Ja, Freundin K. hat recht. Natürlich ist meine kleine Darstellung von Empathie, die ich neulich hier teilte, ziemlich einseitig herausgekommen. Empathie ist nämlich auch die Fähigkeit zur Mitfreude. Während Neid, Vergleich zwecks Besserdasteherei, Ab- und Ausbgrenzung ihr Gegenteil sind und Mitfreude verhindern.
Irgendwo stehen wir empathischen Menschen also immer mittendrin, mitten zwischen Mitfühlen & Mitleiden und Mitfreuen & Mitjauchzen. Das ist manchmal ganz schön anstrengend.
Den meisten empathischen Menschen, die ich kenne, fällt zudem geben leichter als annehmen. Mir auch. Doch dieses Jahr lehrt will mich so langsam dieses Annehmen zu lernen – materiell ebenso wie in Form von Fürsorge. Auch wenn es sonst mehrheitlich ein schweres Jahr für mich war, schaue ich doch dankbar dadrauf zurück. Und dass ich Menschen kennen darf, die bereit sind, mir ganz praktisch zu helfen, wenn ich nicht mehr weiterkomme.
Ihr – du, du, du und du – ja, auch ihr seid solche Menschen. Ich danke euch.
Die Fähigkeit des Mitfühlschmerzempfindens als Zeichen von Empathie finde ich wunderbar. Ich bin froh, dass um jeden Menschen, der diese Fähigkeit hat. Obwohl ich – wie paradox – ganz besonders bei meinen Liebsten ja nicht will, dass ihnen irgendwer irgendwie weh tut und ihnen irgendwas antut. Empathie ist ein Fluch. Empathie ist ein Segen. Von ihrem Vorhandensein hängt das Wohl einer Gesellschaft ab.
In Bezug auf mein Leben macht es mich sehr dankbar, dass ich Menschen kennen und lieben darf, die meinen Schmerz mitfühlen können. Und die ihren Schmerz mit mir teilen, damit ich ihn mitfühlen kann.
Wenn ich selbst intensive Schmerzphasen habe – seelische oder körperliche –, fliehe ich zuweilen in die Schmerzen anderer, fliehe ich in Bücher, in Filme.
Anderer Mensche Schmerzen kommen mir aber oft sehr nahe – zu nahe? –, so nah als wären sie eigene. Oder sie mischen sich mit den eigenen.
Das sind jene Phasen, wo einfach alles nur weh tut. Das ganze Leben. Diese Fluchten in die Ablenkung sind in diesen Fällen missglückt. Oder auch nicht. Denn manchmal ist Schmerz unausweichlich. Manchmal ist er einfach auch nur Scheiße.
Andere, besonders allerliebste Menschen, mit meinem Schmerz, Teil meiner Geschichte, zu belästigen, zu belasten, lässt mich an Entjungferung denken, an das Ende ihrer Unschuld. Nur in traurig statt in schön. Etwas, das war und nie mehr so sein wird wie vorher.
Vielleicht wird man so zynisch. Bitter. Pessimistisch. Hoffnungslos.
Vielleicht wird man so lebendig. Liebesfähig. Stark. Hoffnungsvoll.
Vielleicht ist der Konjunktiv der Anfang aller Veränderung.
Den Spruch im Titel habe ich das erste Mal gehört als ich vor etwa fünfundzwanzig Jahren, als junge Buchhändlerin, eine Weihnachtsaushilfe übernehmen sollte. Die Geschäftsführerin sagte ihn bei den Lohnverhandlungen. Ich hatte mich vermutlich mal wieder unter meinem Wert verkaufen wollen und wir haben uns vermutlich irgendwo geeinigt; wo habe ich natürlich längst vergessen. Die Stelle war wohl ziemlich stressig, so meine Erinnerung, und ich habe vermutlich einen okayen Lohn bekommen. Ist lange her und bereits sepiafarben im Erinnerungsschublädchen irgendwo in meinem Kopf abgelegt.
Ich gehöre ja zu denen, die am liebsten alles gratis hergeben würden. Und ja, ich gehöre auch zu denen, die am liebsten alles gratis bekommen würden. Dann wäre mir das doofe Geldding nicht immer im Weg. Es bräuchte in meiner utopischen Welt keine Währung und alle hätten alles und Zugang zu allem. Auch alle Ideen wären frei. In meinem Utopia gäbe es weder Neid noch Vergleiche, weil wir dazu keinen Grund hätten, dafür gäbe es ganz viel Solidarität. Leute, die allein sein wollen, würden in Ruhe gelassen und nicht zum Miteinander gedrängt. Andere, die lieber nicht immer alleine wären, fänden Anschluss an Gleichgesinnte. Undsoweiterundsofort. Und ja, natürlich, würde es allen gut gehen und alle wären zufrieden und freigebig.
Steckt womöglich hinter meiner fixen Alles-gratis-Idee der Gedanke, die Angst gar, dass meine Produkte –Texte, Bilder etc. – sowieso nicht markttauglich, nicht gut genug, für andere sowieso nicht interessant und sowieso wertlos sind (siehe Titel)? Und ist, was kostenlos ist, wirklich weniger wert als was kostet?
