Die kleine Wildnis

Meine erste Nacht unter freiem Sternenhimmel erlebte ich ziemlich spät. Ich muss bereits etwa siebzehn Jahre alt gewesen sein. In einem Pfingstlager war es; und ich erinnere mich kaum mehr an Details. Eigentlich nur noch daran, wie erstaunt ich gewesen war über die Feuchtigkeit des Frühsommermorgens im Wald.

Später hatte ich immer mal wieder mit Freundinnen und Freunden die eine oder andere Nacht in der freien Natur verbracht – von Zeltplätzen einmal abgesehen. Aber auch in der Wildnis häufiger mit Zelt drumrum als ohne. Und obschon ich Nächte im Zelt liebe, ist doch dieses Gefühl, unter dem freien Sternenhimmel zu schlafen, durch nichts zu übertreffen. (Natürlich spreche ich von warmen (Früh-)Sommernächten, denn ich friere schnell.)

Bereits vor vielen Jahren machte ich mir Gedanken darüber, wie es wohl wäre, einmal ganz allein in der Natur zu übernachten. Hätte ich eine Löffelliste – eine Liste also mit Dingen drauf, die ich tun will, bevor ich eines Tages den Löffel abgebe –, wäre ’allein unter freiem Himmel schlafen’ sicher einer der ersten Punkte. Gewesen. Denn jetzt kann ich diesen Punkt ja abhaken. Wobei … ich ahne, dass es nicht meine letzte Alleinnacht war.

Dass ich es endlich getan, gewagt, habe, verdanke ich der lieben M. (2), die mich gestern eigentlich hatte besuchen wollen. Zu Fuß startete sie am Samstagmorgen fünfzig Kilometer von mir entfernt und näherte sich meiner Wohngegend dem Lauf der Aare folgend, dem Fluss der unsere Wohnorte miteinander verbindet.

Ich selbst machte mich erst am späten Samstagnachmittag auf den Weg. Mein Fahrrad belud ich mit Schlafsack, Matte, Überlebensdecke, Buch, zweieinhalb Liter Wasser, Picknick, Zahnbürste und einem guten Buch. Klingt nach wenig, ist aber dann doch einiges an Material.

Auf mir wohlbekannten Wegen fuhr ich der Aare entlang und hielt immer mal wieder Ausschau nach einem schönen Platz, zumal ja nicht die Radtour im Vordergrund stand. Ich kenne hier viele schöne Plätze, denn ich bin nicht weit von hier aufgewachsen und habe als Jugendliche und auch später, als ich schon mal in der Gegend gewohnt hatte, viele schöne Sommerabende am einen oder anderen Kies- oder Sandstrand und auf dieser oder jener Halbinsel verbracht.

Dass diese noch immer heiß begehrt sind, musste ich schnell feststellen. Alle Lieblingsplätze, die ich beim Vorüberradeln sah, waren besetzt. Und beschallt. Womit wir beim Punkt wären, warum ich mich bisher vor so einer Nacht in der Natur gefürchtet hatte. Die Leute. Das Partyvolk. Menschen, die lärmen. Weniger also die Natur, obwohl auch diese natürlich meinen ganzen Respekt hat.

Ich ließ die lärmenden Menschen links liegen und fuhr weiter. Und auf einmal war er da, der Flow. Die Ruhe. Ich machte immer wieder Pausen, setzte mich auf sonnige und auf schattige Bänke; und auf Steinstufen, badete die Füße und genoss es einfach zu sein. Ich blieb immer genauso lange, wie ich mich an einem Ort wohl fühlte. Und immer nur dort, wo ich mich wohlfühlte. In mir drin das ruhige Wissen, dass ich jederzeit umkehren und nach Hause radeln könnte.

Selbst als ich bereits meinen Platz für die Nacht gefunden hatte, war diese Ruhe in mir, dass ich nichts muss, ich muss niemandem etwas beweisen. Da war einfach diese tiefe, innere Gewissheit, dass es gut ist, wie es ist. Zwischen einem Rapsfeld und einem Waldrand, auf einem Stück Wiese, fand ich schließlich meinen Platz. Eigentlich für einen Frischling in Sachen ’Schlafen unterm Sternenhimmel’ perfekt. Hier würde ich meine Ruhe haben, fernab vom Partyvolk. Vom Radweg nicht allzu weit entfernt, aber wegen des Rapsfeldes war ich hier praktisch unsichtbar.

Derweil hatte auch M. mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass überall an den Stränden und schönen Plätzen schon Menschen waren. Schließlich fand auch sie einen Nachtplatz. Und ja, auch für sie war es das erste Mal allein unterm Sternenhimmel. Wir schrieben hin und her und nach einem kleinen Anruf beim Liebsten legte ich mich um zehn bereits schlafen. Es war dunkel und das Beobachten der Nacht spannender als mein Buch. So blieb ich noch eine Weile wach und lauschte dem Glücksgefühl in mir nach. (Endorphine und so.) Der Halbmond leuchtete mir ins Gesicht und tauchte alles um mich in ein sanftes Licht.

Überhaupt: Dämmerung. Sie ist für mich die schönste Tageszeit, wenn ich draußen schlafe. Noch nicht dunkel, noch nicht wieder hell. Zwischenwelt.

