Die Diskussion um Sinn und Unsinn der virtuellen Tagebuchschreiberei – sprich Bloggen – macht immer mal wieder die Runde. Ob in Gesprächen mit FreundInnen, in Mails oder in Blogs selbst – irgendwie scheinen wir Bloggenden immer wieder auf großes Unverständnis zu stoßen. Nein, nicht um mich für mein sinnloses Tun zu rechtfertigen, schreibe ich diesen Artikel, sondern aus dem gleichen Grund, warum ich blogge.
Ich habe nicht das geringste Bedürfnis, mein Leben im Internet auszubreiten!, meinte S. vor ein paar Wochen.
Mein Leben interessiert doch niemanden, was sollte ich da schon erzählen?, meinte C.
Und selbst, wenn ich wollte: Wo sollte ich auch die Zeit hernehmen?, sagte R.
Da haben wir‘s: Ein geradezu unanständiges Mitteilungsbedürfnis, gepaart mit der hirnrissigen Hoffnung, andere könnten sich möglicherweise für die eigenen Gedanken, Bilder und Erlebnisse interessieren – das macht den wahren Blogger und die echte Bloggerin aus. Dazu ein scheinbar grenzenloses Zeitgefäß. Halt, da fehlt etwas, das Wichtigste sogar! Die Lust am Schreiben, die Lust am Erzählen, die Lust, Gedanken in Worte zu fassen. Ja, Lust. Nicht müssen, sondern wollen.
Doch ist ein Text erst mal lustvoll gepostet – was neudeutsch für ins Netz gestellt ist –, geht der Spaß weiter. Ich gestehe es: Ich liebe Kommentare. Als erstes, nachdem ich mein iPhone oder den Rechner eingeschaltet habe, schaue ich unmittelbar nach den Mails in meinem Blog und in meiner Bildergalerie vorbei und lese allfällige Kommentare. Freue mich. Zum Glück beeinflusst dies mein Kunstschaffen nicht wirklich, höchstens inspirierenderweise. Auch sind Kommentare kleine Motivationsspritzen, falls dies mal nötig sein sollte.
Die Kommentarstränge stillzulegen, könnte ich mir aus eben diesen Gründen nicht vorstellen. Ich liebe den virtuellen Austausch sehr, diesen Dialog, der nur dank moderner Technik möglich ist. Sich schriftlich mit Unbekannten auszutauschen, ist allerdings kein Phänomen der Moderne. Auch früher gab es Brieffreundschaften. In den letzten Jahren haben sich jedoch die Mittel der Kommunikation auf damals unvorstellbare Weise verändert. Und die anonymisierte Form, wie wir sie heute Dank der Pseudonyme kultivieren, macht den Austausch möglicherweise sogar ein wenig authentischer. Das Pseudonym ist quasi die Fasnachtsmaske. Für einmal im mehrheitlich positiven Sinn gemeint.
Bloggenderweise können wir – ähnlich wie beim Schreiben eines Romans –, eine neue Identität aufbauen. Wie Schreibende wissen, steckt ja in jeder Figur, die wir kreieren, immer ein Quäntchen ICH mit drin – und sei es nur ein bisschen vom Anti-ICH. Ebenso ist es beim Bloggen: Auch hier erschaffen wir gleichsam ein neues Selbst. Nein, Quatsch, was rede ich da? Wir erschaffen es nicht, wir lassen bloß eins unserer vielen Selbste an den Tresen, an die Tasten.
Kurz und gut: Schreiben macht Spaß. Und was Spaß macht, hat oft auch das Zeug zum Glücklichmacher. Ja, mich macht schreiben glücklich. Schreibenderweiser tauche in einen leicht berauschenden Zustand ein, den ich schlicht dadurch erreiche, dass ich in Gesellschaft von Worten bin. Dass ich meinem Innen im Außen, auf dem weißen virtuellen Blatt, Raum gebe. Egotrip pur oder ist Bloggen gar ein Weg zur Erleuchtung? Lacht nicht! Wer weiß das schon so genau?
