Ausgelesen II. #8 – Die Frau im Spiegel

Ich gestehe, dass ich zu jenen Frauen gehöre, die die „Kriminalromane werden vor allem von Frauen gelesen“-Statistik mitbegründen. Nicht nur lese ich tatsächlich viele Krimis, ich gucke auch viele. Bitte fragt mich bloß nicht wieso. Die These, dass Krimis ein Aggressionsabbau-Potential haben, kann ich weder bestätigen noch dementieren. Obwohl … ein bisschen Psychohygiene bewirken sie sicher, diese Mordgeschichten, wenn auch nur im Sinne von: Auch andere haben es manchmal schwer (nein, das ist NICHT zynisch gemeint …).

Aber eigentlich, wenn ich genau hinspüre, geht es mir um die Menschen. Wie verhalten sich Menschen in krassen Situationen? Wie gehen sie mit Unrecht, mit Drama, mit Tod und Leid um? Die Antwort? Immer wieder anders. Und das ist es wohl, müsste ich die Frage nach meiner Krimi-Sucht beantworten, was ich sagen würde: Die Figuren sind immer wieder anders. Und immer geht es um Tod – auf immer wieder andere Art. Ein Thema, das für mich kein Tabu, sondern sehr wichtig ist – schon als Kind – Leben und Tod, um genauer zu sein.

Lange Vorrede, ich weiß, um auf mein aktuelles Zug-Buch einzuspuren. Ich lese Die Frau im Spiegel von Eric-Emmanuel Schmitt. Und nein, das ist KEIN Krimi. Und doch äußerst spannend. spiegel_coverDas Buch greift ein Thema auf, das uns alle – Frauen wie Männer – angeht. Schmitt erzählt von drei sehr unterschiedlichen Frauen aus drei verschiedenen Zeitepochen (Mittelalter, Anfang zwanzigstes Jahrhundert und Gegenwart), die über Umwege endlich zu sich selbst finden.

In jeder Zeit war es schwierig sich selbst zuliebe, gegen den Strom zu schwimmen. Das ist heute nicht anders als vor sechshundert Jahren, als Anne statt der Heirat mit einem jungen hübschen Burschen ein Leben als Mystikerin wählt. Und es ist heute nicht weniger schwer als vor hundert Jahren als Hanna ihren goldenen Käfig verlässt, um Psychoanalytikerin zu werden. Auch Anny, die Hollywoodschauspielerin springt aus dem Karussell aus, um sich auf die Suche nach ihrer wahren Natur zu machen. In vorgefertigten Rollen leben wir alle, auch wenn wir vermeintlich freier als je zuvor leben. Wie oft lassen wir uns von falscher Rücksicht oder Scham bremsen statt auf unsere Intuition zu hören … Oder wir lassen uns von wirtschaftlichen und existentiellen Ängsten ausbremsen. Nachvollziehbar.

Aber. Ja, das ABER und die Frage WIE SONST? taucht in Großbuchstaben vor meinen inneren Augen auf. Ich lasse die beiden ein, füttere sie und lasse zu, dass sie mir in den Ohren liegen. Ob ich ihnen eines Tages antworten kann und Schritte tun – ähnlich wie Anne, Hanna und Anny in Schmitts Buch?

Schmitt erzählt als Mann die Schicksale von Frauen. Kann das gut gehen? Ja, es kann, es tut. Ich bin positiv überrascht. Ein lesenswertes Buch.

Alltag und so

Eine Woche ist es her, seit ich das letzte Mal gebloggt habe – Lust-Bloggerin, die ich geworden bin.

Was soll ich schon im Alltag bloggen? Mein Alltag tut so als seien alle Tage allen Tagen ähnlich. Sind sie auch, äußerlich zumindest.

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Da sind zum einen jene Tage, an denen ich im Büro arbeite – noch reduziert, da ich noch immer im Schongang unterwegs bin – und mein Weg dorthin (drei Stunden täglich im öffentlichen Verkehr unterwegs, Bücher lesend, Menschen beobachtend, mich gut schützend). Und da sind jene Tage, die mit Schreib- oder Lektoratsaufträgen, Hausarbeit, Einkaufen und Begegnungen gefüllt sind.

Doch dann sind da noch die Zeiten, die nur mir gehören. Ja, ich erlaube mir Pausen, halte an, halte inne, gönne mir Sofastunden. Mit oder ohne Buch. Dösend zuweilen, manchmal gar nichts tuend, nur sitzen und sein. Und nachdenken zuweilen, über die Ursachen von Problemen. Über die Welt und warum sie beim Um-sich-selbst-Drehen eiert.

