Da draußen

Wie schrieb gleich Herr Buddenbohm vor ein paar Tagen über das viele Nichts da draußen in dieser auf Pause gestellten Welt?

»Ich habe in mehreren Blogs eine Zeile oder einen Satz gelesen, der in etwa besagte, dass gerade nichts passiere, dass man nichts mehr schreiben könne. Dann folgte dennoch überall ein längerer Text, natürlich war das so, wie das bei uns schreibenden Menschen nun einmal ist – wenn nichts ist, dann befinden wir das immer noch und gründlich, dass nichts ist, und wir erklären das Nichts allen ganz genau. Es ist allerdings tatsächlich nichts oder doch verdammt wenig.«

Nun, ich schaute es mir auch an, dieses Nichts. Zumal sich das Wetter offenbar entschieden hatte, mit dem endlich doch noch beschlossenen (Beinahe-)Lockdown am gleichen Strang zu ziehen. Flockdown*. Also schneite es diese Woche wie noch nie in meinem Leben als Flachländerin. (Ja, ja, lacht nur, deutsche Freund:innen! Auch in der Schweiz gibt’s Flachland. Selbst wenn es natürlich drumrum fast überall hügelig ist, gilt dennoch alles unter – sagen wir mal – fünfhundert Höhenmetern als Flachland. Das Quasi-Gegenteil von Oberland.)

Schnee also. Viel Schnee. Sehr viel Schnee. Nun ja, Schnee ist allerdings nicht wirklich nichts.

Während es schneit ist Schnee zu schippen wenig sinnvoll. Und so schneite und schneite es mit ein paar wenigen Unterbrüchen fast einen Tag lang. Und die Schneeschichten wurden höher und höher.

Die meisten Schneeschipper:innen warten, bis der Schneesegen Pause macht. (Auch jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, schneit es wieder. Nicht mehr so dicht wie neulich, und weil es nicht mehr unter Null Grad ist, ist es eher ein nasser Schnee. Dieser Tage habe ich sie alle gesehen, alle Schneearten: die Schneekörner, die Flocken, die Nassflocken, die Schneeschnüre, ach … alle eben.)

Vorgestern, die Sonne hatte sich aus dem Urlaub zurückgemeldet, zog es mich in den Wald. Weit kam ich leider nicht, denn da lagen einige Bäume quer. Manche richtig dick, so dass ich fürs Drüberklettern zu kurz Beine gehabt hätte. Und auch die Lust fehlte mir. Also zurück durch den knietiefen Schnee. Watend. Schöner fluffiger Pulverschnee, der zum Schlitteln und Skifahren perfekt ist. Dachten sich auch viele Kinder, wie ich später sehe, als ich auf Quartierwegen durchs Dorf spaziere und mir wie in einem Skiort vorkomme. Am Dorfhügel unter der Linde sausten sie auf ihren Bobs und Davoser Holzschlitten hinunter, um gleich von neuem heraufzukraxeln. Ein Jauchzen ist in der Luft und mein Herz wird Kind und freut sich.

Viele Leute sind unterwegs. Seit dem ersten Lockdown im März/April 2020 habe ich nicht mehr gleichzeitig so viele Spazierende angetroffen. Alle in sicherem Abstand. Vor den Häusern wird Schnee geschaufelt. Jede und jeder schippt sich den Weg zur Straße frei. Da kommt der Schneepflug und räumt die Straße frei, schwarz, während die kleineren Wege weiß geräumt werden, was bedeutet, dass der Schnee liegenbleibt, aber immerhin platt gedrückt wird. Viele Trottoirs sind nicht begehbar, so dass die meisten Leute auf den Straßen gehen und so die Autos zum Langsamfahren zwingen. Ich sehe viele lächelnde Münder und Augen. Freundliche Worte tanzen da und dort.

Der Schneepflug also. Er macht die Straßen und Wege frei, doch den Pfad zu den Straßen und Wegen freizumachen, liegt an uns einzelnen. Wie im richtigen Leben sozusagen. Denn schippe ich den Weg frei, aber der Schneepflug fährt nicht, habe ich ein Problem. Der Schneepflug fährt, aber ich schippe den Weg zur Straße nicht frei? Auch dann habe ich ein Problem.

So irgendwie denke ich herum, doch jetzt werde ich am besten den Besucherparkplatz freischippen gehen, damit der Liebste später einen Platz für sein Autochen hat.


*Wortschöpfung von Patti Basler

Die Wahrheit über die Wahrheit liegt überall herum

Zwar bin ich dieses Jahr weder gereist noch verreist, doch zum Glück gibt es Bücher und Filme. Dieser Tage nun bin ich lesend – Tagebücher-und Blogs-sei-Dank – auf der eigenen Zeitachse zu früheren Reiseorten, die wir zwischen den Jahren erforscht haben, gereist.

Eben hatte ich im Uraltblog nach Erinnerungen an meine allerersten gemeinsam mit dem Liebsten erlebten Ferien gesucht. Gemeinsam waren wir nach Südfrankreich gereist, in die pyrenäischen Berge. Im winzigen Dorf Boule-d’Amont hatten wir eine winzige Gîte gemietet. Ende 2009/Anfang 2010 war das gewesen, unser erster gemeinsamer Jahreswechsel.

Bilder in Herz und Kopf habe ich zuhauf, doch wollte ich mir nun auch die Bilder aus Pixeln angucken. Damals hatte ich noch mit einer winzigen digitalen Kamera geknipst und mit einem Handy ohne Smart dafür mit Tasten telefoniert und Koordinaten für Geocaches wurden in ein portables Ding namens GPS-Gerät eingegeben. Tatsächlich gibt es auf meinem Rechner keine Bilddatenspuren dieser Ferienzeit. Und keinen einzigen Eintrag dazu in meinem alten Blog. Erst wieder einen kleinen Danach-Artikel kann ich finden. Selbst der Liebste hat nur einen Spaziergang verbloggt. (Und ein paar Tage später hat er über das Jahr 2020 nachgedacht.)

Im Vordergrund der Schatten zweier Menschen auf gelbgrüner Winterwiese. Im Hintergrund Bäume und wolkiger Himmel mit Sonne. Der Schatten besteht aus drei Beinen, zwei Armen, zwei Köpfen und einer breiten Mitte.
Wir zwei

Immerhin bin ich bei meiner Suche über diese Geschichte hier gestolpert, die auch heute noch passt.

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Wie die Wahrheit auf die Welt kam

Sie saßen da und schüttelten immer wieder den Kopf. Unglaublich, was sie da sahen. Was sie da sehen mussten! Ab und zu rempelten sie sich an oder runzelten die Stirnen. Sie wollten es einfach nicht verstehen. Obwohl … Natürlich konnten sie es verstehen. Gut sogar. Sie waren schließlich auch mal so gewesen. Dennoch war es krass, wie seltsam sich die Menschen da unten verhielten. Behaupteten doch tatsächlich, sie wüssten es besser. Besser als andere. Sie wüssten die Wahrheit. Sie wüssten, was wirklich zählt und was wirklich wirklich ist.

Wir müssen endlich etwas unternehmen!, sagte einer der alten weisen Engel schließlich, während er sich einmal mehr die wenigen ihm noch verbliebenen Haare raufte. Aus Angst, diese auch noch zu verlieren, musste eine Lösung gefunden werden. Wir müssen einschreiten!, sagte er ein weiteres Mal.