Um mein Glück jedoch wirklich genießen zu können, gibt‘s noch einiges zu lernen. Zu verlernen wohl eher. Grübeln zum Beispiel. Willst du den Orgasmus, kommt er sicher nicht. Es ist doch so, dass, kaum werden wir uns des Glücks gewahr und grübeln über seine Ursache und Herkunft nach, wir auch schon aus der Glücksblase herausfallen. So will ich daher lernen, mein Glück so ähnlich zu genießen, wie es Kinder tun, die sich ihres Glücks als eigentlich normalen Zustand nicht bewusst sind.
Ich schreibe und blogge also, um mich glücklich zu fühlen? Oder schreibe ich, weil ich schon glücklich bin? Weder noch. Bloggen und Glück sind zufällige Bekannte. Oder Schwestern. Glück kommt möglicherweise am liebsten, wenn wir es locken und uns in seiner Nähe aufhalten. Und wenn wir so tun als ob. Dann kommt es und lässt sich in unserer Nähe nieder.
Doch am besten du vergisst das alles gleich wieder. Mit dem Kopf jedenfalls.
Bloggen tu ich wohl einfach, weil ich Lust dazu habe. Ob das nun unsinnig oder sinnvoll ist. Und ob Unsinn manchmal nicht sinnvoller ist, als all die ach so sinnmachenden Dinge?
Monat: November 2011
aus dem Netz gefischt
Heute beim Surfen dieses Blog hier gefunden:
Cambras Blog

Die Autorin kannte ich ich bisher als Kunstbuchautorin. Dass sie bloggt, war mir nicht bekannt. Sie stellt sich und ihre Vision so vor:
Ich erforsche Kunst als Fachsprache des Schamanischen, male, tanze, reise, erfinde mich manchmal neu, besuche gerne alte Feuer, um Lebenslandkarten und Geschichten zu teilen.
(Quelle: Blogsite: About me)
Was lese ich da in ihrem Artikel vom zehnten November? Über die Kultivierung des Unperfekten?!
Wooow, das muss eine noch unbekannte Cousine sein, und mir fällt auch gleich mein allzeitbereiter Satz bei allfälligen Unperfektitäten sein: Das muss eben so sein! Sie schreibt:
Nicht versuchen zu kaschieren, sondern es betonen – die Fehler, das Schiefe, Schräge, Ausgerutschte, Danebengemalte, Holprige. Es zeigen, vielleicht sogar überzeichnen. „Du schneidest immer schief,“ hat meine Mutter gesagt, „und es sieht auch verschnitten aus. Lass uns versuchen, es gleich richtig schräg zu schneiden, dann sieht es gewollt aus.“ Das hat mir gefallen. Den Strich weiterziehen, wenn ich rausgemalt habe. Ein kleines Loch betonen, umranden, farbig unterlegen.
Was mache ich mit all dem anderen Unperfekten? Im Körperlichen? Motorischen? Sonstigem? Ihm ein Lied geben oder es tanzen, reingehen, überbetonen, spüren, da sein lassen, anerkennen.
Auch folgende Artikel auf dem schön gestalteten Blog haben es mir angetan:
# Lustvoll-verrücktes Schmarrnmachen
# Blog wird Buch
# Buchbestellung, Porto und Bequemlichkeit
# Ich sammle Wörter und Augenblicke
# Die versehrten Wörter
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@ Li ssi: herzlichen Dank, für den Blogtipp!
eindeutig mehr
„Was mich immer wieder fasziniert, ist die Tatsache, dass Begriffe, von denen wir meinen, sie sind absolut gesetzt, in bestimmten Zusammenhängen ihre Eindeutigkeit verlieren.“
Einer dieser Sätze, die mir auf der Zunge zergehen. Mützenfalterin schrieb ihn im Kommentarstrang ihres Artikels über den Künstler Aaron Siskind (> mehr …)
Ja, richtig, auch Wörter sind relativ. Genau das habe ich gemeint, als ich neulich schrieb, dass viele Wertmaßstäbe von der Definition der jeweiligen Gesellschaft abhängen.
Nimm mal, nur so als Beispiel, das Wort „Gewissen“. Was fällt dir dazu ein? Und dir? Und jetzt denkst du kurz an das, was deine Eltern darunter verstanden haben. Eben.