Während ich vor mich hindöste und den Geräuschen der Nacht lauschte (auch die Autobahn gehört dazu, fern zwar, aber hörbar), erinnerte ich mich an frühere Nächte unterm Sternenhimmel. Im Wald, am Gerzensee mit anschließendem Morgenbad, in St. Lup, in Israel, an der Melezza, anderswo an der Aare, zwischen den Mauern einer Ruine, immer mehr Orte und Nächte fielen mir ein und ich dachte dabei an all die Menschen, neben denen ich schon unterm Sternenhimmel geschlafen hatte. Verbundenheit. Frieden. Dankbarkeit. Und irgendwann schlief ich tief und fest ein.

Als ich um halb fünf pinkeln musste, war es noch dunkel, dunkler als beim Einschlafen, da sich der Mond nun woanders aufhielt; und es war kalt. Neun Grad. Diesmal dauerte es eine ganze Weile, bis mir warm wurde und ich weiterschlafen konnte. Kurz nach dem ersten Vogelgesang – 5:45 sagte mein Handy – döste ich wieder ein und verpennte den Sonnenaufgang.

Erst um halb acht wurde ich wieder wach. Richtig erholt fühlte ich mich. Richtig wohl. Richtig geborgen. Auch M. hatte es so ähnlich erlebt, doch weil sie am Vortag über dreißig Kilometer gewandert war, fühlte sie sich zu erschöpft zum Weiterwandern und fuhr mit dem Zug nach Hause. Genau das meint Selbstfürsorge. Genau das ist Selbstmitgefühl. Wir klopften uns gegenseitig verbal auf die Schultern, wir Heldinnen.

Auf dem Heimweg fand ich einen Weg, den ich schon viel zu lange nicht mehr geradelt bin. Was für eine schöne Gegend eigentlich, in der ich lebe!

Und wie schön, dass ich ein Zuhause habe, eine warme Dusche, ein Bett. Dinge, die so selbstverständlich zu sein scheinen, wertschätze ich nach einer Nacht in der Wildnis definitiv mehr.

Unterwegs im Schwarzwald

Du könntest eigentlich das Zelt mitbringen, hatte ich vor einer Woche zum Liebsten gesagt. Wir könnten ja mal wieder. Den Liebsten muss man für solcherlei nicht erst groß überreden und so planten wir am letzten Donnerstagabend – er war ein paar Stunden vorher angekommen – einen kleinen Ausflug mit Zelt und schön und Natur und nicht zu weit und so. Innerschweiz? Hm. Joa. Oder Züri Oberland? Hm. Oder – wie wärs mit Schwarzwald? Wutachschlucht?

Der Zeltplatz, den wir aus dem Netz fischten, hatte sogar schon geöffnet und so haben wir am Samstagvormittag das Auto gepackt und sind losgefahren. Weit ist es ja nicht, aber weil die Grenze von all den Schweizer EinkaufstouristInnen verstopft war, fuhren wir einen kleinen Umweg und erreichten um eins den Camping Stühlingen.

Das Zelt hatten wir rasch aufgebaut – direkt beim gedeckten Pavillon mit drei Tischen darunter – und schon bald waren wir zu Fuß unterwegs. Ja, diese kleine Wanderung war genau das, was ich gebraucht hatte!

Nach einem kleinen Einkauf entfachten wir am Grillplatz am Ende des Campingplatzes ein Feuerchen und grillten unser Abendessen. Seelenwohltuend. Und ja, auch gut gegen die Kälte, ist so ein Feuer. Schließlich wurde es eine ziemlich kalte Nacht im Zelt, fünf Grad oder so, und es dauerte am Morgen eine ganze Weile, bis wir wieder warm hatten. Zumal die Sonne eine Weile brauchte, bis sie die Hügel überwunden und unsern Zeltplatz gefunden hatte. Zu allem Übel hatte ich Bauch- und Kopfweh und aus unerfindlichen Gründen meine Kopfwehtabletten nicht eingepackt. Mist aber auch.

Die nächste notfalldiensthabende Apotheke war in Neustadt bei Titisee und so planten wir kurzerhand um. Statt die Wutachschlucht zu erwandern, stand nun Tabletten kaufen auf dem Programm. Bis die Tabletten wirken würden, beschlossen wir es ruhig anzugehen. Überhaupt … es ruhig angehen ist eh genau richtig. Nach einem kleinen Spaziergang am Neustadter Stadtrand mit Sonnetanken fuhren wir an den nahen Titisee, das ich alsbald ’das Büsum, Helgoland und Interlaken des Schwarzwaldes’ nannte. So viele Touristen und Touristinnen auf einen Haufen! Von überall. Lange hielten wir es hier nicht aus. Uns zog es in die Natur und so fuhren wir doch noch in die Wutachschlucht, wie es uns die Zeltplatzbesitzerin am Vorabend ans Herz gelegt hatte.

Der Wegweiser in die Lotenbachklamm sprang uns beiden beim Wanderparkplatz bei der Schattenmühle sofort ins Auge. Da wir beide wegen der kalten Nacht wenig erholsam geschlafen hatten, beschlossen wir diese eher kurze Wanderung zu machen – knapp anderthalb Kilometer rauf und später wieder runter. Eine weise Entscheidung!