Was willst du tun?, fragte ein jüngerer Engel, den das Getümmel auf der Erde bisweilen amüsierte. Diese Sucht der Menschen, sich ins beste Licht zu rücken! Dieses Getue, wer besser, klüger, größer, interessanter sei. Wer was besser wisse und besser könne. Darüber konnte doch eigentlich nur gelacht werden.

Ich habe eine Idee!, sagte eine jener weisen Engelinnen, die immer schon den Wunsch gehabt hatte, den Menschen zu ein bisschen mehr Durchblick zu verhelfen. Wir offenbaren ihnen die ganze Wahrheit!

Die anderen Engel und Engelinnen waren näher gerückt und nickten zustimmend. Dass sie den Menschen irgendwie helfen wollten, war bald allen klar, doch galt es, die beste Form zu finden. Die Wahrheit konnte ja alle möglichen Gestalten annehmen. Sie konnte dem einen gasförmig, der anderen als Flüssigkeit erscheinen, mal sichtbar, mal transparent, mal nur mit geschlossenen Augen fühlbar, mal auf der Haut, mal auf der Zunge und oft genug nur im Herz drin wahrnehmbar.

Endlich einigte sich die Engelschar darauf, dass sie der Wahrheit, die sich inzwischen in ihre Runde gesetzt hatte, ein möglichst prunkvolles Aussehen verleihen wollte. Eine große leuchtende Kugel würde ihrem Inhalt am besten gerecht werden, fand die Wahrheit selber. Eine Kugel, die jenen bunten Kugeln an den Decken mancher Musik- und Tanzlokale ähnelte. Grösser noch als jene dort und grösser auch als alles, was die Menschen je gesehen hatten, würde sie – an einem zuvor bestimmten Ort und für alle zugänglich – ihre Attribute der Erkenntnis an alle nach ihr Hungernden austeilen. Sie würde glitzern und glänzen, mehr als alles, was Menschenaugen je gesehen hatten. Wer die Wahrheit sähe, würde endlich alles und für alle Zeit klar sehen.

Doch ein Problem haben wir noch!, sagte schließlich der alte Engel, der die ganze Wahrheitslawine losgetreten hatte. Wie wollen wir die Wahrheit auf die Erde bringen? Daran sind vor uns ja schon viele andere gescheitert!

Alle nickten angeregt, zustimmend oder schauten nachdenklich vor sich hin.

Ichichich!, sagte der kleinste aller Engel, von allen Springimhimmelrum genannt, und hüpfte mit hochgehaltenem Finger auf und ab. Ich werde den Menschen die Wahrheit bringen!

Die einen nickten freundlich, während andere ihre englischen Stirnen runzelten. Schließlich wurden Vor- und Nachteile diskutiert und irgendwann waren sie sich einig: Springimhimmelrum durfte die Wahrheit auf die Erde bringen, wenn er es denn schaffen sollte, die große Kugel vor der gesamten Engelschar hochzuheben. Dass diese nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist, kann sich ja jeder denken.

Mutig trat Springimhimmelrum vor und lud sich unter Aufbietung seiner ganzen mentalen Kräfte die Kugel auf seine kurzen Flügel. Sein Gesicht leuchtete, als er es geschafft hatte. Großer Applaus belohnte seine Mühen.

Doch als er sich mit seinen kurzen Beinchen auf der Wolke, die ihn trug, vor den anderen verneigen wollte, geschah es: Die große Kugel rollte davon. Zu Anfang noch ganz langsam dann immer schneller hopste sie von Wolke zu Wolke. Als sie die Atmosphäre der Erde erreicht hatte, blieb ihr nichts übrig, als sich den Gesetzen der Schwerkraft und deren Wahrheit zu beugen, die sie ja immerhin auch in sich trug, da sie ja die GANZE Wahrheit war. Immer schneller fiel sie Richtung Erde und zerschellte schließlich mit einem lauten Knall auf einem Felsen. Sie war so groß, dass sich ihre einzelnen, winzigen Teilchen über die ganze Erde verteilten.

Wer immer nun auf der Erde eines dieser klitzekleinen Teilchen findet, sieht, fühlt, erkennt, durchschaut oder isst, ahnt ein klein bisschen davon, was Wahrheit sein könnte.

© by Sofasophia (2009)
Quelle: sofasophien.wordpress.com

++++++++++++

Ich wünsche allen Leser:innen alles Gute bei der Wahrheitfindung, im neuen Jahr und überhaupt. Herzlich bedanke ich mich bei allen für die Lesetreue.

Süß versus grau

Als ich heute Morgen zwei Scheiben meines Superbrotes aß, die ich mit Kokosmuß und Ahornsirup genoß, fiel mir eine Diskussion ein, die ich neulich mit anderen Histamin-Nichtvertragenden in einer FB-Gruppe geführt hatte.

Es ging um unsere zeitweilige Lust auf Süßes. Gerade jetzt. Im Winter. In dieser tristen graunebligen Zeit, in der wir alle in eine Art Wartemodus festgetackert sind. Die eine warten auf den Impfstoff, die andern aufs Christkind, nochmals andere auf Besserung der Gesundheit und wieder andere darauf, dass die Menschheit endlich aufhört, sich zu bekriegen. Und manche sogar auf alles miteinander.

So oder so. Auch Histaminas haben süße Lüste, doch die ist für die meisten von uns nicht soo einfach zu befriedigen. Zwar ist Zucker histaminfrei, aber in der Regel essen wir Zucker ja immer in Kontext mit anderen, für uns oft unverträglichen Dingen. Gerade Milch- und Getreideprodukte erzeugen sehr unangenehme Symptome, ich sag nur Weizen, Joghurt und Co.

Nach fast zwei Monaten ohne Zucker hat sich mein Blutzuckerspiegel so positiv verändert, dass ich kaum mehr Heißhungerattacken habe und auch kaum mehr diese oft stressigen Unterzuckerungszustände bei Hunger, bei denen es mir flau wurde und ich sofort etwas essen musste.

Dennoch habe ich ab und zu die eine oder andere süße Lust, gerade weil das Leben zurzeit eher unlustig ist. Darum auch die Apfelmuffins neulich. Mein erster, erfolgreicher Süß-Versuch. Heute nun gönnte ich mir ein weiteres kleines Kochexperiment und zauberte mir einen carameligen Brotaufstrich.

Sehr lecker geworden. Vegetarisch sowieso, und sogar fast vegan, aber da ich noch Butter im Kühlschrank hatte, habe ich diese verwendet.

Fast vegane gesalzene Caramelbutter (Brotaufstrich)

200 g Zucker
3 EL Wasser
100 g Butter oder Pflanzenmargarine: entweder gesalzen oder dann süß plus 1 flachen TL Meersalz
> in Stücke geschnitten

2 dl Haferrahm*

Den Zucker mit dem Wasser in einer Pfanne ohne Rühren aufkochen. Hitze reduzieren, unter gelegentlichem Hin-und-her-Bewegen der Pfanne köcheln, bis ein hellbrauner Caramel entsteht. Butter beigeben, unter Rühren schmelzen.

Den Rahm/die Sahne dazugießen, alles gut mischen und immer mal wieder umrühren. Etwa 5 Min. weiterköcheln, bis die Masse dickflüssig ist. Diese schließlich hei in vorbereitete saubere, vorgewärmte Gläschen gießen und sofort verschließen.