„ich schreibe aus visionen heraus, die sprache ist zwar wichtig, aber in erster linie transportmittel. ich wähle die worte, aber einen kult mach ich jetzt auch nicht aus ihnen“, schrieb Luisa Francia gestern in ihr Webtagebuch.
Und ich? Ja, ich schreibe auch vor allem, weil ich eine Vision, eine Idee, eine Absicht habe. Berühren, anrühren will ich. Etwas auslösen. Die Welt ein bisschen lebenswerter machen, weil Lesen gut tun kann. Ich will ein Lächeln in ein Gesicht zaubern oder das Herz unter diesem Gesicht zum Nachdenken bringen.
Doch es gibt noch etwas dazwischen: Worte sind Transportmittel, ja, auch für mich, doch sie sind mir mehr als dies. Und ja, ich mach gerne zuweilen einen kleinen Kult aus ihnen. Denn ich liebe es, nicht nur das gute Wort zu finden, sondern das bestmögliche. So gut ich kann. Und genau da sind wir wieder bei der Eindeutigkeit. Das Beste? Was für mich eindeutig das beste Wort ist, mag dich möglicherweise nicht erreichen. Doch ich schreibe weiter.
Dreimal doch in einem Absatz? Den kleinen Widerspruch dieses Wortes mag ich. Brauche ich – habe ich zuerst geschrieben. Nein, brauchen tu ich ihn nicht, aber er tut mir gut. Was so ein einziges kleines Wort mit vier Buchstaben für dich, für dich oder für dich bedeuten mag, ist ganz und gar nicht unbedeutend.
Doch und Aber tut echt gut.
Spurensuche #2
Was bleibt, sind Erinnerungen …

oben: dreimal meine Tante
unten links: ein Bild aus dem herbstlichen Kindergarten: Blätterspirale
unten rechts: ein Bild aus der Küche einer Freundin? Deren Kinder beim Baden? Wie gerne wäre ich da als Mäuschen dabeigewesen 🙂
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Jahrgang 1960

„Wer Banknoten nachmacht … wird mit Zuchthaus nicht unter zwei Jahren bestraft!“
Fotografieren ist aber hoffentlich erlaubt 🙂
Spurensuche und Flucht-Gene
Fotos aus vielen Jahren gelebtem Leben. Schwarzweiß und bunt. Ich blättere mich durch die qualitativ eher schlechten Bilder, die meine Tante M. nicht eingeklebt, sondern einfach in den Umschlägen vom Fotolabor des Großverteilers belassen hat. Versuche die Welt aus den Augen meiner Tante zu sehen. Da – unzählige, ziemlich ähnliche Bilder von einer Baustelle. Von einem Balkon aus fotografiert, wie mir scheint. Hier Bilder von einem Zirkuszelt mit Rummelplatz. Sieht aus wie Zürich. Ein See im Hintergrund. Einige Schnappschüsse von der Bühne, wo eine Aufführung im Gange ist. Dort nun Bilder von Bäumen. Und immer wieder Bilder von Kindern. Viele Jahrzehnte hat meine Tante als Kindergärtnerin gearbeitet. Ich sehe glückliche Kinder, die basteln und malen. Der Sankt Niklaus. Schnee. Ausflüge. Waren die kleinen Mädchen auf den schwarzweißen Bildern noch mit kurzen Karoröcken bekleidet, tragen sie auf den Farbbildern bereits Jeans. Wie viele Kinder meine Tante wohl in ihrem Leben begleitet hat?, geht es mir durch den Kopf. Wie viele heute, nach vielen Jahren, wohl noch einen Gedanken an ihre Kindergärtnerin oder Primarschullehrerin verwenden, wie ich das zuweilen tue? Wie viele von ihnen wohl noch leben?
In einem der vielen Umschläge finde ich ein paar gute Aufnahmen, die M. in jungen Jahren zeigen. Eine schöne Frau war sie, bis zuletzt. Doch immer findet sich ein ernster Ausdruck in ihrem Gesicht, der auch nicht durch einen lächelnden Mund verwischt werden kann.
