Im Bus | #Schattenklänge

Er zuckt zusammen, schluckt schwer. Nein, niemals will er sich daran gewöhnen, dass Menschen über andere Menschen so reden. Zwar hat es diesmal nicht ihm gegolten, nicht wirklich jedenfalls, denn sie haben ihn nicht gesehen. Dennoch. Nein. Das geht einfach nicht.

Angefangen hatte es bei ihm mit dem Schielen. Ein Geburtsfehler. Ihn hatte es nicht allzu sehr gestört. Schwieriger war der Spott der Klassenkameraden gewesen. Weh hatte das getan. Für eine OP war es irgendwann, als er endlich sein eigenes Geld verdient hatte, zu spät gewesen. Zu unsicher, hatten die Ärzte gemeint, zu riskant. Ohne Erfolgsgarantie.

Vor vier Jahren dann der Unfall. Ein Raser hatte ihn übersehen. Sein Gesicht sieht heute einseitig aus, asymmetrisch, schräg, da es rechts gewissermaßen herunterhängt. Ein Kollateralschaden. Die kaputten Muskel hatte man zu spät bemerkt, andere Reparaturen waren wichtiger gewesen. Manches war eben nicht mehr reparierbar. Sein Gesicht zum Beispiel. Daran änderten auch Schadenersatzzahlungen nichts.

Als er nach Wochen endlich die Klinik verlassen konnte, hatte er sich an sein neues Gesicht bereits halbwegs gewöhnt. Daran, dass die Leute auf der Straße zusammenzuckten und wegschauten, wenn sie ihn anschauten, konnte er sich allerdings bis heute nicht gewöhnen. Bei Fremden versuchte er es einfach wegzustecken. Freunde und Freundinnen akzeptierten ihn nach wie vor als den, der er war. Schlimm war aber gewesen, als er das erste Mal wieder seinen Kolleginnen und Kollegen im Pausenraum begegnete. Außer der Lateinlehrerin, die seinem Blick tapfer aushielt, hatten alle peinlich berührt weggeschaut. Die Schülerinnen und Schüler hatten rote Köpfe bekommen. Hatten getuschelt, wenn er nicht hinschaute, und gekichert. Anfangs tat er so, als merke er es nicht, aber als irgendwann eine Zeichnung auf der Wandtafel in der Aula aufgetaucht war – das asymmetrische Gesicht sollte wohl eine Karikatur von ihm darstellen – wusste er, dass er etwas unternehmen musste.

Also hatte er sich an die Schulleiterin gewandt, mit der er sich bis zum Unfall immer bestens verstanden hatte. Einmal hatte sie ihn sogar eine ihrer engagiertesten Lehrpersonen genannt. Nun ja, Geschichte, Deutsch und Latein waren schon immer seine große Leidenschaft gewesen. Mit Herzblut und Begeisterung hatte er viele Jahre unterrichtet und auch sein Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern war immer gut gewesen. Bis zum Unfall.

Er selbst fühlte sich, von innen nach außen guckend, noch immer als der gleiche Mensch. Äußerlichkeiten hatten ihn nie groß interessiert. Seiner Frau ging es ähnlich. Sie hatte gesagt, dass sie sich natürlich, genau wie er selbst, an sein neues Gesicht gewöhnen müsse, doch das ändere nichts an ihrer Liebe.

Die Schulleiterin war seinem Blick ausgewichen. Weißt du, sagte sie, vielleicht ist es … Sie druckste herum, suchte nach Worten. Es gibt Eltern, sagte sie, Eltern, die finden … Nun ja, vielleicht ist es besser, wenn du nicht mehr unterrichtest. Etwas von Abfindung und bezahlter Umschulung sagte sie ebenfalls, während er aus allen Wolken fiel. Nie hätte er damit gerechnet, dass sogar seine Schulleiterin, diese kluge und gebildete Frau, ihn – nur weil er heute anders aussah als früher – nicht mehr als die Lehrperson sehen, ja, als diesen Menschen betrachten konnte, der er noch immer war. Dass sie derartige Eingeständnisse machen würde und sich den Unzumutbarkeitsbekundungen einzelner Eltern beugen. Ganz im Gegenteil. Er hatte fest damit gerechnet, dass sie sich mit ihm solidarisieren und Toleranzaktionen umsetzen würde.