Nachgrübeln über Widersprüche. Über meinen Wunsch, voranzukommen. Erfolgreich sein zu wollen, zum Beispiel mit meinen noch immer unfertigen Manuskripten, obwohl ich doch gar nicht wirklich an mich selbst glaube. Und schon trifft die Illusion von irdischem Erfolg auf die Frage, ob Erfolg nicht einfach Zufriedenheit und Glück sein könnte. Und dann taucht ein Wunsch auf: Genug Geld zu haben, um tun und lassen zu können, was ich will (schreiben zum Beispiel) – aber dabei bloß keine Kapitalistin zu sein. Natürlich nicht. Und bin es doch. Teil einer Maschinerie zu sein, die mir gar nicht wirklich gefällt.

Widersprüche, die mich innerlich beinahe zerreißen. Gewissensfragen. Das Karussell, auf dem ich sitze, eiert.

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Appspressionismus: auf dem iPhone kreiert (genau so mit der App Hipstamatic fotografiert). Geschrieben &  hochgeladen ab Laptop

Reblog yourself!

Auf der Suche nach einem ganz bestimmten alten Artikel finde ich diesen hier: Von schiefen Bahnen, Sandburgen und andere Fallmaschen.

Dort lese ich heute:

2.)
Ein bisschen bin ich wie die Hipstamatic-App, wo man – je nach Belichtungsverhältnissen und Motiv, das man fotografieren will – eine individuelle Filter- & Blendenkombination auswählen kann. Es gibt sogar den Zufallsmodus, der durch kurzes Schütteln des iPhones generiert wird.

coffeeplottie

Ich schüttle mich kurz und schon bin ich kleine Schwester. Oder schräge Tante von mir aus. Nichte auch oder Cousine. In dieser Rolle bin ich oft ein bisschen schusselig, wie damals, als Kind, und stoße schon mal ein Glas um oder so. Keine Ahnung, wie das funktioniert.

Ich schüttle mich erneut und bin Freundin. Mit M., einer Freundin, die ich schon sehr lange kenne, bin ich mehr so und so und mit Freundin C., die ich erst sechs Jahre kenne, mehr so und so. Als würden jeweils andere Teile meines Hirns aktiviert, je nachdem mit wem ich kommuniziere.

Ich schüttle mich von neuem und bin Partnerin. Mit Irgendlink spreche ich zudem in einer Fremdsprache. Meiner ersten, was das Hochdeutsch faktisch tatsächlich für mich ist.

Ich bin mehr als die Summe all dieser Aspekte.
Ich bin ein Farbenkreis.
Ich bin eine Sandburg.
Ich bin ein Fotoalbum.

Und manchmal bin ich mir fremd. Wenn ich mich erzählen höre, stehe ich manchmal neben mir. Sage ich das wirklich? Meine ich, sehe ich das wirklich so? Noch immer? Manchmal stelle ich fest, dass innere Veränderungen sowie veränderte Verhaltens- und Sichtweisen noch nicht in allen Zellen angekommen sind. Updaten ist angesagt. Wäre es doch so einfach wie beim PC.

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Manchmal staune ich über meine Texte: keine Erinnerung. Ein bisschen Verblüffung über meine Gedanken. Wiedererkennen. Sich fremd sein. Eine Mischung aus alledem.

Ausgelesen II. #7 – Die Analphabetin, die rechnen konnte

Ohne angefangenes Buch fühle ich mich nur als halber Mensch. Die Zeit zwischen zwei Büchern finde ich immer irgendwie schwierig. Wie ohne Krücken, wenn ich den Fuß gebrochen hätte. Oder wie kurz vor einer Zigarette, als ich noch rauchte. Nun habe ich also wieder dieses gefährliche Stadium erreicht, denn heute Nachmittag habe ich die Analphabetin ausgelesen. Was wohl als nächstes kommt? Ortheil?

die-analphabetin-die-rechnen-konnte_coverVon Jonassons erstem Roman hatte ich viel gehört. Wie toll er sei und wie phantastisch. So habe ich mich nun auf diesen seinen zweiten Roman eingelassen und ihn wirklich mit Genuss gelesen. Ja, mit Genuss. Mit viel Genuss sogar. Dennoch auch mit höchst zwiespältigen Gefühlen.
Apartheid, Aufrüstung, Abrüstung und Flucht sind heikle Themen. Jonassons Erzählton ist flapsig, vereinfachend, humorvoll und immer mal wieder sarkastisch. Geht das zusammen – darf man das?