In einem Briefumschlag finde ich einen einundfünfzig Jahre alten Zehn-Mark-Schein. Ungefaltet. Mit dem Spruch versehen, dass Fälschen von Geld mit Zuchthaus bestraft wird. Mit mindestens zwei Jahren.
Ungefähr fünf Euro könnte der noch wert sein, sagt J., doch ich habe nicht vor, ihn zu tauschen. Eher lasse ich ihn rahmen. Als Sinnbild und Mahnmal, dass alles im Laufe der Jahre seinen ursprünglich definierten Wert verliert. Oder wandelt. Und dass viele Wertmaßstäbe von der Definition der jeweiligen Gesellschaft abhängen. Mancher Geldschein auf dieser Erde ist nicht mal mehr das Papier wert, auf das es einmal gedruckt worden ist.
Später finde ich im Karton mit den geretteten Dingen eine Tüte voller Briefe. Die muss mir meine Schwester eingesteckt haben. Schön, denn anhand der Briefe, die andere an meine Tante geschrieben haben, gelingt es mir vielleicht, sie ein bisschen umfassender zu begreifen, überlege ich, und lese schon mal den einen oder anderen. Die Mails von früher, denke ich. Allesamt natürlich handgeschrieben und oft viele Seiten lang. Einer meiner vorläufigen Lieblingsbriefe stammt aus den Fünfzigern und hat meine Tante in Rom erreicht. Die beiden Frauen – ich nehme jedenfalls an, das die schreibende Person eine Frau war – sprechen sich offenbar mit Nachnamen an, den sie aber wie Vornamen verwenden. Die Schreiberin duzt meine Tante und sowohl in der Anrede wie auch mitten und zwischen den Zeilen ist tiefe Vertrautheit fühlbar. Über das Zigeuner-Gen und über das Flucht-Gen redet die Schreiberin, sesshaft geworden, im Gegensatz zu meiner reisenden Tante, die offenbar auf der Suche nach ihrem Platz ist. Hm. Die Schreiberin ist mit ihrem Status nicht wirklich glücklich, erzählt jedoch vom Versuch, das Leben immer wieder so zu akzeptieren, wie es eben jetzt ist.
Wieso nur kommt mir dieser Monolog so bekannt vor? Der Brief, obwohl schon über fünfzig Jahre alt, könnte so ähnlich auch heute von einer meiner Freundinnen stammen. Oder von mir.
Nein, ich fühle mich längst nicht mehr als Voyeurin. Es ist mir, als freue M. sich, dass ich mich für sie und ihre Geschichte auch posthum interessiere.
später mal
Wie Irgendlink und ich heute Nachmittag über die Felder und durch die Wälder wandern, diskutieren wir über Sinn und Unsinn der kostenlosen Updates*, die wir uns meistens nach deren Erscheinen auf unsere iPhones laden. Doch sind diese Ergänzungen wirklich notwendige Verbesserungen? Machen sie uns nicht viel mehr abhängig von Betriebssystem-Aktualisierungen? Habe ich nicht die neueste Betriebssystemversion auf dem Kleinstcomputer – oder das neueste iPhone in der Hand –, laufen die Programme auf einmal unzuverlässig, stürzen häufig ab, speichern die Bilder nicht mehr. Ich muss also im vorgegebenen Takt mitlaufen, damit nicht eines Tages meine Apps überhaupt nicht mehr funktionieren.
Die ewige Glühbirne!, sagt J. plötzlich. Ursprünglich wurde die Glühbirne, erzählt er, für die Ewigkeit gebaut. Eine dieser Prototypen brennt, seit er erfunden und gebaut worden ist. Angeblich. Schon immer. Für immer. Doch was wäre eine Industrie wert, wenn sie ewig haltbare Produkte herstellen würde? Schnelllebig wie der aktuelle Zeitgeist sind auch ihre Produkte. Ein drei Jahre alter Rechner? Vergiss es! Veraltet! Kauf dir einen neuen. Der ist eh besser. Größerer Speicher. Schnellerer Prozessor. Vorwärts. Mehr. Zuckerbrot und Peitsche digital.

