Aaraus – hat das Buch ein paar Vorschussloorbeeren gut. Doch diese wären schnell verscherzt, wenn mich das Buch nicht überzeugt.

Optisch ist das Buch unspektakulär, aber ansprechend. Der Klappentext macht neugierig. Und da ich mit der Autorin zusammen – Seite um Seite schreibend – bei einigen Novemberschreiben mitgemacht habe, wollte ich das Buch natürlich unbedingt lesen. Dass die Autorin aus Deutschland stammt, merkt man beim Lesen nicht, denn ihre Geschichte zeugt von jahrelanger Ortskenntnis.

Andrina, eine zweiunddreißigjährige Geologin, ist nach ihrem Studium, auf der Suche nach Arbeit, im Cleve-Verlag gelandet. Brigitta, die eine der beiden Verlegerinnen, war für sie eine Art Patin und hat ihr vor etwa einem Jahr eine Stelle als Sekretärin und Lektorin zugeschustert. Dass Brigittas Zwillingsschwester Elisabeth über diese Wahl nicht besonders glücklich war, erfahren wir erst im Laufe der Geschichte.

Nur ganz kurz dauert das Glück des Verlagsteams über die Adaption eines historischen Cleve-Fantasy-Romans in ein Musical, das am Anfang der Geschichte uraufgeführt wird. Oder besser: werden soll, denn als sich der Vorhang des Badener Kurtheaters öffnet, liegt statt eines Schauspielers der tote Autor auf der Bühne und der Alptraum beginnt. Andrina gerät ins Blickfeld der Polizei, wird jedoch schon bald aus dem Kreis der Verdächtigen entlassen und schon bald als mögliches nächstes Opfer betrachtet.

Das Büro wird verwüstet, die eine Lektorin nimmt sich das Leben und beinahe wird die Verlagslektorin Gabi ermordet. Dank Andrinas äußerst mutigem Eingreifen, überlebt die Lektorin den Anschlag, doch der Mörder kann – unerkannt – flüchten. Andrina erhält schon bald den immer gleichen Drohbrief („ich weiß immer, wo du bist“), verheimlicht das aber der Polizei, weil sie ihren Expartner Eric Zuber dahinter vermutet.

Nachdem sich Brigittas Suizid als weiterer Mordanschlag herausstellt, kommen sich Andrina und der eine der ermittelnen Kripo-Beamten, Marco Feller, langsam näher. Sein Personenschutz geht sogar so weit, dass er sie in den Urlaub aufs Hausboot ihrer Schwester Seraina und deren Mann Mike, begleitet. Undercovered hält er ein Auge auf Andrina, die nach einigen Tagen auch in Norddeutschland wieder Drohbriefe erhält. Schließlich werden Feller und sie sogar angeschossen und beschließen danach, sofort zurück in die Schweiz zu fahren. Inzwischen sind sich die beiden näher gekommen und verstehen sich als Paar – nicht ganz einfach unter diesen schwierigen Voraussetzungen. Zurück in Andrinas WG erwartet sie eine schreckliche Überraschung, die Andrina zwingt, sich eine andere Unterkunft zu suchen. Bald gerät sie, weil sie Marcos Haus – wo sie Exil bekommen hat – auf eigene Faust verlässt in Lebensgefahr. Das Finale? Darüber sage ich nichts, außer dass der Mörder eine doch sehr ungewöhnliches und unerwartetes Motiv hat und die Geschichte mit unvorsehbaren Wendungen bis zuletzt überrascht. Besonders gefällt mir, wie Haller ihre Geschichte abschließt. Doch auch das verrate ich hier natürlich nicht.

Zugegeben, zuweilen trägt die Autorin ziemlich dick auf und der eine oder andere Sachverhalt erscheint unnachvollziehbar, doch gelingt es Haller, diese heiklen Details so glaubwürdig zu erzählen, dass man sie ihr verzeiht. Obwohl ihre Stärke im Ausmalen der Details und in realistischen Dialogen liegt, wünschte ich mir hin und wieder, dass sie weniger sagt, weniger erklärt.

Ihre Figuren zeichnet sie selbst da nachvollziehbar, wo am Anfang Stereotypen hinhalten müssen. Ich denke dabei vor allem an die Figuren Marco Feller und Eric Zuber. Zum Glück weicht Haller die Klischees allmählich auf und die Personen werden bald dreidimensional und überzeugend. Andrina, die ich am Anfang eher ätherisch wahrnehme, wächst im Lauf der Geschichte über sich hinaus und zeigt Zivilcourage. Eine starke Frauenfigur, die sich ungern Vorschriften machen lässt und sich dabei – trotz ihrer Ängste – mehrmals in Lebensgefahr begibt. Für mich dürften die beiden Hauptfiguren, Andrina und Marco, durchaus menschlich und optisch weniger perfekt sein. Das hätte sie womöglich noch sympathischer gemacht. Auch der eine oder andere literarische Stolperstein wäre vermeidbar gewesen. Dennoch ein Buch das Lust macht auf mehr und dem ich es gönne, nicht nur im Aargau, sondern über seine Grenzen hinaus, auch über die nördlichen, gelesen zu werden.

