(Eigentlich nichts Neues) über die Liebe

Unsere Sehnsucht nach Geliebtwerden: Ich glaube, das einzige Mittel, das uns dagegen hilft, der Liebe anderer nachzurennen, ist radikale Selbstliebe. Nur damit werden wir vermutlich den ’Egoismus des Geliebtwerdenwollens’ abstreifen können.

Manchmal wird ja über Achtsamkeit als eine gut getarnte Möglichkeit das Nur-um-sich-selbst-Kreisens gestänkert. Das sei nichts als gut getarnter Egoismus. Das sehe ich ganz und gar nicht so. Gerade für Menschen, die von klein auf nicht gelernt haben, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten – und sich selbst und die eigenen Grenzen stattdessen ständig übergehen, weil ihnen niemand beigebracht hat, sich selbst wertzuschätzen, Bedürfnisse haben zu dürfen und ernst zu nehmen –, ist der Weg der Achtsamkeit(smediation) ein Segen.

Darüber stänkern tun übrigens eh meist nur jene Leute, die sowieso ein gesundes Selbstvertrauen mit auf den Weg bekommen haben und von daher keine Ahnung haben.

Sich selbst als wertvollen, liebenswerten Menschen zu betrachten, sich Gutes zu gönnen, mit sich selbst liebevoll umzugehen und – ganz wichtig! – Selbstmitgefühl zu haben, das zu Mitgefühl für andere ermächtigt, ist das krasse Gegenteil zur egozentrischen Lebenshaltung wirklicher Egoist*innen.

Mit Orakeln die Welt retten?

Als ich erwache, finde ich mich auf dem Bauch auf dem Sofa liegend wieder. Mit Blick auf den Holzboden, auf dem ein paar Krümel* liegen. Ich schiebe sie mit den Händen zusammen und frage sie: Was wollt ihr mir bloß sagen? Ich grinse Irgendlink an, der neben mir liegt und auch ein kleines Krümelhäufchen mit den Händen zusammengeschoben hat.

»Kehr mich weg!«, sage ich, »sagen sie. Oder nein, vielleicht ist ihre Botschaft ja viel komplexer. Vielleicht«, sage ich, »vielleicht kommt es auf das Muster an. Vielleicht müsste ich nur das Muster entschlüsseln können und dann wüsste ich, was sie mir sagen wollen. Vielleicht ist das hier ja ein Krümelorakel. Vielleicht liegt ja in allen Krümelhaufen, in allen Dreckhaufen, in allen Mustern dieser Welt eine Botschaft?!«

Ich komme in Fahrt. »Vielleicht erfinde ich gerade jetzt eine App, die Muster entschlüsselt!«, sage ich. »Na ja, man müsste die App natürlich nur noch programmieren, aber dann … Die App könnte jedem fotografierten Muster ein vorher eigens festgelegtes Orakel zuordnen.«

»Aber in den AGB müsste stehen, dass wir jede Haftung ablehnen. Also für den Fall, dass das Orakel nicht eintrifft!«, sagt Irgendlink.

»Genau. Und die Orakelsprüche generieren wir aus allen Glückskeks-Sprüchen, aus allen Horoskopprognosen, aus allen Kalender- und Postkartensprüchen dieser Welt … nein, halt! Noch besser: Wir programmieren alle je geschriebene Literatur ein und die App entschlüsselt mittels Codes, die sie aus dem jeweiligen Muster zieht, den passenden Satz aus einem beliebigen Buch der Welt.«

»Damit die User:innen beim Personalisieren der App die Quelle ihres Orakels wählen können? Also ob sie einen Satz aus der Welt der Weltliteratur, der Trivialliteratur — vielleicht sogar nach Autor:in selektierbar? —, aus der Welt der Astrologie oder aus der Glückskeksideologie etc. möchten?«

»

Jawohl! Boah, was haben wir da Großartiges erfunden!«

(neulich in meinem Notizbucharchiv gefunden)


*Übrigens: normalerweise hat es nicht soo viel Krümel am Boden wie damals, als ich das geschrieben habe.

