Ja und Nein und das Etwas mittendrin

Eine der vielen Herausforderungen unserer Leben besteht für mich darin, manche Dinge als unabänderlich zu akzeptieren. Vergangenheit zum Beispiel. Oder die Richtung des Wassers, in die es fließt, und wie es die Steine schleift und formt.

Naturgesetze erkennen wir daran, dass sie für alle gleich sind, weder gut noch böse. Einfach da. Gegeben. Eine Grundbedingung unserer physikalischen, unserer materiellen Welt. Einzig sich selbst gehorchend.

Doch warum das Wasser manchmal so leise und manchmal so laut fließt, immer wieder anders, nach Regen, vor Regen, bei Wind, bei Sturm, Ebbe und Flut – wer kann es verstehen? (Wirklich meine ich.) Und können wir die Gewalt der Natur, auch wenn sie scheinbar willkürlich waltet, so ohne Zaudern bejahen, zumal es uns nie gelingen wird, sie zu beherrschen? Selbst alle Dämme und Deiche der Welt vermögen Wind und Sturm nicht zu stoppen.

Ist der Wind darum böse, uns feindlich gesinnt? Ich sage: Nein. Weder Wind noch Feuer, Erde, Sonne und Regen haben gute oder böse Absichten. Sie gehorchen nur ihrem Sein. Sie sind das, was sie sind.

Sollen wir uns den menschengemachten Regeln und Gesetzen gleich vertrauensvoll beugen wie denen der Physik? Sollen wir? Dürfen wir überhaupt? Müssten wir nicht unterscheiden und werten, wem sie dienen, bevor wir ihnen vertrauen? Wohin allzu vertrauensvoller Gehorsam führen kann, wissen wir längst.

Vieles schmeckt mir nicht, aber weil ich hungrig bin, esse ich es doch. Weil es einfacher, billiger und bequemer ist, als mir etwas besseres zu suchen. Aber ich gestehe es: vieles was ihr mir vorsetzt, ist mir zu salzig. So salzig, dass ich dennoch nicht aufhören kann, es zu verschlingen, obwohl es meine Geschmacksknospen beleidigt. Ich weiß und ich merke, dass es mir nicht gut tut, aber etwas in mir, etwas, worüber ich keine Kontrolle habe, ruft nach mehr. Will mehr. Es hat viele Namen, das Etwas, das Phänomen. Ich nenne es Glutamat. So heißt es manchmal. Auch. Aber nicht nur. Das Etwas mit den vielen Namen hat auch viele Gesichter. Für viele heißt es auch Normalität. Ja, klar, auch ich bin normal. Wenn auch ein wenig anders normal als die normalen Normalen, die das Etwas von Herzen lieben. Dieses Etwas, das sie auf dem Mainstream hält, weil es da so einfach ist.

Tout le monde il est gentil* | Dieses Bild habe ich an der Baz’Art** fotografiert. Wer es erschaffen hat, weiß ich leider nicht.

Nein, wenn man nur schnell genug mitläuft, ist es kein Problem. Wenn man nur schnell genug schlingt, schnell genug springt, schnell genug arbeitet, schnell genug rennt, schnell genug Ja sagt, schnell genug leistet, scheißt, trinkt, mitschreit, mitmacht, mitläuft. Mitten drin im guten alten Großen Hamsterrad. Die Große Masche. Die Straße der normalen Norm ist schmal geworden. Rechts und links vom Mittelstreifen, wo früher breite Wege waren, ragen nach ein bisschen Teer und Beton schon bald scharfe Ränder aus der Erde. Sie schneiden tief, wenn du drauf trittst, und werfen dich aus der Bahn. Einmal draußen, auf dem grünen Streifen – wo es sich sehr angenehm liegt, wenn du ehrlich bist – ist es schwer, wieder ins Hamsterrad zu kommen. Erstens weil dieses immer schneller dreht, zweitens weil du merkst, dass du es nicht mehr willst. Nicht das Rad, nicht das Tempo, nicht das Etwas. Obwohl du weißt, dass du es solltest. Du kennst ja nichts anderes. Und du weißt ja, dass du, wenn du im Großen Hamsterrad mitrennst, vom Großen Hamster Ende Monat Futter bekommst. Damit deine Backen nie leer werden.

Da. Nimm noch ein bisschen Etwas. Hier. Schau. Es hat genug. [Es ist billig. Da drüben steht die Fabrik. Die Rohstoffe sind einfach hergestellt, vollsynthetisch.] Da, nimm.