Ina Haller. Tod im Aargau. Kriminalroman, emons 2013.
ISBN: 978-3-95451-076-4

Figuren kreieren

Sie sitzen im Kreis. Mit offenen Mündern, die Augen weit aufgerissen, hören sie zu. Bei den einen glitzert es sogar ein wenig in den Augenwinkeln und als die Heldin die wackelige Brücke überquert hat, geht ein Aufatmen durch den Raum und die angespannten Glieder bewegen sich wieder. Die Kindergärtnerin klappt das Buch zu und auf einmal wird aus dem mäuschenstillen Menschenknäuel wieder ein wilder Haufen Piraten und Zauberinnen.

Die Heldin ist gerettet. Der Protagonist hat sein Ziel erreicht. Wir brauchen sie, diese Figuren aus den Geschichten, die wir lesen oder uns im Fernsehen oder Kino ansehen. Sie vertreten uns und helfen uns, zu leben. Gemäß eines Creative Writing Workshops in den USA – nein, ich habe keinen besucht und werde es höchstwahrscheinlich auch nie tun – soll unsere Heldenfigur innerhalb der ersten vier Seiten eines Romans eine sympathische Tat vollbringen. Weil sonst unsere Lesenden, so geht das Gerücht, das Buch zuklappen. (Hat mir ein Bekannter erzählt, der einen solchen Workshop besucht hat. Oder jemanden kennt, der einen besucht hat. Oder so.)

Na ja, solche Vorgaben finde ich stereotyp und nicht besonders kreativ, aber die Idee hat was. Die Figur, die ich für die nächsten hundert, ein-, zwei-, dreihundert Seiten begleiten werde, muss es wert sein. Sie muss mir also so weit sympathisch sein, dass ich mitgehen will. Selbst wenn diese Figur ein Schelm und ein Kunstdieb ist. Ich denke dabei an Martin Suters Figur Allmen oder Jo Nesbøs Headhunter.

Wir Schreibenden manipulieren. Immer. Bewusst oder unbewusst. Sobald wir an einem Text arbeiten, den wir nicht nur ausschließlich für uns selbst schreiben, angefangen beim Brief hin zum Artikel fürs Blog bis zur Romangeschichte, überlegen wir uns genauer, wie wir was sagen. Ich lese Sätze, die ich ins Tagebuch schreibe, selten durch, doch bereits Briefe und Mails lese ich (meistens) mindestens einmal durch. Ich formuliere manchmal kopfgesteuert oder ich lasse meine Gedanken einfach intuitiv aufs Papier oder in die Tasten fließen. Eins ist dabei klar, auch wenn ich nicht jedes Mal darüber nachdenke: ich will eine Aussage machen und mit dieser eine ganz bestimmte Wirkung erzielen. Ich will verstanden werden und darum unterstreiche ich meine Absicht mit möglichst passenden Worten. Wie es eine Kundenmalerin tut, wenn sie einen Raum neu streicht. Sie wählt jene Farbe aus, die den gewünschten Effekt erzielen soll. Oder der Koch: er hat die Zutaten und dazu eine Idee, wie das Ergebnis auf dem Teller aussehen und im Gaumen schmecken soll. Alle sind wir in irgendwas gut und darin wissen wir, wie wir die richtige, die von uns gewünschte Wirkung erzielen können.

Worte sind meine Gewürze, meine Farben, meine Klänge. Die Tastatur ist mein Instrument, mein Medium, mein Kochlöffel.

Zurzeit arbeite ich mehr oder weniger intensiv an der Fertigstellung eines Romanes, an dem ich schon seit Jahren brüte. Ich balanciere dieser Tage ständig zwischen innen und außen. Ich will die Geschichte um ihrer selbst willen erzählen (einzig das Wie ist noch nicht in jedem Detail klar). Ich will dieses Geschichte erzählen, weil ich sie erst dann wirklich loslassen kann. Und auch, weil ich sie erzählenswert finde. Ich erzähle sie, weil sie sich mir aufdrängt. Es gäbe nettere Geschichten zu erzählen, gewiss. Meine ist nicht nett. Es ist keine Mainstreamgeschichte, keine laute, schrille, die das Zeug zum Bestseller hat – nicht jedenfalls um ihres Inhalts willen. Meine Geschichte ist mein Stein, der sich mir zum Behauen in den Weg gestellt hat. Weil ich die Kenntnisse und das Werkzeug habe und weil ich die Form im Stein sehe, die ich freilegen soll, habe ich mich zur Dienerin des Steins gemacht.

Die Werkzeuge der Steinhauerin dienen der Manipulation des Steins. Hier zuckt niemand beim Wort Manipulation. Auch bei Bildbearbeitung mit Photoshop und Co. stolpert niemand allzu sehr über dieses Wort. Aber beim Schreiben, oh weh, da bekommt das Wort schnell einen negativen Beigeschmack und wir denken an Werbung, an Propaganda und an Diktaturen.