Das Vergehen der Tage

Elf Tage dreht sich die Welt jetzt schon ohne dich, lieber Freund, so, wie sie das schon immer getan hat. Sie hat noch nie angehalten, wenn jemand gestorben ist, wie könnte sie auch? Müsste sie nicht dauerhaft anhalten, da doch immer irgendwo jemand stirbt; und müsste sie dann nicht ständig hüpfen, wenn jemand geboren wird?

Immer stirbt irgendwo jemand. Junge Menschen und ältere. Gesunde und kranke, mit und ohne Schmerzen, plötzlich oder langsam, ohne oder mit Abschied; und mit oder ohne geliebte Menschen in der Nähe. Einsame Menschen sterben ebenso wie Menschen, die viele Lieblingsmenschen haben.

Und immer schlüpft irgendwo jemand hinaus in die Welt. Kleine Menschen, die sehnlichst erwartet werden und solche, die niemand geplant hat. Als ließe sich das Leben planen. Arm und reich, gesund und krank, mit oder ohne Haare, kleine Menschen mit beschädigten Herzen. Geboren werde sie alle, und alle sind sie darauf angewiesen, dass sich jemand um sie kümmert, damit sie nicht verkümmern.

Wir müssten immerfort weinen und lachen, trauern und uns freuen, Abschiede und Anfänge feiern.

Statt dessen lassen wir die Tage werden und vergehen; und füllen sie mit Dingen, von denen wir glauben, dass sie getan werden müssen oder dass wir sie tun sollten und mit solchen, die wir tun wollen. Und das ist gut so.

Als du auf der Intensivstation lagst, vom Hals an abwärts gelähmt, begann meine Uhr anders zu ticken.

Du hast mir einen neuen Blick auf Leben und Sterben ermöglicht. Einen neuen Blick auf Leid und Schmerz auch. Auf Freundschaft und Verbindlichkeit, auf letzte Bitten und auf Dankbarkeit. Und natürlich auch, auf das was bleibt. Auf Materie, die jemand hinterlässt und auf jene Dinge, die unsterblich sind.

Nein, ich glaube nicht mehr an ein Danach, aber ich glaube an Verbindungen, an Erinnerungen, und ich glaube an Freundschaft.

Ich glaube an das Leben. Auch wenn es vielleicht nur dem Tod abgetrotzte Zeit ist.
Ich danke dir, lieber Freund.

Alltagsbilder

Ich mag sie, diese erste Stunde. Obwohl es recht früh ist, neun Uhr. Meine monatliche Samstagsschicht in der Bibliothek beginnt meistens ganz ruhig. Ich lüfte, starte die für die Ausleihe notwendigen Programme, putze die Bücher aus der Rücknahme und stelle sie in die Regale. Dabei schaue ich die Neuheiten im Regal durch. Ob ich eins davon ausleihen und besprechen soll? Erfahrungsgemäß kommen vor zehn Uhr nur ein paar wenige Leute. Meistens ältere Damen.

Gerade habe ich eine ältere Dame bedient und verabschiedet und das Buch eines jungen Mädchens mit einem sehr schönen Vornamen eingescannt, als wir über Vornamen zu reden beginnen. Ich hatte nach der richtigen Aussprache ihres Namens gefragt, da auch mein Vorname oft falsch ausgesprochen wird. Da meldet sich die alte Dame, die am Tresen ihre Bücher einpackt, zu Wort. Sie hasse ihren Namen, sagt sie, immer schon, die Abkürzungen seien schrecklich und der Zweitname mache alles noch schlimmer. Sie erzählt von Auslandjahren und von ihren Erfahrungen. Innert weniger Minuten hat sie uns ihre Geschichte erzählt, die Kürzestfassung. Das Mädchen und ich hören zu, stellen ab und zu Fragen. Drei Frauengenerationen, die sich über ihren Platz in der Welt austauschen. Die alte Dame könnte meine Mutter sein und das Mädchen meine Tochter. Ein feines Gespräch. Auch die anderen Kundinnen nutzen heute die Gunst der Stunde. Es ist ruhig, es ist Zeit zum Reden da. Ich höre zu, berate manchmal zu Büchern, empfehle zuweilen Liebgewordenes. Dem Pensionär mit seiner Vorliebe für die Schärenkrimis empfehle ich den eben ausgelesenen Lapplandkrimi der gleichen Autorin, deren Bücher er zurückgebracht hat. Da und dort Gespräche über Lieblingsautor*innen. Und hat jener Autor eigentlich noch andere Bücher geschrieben? Haben Sie die da?