Wo, wenn nicht hier, an der Schule, sollten Kinder denn bitteschön Toleranz gegenüber Menschen lernen, die aus Gründen, die nicht relevant waren, anders aussahen als die Norm?, fragte er sich, während sie weiterplapperte. Dachte er ihre Haltung weiter, dürften Menschen mit sichtbaren Behinderungen, mit sogenannt entstellten Gesichtern oder Körpern keine öffentlichen Ämter mehr innehaben. Weil ihr Aussehen unzumutbar war. Sollten Menschen wie er aus der Öffentlichkeit verschwinden? War das wirklich das, was sie ihm da zu sagen versuchte? Wer sollte denn noch an Toleranz glauben wollen, wenn sie nirgendwo gelebt wurde?

Wie es den betroffenen Menschen dabei ging, war offenbar nicht der Rede wert. Was war denn mit seiner Leidenschaft, dem Unterricht? Wenn er die Aussagen seiner Schulleiterin konsequent und auf sich bezogen weiterdachte, dürfte er noch nicht mal an der Hochschule unterrichten, Studentinnen und Studenten das Rüstzeug für eine Laufbahn als Lehrperson mit auf den Weg geben. Weil sein Aussehen unzumutbar war.

Wo würden die Grenzen gezogen und wer würde bestimmen, welches Aussehen noch gerade so öffentlich vertretbar war um als Lehrperson, als Politikerin, als Arzt in Erscheinung treten zu dürfen? Wo war die Schmerzgrenze? Wessen Schmerzgrenze? Und warum galt diese nur in die eine Richtung? All jene Menschen mit Stigmata – war es ihnen denn zumutbar, in dieser Gesellschaft zu leben, wo Menschen wie er als Geächtete betrachtet wurden?

Und was wäre mit dem ganzen Potential, mit den Talenten all dieser Menschen, die – weil sie aus Gründen, die im Grunde niemanden etwas angingen, anders als die Norm aussahen – ihre Berufung nicht leben durften, weil ihr Aussehen der Öffentlichkeit nicht zu zumuten sei?

Die Schulleiterin brach ihren Redeschwall abrupt ab und sah ihn an. Sah, dass er nach Worten rang. Schließlich nicht mehr rang, da er keine fand. Und sprachlos aufstand.

Sie hatte über ihre Chefin gesprochen, die junge Frau im Bus zwei Reihen hinter ihm. Wie hässlich sie sei. Als würde sie ständig eine Grimasse reißen. Eine unendliche Grimmasse. Sie ist nun für immer so hässlich, weißt du, sie hatte einen Unfall. Sie sieht so gruslig aus, sage ich dir. Wenn ich so aussähe wie die, ich würde mir echt die Kugel geben.

An der nächsten Haltestelle steigt er aus. Das echte Gesicht der jungen Frau, die sich die Kugel geben würde, war hinter der Schminke schwer auszumachen. Mit viel Farbe hatte sie sich ein Gesicht aufgemalt, das in dieser Gesellschaft vermutlich als schön galt. Doch Schönheit war ja noch nie eine Frage des Aussehens gewesen.


Diese Geschichte ist ein Beitrag für die Blogaktion #Schattenklänge . Zu den Spielregeln geht es hier → lang.

Die Sache mit der Zufriedenheit | #Schattenklänge

Für das Projekt #Schattenklänge teile ich gerne die nachfolgende Geschichte, die ich vor nahezu zweieinhalb Jahren gebloggt habe, mit euch:

Süße neunzehn war sie, als sie heiraten musste. Jung war sie damals, jung und unschuldig. Und ohne die Möglichkeit mitzubestimmen. Wie das damals, Anfang der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts, in Anatolien zumal, noch üblich war. Und, wer weiß, vielleicht heute noch praktiziert wird. Zwei Jahre später zog das Paar in die Schweiz. Und drei Jahre später kam der Sohn zur Welt. Während sie mir ihre Lebensgeschichte erzählt, ertappe ich mich beim Rechnen. Kann das sein? Sie sieht noch so jung aus. [Weiterlesen …]

Blogaktion #Schattenklänge – die Spielregeln

EDIT 11.1.18: Die Kommentarfunktion ist nun offen. Einiges, was an Fragen aufgetaucht ist, habe ich im folgenden Text bereits ergänzt.

EDIT 15.1.18: Siehe unten unter Vorgehen.

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Am 20. Dezember habe ich hier bereits über ein neues gemeinsames Schreibprojekt geschrieben.