Sobald ich mit einem Text den Innenraum meiner Gedanken und den Innenraum meiner Festplatte verlassen und ihn einer Leserin oder einem Leser zeigen will, ist es nicht mehr egal, wie ich schreibe. Mir nicht, meiner Leserschaft nicht. Der Balanceakt beginnt. Ich schreibe so, dass ich möglichst so verstanden werden kann, wie ich verstanden werden will. Und doch bleibe ich mir treu. Mir und meinem Schreibstil. Meiner Denkart. Meinen Bildern.

Und genau hier wird es schwierig: Ich-du-er-sie-es-wir alle können nicht anders als von uns und unserer Bilderwelt auf jene der andern zu schließen. Weil wir nur diesen einen Einblick in ein menschliches Denk- und Wahrnehmungskonzept haben – dazu noch sehr lückenhaft. Was ich hartnäckig türkis nenne, nennt Freundin L. genau so hartnäckig grün, nur so als Beispiel.

Ist meine Figur A. für alle, die meinen Roman lesen, sympathisch? Und falls ja, verspielt sie sich diese Sympathie womöglich schon auf den ersten zehn Seiten, weil sie etwas auf eine bestimmte Weise macht, denkt, sagt, schreibt, die meine Lesenden doof finden? Sie für alle und um jeden Preis sympathisch machen zu wollen, kann also nicht funktionieren. Muss auch nicht.

Momentan lese ich ein eBook. Der Protagonist dieses Romans ist ein snobistischer Kotzbrocken. (Ich bin allerdings erst im ersten Viertel und lese das Buch weiter, weil ich die Hoffnung nicht aufgebe, dass er mir vielleicht doch noch sympathisch wird). War es Absicht des Autors, seinen Protagonisten so unsympathisch zu erschaffen? Weil dem Autor die Leserinnenschaft völlig egal ist? Als Experiment? Oder, und das ist die Frage, die mich am meisten beschäftigt, ist der Protagonist womöglich andern Lesenden durchaus sympathisch? Dass nicht alle allen sympathisch sind, wissen wir. Aber …

Für meine Schreibarbeit extrahiere ich aus meiner aktuellen Leseerfahrung folgende Frage: Kann und darf eine Figur, die wir uns als Schreibende auf eine bestimmte Art vorstellen, auf andere ganz anders oder sogar völlig gegenteilig wirken, als wir es uns vorgestellt hatten?

Ich folgere, dass unsere manipulativen Fähigkeiten nur bis dahin reichen, wo unsere Lesenden ihre Erfahrungsschätze und ihre Phantasie auspacken. Somit ist jede Geschichte immer mehr als das, was ich erzählen kann. Sie ist immer eine Synthese zwischen meinem Text und dem Lesegaumen meines Gegenübers.

Was eine Figur sympathisch oder unsympathisch macht? Obwohl sich diese Frage kaum abschließend und verallgemeinernd beantworten lässt und schon gar nicht befriedigend, gibt es wohl ein paar generelle Kriterien: Eine Hauptfigur muss menschlich sein und fehlerhaft . Sie soll ein paar nicht allzu schlimme Schwächen haben und weder darf sie zu schön noch zu hässlich sein, sonst macht sie uns Angst oder stößt uns ab. Hier betrete ich bereits wackeligen Boden. Denn es gibt durchaus hässliche Romanfiguren, die mir ans Herz wachsen können. Und sogar wunderschöne. Lassen wir es also einfach bei den erstgenannten: menschlich und unvollkommen.

Umgekehrt stellt sich die Frage, was eine Figur unsympathisch macht. Unsere Feindbilder sind so individuell wie unsere Geschichten. Als möglicherweise allgemein akzeptierte Kriterien nenne ich deshalb nur Arroganz, Korinthenkackerei, Besserwisserei, Hochnäsigkeit und Unsensibilität.

Stellt sich die Frage, ob solche Eigenschaften wirklich auch als solche wahrgenommen werden (siehe das erwähnte eBook). Womöglich wirken auf andere Leserinnen und Leser Besserwissertum und Arroganz ja als Gelehrtheit und Abgeklärtheit?

Sich gute Geschichten auszudenken ist eins, sie in lesbare Texte umzusetzen, damit andere Menschen sie lesen, mitgehen und im Idealfall etwas mitnehmen können, das ihr Leben bereichert, etwas anderes.

Ohne gute Geschichten wäre mein Leben grau. Eine gute Geschichte muss mich berühren. Ziemlich einfach eigentlich.

Und für dich?