Wir Bloggerinnen und Blogger verschenken immer wieder ganz viel unserer Zeit, ganz viel Herzblut, ganz viel Arbeit, ganz viel Energie, Wissen, Können, Wollen, Freude, wenn wir einen Blogartikel schreiben. Wir tun das in erster Linie, weil wir es gerne tun. Weil wir das tun wollen. Weil wir denken, etwas zu sagen zu haben manchmal sogar und weil wir womöglich auch ein Quäntchen Sendungsbewusstsein in uns drin haben. Dennoch ist es grundsätzlich so, dass wir teilen, dass wir verschenken. Ich jedenfalls.
Heute fand ich ein Blog mit einer Paywall, einer Zahlschwelle. Eigentlich keine schlechte Idee. Wer einen Monat Zugang will, zahlt 4.99 €. Die ersten drei Tage sind gratis. Ambivalent ist es dennoch. Wird das die Zukunft sein? Wird es bald zwei Blogklassen geben, die wertlosen, kostenlosen und die kostbaren, bezahlten?
Ihr alle hier, die ihr dieses Blog lest, sagt mal gaaanz ehrlich: Würdet ihr – rein hypothetisch – für kommende Artikel zahlen, falls es sie auf einmal nicht mehr gratis gäbe?
Ich bezweifle es. Ihr würdet das Blog einfach nicht mehr besuchen. Oderrr?
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Pssst, allfällige materielle Dankeschöns fürs mein diesjähriges Blogherzfutter sind zurzeit hoch und herzlichst willkommen. Hier lang gehts zum Spendensparstrumpf. Das Passwort gibts hier (Mail an mich).
Heute reblogge ich mich selbst. Vor fast genau zwei Jahren habe ich den folgenden Blogartikel geschrieben. Gefunden habe ich ihn vorhin, weil ich nach dem Namen der jährlich stattfindenden Ausstellung gesucht habe, die wir heute besuchen werden. Baz’Artopie heißt sie und findet im lothringischen Meisenthal statt. Sie ist ein Mix aus Ausstellung und Weihnachtsmarkt. Ich bin gespannt, mit welchen Eindrücken wir heute nach Hause kommen werden.
Und nein, der nachfolgende Text hat nur indirekt mit der Ausstellung zu tun.
Eine der vielen Herausforderungen unserer Leben besteht für mich darin, manche Dinge als unabänderlich zu akzeptieren. Vergangenheit zum Beispiel. Oder die Richtung des Wassers, in die es fließt, und wie es die Steine schleift und formt.
Naturgesetze erkennen wir daran, dass sie für alle gleich sind, weder gut noch böse. Einfach da. Gegeben. Eine Grundbedingung unserer physikalischen, unserer materiellen Welt. Einzig sich selbst gehorchend.
Doch warum das Wasser manchmal so leise und manchmal so laut fließt, immer wieder anders, nach Regen, vor Regen, bei Wind, bei Sturm, Ebbe und Flut – wer kann es verstehen? (Wirklich meine ich.) Und können wir die Gewalt der Natur, auch wenn sie scheinbar willkürlich waltet, so ohne Zaudern bejahen, zumal es uns nie gelingen wird, sie zu beherrschen? Selbst alle Dämme und Deiche der Welt vermögen Wind und Sturm nicht zu stoppen.
Ist der Wind darum böse, uns feindlich gesinnt? Ich sage: Nein. Weder Wind noch Feuer, Erde, Sonne und Regen haben gute oder böse Absichten. Sie gehorchen nur ihrem Sein. Sie sind das, was sie sind.
Sollen wir uns den menschengemachten Regeln und Gesetzen gleich vertrauensvoll beugen wie denen der Physik? Sollen wir? Dürfen wir überhaupt? Müssten wir nicht unterscheiden und werten, wem sie dienen, bevor wir ihnen vertrauen? Wohin allzu vertrauensvoller Gehorsam führen kann, wissen wir längst.
Vieles schmeckt mir nicht, aber weil ich hungrig bin, esse ich es doch. Weil es einfacher, billiger und bequemer ist, als mir etwas besseres zu suchen. Aber ich gestehe es: vieles was ihr mir vorsetzt, ist mir zu salzig. So salzig, dass ich dennoch nicht aufhören kann, es zu verschlingen, obwohl es meine Geschmacksknospen beleidigt. Ich weiß und ich merke, dass es mir nicht gut tut, aber etwas in mir, etwas, worüber ich keine Kontrolle habe, ruft nach mehr. Will mehr. Es hat viele Namen, das Etwas, das Phänomen. Ich nenne es Glutamat. So heißt es manchmal. Auch. Aber nicht nur. Das Etwas mit den vielen Namen hat auch viele Gesichter. Für viele heißt es auch Normalität. Ja, klar, auch ich bin normal. Wenn auch ein wenig anders normal als die normalen Normalen, die das Etwas von Herzen lieben. Dieses Etwas, das sie auf dem Mainstream hält, weil es da so einfach ist.
Tout le monde il est gentil* | Dieses Bild habe ich an der Baz’Art** fotografiert. Wer es erschaffen hat, weiß ich leider nicht.