Die alten Leute kennen sich zumeist nicht mit der digitalen Suche an unseren PCs aus. Ich helfe gern.

Später fasse ich neben der Kollegin, die mir von ihren Kajak-Erfahrungen und von ihrem zukünftigen Studi-WG-Zimmer in Bern erzählt, neue Bücher in Folie. Eine sehr meditative Arbeit. Friedliche Stimmung.

Ach, und inzwischen scheint die Sonne. Endlich mal wieder Sonne! Wie gut das tut.

Auf dem Heimweg fahre ich durchs Quartier zum Supermarkt. Zwei Männer haben ein rotes Auto aufgebockt und wechseln das linke Vorderrad. »Hab ich auch eben erst gemacht, Jungs!«, denke ich beim Vorbeiradeln, »und nein, auch nicht allein!«

Im Supermarkt eine superliebe Kassiererin, die ins Plaudern kommt. Vermutlich steht es auf meiner Stirn: »Ich bin heute in Plauderlaune.«

Auf dem Rückweg sind die Jungs noch immer am gleichen Rad. Vorne links. Tse.

10 Jahre Kultur mit Silvia Bervingas und Matthias Wolf

Da war vor zehn Jahren dieser erste, sehr originelle Tatort aus Saarbrücken, der erste mit Devid Striesow, Sie erinnern sich? Eine der wenigen Tatort-Folgen übrigens, die ich je in meinem Blog (hier) besprochen habe. ’Melinda’ hieß sie und es ging um Drogenschmuggel. Soweit nichts Neues, doch es war auch nicht die Geschichte an sich, die es mir angetan hatte, es waren die drei Hauptfiguren: Melinda natürlich, dann Devid Striesow aka Jens Stellbrink und Silvia Bervingas aka Margot Müller.

Dass ich ’Margot Müller’, im echten Leben Silvia Bervingas, kurz darauf persönlich kennenlernen würde, wusste ich damals noch nicht. Es war nach einer Tucholski-Performance – ’Schräglagen’ – in der Galerie Prisma, als wir draußen, bei einer Zigarette, ins Gespräch miteinander kamen, Silvia, der liebste Irgendlink und ich. In dieser Kombination haben wir seither schon viele Stunden verbracht, am Feuer sitzend oder auf dem Sofa und einander aus unseren Leben erzählend.

»„Schräglagen“ hieß der Abend, 25 Besucher waren in die damals noch existierende Zweibrücker Prisma-Galerie gekommen. Bervingas las und spielte ausdrucksstark, Wolf erzeugte Hintergrundgeräusche, spielte dann aber auch stimmungsvolle Soli. In der Pause plauderten die Künstler ganz ungezwungen mit dem Publikum.«
Zitat/Quelle: Rheinpfalz

Einen großen Teil ihrer Lesungen und Performances habe ich in den letzten zehn Jahren mitverfolgt, gehört und gesehen. Vielen kostbaren Texten und wohltuenden Klängen habe ich seither gelauscht. Zum Beispiel der ungehaltenen Rede Katharina von Boras, Martin Luthers Ehefrau, die ich hier besprochen habe.