Zum einen war es ein wunderbares Stück Weg über felsiges Terrain, genau nach unserem Geschmack, zum anderen waren alle Leute unterwegs sehr freundlich und rücksichtvoll. Die Klamm? Einfach nur wunderschön! Sonnenlicht, das durch frühlingszartes Blätterdach fällt. Das Rauschen des Lotenbachs tat das seine. Meine Sinne waren weit offen und das Kopfweh endlich vergangen. Oben angelangt fanden wir eine Wiese, die geradezu zum Picknicken und zu einem Nickerchen einlud. Herz, was willst du mehr?

Später, zurück auf dem Zeltplatz, waren deutlich mehr CamperInnen auf dem Platz und ’unser’ Pavillon besetzt. Für die Nacht und den Montag war zudem Regen angesagt, sodass wir kurz überlegten, ob wir das Zelt abbauen und nach Hause fahren sollten. Nach einigem Hin und Her entschieden wir uns stattdessen, das Zelt hinten beim Grillplatz aufzubauen. Dass das erlaubt war, hatten wir erst am Samstagabend erfahren. Beim Grillplatz steht ein Schutzdach neben dem kleinen Bürohäuschen. Warum eigentlich nicht darunter das Zelt aufbauen?, fragte ich. Hey, super Idee, meinte der Liebste, das machen wir! Dann müssen wir am Morgen, wenn es regnet, nicht direkt aus dem Zelt in den Regen hineinklettern.

Wieder entfachten wir ein Feuer. Der Regen hielt sich brav zurück und wartete, in den Wolken hockend, die Nacht ab. Unser zweiter Abend in Stühlingen war deutlich wärmer. Was doch so ein paar Grade ausmachen! Auch die Nacht war weniger kalt als die vorherige und so schliefen wir beide tief und fest und wachten erholt und erfrischt auf. Das bisschen Regen, das nachts gefallen war, hatte uns nicht gestört. Am Morgen schien wieder die Sonne und so konnten wir gemütlich frühstücken und das Zelt abbauen.

Wir hatten uns entschieden, an die Rheinfälle zu fahren. Die größten Wasserfälle Europas. Und ja, ich bin tatsächlich – trotz der Nähe – noch nie dort gewesen, während Irgendlink, der ja ein paar hundert Kilometer weiter weg wohnt, schon einige Male – zuletzt auf der Flussnoten-Rheinradeltour – diese tosenden Wassermassen bestaunt hat.

Wenn schon, denn schon!, sagten wir uns und kauften Tickets für eine kleine Hafenrundfahrt. Uns hats gefallen.

Noch hielt das Wetter, obwohl die Sonne ab und zu Wolkenverstecken spielte, und so beschlossen wir, über Land zu fahren und irgendwo, an einem schönen Hügel, eine kleine Wanderung mit Picknick einzulegen, bevor wir wieder nach Hause fahren würden.

Unsere Pläne fielen buchstäblich ins Wasser. Der Regen hatte sich uns an die Fersen, an die Räder, geheftet und war immer genau dort, wo wir lang fuhren. Zuerst dem Lauf des Rheins folgend, später quer über Land. Und immer war der Regen auch schon da.

Okay, dann picknicken wir halt an meinem Esstisch!

+++

Nur schon zwei Tage reichen manchmal, um den Kopf wieder ein bisschen freier zu bekommen und all das, was uns im Alltag so selbstverständlich vorkommt, als wertvoll vor Augen zu führen. Ich sage ja nur: Badewanne.

Ein paar Reiseimpressionen (Galerie):

 

Depression zwischen Buchdeckeln #4 – Super, und dir? von Kathrin Weßling

Eigentlich könnte alles so einfach, denkt Marlene Beckmann. Sie ist jung, klug, hübsch und beliebt. Und seit ein paar Jahren ist sie mit Jakob zusammen, der sie über alles liebt. Und sie ihn. Ja, wirklich, es geht ihr super. Jedenfalls könnte sie glücklich sein. Sollte sie sogar, denn vor einem knappen Jahr hat sie ihre Traumstelle gefunden. Schwarzweißaufnahme einer sommerlich gekleideten Frau, die erschöpft auf einer Holzbank liegt. In großen neonblauen Buchstaben steht der Titel im Schatten über der Bank. Unter der Bank steht der Name der Autorin in der gleichen Schrift. Unten rechts der Verlagsname Ullstein.In einem jungem Traditionsunternehmen arbeitet sie siebzig Stunden die Woche und hofft darauf, nach ihrem einjährigen Volontariat eine Feststelle angeboten zu bekommen. Sie hätte es verdient, denn sie gibt alles. Sie lächelt. Sie nickt. Sie schuftet. Und in ihrer knappen Freizeit geht sie ins Fitnesszentrum, das mit ihrer Firma kooperiert. Und Yoga macht sie auch. Sie optimiert sich selbst. Und sie lächelt immer und sie sagt allen, die es hören wollen, wie toll es doch ist in dieser Firma zu arbeiten. Ja, endlich hat sie es geschafft. Schließlich hat sie ja damals auch die traumatische Trennung ihrer Eltern überlebt. Und den anschließenden schlimmen Absturz ihrer Mutter in dem Alkoholismus.