Nein, wenn man nur schnell genug mitläuft, ist es kein Problem. Wenn man nur schnell genug schlingt, schnell genug springt, schnell genug arbeitet, schnell genug rennt, schnell genug Ja sagt, schnell genug leistet, scheißt, trinkt, mitschreit, mitmacht, mitläuft. Mitten drin im guten alten Großen Hamsterrad. Die Große Masche. Die Straße der normalen Norm ist schmal geworden. Rechts und links vom Mittelstreifen, wo früher breite Wege waren, ragen nach ein bisschen Teer und Beton schon bald scharfe Ränder aus der Erde. Sie schneiden tief, wenn du drauf trittst, und werfen dich aus der Bahn. Einmal draußen, auf dem grünen Streifen – wo es sich sehr angenehm liegt, wenn du ehrlich bist – ist es schwer, wieder ins Hamsterrad zu kommen. Erstens weil dieses immer schneller dreht, zweitens weil du merkst, dass du es nicht mehr willst. Nicht das Rad, nicht das Tempo, nicht das Etwas. Obwohl du weißt, dass du es solltest. Du kennst ja nichts anderes. Und du weißt ja, dass du, wenn du im Großen Hamsterrad mitrennst, vom Großen Hamster Ende Monat Futter bekommst. Damit deine Backen nie leer werden.
Da. Nimm noch ein bisschen Etwas. Hier. Schau. Es hat genug. [Es ist billig. Da drüben steht die Fabrik. Die Rohstoffe sind einfach hergestellt, vollsynthetisch.] Da, nimm.
Zu salzig!, sagst du. Aber nein, doch nicht salzig. Das muss so! Ehrlich. Glaub mir, das hier ist der Geschmack der Menschen. So wollen sie es. Sie lieben es. Iss!
[Es ist eben nicht alles ein Naturgesetz, was schon immer irgendwie so und nicht anders funktioniert hat.]
Gestern Nachmittag. Ich fahre auf der A35 von Basel nordwärts Richtung Haguenau. Mein Ziel ist, wie immer einmal monatlich, das einsame Gehöft des Liebsten unweit der französischen Grenze, im Süden von Rheinland-Pfalz. Wie immer fahre ich durch Frankreich. Eine Strecke, die sich inzwischen fast wie von selbst fährt, jedenfalls, wenn das Wetter okay ist.
Kurz vor Colmar, es ist halb zwei, wechsle ich wegen der vielen Brummis und des dichten Verkehrs auf den Überholstreifen, wie es vor mir die meisten Personenwagen tun. Da in Frankreich und der Schweiz ja keine Rechtsfahrpflicht gilt, bleibe ich dort, denn das Reinraus, das manche veranstalten, stört meines Erachtens den Verkehrsfluss eher als dass es ihn fördert. Außerdem sind die Lücken zwischen den Brummis zu kurz als dass es sich wirklich lohnt. Obwohl als Höchstgeschwindigkeit hundertdreißig Stundenkilomenter kommuniziert sind, fahren alle vor mir weniger schnell. Immer wieder scheren nämlich Brummis aus, um ihre Vorbrummis zu überholen. Brummirennen nenn ich das. Oder Elefantenrennen.
Ich fahre konzentriert, höre dabei Musik und halte mindestens eine Wagenlänge Abstand zum Auto vor mir, um potentielle Bremsreaktionen abfedern zu können und nicht plötzlich im Heck meines Vorfahrers zu landen. Bremsweg und so. Durchschnittsgeschwindigkeit des Autotrosses sind also ungefähr hundert bis hundertzwanzig Stundenkilometer. Mittleres Verkehrsaufkommen. So fließt es sich aber eigentlich ganz gut.
Jedenfalls bis hinter mir im Rückspiegel ein fetter Mercedes-SUV auftaucht und so nahe an mich aufschließt, dass ich denke: Hoffentlich muss ich nicht unvorhergesehen bremsen (siehe Galerie unten: erstes Bild). Zugegeben, solche Typen nerven mich, aber ich habe mir inzwischen abgewöhnt, mich über sie allzu sehr zu ärgern. In der Regel lasse ich sie bei passender Gelegenheit überholen. Oder eigentlich nur noch bei sehr-sehr passender Gelegenheit, denn ich habe echt keine Lust mehr, für nervende VerkehrteilnehmerInnen meine Ruhe zu opfern und unnötig zu beschleunigen und Bußen zu riskieren. Wenn es passt, lass ich sie natürlich schon vorfahren, aber ich quetsche mich nicht mehr extra für ungeduldige und rasende FahrerInnen in winzige Lücken, für die ich abbremsen müsste. Also bleibe ich auch heute, wie all die Autos vor mir, auf der Überholspur. So weit so gut.
Auf einmal bremst das Auto vor mir brüsk ab. Für mich kein Problem, da ich genug Abstand halte, dennoch muss ich bremsen. Das Problem hat nun der Graue SUV mit Kennzeichen F 405 AK J67 (siehe letztes Bild in der Galerie). Er muss sehr brüsk bremsen und straflichthupt mir zu. Doofmann!, denke ich, und fahre weiter wie gehabt. Als es ein bisschen lockerer wird, kann ich sogar wieder hundertdreißig Stundenkilometer fahren, halt so schnell, wie es die Situation zulässt und die Autos vor mir möglich machen. Noch immer hat es Brummis. Darum bleiben die meisten vor mir auf dem linken Streifen.
Endlich tut sich hinter den Brummis, die ich gerade überhole, eine Lücke auf, die der Graue SUV für ein Rechtsüberholmanöver nutzt um sich dann in die kleine autolange Lücke vor mir einzufädeln. Fast berührte er die Chassis meines Autos. Logisch, dass ich darum heftig auf die Bremse muss, was wiederum den hinter mir in Stress versetzt. Zum Glück hält der aber genug Abstand. Ich lichthupe nun auch den vor mir an. Kindisch zwar und sinnlos, aber menschlich.