Pfanne mit Caramelbutter, die vor sich hin blubbert, am oberen Bildrand der Schwingbesen.
Caramelbutter im Topf
Zwei Gläschen mit Caramelbutter, auf Holztisch schattenwerfend
Caramelbutter im Glas

* Meinen Haferrahm (2 dl) habe ich aus Hafermilch selbst gemacht.

Das geht zum Beispiel so:

Zuerst im Standmixer oder Mixbecher Hafermilch herstellen:
2-3 EL Haferflocken in etwa 2 dl heißem Wasser einweichen (5-10 Min.)
1 TL Kokosfett
2 Prisen Salz
Nach der Einweichzeit sehr fein pürieren.

Bis es soweit ist in großer Tasse (ca. 3 dl) folgende Zutaten anrühren, bis die Maße dickflüssig, sämig und klumpenfrei ist:

1 TL(gehäuft) Maranta-Tapioka-Stärke (oder andere?)
1 TL Xanthan
1 TL (gehäuft) Kokosfett
wenig Ahornsirup
1 Prise Salz
wenig heißes Wasser (3-6 EL, nach Bedarf)

Wenn die Milch fertig püriert ist, die Tasse auf die Waage stellen und die Hafermilch durch ein Sieb dazu geben bis die Gesamtmenge von 200g erreicht ist.

Fein rühren bis die Konsistenz von Rahm/Sahne erreicht ist und den Haferrahm für Rezepte verwenden wie Rahm/Sahne.

+++

Ha, und genau jetzt drückt sich die Sonne sich ein klein bisschen durch den dicken Hochnebel. Wie schön ist das denn?

Wem gehört unser Sterben? | Über Ferdinand von Schirachs Verfilmung ’Gott’

Was für ein Film! Ein Kammerspiel, ein Theaterstück, das den provokativen Titel ’Gott’ trägt, geschrieben von Ferdinand von Schirach, gespielt von einer kleinen Gruppe Schauspieler:innen, die allesamt in ihren Rollen überzeugen.

Wir sind als Zuschauer:innen Teil des Publikums in einem großen Tagungszimmer, das einer Verhandlung innerhalb der fiktiven deutschen Ethikkommission beiwohnt. Am Schluss dürfen wir sogar abstimmen, denn am Ende der TV-Ausstrahlungen auf ARD und SRF fand ein Voting, das auf ARD mit einer Zweidrittelmehrheit dem Antragsteller das erhoffte Okay zu seinem Anliegen erteilte. (Das Ergebnis von SRF finde ich leider nicht, gehe aber davon aus, dass es ähnlich ausgefallen ist.)

Screenshot einer Filmszene aus dem besprochenen Film. Links im Bild der Antragsteller Richard Gärtner, rechts im Bild sein Anwalt. Sie sitzen an einem Tisch, schauen nach vorne links und hören aufmerksam jemandem zu.
Screenshot einer Filmszene aus dem besprochenen Film.

Worum es geht?

»Ferdinand von Schirach fragt in ’Gott’, ob der Mensch sein Leben nach seinem freien Willen beenden darf: Ein Mann will nach dem Tod seiner Frau ein Medikament, das ihn tötet. Sein Fall wird vor dem (fiktionalen) Ethikrat diskutiert.  […]

Der 78-jährige ehemalige Architekt Richard Gärtner (Matthias Habich) möchte seinem Leben ein Ende setzen. Dies soll jedoch nicht im Ausland, sondern ganz legal mit der Hilfe seiner Hausärztin geschehen. Für Dr. Brandt (Anna Maria Mühe) kommt es aus persönlicher Überzeugung nicht infrage, ihrem zwar betagten, aber körperlich und geistig gesunden Patienten, ein todbringendes Präparat zu besorgen. Richard Gärtners Fall wird exemplarisch vor dem Deutschen Ethikrat diskutiert. Strittig ist dabei nicht die Frage, welche Formen von Sterbehilfe für Ärzte straffrei sind, sondern ob Mediziner dem Patientenwunsch eines Lebensmüden entsprechen sollten – egal ob jung, alt, gesund oder krank.

Ethikrat-Mitglied Dr. Keller (Ina Weisse) befragt die Sachverständigen und lässt so die unterschiedlichen Experten zu Wort kommen. Die Verfassungsrechtlerin Prof. Litten (Christiane Paul) und Biegler (Lars Eidinger), der Anwalt von Richard Gärtner, stehen Bischof Thiel (Ulrich Matthes) und Ärztekammerchef Sperling (Götz Schubert) dabei mit unterschiedlichen Meinungen gegenüber. Am Ende richtet sich die Ethikrat-Vorsitzende (Barbara Auer) direkt an das Publikum: Soll Richard Gärtner das tödliche Präparat bekommen, um sich selbstbestimmt das Leben zu nehmen?

[…] Der bekannte Strafverteidiger, Schriftsteller und Dramatiker von Schirach zeigt […], dass die Frage, ob ein Mensch sein Leben nach seinem freien Willen beenden darf, Teil des gesellschaftlichen Diskurses ist, aber die persönliche Entscheidung in jedem Einzelfall schwierig bleibt.«

Quelle: www.srf.ch

Unglaublich berührend und überzeugend spielt Matthias Habich den sterbewilligen Richard Gärtner. Gesund, aber lebenssatt, lebensmüde, seit drei Jahren Witwer, hat er sein Leben zu Ende gelebt. Wie er von seiner langjährigen Liebesbeziehung zu seiner Frau erzählt und wie er sich davor fürchtet, wie sie in einem Krankenhaus dahinzuvegetieren, geht mir unter die Haut.

Ich hätte ja nie gedacht, dass ich je Lars Eidinger zu seinem Schauspiel applaudieren könnte. Den Anwalt spielt er so hervorragend, dass ich ihn ihm abnehme. Keine sympathische Figur zwar, nein, aber in sich überzeugend und kompetent. Insbesondere bei seinem Schlussplädoyer hatte ich regelrecht Gänsehaut.

Doch am meisten resonierte ich mit der Haltung von Christiane Paul, die als Verfassungsrechtlerin Prof. Litten über das Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben referierte.

Ebenfalls zu Wort kamen ein Arzt und ein Bischof. Beide lehnten sie aus unterschiedlichen Gründen den Antrag des Antragsstellers ab. Auch diese Rollen waren hervorragend gespielt, auch wenn ich ihre Sicht der Dinge nicht teilen kann.

Die Frage am Schluss hallt nach: Wem gehört unser Sterben? Schon lange beschäftigt mich das Thema Suizid, habe ich doch so viele Suizide in nächster Nähe erlebt, dass eine Hand nicht mehr zum Aufzählen reicht. Allen voran mein damaliger Mann, der dabei unsern gemeinsamen, dreijährigen Sohn ’mitgenommen’ hat (siehe auch hier). Doch darum geht es mir hier und heute nicht.

Im Film ’Gott’ wird als erste die Hausärztin des Antragstellers, Frau Dr. Brandt, befragt, die dem übrigens legalen Wunsch Richard Gärtners aus ethischen Gründen nicht nachkommen kann. Sie wird vom Anwalt des Antragsstellers zu erfolglosen, missglückten Suiziden befragt und erzählt, wie schwierig das Leben von betroffenen Menschen, die nach einem solchen Unglück oft seelisch und körperlich schwer beschädigt weiterleben, aussehen kann. Daraus leitet der Anwalt über zur Frage, warum es für seinen Mandanten so wichtig sei, auf legalem Weg ein sicheres Mittel zu bekommen.