Bild 1: iDogma – Unterwegs. Fotografiert und bearbeitet mit Pro HDR, Update vom 11.11.

Bild 2: iDogma – Irgendlink in Action (The Making Of A Dandelion Pic oder Wie fotografiere ich im November Löwenzahn?) – Fotografiert und bearbeitet mit Pro HDR, Update vom 11.11.
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Beim Abendessen ist auf einmal der Frosch auf dem Tisch. Der Frosch? Ihr wisst schon, jener Frosch, der sitzenbleibt, während das zu Beginn kühle Wasser, das ihn umgibt, allmählich heißer wird. Tödlich heiß schließlich. Doch er bleibt sitzen, im Gegensatz zu jenem Frosch, der sofort davon springt, wenn wir ihn in eine Schüssel mit bereits tödlich heißem Wasser setzen wollen. Diese viel zitierte Metapher, die für uns Menschen steht, die wir nicht merken, dass uns das Wasser längst bis zum Hals steht – auf einmal war sie da. Würde ich sagen, ich hätte das Froschexperiment leibhaftig ausprobiert oder zumindest beobachtet, wären alle schockiert. Der arme Frosch!, würden sie sagen. Dennoch greifen wir alle auf dieses Bild zurück, als wären wir dabei gewesen.
Wer kann bestätigen, dass der erste der beiden Frösche aus dem Experiment wirklich im heißer werdenden Wasser sitzengeblieben ist?, fragt J. Hat dieses Experiment wirklich je stattgefunden? Wir glauben Dinge, weil sie glaubwürdig klingen. Ob an ewige Glühbirnen oder an dumme Frösche ist dabei egal. Und wenn ich solche Begebenheiten erzähle, wird mir geglaubt, weil ich glaubwürdig bin.
Wir glauben alle so gerne, weil wir glauben wollen. Weil es im Internet steht. Weil es uns erzählt wird. Selbst wenn es hier wie oft nur um die Metapher geht. Das Ei und das Huhn sind gleich alt und gleich jung, denn die Zeit ist eine Spirale und Eva isst noch immer Äpfel, die gar keine sind. So ist Zukunft nichts anderes als noch nicht gelebte Gegenwart. Und Vergangenheit gelebte.
Wir sammeln und heben auf, was immer wir finden können und horten es. Für später, sagen wir. Für die Zukunft. Und wir laden Updates aufs iPhone – für später.
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* mehr zur iPhoneographie unter iDogma
Wie viel wiegt Liebe?
Wie ich da gestern Nacht nordwärts fahre, tun sich mir all die vielen Geschichten, Stränge, roten Fäden aller Menschen auf, die ich getroffen habe. Ich sehe vor meinem inneren Auge ein buntes Gewebe. Ein Teppich.
Und ich sehe die vielen Papierbündel und –säcke vor mir, die wir an die Straße gestellt haben, meine Schwester und ich. Wir haben gestern, bei ihr zuhause, die persönlichen Sachen meiner Tante, die sie in ihrem Zimmer im Pflegeheim bei sich gehabt hatte, gesichtet. Ein großer Teil waren Worte. Beschriebenes Papier. Einladungen zu Vernissagen, zerlesene und noch nicht einmal ausgepackte Zeitschriften, Ausstellungslisten, Steuerunterlagen, Rechnungen …
Soweit so gut. Doch da waren auch unzählige Kassenzettel aus den letzten beinahe dreißig Jahren dabei, die sie feinsäuberlich aufgehoben und die jeweilige Konsumation dazu geschrieben hatte. Da und dort ein Geldschein und ein paar Münzen. Weiter fanden wir unzähligen Dinge, die sie in zigfacher Ausführung gehortet hatte. Streichholzschachteln, Fuselroller, Zahnbürsten, Lippenpflegestifte. Sammlerin war sie, leidenschaftlich sparsam. Festhalten, was ist. Beschreiben. Sich erinnern.
