Warum ich lese

Twitterspruch_ScharfesF
Tweet von ScharfesF | Twitterspruch von @ScharfesF

Ich scrolle durch die Followerliste einer neu entdeckten Tweetse. Ein bisschen voyeuristisch ist es schon, sich all diese kleinen Profilchen anzuschauen und hinzuspüren, wessen Gedanken mich interessieren könnten.

Vor meinen geistigen Augen entsteht ein weltumspannendes friedliches Netzwerk all der twitternden, bloggenden, fb-nutzenden Menschen, mit denen ich direkt und direkt verbunden bin. Ein Netz, in dem ich auch mit drin hänge. Wie ein Spinnennetz sieht es aus in meinem Kopfkino. Viele miteinander verbundene Menschen, verbunden mit Brücken aus Wörtern, Gedanken, Erkenntnissen. Bei den Twitternden mag ich jene Menschen am liebsten, die eine Mischung aus heiligem Ernst und intelligentem Bullshit zuwege bringen. Ohne dabei doof oder dumm zu sein. Philosophisches mit Humor, mit einer Prise Ironie und Satire, die dem allzu Ernsthaften liebevoll auf die Schulter klopft: Hallo, lach mal, die Welt ist nicht nur grau.

Ich sehe dieses Netz vor mir und fühle dabei die Macht, die wir haben, wir, die wir die Welt lieben und mit unseren Texten und Gedanken dazu beitragen, dass sie nicht in Tristesse versinkt. Die Macht der Schönheit. Die Macht der Phantasie. Die Macht der Freundschaft. Die Macht der Wörter.

Gestern sagte ich zum Liebsten, wie sehr ich am liebsten all die Dinge, die ich liebe, für andere und für mich täte. Kurse geben. Andern Sachen beibringen. Andern Bilder und Geschichten schenken. Andern zeigen, wie man besser schreiben kann. Alles ohne Geld zu nehmen zu müssen. Ohne Rechnungen schreiben zu müssen. Stattdessen hätte ich Ende Monat auf meinem Konto das monatliche Bedingungslose Grundeinkommen. Und sie auch. Er ebenfalls. Wir alle. Was für eine Welt!

Jetzt werde ich doch bald fünfzig und habe noch immer die Idee, das Ideal, die Hoffnung, dass die Welt eine bessere werden kann. Und die Hoffnung ebenfalls, dass ich mit dem, was ich bin und mit dem, was ich kann und habe, eben genau dazu beitragen kann.

Jetzt würde ich gerne als Abschluss einen dieser schlauen Sätze sagen, wie das meine Lieblingstwitternde so gut können. Nein, ich muss zum Glück nicht alles können.

Schließlich braucht es auch das Publikum. Die Lesenden. Mich und dich. Heute habe ich begriffen, dass es eine dumme Ausrede ist, wenn ich sage: Ich verbringe viel zu viel Zeit mit Blogs, Twitter und fb lesen und kommentieren. Im Grunde liebe ich es nämlich, zu lesen, was andere tun, denken, erleben, erkennen, teilen, versuchen, wagen. Und da ich ja nur jenen Menschen folge, die mich ansprechen, schreibt niemand hin, wenn er aufs WC geht. Oder gefurzt hat.

Ich lese von echten Menschen, die in ihren echten Leben etwas erlebt, etwas gelesen, etwas verstanden, gedacht, gefühlt haben. Und darum teilen sie es. [Und wenn ich es nicht lese, liest es vielleicht niemand.] Darum lese ich. Ich lese, weil ich lesen will. Weil es mich interessiert. Weil es mir wichtig ist, zu verstehen, wie andere Menschen ticken. Wie andere Menschen leben und fühlen.

Und noch immer fällt mir kein kluger Schlusssatz ein. So what.

Eine Meinung zu haben

Die Sache mit der Eitelkeit habe ich nie so ganz begriffen. Vielleicht weil ich es bin? Vielleicht bin ich, ohne es je gemerkt zu haben, eitel? Nur weniger bei äußerlichen Dingen als bei Dingen, die ich erschaffe? Schreiben und Bilder kreieren. Vielleicht? Bestimmt!

Eitelkeit bremst Mut. Weil … Eitelkeit fragt: Was denken die andern. Und wenn ich das denke, tue ich womöglich nicht, was ich täte, wenn ich mich das nicht fragen würde. Oder wenn es mir nicht wichtig wäre. Dass mir noch immer so wichtig ist, was die andern über mich und meine Taten denken, stört mich.

Ich freue mich zum Beispiel über jeden einzelnen Follower bei Twitter und im Blog. Echt wahr. Ja, so eitel bin ich! Obwohl ich die Statistiken selten angucke … Ich freue mich vielleicht, weil ich mir so einbilden kann, dass das, was ich von mir gebe, irgendwie von Bedeutung sei. Für andere, meine ich, nicht nur für mich. Und dann fühle ich mich ein klein bisschen wichtiger als ich es in Wirklichkeit bin. Als ob das wichtig wäre. Das Sich-wichtig-fühlen, meine ich.