Genau da will ich anknüpfen. All den verzweifelten Menschen, die sich im Laufe meines Lebens in meiner Nähe suizidiert haben, hätte ich es von tiefstem Herzen gewünscht, dass sie die Möglichkeit gehabt hätten, legal ein todsicheres Mittel zu erhalten. Dass sie mit ihrem Sterbewunsch nicht alleingelassen gewesen wären. Dass ihr Sterbewunsch, der ja vor allem eine So-kann-und-will-ich-nicht-mehr-weiterleben-Sehnsucht ist, kein Tabu mehr hätte sein müssen, kein Verbrechen, keine Verdammnis durch bigotte Menschen, sondern etwas, worüber offen und ohne Scham und Pein gesprochen wird. Und auch ohne, dass mit einer Einweisung in die Psychiatrie gedroht wird.

Im Film werden viele Informationen und Zahlen genannt, die ich jetzt nicht mehr alle zitieren kann, doch geblieben ist mir, dass von jenen Menschen, die in ihrem Staat, rechtmäßig und ärztlich verschrieben, ein Sterbemittel erhalten haben, nur etwa ein Drittel auch tatsächlich davon Gebrauch gemacht hat. Nur schon das Wissen um die Möglichkeit, dass man sich, wenn das Leid unerträglich werden sollte, selbst von der Bürde des Lebens befreien könnte, hilft wohl beim Weiterleben. So schlussfolgere ich.

»Ist ein Mensch krank, darf er das Mittel bekommen, aber ein gesunder Mensch darf das nicht!«, höre ich zuweilen. Auch im Film sagt das jemand. (Ich weiß jetzt leider nicht mehr wer und wann. Vielleicht war es Frau Dr. Keller, die Vertreterin des Ethikrates.)

Ich aber sage: Gesundheit ist trügerisch. Weder körperlich noch psychisch gesund zu sein ist aller Weisheit letzter Schluss. Es geht vielmehr darum, ob ein Mensch dieses Leben als für sich grundsätzlich und sehr persönlich als lebenswert erfährt – und zwar langfristig. Wer die Welt und sein/ihr Leben nicht mehr erträgt, ist nicht zwingend psychisch krank.

Auch die psychische Gesundheit oder Krankheit ist ein zu berücksichtigendes Kriterium, denn was nützt ein gesunder Körper, wenn der Seelenmotor langfristig nicht mehr kann, lebensmüde, lebenssatt, erschöpft, kraftlos ist. So war beispielsweise mein Mann zwar körperlich gesund, trotzdem war er immer wieder schwer psychotisch. Eine lange, schwierige, traumatisierende Geschichte, die mit einem legal verschriebenen, tödlichen Barbiturat vielleicht anders geendet hätte, würdiger.

Ich jedenfalls habe großen Respekt vor jenen mutigen Ärzt:innen, die Rezepte für Sterbemittel ausstellen. Sie helfen den Sterbewilligen auf einem schweren Weg. (Für mich ist das übrigens eine ähnliche ethische Diskussion wie das unbedingte Recht jeder Frau auf Abtreibung.) Es ist ein Abwägen zwischen dem einen und dem andern Leid. Dem des betroffenen Menschen und dem seiner Angehörigen. Was zählt mehr? Ich vermute übrigens, dass ein legaler, angekündigter Suizid weniger Verstörung hinterlässt als ein unerwarteter.

Auch wenn es jetzt nicht zum Antragssteller im Film passt, muss ich das hier noch loswerden: Auch einer/einem Psychischkranken darf das Recht auf ein Sterbemittel nicht verwehrt bleiben, finde ich, denn nicht jede:r Psychischkranke ist therapiewillig und wirklich nicht jede psychische Krankheit therapierbar. Manch psychisches Leid ist mindestens genauso unerträglich wie manch körperliches zum Beispiel durch Krebs verursachtes Leid.

Ich weiß nicht, wie die Rechtslage in der Schweiz ist. Dank Organisationen wie EXIT ist hierzulande der Umgang mit dem Thema weniger tabubehaftet als in Deutschland, darum stelle ich mir gern vor, dass ein offener Dialog über Suizid langfristig zu weniger Suiziden führt. Nicht zuletzt, weil es sich in einer offenen Gesellschaft besser lebt als in einer bigotten.


Danke an Frau Croco, denn bei ihr habe ich das erste Mal von diesem Film erfahren, den ich mir gestern Abend in der Mediathek anschaute.

Siphon und Filter

Heute soll es hier für einmal um Dreck gehen. Also … nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen Dreck hätte – abgesehen von Besen, Lappen und Putzmitteln. Eigentlich ist fast alles dreckig. Und außerdem kommt es schwer drauf an, wo der Dreck hockt. Aber können wir uns darauf einigen, dass zu viel zu viel ist? So langsam dünkt es mich nämlich, wir alle kommen nicht mehr mit Putzen hinterher. Wir alle sollten damit anfangen, weniger Dreck zu machen. Finde ich. Und aber auch den, der da ist, abarbeiten.

Ich fange bei meinem Siphon unter der Küchenspüle an (unter dem Schüttstein, wie das hierzulande heißt). Alle paar Monate behandle ich meinen Abfluss mit dem Stöpsel und meiner Geheimwaffe aus Backpulver, Salz, Zitronensäure und heißem Essigwasser. Doch nach einigen Wochen ist alles wieder wie vorher. Trotz Auffangsieb, das ich regelmäßig putze.

Beherzt  beschließe ich also, nicht mehr länger nur an den Symptomen sondern an den Ursachen zu arbeiten. Dazu muss ich mir aber erst einmal den Weg zum Siphon freiräumen, sprich: den Müllbehälter ausbauen und ein Becken darunter stellen. Endlich kann ich den Siphon aufschrauben. (Kleine Notiz an mich: Wo ist eigentlich mein metaphorischer Siphon?)

Boah, wie das stinkt! (Wetten, dass es auch bei euch stinkt, die ihr das hier lest?) Was da alles drin steckt! Ein Netz aus Haaren – wie kommen die da bloß rein? – scheint sich mit allmöglichem Kleinkram in fünfzig Schattierungen von Kaffeesätzen verbündet zu haben. Ich pule alles raus und bürste mit einem Flaschenreiniger ums Eck, pardon: ums Rund, so gut es eben geht. Bis ich zufrieden bin. Von oben spüle ich mit heißem Wasser nach und siehe da: der Weg des Wassers ist wieder frei. Alles fließt.

Und weil ich gerade so schön putzwütend bin, öffne ich auch gleich die WC-Lüftung und putze den dortigen Filter, dessen Flusen vermutlich dafür verantwortlich sind, dass die Lüftung zuweilen viel zu lange nachlüftet, selbst wenn die Lüftung längt wieder aus ist.

Ach, wie schön es wär, wenn wir in diesem Draußen, das gerade so am Durchdrehen ist, auch einfach mal den Siphon durchspülen könnten. Oder den Filter auswaschen oder wechseln.

Diese ganz bestimmte Müdigkeit

Verhaftungen an Kundgebungen wegen nicht getragener Maske gingen ihm zu weit, las ich vorhin. Und dass es schließlich auch andersdenkende Menschen gäbe, die weder Verschwörungstheoriengläubige seien noch Rechtsextreme.