Zu salzig!, sagst du. Aber nein, doch nicht salzig. Das muss so! Ehrlich. Glaub mir, das hier ist der Geschmack der Menschen. So wollen sie es. Sie lieben es. Iss!

[Es ist eben nicht alles ein Naturgesetz, was schon immer irgendwie so und nicht anders funktioniert hat.]

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* Tout le monde il est beau, tout le monde il est gentil (deutsch: Die Große Masche) ist eine französische Komödie mit Jean Yanne aus dem Jahr 1972, die sich schon damals über die Gehirnwäsche aus der Welt der Medien mokierte.

https://dailymotion.com/video/xko3d3

** Baz’Art in Meisenthal: hier klicken

Christoph ist verschwunden

Wo isch de Christoph?

I weiss eigetli ned, eb er würkli vrschwunde-n-isch. Die andere wüsste vellech chli meh als i, abr die kann i jo ned froge. Sie sind jo gar ned do. I cha nur säge, was i weiss. Und dass i ne scho mega lang nüme gseh ha. Wer meh chönnti wüsse, wüssti ned. Ha jo scho chli umegfrogt. Und jo, ich gibe’s zue, i vermisse-ne ned würkli. Und vellech wott er jo gar ned, dass öpper weiss, wohere-n-er ggange-n-isch? Vellecht isch’s ehm ganz rächt, dass es niemer weiss?

Abr vellech au ned. Vellecht würd er gärn gfunde werde. Aber äuä de ned umbidingt vo mir.

De Chrischtoph isch jo immr chli e bsundrige gsi, hätt scho immr grad gmacht, was er hätt welle, scho vo chli uf. Ämel nie das, wo me vo eim wie ihm erwartet hetti. Die einte finde das vellech witzig, ich has meischtens ender nervig gfunde (was au de Grund isch drfür, dass i ne ned vrmisse). Sueche tue-n-i ned so gärn wie finde. Finde loht er sich abr ebe ned ganz so liecht wie anderi – und äuä ebe au ned umbidingt am liebschte vo mir. S’isch immr chli es Züüg mit ihm. Niemer weiss eigetli so gnau, wie-n-er würkli tiggt, de Schtöffel. Und i weiss jetzt immr noni so gnau, was ich söll mache. Zwöi Tag isch-r jetzt scho weg.

Ich glaube, ich lüüte am beschte mol im Tierheim aa. Oder ich luege uf Feissbuuk; dett hätts jo sonen Siite für verschwundeni Chatze. Vellech hätt ihm jo s’Fuetter nüm passt? Au d’Kater ässe hüt nüme eifach alles.

Zu meiner Lesung auf Soundcloud bitte hier klicken.

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Diese Geschichte ist Teil eines Blogprojekts, dass die Bloggerin Jutta angestoßen hat. Weitere sachdienliche Hinweise zum Verbleib Christophs dürfen gerne verbloggt werden.

Inspiriert zum diesem Text hat mich das Lied Dr Ferdinand isch gschtorbe von Mani Matter. Ferdinand, der arme Kater, ist eben auch verschwunden. Damals. Erschlagen von Herrn Brändli. Mit einem Nachttopf. Das arme Tier! Hoffentlich taucht Christoph wieder auf.

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Lesetipp: Wenn du den Text nicht verstehst, da ich ihn in meiner Aargauer (Mix-)Mundart – Schwiizerdüütsch hat ja so viele Dialekte! – geschrieben habe, kannst du ihn, so du ihn auf dem Rechner liest, indem du die Maus auf den jeweiligen Abschnitt legst, in deutscher Übersetzung lesen.

(Danke, Emil, für die Anleitung, wie so was geht!)

Ein Sonntag in Meisenthal

Meisenthal in Lothringen liegt in einer wunderschönen ländlichen Gegend. Bekannter als die hier ansäßige Kunstgruppe Artopie, die an den Dezemberwochenenden zum Kunstbazar Baz’Art geladen hat, ist wohl die ortsansässige Glasmanufaktur Meisenthal.

Doch uns hat der Baz’Art gelockt, da auch einige von Irgendlinks Bildern zum Verkauf stehen. Klasse Atmosphäre und wunderschöne Kunstwerke zum Direktkauf auf engstem Raum. Dennoch toll gemacht!

In einer ehemaligen Gläsereihalle des Internationalen Glaszentrums Meisenthal findet zeitgleich die Kunstausstellung Opération Ho Ho Ho statt. Auch hier hatten wir viel Spaß.