Dennoch – ich mochte die Hauptfigur, das Mädchens Nombeko, von der ersten Minute an. Wie sie allen Widrigkeiten zum Trotz ihr großes Talent für Mathematik lebt und damit immer wieder für Verblüffung und Überraschungen sorgt. Wie sie sich in temporär unabänderliches schicken kann, um dennoch laufend nach Lösungen von Missständen Ausschau zu halten. Und wie sie schließlich in Schweden landet, eine Atombombe, die übrig geblieben ist, im Gepäck und dort dafür sorgt, dass diese Bombe keinen Schaden anrichtet, ist schon verrückt. Und genial. Eine schwarzhäutige Pippi Langstrumpf. Eine Heldin.

Und natürlich ist alles ein Märchen. Und wenn wir das Buch genauso lesen, mit dem Wissen, wie viel Wahres doch in Märchen steckt, ist das Buch wirklich genial. Dass es nur ein Abklatsch seines Vorgängerbuches („Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“) kann ich nicht bestätigen, weil ich jenes noch nicht gelesen habe. Werde ich aber. Denn mir gefällt Jonassons Sprache. Mir gefällt die Verrücktheit seiner Menschen. Wie alles schief geht und wieder ins Lot kommt. Ein Buch, das trotz aller Ironie, auch viele Denkanstöße gibt. Ein Buch über Fanatismus und was dieser anrichten kann. Und auch ein Buch über grenzenlose Freundschaft.

Ein Video-Interview mit Jonas Jonasson: Hier klicken.

Einen ganz anderen Roman habe ich früher ebenfalls hier vorgestellt und heute erneut aus dem Regal geholt. Einen Roman von Linus Reichlin. Das Leuchten in der Ferne. (Und hier habe ich über das Buch geschrieben.) Dass Reichlin in B. aus diesem Buch vorliest, fünf Fahrradminuten von meinem Zuhause entfernt, habe ich zufällig auf einer Plakatwand gelesen. Die Lesung, eine Matinée, war genial. Sehr gut moderiert, mit interessanten Publikumsfragen gewürzt und dazwischen drei tollen Lesebeiträgen von Reichlin. Wer das Buch noch nicht kannte, hat nur genau so viel darüber erfahren, dass er es lesen will. Und jetzt steht also ein Reichlin mit Widmung und Signatur in meinem Büchergestell … 🙂

Sowasaberauch oder wo ist die versteckte Kamera?

Das Telefon klingelt. Eine deutsche Nummer, die mein Adressbuch nicht kennt. Werbeanruf, denk ich und nehme mit einem knappen Hallo? ab, wie ich es eh meistens tue. Ausser, wenn ich die Nummer erkenne natürlich.

– Hallo, hier Blablub aus Baden-Baden, mein Name ist XY. Spreche ich mit Frau Sofasophia?
– Ja, richtig …
– Sie haben bei unserm Foto-Wettbewerb mitgemacht. Ich habe Ihnen eben eine Mail geschickt. Sie gehören zu den Gewinnern.
– (ich schlucke leer, der Klumpen im Hals bleibt hängen und mein Räuspern ist bis nach Baden-Baden hörbar) Das freut mich sehr, danke.
– Ihr Bild wurde mit sechs andern aus um die 12’000 Bildern ausgewählt. Davon drei erste Preise, zu welchen ihres auch gehört.
– Oh, das kann ich ja kaum glauben! Ich habe am letzten Tag mitgemacht und gedacht, dass ich doch sowieso keine Chance habe.
– Umso schöner, dass Sie mitgemacht haben. Sie werden übrigens auch ein Preisgeld erhalten und das Bild wird in der nächsten Nummer unserer Zeitschrift veröffentlicht. Wir brauchen darum von Ihnen noch einen kleinen Text über Sie selbst und wie das Bild entstanden ist.

Noch während des Anrufs lade ich die Mail aufs Fon und leite sie an Irgendlink weiter. Er hat es mir schließlich eingebrockt mit seinem Gedrängel.
Mach doch einfach mit. Was kannst du schon verlieren?, sagte er damals.

slower than his shadow_auss

Und jetzt? Okay, ja, ich freu mich sehr. Sogar sehrsehr. Gut, das Bild würde ich heute anders machen. Die Idee mit der Montage finde ich noch immer selbst ziemlich genial, doch die Ausführung … naaa ja … aber okay.