Da frage ich mich allerdings: Wieso geht denn so ein andersdenkender (natürlich nicht rechtsextremer) Mensch überhaupt an eine Demo um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren, wenn sie:er nicht glaubt, dass das, was da an Maßnahmen verordnet ist, nicht einer Art Verschwörung entsprungen ist, also schlicht übertrieben, ganz ohne Hand und Fuß, willkürlich? Würde sie:er nämlich nicht diese ganzen ungaren Infos glauben und sich irgendwie bedroht fühlen, müsste sie:er ja gar nicht demonstrieren? Oder verstehe ich da etwas falsch?

(Abgesehen davon handelt es sich – so vermute ich jedenfalls – nicht um Verhaftungen im klassischen Sinn, sondern eher um Festnahmen zur Feststellung der Identität, um eine Buße gegen Verstoß gegen Schutzmaßnahmen verhängen zu können. Mag sein, dass ich noch immer zu viel Vertrauen zur Polizei habe. Ich halte es jedenfalls für wichtig und notwendig, dass die Schutzmaßnahmenverstöße geahndet und gebüßt werden.)

An alle Menschen, die behaupten, dass es keine seriöse, unabhängige Berichterstattung gäbe:
Habt ihr wirklich schon einmal probiert außerhalb eurer Blase unabhängige Berichterstattung zu lesen und zu verstehen?* Habt ihr wirklich versucht, internationale wissenschaftliche Untersuchungen miteinander zu vergleichen? Habt ihr Quellen überprüft, Fakten gecheckt?

Tatsache ist, dass es inzwischen schon ziemlich viele Fakten gibt, auch wenn die Forschung noch längst nicht fertig ist. Wohl nie sein wird. Ja, das Virus, das uns alle seit Monaten durcheinandergewirbelt hat, ist trotz allem Wissen noch immer sehr wenig erforscht und ja, manches wurde am Anfang so und so gesagt und wird heute anders betrachtet und gehandhabt. aber vergessen wir nicht: Forschung heißt Forschung, weil geforscht wird. Das ist ein Prozess. Das ist etwas Unfertiges.

Auf der einen Seite sind da die Prozesse und Erkenntnisse, die in den Forschungszentren gewonnen werden, auf der anderen Seite sind unsere (sogenannten) Volksvertreter:innen, die ihren Job mal besser mal schlechter machen. Rund um die Welt gibt es da immense Unterschiede, innerhalb der einzelnen Nationen sogar. Natürlich kann man die Politik kritisieren (dass wir das können und tun dürfen, ist immerhin ein gutes Zeichen). Ich finde auch vieles nicht nachvollziehbar, was von Seiten unserer Volksvertretungen verordnet wird. Allerdings eher nicht die Maßnahmen an sich, sondern wie ungleich sie angewendet werden. Persönlich am schlimmsten finde ich ja, dass nicht für alle die gleiche Handhabung gilt. Das Machtgefälle wurde durch die Pandemie sichtbarer denn je. Dass manche Menschen sogar per Gesetz oder Verordnung schlechter geschützt werden als andere und manche mehr gefördert als andere, darf nicht sein. Stichwort: Wirtschaft. Das sind Missstände, die ich anprangere.

Aber ich bleibe dabei: Nicht nachvollziehen kann ich, wie Menschen die Leben anderer Menschen gefährden, weil sie zu bequem sind, weil sie coronamüde sind (bin ich auch!), weil sie ’nicht an die Forschung glauben’, weil sie niemanden persönlich kennen, der oder die Covid hatte, weil sie es bedenklich finden, wenn Youtube manche Infos löscht, weil es ’ja nur eine Grippe ist’, weil … ach.

Vermutlich sind die Menschen, die hier mitlesen, eh nicht die Menschen, über die ich mich immer mal wieder so nerve. Aber manchmal muss ich meinen Unmut in Worte gießen. Danke fürs Zuhören by reading.

Ja, es ist wahr, ich bin coronamüde, aber vor allem bin ich uneinsichtigeMenschenmüde. Das muss es wohl sein. Ach, ach.


*Ich empfehle herzlich folgdende werbefreie und von der Crowd finanzierte Medien Die Republik (Corona-Newsletter kostenlos) und Krautreporter (Paywall). Beide Magazine publizieren täglich einen kostenlosen Newsletter.

Dem Gewitter davonlaufend

Wieder einmal haben wir die Gewitterwarnungen ignoriert. Ist ja noch ewig hin. Um 18 Uhr sind wir sowieso wieder da. Sagen wir. Und die Wahrscheinlichkeit ist eh nur bei 30%.

Wir wollten gestern ja einfach nur baden und wandern. Und dazu war das ein perfekter Tag. Endlich nicht mehr so heiß.

Nicht zu weit weg wollten wir, darum schlug ich den Ohmbachsee vor, in welchem wir schon vor einem Monat geschwommen sind. Die Wanderung dazu hat uns das Internet vorgeschlagen und weil ich die entsprechende App nicht habe, übertrug ich einfach ein paar Eckpunkte in meine GPS-App. Der Rest würde sich finden, und tat er auch.

Blick zurück in den Wald, auf dem Weg liegt bereits dichtes Laub. Die Bäume sind noch grün.
Im Wald.

Vom Parkplatz am Westzipfel des Sees aus wanderten wir im Uhrzeigersinn Richtung Nordosten. Nach einigen Kilometern auf einem asphaltierten Wanderweg tauchten wir endlich in den Wald ein, fast wie in Schweden murmelnd, und genossen die relative Kühle. Herrliches Gewölk über uns, das sich nach und nach grauer färbte; und als wir gerade ein Gehöft passierten, fielen ein paar erste schwere Tropfen.

Sollen wir uns unterstellen, bis der Regen, das Gewitter, vorüber ist? Wir überlegten kurz. Warten auf ein vielleicht nicht eintreffendes Gewitter oder weiterlaufen? Was wäre, wenn wir ins Gewitter kämen? Wenn wir klitschnass würden? Bis zum Auto waren es etwa vier bis fünf Kilometer. Als nach den ersten dicken Tropfen keine weiteren mehr folgten, wanderten wir entschlossen weiter. Im Wald würden die Bäume den Regen abhalten, zumindest eine Weile. Wir wanderten ziemlich zügig voran, denn trotz allem war von oben nass zu werden nicht wirklich das, was wir wollten. Lieber von unten, im See. Aber das könnten wir uns vermutlich abschminken.

So wanderten wir südwestwärts und hörten das sich nähernde Gewitter hinter uns, links von uns. Der Wind lärmte übermütig in den Bäume und wir schielten zwar ab und zu auf die Karte, um herauszufinden, wie weit es bis zu der nächsten Unterstellmöglichkeit  wäre, doch richtig Angst hatten wir erstaunlicherweise nicht.

Unsere worst cases: Klitschnass werden und/oder vom Blitz getroffen werden. Wir haben Glück im Unglück, sagen wir zueinander, wenn es anfängt zu blitzen, halten wir uns einfach an den Händen, dann trifft es uns beide gleichzeitig. Galgenhumor.

Das Gewitter rumpelt mal näher, mal ferner, aber der Regen bleibt aus. Wir erreichen den Ort Gries ohne nass zu werden. Der Himmel vor uns klart auf, hinter uns ist er noch immer grau, aber das Gewitter hat eine andere Richtung eingeschlagen als wir.

Schließlich erreichen wir den Ostzipfel des Sees und beschließen den See außenrum zu umwandern, um so wieder zu unserer Badestelle vom letzten Mal zu gelangen, denn jetzt gibt es kein Halten mehr. Wie erwartet sind diesmal kaum Menschen am See. Die Luft hat etwa 24 angenehme Grade, das Wasser dürfte ähnlich warm sein. Nachdem ich aus dem Wasser steige, dünkt es mich gar, die Luft sei kühler als das Wasser. Herrlich erfrischend ist die lauwarme Brühe dennoch.