Die echte und die echte Welt dicht an dicht in der Galerie Beck – reblogged

Wenn die Welt im Kopf ein genauso starkes Bild ist, wie die “echte” Welt, ist es dann nicht verkehrt, sich an den Parametern der echten Welt zu orientieren, und krampfhaft daran festzuhalten, anstatt an der Realisierung der Parameter der selbst erzeugten Welt zu arbeiten?

(28. September 2009 – im Vorwort zu “Schon wieder ein Jakobsweg – Yet Another Saint James”)

Was ist überhaupt echt?, muss ich heute fragen. Oder unecht? Oder ist die Grenze zwischen Echt und Unecht nur ein individuelles Empfinden? Ein Prozess jahrelanger Prägung, der einen nach dem Irgendwann-ist-aber-mal-Schluss-Prinzip einen Strich auf der imaginären Landkarte ziehen lässt, auf deren einer Seite die vermeintlich echte Welt ist und auf deren anderer Seite die unechte, virtuelle Welt?

screenie appspressionismusMit einem eigenartigen Gefühl betrete ich gestern die Galerie Beck zur Eröffnung der Ausstellung “Geschichte und Geschichten”. Die Galerietür aus Kirschbaumholz quietscht wie eh und je, genauso wie damals 2007, als meine erste Ausstellung bei den Becks präsentiert wurde. Es ist geraten, wenn man die Galerie betritt, die Tür am Knauf ein bisschen anzuheben, um das Quietschgeräusch zu vermeiden. Scherzhaft mutmaßte man einst, das sei passiver Diebstahlschutz. Neben den vielen Hunden, die überall auf dem Gelände ein eingeschworenes Rudel bilden ist es eine weitere Sicherungsmaßnahme, um den Heiligen Gral der feinen Künste zu schützen.

(Text von Jürgen Rinck | Irgendlink)

Weiterlesen? Gerne! Bei Irgendlink drüben gehts weiter …

Reizwörter #2 – Leistung

Willkommen zur Fortsetzung
meiner unregelmäßigen Serie über Reizwörter.
Wörter, die reizen, haben wir alle.
Wörter, die uns auf der Zunge liegen, oft viel zu oft;
Wörter, die uns schmerzen,
Wörter, die wir meiden.
Dazu werde ich frei assoziieren und danach möglichst wenig verändern – allenfalls Tippfehler entfernen. Es werden deshalb ziemlich rohe Texte sein, art brut littéraire sozusagen. Ihr könnt mir gerne Wörter nennen, die ihr vom mir „bearbeiten lassen“ möchtet. Und wenn ihr Lust habt, könnt ihr diese Reizwörter-Idee bei euch in den Blogs gerne weiterspinnen.

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Leistung

Du könntest mehr leisten, sagte der Lehrer. Du bist einfach ein bisschen faul. Eine Träumerin. Oder sagen wir es so: Eine Minimalistin. Wenn du wolltest, könntest du mehr.

Leistungsfach Mathematik versus Freifach Kunst.

Das leiste ich mir. Schließlich habe ich heute schon viel geleistet.

Diesen Fehler kann ich mir nicht leisten,
ich will ja nicht vor aller Welt das Gesicht verlieren.

Er hat zwar die Rekrutenschule abgeleistet, doch danach ging gar nichts mehr.
Er wollte nur noch eins: Da raus. Sein Arzt hat ihm ein Zeugnis geschrieben.

‚Wir honorieren die außerordentlichen Leistungen unserer erfolgreichen
Lehrlinge und Lehrtöchter mit außerordentlichen Geschenken.‘

Für mich ist der Gebrauch des Wortes Leistung ein Versuch, Menschen zu instrumentalisieren und in ein von außen bestimmtes Raster zu zwingen. Dadurch wird er messbar, kontrollierbar, manipulierbar …
Der Mensch ist in die Gesellschaft eingebunden.
Er ist ein Teil davon, er macht sie aus. Es sind nicht die Stromlinienförmigen, die eine Gesellschaft lebendig erhalten. Es sind die Herzlichen, ja auch die Schrägen, die Unangepassten.
Natürlich braucht es auch die Konformen, die für Stabilität sorgen. Aber wenn die Stabilität zu groß wird, stirbt das Leben dazwischen. Alles erstarrt und wird zu Beton und niemand ist mehr da, um den Klotz zu bewegen.
Ich glaube, dass jeder Mensch versuchen sollte, sich selber zu sein, so gut das geht. Das ist für mich der Lebenswert … das macht das Leben lebenswert.