»In der Folge erarbeiteten die beiden bis heute zehn abendfüllende Programme. Texte von Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Christian Morgenstern, die ungehaltene Rede der Katharina von Bora an ihren Martin Luther, bissige Kurzgeschichten der Amerikanerin Dorothy Parker, literarisches Kabarett der 1920er und 1930er Jahre, Liebesbriefe von Frauen an Adolf Hitler. Die Programme sind geprägt durch die sorgfältige Textauswahl, die eindrucksvolle Stimme von Bervingas und die Musik für Kontrabass von Wolf, die meist jazzig angehaucht ist. Die Programme kamen gut an, sie wurden nicht nur in Zweibrücken, sondern auch an anderen Orten aufgeführt.«
Zitat/Quelle: Rheinpfalz

Gestern Abend nun spielten, performten, sangen und lasen die beiden ihre Lieblingsstücke der letzten zehn Jahre. Die Rheinpfalz kündigte die Vorstellung so lustvoll an, dass der Veranstaltungsraum, die Zweibrücker Himmelsbergkapelle, gestern Abend schier überquoll. Über hundert Menschen – manche gar stehend, weil es keine Sitzplätze mehr gab –, tauchten gemeinsam in eine heitere, bissige, politisch motivierte, musikalisch bezaubernde Atmosphäre ein und lauschten, lachten und seufzten mit den Protagonist*innen der ganz unterschiedlichen Stücke.

Witzig, charmant und gekonnt boten Silvia Bervingas und Matthias Wolf ein über zweistündiges Programm, das berührt, begeistert und inspiriert.

Mobil unter Brücken und an Tischen

Schon wieder zwei Tage her, dass ich zum Liebsten gefahren bin. Dreihundert Kilometer sind es ungefähr. Das eine Hörbuch reichte, wie zuhause berechnet, bis Colmar. Das zweite werde ich entweder dieser Tage oder auf dem Rückweg weiter hören. Aus Erfahrung komme ich hier aber eher selten zum Lesen/Hören.

Unterwegs kaum Schwerverkehr, dafür viele Menschen mit Kisten auf ihren Kisten, andere mit Wohnmobilen und Wohnwägen. Vorwärts, vorwärts. Wir fahren alle wohin, manche von uns, um uns zu erholen, uns mit lieben Menschen zu treffen, uns zusammenzusetzen.

Vor mir ein Auto, dessen Nummernschild nur noch an der linken Ecke festklebt. Ich sollte, ich will den Fahrenden Zeichen geben, aber zugleich nicht die Geschwindigkeitsbegrenzug überschreiten. Was kann ich tun? Welches Signal könnte die Fahrerin, den Fahrer auf das Problem aufmerksam machen? Noch während ich nach einer Lösung suche, fällt das Nummernschild ganz ab und fliegt direkt vor meiner Autonase vorbei in den Straßengraben auf der rechten Seite. Unbemerkt von den Menschen im Auto, das eh schneller als ich fahren will. Tant pis. Tut mir leid, aber.

Unter einer Brücke, irgendwo in der elsässischen Provinz wird es gewesen sein, dann diese zwei Menschen, die von oben den Autos auf der Gegenfahrbahn zuwinken. Ich folge ihnen mit meinem Blick im Rückspiegel. Jetzt hampeln sie sogar herum und ich hoffe, dass sie ein paar Zurückwinkende begeistern können.

Es ist genau vier Uhr, als ich das lothringische Städtchen Philippsbourg quere. Die Kirchenglocken bimmeln die Gläubigen herbei. Carefreitag ist es ja, fällt mir auf einmal ein. Eine Frau hastet auf den letzten Drücker mit Schönschuhchen und Handtäschchen den Kirchhügel bergan. Was bin ich froh, dass ich raus aus solcherlei Dingen bin!, denke ich.

Als ich eine Dreiviertelstunde später auf des Liebsten Hofplatz in eine herzliche Umarmung falle, bin ich einfach nur froh, hier zu sein.