In klitzekleinen Büchlein hatte sie in ihrer akkuraten, wunderschönen, klitzekleinen Handschrift über das Leben nachgedacht. Selbstverständlich konnte ich solche sehr persönlichen Dinge nicht wegwerfen. Oder? Vielleicht hätte sie gewollt, dass alles weggeworfen wird. Vielleicht hatte sie gehofft, dass jemand eines Tages ihre Notizen liest und ihren Gedanken zuhört. Und annähernd versteht, zu verstehen versucht, wer sie war. Ob ich das darf? Ob sie das wollte?
Wie vergänglich ein Leben ist, führten wir uns buchstäblich mit jedem neuen Bündel vor Augen, das H. und ich an den Straßenrand trugen. Als hätte es das Altpapierabfuhr-Team geahnt, kam es ausgerechnet gestern, ganz untypisch, erst nachmittags um zwei, als wir die letzten Säcke herausgetragen hatten. Wir schauten vom Fenster aus zu, wie das schwere Gefährt den Schlund aufriss und Sack für Sack und Bündel für Bündel verschlang. Recycling. Da entsteht schon bald Papier, das von neuem beschrieben und bedruckt werden kann. Ich schluckte leer und wischte mir verstohlen eine Träne aus dem rechten Augenwinkel, als das Auto endlich wieder Fahrt aufnahm, um beim nächsten Haus anzuhalten.
Das Gespräch mit meiner Tante E. nach der Abschiedsfeier fällt mir ein. Als ich sie fragte, ob sie nicht Lust habe, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben, winkte sie lachend ab.
Wozu?, fragte sie. Ich lebe, das genügt. Nein, so wortwörtlich hat sie zweites nicht gesagt. Verstehen geht nicht wirklich. Ich interpretiere.
Die einen – wie ich, ich gestehe es – haben das Bedürfnis sichtbare Spuren zu hinterlassen, schreibenderweise oder sonst wie. Andere, wie meine Tante E., sind einfach da. Sie hinterlassen Spuren, während sie leben. Für jetzt. Sie haben kein Interesse, ihre Biografie zu verewigen. Auf eine sich selbst wertschätzende Art sich nicht wichtig nehmen, nenne ich das. Klingt paradox. Ist es vermutlich auch. So wie fast alles. Schreiben ebenso. Wozu Spuren aus der Vergangenheit in die Zukunft legen? Wozu und für wen?
Die Fahrt von A. nach Z. zieht sich unglaublich in die Länge. Ich bin unsäglich müde. Habe schlecht geschlafen. Habe in L.s Gästebett zur Wolfsstunde wachgelegen und gegrübelt. Über Lebenswert, Rücksicht, Ethik und so Sachen. Die Fahrt alleine zu bewältigen, strengt mich an. Ich habe keine Übung mehr. Früher fuhr ich diese Strecke jeden Monat, weshalb meine Nerven früher Muskeln hatten, die mir halfen, diese Strecke ohne große Anstrengung zu schaffen. Nun aber haben sie Muskelkater. Ich fühle mich zudem wie am Vorabend wieder fiebrig, während ich die vielen Gespräche verdaue.
Wir gewöhnen uns an alles, heißt es. Alles, das wir mehrmals tun, gibt irgendwo Muskeln. Oder stumpfen wir bloß ab? Töten Gewohnheiten unsere Fähigkeit, zu merken, wann genug ist? Ich spiele tatsächlich unterwegs mit dem Gedanken, irgendwo im Elsass in einem Landgasthof unterzukommen, doch die Sehnsucht nach meinem Bett hält mich davon ab. Die Sehnsucht nach J., nach meiner Wohnung, nach meinem Zuhause lässt mich weiterfahren und auf einmal, nachdem ich die Hälfte der Strecke geschafft habe, wird es leichter. Als würde ich auf Schienen fahren, als wäre ich eine Zahnradbahn, die von der gegenüberliegenden Bahn angetrieben, gezogen wird. Da fällt mir die Waage ein. Die Balkenwaage. Auf der einen Waagschale liegt mein Leben, mein Beziehungsnetz in der Schweiz, auf der anderen mein neues Leben in Deutschland. Die Liebe zu J. und all die neuen Beziehungen. Wie viel wiegt Liebe? So viel, dass ich dorthin will, dort zu Hause sein will, wo J. ist. Auch wenn die schweizerische Waagschale schwer wiegt, die deutsche ist schwerer. Oder leichter. Je nach Definition. Definition ist alles.