Ganz schön gefährlich, was du da machst!, denke ich und fahre weiter. Will heißen, ich will weiterfahren. Kann ich aber nicht, denn jetzt fängt die Trollerei erst richtig an. Der Graue SUV fährt nun nur noch etwa hundert Stundenkilometer, obwohl vor ihm freie Bahn ist. Kurz gesagt: Er bremst mich absichtlich aus.
Blödmann!, denke ich, und wechsle nun doch die Fahrspur, weil ich solche Spielchen nicht leiden kann und weil es jetzt nicht mehr so viel Verkehr hat. Colmar liegt hinter uns. Ich habe nicht mit dem Grauen SUV gerechnet. Der wechselt auch. Direkt vor mich. Ich muss wieder brüsk bremsen.
Mann-mann-mann! Noch immer bin ich so naiv, dass ich mir sage, dass der einfach nur ein bisschen spielen will und nun sicher gleich aufhört. So versuche ich ihn via Überholspur loszuwerden, zumal nun, wie gesagt, der Verkehr lockerer geworden ist und man gut aneinander vorbeikommen könnte. Denkste! Wieder wechselt er vor mir die Spur und lässt mich nicht vorbei. Wieder muss ich brüsk bremsen.
Ich fahre also wieder auf die Normalspur. Diesmal oder vielleicht auch erst beim nächsten Mal – es wiederholt sich ein paar Mal, ich will ihm schließlich ausweichen – lasse ich ein Auto zwischen uns kommen. Doch der Depp lässt sich nun demonstrativ von diesem Auto überholen, damit wieder nur noch er und ich in diesem idiotischen Spiel sind.
Mir ist es längst zu blöd. Keine Ahnung, wie ich anders reagieren könnte. Schließlich lasse ich mich regelrecht zurückfallen, lasse viele Autos zwischen uns kommen, und bin ihn so endlich los. Auf der Raststätte Koenigsbourg muss ich dringend stresspinkeln und mich beruhigen. Ich zittere, Adrenalin strömt durch meine Blutbahnen (oder wo auch immer), und ich bin zu gleichen Teilen wütend und traurig.
Schnell wird mir klar, dass das hier, das eben Erlebte, ein Abbild der Gesellschaft ist.
Nein, ich habe den SUV-Fahrer nicht absichtlich provoziert, aber ich habe mein Ding gemacht, bin in meinem Tempo gefahren, rücksichtsvoll und zielstrebig, aber offenbar hat das Unabsichtliche gereicht, ihn gegen mich aufzubringen. Selbst wenn ich weniger Abstand zu meinem Vordermann gehabt hätte, wäre mein Hintermann nicht wirklich schneller ans Ziel gekommen. Hätte ich ihn vorgelassen (und das habe ich ja schlussendlich), hätte er das gleiche Spiel mit jedem vor ihm gemacht und wäre mit Engaufschließen und Lichthupen weiter und weiter voran gerast. Vermutlich hat er das auch getan, nachdem er von mir abgelassen hat. Und vermutlich lebt er genauso und kommt damit gut zurecht, weil ihn die Leute, dem Frieden zuliebe, vorlassen und oder oder es nicht wagen, sich mit ihm anzulegen. Wieso lassen wir solche Menschen gewähren? Was könnten wir tun?
Ich mag mich doch für mein korrektes Verhalten nicht rechtfertigen müssen. Auch will ich mir nicht von andern diktieren lassen, wie schnell ich fahren soll. Jedenfalls nicht, solange ich mich korrekt verhalte und niemanden gefährde,
Stell dir vor, ich wäre der männliche Flüchtling, der eine hiesige Frau eine Sekunde zu lange anschaut. Oder ich wäre die Linke, die dem Nazi im Einkaufsladen eine Sekunde im Weg steht. Ich wäre … ach, es gäbe viele Beispiele. Hier geht es um willkürliche Gewalt, um absichtliche Schikane, darum, Gefahren für andere auf sich zu nehmen, um einen Menschen auszubremsen.
Seine Motive, die Motive von Trollen, sind mir schlicht unklar. Ich gestehe, meine geheime Hoffnung in solchen Momenten ist die Nacherziehung, die Hoffnung, einen anderen – in meinen Augen fehlprogrammierten – Menschen, zum Nachdenken zu bringen. Aber eigentlich wüsste ich ja, dass das nichts bringt. Dass solche Idioten zu sehr von ihrer Art zu handeln überzeugt sind, als dass sie ihr Handeln reflektieren würden.
Um nicht ebenso kindisch, biblisch, dogmatisch, fanatisch zu reagieren – Aug’ um Auge, Zahn um Zahn –, müsste ich eine bessere Strategie kennen. Im Leben ebenso wie auf der Straße.
Im konkreten Fall denke ich über eine allfällige Anzeige nach. [Doch reichen meine Fotos und die beiden Filmchen denn als Beweise? Und wo müsste ich das machen? Schweiz? Frankreich? Deutschland da EU?] Außerdem will ich doch nicht für einen Idioten wie diesen SUV-Fahrer soviel Energie aufwenden, die ich ja gar nicht habe. Doch genauso denken die meisten von uns. Dann regen wir uns wieder ab und alles geht genauso weiter wie zuvor.