Den Samstagnachmittag nutzen wir, um Freund S. aka Journlist F. im Pflegeheim aufzusuchen. Er bekommt wieder ein paar neue Bücher aufs Handy, für die Ohren, damit er während seiner offlinen Dialysezeiten nicht vor Langweile stirbt. Das nächste Mal werden wir ihm Obst mitbringen, denn das Essen im Heim ist unter aller Sau. Gesund geht anders. Ein Lichtblick ist darum das Elektromobil, das eine alte Dame verkaufen will. S‘. freundlicher Behindertentaxifahrer kennt die Dame und hat zwischen S. und ihm eine Brücke geschlagen. Sogar ein spontaner Sponsor ist in Sicht. Man darf auch einmal Glück haben! Wir zwei werden heute hinfahren, die alte Dame besuchen, gucken, ob das Mobil zu Freund S. passt und falls ja, für einen Transport sorgen.

Denn ja, ’Wieder mehr Mobilität für Freund S.’ ist auch für uns wirklich ein Lichtblick. Die Besuche im Pflegeheim machen mich langfristig demütig. Obwohl es ein eher okayes Heim ist, liegt da so viel im Argen. Zu wenig Zeit, zu wenig Geld, zu wenig …

Noch trauriger aber macht mich, dass kaum mehr jemand Freund S. besucht. Ja, klar, es gibt prickelndere Zeitvertreibe als Besuche im Pflegeheim. Dennoch … es tut weh. Mir vorzustellen, dass ich vielleicht auch einmal in einer ähnlichen Institution landen könnte, wo niemand auf meine Unverträglichkeiten und Bedürfnisse Rücksicht nimmt, weil Zeit und Geld fehlen … es ist zum Heulen.

Vorhin hat der Liebste seine Mama am anderen Hofende besucht und ist mit einem Osterkörbchen voller Leckereien zurückgekommen, von denen ich zwar nichts vertrage, aber die Freude über diese kleine Aufmerksamkeit ist herzerwärmend. Wie gut es uns doch geht!

Jetzt sitzen wir beide an unseren Rechnern, an unseren Kopf-Mobilen, und hacken Blogtexte. Nachher werde ich noch einen Freundinnentext redigieren, dessen Deadline leider schon am Dienstag ist; und die Freundin soll ihn ja noch überarbeiten können vor der Abgabe. Da ich solche Arbeiten mag, ist das aber kein Problem für mich.

Das eben frisch gebackene Brötchenzöix sieht lecker aus. Für mich histaminfreie Brötchen, für den liebsten ein Backpulverbaguette, unter anderem mit Roggenmehl.

Gleich Frühstückszeit. Und ein erster Schritt, hier wieder mehr einfach drauflos zu schreiben.

Mikro

Viele Male
schmerzt etwas
Großes oder Kleines
Eine Holzfaser unterm Fingernagel
Der Kopf dröhnt
Eine Mücke sirrt durchs Zimmer
Ein lieber Mensch sagt Nein, ich will nicht
Du brichst dir den Arm
Die Seele weint
Dieses Chaos im Bauch

Etwas schmerzt
Alles tut weh
Du leidest
Manchmal wie Sau

Addiere Schmerz
nenn ihn klein oder groß
Addiere ihn mit dem von mir
Mit dem von ihr
Mit dem von denen, die da drüben
stehen und weinen
Summieren wir
All diesen verdammten Schmerz
Unerträglich

Das eigene kleine kurze Leben
kaum größer als dein Weisheitszahn
aus der Sicht eines Elefanten
im Vergleich zur Unendlichkeit
Die Leben aller anderen
Addiere alle Leben
Addiere deine Träume
Addiere ihre Freude
Addiere unser Lachen
Addiere unsere Kraft
Summieren wir
Lebenskraft
Lebensmut
Lebensfreude
Lebendigkeit

Zwei Summen
Wir subtrahieren

Minus?
Plus?

Was bleibt?
Was zählt?