(Zitat Beat | siehe Kommentarstrang Artikel Fallobst)

Fallobst: Runtergefallen, aufgefallen, aufgelesen.

Wir alle wollen wichtig sein. Follow me! Teile! Like! (Meine Beobachtung des menschlichen Verhaltens)

Wer und was ist mir überhaupt wichtig? Und warum?

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Die Leistungsfähigkeit definiert den jeweiligen Lebenswert. (Meine Beobachtung des menschlichen Verhaltens)

Was ist mein Wert? Kenne ich ihn?
Was ist dein Wert? Kennst du ihn?
Mag ich mich auch dann, wenn ich nichts leisten mag?
Magst du dich auch dann, wenn du nichts leisten magst oder kannst?

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Wir gehorchen deshalb so gerne, weil wir zu faul zum Selbstdenken sind. (Meine Beobachtung des menschlichen Verhaltens)

Wann habe ich das letzte mal meiner inneren Stimme gehorchen? Lag sie richtig?

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Könnte ich mich doch nur besser und länger konzentrieren! Oft geseufzter Gedanke. Ich lasse mich ständig ablenken. Ich lasse? Wie bewusst lasse ich mich auf Ablenkung ein? Vielleicht, weil ich mich so den wirklich wichtigen Themen, denen ich mich eigentlich aussetzen will, doch nicht stellen muss? Laufe ich gar vor der Konzentration davon? Alles Ausreden! Ausreden für mich selbst, damit ich mich nicht an mir selbst messen muss, und an meinen unerreichbar hohen Ansprüchen an mich selbst. Ich vermeide so – Ablenkungseidank – ein vermutetes Scheitern und ich merke dabei, dass mich beides gleichermaßen ausbremst: Die viel zu hohen Ansprüche an mich selbst ebenso wie meine Bereitschaft zur ständigen Ablenkung. Als würde ich mir und meinem Weg misstrauen. (Selbstbeobachtung)

Traue ich mir? Traue ich mich?

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Ich: Weichen neu stellen? Ja, ich mach das auch oft. Wenn es not-wendig ist. Allerdings eher weniger auf Schienen und Weichen, die sich ja nur schwer und dazu noch in bereits vorgebauten Spuren bewegen lassen, bin ich eher auf Waldwegen unterwegs. Auch gerne im Unterholz. Tja. Und dort gibt es immer wieder Neues zu finden.

Fatima: Ich befürchte, wenn wir einfach so vor uns hinleben, geht das nur auf vorgespurten Bahnen. Ins Unterholz gelangen wir nur durch Absicht und bewusstem Aus-der-Bahn-werfen. … es sei denn, man ist ganz ohne Absicht aus der Bahn gesprungen. Dann ist man ebenfalls im Unterholz. (Facebook-Dialog zwischen mir und Fatima)

Wage ich es immer mal wieder, die ausgelatschen Wege zu verlassen?

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Da capo al fine. Al fine? Gibt es den letzten Ton? Irgendwann? Und wie klingt er wohl?

Löcher im Eis und anderes Schreibzöix

Auf dem Heimweg wars, gestern, nach dem Schreibtreffen in Bern. Im Auto. Und diesmal war der Liebste mitgekommen, sein erstes Mal.
Ich hätte Lust, sagte er, die Geschichte von R. mit meinen eigenen Worten zu erzählen. Geschichtencoverer wäre eigentlich ein toller Beruf für mich. Wir spinnen ein wenig darüber, wie sie weitergehen könnte, diese Geschichte, und wie inspirierend doch der Austausch am offenen Herzen eines Textes ist.
Wie immer hat es mich fasziniert, wie unterschiedlich die einzelnen Personen der Schreibgruppe auf die unterschiedlichen mitgebrachten Texte und auf verschiedene Textstellen darin reagiert haben. Während den einen eine Stelle richtig gut gefiel, wünschten sich die andern genau da mehr Dialoge, dort weniger Ausschmückung, an jener Stelle kürzere Sätze und am Schluss diese zwei Wörter weg.
Ich finde es auch immer wieder genial, die verschiedenen Lebens- und Leseerfahrungen, die aus den jeweiligen Rückmeldungen sprechen, zu beobachten.