Zu den bereits damals allfällig Interessierten – Der Emil, Herr irgendlink, Ulli, Frau papiertänzerin, Britta112 und die Amazonasknallerbse – sind inzwischen noch weitere gekommen. Ich freue mich auf Frau Lakritze, die Mützenfalterin, Gerda, Dergl, Planet Minerva, Stephanie Jäckel und Philosophyofthoughts in dieser illustren interessierten Runde. Weitere kommen laufend dazu. Macht einfach mit!

Bevor ich die konkreten Spielregeln nenne, nochmals eine kleine Zusammenfassung:

Idee und Inhalt:
Wer mitmachen will, bloggt im persönlichen Blog eine Geschichte. Euer Text kann fiktiv, biografisch und/oder selbst erlebt/beobachtet sein. (Nicht-Bloggende mailen mir ihre Geschichte zu, ich werde sie dann hier veröffentlichen.) Natürlich dürft ihr auch Pseudonyme verwenden. Es geht in unseren Geschichten um Menschen, die eher am Rand als in der Mitte der Gesellschaft stehen. Menschen, zum Beispiel wie Nadim aus der Geschichte Trümmermusik von Zoë Beck. Menschen, von dort, von hier, von überall. Frauen. Kinder. Ja, natürlich auch Männer. Arme. Eingeschränkte. Ausgegrenzte. Behinderte. Kranke. Besondere Menschen halt.

Ziel:
Der Verkaufserlös des auf diese Weise entstehende eBooks (oder Print?) fließt einem Projekt zu, das Menschen am Rand zugute kommt.

Vorgehen:
+ Publiziere deinen Text mit einem passenden Titel und dem Hashtag #Schattenklänge im Titel in deinem Blog.
+ Setze außerdem ein Pingback zu diesem Artikel, damit mir dein Text als Kommentar angezeigt wird und ich ihn überhaupt mitbekomme. Baue dazu vor oder nach der Geschichte eine kleine Information mit Bezug auf diese Blogaktion hier – inklusive einem Link auf diesen Artikel hier – mit ein.
(Vorschlag: Die folgende respektive die obige Geschichte ist Teil der Blogaktion #Schattenklänge.)
+ Ich sammle die Geschichten in einem Dokument.

EDIT 15. 1. 18: Es ist übrigens auch möglich, einen bereits früher gebloggten Text beizutragen. Schreibt dazu einfach einen neuen kleinen Blogartikel mit dem Hashtag #Schattenklänge und fügt dort die ersten paar Zeilen des bereits früher von euch publizierten Textes sowie eine Weiterlesen-Link zu ebendiesem früher gebloggten Text ein.

Zeitraum:
Ich stelle mir für die Aktion den Zeitrahmen von drei Monaten vor. Ab sofort bis Mitte April. Danach schauen wir mal. Ich hoffe, dass wir, als Schreiberlinge, uns gegenseitig dann dabei helfen werden, aus den Texten ein feines Buch zu machen, vorerst ein eBook. Doch falls jemand Lust hat, ein Crowdfunding anzuleiern, damit daraus vielleicht sogar ein Printbuch wird, darf das gerne tun. Ich sehe mich ausschließlich als Koordinatorin, die Arbeit am Buch würde ich aber gerne mit euch andern teilen.

Zusammenfassung:
Einmal die Woche liste ich alle inzwischen erschienenen Texte in diesem Blog.

1. PS:
Falls jemand spontan Lust hat, die eine oder andere Geschichte zu illustrieren, ist das natürlich auch erlaubt.

2. PS:
Weitersagen erwünscht: an Schreibende, Verlegende, Unterstützende … 👍🏻

Über die Null als Mitte

Über Kräfte und Gegenkräfte las ich heute Morgen bei Irgendlink, und wie uns Gedanken in Aufruhr bringen können, graue Gedanken, nie endenwollende.

Zwanzig Jahre ist es her, dass ich folgenden Text aus einem ähnlichen Gefühl heraus geschrieben habe.

Hier Fülle | da Leere
Extreme | Kontraste
Das eine nicht existent ohne das andere
Die Summe aller Zahlen ist Null*
Ist alles | ist nichts
Gegenwart der Punkt auf meiner unendlichen Gerade
Der Kreuzpunkt aller unendlichen Geraden ist
Jetzt

(Ausschnitt; siehe auch hier)

Tröstliches Wissen um dieses Jetzt aus dem ich Kraft schöpfe. Für das nächste Jetzt und für das Jetzt nach jenem Jetzt, so wir uns die Zeit als etwas Fassbares, Lineares, Chronologisches denken. Und ja, ich sehe die Baustellen auf diesem Weg, viele Baustellen.