Die Sucht nach dem ersten Mal

Zurzeit verdichten sich alle Fäden, die ich in die Hand nehme, zu einer einzigen Decke, die ich hier mangels besserer Idee meine Heimatdecke nennen will. Auf der Reise zum einsamen Gehöft, von wo aus ich mit Irgendlink morgen nach Boulogne-sur-Mer weiterfahren werde, sprudelten nur so die Ideen, was Heimat für mich ist. Und was nicht. Mit der Wahl des Themas „heimatlos“ als neues Zyklus-Thema auf Pixartix, dem Bilderblog, haben wir in mir drin wahrlich eine kleine Dominobahn losgestoßen.
Einer der vielen Fäden meiner Heimatdecke ist der eben fertig gelesene neue Roman von Linus Reichlin. Das Leuchten in der Ferne.
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Reichlin gehört seit ein paar Jahren zu jenen Autoren, von denen ich neu erscheinende Bücher unbesehen kaufe. Ich gestehe, dass ich zuerst leer geschluckt habe, als das Buch ausgepackt vor mir auf dem Tisch lag. Ich hatte gehofft, eine weitere Geschichte aus dem Leben des Ex-Polizisten Jensen zu lesen, der mir in den ersten drei Reichlin-Büchern ans Herz gewachsen ist. Doppelt enttäuscht war ich, als ich auf dem Umschlag von Afghanistan, Taliban und Krieg las. Oh weh, ein Kriegsbuch, dachte ich. Doch ich dachte mal wieder zu kurz. Denn, obwohl es zumindest übergeordnet um Krieg geht, geht es noch viel mehr um Heimat und Sehnsucht. Es geht um die S(ehns)ucht nach dem Thrill, um die Sucht nach dem ersten Mal, nach neuen Erfahrungen, nach Ausnahmezuständen, nach Abenteuer. Diese Süchte treiben den Kriegsreporter Martens immer wieder in die Welt hinaus, wo er schon fast alles, alles Schreckliche zumindest, miterlebt hat. Nein, in seiner Berliner Wohnung in Neukölln fühlt er sich nicht zu Hause. Er liebt das Unvorhersehbare. Der Stadtalltag ist ihm fremd, er findet alles, was sich mehr als einmal wiederholt, langweilig, und kann nicht verstehen, warum die meisten Menschen dieses Leben der Repetition ertragen oder gar mögen. Er ist sich bewusst, wie arrogant seine Haltung wirken kann und erträgt es oft genug selbst kaum, dass er so tickt.

„Die Kollegen, die Artikel gehen den Fluglärm schrieben, taten das Ihre, um die Welt ruhiger zu machen oder gerechter, was auch immer. Man tat sich keinen Gefallen, wenn man das gering schätzte, und vor allem nicht, wenn man andererseits die Gefahren verkannte, die der Kontakt mit dem Ungewöhnlichen, dem Schrecklichen mit sich brachte. Das Schreckliche verändert den Maßstab für die Bedeutung der Dinge. Alles, was weniger schrecklich war, wurde auch als weniger bedeutend empfunden, manchmal selbst die Liebe und das Vertrauen. Das Schreckliche nahm für sich in Anspruch, das einzig Bedeutsame zu sein, alles andere wurde als Vergleich dazu banal herabgestuft. Wenn man dem nachgab, war man verloren, es war der erste Schritt in die Obsession, in die arrogante Geringschätzung des Alltagslebens und der Arbeit der Anderen.
Fluglärm war wichtig.“ (Zitat S. 22)

Martens lernt auf dem Bürgeramt Miriam Khalili kennen. Schon bald bittet sie ihn um einen grossen Gefallen. Er soll mit ihr, der Fotografin, nach Afghanistan reisen, um dort eine junge Frau, die als Junge verkleidet aufgewachsen ist und heimlich unter den kriegerischen Taliban lebt, kennenzulernen und zu interviewen. Martens‘ Abenteuerlust ist geweckt. Er kann den Chefredakteur des Wochenspiegels überzeugen und bekommt einen großen Vorschuss. Die beiden reisen zusammen mit deutschen Soldaten nach Afghanistan, verlassen schon bald heimlich das Militärcamp in Feyzabad und treffen ihren Kontaktmann. Martens beginnt an Miriams Geschichte zu zweifeln. Als sie sich näher gekommen sind, gesteht sie ihm, dass sie seine Hilfe und den Vorschuss braucht, um einen Entführten freizukaufen. Die Geschichte hätte mit der Lösegeldübergabe enden können, doch die Talibangruppe wird in der Nacht vor der Freilassung von amerikanischen Fliegern beschossen. Um Miriam und den Entführten aus der Schusslinie zu bekommen, stellt sich Martens als Spion und Sündenbock hin und verspricht für sich, bei Freilassung, ein hohes Lösegeld.
Was sich bei dieser sehr unvollständigen Kürzestfassung wie ein Groschenroman anhört, offenbart sich beim Lesen als vielschichtige Gesellschaftsabrechnung. Sprachlich schöpft Reichlin streckenweise metaphernreich aus dem Vollen, nur um andernorts mit minimalen Bildern, Schnappschüssen gleich, zu zeigen, was Sache ist. Reichlin pflegt eine raffinierte, dichte Erzählweise, die dennoch nie konstruiert, sondern authentisch und unmittelbar bei mir ankommt.
Auch gelingt es Reichlin, ohne zu moralisieren, meine Denkmuster in Frage zu stellen. Er stellt meine Klischees auf den Kopf und bringt mich dazu, die Welt, das Leben, Mann und Frau für einmal aus der Sicht von Taliban zu betrachten, ohne dabei deren Leben und deren Grundhaltung zu bewerten oder gar zu schönen.
Martens, der in seinem Leben viel Schreckliches gesehen und erlebt hat und von gewissen alten Bildern wieder und wieder heimgesucht wird, lebt nun zum ersten Mal auf der andern Seite. Als Journalist war die Hotelbar immer der Ort, wo sich die Welten schieden. Hier die Journalisten, dort die Menschen, über die er schrieb. Nun, für die unbestimmte Zeit von vier Monaten auf der andern Seite, verändert sich seine Welt so grundsätzlich, dass er nach seiner Rückkehr in Berlin …
Aber halt, mehr darf ich nun wirklich nicht verraten.