Mein mitgebrachter Text, ein Ausschnitt aus meinem Romanprojekt Alessa und das Loch im Eis, gefiel mir nicht so richtig. Irgendwie fand ich ihn fad. Nicht schlecht, aber nicht wirklich so, wie er sein könnte. Wie könnte man ihn lebendiger machen, so, dass die Bilder darin noch eindringlicher und fühlbarer würden? Kurz: wie bringe ich ihn von der derzeitigen Rohform zum geschliffenen Stein inklusive aller Kanten, die durchaus sein dürfen, ebenso mit Brüchen da und dort und Einschlüssen.
Jetzt ist eins der Textblätter, die ich gestern mit dabei und den andern vor meiner kurzen Lesung verteilt hatte, vollgekritzelt mit Ideen, Anregungen und Verbesserungsvorschlägen. Danke, Leute, für diese Text-Massage!

Wie andere den Inhalt meines Textes in ihren Worten wohl schreiben würden?

Irgendlink sitzt mit am großen Tisch und schreibt ebenfalls an einem Text. Ich unterbreche ihn mit meiner Frage, wie es wohl wäre, den Plot einer noch ungeschriebenen Kurzgeschichte kurz zu skizzieren und ihn danach verschiedenen Schreibenden zur Ausarbeitung in die Hand zu drücken. Oder, wie seinerzeit bei Hansjörg Schertenleibs Anthologie-Projekt Wiener Walzer*: Nur minimale Vorgaben skizzieren. In diesem Fall waren der Zug, sein Fahrplan von Zürich nach Wien sowie das Zugpersonal. Schließlich versammeln sich zig verschiedene Nachtzug-Geschichten in einem einzigen Buch. Ein Buch, das mir übrigens sehr gut gefallen hat.

Ja, es geht mir um Diversität. Obwohl ich immer wieder der Versuchung erliege, bei Dingen, die ich zu können oder zumindest deren Prozesse ich zu durchschauen glaube, meine Vorgehensweise als die einzig Richtige zu betrachten (ich weiß, das tun viele von uns, was es für mich nicht toller macht). Eigentlich ist es ja genau das, was die Schreibarbeit, den Umgang mit andern Menschen, kurz: das Leben und das Leben, so spannend machen: Dass wir unterschiedliche Lebenserfahrungen auf unterschiedliche Arten sammeln, verarbeiten (oder auch nicht) und irgendwie ausdrücken. Ob nun als Schreibende, als Kunst Malende, als Fotografierende, als Twitternde, im Tagebuch, klagend oder tratschend … Output-Diversität. Alle scheißen ein klein bisschen anders. Und doch irgendwie gleich natürlich, denn wirklich Neues gibt es nicht wirklich. Nur viele Varianten des Immergleichen, immer wieder neue Ideen, sich diesem Immergleichen auszusetzen, sich mit ihm auseinanderzusetzen.

Dennoch finde ich es spanennd, dass ich mit unsern bekannten fünfundzwanzig Buchstaben, mit bekannten und teils neu geschaffenen Wörtern, mit den bekannten Satzzeichen immer wieder andere, zumindest für mich neue Satzkonstruktionen schaffen kann, um dieses Immergleiche ein klein bisschen anders zu beschreiben.

Beseelt von der Frage, wie ich etwas so schreiben kann, dass das Ergebnis nicht nur meiner Intention gerecht wird, sondern auch beim lesenden Menschen eine Resonanz erzeugt, die sowohl meinem Erlebnis so nahe wie möglich kommt als auch die individuellen Erfahrungen der Lesenden wertfrei stehenlässt und nicht überschreibt. Und ja, ich weiß, dass Intention und Wirkung auf die Lesenden zwei Paar Schuhe sind.

Genug der Theorie. Nun sollte ich wohl den Text von gestern auch überarbeiten, solange die Erinnerungen noch warm und meine Kritzeleien im Text noch verständlich sind. 🙂

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* Wiener Walzer. Eine literarische Reise mit dem Nachtzug von Zürich nach Wien, (Hrsg. Hansjörg Schertenleib)
188 Seiten. Fr. 32.90; Nagel & Kimche. Zürich 2008. (mehr …)

Tausend Tode lesen

Am 1. Dezember 2014 fand die erste von vielen Lesungen aus dem neuen eBook Tausend Tode lesen statt.

Die Verlegerin Christiane Frohmann will bis Mitte März tausend Autorinnen und Autoren dazu bewegen, sich Gedanken über den Tod zu machen. Bereits haben sich über 135 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, darunter auch ich, zu diesem gemeinsamen Werk versammelt. Für die nächste Auflage sind auch weitere Schreibende eingeladen …

Version 1/4 erschien am 1.12.14. Das Buch wird (unter anderem im Verlag minimore Berlin) für 4,99 € verkauft. Die Autor- und Herausgeberanteile am Erlös gehen als Spende an das Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow. Die Updates (2/4, 3/4 und 4/4) erhalten alle, die die erste Version gekauft haben, automatisch, habe ich läuten hören.