Kurz taucht die Frage auf, ob ich um mein Leben – oder doch um meine Ruhe – bangen müsste, wenn ich dem Idioten eine Buße verursachen würde?
Auf dem weiteren Weg denke ich über die Kräftespirale nach, über die der Liebste schon oft in seinen Blogs geschrieben hat. Kräfte und Gegenkräfte, die sich gegenseitig hochschaukeln. Und am Schluss hat doch niemand gewonnen.
Habe ich etwas gelernt? Vielleicht, dass man Trolle nicht ausbremsen kann? Nein, ich mag einfach nicht akzeptieren, dass es solche Arschlöcher gibt, gegen die man nichts tun kann.
Er hat vermutlich erst recht nichts gelernt, außer, dass schlussendlich jeder seiner Dummheit weicht, außer er oder sie lasse sich auf einen Krieg mit ihm ein.
Sag mir, wie du dich im Straßenverkehr verhältst und ich sage dir, wer du bist.
Bild ohne zu gucken nach hinten. Man sieht trotz Überbelichtung die nahen Lichter.
Da hat er mich das zweite Mal rechts überholt.
Nach der zweiten Rechtsüberholung lässt er mir zuerst ein bisschen Platz zum Gasgeben.
Nach der vorgestrigen zdf-Sendung Viel mehr als Traurigkeit (siehe gestrigen Blogartikel) habe ich mir zwei Apps für Depressive geladen. Die eine, Arya, wurde im Film, resp. nachträglich auf Twitter, empfohlen und ist eine Art Stimmungstagebuch. Bei beiden Apps beschreibt man seinen aktuellen Zustand ein- bis mehrmals täglich. Bei beiden Apps klicke ich zurzeit jeweils das ’Mir geht’s mittelmäßig’-Emoticon an. (Die zweite App heißt übrigens Moodpath.) Wobei: Würde ein gesunder Mensch ohne Vorwarnung aus seiner Haut in meine fahren, würde er das vermutlich eher nicht so kuhl finden. Ich vermute nämlich, dass mein normaler Nullpunkt, könnte man ihn denn messen, tief unter dem Nullpunkt einer/s Nicht-Depressiven liegt. Stichwort Leidensgewöhnung.
Die Depression ist eine persönliche (und wohl auch gesellschaftliche) Reaktion oder Antwort auf all die Diskrepanzen, die ich im Leben erkenne. Mich erdrückt zuweilen und ich leide daran, dass ich all die Erwartungen, die ich an mich, die ich ans Leben habe, nicht erfüllen kann. Ich habe den Hoffnungsvorrat – darauf, dass es sich je ändern könnte –, allmählich aufgebraucht. Andererseits füllt sich dieser Vorrat zuweilen aus irgendwelchen, in mir schlummernden Quellen und aus unerfindlichen Gründen wieder auf. Vermutlich, weil das Leben so funktioniert. Stichwort Selbstheilung.
Und ja, ich glaube, dass es eher heilsam als kontraproduktiv ist, über Depression zu reden und zu schreiben. Das Argument, dass dadurch, dass ich drüber rede, alles nur noch schlimmer werde, weil ich dadurch ja ständig über das Thema, über die Krankheit, nachdenke, entkräfte ich so: Eine Wunde, die du ignorierst, blutet ja nicht weniger, wenn du sie nicht anschaust.
Depression ist eine Krankheit. Wie ein chronischer Herzfehler vielleicht, oder wie ein Bandscheibenschaden. Etwas, das bei guter Behandlung nicht unbedingt die Lebensqualität beeeinträchtigen muss, jedenfalls nicht immer. Aber eben: Dieses Etwas ist da. Und geht nicht davon weg, dass wir es ignorieren oder totschweigen.
Drüberreden hat dazu den Nebeneffekt, dass ich lerne, dazu zu stehen, dass ich bin, wie ich bin. Und dass meine Umgebung sensibilisiert wird für meine Symptome und für die Tatsache, dass das Leben nicht ideal ist. Dass ein Mensch keine Maschine ist. Auch dass die Berührungsängste meiner Mitmenschen gegenüber dem Thema schwinden können, ist ein möglicher Effekt und dass Nicht-Betroffene, jene Menschen, die depressiv sind, anders als nur als Versager, Opfer, Unfähige betrachten lernen. Sind wir nämlich nicht. Wie sagte Herr Bock noch mal so schön? ’Als depressiver Mensch kannst du alles, nur nicht einfach so. Und schon gar nicht immer. Und manchmal gar nicht.’
Und dass ich immer mal wieder über den Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Depression nachdenke, verwundert euch sicher nicht.
Ich gestehe, dass mir Nichtstun nicht leicht fällt. Immer hockt da der leise Innere Zensor, der mich antreibt, etwas Sinnvolles zu tun. Jetzt, mit dem neuen Buchprojekt, würde ich allerdings und sowieso am liebsten immer nur an der Kiste hocken und schreiben. Geht natürlich nicht, weil ich ja auch noch anderes tun muss, soll, will. Oder eben auch mal nichts tun.
Gestern hat mir Irgendlink gezeigt, wie das geht. Und was tue ich, derweil er auf dem Nichtstu-Sofa nichts tut? Ich zeichne. Ihn. Beim Nichtstun.