Vorne dürre Wiese, in der Mitte der See mit Irgendlink darin, hintendran hügelige Wiese mit Bäumen
Am See

Wir ziehen uns an, bevor wir frieren und wandern zurück zum Auto. Elf Kilometer sagt die App, inklusive des kleinen Stücks Irrweg. Auf dem Rückweg wird der Himmel wieder grau und dunkel. Da haben wir ja echt mal wieder Glück gehabt.

Blick aus dem Autofenster: Links rote Ampel, darüber dunkle Gewitterwolken, darunter Häuser und Autos.
Auf dem Rückweg.

Und als wir zuhause in der Künstlerbude hocken, regnet es dann doch noch. Ein bisschen.

Link zur Karte

Im Bündnerland | #mdLidA

oder Drei Tage Leben aus den Bordmitteln
oder Mit dem Liebsten in den Alpen (#mdLidA, mein Twitterhashtag)

Endlich doch noch ein bisschen raus. Ein bisschen was wie Ferien. Mit möglichst wenig Gepäck wandernd unterwegs sein. So der Plan. Wir wollten unterwegs sein ohne auf Einkaufsmöglichkeiten angewiesen zu sein, denn auf über tausend oder gar zweitausend Höhenmetern, zumal am Wochenende, könnte es schwierig werden, einen offenen Laden aufzutreiben. Wir schafften es mit Kocher, Wasser, Lebensmitteln und Übernachtungskram auf nur rund zehn Kilo pro Person. Plusminus. Omni mecum porto. Mein Wandermantra. Ich trage alles (was ich brauche) mit mir.

Mit dem Gedanken, doch noch so ein mehrtägiges Abenteuer zu wagen, hatten wir seit Wochen gespielt, und dann war da auf einmal dieses eine Wochenende ohne Termine und Pflichten. So packten wir am Freitagmorgen unsere Siebensachen und fuhren gegen Mittag los in die Berge. Bruthitze. Richtung Thusis zuerst und von dort dann westwärts den Berg hoch. Bei Ober Rascheins haben wir mein Autochen zweieinhalb Tage stehen lassen und machten uns von dort zu Fuß und per ÖV auf den Weg. (Route: siehe unten*)

Ein Freund führt seit Juni die Alp Bischola-Summerbeiz und hat uns quasi hergelockt. Darum sind wir schließlich auch als erstes dorthin und haben uns ein wenig an die für uns doch ungewohnte Höhe (knapp 2000 m. ü. M.) akklimatisiert. Zwischen Parkplatz und Bergrestaurant liegt der wunderschöne Pascuminersee. Noch zuhause haben wir ihn als ersten Lagerplatz auserkoren und zum Glück waren am Freitagabend noch nicht so viele Leute dort wie am Sonntagnachmittag. Am Freitagabend waren nur noch eine Frau mit ihrer Tochter dort. Sie zelteten ebenfalls direkt am See. Eine Jugendclique  hatte sich zum Glück etwas weiter weg auf einer Anhöhe eingerichtet. [Als es dunkel war, ließen die doch tatsächlich ein Feuerwerk steigen. Auf 2000 m. ü. M.! Was für Volldeppen!]

Beat, der Wirt, hieß uns herzlich willkommen und servierte uns – da es (neben dem Käseteller) das einzige Gericht ohne Fleisch war – einen Eblysalat. Na ja. Immerhin habe ich es mal wieder probiert, aber Ebly und ich werden wohl nie Freundinnen. Dafür schmeckte die Nussschnitte göttlich, eine Bündner Spezialität, die süchtig macht. Und die zwei Kuchenstücke, die er uns als Bettmümpfeli mit auf den Weg gegeben hat, als Geschenk des Hauses, schmeckten – am See genossen – einfach nur wunderbar. Annettes Zucchini- und Zitronencake sind echt eine Entdeckung!

Zurück am See war es ziemlich unruhig. Wir beobachteten eine Weile das Geschehen, bevor wir schließlich doch direkt am See und bei der Feuerstelle unser Lager einrichteten. Die Idee, ohne Zelt zu schlafen, ließen wir aber bleiben, weil es doch recht feucht und kühl wurde. Und weil eine Mutter und ihre halbwüchsige Tochter sich zu uns gesellten, als wir gerade das Feuer entfacht hatten.

Gut schlafen geht anders. Für eher schlaflose Nächte ist unsere winzige Sardinendose, pardon unser hübsches kleines Wanderzelt doch ein bisschen eng**, so dass ich bei der ersten Morgendämmerung aus dem Zelt schlüpfte und herumspazierte. Etwas, das ich daheim nie tun würde, da ich ja eher eine Eule als eine Lerche bin. Es war jedenfalls einer der schönsten Sonnenaufgänge, den ich je erlebt habe.

Nach einem herrlich erfrischenden Morgenbad frühstückten und packten wir, um den Tguma hochzuwandern (knapp 2200 m. ü. M.). Um ins Safiental zu gelangen, mussten wir von dort aus über sehr steile Serpentinen etwa tausend Höhenmeter abwärts steigen. Was mir mal wieder so richtig fett in die Knie gefahren ist. Sie schrien laut, ich schwör! So sehr, dass ich unten, am Stausee, angekommen – die letzten zwei Kilometer mit zig Pausen wegen der brutalen Schmerzen –, kaum mehr gehen konnte. Wir fanden zum Glück bei einem Holzlager direkt am See einen tollen Nachtplatz, von wo aus wir auch gleich im nahen Bach Wasser holen konnten. Beide waren wir sooo müde, dass wir – nach dem Essen und einer Katzenwäsche im Bach – um halb zehn schon in den Schlafsäcken waren und bis kurz vor Sonnenaufgang durchschliefen. Ha, geht doch!

Meinen Knie ging es am Morgen deutlich besser, aber an den zuhause geplanten Aufstieg zur Alp Bischola respektive nach Ober Rascheins, wo das Auto stand – diesmal auf einer andern Route als beim Abstieg – war nicht wirklich zu denken. Also setzten wir den am Samstagnachmittag gefassten Plan um, mit ÖV so nahe wie möglich ans Auto ran zu kommen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass ich zwar relativ schmerzfrei aufwärts und geradeaus gehen kann, aber nur mit relativ starken Schmerzen abwärts.

Wir studierten Karten und Höhenprofile und entschieden uns, mit ÖV zum Glaspass oder bis kurz davor zu fahren und von dort die letzten, nicht erschlossenen Kilometer nach Ober Rascheins zu wandern. Der Glaspass war im Grunde direkt über uns, die wir in Safien Carfil, am Stausee, lagerten. Von hier unten hinaufzusteigen hieße aber mit dem Feuer spielen, denn ich war ja nicht schmerzfrei. Immerhin waren die Schmerzen aber über Nacht erträglich geworden.

Um auf den Glaspass zu kommen, mussten wir die ganze Gebirgskette umfahren, um von der anderen Seite auf den Pass zu kommen. Heißt, wir mussten das Safiental abwärts mit dem Postauto, dort dann mit dem Zug dem Rhein abwärts ins Vorderrheintal zurück nach Thusis und von dort mit dem Postauto hoch zum Pass. Verrückte Rundreise! Aber schön wars. Trotz Maske.