Über das Nachdenken nachdenken

Im Buch „Briefsteller“ von Schischkin lese ich, wie die Soldaten in China sich ständig beschäftigt haben, um nicht ins Grübeln zu kommen. Um nicht durchzudrehen.
Na ja, nicht grübeln geht wohl nicht und zu viel macht krank. Das individuelle Maß an persönlicher Grübelei zu finden, ist eine große Herausforderung.
Die eine oder andere kleine und große Frage muss ich mir stellen, auch wenn die Antworten darauf sich im Laufe der Jahre verändert haben.
Sich dem Nachdenken zu verweigern, sich das Grübeln zu versagen, befreit von Ethik, Verantwortung, Moral und Gewissen – eine Freiheit, die ich nicht anstrebe. Macht nun umgekehrt übermäßiges Grübeln moralisch und gar missionarisch? Depressiv zu werden ob zu vielen Nachdenkens, ist eine weitere Option.
Das Leben muss uns, um es leben und verstehen zu können, irgendwie fassbar werden. Und da sind Fragen unvermeidbar.
Selbst Kinder stellen Fragen. Kinder grübeln über andere Dinge nach. Wie weit sie buddeln müssen, bis sie die Mitte der Welt erreicht haben. Und warum-warum-warum die Welt …
Warum? Warum auch nicht!
Doch jetzt packe ich besser mal meine Sachen fertig für die kleine Reise in die große Stadt. Warum? Darum!

Der Bücherverschenktag

Morgen ist es soweit. Morgen ist der Welttag des Buches. Morgen publizieren alle teilnehmenden Blogs einen Beitrag, in dem sie ein vorher definiertes Buch verlosen. Wer dieses Buch gewinnen will, kommentiert einfach den Beitrag. Verlost werden die Bücher am 30.04.2013.
Also, Leute, klickt euch morgen durch die teilnehmenden Blogs (hier oder aufs Logo unten klicken) und kommentiert, was das Zeug hält. Ich selbst werde es wohl genauso tun.
[Leider habe ich die Anmeldefrist verpasst, aber es macht sicher auch als Besucherin und Besucher Spaß, mitzumachen.]

blog

immer weiterschreiben

Eignet sich Schreiben als Betäubungsmittel gegen Schmerz? Eignet sich Lesen als Stimulans*?
Genau genommen gibt es im Leben doch nur zweierlei: Lebenswichtige Notwendigkeiten und Stimulantia*. Doch selbst diese zwei sind eins, denn alles hängt mit allem zusammen.
Ohne atmen, essen, trinken, schlafen und ausscheiden würden wir physisch sterben. Körperpflege klammere ich hier mal aus. Oder ein. Sie ist bereits, wie alles andere, wie alles, was wir außerdem tun, Zugabe, die einzig und allein dazu dient, uns das Leben angenehmer und erträglicher zu machen, unser Lebenszeit zu füllen und uns, dank dieser Handlungen, die Lebensnotwendigkeiten zu ermöglichen. Puffer. Stimulanzia.
Darum bewegen wir uns, darum arbeiten wir an unsern Projekten und darum pflegen wir soziale Kontakte. Diese drei Stimulanzia stehen als Beispiele für grundlegende Stimulanzia. Jegliche Form des Selbstausdrucks – Kunst und Kultur aller Art wie Literatur oder Malerei – ist ebenfalls einzig Stimulans. Um nicht nur physisch zu überleben.
Selbst eine schlichte To-Do-Liste ist bereits ein Stimulans. Und falls es sich dabei um die Einkaufsliste für die lebenswichtigen Lebensmittel handelt, mischen sich hier Notwendigkeit und Stimulans, denn alles hängt zusammen.
Gestern Nacht, vor dem Einschlafen, im Briefsteller von Schischkindie Mützenfalterin hat das Buch hier wunderbar besprochen – schier unerträgliche Kriegsbeschreibungen gelesen.
Weit weniger als die Hälfte aller Menschen auf dieser Erde leben so behaglich wie ich, dachte ich, ins Dunkel starrend. Der größte Teil der Menschen meines Landes lebt luxuriöser als ich.
Je nachdem, in welche Richtung ich schaue, bin ich also reich oder arm.
Je nachdem wie ich denke, könnte ich verzweifeln ob meiner fragilen Lebensperspektiven oder könnte ich vor lauter Freude über den geplanten Neuanfang abheben. Sich selbständig zu machen, ist zwar ein leiser, alter Traum, doch daran kleben noch immer viele Ängste. Kann ich das? Werde ich mich im Wettbewerb behaupten können? Werde ich Aufträge bekommen? Werde ich davon leben können? Vor allem letztere Frage spukt durch meinen Kopf – und dann diese: Was brauche ich zum Leben wirklich? Werde ich von dem, was ich als Selbständige verdienen werde, meine Notwendigkeiten bezahlen können. Das Dach über dem Kopf, die Krankenversicherung und die sprichwörtliche Butter auf dem Brot und werde ich mir auch weiterhin meine Lieblingsatimulantia leisten können, als da wären zum Beispiel Schokolade (weniger die Menge als die Stückgröße der bitteren schwarzen Köstlichkeit, die langsam auf der Zunge zergeht, ist entscheidend) und Bücher?
Eins werde ich hoffentlich immer können: Schreiben. Auch eine Stimulans, natürlich. Und wohl nur eine andere Form von Denken – notwendig und stimulierend.
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* Ich verwende das Wort in Ein- und Mehrzahl hier bewusst losgelöst von seiner pharmazeutischen/medizinischen Bedeutung

