Ein Tag im Paradies

„Denken ist nur das Werkzeug, nicht der Garten“, sagte meine Freundin K. . „Ebenso Fühlen. Der Garten ist das Sein, das schlichte Dasein.“ Wir saßen nach getaner Arbeit in ihrem Garten. Im Paradiesgarten.

Zuvor hatte ich  mit Ä., K.s Liebstem, mein Auto auf Vorderfrau gebracht. Psychohygiene für die Rostbeulen. Abschleifen. Spachteln. Grundieren. Lackieren. Nein, nicht vergolden, doch da ich Sternchen* bald mal wieder vorführen muss, soll das Ganze nicht am Rost scheitern. Sein Gnadenbrot hat mein Lebensabschnittgefährtchen allemal in meiner Nähe verdient.

Sofasophieren lässt sich, wie wir sahen, auch im Paradiesgarten. Wir haben uns über die Kolumne „Lob der Ataraxie“ von Thomas Widmer gefreut, die im neuen Natürlich leben erschienen ist. Er plädiert gegen die ständige Verfügbarkeit und Nützlichkeit, gegen das ewige Suchen nach noch mehr, nach exzessiver Weiterentwicklung zu Zielen hin, die in zehn, zwanzig Jahren erreicht werden sollen.

Wie gut mir dieser Text tut. Schon immer gehörte ich zu jenen Menschen, die sich danach sehnten, statt des Tuns das Sein zu zelebrieren. Nur erlaubte ich mir nicht, mir dies einzugestehen. Höchstens punktuell: Temporäre Inseln des Nichtstuns sind erlaubt, doch gewiss nicht jene Grundhaltung von „Ich bin zufrieden mit meinem Sein. Aktiv strebe ich keine Veränderungen an“. Zu suspekt! Ich könnte ja als Faultier, als arbeitsscheu, als nicht effizient verstanden werden, was ich auch bin. Ja, auch, aber nicht nur …

Zielstrebigkeit zu leben und Visionen zu haben – wie wichtig scheinen diese Aktivitäten in unserer Gesellschaft zu sein! Wie verd… wichtig uns doch ist, was andere von uns denken! Existentiell sogar?! Denn Weiterentwicklung kann eine höhere Einkommensklasse bedeuten, gleich mehr Kohle, gleich noch mehr Prestige … da capo al fine al fine al fine (wo immer das ist!) Rattenschwanz Zukunft. Konzepte. Auf den Kompost mit euch! So wird aus „al fine“ ein neuer Anfang. Organische Entwicklung …

Ständig vorwärts strebend und vom Fehlenden ausgehend, verpassen wir, dass wir jetzt reich sind. Hier in diesem Garten. Und wir vergessen sogar, jetzt zu leben. Jetzt die Birke da drüben zu bestaunen, ihre Silhouette, ihre Schönheit wahrzunehmen. Jetzt das Zusammensein mit unseren Freundinnen – Freunde sind mit gemeint – zu genießen. Und das Feuer. Die Kartoffeln aus dem eigenen Garten. Dazu frische Tomaten und (Furz-)Salat à la mexicaine.

Der wahre Reichtum ist immer gegenwärtig. Ich bin immer alles, was ich je war und je sein werde. Eine Gerade im grenzenlosen Raum. Ich kann immer nur jetzt SEIN. Hier. Im ureigenen Paradiesgarten mitten in meinem Herz. Mit der Harke des Denkens lockere ich den Boden, mit der Schaufel der Gefühle bringe ich von unten nach oben und von oben nach unten, damit alles schön lebendig bleibt. Ja, auch ohne Fernziele – wozu auch, wo doch alles immer nur jetzt ist? – entwickle ich mich weiter … Rhythmen, Phasen, Jahreszeiten – sie kommen und gehen. Und ich mit ihnen.

Hey, danke K. und Ä., immer wieder. Für eure FreundInschaft! Für euer Dasein!

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C., der Sohn des Hauses, seines Zeichens Hiphoper, hat mir den Link seines YouTube-Auftrittes verraten. Hier reingucken lohnt sich!

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* Nein, fragt bitte nicht nach ihrem Alter. Sie ist diesbezüglich ein bisschen heikel … Stars und Sternchen sind das zuweilen!

4 Gedanken zu „Ein Tag im Paradies“

  1. Die Vergangenheit ist virtuell, die Zukunft offen. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen dauert die Gegenwart drei Minuten. Drei Minuten Paradies ist also möglich. immer wieder.

  2. @bredenberg
    *lach* manchmal sind drei minuten ein ganzes leben … wissenschaftlichen erkenntnissen zum trotz geniesse ich das paradies gerne länger als 180 sekunden.
    oder meinen die klugen damen und herren womöglich, dass wir menschen nicht länger als drei minuten zu geniessen in der lage sind? 😉 (tja, ob sie diese erkenntnisse bei untersuchungen von männern oder frauen gewonnen haben, frag ich besser nicht! *zwinker*)

  3. 3+3+3+3+3+3+3+3+ ……. da kommen wir ja der ewigkeit schon gaaanz nahe! habe doch schon zu ende gelesen, werter mösiö. nur eben danach weitergedacht! das können frauen eben! 😉

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