Denn in Wirklichkeit sind andere Dinge viel wichtiger. Dass sich etwas verändert auf der Welt. Dass wir näher zusammenrücken, dass wir uns solidarisieren mit Menschen, die leiden. Mit Menschen, denen Unrecht geschieht. Unabhängig von Rasse, Nation, Religion. Wie zum Beispiel diese Raumpflegerin, die ich nun schon eine ganze Weile kenne. Die von ihrem Arbeitsgeber ausgenutzt wird, aber nicht kündigen will, weil sie sonst nichts mehr hat. Außer drei pubertierende Kinder, die irgendwann keinen Strom und kein Essen mehr haben würden. Solche Unrecht meine ich, direkt vor der Haustür. Oder anderes Unrecht. Waffenhandel. Menschenhandel. Freiheitseinschränkungen. Charlie in Paris.

Meinung
Twitterpost von @wallnuss

Vielleicht darum haben wir in den letzten Jahren das Eine-Meinung-zu-allem-haben so unglaublich kultiviert? Und auch, weil es möglich geworden ist, technisch meine ich.

Ehrlich gesagt, manchmal weiß ich nicht, was für eine Meinung ich dazu haben soll, dass wir alle zu allem eine eigene Meinung haben sollen. Einerseits ist sie ja genial, diese Möglichkeit als solche. Ich meine, dass es sie gibt. Andererseits ist es verdammt verunsichernd, weil nun alle meinen – auch jene ohne Ahnung vom Thema-was-auch-immer-es-ist, Ahnung zu haben, weil sie doch auf fb oder sonstwo im Internet die Meinung von XYZ gelesen haben. Oder zumindest gehört. Doch es ist ja auch verdammt verwirrend, weil nämlich ABC gesagt hat, dass … Und sie hat ja auch irgendwie recht. Und so plappern wir nach, ohne wirkliche Ahnung und nicht wirklich mit eigener Meinung. Aber keine Meinung zu haben, geht ja auch nicht. Oderrr?

Es ist wie mit den Falten. Die bekommt man ja auch einfach, ob man nun will oder nicht. Die bei den andern, die mag ich sogar. Vor allem die Lachfalten oder die zwischen zwei Bergen, die man Täler nennt. Die Lachfalten erzählen davon, dass der Mensch viel gelacht hat. Hat er viel geweint, müsste er Rinnen haben, eigentlich, aber stattdessen bekommt er eine 20ab8ti-Schnurre*. Und das ist nicht schön. Finde ich. Ich mag diese Falten nicht. Nicht in meinem Gesicht. Nicht in meinem Leben.

Ja. Ich meine natürlich nein, vieles mag ich nicht. Aber es gibt auch vieles, das ich mag. Drauflos schreiben zum Beispiel. Ob das schon unter Eine-Meinung-haben durchgeht? Habe ich denn eine und wenn ja, wozu? 😉

Zur Écriture automatique auf jeden Fall. Es macht Spaß. Einfach drauflos hacken. Und auf einmal weißt du genau, was dich beschäftigt. Das nämlich, was deine Finger in die Tasten hauen. Und nein, das ist keine Satire, bestenfalls ein klein bisschen ironisch.

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* Wie kann ich das bloß übersetzen für meine deutschen LeserInnen? Stellt euch eine Uhr vor, die zwanzig Minuten nach acht Uhr anzeigt. Wie die Zeiger, so der Mund. Und die Falten sowieso -> so irgendwie:  🙁

Und ja, ein bisschen habe ich den Text gekämmt, so eitel bin ich nämlich.

Nicht wirklich, oder?

Ich hoffe ja immer, wenn ich zurückkehre in den Alltag, dass der in den Ferien aufgefüllte Energieakku möglichst lange anhält. Doch noch immer habe ich keine Tricks, wie ich es am besten anstellen kann, nicht allzu schnell wieder in den grauen Trott zu fallen. Zumal die Sonne durch die – zugegeben putzenswerten – Fensterscheiben knallt und mich beinahe blendet.

Nein, grau ist es hier nicht, auch Schnee liegt keiner. Nur Rauhreif. Der will heute nicht weichen. In der Waschmaschine kurbelt die erste Ladung Schmutzwäsche ihre Runden und auf dem Tisch liegt die Buße aus Frankreich, von Heiligabend, und ich nerve mich. Ist das wirklich wahr?

Wie war das noch? Als Schweizerin wird man in EU-Ländern nicht gebüßt? Ha. Ich hatte wohl bisher immer Glück, dass ich auf meinen Fahrten durchs Elsass, durch Lothringen und durch Deutschland noch nie wegen zu schnellem Fahren erwischt wurde? Und jetzt, wegen 7 km/h zu schnell 45 €? Ja, das tut weh. Aber ich bin ja selbst schuld, kein Thema. Es tut besonders weh, weil mein Konto leer ist. Und weil ich das wenige Geld, das ich einnehme, gerne für andere Dinge ausgebe. Für sinnvolle.

Genug gelästert. Denn eigentlich ist es ja schön hier. Das Leben als solches. [Wenn bloß die existentiellen Sorgen nicht wären. Wie war das noch mit dem Vertrauen?]