Um dem wachsenden Druck standhalten zu können, ruft sie ab und zu ihren Kumpel Ronny an. Er hat das eine oder andere Mittel, das hilft. Speed zum Wachwerden zum Beispiel, Kokain und anderes. Nein, kein Heroin. Natürlich nicht, sie ist schließlich kein Junkie. Sie hat ja alles im Griff, hat die volle Kontrolle. Sie funktioniert ganz wunderbar und lächelt auch dann noch, als ihr Chef Stefan ihr auch nach zehn Monaten noch immer nicht sagen kann, ob ihre Firma, die im Grunde völlig sinnlose Produkte vermarktet, eher Marlene oder doch besser Maya übernehmen wird, wenn das Volontariatsjahr der beiden um ist. Nach dem Gespräch ist ihr zum Heulen, doch sie knipst ein lächelndes Selfie im Fahrstuhl und schreibt dazu einen klugen Spruch. Hauptsache deep.

Marlene lächelt sogar noch, als ihre gemeinsam geplanten Ferien ins Wasser fallen und ihr Freund Jakob schließlich allein nach Teneriffa fliegt. Marlene wird in der Firma gebraucht. Marlene kann jetzt nicht weg. Marlene ist gefangen im Hamsterrad von Arbeit und Leistungsdruck.

Das ist an sich nichts Neues. Eher neu sind aber wohl die Methoden, mit denen heute die Ressourcen junger Menschen auf dem Arbeitsmarkt auf Stromlinie gebracht werden. Anders als früher werden jetzt nicht mehr von außen Disziplin und Ordnung aufgedrückt; von außen wird heute nur noch die zu erreichende Form vorgegeben. Stichwort Selbstoptimierung. Den ganzen Rest erledigen die jungen Menschen heute selbst. Nein, auch Konkurrenzkampf ist nichts Neues. Und Ehrgeiz wird heute direkt aufs Handy geliefert. Du brauchst nur die richtige App, die dir täglich sagt, wie gut das Fitnesstraining und wie entspannend die Yogaübung wirkt. Also los! Bloß nicht schlappmachen, weiter, immer weiter, schließlich wolltest du es doch genau so.

Doch eines Morgens sagt Marlene einfach Nein. Zum Wecker. Zum Telefon. Bleibt im Bett liegen. Dröhnt sich zu. Genug. Erst einunddreißig Jahre alt hat sie sich bereits kaputtgeschuftet. Menschen wie Marlene erscheinen nicht auf Drogenstatistiken, Menschen wie Marlene bleiben kurz liegen, dann stehen sie wieder auf, dann machen sie weiter. Irgendwie. Als Marlenes Hausarzt, dem sie ihre Drogenabhängigkeit beichtet, ihr ein Rezept für ein Antidepressivum in die Hand drückt und ihre Krise mit banalen Worten kleinredet, weiß Marlene nicht, ob sie lachen oder weinen soll.

Kathrin Weßling schreibt in ihrem dritten Roman mit ihrer gnadenlosen Beobachtungsgabe und messerscharfen Sprache über eine Arbeitswelt, die durch fehlende Perspektiven glänzt, Menschen mit schönen Worten einlullt und jede, die rausfällt, sofort ersetzt. Weßling schreibt, wie dieser Zwang zur Arbeit ans sich selbst, diese sogenannten Selbstoptimierung, Druck auf eine ganze Generation junger Menschen ausübt und im Grunde weniger mit Selbstoptimierung als mit Manipulierbarkeit und Machbarkeit zu tun hat.

Weßling schreibt auch diesmal nicht über große Dramen, sondern darüber, wie jene Dinge, die die Menschen kaputt- und krankmachen, meist ganz klein und unscheinbar anfangen, fast unsichtbar sind und scheinbar banal. Ein Buch, das mich in seiner Alltäglichkeit fast umhaut und beim Lesen wehtut.


Das erste Buch von Kathrin Weßling habe ich damals hier vorgestellt: KLICK.

Abschluss der Blogaktion #Schattenklänge

Vor zwei Wochen habe ich hier meinen letzten Beitrag für die Blogaktion #Schattenklänge eingestellt:
+ Von Seilen und Ankern; Quelle: https://sofasophia.wordpress.com/2018/03/28/von-seilen-und-ankern-schattenklaenge/
Andere Texte von anderen AutorInnen sind leider seit dem letzten Update nicht mehr publiziert worden (ich habe es jedenfalls nicht mitbekommen).

Ich danke herzlich all jenen*, die mitgemacht haben. Ihr habt auf euren Blogs Geschichten über Armut, Depressionen, Flucht, psychische Krankheiten, Anderssein, Andersaussehen, Angst, Verlust und das Altwerden geschrieben. Gemeinsam haben wir – vierzehn verschiedene Menschen – dreiundzwanzig Geschichten erzählt.

Ich gestehe, dass ich mehr erwartet habe. Dass ich gehofft habe, mehr Menschen, die Geschichten über Menschen am Rand zu erzählen wissen, mit diesem Projekt begeistern zu können. (Vermutlich wären mehr Geschichten eingereicht worden, wenn ich mit einem Preis gewinkt hätte. Oder wenn ich einflussreicher wäre, eine sogenannte Influencerin, wie das heute so schön auf Neudeutsch heißt. Vielleicht. Wer weiß das schon so genau.)