Zu meinem Text: Hier klicken
Gelesen auf SoSos Soundcloud

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Infos

Christiane Frohmann (Hg.)Tausend Tode schreibenISBN ePub: 978-3-944195-55-1ISBN mobi: 978-3-944195-56-8EUR 4,99VÖ: 1. Dezember 2014Die Idee war und ist, in Form von tausend kurzen Texten tausend höchst subjektive Ansichten auf den Tod zu versammeln, damit diese zusammenwirkend einen transpersonalen Metatext über den Tod schreiben, aus dem wiederum ein plausibles Bild dessen entsteht, wie der Tod in der heutigen Gesellschaft wahrgenommen wird, welche Realität er hat, wie und was er ist. Ich habe Autor*inn*en angesprochen und Menschen, die beruflich oder privat mit dem Tod zu tun haben. Viele dieser Menschen haben weitere Mitwirkende dazugeholt. Wer von den Leser*inne*n dieses E-Books selbst einen Text zum Tod geschrieben hat oder in sich trägt, kann diesen ebenfalls zu ‚Tausend Tode schreiben’ beitragen (verlag at cfrohmann.com), weil noch drei weitere Versionen erscheinen werden.In der vorliegenden Version 1/4 erscheinen die ersten 135 Texte, sie stammen von @akkordeonistin, @chouxsie, @der_handwerk, @gallenbitter, @notwendig, AE Rutherford, Agent Dexter, Alan Posener, Alex Meszmer, Andie Arndt, Andrea Behnke, Andreas Schwarz, Angela Temming, Angelika Maisch, Anja Schürmann, Anne D. Plau, Anne Kuhlmeyer, Anousch Mueller, Auguste von Blau, Berit Andersen, Birte, Chloe Zeegen, Christian Huberts, Clemens Setz, Daniela Seel, David Bernet, David Wagner, Demeter Dick, Denise Maurer, Dirk von Gehlen, Doris A. Conrad, Doro Horedt, Dr. Hans Mordt, Elke Heinemann, Falk Schreiber, Felix Johannes Enzian, Florian Voß, Frank Göhre, Frank Krings, Frank Lachmann, Franziska Schöning, Frédéric Valin, Gabriel Yoran, Georgina Pascoe, Gerle K. Tröger, Gesa Füßle, Gesa Noormann, Heiko Kuschel, Holger Schulze, Huck Haas, Isabel Bogdan, Isabel Fargo Cole, Jackie A., Jan Fischer, Jannis Plastargias, Jo Lenz, Johanna Feil, Johanna Straub, Joseph Given, Judith Sombray, Julia Powalla, Karola Sasse, Kathrin Jurgenowski, Klaus Hulha, Klaus Lorch, Konrad Toenz, Laura Sonnefeld, Leander Wattig, Lew Weisz, Lilith Adami, Ludger Menke, Magdalena Jagelke, Mareike Schneider, Maren Kames, Marika Keblusek, Mario Sixtus, Marion Schwehr, Markus Heitz (Mahet), Martina Minette Dreier, Michael Bärnthaler, Michael Brielmaier, Michaela Keller, Michaela Maria Müller, Monika Scheele Knight, Moritz Reichelt, Nadine Kegele, Nils Markwardt, Nils-Peter-Timm, Noomi Seebacher, Patricia Cammarata, Philipp Winkler, Pia Ziefle, Rafael Horzon, Rahel Müller, Raphael Voss, Rasha Khayat, Regina Schleheck, Rita Krippendorf, Rolando B. Santana, Roman Held, Romi Staub, Ruth Hundsdoerfer, S. Noa Medina, Samael Falkner, Sandra Matteotti, Sandra Rufli, Sandra Walzer, Sarah Khan, Sebastian Baumer, Sebastian Dickhaut, Sebastian van Roehlek, Señor Rolando, Sibylle Luithlen, Simona H., Simone Harland, Simone Veenstra, Stanislaw Bastian, Stefan Mesch, Stephan Weiner, Tatjana Kruse, Thomas Götz von Aust, Tilman Winterling, Ute Weber, V. S. Wagner, Valeria Zichaeus, Vanessa Giese, Vassili Kostadimas, Vi, Vitoria Pinto, W., Wibke Ladwig, Zoë Beck und Zora Debrunner.Version 1/4 erscheint am 1.12., gleich morgens bei minimore.de und dann im Laufe des Tages in vielen anderen Shops. Links zu allen Shops werden hier gepostet. Das E-Book kostet EUR 4,99, die Autor- und Herausgeberanteile am Erlös gehen als Spende an das Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow. Die finale Version wird am 13. März 2015 erscheinen.Christiane Frohmann,Berlin, 27. November 2014
Tausend Tode schreiben | Cover

Christiane Frohmann (Hg.)