Irgendlink beim Nichtstun. Skizze gescannt, digital nachbearbeitet und eingefärbt.
Heute habe ich den Vorsatz gefasst, jeden Tag mindestens eine Stunde zu schreiben. Am Buch. (Inzwischen habe ich schon mehr als 2000 Wörter.) Oder etwas anderes Kreatives zu tun.
Wenn ich schon nicht Nichtstun kann, dann will ich wenigstens etwas tun, das mir Freude macht und mir ein gutes Gefühl gibt. Ich habe viel zu lange nichts Kreatives mehr getan – weder sinnlos noch absichtlich. Höchste Zeit also, wieder mit Farben und Buchstaben rumzuwerkeln.
[Aber nun gehen wir raus, ziehen dem Autochen die Winterschuhe an und genießen den sonnigen Tag.]
»Du lässt dich also dafür zahlen, dir deine Träume erfüllen zu können? Nur damit du Ferien machen kannst?« Seiner Stimme war Erstaunen, eine Art Fremdscham vielleicht sogar, vor allem aber Unverständnis anzuhören.
»So mag es vielleicht auf den ersten Blick aussehen. Es ist eher eine Art Tausch: Die Leute, die uns unterstützen und unterstützt haben, bekommen für ihr Geld ein live geschriebenes Buch, sie bekommen tägliche Berichte. Sie können direkt und unmittelbar mit uns mitreisen. Außerdem ist es ja nicht so, dass wir auf Kosten anderer in Saus und Braus leben. Wir wurden für unsere Arbeit des Reisens bezahlt, und ja, das ist eine wunderbare Arbeit, aber wer sagt, dass Arbeit nicht Spaß machen darf?«
Dieses Gespräch hat tatsächlich schon stattgefunden. So und/oder ähnlich.
Crowdfunding ist ein Konzept, das auf Solidarität basiert. Ich habe schon viele andere Projekte (Filme und Bücher vor allem) über Crowdfunding mitfinanziert und so ermöglicht, dass ein Traum Wirklichkeit geworden ist. Diesen Sommer habe ich das erste Mal die umgekehrte Seite erlebt und mich für die Verwirklichung eines Traums unterstützen lassen. Ohne die finanzielle Mithilfe lieber Menschen wäre ich nach #Flussnoten blank gewesen und hätte im August buchstäblich am Hungertuch genagt. Ich verdiene wenig. Zurzeit sogar gar nichts. Und von der Arbeitslosenkasse habe ich noch immer keinen Rappen bekommen. Einenteils habe ich das selbst gewählt (weil ich die Notbremse gezogen und aus gesundheitlichen Gründen gekündigt habe), andererseits ist das natürlich nur ein kleiner Teil der ganze Wahrheit.
Und ja, ich habe mir diesen Sommer mit der Rheinwanderung einen Traum erfüllt und ich habe mir bei der Traumerfüllung von anderen helfen lassen. Nein, Träume in die Wirklichkeit zu holen, in die Realität, bedeutet nicht, dass jetzt und für alle Ewigkeit alles gut ist. Denn auch ein Traum kostet Kraft, treibt Schweiß, strengt an.
Doch was wäre eine Welt ohne Träume, unwirkliche und verwirklichte? Und was wäre eine Welt ohne Solidarität? Ohne den Austausch von Ideen, ohne Inspiration, ohne jene anderen Menschen, die etwas wagen, das man selbst nicht wagt.
Dinge tun, Dinge lassen, Dinge erleben, Dinge besitzen. In dieser Welt voller Dinge, braucht es auch immer wieder das Unding. Die Vision. Das Unfassbare. Die Kunst. Den Ausdruck.
In dieser Welt voller Dinge tat es mir wohl, gestern in einer Wohnung zu Besuch zu sein, in der es nur wenige Dinge gibt. Meine Freundin M. (2) hat beim Umzug neulich – nach dem Auszug ihrer Tochter in eine Studentinnen-WG – ihren Besitz bewusst reduziert und sich auf das Wesentliche beschränkt. Wie jene Romanfigur in einem neulich gelesenen Krimi. Nur noch zweieinhalbtausend Dinge besitzt diese Protagonistin. Wir zivilisierten Menschen des Westens besitzen durchschnittlich hunderttausend Dinge las ich kürzlich. Wenn ich nur schon meinen Schreibtisch angucke, mit all seinen Stiften und Linealen und Gummis und Büchlein und Blöcklein und und und … kann ich mir vorstellen, dass das gar nicht zu hoch gegriffen ist.
Im Sommer, unterwegs am Rhein, genoss ich die Wenigkeit, die ich bei mir hatte, sie war immer noch schwer genug (meine vielleicht hundert Dinge auf dem Rücken und am Leib). Jetzt, wieder im Alltag, wünsche ich mir zuweilen, freier von Dingen zu sein, von Materie, und doch … es ist eine Verbindung, die über die Dinge hinausgeht. Dinge sind Symbole, Erinnerungen, Botschaften. Sie sind Energieträger.
»Geld ist Energie. Geld gibt Energie«, sagte neulich Freundin C.
So habe ich mir also Energie geben lassen, damit ich meine Träume verwirklichen konnte? Das Bild gefällt mir besser als die subtil vorwurfsvolle Frage, ob ich mich für meine Träume bezahlen lasse.