Fakt ist, dass die meisten Menschen für Einfach-So-Dinge zu wenig Zeit haben. Oder andere Prioritäten setzen. Oder ihre Zeit nur dann in etwas investieren, wenn es sich irgendwie lohnt.

Nun ja, all diese Menschen am Rand, um die es in unseren Texten geht, hatten schon immer kaum Unterhaltungswert. Armut, Anderssein und Flucht sind wenig dazu angetan, Leute vom Hocker zu reissen. Ja, ich sage das durchaus mit einem traurigen, ein bisschen resignierten Bauchgefühl. Wir wenden uns lieber dem Bunten, Heilen, Netten zu als dem Unauffälligen, am Boden Liegenden, Kaputten. Neulich las ich über ein Buch, in welchem ein erwachsener Mann über seinen frühen sexuellen Missbrauch erzählt und das sich sehr schlecht verkauft hatte, dass das Buch sicher ein Verkaufserfolg gewesen wäre, wenn es von einer jungen hübschen Frau geschrieben worden wäre.
Ooops! Ja, so habe ich auch geguckt.

Wie es nun mit #Schattenklänge weitergeht, mit unseren Geschichten und diesem Projekt?

Entweder Option A oder Option B:
A.) Ich mache aus den Texten ein kleines eBook (epub und PDF) und biete es allen, die es wollen, für 6,50 € resp. 7,70 Fr. zum Verkauf an.
Die vierzehn Autorinnen bekommen das Büchlein natürlich kostenlos (zum Eigengebrauch).
Der Verkaufserlös fließt einem Projekt zu, das Menschen am Rand zugute kommt.
B.)
Ich lasse die Buchherstellung bleiben und schenke den TeilnehmerInnen das bisher entstandene Dokument als PDF (zum Eigengebrauch).

Für Option A brauche ich allerdings konkrete Zusagen und Unterstützung:

  • Wer lektoriert ehrenamtlich die Texte nach der neuen deutschen Rechtschreibung?
  • Das Buch wird nur bei mindestens dreißig festen Kaufzusagen weiterproduziert.

Dazu bitte folgende Umfrage beantworten (Mehrfachauswahl ist möglich):
Menschen, deren Texte im Buch sind, bitte ich, nicht zu wählen, außer Option B respektive außer sie würden das Buch ausdrücklich kaufen wollen.

[polldaddy poll=9979688]

Die Kommentarfunktion ist für einmal wieder geöffnet.


TeilnehmerInnen:
Philosophyofthougths
Dergl (zwei Geschichten)
Ulli Gau
Amazonasknallerbse (vier Geschichten)
Sofasophia (vier Geschichten)
Traumspruch
Irgendlink
Der Emil (zwei Geschichten)
Piri Ulbrich
Violaetcetera
Lakritze
Zeilensturm
Ella
Minerva (zwei Geschichten)

Nachgereicht:
Schreibenwärmt (direkt zum Text)
Agnes Podczeck (1. Text | 2. Text)

Sollte ich eine Geschichte nicht erwähnt haben, weil sie nicht verlinkt wurde, gebt mir bitte Bescheid.

Von Seilen und Ankern | #Schattenklänge

Kinder sind die Anker im Leben einer Mutter*, sagt Sophokles. Als sie diesen Satz liest, zufällig, absichtslos, schnappt sie nach Luft. Heute hat ihr Boot keinen Anker mehr. Heute haben manche Sätze, denen sie lauscht, die Macht, sie in eine andere Gegenwart zu werfen. Eine längst vergangene.

Eine dieser Gegenwarten gab damals vor, ein Synonym für Ewigkeit zu sein. Es war eine Gegenwart, in der sie sich ganz und heil fühlte. Sie sah sich ganz, sie fühlte sich ganz, sie dachte ganz und das alles, was sie ist und je war und je sein wird, war auf einen einzigen Punkt verdichtet. Dieses Jetzt und sie selbst waren eins, das Jetzt und sie waren heil.

Es ist dieser seltene Blick hinter den Vorhang, der ihr hilft; dieses Einswerden mit dem, was auch noch hätte sein können, wenn. Dieses Verschmelzen mit dem Damals und dem Jetzt und dem Schmerz, der irgendwann aufhört schmerzhaft zu sein, weil er irgendwann Teil geworden ist von ihr, so sehr, dass nichts mehr vorsteht und bei einer zufälligen Berührung weh tun kann. Festhalten lassen sich solche geradezu heiligen Trostmomente nicht, doch ohne sie würde sie sinken.

Da hinein Sophokles’ Satz. Ein schöner Satz. Eigentlich. Doch auf einmal treibt sie ab. Treibt ohne Anker auf offener See. Ohne Ufer in Sicht und auch ohne Navigationshilfe.

Sie treibt im Nebel und weiß, dass ihr jetzt selbst ein Anker nichts helfen würde. Er würde bestenfalls ein Weiterabtreiben verhindern. Sie kann nur warten, bis der Nebel verschwinden würde, verschwunden wäre. (Bis jetzt war er noch jedes Mal verschwunden.)

Und als die Sonne wieder durchbricht, sieht sie Land. Einen Anker aber hat sie noch immer nicht. Sie lenkt ihr Schiff in den Hafen, in der Hoffnung dass da jemand sei, der ihr ein Seil zuwerfen würde. Und so ist es.