Tausend Tode schreiben
ISBN ePub: 978-3-944195-55-1
ISBN mobi: 978-3-944195-56-8
EUR 4,99
VÖ: 1. Dezember 2014

Die Idee war und ist, in Form von tausend kurzen Texten tausend höchst subjektive Ansichten auf den Tod zu versammeln, damit diese zusammenwirkend einen transpersonalen Metatext über den Tod schreiben, aus dem wiederum ein plausibles Bild dessen entsteht, wie der Tod in der heutigen Gesellschaft wahrgenommen wird, welche Realität er hat, wie und was er ist. Ich habe Autor*inn*en angesprochen und Menschen, die beruflich oder privat mit dem Tod zu tun haben. Viele dieser Menschen haben weitere Mitwirkende dazugeholt. Wer von den Leser*inne*n dieses E-Books selbst einen Text zum Tod geschrieben hat oder in sich trägt, kann diesen ebenfalls zu ‚Tausend Tode schreiben’ beitragen (verlag at cfrohmann.com), weil noch drei weitere Versionen erscheinen werden.

In der vorliegenden Version 1/4 erscheinen die ersten 135 Texte, sie stammen von @akkordeonistin, @chouxsie, @der_handwerk, @gallenbitter, @notwendig, AE Rutherford, Agent Dexter, Alan Posener, Alex Meszmer, Andie Arndt, Andrea Behnke, Andreas Schwarz, Angela Temming, Angelika Maisch, Anja Schürmann, Anne D. Plau, Anne Kuhlmeyer, Anousch Mueller, Auguste von Blau, Berit Andersen, Birte, Chloe Zeegen, Christian Huberts, Clemens Setz, Daniela Seel, David Bernet, David Wagner, Demeter Dick, Denise Maurer, Dirk von Gehlen, Doris A. Conrad, Doro Horedt, Dr. Hans Mordt, Elke Heinemann, Falk Schreiber, Felix Johannes Enzian, Florian Voß, Frank Göhre, Frank Krings, Frank Lachmann, Franziska Schöning, Frédéric Valin, Gabriel Yoran, Georgina Pascoe, Gerle K. Tröger, Gesa Füßle, Gesa Noormann, Heiko Kuschel, Holger Schulze, Huck Haas, Isabel Bogdan, Isabel Fargo Cole, Jackie A., Jan Fischer, Jannis Plastargias, Jo Lenz, Johanna Feil, Johanna Straub, Joseph Given, Judith Sombray, Julia Powalla, Karola Sasse, Kathrin Jurgenowski, Klaus Hulha, Klaus Lorch, Konrad Toenz, Laura Sonnefeld, Leander Wattig, Lew Weisz, Lilith Adami, Ludger Menke, Magdalena Jagelke, Mareike Schneider, Maren Kames, Marika Keblusek, Mario Sixtus, Marion Schwehr, Markus Heitz (Mahet), Martina Minette Dreier, Michael Bärnthaler, Michael Brielmaier, Michaela Keller, Michaela Maria Müller, Monika Scheele Knight, Moritz Reichelt, Nadine Kegele, Nils Markwardt, Nils-Peter-Timm, Noomi Seebacher, Patricia Cammarata, Philipp Winkler, Pia Ziefle, Rafael Horzon, Rahel Müller, Raphael Voss, Rasha Khayat, Regina Schleheck, Rita Krippendorf, Rolando B. Santana, Roman Held, Romi Staub, Ruth Hundsdoerfer, S. Noa Medina, Samael Falkner, Sandra Matteotti, Sandra Rufli, Sandra Walzer, Sarah Khan, Sebastian Baumer, Sebastian Dickhaut, Sebastian van Roehlek, Señor Rolando, Sibylle Luithlen, Simona H., Simone Harland, Simone Veenstra, Stanislaw Bastian, Stefan Mesch, Stephan Weiner, Tatjana Kruse, Thomas Götz von Aust, Tilman Winterling, Ute Weber, V. S. Wagner, Valeria Zichaeus, Vanessa Giese, Vassili Kostadimas, Vi, Vitoria Pinto, W., Wibke Ladwig, Zoë Beck und Zora Debrunner.