Es ist, wie es ist. Perfekt gibt es nicht. Weder im Leben noch in der Kunst. Und fertig auch nicht. Alles ist in Veränderung.

Schön finde ich, dass das Bild mit Langsamkeit zu tun hat … Zum Bild? Bitte hier klicken …

artgerechter Konjunktiv

Wenn mein (dein) Leben im Konjunktiv artgerechter wäre als dein (mein) Leben im Präsens, stimmt was nicht.

himmlisch

Langsamer müsste es sein, dieses Leben. So langsam wie ich Yoga übe. Atmen. Da sein – nicht mir vorauseilen in Gedanken. Denken und Bewegung synchronisieren. Die Dehnung spüren UND denken. Yoga, das merke ich immer wieder, ist viel mehr als Bewegung, Dehnung, Stille und Atem. Yoga ist auch hier zu sitzen und mich auf diesen Text zu konzentrieren. Mich konzentrieren. In den Schreibflow kommen.

(Bitte spätestens hier atmen)

Mich nicht ständig vom Gebimmel von Whatsapp ablenken lassen. Mich nicht von Gedanken an vorher und nachher ablenken lassen. Denn das ist es, was ich mag: mich längere Zeit ganz auf etwas einzulassen. Mich längere Zeit – zehn Minuten, mehrere Stunden – hinzugeben an das, was ich tue. Am liebsten an Dinge, die mich inhaltlich begeistern. Mein Ding tun. Das wäre artgerecht (jaja, schon wieder Konjunktiv!).

(Bitte spätestens hier wieder atmen)

Und nein, du musst das nicht Yoga nennen. Aber nenn es mit mir zusammen Selbstsabotage, wenn ich mich immer ablenken lasse. Oder ist es nur ein Zeichen der Zeit?

(Gerne und immer wieder: atmen!)

Da bimmelt es. Dort plingt ein Fenster auf. Ich muss doch nachschauen. Nein, das ist doch krank. Muss ich? Muss ich nicht!

Multitasking ist nichts für mich. Klar, kann ich es. Nein, ich kann es eigentlich nicht. Und noch eigentlicher will ich es gar nicht können. Es ist zu viel.

Und es ist zu wenig artgerecht.

Bedingungen

Gestern Morgen, beim Yoga, klopfte auf einmal der Gedanke bei mir an, dass das Leben kein Spiel sei. Im Gegenteil, denn beim Würfelspiel hat jeder und jede einen Augenblick lang die gleichen Voraussetzungen. Wenn auch nur ganz kurz, nämlich vor dem ersten Würfeln. Theoretisch auch nachher, denn alle – wenigstens alle in dieser Runde hier – haben ja den gleichen Würfel. Doch bereits nach dem ersten Wurf verändert sich die Ausgangslage jedes einzelnen laufend. Wir verändern ständig unsere Positionen. Bei Eile-mit-Weile müssen wir zwar immer wieder warten oder werden sogar oft genug an den Anfang zurückgespült, doch unser Ziel ist es immer, vorwärts zu kommen. Ans Ziel. Beim Leiterspiel können wir zwar manchmal riesige Schritte in diese Richtung tun, doch oft nur, um wenig später, wenn wir die falsche Zahl würfeln, wieder abzustürzen. Was das Vor- und Rückwärts betrifft, erinnert das Leben stark an ein Würfelspiel – hin und her geworfen von den Punkten auf den Würfeln von Schicksal und Zufall. Wie im Spiel besteht womöglich eine der Ziele oder Künste des Lebens darin, irgendwann weise mit den ständigen Auf- und Abstiegen klarzukommen.

Haben wir im Würfelspiel noch relativ ähnliche Voraussetzungen, ist das im echten Leben überhaupt nicht so. Von Anfang an nicht. Die Unterschiedlichkeit von Elternhäusern ist eins, die Unterschiede in der Genmasse ein anderes. Und der ganze Rest an Ungleichheit geschieht uns tagtäglich. Mit jedem Schritt, den wir von Punkt Null (Zeugung? Geburt?) aus tun, werden die Bedingungen unterschiedlicher.

Wäre ich heute so, wenn ich damals …? Leben im Konjunktiv.

Ich weiß es nicht. Ich kann von allen Möglichkeiten immer nur eine leben. Du auch. Ob nun bewusst gewählt oder unbewusst hineingerutscht …

Wie viel tun wir wirklich freiwillig? Leben wir freiwillig?
Und wenn nein, wem zu Willen?