Immer war da bisher jemand, der den Seilwurf konnte. Ist dieses Seil vielleicht der Anker all jener Mütter, deren Kinder nicht mehr leben? Ist es so, dass Mütter wie sie – vielmehr noch als andere, da sie keinen Anker mehr haben –, immer darauf angewiesen sein werden, dass da jemand steht, der Seilwerfen kann?


*Quelle: Sophokles; Phädra, Fragment 612, eigentlich: Söhne sind die Anker im Leben einer Mutter/Sons are the anchors of a mother’s life.


Diese Geschichte ist ein Beitrag für die Blogaktion #Schattenklänge . Zu den Spielregeln geht es hier → lang.

#Schattenklänge – Bisherige Beiträge (5)

Hier liste ich von Zeit zu Zeit alle neuerschienenen Beiträge der laufenden Blogaktion

#Schattenklänge – Texte vom Leben am Rand

Noch einen Monat habt ihr Zeit, Texte beizutragen. Gesucht sind weitere Geschichten von Menschen, die arm sind oder auf der Flucht, die anderes fühlen, denken, ticken, leben, sehen, aussehen, queer unterwegs sind. Ich bin gespannt auf eure Texte, die das Leben vom Rand der Gesellschaft aus illustrieren.

Da das mit den Pingbacks offenbar nicht immer geklappt hat, bitte ich euch herzlich darum, euch zu melden, falls ich euren Text nicht erwähnt haben sollte.

Herzlichen Dank für alle seit der letzten Zusammenfassung publizierten Texte. Hier nur die Liste der Bloggerinnen und Blogger, die mitgemacht und die Links zu ihren Texten:

+ Auf einem Dorf in einer Scheune oder Zweimal 40 Watt von Der Emil; Quelle: https://deremil.wordpress.com/2018/02/14/auf-einem-dorf-in-einer-scheune-n-045/

+ Die geheime Welt der Fantasie – Von Gedanken, die keiner wissen durfte von Minerva; Quelle: https://planetminerva.wordpress.com/2018/02/17/die-geheime-welt-der-fantasie-von-gedanken-die-keiner-wissen-durfte/

+Verlorene Freundschaft? von Minerva; Quelle: https://planetminerva.wordpress.com/2018/03/13/verlorene-freundschaft/

Ich freue mich auf weitere Texte.  Die Spielregeln findet ihr hier.

Danke!

Ausgelesen #22 | Neues aus Schottland und Österreich

Gleich zwei Buchtipps habe ich heute für euch. So gegensätzlich sie sind, so lesenswert sind sie. Beide!

Wer andern eine Bombe baut von Christopher Brookmyre

Das Buchcover zeigt eine klassische runde Bombe mit Zündschnur. Darin eine schwarze menschliche Silhouette vor orangerotem kreisförmigem Hintergrund. Über diesem orangen Kreis steht in weißer Schrift im oberen Teil der Bombe der Buchtitel. Das Cover ist hinter der Bombe in gelbgrünstichigem Blau, worauf oberhalb der Bombe in schwarzer Schrift der Name des Autors steht.Ich gestehe, dass ich Christopher Brookmyre bisher nicht kannte. Bedauerlich, denn mir fällt spontan kein aktueller britischer Autor ein, der Spannung und den seiner Heimat eigenen Humor so geschickt kombinieren kann wie er. Doug Adams lässt grüßen.

Im gestern endlich auf deutsch erschienen Thriller aus dem Jahre 2001 werde ich mitten in eine Welt geworfen, in welcher der gewissenloser Auftragsterrorist Black Spirit ein Verbrechen im Vereinigten Königreich plant wie es die Welt noch nie gesehen hat. Über mögliche Ziele spekulieren selbst die Geheimdienste, doch niemand weiß etwas Genaueres über das Ziel. [ → Weiterlesen …]

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Dunkelgrün fast schwarz von Mareike Fallwickl

Buchcover des vorgestellten Buches: Grüne, schwarze Schatten werfende Farnblätter. Mittendrin auf weißem Hintergrund eine Tafel mit Titel und Namen.Eins dieser Bücher, die so wehtun, dass sie mich – so genial geschrieben sie auch sein mögen – zwischenzeitlich fast zum Aufhören zwingen. Zu heftig die beschriebenen Emotionen. Schier unerträglich. Dennoch konnte ich dieser Geschichte nicht widerstehen. Zu ergriffen war ich vom Schicksal der Figuren, zu berührt von der Geschichte jedes einzelnen. Von der ersten Seite an hat mich Fallwickls Sprache ergriffen, mich hineingezogen in das Fühlen, Denken und Erleben ihrer Figuren. Lesend reise ich mit ihr durch die Zeit und lerne den dreijährigen Moritz kennen. Später erlebe ich ihn als Vierzehn-, als Siebzehn-, als Achtzehnjährigen und noch später, im Heute, als jenen Mann, der er schließlich geworden ist. Abwechselnd folge ich auch seiner Mutter Marie, der einzigen Ich-Erzählerin, durch ihre Jahre auf dem Berg und schließlich auch seiner Moritz’ erster Liebe Johanna.
[ → Weiterlesen …]

Ausgelesen #21 – Drei Worte von Sabine Wirsching

Liebesgeschichten sind ja nicht wirklich mein Lieblingsgenre, darum hätte ich ohne Sabine Wirschings Namen auf dem Buch Drei Worte wohl nicht gelesen. Doch weil mich die Autorin bereits mit ihrem Debütroman Druckstaueffekt überzeugt hat, bekam auch Drei Worte seine Chance.