Auf der Karte zeigen die roten Bömbel in Uhrzeigerrichtung unsere Rundfahrt an. (Den Link zur Karte gibt es hier und ganz unten.)

Screenshot der Karte
Screenshot der Karte

Irgendlink und ich hatten tatsächlich unsern Spaß, denn Postautofahren in den Bergen ist ja schon ein tolles Erlebnis. 🙂 Und die Rhätische Bahn ist auch irgendwie angenehm. Zum Glück hatten wir unsere Masken dabei und die behielten wir dann bis auf dem Glaspass auf, denn es gibt ja immer so Menschen, die … (aber das ist jetzt doch ein anderes Thema.)

Die Strecke vom Glaspass nach Ober Rascheins war nicht allzu anspruchsvoll, eine etwa vier- bis fünf Kilometer lange Wanderung rüber zum Parkplatz mit vielleicht zweihundertfünfzig Höhenmetern aufwärts und ein bisschen weniger abwärts. Wir wählten halb absichtlich, halb zufällig jene Route mit den wenigsten steilen Abstiegen und errreichten – nach einer köstlichen Picknickrast auf einer Bank mit Blick auf den Piz Beverin – gegen drei Uhr das Auto. Weil es meinen Knien noch immer relativ gut ging – super wäre übertrieben, aber ich hatte keine starken Schmerzen – und der Tag noch zu jung war, um bereits nach Hause zu fahren, beschlossen wir, nochmals ins Beizli zu wandern. Eine knappe halbe Stunde rauf, eine knappe halbe Stunde runter. Ohne Gepäck. Auf dem Rückweg wollten wir ein letztes Mal im Pascuminersee baden.

Im Beizli angelangt, freuten wir uns darüber, auch Annette noch zu sehen, die Partnerin des Beizers. Es herrschte Hochbetrieb, doch nach 17 Uhr wurde es ruhiger und wir hatten Zeit, ein bisschen auszutauschen. Eile hatten wir ja keine und die angenehme Temperatur um die 25 Grad war es wert, solange wie möglich zu bleiben. Auf dem Rückweg dann wieder alles abwärts. Und ja, ich habe das bewusst in Kauf genommen. Ich ahnte, dass das für meine Gelenke nicht so gut sein würde, doch ein letztes kühles Bad im Pascuminersee wollte ich mir eben nicht entgegen lassen. Unten angelangt pochten meine Kniegelenke wieder heftig. Gut, dass Irgendlink fuhr.

Inzwischen geht es den Gelenken zum Glück wieder besser und auch der Muskelkater-aus-der-Hölle verkrümelt sich so langsam. Und ja, unsere Bordmittel haben gereicht und wir hatten am Schluss sogar noch ein bisschen Nüsse und Dörrfrüchte übrig. Oh, warte! Da war doch noch dieser köstliche Cake im Alp Bischola-Summerbeizli. Den darf ich nicht vergessen. Der war nämlich nicht Bordmittel, der war Zugabe.

Was bleibt? Erinnerungen. Viele Bilder. Filmchen mit Kuhgebimmel und Bergbachrauschen. Und immer wieder bleibt mir diese Sehnsucht nach dem nächsten Mal, wenn der Berg ruft.


Tag 1

Tag 2

Tag 3


*Für die Karte (hier) habe ich drei Wegpunktefarben verwendet. Der unterste der blauen Bömbel markiert den Parkplatz und ist somit Ausgangs- und Schlusspunkt. Die blauen Wegmarkierungen gehören zu den Tagen eins und zwei, die lilafarbenen gehören zur Wanderung am Sonntag und die roten markieren unsere Reise per ÖV. Die Karte liest sich im Uhrzeigersinn.

**Das Sponsoring für ein leichte(re)s größeres Wanderzelt für zwei Personen ist hiermit eröffnet. 😉

Keine Geschichte von zwei Pinseln und warum ich mir Dinge aufschreibe

Da ist diese Geschichte von den beiden alten, hartgewordenen Pinseln, die seit Jahr und Tag nebeneinander im Pinselglas stehen bleiben, obwohl sie längst nicht mehr zum Malen genutzt werden können.

Nein, hier und jetzt werde ich diese Geschichte nicht erzählen. Das ist nur ein Beispiel für die zahlreichen Notizen aus dem Notizbuch meines Handys. Ohne Notizen geht bei mir nämlich gar nichts. Meine Denkprozesse wären sonst noch unfassbarer. Notieren ist mir Aderlass.

Seit vorgestern weiß ich, dass sich John Irving keine Notizen machte. Schreibt der Herr Buddenbohm. »Der Herr Irving ist nämlich ein Notizenverweigerer, er schreibt sich nichts auf, nie, so sagte er. ’Denn wenn etwas wichtig ist’, so erklärte er dann, ’dann fällt es mir wieder ein.’«

Mir nicht. Ich vergesse viel. Deshalb liegen überall in meiner Wohung an neuralgisch wichtigen Stellen Notizzettel herum, in A6-Format geschnittene Makulatur, deren Rückseiten ich – mit Metallklammern zusammengefasst – als Notizblöcke verwende. Mein Chaos hat nämlich durchaus System. Sind die Zettel vollgeschrieben, wandern sie auf den Stapel links neben meinem Rechner und von dort geraten sie irgendwann in die Mühlen meiner Tastatur. Mahlen, einkochen oder einköcheln nenne ich diesen Vorgang. Oder einmachen. Andere sagen vielleicht verwursten dazu, ich halte mich lieber an tierfreie Metaphern wie Sirup kochen oder Marmelade. Denn in der Tat hat für mich schreiben etwas mit kochen zu tun, schreiben ist ein sinnlicher Akt, insbesondere die Arbeit an der Rohfassung eines Textes. Schreiben ist extrahieren.

Neben den auf Makulatur gekritzelten Notizen, die das ganze Spektrum von Außen- und Innenbeobachtung abdecken und manchmal nur aus einzelnen Wörtern, manchmal aus ganzen Traumhandlungen bestehen, gibt es bei mir noch zwei andere Notiz-Formate. Diese – Handy-Text- und Handy-Sprach-Notizen – machen vielleicht zusammen einen Drittel meiner Notizenmenge aus.

Seit ich wegen meiner wehen Hand nicht mehr so easy auf dem Handy tippen kann – wenn ich hinterher keine Schmerzen riskieren will –, fallen die Text-Notizen im Handy je länger je kürzer aus. Aber natürlich reichen, wie Andreas Wolf in seinem wunderbaren Text über die verschwundene Ute köstlich beweist, ein paar Wörter, um in uns drin ganze Geschichten zu konservieren oder, besser, höchst lebendig zu erhalten

Habe ich unterwegs, nebst Handy eine externe Tastatur zur Hand, kann die Notiz schon mal länger ausfallen. Oder aber es bleibt nicht bei der Notiz, und – das ist mir das Liebste, der Idealfall, der Sechser im Lotto – ich kann den Text, der in mir rumort, gleich von A bis Z aufschreiben. Ohne Verzögerung. Und ohne Umweg über  ein Notizformat. Nur schon die kleinste Verzögerung bewirkt bei mir, dass der erste Ansatz, die erste Idee, die ersten Formulierungen in sich zusammenstürzen und der Text in seiner Urform nicht mehr abrufbar ist. Notizen sind fast immer nur ein Notbehelf, ein Anschreiben gegen das Vergessen. Notizen sind die herumliegenden Bruchstücke, die mir beim Rekonstruieren helfen. Und das ist oft zuweilen richtig anstrengend, ganz im Gegensatz zu diesem ersten Drauflosschreibefluss, der einfach so vom Kopf in die Tasten geschieht. Was jetzt nichts über die Qualität eines Textes, dafür einiges über den Schaffensprozess und seine Mühen sagt.