aufgelöst

Liebe Leserinnen und Leser
Ihr seid einfach wunderbar. Dass ich euch so einen langen Artikel wie den letzten zugemutet habe, ist ja eins, doch dass ihr auch noch so angeregt mitdiskutiert und mitgerätselt habt, freut mich echt total.
Vier Leserinnen und Leser haben mir die richtige Lösung gemailt:
1102_nemesis
Der Autor heißt Philip Roth und das Buch Nemesis*
Gewusst haben dies
Karin Träumerleswelt, die das Buch ihrer Tochter geschenkt hat (und – wer weiß? – das Buch vielleicht und hoffentlich auch noch lesen wird?),
Uwe Heckmann, der das Buch gleich nach Erscheinen gelesen hat,
mb aka Frau Haushundhirsch, die das Buch vor einer Weile gelesen hat und last but not least,
Anhora, die das Buch lesen will, wenn sie meine doch etwas detailreiche Buchbesprechung vergessen haben wird …
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Erster und zweiter Preis:
Signierter Kurzgeschichtenband „Nachtfalter“, worin ich mit zwei Kurzgeschichten vertreten bin (auch drei Jahre nach Erscheinen noch knackig und gruselig).
Dritter und vierter Preis:
Eine Touchnote-Kunstpostkarte, die von A-Z auf dem iPhone gestaltet worden ist und direkt von dort aus zu euch nach Hause flattern wird.
Ich werde jetzt alle vier Namen auf Zettel schreiben – noch mehr Trommelwirbel bitte! – und ziehen ….
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(leider ist der Fokusmotor meines iPhones kaputt (Wackelkontakt) – drum die Unschärfe, nix für ungut)
And the Winners are …
1. Preis: Anhora
2. Preis: Karin Träumerleswelt
3. Preis: Frau Haushundhirsch mb
4. Preis: Uwe Heckmann
Nochmals großes Dankeschön fürs Mitmachen und eure Lesetreue!
Herzliche Grüße, Sofasophia
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* weitere Rezensionen auf …
text-und-zeit.de
egotrip.de