Ich brauchte eine ganze Weile, um bei Milka und Till anzukommen, die in Ich-Form abwechselnd in tagebuchartigen Momentaufnahmen über ihre Erlebnisse erzählen – mal zeitversetzt im Rückblick, mal zeitgleich. Auf den ersten zwanzig Seiten des Buches kam ich mir gar wie eine Forscherin in einer fremden Welt vor, die eine ihr unbekannte, künstliche Kultur erforscht. Nun ja, die beiden könnten immerhin fast meine Kinder sein.

Auf einmal bin ich dann doch mittendrin. Ich tauche in das Berliner Großstadt- und Club-Universum ein mit all seinen Codes, mit denen sich jede Jugend von Neuem erfindet. Die beiden parallelen Geschichten entwickeln sich und ziehen mich mit und irgendwann kann ich das Buch kaum mehr zur Seite legen und stelle überrascht fest, dass mir das alles hier ja doch nicht so fremd ist. Wollen wir letztlich nicht alle dasselbe? Glücklich sein. Lieben. Geliebt werden. Nein, einfach war das noch nie.

Dass Ariane, eine von Milkas besten Freundinnen bei einem One-Night-Stand schwanger geworden ist und das Baby behalten will, gibt dem Roman seine Struktur und so begleite ich Milka und Till sechsunddreißig Wochen lang.

Nachdem sich Till und Milka gefunden haben, hängt ihr Himmel voller  Geigen Luftgitarren. Doch schon bald hängt auch die schon lange geplante Ferienreise Milkas über ihnen. Wie ein Damoklesschwert. Drei Wochen Trennung scheinen unvorstellbar. Dennoch fliegt Milka mit ihrer Freundin Lynn Richtung Süden und genießt die Tage in Tansania, obwohl es sie zuweilen vor Sehnsucht nach Till beinahe zerreißt.

Till verheddert sich derweil in seinem Leben. Er kommt immer schlechter mit seinem Alltag klar und als Milka zurückkommt, finden die beiden nicht mehr zur früheren Leichtigkeit zurück. Als dann auch noch Beck, Tills Freund aus Kindertagen, beschließt nach Hannover umzuziehen, um Verantwortung für das in Arianes Bauch heranwachsende Kind zu übernehmen, fällt Tills Welt wie das vielzitierte Kartenhaus in sich zusammen. Nichts geht mehr. Er lässt niemanden mehr an sich heran und verschanzt sich nach Becks Umzug in Milkas Wohnung. Ich möchte den beiden am liebsten sagen: »Redet doch endlich richtig miteinander, zeigt euch einander, sagt euch doch endlich, was ihr wirklich denkt und fühlt!«

Wenn man sich einander nicht wirklich öffnet, wie kann man sich denn da je richtig ’haben’, richtig lieben? Was gäbe es denn da zu verlieren? Vielleicht jene Illusion von Leichtigkeit aus den Anfangszeiten? Es nur schön, leicht und nett miteinander zu haben, kann doch nicht alles sein? Liebe ist mehr, geht tiefer.

»Depression kann man behandeln«, sagt Robbie, Milkas Tätowierer, dem sie ihr Herz ausschüttet. Stimmt. Depression lässt sich allerdings nur dann behandeln, wenn die Betroffenen erkennen, dass sie Unterstützung brauchen. Und wenn sie erkennen dass diese Phasen, so brutal und schmerzhaft sie auch sind, nicht alles sind. Nicht mehr nämlich als ein Ausschnitt vom Ganzen – ein brutaler Ausschnitt zwar, und einer, der ganz reale Auswirkungen hat, dennoch: Nicht alles. Das Leben ist mehr.

Till sperrt sich allerdings gegen diese Diagnose und erst recht gegen fachliche Hilfe. »Ich will sagen, dass ich ganz bestimmt keinen an der Latte habe …«, denkt er. Sagen kann er oft überhaupt nichts mehr. Als Milka ihn bittet, eine Therapie zu machen, schreibt er: »Wobei soll das helfen? Ich bin kein Psycho!« Vorurteile, Uneinsicht und Unkenntnis sind die Feinde, mit denen sich Milka vergeblich abmüht. Sie klärt sich selbst eingehend über die vielen Gesichter der Krankheit Depression auf und begreift erst allmählich, wie komplex das alles ist. Inzwischen ist der Graben zwischen Till und Milka tief geworden, unüberwindbar womöglich. Tristan und Isolde auf berlinerisch. Dieser Graben hier besteht nicht aus Wasser, dieser Graben hier heißt Depression. Milka kapituliert schließlich und Till verlässt eines schweren Tages ihre Wohnung und ihr Leben.