Vielleicht sollten wir uns gegenseitig einfach mehr Energie geben, mehr Traumverwirklichung ermöglichen, einander mehr Raum geben, uns überhaupt viel solidarischer verhalten – besonders dort, wo diese lebenswichtige Absichtslosigkeit im Spiel ist, die nichts anderes will als nichts. Wie das Lachen eines Kindes. Wie Tanz. Wie Wind. Wie der tanzende Klang eines Windspiels.
Das Kind, das ich war, stellte sich Erwachsensein als etwas Großartiges vor. Als Kind sehnte mich nach der Freiheit, die ich mir vom Erwachsensein versprach. Wäre ich erst erwachsen, würde mir niemand sagen, was ich tun müsste. Ich könnte machen, was ich wollte mit meiner Lebenszeit.
Freiheit? Nun ja, die ordne ich heute eher Kindern zu. Und mir fällt dazu ein Satz ein, den mein Vater oft zu mir und meinen Geschwistern gesagt hatte, wenn wir über irgendwelche Einschränkungen lamentierten: Genießt das Kindsein, es ist früh genug vorbei. Und seine Frage an unsere Mutter, die er stellte, wenn er am Abend von der Arbeit nach Hause kam, lautete oft: Konnten sie heute Kindsein?
Über das Peter Pan-Syndrom lese ich dort und dass die Wirtschaft uns Menschen möglicherweise bewusst infantil halte, weil wir auf diese Weise manipulierbarer seien und mehr konsumierten. Mag sein.
Jetzt tu doch nicht so erwachsen!, sagen wir zuweilen, wenn uns ein Mensch mit seinem sturen Verhalten nervt; und ich ertappe mich dabei, dass für mich Erwachsensein zu einem Synonym für Unflexibilität, Sturheit, Humorlosigkeit und grauer Langeweile geworden ist.
Während die Langeweile eines Kindes farbig ist, sonnendurchflutet und Raum für Tagträume schafft, ist jene der Doofen Erwachsenen grau und riecht nach Unzufriedenheit. Nicht vergessen: Doofe Erwachsene unterscheiden sich nicht nur von Kindern, sondern auch von Guten Erwachsenen grundlegend. Während sie im Spiel und Nichtstun keinen Sinn sehen (außer wenn sich dabei etwas messen lässt), stattdessen alles rationalisieren und objektivieren, haben Gute Erwachsene ein Gespür für die Nischen im Alltag, für das Spiel, für die Tagträume, für die Absichtlosigkeit, die sie aus der Kinderzeit in ihren erwachsenen Alltag gerettet haben. Gute Erwachsene haben das Kind, das sie waren, noch immer ganz nah in sich drin, selbst dann, wenn sie sich kaum mehr an Fakten aus ihrer Kindheit erinnern. Sie erinnern sich aber daran, wie es damals war, als noch alles möglich war.
Der dritte mir bekannte Erwachsenentypus ist übrigens der oder die Unerwachsene Erwachsene, auf welchen sich der erwähnte Krautreporter-Artikel vermutlich bezieht.
Wenn ich in den Sozialen Medien manchmal Diskussionen beobachte, sehe ich, wo, was und wie die Guten und wo, was und wie die Doofen und was, wo und wie die Unerwachsenen Erwachsenen schreiben. Wobei. So einfach ist es nicht, denn viele von uns haben mehrere Erwachsenentypen installiert und die Grenzen sind fließend.
Auch die Unerwachsenen Erwachsenen sind meiner Erfahrung nach weitverbreitet. Sie sind die, die auf keinen Fall werden wollen wie die Doofen Erwachsenen. Dass es auch Gute Erwachsene gibt, interessiert sie nur am Rande. Erwachsensein ist ihnen grundsätzlich suspekt, unheimlich. Sie leben zwar in einem erwachsengewordenen Körper, doch ihr Verhalten ist punktuell oder flächendeckend das eines Kindes.
Kindliches Verhalten ist bei einem Kind normal, bei einem Erwachsenen befremdend. (Und umgekehrt ist auch erwachsenes Verhalten bei Kindern befremdend.)
Ob die psychologische These stimmt, dass wir in Lebensbereichen und Lebensphasen, in welchen wir traumatische Erfahrungen gemacht haben, steckenbleiben? Und wenn ja, ob das der Grund ist, warum manche nicht erwachsen werden können? Wäre diese Erklärung aber nicht ein bisschen zu einfach?
Ich frage mich, ob vielleicht auch das Männlein-Verhalten so ein Phänomen unserer Zeit sein könnte? Männlein nennen wir übrigens jene jungen Kerle, die ihren Selbstwert mit Lautstärke (Stimme, Automotor) und potentieller Potenz (schnelles Auto) sicht- und hörbar machen müssen. Im oben genannten Krautreporter-Artikel von Susan Mücke lese ich dazu: »Junge Erwachsene sind auch besonders häufig für Unfälle im Straßenverkehr verantwortlich. Fast jeder fünfte Unfall mit Personenschaden (19,8 Prozent) durch einen PKW wurde von einem 18- bis 24-Jährigen verursacht. Meistens ist eine „nicht angepasste Geschwindigkeit“ dafür verantwortlich.«
Was aber ist es denn, das die Guten Erwachsenen auszeichnet und von den Doofen und Unerwachsenen Erwachsenen unterscheidet?