Wie hat Kai doch neulich geschrieben? Dass Verhaltensänderungen eine sehr zähe Angelegenheit seien, die erst durch regelmäßiges Üben Einzug in unsere Lebensgewohnheiten schaffen? Stimmt. Wer je versucht hat, eine nicht mehr erwünschte, möglicherweise schädliche Gewohnheit abzulegen, weiß, wovon ich rede. Wer keine schlechte Gewohnheiten hat, muss hier nicht weiterlesen. [Und natürlich ist weiterzulesen auch für alle anderen freiwillig.]

Neue Gewohnheiten also. Nun ja, ich bin keine Psychologin, doch einiges habe ich in meinem Leben durch Beobachten und Erleben erfahren und erkannt. Und einige Schlüsse daraus gezogen habe ich auch. Und vielleicht sogar das eine oder andere dabei gelernt. Verhaltenstherapie, so weiß ich inzwischen, setzt beim Reflektieren von Gewohnheiten und Denkmustern an, bei der Erkenntnis, was gut tut und was nicht. Nicht allgemein, nicht in erster Linie jedenfalls, sondern ganz persönlich und selbstliebevoll. Ziel ist, diese Selbstbeobachtung  so weit auszubilden, dass krankmachenden Verhaltensweisen aller Art allmählich aus eigener Kraft und aus eigener Überzeugung gegengesteuert werden kann. Verhaltenstherapie ist somit nicht einfach nur ein Erlernen neuer Gewohnheiten durch das Überschreiben der alten Muster, sondern setzt bei der Selbstreflexion an. Und ja, das klingt natürlich – wie so oft – viel einfacher als es ist.

Sind selbst für sogenannt gesunde Menschen, Verhaltensveränderungen und Umdenkprozesse eine zähe Angelegenheit, oft ein anstrengender Kampf gegen die selbst in Bewegung gerufenen Kräfte und Gegenkräfte, wie ungleich schwerer sind solche Verhaltensveränderungen und Umdenkprozesse für Menschen, die psychisch verwundet sind. Insbesondere, weil es ja darum geht, krankmachende, oft lebenslang geglaubte Sätze über sich selbst zu identifizieren, zu entlarven, neu zu bewerten. Es ist nämlich nicht einfach damit getan, etwas verändern, etwas anders betrachten zu wollen. Der Wille ist wichtig, keine Frage, doch da sind noch viele andere Hürden, die es zu nehmen gilt. Homo homini lupus. Sinngemäß übersetzt oder auch nicht, war und ist der Mensch schon immer sein schlimmster Feind.

Mir hilft der Gedanke an jahrzehntealte, tiefe Ackerfurchen, die ich mit einer kleinen Harke ausebnen soll. Dass das nicht einfach so – *mirnichtsdirnichts*, *Hokuspokus*, *dumusstnurgenugwollen*, *ichbetefürdich* – geht, ist wohl allen klar. Dieses Bild hilft, mir vorzustellen, wie langwierig Veränderungsprozesse sein können.

Gute Vorsätze, ob nun zu Neujahr gefasst oder wann immer wir das Bedürfnis zu Veränderung verspüren, finde ich durchaus faszinierend, denn sie spiegeln ja meist, in welche Richtung wir uns bewegen wollen – so wir sie uns selbst gegenüber liebevoll motiviert gefasst haben.

Reflexion ist der Anfang aller Veränderung. Wichtig, sehr wichtig. Aber vor allem eben ein Anfang.

Schnitt.

Ich wäre ein Haus – mit Fassade, Dachstock und Keller, mit Fenstern, Kellerräumen, Terrasse, Balkon und allem Pipapo. Du auch. Es läge an uns, dieses Haus nach eigenem Gutdünken zu gestalten. Gedeih und Verderb des Hauses wäre in meiner kleinen Metapher quasi in unserer Hand. (Was natürlich so nicht ganz stimmt, da ja die Unwägbarkeiten des Lebens nicht wirklich in unserer Hand liegen.)