Womit wir bei meinen Problemen mit der Sprachnotiz wären. Was ich mir nämlich per Stimme notiere, lässt sich in den wenigstens Fällen wie gesprochen aufschreiben, ich kann keine Texe diktieren. Aus zweierlei Gründen geht das bei mir nicht. Zum einen denke ich meistens Schweizerdeutsch und schreibe meistens Hochdeutsch. Zwei Sprachen mit zwei nicht 1:1 zu transkribierenden Grammatiken. Nur schon die Übersetzung verändert den Inhalt. Aber noch schwieriger ist für mich meine Unfähigkeit, mir die im Kopf ausformulierten Sätze und Abfolgen solange zu merken, wie ich brauche, um sie aufzusprechen. Sobald ich den Knopf zur Aufnahme betätigt habe,  zerfallen meine inwendigen Sätze in Bruchstücke, die ich dann sinnlos aneinander reihe und später mit der Pinzette aufpicken und in eine sinnvolle Reihenfolge bringen muss. Siehe oben. Ich eigne mich schlicht nicht für Vorträge ab Blatt. Eher bin ich die, die improvisiert.

Dank der Handyfunktion ‚Sprachnotizen‘ ist mir klar geworden, dass ich wohl ähnlich ticke wie die Schweizer Autorin und Behindertenaktivistin Ursula Eggli, die ich kurz vor ihrem Tod zu ihrem Leben und Schreiben interviewt habe. Obwohl sie krankheitsverlaufsbedingt nur noch wenige Finger bewegen konnte, bevorzugte sie es, über ihre Spezialtastatur zu schreiben statt zu diktieren. Die Gedanken fließen anders, wenn sie über die Finger aus mir raus können als wenn sie es über die Stimme tun sollen, sagte sie. Natürlich, man kann das trainieren, aber dazu hatte Ursula Eggli keinen Anlass, ich auch nicht.

Doch was gibt es denn da ständig so Wichtiges, das ich mir da, in welcher Form auch immer, notieren will? Wichtig ist relativ. Und letztlich ist auch vergessen eine Option. Und nicht die Schlechteste. Bei mir ist von Tweet zu Mail oder Brief, von Therapienotiz bis Blogartikel alles dabei.

Fakt ist eher, dass ich mich geradezu nackt fühle, wenn ich nichts zum Schreiben in Griffnähe habe, egal ob Papier oder Handy. Das klassische Notizbuch allerdings hat bei mir schon eine ganze Weile ausgedient. (Die Purist:innen unter meine Leser:innen schlagen jetzt ihre Hände über dem Kopf zusammen. Wie kann sie nur? Ja, sie kann. Ja, das geht. Und ja, ich lebe noch.)

Jahrelang trug ich kleine Büchlein mit mir rum, viele Jahre lang waren sie meine Ideenbehälter. Doch seit ich vor zehn Jahren mein erstes iPhone 3S kaufte – das einzige iPhone übrigens, das ich mir neu gekauft habe –, verabschiedeten sich die Notizbücher nach und nach, leise und schleichend, aus meinem Leben. Es war keine Absicht wie beim Kalender, wo es eine klare Entscheidung meinerseits gewesen war. Die Notizbücher wurden einfach immer weniger gebraucht und als sie alle irgendwann voll waren, habe ich sie nicht mehr durch neue ersetzt.

Ja, klar, ästhetisch und haptisch ist Papier schöner, ist Schreiben auf Papier  schöner, sinnlicher, wohltuender vielleicht sogar, doch danach? Was geschieht danach? Bei meiner Saukralle ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich die Notizen, wenn ich sie nicht innert nützlicher Frist in etwas Lesbares verwandle, nie wieder lesen werde. Das ist mit den Makulaturrückseiten anders, die mahnend auf dem Stapel neben dem Rechner liegen, ebenso mit den Notizen im Handy, die mich schwarz auf weiß und dazu gut lesbar an kleine Geschichten erinnern.

Dazu fallen mir die winzigkleinen Notizbüchlein meiner Tante M. ein, die vor neun Jahren gestorben ist. Mit meiner Schwester zusammen räumte ich nach ihrem Tod ihr Zimmer im Pflegeheim. Das Meiste kam, wenn es das Rote Kreuz nicht wollte, in die Mulde (ja, so ist das, wenn jemand stirbt), doch das eine oder andere Persönliche und/oder Nützliche nahmen wir – weil es zu schade zum Wegschmeißen und noch zu brauchen war – mit, wie zum Beispiel zwei Kartons voller Wegwerflatexhandschuhe und zig Ersatzrollen für den Fusselroller, eine wunderschöne Muschelnsammlung und eben eine ganze Reihe winzigkleine Notizbüchlein.

Die beiden Schwestern hatten nie viel aus ihrer Kindheit und ihren Leben vor unseren Geburten erzählt, unsere Mutter und unsere Tante. Ich hatte gehofft, wenigstens posthum das eine oder andere über ihr Leben zu erfahren. Doch die klitzekleine, wunderschöne Handschrift meiner Tante ist schwerz zu entziffern, zumal M. vieles abgekürzt und sich somit ihren ganz eigenen Verschlüsselungscode erschaffen hatte. Auch fühlte ich mich, wann immer ich in den kleinen Büchlein zu lesen versucht habe, als Voyeurin.

Warum sie aufschrieb, was sie aufschrieb? War es ein Sich-etwas-von-der-Seele-Schreiben? War es ein Das-will-ich-nicht-vergessen-Schreiben? Oder war es gar ein Das-kommt-später-in-meine-Autobiografie-Schreiben? Und was ist es bei mir?

Ich nenne es oft ausatmen. Oder wahlweise auch scheixxen. Verstoffwechseln auf jeden Fall. Schreiben ist mir immer schon ein Prozess der Verwandlung gewesen. Ich sehe einen Haufen frisch geschorener Wolle vor mir, der gekardet wird. Gekämmt, damit die Wollfetzen auf Linie gebracht und versponnen werden können. Schreiben als Prozess des Spinnens, des Webens, des Strickens, des Häkelns. Textilie. Text. Na? Ha!

Handgewobenes buntes Tuch, mit dem sich die Autorin verschleiert. Man sieht nur eine Hand und ein Haarbüschel.
In gewobenes Tuch eingesponnene Autorin

Und wie bin denn jetzt hierher gekommen und wie komm ich da jetzt wieder raus? Und darf man verwobene oder eingekochte Notizen aus dem Handynotizbuch löschen? (Ist das nicht ebenso so frevelhaft, wie wenn ich meine papiernen Notizbücher ins Altpapier oder ins Feuer legen würde?)

Na ja, die Geschichte mit den Pinseln habe ich ja noch lange nicht gschrieben, sie bleibt also im Notizordner. Punkt.

Ob sie womöglich jemand anders adoptieren will und wie ist das eigentlich mit Ideen, mit Geschichten? Sind sie frei und suchen sich, wie so Nistvögel, Orte aus, von denen sie hoffen, dass sie dort sicher sind und genug Nahrung zum Gedeihen finden?


Quellen der Inspiration:
Buddenbohm und Söhne | Maximilian Buddenbohm
Wald und Höhle | Andreas Wolf