Liebe ist leicht. Liebe wiegt schwer. Liebe ist gut und Liebe nährt.
Fremd bin ich da wie dort. Außer im Kanton Bern bin ich – wenn wir von meiner Autonummer ausgehen jedenfalls – überall fremd. So dachte ich im Kanton Zürich und im Kanton Aargau, wo ich mich die beiden letzten Tage aufgehalten habe. Stimmt dennoch nicht. Im Kanton Aargau habe ich – ebenso wie im Kanton Zürich – viele Jahre gelebt. Früher. Vertrautes berührt Fremdes, Altes das Neue.
Geschichte ist, was war. Geschichten sind, was ist, war, sein wird. Rote, blaue, gelbe, bunte Fäden, verwoben zu einem riesigen Teppich, der stetig wächst und längst aufgehört hat, jemandem zu gehören. Das Leben sind alle Fäden zusammen. Alle. Alle Schichten. Verdichtet. Von überall her kommend. Ohne Anfang, ohne Ende.
Mein Faden, dein Faden, sage ich müde.
Meine Meinung, deine Deinung, sagt mein Liebster. Später am Feuer. Wir erzählen uns unsere Zwei-Tage-Geschichten, weben unsere Fäden in den riesigen Teppich.
Gästebettgedanken
Dienstagabend. Ich habe mich ins Gästebett meiner Freundin L. gekuschelt. Mein Kopf dröhnt. Die lange Strecke, die ich gefahren bin, lässt meine Ohren rauschen. All die Begegnungen und Gespräche waren durchwegs bereichernd. Obwohl meine Tante doch alleinstehend und schon sehr alt war, sind erstaunlich viele Menschen zur Abschiedsfeier im Andachtsraum des Alters- und Pflegeheimes, wo sie ihre letzten Lebensjahre verbracht hatte, erschienen.
Meine Schwester, der Pfarrer und ich, die wir die Feier vorbereitet hatten, waren der Ansicht, dass es schöner wäre, statt frontal, gemeinsam im Halbkreis zu sitzen. Gesagt, getan. Der Organist entlockte dem Klavier wunderbare Klänge, die persönlichen Texte und Erzählungen, die geteilt wurden und sogar die Kirchenlieder und der nette Bibeltext hätten meiner Tante bestimmt gefallen. Will heißen, haben ihr bestimmt gefallen. Mir war nämlich mittendrin so, als säße sie in unserer Mitte. Mein Cousin R. meinte später, er sei noch nie an einer so persönlich gehaltenen Beerdigung gewesen.
Anschließend gingen wir zu neunt mit einigen Gästen und Verwandten in ein nahes Restaurant. Meine angeheiratete achtzigjährige Tante – sie ist die Witwe meines jung verstorbenen Onkels, die ich, ebenso wie ihre Söhne, seit viel zu vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte – und ich saßen uns im Restaurant vis-à-vis. Ihren Augen sind die achtzig Jahre nicht anzusehen. Eine ansteckende Kraft strahlt sie aus, Tante E., und als sie von ihren beiden Reisen ans Nordkap erzählte, schlug mein Herz gleich noch höher. Einer ihrer drei Söhne lebt mit seiner Familie in Skandinavien. Sie ist eine wilde starke Frau, die Altwerden in ein neues Licht rückt.
Bei L. ist nun Ruhe im Haus. Alle sind wir schlafen gegangen, die anderen drei müssen früh auf. Im Dorf ist es still, vereinzelt, in der Ferne, höre ich Autos, denn das Dachfenster steht offen. Auf dem Nachttisch liegt ein Band von Calvin & Hobbes. Wie gut, Freundinnen zu haben, die wissen, was mir nach einem solchen Tag gut tut.
Keine Ahnung
Wenn stimmt, was ein Freund von J. einmal behauptet hat, dass nämlich das Schreiben eines Textes, wenn erst der Titel stehe, ganz einfach sei, kann ich heute bei diesem Titel für nichts garantieren. Weiterlesen bitte nur auf eigene Verantwortung.