Sehen wir uns doch mal all die Baustellen unseres Hauses an. Im einen Kellerraum fängt es zu schimmeln an, weil wir zu wenig gelüftet haben. Kann ja mal vorkommen. Oh, das Dach hat Risse bekommen und einige Ziegel haben sich gelockert. Der Sturm, der Sturm war das! Doch uns fehlen Kraft und Ressourcen, alles in Schuss zu halten. Selbst wenn wir es wollten, wir schaffen es nicht, nicht immer. Viel. Zu viel. Und so bleibt der Schimmel bestehen und das Loch im Dach wird nicht kleiner. Wie lange es wohl noch dauern wird, bis der Regen ins Wohnzimmer tropfen wird?

Nun ja, wir können ja nicht alles, aber wir tun was wir können. Und so putzen wir immerhin die Scheiben regelmäßig. Das ist abschaubar, überschaubar, machbar. Und vermittelt nach außen einen guten Eindruck. Was ja soo wichtig ist.

Womit wir wieder bei den Kräften und Gegenkräften wären.

»Eigentlich dürfte man gar nicht erst anfangen, über etwas nachzudenken, denn sobald man dies tut, setzt man Kräfte in Gang, die miteinander ringen. Wie Krieg. So funktioniert alles. Dadurch, dass die Kräfte nie gleich groß sind, entsteht Bewegung und mit der Bewegung entsteht Chaos und mit dem Chaos kommt das Bedürfnis nach Ordnung, das auch wieder eine Kraft im Spiel ist. […]
Alles, was ich in diesem Artikel schreibe, ist falsch. Und richtig. Wenn ein Falsch auf ein Richtig trifft, neutralisiert es sich zu Nichts.
Vielleicht.« -Irgendlink in ’Das graue Band, das niemals endet

Die Summe aller Zahlen ist Null*


*Mathematisch habe ich diese Aussage nicht verifiziert, sie will philosophisch verstanden werden.

Ruine Falkenstein, du Schöne

Schon eine Weile war angedacht, endlich einmal mit der lieben Frau Lakritze in der Umgebung wandern zu gehen.

Dass es auf einmal Winter ist, war kein wirklicher Hindernisgrund. Zumal, wenn man so Wetterglück hat wie wir drei gestern. Irgendwo in der Mitte könnten wir uns treffen, hatte Irgendlink vorgeschlagen und er lieferte auch gleich die Idee, von Rockenhausen aus zur Ruine Falkenstein zu pilgern.

Wir trafen uns am Bahnhof Rockenhausen, wo wir pünktlich zur Einfahrt von Lakritzes Zug anlangten. Von einem Wanderparkplatz aus ging es schließlich bergan. Der Donnersberg – Mont Tonnerre –, so erfuhr ich unterwegs, gehörte einst zu Frankreich, ebenso wie Teile von Rheinland-Pfalz.

Schon unterwegs auf der Hinfahrt hatte die Sonne zaghaft durch die Wolken geschielt. Auf unserer Wanderung wurde sie schließlich ab und zu ein bisschen mutiger und schließlich hatten wir auch bald schön warm. Nun ja, wohl weniger wegen der Sonne. Eher war das der Steigung zuzuschreiben. Bergauf ging es, nun ja, hügelauf muss ich da als Schweizerin natürlich präzisieren, bis wir in der Nähe der Ruine einen wunderbaren Weitsichtplatz fanden. Ob das hier mal ein Kultplatz gewesen ist?, fragten wir uns. Der Ausblick erinnerte mich an die Pyrenäen, an französiche Gebirge. Möglicherweise auch darum, weil die kleinen Ortschaften und Weiler, die wir durchquerten nicht so typisch deutsch – will heißen nicht so typisch piccobello – aussahen, sondern eher den Eindruck von Verfall und Abwanderung vermittelten.

Nach der Ruinenerkundung picknickten wir erstmal, bevor es dann weiter ging. Durch die Falkenfeld-Schlucht. (Die kaltgefrorenen Hände, Arme, Beine und Popacken mussten dringend wieder durchblutet werden.)

Fast wie von selbst wanderten die Füße bergauf und bergab – nur unterbrochen von kurzen Staunpausen oder einem kleinen Schielen auf meine Wanderkarte-App oder auf die Papier-Karten, die Irgendlink ausgedruckt hatte, während wir uns über vergangenen Wandererfahrungen und das Leben an sich austauschten. Diese abwechslungsreiche, stets sich wandelnde Route mit ihren Aufs und Abs war eine einzige Wohltat nach den regnerischen und stürmischen Tagen. Nährend auch das inspirierende Zusammensein.