Tage, die es nicht gab | Fernsehserie #Filmbesprechung

Keine leichte Kost, das wusste ich schon nach dem Trailer und den ersten paar Minuten.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen vier Frauen. Christiane, Schriftstellerin und Mutter eines verstorbenen Jungen, kann seit dem Todestag ihres Sohnes nicht mehr schreiben. Ihre drei Freundinnen helfen ihr, nicht ganz in der Trauer zu ertrinken. Eine der Freundinnen ist die Staatsanwältin Mirjam, die damals, vor drei Jahren, den Tod des Schulleiters zwei Tage nach dem Suizid des Jungen untersucht hat. Die dritte im Bunde ist Doris, Geschäftsführerin eines Fuhrunternehmens, die versucht sich von ihrer sehr dominanten Mutter zu emanzipieren. Dass sie zuweilen ihre vierzehnjährige, sehr wortgewandte Tochter Sarah fast ebenso gängelt, fällt ihr erst nach und nach auf. Die vierte Freundin, Inès, ist mit ihrer Familie erst vor kurzem zurück in die Heimat gekommen, da der fast 18-jährige Sohn Olivier in Paris, wo sie davor lebten, auf die schiefe Bahn geraten ist.

Nur gerade mal zwei Tage nach dem Suizid des sensiblen zwölfjährigen Jungen stürzte damals Paulitz, Schulleiter des Bonzeninternats Sophianum, der maßgeblich zur schlimmen seelischen Verfassung des Jungen beigetragen hat, von der Staumauer unweit des Ortes. Der Fall war zu den Akten gelegt worden, da kein Fremdverschulden hatte bewiesen werden können. Drei Jahre später sollen die schon etwas ältere Inspektorin Grünberger und der junge Polizist Leodolter den Fall nochmals untersuchen.

Alle vier Freundinnen sind ziemlich reich, alle sind sie damals im Sophianum ausgebildet worden und alle haben sich damals geschworen, ihre Kinder niemals in diese Schule zu schicken. Und alle haben es trotzdem getan.

Mich beeindruckt, wie sorgfältig ausgearbeitet und ausgezeichnet besetzt jede einzelne Figur dieser Serie ist, bis hinein in die kleinen Nebenrollen. Ja, auch die Schulsekretärin mit ihren wenigen Auftritte hat ein klares Profil.

Während bei der Staatsanwältin Mirjam psychische Gewalt des Partners und Vaters gegenüber ihr und den Kindern im Fokus steht, ist es bei der Autorin Christiane die übermächtige, alles blockierende Trauer und Wut über den Verlust des Sohnes Balthasar. Bei Inès ist es die Beziehung zu ihrem Sohn, die ihr Leben je länger je unerträglicher macht. Da ist so viel destruktive Energie auf beiden Seiten, was sie mit ihrem Hang, alles zu organisieren und in Listen zu packen, zu kontrollieren versucht. Doris, die Fuhrunternehmerin, hat zwar eine sehr liebevolle Ehe und auch mit ihrer Tochter läuft es ziemlich gut, aber sie leidet unter der Dominanz der Mutter und arbeitet sich an alten Mustern ab. Jede der vier Frauen entwickelt sich im Lauf der acht Folgen der Mini-Serie auf ihre Weise weiter und muss in sich gehen, sich hinterfragen.

Parallel dazu untersuchen Inspektorin Grünberger und Polizist Leodolter erneut den damals ohne Ergebnis abgeschlossenen Todesfall des Schulleiters. Sie stoßen dabei auf einige weitere Suizide von Schülerinnen des Internats und auf Zusammenhänge, die erst bei sehr genauem Hinschauen sichtbar werden.

Es sind nicht allein die vielen einzelnen Geschichten, die diese Serie sehenswert machen, es sind auch die vielen kleinen, liebenswerten Details. Zum Beispiel die Inspektorin und ihre Kuchen. Oder wie sie und der Polizist sich immer gegenseitig mitten in der Nacht mit neuen Erkenntnissen in den Hotelzimmern wecken. Oder wie sich die Freundinnen immer wieder treffen und sich gegenseitig bestärken. Überhaupt: Die Dialoge und ihre Figuren wirken auf mich mehrheitlich lebendig und echt.