Sabine Wirschings Innenschauen sind überzeugend und streckenweise äußerst schmerzhaft. So lässt sie Till auf sehr maskuline Weise vor seinen innern Monstern davonlaufen, er verstummt, trinkt noch mehr Bier als sonst und verweigert das Gespräch, derweil Milka verletzt und noch immer voller Liebe zu verstehen versucht. Wie viele andere weibliche Co-Betroffene gibt auch sie sich die Schuld für das schreckliche Ende ihrer Beziehung. Wie es wohl umgekehrt gewesen wäre – Milka als Depressive, Till als ihr Gegenüber?

Milka holt sich in ihrer Krise Hilfe bei Janina, Sascha und Ariane, mit denen sie tiefe Freundschaften verbindet. Diese andern lässt Wirsching zuweilen über Kurznachricht-Zitate zu Wort kommen. Ihren Freundinnen gegenüber kann Milka sich öffnen – mehr als sie es Till gegenüber je getan hat.

Meine Lieblinge in dieser Geschichte sind übrigens Ariane und Beck. Ich mag ihren unaufgeregten Pragmatismus. Und weil Beck eben ist, wie er ist, ist er auch da, als Till ihn braucht – Hannover-Berlin ist schließlich nicht die Welt – und einmal mehr hilft er seinem Freund auf die Beine.

Als Milka und Till sich Wochen später zufällig über den Weg laufen, wird ihnen klar, dass sie sich trotz des brutalen Endes eine zweite Chance geben wollen.

Sabine Wirsching gelingt eine dichte Aufnahme dieser Zeit, einer Großstadt und ihrer Sounds; und vor allem der Menschen, die diese Stadt bevölkern. Nah dran sind wir als Lesende, wenn wir Milka und Till beim Leben zuschauen, fast voyeuristisch nah. Nicht dass ich daran zweifle, dass es nicht wirklich genauso ist, doch für meinen Geschmack wird oft zu viel geredet, und zu wenig gesagt. Manches nervt und vieles schmerzt, doch ich zweifle nicht daran, dass Wirsching ein treffendes Abbild dieser Stadt und dieser Zeit gezeichnet hat.

Drei Worte steckt voller Leben, voller Tränen auch und voller Wenden und ist letztlich, trotz der Verortung im heutigen Berlin, eine universelle Geschichte. Eine, die unter die Haut geht.

Über die Schwelle gehen

Zwischen innen und außen gibt es diese Schwelle, die ich hier einfachheitshalber Mund nenne. Innen drin sind ganz klare Gedanken, oft wunderbar formuliert, gute Gedanken, viele Gedanken. Geschichten und Ideen. Wörter manchmal, Sätze oft.

Manche wollen heraus. Ich lasse sie gehen. Über die Lippen. Oder in die Finger. In den Stift. Auf die Tastatur. Dabei verändern sie sich. Manchmal erinnern sie mich an Asseln, die davonhuschen, wenn du den schweren Stein aufhebst, unter welchem sie hausten.

Gedanken sind, sobald ich sie aussprechen oder aufschreiben will, sobald sie ans Tageslicht kommen, flüchtig wie ein Duft. Wie ein Geräusch. Wie ein Hauch. Sie verpuffen. Sie verdampfen. Sie verflüchtigen sich. Ich verliere sie und ihre Ursprünglichkeit, ihre Originalität, in dem Moment, wo ich sie herauslasse. Oder vielleicht entgleiten sie mir sogar schon kurz vorher. Beim Absprung. Sobald sie die Grenze, die Schwelle, anpeilen und schließlich überschreiten, beginnt ihr Verfall.

Manchmal setzen sie sich hinterher wieder neu zusammen. In der Luft zwischen mir und meinem Gegenüber; auf dem Papier; auf dem Bildschirm. Nie genau so wie sie vorher gelegen haben, bestenfalls ähnlich, und nein, nicht unbedingt schlechter. Womöglich artiger, gefälliger. Aber anders.

Vielleicht geht es ja Ideen und Gedanken wie Kindern, wenn sie auf die Welt kommen. Innen pure mütterliche Geborgenheit, draußen Kälte, Lärm und all das, was eben draußen so abgeht.

Vielleicht bereuen sie es ja, meine Gedanken, dass sie nicht geblieben sind, wo sie waren. In mir drin. In der Geborgenheit meines Hirns.

Wer weiß das schon so genau?

Aufgeräumt

Nachdem wir unsere Freundin M. nach einem sehr feinen Besuch zum Bahnhof gefahren hatten, waren wir heute endlich im Aargauer Kunsthaus. Soo viele tolle Kunstwerke!

Nach den drei temporären Ausstellungen* waren wir dann sogar zu müde für die ständige Ausstellung im ersten Stock.

Darum haben wir uns in der sehr angenehmen, ruhigen Bibliothek im Untergeschoss ein wenig erholt. Während ich ein bisschen döste, hat sich der Liebste die Kunstboxen näher angeschaut hat. Dabei fand er heraus, dass sie nicht wirklich gut eingeräumt sind. Das musste er natürlich schleunigst ändern.

Hier nun das dabei entstandene GIF, das den ’Künstler in Motion’ zeigt.

Ein GIF, das zeigt, wie Irgendlink farbige Boxen in einem Bücherregal umstellt. Dabei wechseln die Farbkombinationen.


Aktuell:
Blinde Passagiere | Schweizer Malerei  1850 – 1950

Cédric Eisenring | Manor Kunstpreis 2018

Wild Thing