Und den letzten guten Zug des Tages von der Provinz in die Großstadt hat Lakritze auch gleich noch erwischt. Was für ein toller Tag!

Impressionen von unterwegs | Die folgenden Bilder können durch Klicken auf ein einzelnes Bild vergrößert werden (Galerie).

Unten habe ich versucht, die Tour zu skizzieren. Jedenfalls ungefähr … Den einen oder anderen gegangenen Schlenker kannte die Kartenmaschine leider nicht.

[googlemaps https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m63!1m12!1m3!1d10265.73545896263!2d7.851469656446336!3d49.608779166937175!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!4m48!3e2!4m3!3m2!1d49.61642!2d7.8475399999999995!4m3!3m2!1d49.620829699999994!2d7.8588742!4m3!3m2!1d49.6176829!2d7.870349!4m4!2s49.60233%2C+7.87177!3m2!1d49.602329999999995!2d7.87177!4m4!2s49.59887%2C+7.86379!3m2!1d49.59887!2d7.86379!4m4!2s49.59579%2C+7.85531!3m2!1d49.59579!2d7.855309999999999!4m4!2s49.59422%2C+7.85550!3m2!1d49.59422!2d7.855499999999999!4m4!2s49.59483%2C+7.85464!3m2!1d49.594829999999995!2d7.85464!4m4!2s49.60379%2C+7.84426!3m2!1d49.60379!2d7.844259999999999!4m4!2s49.61642%2C+7.84754!3m2!1d49.61642!2d7.8475399999999995!5e1!3m2!1sde!2sde!4v1514979529779&w=600&h=450]

Zu den Wegpunkten, die ich unterwegs im GPS-Kit markiert habe, bitte hier klicken.

Eben sehe ich, dass auch Frau Lakritze Feines über unsere Tour gebloggt hat. Herzlicher Lesetipp!

Bodens(ch)ätze und Buchstabenkrümeleien

Laut pfiff der Wind ums Haus. Kalt war es. Sie hatten kein Holz mehr. Er zeigte ihr, wie Bettdecken wärmen. Und Geschichten.
Als wäre meine Hand dazu gemacht, deine Haut zu berühren, sagte sie später.

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Subtexte. Aber mit Untertiteln.
Subtexte von Subtexten lesen lernen. So wichtig.

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Katze spielt mit Wolle - zwei Bilder als GIFAm Anfang müsste man anfangen. Bloß wie? Und wo genau? Und wie lässt sich der Anfang eines solch chaotischen Wollknäuelgewusels finden? Gordische Knoten gabs schon viel zu viele.

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Nicht aufhören, es für möglich zu halten, zumindest theoretisch, dass ein Mensch alles ist. Gut und böse. Opfer und Täter.

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Der Mensch schuf den PC zu seinem Bilde.

[Wäre der Mensch ein Computer, entspräche unserm Körper die Hardware. Alle wissen es: Betriebssysten und Software sind letztlich genauso wichtig für das Funktionieren des Rechners wie die Hardware.]

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Manche Wörter gibts nur bei Scrabble.
Im richtigen Leben einmal für kreativen Unfug die dreifache Punktzahl bekommen: Das nächste große Ding.

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Wenn auf die Frage »Warum tust du dir das an?«, die Antwort nicht »aus Liebe« oder »weil ich es will« lautet, wäre »es bleiben lassen« eine gute Option.

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Was wäre, wenn statt all der vielen Regeln nur eine einzige gälte, um die menschliche Natur zu bändigen?

Nämlich: Niemandem schaden, nichts beschädigen (mir fehlt grad keine umgekehrte, posivitve Formulierung ein)? (Religionen nennen das Nächstenliebe. Respekt. Empathie.)

Schwer umzusetzen, ich weiß. Ich merke es ja selbst. Wir beschädigen ja ständig. Uns. Andere. Die Natur.

Aber wenn wir noch nicht mal das schaffen, wie sollen wir denn alle anderen Gesetze und Regeln schaffen können?

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Es sind die wohltuend-nährend-köstlichen Momentaufnahmen, die, weil sie die grauen Momentaufnahmen überstrahlen, das Leben erträglich machen. Ohne die grauen wären die nährenden aber bald blass.
(Dazu lesen: Wege ohne Farben von Frau Rebis)

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Und noch ein Irgendlinksches Schmankerl zum Abschluss:

Mein farbiges Wunder

Manchmal gibt es Utopia nicht nur in den Köpfen, manchmal gibt es Utopia sogar in echt.