Mein ganz besonderer Liebling dieser Serie ist Sarah, herrlich von Niobe Eckert gespielt, die mit ihrem selbstbewussten Auftreten zwar immer ein wenig nervt, doch – da letztlich sehr empathisch – häufig zu Deeskalation beitragen und schließlich auch Lösungen herbeiführen kann, an die niemand denkt.

Am meisten mitgelitten habe ich mit Mirjams Kindern, besonders mit den Zwillingen, doch mehr kann ich, ohne zu spoilern, nicht verraten.

Jede Figur ist ausgesprochen bunt und vielschichtig, nicht einfach nur gut und sympatisch, sondern alle sind voller Abgründe. Einzig Mirjams Mann Joachim und Schulleiter Paulitz sind (mir) gänzlich unsympathisch.
»Wir bilden hier keine Opfer aus!«, sagt Paulitz zum Lehrer, der sich für den gepeinigten Jungen einsetzt, bevor sich dieser in den Tod stürzt.
»Nein, aber Täter!«, bestätigt der Lehrer.

Ganz am Ende der Serie, bei der Überführung der Täterin gibt es eine Unstimmigkeit, über die ich gestolpert bin, über die ich allerdings nicht ohne zu spoilern schreiben kann. Also bitte  *hier* (siehe unten) nicht weiterlesen, wenn du die Serie noch gucken willst.

Erfreulich war das irgendwie tröstliche Ende der Serie, mit dem ich so nicht gerechnet habe.

Was für mich diese Serie so sehenswert gemacht hat? Alle tragenden Rollen werden von Frauen gespielt. Frauen die zwar in schwierigen Situationen stecken, sich aber gegenseitig helfen und sich unterstützen. Frauen, die aus ihren bisherigen Rollen und Mustern ausbrechen und die mutig über ihre Grenzen gehen. Sie sind alle nur auf den ersten Blick starke Frauen, oder das, was man gemeinhin als Karriere- oder Powerfrauen beschreibt. Vor allem aber sind sie sensible, verletzte Frauen, die beschließen, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen. Auch wenn sie sich gegenseitig nicht immer toll finden und auch mal streiten und sich nicht verstehen, so stehen sie doch zueinander. Bei aller erlebten Tragik und all dem Schweren ist es doch ermutigend, wie sie sich immer wieder zusammenraufen und trösten.

So geht Freundschaft!

Wiki: hier
ARD: hier


Zum Schluss stelle ich mir die Frage, wie sich eine solche, jedenfalls eine so ähnliche Geschichte wohl in einem mittelständischen Milieu ohne den ganzen Reichtum der Zollberg-Society oder sogar in einer armen Umgebung abgespielt haben könnte – also was die Freundschaft und die Probleme der Freundinnen betrifft.


******************

*SPOILERWARNUNG:

Wie kann es sein, dass die DNA am Körper des Toten damals nicht mit der Täterin in Verbindung gebracht werden konnte?

Wieso braucht das neue Buch von Christiane kein Lektorat und wird schon innert Tagen gedruckt und rezensiert?

******************

Veränderbar, aber wir müssen es wollen

Unsere Körper gehorchen natürlichen Gesetzmäßigkeiten, körpereigenen Strukturen. So und so funktioniert ein Körper, so und so hat er sich seit Anbeginn der Zeit entwickelt.

Würde die Menschheit – die gesamte menschliche Gesellschaft – wie so ein Körper funktionieren, wie sähe da wohl die natürliche Struktur und Gesetzmäßigkeit aus? Gibt es eine allen Säugentieren übergeordnete Struktur? Wohl kaum, ich glaube, wir müssen da näher hinzoomen und jede Spezies gesondert betrachten.