Die finale Version wird am 13. März 2015 erscheinen.

Christiane Frohmann,
Berlin, 27. November 2014

Ewige Pilgerschaft

Ein Pilger ist einer, der eine Haltung sucht zu Ranken
und anderen Fesseln, doch welche? Soll ich sie
mit meinem scharfen Pilgermesser abhacken, so
schnell sie wachsen? Oder sie hegen und pflegen und
jeden Tropfen, egal welchen Wassers, auffange, um sie
in ihrem Ringen zu stärken? Liebe ist das
Geheimnis im Innern dieses Gehens. Wie
ein Hund läuft sie uns voraus aus dem Bild.*

Was willst du festhalten, Frau?
Worum sorgst du dich?
Was pflegst du?
Und was lässt du los?

Wofür gehst du?
Wofür brennst du?
Was ist das Holz,
was das Öl deines Lebensfeuers?

Und womit löschst du den Brand?
Womit deinen Durst?

Was schneidest du ab und wozu?
Was lässt du wachsen und wohin?

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* Den ersten Abschnitt zitiere ich aus Anne Carsons Die Anthropologie des Wassers; Aus Burgos, 3. Juli.

Reizwörter #1 – Schuld und Scham

Ich beginne heute mit einer unregelmäßigen Serie mit Texten zu Reizwörtern.
Wörter, die reizen, haben wir alle.
Wörter, die uns auf der Zunge liegen, oft viel zu oft;
Wörter, die uns schmerzen,
Wörter, die wir meiden.
Dazu werde ich frei assoziieren und danach möglichst wenig verändern – allenfalls Tippfehler entfernen. Es werden deshalb ziemlich rohe Texte sein, art brut littéraire sozusagen. Ihr könnt mir gerne Wörter nennen, die ihr vom mir „bearbeiten lassen“ möchtet. Und wenn ihr Lust habt, könnt ihr diese Reizwörter-Idee bei euch in den Blogs gerne weiterspinnen.

 
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Scham und Schuld

Etwas müssen wir uns doch von unserer ständigen Scham erhoffen, etwas müssen wir uns doch von unseren steten Bitten um Verzeihung versprechen? Würden wir uns ständig schämen, würden wir uns immerfort schuldig fühlen, wenn wir davon nichts hätten? Und das Fremdschämen erst, was erwarten wir uns davon?

Ich schüttle das Sieb, die Fragen darauf sind hartnäckig. Sie passen nicht durch die Löcher, verkleben sie nur, bleiben hängen, lassen mich ohne Antworten zurück.
Im Becken darunter die Leere.
Leere.
Leer.
Mein Becken.

Schuld? Ent-schuld-igung heißt doch Nimm die Schuld von mir, die ich mir aufgeladen habe.
Die ich glaube, mir aufgeladen zu haben.
(Wieso lasse ich mir etwas aufladen? Bin ich es gar selbst, die auflädt und wieso? Und wieso fühle ich mich dir gegenüber schuldig?)

All diese Dinge, für die ich mich schäme.
Weil ich nicht gut genug bin.
Weil ich eine falsche Entscheidung getroffen habe.
Weil ich etwas nicht weiß.
Weil ich etwas nicht kann.
Weil ich etwas kann.
Weil ich mehr weiß und mehr kann, als andere.
Weil ich etwas getan habe. Etwas gutes vielleicht sogar.
Weil ich die bin, die ich bin.
Weil ich bin.
Weil ich.

Und dafür die Scham.
Die Schuldgefühle.
Dafür.
Deswegen.

Ich baue Schuldtürme aus Dingen. Aus Definitionen. Bald werde ich einen Kran brauchen.
Ich bin zu klein um die neuen Steine oben drauf zu legen.
Ich bin zu klein für meine Schuld.
Ich schäme mich dafür, dass ich so klein bin.
(Obwohl ich groß wäre, innendrin, aber niemand als ich weiß es.)
Ich schäme mich dafür. Darum ziehe ich schon wieder den Kopf ein. Wie immer.
Ich habe mich an die Scham gewöhnt.
Ich habe mich daran gewöhnt, an allem Schuld zu sein.
Ich lade mir die Schuld der Welt auf die Schultern. Immer mehr.
Ich breche zusammen.
Ich kann nicht mehr.
Endlich.
Ende der Schuld.
Scham stirb.

 

(Assoziatives Nachdenken über die Reizwortthemen Schuld und Scham)