Mein kleiner Nachsatz unter dem letzten Blogartikel hat bewirkt, dass ich bald einen neuen Druckkopf in meinen Drucker einbauen darf. Und mein Drucker endlich wieder in allen Farben des Spektrums drucken kann.

Vorher und nachher:

Quelle: Farbenlehre nach Goethe aus Wikipedia

Danke, lieber M., für dein Angebot, dich auf einen Tausch einzulassen:
Eine Geschichte von mir gegen Bares von dir.

Die Geschichte, die ich für dich schreiben werde und in der es um Farben, Menschen und Freundschaft geht, ist bereits in meinem Kopf erwacht. Da ist es jetzt nämlich schon wieder viel bunter geworden, obwohl es draußen schneit.


Tauschgeschäfte finde ich übrigens eine richtig gute Sache! Insbesondere in Sachen Kunst.

Die Farbe Rot

Früher habe ich ja immer Originaltintedruckpatronen nachgekauft. Früher habe ich eh selten über ein Was-kostet-das? nachgedacht, wenn ich etwas brauchte. Dass es Alternativen zu den teuren Markenprodukten gibt, habe ich natürlich schon gewusst, aber wer will schon mit Spritzen hantieren und seine Patronen selbst auffüllen? Nicht in erster Linie aus finanziellen Gründen hatte ich einst dann doch damit angefangen, mit meist gutem Ergebnis. Eher stand damals der ökologische Aspekt im Vordergrund, sprich weniger Abfall, mehr Nachhaltigkeit. Heute ist es beiderlei, das mich zum Selbstbefüllen motiviert: Geldersparnis und Ökologie.

Seit der letzte Befüllung druckte mein Drucker kein Rot mehr. Allerdings nicht von Anfang an. Eher schleichend. Ich führte es dennoch auf die Selbstbefüllung zurück. Weil ich aber neulich neue, nicht selbstbefüllte Patronen – ein gutes Generikum, nur halb so teuer wie das Markenprodukt – nachgeladen habe und die rote Farbe noch immer nicht druckt, wusste ich: Am Selbstbefüllen kann es nicht liegen.

Bilder oder Fotos kann ich nun schon eine ganze Weile nicht mehr drucken (na ja, kann schon, sieht aber ziemlich bescheiden aus). Zum Glück muss ich das auch nicht so oft. Aber auch beim Kopieren und Drucken anderer Dinge wie Downloads von Formularen mit ein bisschen Rot in den Logos stelle ich fest, dass das Fehlen von Rot eben wirklich ein Fehlen ist.

Heute Morgen haben der Liebste und ich darum mal so richtig hingeschaut. Wir haben gesuchtmaschint, Tutorials geschaut und am Schluss herausgefunden, dass offensichtlich der Druckkopf kaputt ist. Die wiederholte Düsenreinigung hat nämlich nichts gebracht und an den Patronen scheint auch alles gut zu sein. Anders als bei den Selbstbefüllten wird uns sogar bei den Neuen der Tintenstand angezeigt. Rot sei voll, sagt die Anzeige.

Früher hätte ich jetzt einfach einen neuen Druckkopf bestellt. Heute weiß ich allerdings nicht, womit ich diesen finanzieren würde. Mit Kunst könnte ich zahlen, kein Problem, oder mit Texten. Mit Geschichten. Mit Büchern. Aber sag das mal einer IT-Material-Firma!

Vorhin, am Esstisch, haben wir darüber gesprochen, was man wirklich braucht und warum. In Utopia gäbe es einen zentralen Drucker, spinntisierte ich. Das Druckerhäuschen auf dem Dorfplatz. Alle, die ihn nutzen wollen, würden Sorge zu ihm tragen, würden Papier nachfüllen, würden Tinte nachkaufen.

Im Nicht-Utopia, in dem wir heute und hier leben, hat jede und jeder ihren und seinen eigenen Drucker. Es muss schließlich rasch gehen, alles. Für eine Runde über den Dorfplatz reicht die Zeit nicht.

Weiter stellt sich die Frage, wie dringend ich die Farbe Rot brauche. Nun ja, das ist wirklich eine gute Frage. Natürlich ist die im Drucker fehlende Farbe Rot keine Lebensnotwendigkeit. Wirklich nicht. Sogar schwarzweiß drucken würde ja zur Not gehen. Dann hätte ich halt blasse Logos. Graue Logos. Gelbgrünstichige Logos. Geht. Kein Problem. Erste-Welt-Problem.