Meistens weiß ich im Voraus, was in meinem Blogartikel stehen soll, bevor ich zu schreiben anfange. Nicht wörtlich, doch ich sehe deutlich seine Silhouette.
Heute nicht. Heute sehe ich nur huschende Schatten. Keine Ahnung, was sie von mir wollen. Schreib, raunen sie mir zu. Und ich schreibe.
Ich schreibe, wie die Zeit scheinbar stehenbleibt und ich zuweilen das seltsame Gefühl habe, mich dieser Tage gleichsam in einen Kokon einzuwickeln. Da ist diese surrealistische Langsamkeit, da ist dieser Geruch von Herbst und feuchter Erde und da der Geschmack von Ewigkeit, von Winterschlaf, von Tod.
Nein, keine Angst, mir geht es gut. Das Hamsterrad macht bloß Pause.
In dieser seltsamen Verschiebung der Zeitwahrnemung – können wir Zeit denn überhaupt anders begreifen als sie einfach wahrzunehmen, ganz und gar subjektiv? – kommt so etwas wie der Tod meiner Tante eigentlich zur rechten Zeit. Ein Tod kommt wohl immer zur rechten Zeit. Und zur falschen gleichermaßen. Nein, das meine ich nicht zynisch. Die Bewertung solcherlei Umstände sind eben eine Sache der persönlichen Wahrnehmung. Und sterben müssen alle eines Tages.
Morgen um diese Zeit ist die Abschiedsfeier, die ich in den letzten Tagen mit meiner Schwester vorbereitet habe, und für die ich zwei Tage in die Schweiz fahre, bereits Vergangenheit. Morgen um diese Zeit sitze ich bei Freundin L. auf dem Sofa und sophiere mit ihr über Göttin, die Welt und die Männer. Voraussichtlich.
Zeitspirale. War schon, was morgen sein wird? Die Wörter, die da stehen und schneller aufs Display meines iPhones huschen, als ich denken kann, entwickeln ein Eigenleben.
Ich will erzählen, wie wir gestern auf einem Spätnachmittagsspaziergang eine Kuh getroffen haben. Die Sonne ging unter, es war kühl und ich dachte an Morgensterns Wiesel, während die Kuh bäuerinnenseelenallein über eine Wiese spazierte und da und dort im Vorübergehen ein wenig Gras rupfte. Vielleicht hätte sie besser gefastet.
Katzen, Hunde und Kühe finden immer nach Hause. Und Hühner auch. Spätestens morgen früh, wenn das Euter voll ist, steht diese Kuh muhend vor der Stalltür!, sagte ich zu J.. In der Wildnis wäre eine moderne Kuh aufgeschmissen. Sie ist auf Milchproduktion getrimmt. Sie ist abhängig von uns Menschen, die wir sie ausbeuten. Nicht anders der moderne Mensch. Abhängig von Konsum und dessen Gütern (über deren Güte ich wenig Gutes zu berichten weiß).
Ob dieser Text wohl schon da war, irgendwo*, bevor ich ihn geschrieben habe? Was erklären würde, warum er so schnell erschienen ist. Dies würde zumindest die Frage nach Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit des Schreibens und Bloggens ein für alle Mal bekräftigen.
Schreibe, was da* ist. Fische, was da* ist: Schuhe, Dosen, Socken, Flaschen, Leichen … Den verdreckten See entrümpeln sozusagen?
Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung …
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* nur: wo???
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Schichten sichten,
Geschichten verdichten,
wie viel, wie wenig, wie sehr
du warst und
wie wenig, wie viel, wie schwer
du nicht warst.
Und bist.
Alles eigentlich. Zeitlos, flüchtig.
Immer da, nicht mehr hier zwar,
da und dort
fransen rote Fadenfetzen aus,
verstehen wir Spuren, Orte, Wege, die du gegangen bist
Entfernungen werden klein,
wenn der Tod die Türe schließt
und die Fenster aufreißt.
Für meine Tante M., die auf die andere Seite gewandert ist.