Wie viele tausend Jahre tun wir Menschen nun bereits so, als wären Patriarchat und Frauenunterdrückung naturgemäße Strukturen und Gesetzmäßigkeiten? Selbst heute, mit all den Erkenntnissen, die wir inzwischen haben, leben wir gemäß verinnerlichten monotheistischen und patriarchalen Weltbildern, die so gar nichts mit der wahren Natur des Menschseins gemein haben. Vielmehr ist es doch die weibliche, die matriarchale Struktur, die der Natur entspricht: Nähren, hegen, wachsen, gemeinsam leben fördern.

Dennoch leben wir alle so, als wären diese patriarchalen Strukturen unabänderlich. Wir verhalten uns diesen verinnerlichten Regeln gemäß, haben sogar (oft) sehr gründlich aufgehört, darüber nachzudenken, wie sich Grundsätzliches verändern ließe, zu tief ist das Gewohnte in all unserm Tun verankert. Zeit und Kraft fehlen, zu sehr sind wir mit dem Erhalt des Status Quo, den wir so gar nicht unbedingt richtig finden, beschäftigt. Mangels Alternativen (aber da bin ich eben gar nicht so sicher. Es gäbe sie, aber wir kennen sie noch nicht).

Ich sehe diese patriarchalen Strukturen, diese Weltbilder, wann immer ich Nachrichten und Bücher lese, Filme gucke. Sie funktionieren ganz automatisch. Die Darstellung von Männer und Frauen – in der Berichterstattung ebenso wie in der Fiktion – vorhersehbar: Die Frau, oft hilfsbedürftig und in der Opferrolle, von physischer, struktureller und/oder sexueller Gewalt bedroht – in den Nachrichten und Krimis ebenso wie in Gesellschaftsromanen. Der Mann, oft stark und nicht selten gewaltbereit. Ausnahmen gibt es zum Glück immer mehr, in der Realität ebenso wie in der Fiktion, doch meistens wissen alle Mitspielenden, wo ihr Platz ist.

Ich sehne mich nach neuen Geschichten. Ich habe zuweilen sogar Lust, selbst eine neue Geschichte zu schreiben. Sie müsste, ahne ich, irgendwo in der (hoffentlich nahen) Zukunft angesiedelt sein, da auf matriarchalen Strukturen basierendes Alltagsleben noch Theorie und Utopie ist. Vielleicht  gibt es ja bald ein neues Untergenre von Fantasy? Hoffentlich.

Mit solchen Gedanken beschäftigte ich mich gestern Abend, nachdem ich mir einen weiteren Teil der vierteiligen Miniserie ’Unorthodox’ auf Netflix angeschaut hatte. Ich ertrage es, zugegeben, nur sehr schlecht, Esther und den anderen jungen Frauen beim Leben in ihrer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft in New York zuzuschauen. Am schwersten auszuhalten ist für mich, wie manche Frauen ’das traditionellen Wissen’ an die jüngeren Frauen weitergeben. Wissen à la ’Wie macht man einen Mann glücklich?’ Dabei bleibt die natürliche weibliche Lust auf der Strecke – denn sie ist sündig. Eine Frau ist in erster Linie Gebärmaschine. Wenn ich von dieser einen Gemeinschaft den Blick weite und all die unzähligen Gesellschaften rund um den Erdball betrachte, in denen Frauen keine oder kaum Rechte auf eigene Bedürfnisse und Entfaltung haben (Iran, Afghanistan, Asien, Afrika), wird mir das Herz schwer. Für mich persönlich am schlimmsten empfinde ich es dort, wo die Regeln (angeblich) aus monotheistischen Quellen stammen – von männlich gelesenen Göttern diktiert. Genitalverstümmelungen und andere Verbrechen am weiblichen Körper. (Wie können Menschen an Götter glauben, die solche Dinge von den Menschen verlangen?)

Ob ich noch Hoffnung für die Menschheit habe? Ein bisschen. Wenn wir das Betriebssystem von patriarchal auf matriarchal zu drehen vermögen, könnte es funktionieren. Vielleicht.