Hast du eben eine Sechs gewürfelt – oder eine Eins? Immerhin kann man keine Null würfeln. Obwohl das vielleicht manchmal gar nicht so schlecht wäre.

Von Löchern und Lecks

Vor- und Nachteile einer Krankschreibung gibt es viele. Einer der Vorteile, den ich schamlos genieße und ausnutze, ist, mir Zeit für die weitere Arbeit an meinem Manuskript Loch im Eis nehmen zu können.

Das erste Drittel des Buches ist vorläuftig fertig überarbeitet und auf dem Weg zu oder schon angekommen bei meinen drei Erstleserinnen.

Ich bin nun dabei, den Rest der Geschichte, die ich ziemlich detailliert im Kopf vor mir sehe, seriös auf Papier zu plotten, um mich nicht in den verschiedenen Strängen zu verheddern.

Zum einen begleiten wir Alessa, die Ich-Erzählerin, dabei wie sie ihrer Freundin Christa in einer heftigen Lebenskrise zur Seite steht und zum andern sehen wir, wie Anna, Alessas Mutter, sich mit ihrem nahen Tod auseinandersetzen. Und wir erleben, was für Alessa und Christa besonders herausfordernd ist, Danio, Christas Ex-Freund, dabei, wie er den Halt im Leben mehr und mehr verliert.

Mehr verrate ich für den Moment nicht. Hier noch einen kleine nigelnagelneue Leseprobe:

Sein Leck ist unsichtbar. Darum ignoriert er es. Beweisen kann man so etwas sowieso nicht. Das Leck, das schwarze Loch frisst alles auf. Es frisst das Nichts auf, mit dem er sich füttert. Die Leere. Den Mangel. Es ist über all die Jahre nicht kleiner geworden. Immer ruft es nach mehr. Sein Loch will Liebe, Verständnis, Berührung, Aufmerksamkeit. Doch selbst die beste Speise nährt ihn nicht. Und das Loch erst recht nicht. Alles läuft aus. Alles läuft davon.

Wer das Loch gerissen hat oder woher es kommt, weiß er nicht – nur kennt er das Ziehen, das Reißen und er ahnt mehr als er es weiß; dass es nämlich schon immer da war. Schon so lange, wie es ihm gelingt, sich zurückzuerinnern. Als würde er sich weit aus dem Fenster lehnen und dem Kind zuschauen, dass er war.

Schon immer hungerte das Loch in ihm, danach dazuzugehören, danach nicht so sehr anders zu sein, nicht so sehr zu sein wie er. So? Wie so ist er denn überhaupt und wie viel anders darf einer denn sein, um nicht aufzufallen, um nicht rauszufallen? Eigentlich ist er doch ganz in Ordnung. Vielleicht.

Aber niemand merkt es, weil er unsichtbar ist. Er selbst ist das Leck. Er selbst ist das schwarze Loch. Und wenn er noch so sehr sein Inneres nach außen stülpt um das Loch zu finden und zu reparieren, er findet es nie. Er bekommt es nicht zu fassen, denn das Loch ist ja er selbst.

Und darum, darum wird er nie genug bekommen. Nie genug Liebe. Nicht von ihr. Schon gar nicht von sonst wem. Und darum gibt es nur eins.

Streicheln erlaubt

Bitte streichelnWenn der Bostich keine Klammern mehr ausspuckt.
Wenn die Schublade klemmt.
Wenn die Nerven flattern.
Wenn die Zahlen einfach nicht stimmen wollen.
Wenn die Datenbank einfriert.
Wenn alle etwas von dir wollen und gleichzeitig noch das Telefon klingelt.
Wenn du am liebsten einfach den ganzen Zirkus namens Büro hinter dir lassen nur eins willst: Raus an die Sonne!