Rote Frühlingsknospen mit feinem Spinnenfaden von oben. Im Hintergrund ein unscharfes Haus und ein grünes Gebüsch.
Leihgabe von Pixartix (https://pixartix.wordpress.com/2016/03/24/intermezzo-2-feines-faedchen/)

Stell dir eine Welt ohne rot vor. Und jetzt eine ohne blau. Und nun eine ohne gelb. Eine blasse Welt. Und jetzt stell dir einen Regenbogen ohne rot und violett vor. Und jetzt einen ohne blau. Und nun einen ohne gelb. Geht nicht? Stimmt, geht nicht. Jede einzelne der drei Grundfarben ist so wichtig wie die beiden anderen. Für einmal gibt es keine Dualitäten, keine Rivalitäten. Einfach nur Gleichwertigkeit.

Wie wir zwei so über die Farben sprechen und wie die Welt funktioniert, dieses Nicht-Utopia unserer Tage, realisiere ich, dass Farben für mich weit mehr sind als ein bisschen Bunt im Grau.


Falls jemand hier Lust haben sollte, mir den Druckerkopf zu schenken, schenke ich ihm dafür ein Bild nach Wahl (siehe Pixartix | Sofasophia appt die Welt | Instagram) oder sonst etwas aus meiner Kunst-Kiste (eine eigens geschriebene Geschichte zum Beispiel).
Ganz utopiaesk!
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(Kontakt)

Kürzestgeschichten II

Sie hat schon als Kind all die wilden Wörter gezähmt, die sich in den Büchern tummelten, die sie las. Schon früh hat sie sich all der unbekannten Wörter angenommen, hat sich ihrer erbarmt und schließlich in ihren Wortschatz aufgenommen, in ihre Familie. Die der Wörter.

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Ja, auch er hatte einige Tattoos. An Orten, an denen niemand sie sehen konnte. Auf der Seele.

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Form folgt Funktion – so weit, so gut, denkt sie. Doch inzwischen ist es oft andersrum. Oft hat die Form, die Fassade, das Äußere viel zu viel Macht und verdrängt das, was zuerst da gewesen ist. Die Ideen, die Gedanken, die Inhalte. Natürlich brauchen die einen Körper, eine Hülle, überlegt sie weiter. Brauchen wir denn nicht alle Strukturen und Formen für all die Ideen in unseren Köpfen? Ja, und wir brauchen auch  Schönheit. denkt sie, wir wollen es ästethisch um uns herum. Und wir wollen diese Welt und das, was in ihr ist, formen, mitformen. Am liebsten nach unseren Vorstellungen.

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Da ist diese Schraube, schier unerreichbar. Und sie sitzt so fest, dass sie sich nicht mehr lösen lässt. Höchstens mit Gewalt. Vielleicht mit Hitze. Ja, auch er hatte solche. In sich drin. Solche Schrauben, die niemand mehr lösen konnte.

Kürzestgeschichten I

In der Stadt. Er nähert sich einer Fußgängerampel. Rot. Zwei Menschen stehen bereits dort und warten. Als nach fünf Minuten und zig vorbeigefahrenen Autos noch immer kein Grün kommt, fragt er nach. Nein, niemand hat bisher den Knopf gedrückt.

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Gedankenverloren fährt sie mit dem Auto durch die Dörfer. Die Ampel, die sonst immer rot zeigt, zeigt heute grün. Erst als der Autofahrer hinter ihr hupt, merkt sie, dass sie für grün angehalten hat.

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Blick ins Dunkel hinter einer Mauer, die große Lücken hatHätte die da im Kreisel geblinkt und angezeigt, dass sie hinauswill, hätte er nicht angehalten. Und der da, an der Kreuzung, wieso blinkt er denn erst so spät? Zu spät. Er hat ihn ausgebremst.

Wir haben vergessen, dass die anderen womöglich nicht wissen können, wohin wir unterwegs sind.

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Manchmal möchte sie ja – wie bei einem Buch – ihr Leben vorblättern um zu erfahren, wie es ausgeht. Wenn sie das Ende mag, wird sie das Buch weiterlesen. Andernfalls würde sie dieses Buch lieber zuklappen und wegwerfen.

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Dieses sinnlose Warten darauf, dass der Drucker endlich druckt, wenn man den falschen ausgewählt hat. Einen, der weit weg, in einem anderen Land, steht.