Der oder die Gute Erwachsene kann
relativieren
Verantwortung übernehmen für das eigene Handeln
Mitverantwortung übernehmen für die Mitwelt
Zusammenhänge erkennen
sich anderen gegenüber, die anders denken, adäquat verhalten
über sich selbst lachen
…
und hat
Gelassenheit
Humor
es nicht nötig, sich zu vergleichen und zu profilieren
Verständnis dafür, dass sich alles ständig verändert
genießen
…
und ist
empathisch
klar
kritikfähig
nicht besitzergreifend
…
Natürlich können auch Unerwachsene oder Doofe Erwachsene lieben, lachen, verantwortungsbewusst handeln und so weiter, doch in meiner ganz persönlichen Differenzierung fehlen ihnen die Tools für Vernetzung und den zusammenhängenden Blick in die Welt. Gerne schieben sie Schuld oder auch nur Verantwortung ab und hängen ihre Fahnen nach dem Wind.
Und ja, auch ich habe doofe und unerwachsene Anteile. Mit meiner Aufzählung will ich darum mir selbst Mut machen (dir vielleicht auch), der Guten Erwachsenen in mir drin mehr Raum zu schaffen und das Erwachsensein mit neuen, positiven Synonymen wie Reife zu füllen.
(PS: Dem augenzwinkernd-satirischen Unterton zum Trotz meine ich das hier eigentlich ziemlich ernst.)
Dieses weiße Blatt – nun ja, kein Blatt, ein Feld, ein Fenster, eine Fläche, ein Spiegel vielleicht sogar –, es sagt, es ruft, es befiehlt: Schreib. Und ich, ich zögere. Schaue diese weiße Fläche an. Und fühle mich leer. Nein, nicht leer, wortlos, nein, auch nicht … desorientiert womöglich.
Nicht, dass ich die Tastatur und das Schreiben auf ihr verlernt hätte nach den drei Wochen Touchscreen-Schreiberei unterwegs am Rhein, eher ist es so, als wüsste das Herz nichts mehr mit diesem Sesshaftsein hier und dem Laptop und dem Hier- und So-Sein anzufangen.
Viereinhalb, fast fünf Tage bin ich nun wieder daheim und es ist ein Daheim, das ich mag. Ein Dorf, in welchem ich mich wohlfühle. Ein Bett, in dem ich gerne schlafe. Ein Bad, in welchem ich mir gerne die Zähne putze, den Spiegel angrinse, die Dusche benutze. Eine Wohnküche, in der ich gerne koche und am Tisch sitze, essend, lesend. Doch, ja, aber … hm, ja, da ist ein Aber. Eins, das sich mir noch nicht so richtig zeigt. Und ich weiß nicht, was es mir sagen will.
Derweil lese ich weiter im Buch von Rachel Joyce, das den schönen Titel Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry trägt. Vor unserer Wanderung habe ich es zu lesen angefangen und nun wandere ich wieder weiter mit Harold, der nach vielen Nächten in Pensionen damit angefangen hat, draußen zu übernachten und dabei – ähnlich wie ich – zu merken beginnt, wie die Natur einen Menschen verändert. Ihn demütiger macht, bewusster, wacher. Noch mehr als ich stellt Harold dabei fest, wie wenig er eigentlich wirklich braucht, um den Weg, den er gehen will, gehen zu können.
Vor ein paar Tagen habe ich über den Kontrast zwischen dem Leben draußen und dem Leben drinnen auf Flussnoten, unserm Rhein-Blog geschrieben. (Dort drüben haben wir in den letzten Wochen über unsere Erlebnisse und Erfahrungen erzählt und dort hat es auch einige wenige Bilder.)
Die meisten Bilder aber haben wir noch nicht gezeigt, selbst noch nicht wirklich angeschaut. So viele Bilder. Ich muss sie erst mal sichten, einige davon auswählen und verkleinern, bevor ich einige hier und auf Flussnoten zeigen kann.
Schreib!, tönt es also, das weiße Blatt, und ich würde gerne. Ich würde gerne dort weitermachen, wo ich – … ja, was? – aufgehört habe? Geht das überhaupt? Immer weiter und immer weitemachen, bloß um …?
Anzukommen?
Wie wichtig ist das Ziel? Und wenn ja, wie sieht es überhaupt aus, mein Ziel? Ist es nicht vielmehr so, dass ich eine Unterwegse bin, eine die geht. Mal schneller, mal langsamer, und dass das Ziel nicht mehr als eine Illusion des Ankommens erzeugt in seiner ganzen Vorläufigkeit? Zugegeben eine erwünschte Illusion, eine wohltuende. Eine, die dem Leben seinen vorläufigen Sinn gibt. Geben kann.
Pause.
Ich erlaube mir inzwischen, häufiger Pausen zu machen als noch vor kurzem. Weil ich sie brauche. Weil ich mich erholen muss. Beim Wandern waren die getrockneten T-Shirts, die getrockneten Socken und Schuhe unsere Pausenmaßstäbe. Was es wohl im Alltag sein könnte? Werde ich mir treu bleiben können im Alltag, mir, meinem wiedergefundenen Tempo und meiner akutellen Gegenwärtigkeit?
Das Gespür für sich selbst. Ich habe es endlich wieder und ich will es nicht mehr verlieren.