Dann gibts nur eins …

Der richtige Mix

Gestern vor einer Woche war es, als ich zu Irgendlink in die Pfalz fuhr. Wie fast immer, wenn ich alleine lange Strecken fahre, lief auch diesmal Musik. Hin und wieder sang ich mit. Ich liebe es, im Auto zu singen. Ich mag es, mich in meiner Schutzhülle aus Blech beinahe anonym – wenn wir vom Autokennzeichen absehen – voranzubewegen. Ganz anders als beim Zugfahren – obwohl ich aus ökologischen Gründen viel besser fände – fühle ich mich im Auto geborgen (und ja, ich weiß um die Illusion dieser Geborgenheit). Wie ich den Melodien und Stimmen meiner Lieblingsbands lauschte, dehnte sich auf einmal eine Erkenntnis wie ein Tintenfleck auf weißem Papier in mir aus. Sie begeisterte mich je länger je mehr ich sie von allen Seiten betrachtete:

Kati, nur so als Beispiel, hat eine wunderbare Stimme. Unvergleichlich. Sie singt ihre eigenen Songs mit einer Leidenschaft, die ansteckt. Sie tut auf ihren CDs etwas, das sie gut kann. Etwas, das so, auf diese Weise, niemand kann außer sie. Und sie kann noch viel anderes. Fein kochen. Lektorieren. Bloggen. Dafür kann sie bestimmte Dinge gar nicht und andere nur halbwegs gut oder durchschnittlich.

Du auch. Ich ebenso. Ein Musiker würde es möglicherweise unerträglich finden, wie mein Autoradio klingt. Ich finde, es klingt gut, doch mein Gehör ist ja auch nur mittelmäßig anspruchsvoll. Eine Starköchin fände vielleicht meinen Gemüselinseneintopf, den ich heute Abend gekocht habe, banal und ein genialer Hausmann meine Bügeleisen-Abstinenz beschämend. Und ganz gewiss fände eine Geografin meine Kenntnisse der Welt ziemlich rudimentär. Und das stimmt auch. Und das darf auch alles so sein!

Die gute Nachricht lautet nämlich: Ich muss überhaupt nicht alles können. Und noch nicht mal alles, was ich kann, muss ich gut können. Aber das, was ich gerne tue, das, was ich am liebsten mache, das sollte ich tun und zwar gut. Ich will natürlich– und darf das auch – alles immer so gut wie möglich machen. Doch gut ist wirklich gut genug. Perfekt gibt es eh kaum und zu perfekt ist eh nur stressig.

Nochmals, denn davon kann ich im Moment nicht genug bekommen: Ich muss nicht alles perfekt können. Ich muss auch nicht alles gut können und ich muss vor allem und überhaupt nicht alles können.

Was ich am liebsten tue? Schreiben. Mich ausdrücken. Worte finden. Und zwar (ja, auch das ging mir während jener Autofahrt vor acht Tagen durch den Kopf) nicht, um der Zuhörenden und LeserInnen willen, sondern weil ich sonst platzen müsste. Weil die Sprache mein Weg ist, das Leben auszuhalten. Halten. Balance halten. Und der Sinnlosigkeit so etwas ähnliches wie einen Sinn entgegenzusetzen, zumindest einen vorläufigen.

Einen oder zwei Tage nach dieser erkenntnisreichen Fahrt sage ich zu Irgendlink:
Ich glaube, die Erde gibt es bloß schon so lange, weil die da oben noch immer nicht den richtigen Mix gefunden haben. Die suchen und forschen nämlich nach dem idealen Mischverhältnis von Talenten. Der eine Mensch kann das, das andere Tier dies und jener Baum kann jenes. Wenn man das alles richtig mischt, könnte es friedlich und gut sein hier auf der Erde. Aber das genau passende Gleichgewicht herauszufinden stelle ich mir verdammt schwer vor. Weil ja immer welche neu dazukommen und andere dafür wegsterben. Und überhaupt. Aber, stell dir vor, sie schaffen es eines Tages! Wie schön es ist, wenn wir dann endlich alle unsere Talente miteinander teilen. Der eine tut das, die andere jenes. Und alle hängen wir miteinander zusammen. So ließe sich leben. Herrlicher Konjunktiv, was wäre ich ohne dich? Wie wäre es, wenn du uns ein bisschen Toleranz beschertest?

Stell dir vor, spinne ich weiter, wenn wir alle Teil dieser ausbalancierten Welt wären, bräuchten wir keine Schlüssel und keine Kripo mehr. Denn wer hätte, wenn alle zufrieden wären, noch Lust und Grund zu klauen oder einzubrechen oder jemanden umzubringen? Die Krimis in den Buchläden und Bibliotheken wären bald schon Klassiker und Zeitzeugen einer Welt, die mehr und mehr in Vergessenheit geraten würde. Nur noch in Büchern nachzulesen. Und niemand würde sagen: Früher war alles besser. Dafür: wie schön wir es doch haben!

Ach, wie liebe ich es, zu spinnen. Das kann ich ziemlich gut.