Damals, im Sommer …

Endlich ist es Frühling. Hier jedenfalls. Zögerlich erst. Der kühle Wind und die trotz Sonne kühlen Temperaturen verstärken meine Sommersehnsucht nur umso mehr.
Sommer ist für mich draußen sein. Ist Wald, ist schwimmen im See, ist Sonne am blauen Himmel, ist abends am Feuer sitzen und viel weniger Textilien auf dem Leib (keine Schals, Mützen, Stirnbänder, Handschuhe, keine warmen Schuhe, keine langen Unterhosen …). Sommer ist Salate, ist unterwegs sein, ist Lachen … Wieso im Sommer mehr gelacht wird? Bestimmt hat das mit der Sonne zu tun, die sich doch sehr direkt auf die Laune auswirkt.
Teil 1 meiner heutigen Buchbesprechung
Sommer kann aber auch ganz anders sein. Im jüdischen Viertel in Newark, es war im Sommer 1944, war die Hitze schier unerträglich. Seit Wochen über dreißig Grad und auch nachts kaum Abkühlung. Und genau hier fängt das Buch, das ich vorstelle an. Es wird in erster Person Singular erzählt. Die Erzählstimme gehört einem der zwölfjährigen Jungs, die ihren Sommer, mangels Ferienhaus am Meer, in der Stadt verbringen. Zwei Monate Schulferien. Was kann man da schon anderes tun, als, sich mit den andern Jungs täglich auf dem Sportplatz zu treffen und Baseball zu spielen? Trotz der Hitze. Dass es dafür eine Aufsicht braucht, ist den Schulen und der Stadtregierung klar. Der Junglehrer Bucky, 23 Jahre alt und wegen seiner starken Kurzsichtigkeit ausgemustert, übernimmt den Job gerne und mit größter Hingabe – er ist außerdem auf jeden Cent angewiesen. Aus armem Haus stammend lebt er mit seiner Großmutter, seiner letzten Verwandten, in einer winzigen alten Wohnung und spart für einen neuen Ofen. Auf dem Sportplatz bringt er den Jungs Werte wie Zähigkeit, Fairness, Ausdauer, Technik und die Notwendigkeit. Immer wieder Pausen einzulegen bei. Seine Freundin Marcia, Tochter eines Arztes und aus besserem Haus stammend, verbringt ihrem Sommer in einem Camp außerhalb der Stadt. in den Bergen Pennsylvanias. Die beiden vermissen sich sehr und telefonieren regelmäßig.
Die Geschichte beginnt damit, dass wir von vereinzelten Poliofällen in andern Quartieren Newarks erfahren, doch schon bald rückt die Epidemie näher. Da damals die Ursachen für Kinderlähmung noch weitestgehend unbekannt waren, konnte nicht wirklich effizient gegen diese schreckliche Krankheit und ihre Ursachen vorgegangen werden. Und natürlich gab auch gerade diese Unwissenheit allen möglichen Theorien zu Ansteckungswegen Vorschub. Als die ersten beiden Buben aus seiner Gruppe sterben, erträgt Bucky es kaum. Er besucht die Hinterbliebenen und fängt bei der Trauerfeier damit an, seinen Gott der Liebe zu hassen. Wie kann ein guter Gott so etwas schreckliches wie Krankheiten, wie diese Krankheit im speziellen, die Kinder umbringt oder zu Krüppeln macht, zulassen, erschaffen gar? Seine Fragen und Zweifel wachsen stetig, auch die Selbstvorwürfe, die vagen Schuldgefühle, die Frage, was er ändern, verbessern könnte.
Teil 2
Je weiter der Sommer fortschreitet, desto mehr Jungs werden krank. Bucky fühlt sich zusehends hilfloser, und als ihn Marcia überredet, den Job zu schmeißen und zu ihr ins Camp zu kommen, weil einer der Leiter in den Krieg eingezogen worden ist, lässt er sich – zwar gegen seine Gefühle – überreden, zu ihr zu fahren. Seine Großmutter überlässt er der Obhut lieber Nachbarn. Trotzdem fühlt er sich sehr gespalten. Seine Kündigung erscheint ihm wie Fahnenflucht und er fühlt sich wie der größte Feigling dieser Welt.
[Darf ein Mensch sein eigenes Glück, sein eigenes Leben über das Wohlergehen seiner Gesellschaft stellen?, frage ich mich im Fahrwasser von Buckys Gedanken zu seinem Aufbruch in die Berge. Als wäre das Wohlergehen der Gesellschaft von ihm allein abhängig? Ist das denn nicht maßlose Selbstüberschätzung? Und wie sieht es mit der Verantwortung für die allfälligen Konsequenzen aus, wenn wir uns für unser Glück entscheiden?]
Bucky schämt sich seiner Tat. Schon in der ersten Nacht beschließt er, zurückzufahren, sich der Stadt und den Aufgaben, vor denen er davongelaufen zu sein glaubt, zu stellen.
Er muss dorthin, wo er gebraucht wird. Er muss zurück, um sich wieder in die Augen schauen zu können.
[Ich frage mich, ob nicht beides einzig der Aufrechterhaltung des eigenen Selbstbildes – nenn es Egoismus – dient, oder könnte gar Altruismus so aussehen?]
Bucky bleibt im Camp und genießt mit äußerst ambivalenten Gefühlen die Arbeit mit den Jungs, den Schwimmunterricht, die nächtlichen Ausflüge im Kanu mit Marcia auf eine kleine lauschige Insel … Er genießt vordergründig diese beinahe paradiesische Welt, die er noch nie zuvor erlebt hat, derweil in seinem Kopf Peiniger am Werk sind, Ankläger, die aufs Gröbste auf sein Gewissen einreden.
Nach einer Woche erkrankt ein junger Betreuer an Polio. Das Paradies wird zerstört und Bucky ahnt schreckliches. Er lässt sich auf Polio untersuchen und trägt den Erreger tatsächlich mit sich herum. Wie lange schon, lässt sich nicht feststellen. Die Krankheit bricht bei Bucky allerdings erst nach einer Weile aus. Inzwischen sind auch andere, unter anderem Marcias kleine Schwester, im Camp erkrankt und es wird umgehend geschlossen.
Teil 3
1971 | Arnie, einer der jungen Baseballspieler, die damals an Polio erkrankt sind, ist inzwischen Architekt, glücklich verheiratet und hat Kinder. Er hat sich mit dem Leben versöhnt und baut behindertengerechte Häuser – eine boomende Branche in den frühen Siebzigern. Eines Tages erkennt er seinen ehemaligen Lehrer Bucky auf der Straße, woraus sich ein angeregter Austausch entspinnt. Bucky erzählt Arnie seine Geschichte so schonungslos es nur geht. Er lässt nichts aus. Nicht, dass er seine geliebte Marcia nicht geheiratet hat, obwohl sie ihn unbedingt und auch als Krüppel als ihren Mann wollte. Wie naiv! Das hatte er ihr doch nicht antun dürfen. Sie gehörte an die Seite eines gesunden Mannes.
So versagte Bucky sich damals, aus Liebe zu ihr, die Liebe seines Lebens. Glück gibt es in Buckys Welt nur für die andern, schließlich war er doch schuld am Tod seiner Jungs, er war schuld daran, dass sich viele angesteckt und reversible Schäden davongetragen hatten. Er allein …
Die Hölle ist in seinem Kopf. In unseren Köpfen.
Doch Arnie, der Atheist, fordert Bucky, den Gotthasser heraus:
Ist nun Gott schuld oder Sie?, fragt er ihn zum Beispiel sinngemäß. Manchmal klagen Sie darüber, dass Gott nicht Liebe sein kann, wenn er diese Krankheit geschaffen hat. Er habe an allem Schuld, sagen Sie. Dann wieder, dass allein Sie schuldig sind …
Buckys Verhalten – sein Hader, seine Fragen, seine Anklagen, seinen Blick auf das Leid der Welt und die Bürde, die er sich aufgeladen hat, um alle andern reinzuwaschen – ist mir nicht fremd. Seine Bitterkeit macht mich betroffen und ich kann sie nachvollziehen.
Selbstanklage entspringt einer Allmachtsphantasie, blitzt es durch mein Hirn. Die Schuld, das Leid, den Schmerz der Welt zu tragen, kann niemand (nein, auch Jesus nicht). Weil alles ganz anders zusammenhängt, anders als wir denken, ahnen, spüren, wissen, zu wissen meinen. Und ich, nein, ich weiß es natürlich auch nicht. Und nein, ich wage keine Spekulationen. Aber an Gerechtigkeit glauben, nein, das kann ich schon lange nicht mehr – nicht an die von uns definierte und erhoffte jedenfalls. Doch ob der Weg, für den sich Bucky entschieden hat, dieser Weg der Selbstbestrafung, wirklich das Wahre ist? Und wie ist das gleich mit Schuld? Ist eigentlich – um mal die „real-fassbare Schuldfrage“ abhaken zu können – die Ansteckung dieser vielen erkrankten und gestorbenen Menschen wirklich auf den noch nicht ausgebrochenen Virus in Buckys Körper zurückzuführen? War er nicht einfach einer der vielen, die infiziert worden sind? Die Inkubationszeit ist ja bei Polio sehr unterschiedlich und es gibt immer wieder Träger ohne Symptome – er ist also gewiss nicht der Einzige, bei dem die Krankheit erst verzögert ausgebrochen ist. Für Argumente wie diese ist Bucky allerdings nicht empfänglich. Wie auch, es hätte ja sein destruktives Selbstbild zerstört. Und sein ganzes Selbstbestrafungskonzept wäre sinnlos geworden …
Wie gesagt, an Gerechtigkeit mag ich nicht mehr glauben. Nicht an menschliche jedenfalls, nicht an irdische. Aber wer weiß …? Ob wohl deshalb das von mir vorgestellte Buch den Namen einer griechischen Göttin trägt, jener, die für Gerechtigkeit und Rache verantwortlich ist? Und der Autor, wer kennt ihn?
>>> Bitte im Kommentar nur Andeutungen auf die Antworten machen. Lösungen gerne per Mail an mich, damit möglichst viele mitraten können … Ich verlose mal wieder eine kleine Überraschung … <<<

Habemus papam oder falls ich Papst werden sollte

Habemus papam!, sagt Irgendlink, der die Nachrichten aus dem Netz fischt.
Und – wer ist es denn? Eine Frau oder ein Mann?, frage ich, kurz vom Krimi aufschauend, den ich lese.

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Im heutigen Newsletter von SPUREN lese ich:

Eines von Adolf Holls schönsten Büchern heisst: FALLS ICH PAPST WERDEN SOLLTE.
Diese ungemein witzig und fein erzählte Geschichte handelt von einem sanften Umbau der katholischen Kirche unter einem altersmilden Papst, wie wir ihn uns nur wünschen können.
Im Rahmen eines kurzen, überaus freundlichen Gesprächs wurde ich mit dem Autor einig, dass dieses schöne, leider vergriffene Buch dringend wieder aufgelegt werden sollte. Und so darf ich Ihnen heute zurufen:
Habemus Holl!
Edition Spuren lässt weissen Rauch in den Himmel steigen und lädt Sie ein, sich dieses Leservergnügen zu gönnen.

Adolf Holl: Falls ich Papst werden sollte
Taschenbuch, 176 Seiten, Fr. 14.50
Mehr zum Buch und eine Leseprobe finden Sie unter
http://www.spuren.ch/edition_comments/1425_0_23_0_C/