So viele tolle Projekte sind aufgegleist und eigentlich wäre mein Leben schon dadurch ausgefüllt, diese Dinge umzusetzen. Doch die meisten bringen kein Geld. Oder zumindest noch nicht in der Projekt- und Umsetzungsphase. Und das ist der ganz allgemeine Haken am Leben, am Leben einer Künstlerin im besonderen. Diese Marktmaschine, dieses Hamsterrad von Kaufen und Verkaufen, von Ausgeben und Einnehmen. Dieser stete Zufluss und Abfluss von Materie. Ich weiß, dass ich mit diesem Thema nicht wirklich reif und nicht wirklich erwachsen umgehe (erwachsen im positiven Sinn, nicht als Schimpfwort gemeint). Ich weiß, dass ich viel zu viel Energie verliere mit Sorgen, die ich besser für Vertrauen ins Leben einsetzen würde. Aber die Miete muss bezahlt werden. Das geht meines Wissens nicht ohne Geld. Und so weiter.

Stopp.

Sie fotografieren sich4
Montage aus zwei Bildern, auf denen wir uns zeitgleich gegenseitig fotografieren

Erinnere dich an deine Geschenke.
Erinnere dich an das, was dich nährt.
Erinnere dich an schöne Erlebnisse.
An das, was wirklich zählt.
An die Liebe.

Denn so, mit Jammern und Sorgen, komme ich nicht weiter. [Und nein, so was kann ich nicht bloggen. Eigentlich.]

Ich wollte eh etwas anderes bloggen. Etwas Tolles, etwas Schönes. Ich wollte weitere Bildergalerien aus Südfrankreich ankündigen. Bilder vom Canigou. Noch mehr Tür- und Schlösserbilder. Noch mehr Bilder von unterwegs, schöne und schräge. So etwas wollte ich heute bloggen. Aber.

So teile ich zumindest die beiden Montagen, die ich gestern und heute gepfriemelt habe.

Spaziergang nach Brugg | www.p-i-c.ch
Gestriger Spaziergang nach Brugg | www.p-i-c.ch

Der Konjunktiv des Samens

Ich verabschiede mich bis auf weiteres – vielleicht sogar bis im neuen Jahr von meinen lieben, wunderbaren Leserinnen und Lesern.

Euch und euren Lieben wünsche ich einfach nur das Allerallerbeste für die Rauhen Weihe-Nächte und den Jahreswechsel. Bleibt euch treu – u löht euch jo nie-nüt loh gfalle! (Lasst euch bloß nichts gefallen!)

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Hier noch ein paar Kaugummis, Post-it-Notizen und Sofasophien auf den Weg …

Kann man Erinnerungen wirklich einfach verlieren? So verlieren, wie man Handschuhe und Taschentücher verliert (und Regenschirme)? Und sind sie dann auch einfach weg – weg mit dem ganzen Gefühl, das sie auf der Haut hinterlassen haben, weg mit dem ganzen Gefühl von Wärme und Weichheit …?

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Empathie ist – unter anderem – eine Art auf andere fokussierte Selbstliebe; so gut getarnt, dass kaum jemand merkt, dass das, was du teilst und schenkst auch das ist, was du dir wünschst. Weil du fühlst, was jemand brauchen könnte. Weil du ein fühlendes Wesen bist.

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Vielleicht gleicht die Seele ja einem Samen und weiß alles wie dieser, weiß was aus uns werden könnte, wenn die Umstände ideal wären. Weiß auch, was werden könnte, wenn die Umstände schädlich sind. Der Konjunktiv des Samens. Nur gleicht sie ihm darin nicht, dass der Same keine Wahl hat.
(Notiz an mich: Ist körperliches Leid womöglich ein Ausdruck der Diskrepanz zwischen idealen und schädlichen Voraussetzungen?)

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Eine weitere nerdosophischer-philonerdischer Erkenntnis:
In meiner biologischen Cloud ist immer alles da. Alles ist verfügbar, jede Software (sinnvolle Programme, Malware, Viren) – jederzeit. Ich kann sie downloaden, wenn ich mein eigener Superuser bin. Und wenn ich das Passwort kenne. Es ist meine Verantwortung.

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Möge unsere Kunst unsere Seelen und unsere Säckel füttern.
(Ich mag zum Beispiel Seidenfutterstoff …)

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Synkopenatmung? Das ist, wenn wir zusammen atemlos atmen.
(Na, du weißt schon …)

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Winkewinke und auf bald.

[Kommentare werde ich erst irgendwann oder gar nicht moderieren … 🙂 ]

apt-get install zufriedenheit

Längst bin ich zu einer kleinen Nerdin mutiert. Zu einer Nerdosophin von mir aus. Eine Wandlung, die sich laufend vollzieht und sich in den letzten zwei Jahren noch verstärkt hat, seit ich meinem früheren possessiven Betriebssystem, das auf meinem Rechner installiert war, den Rücken gekehrt habe. Seit ich zur Linux-Anwenderin geworden bin, diesem freien und kostenlosen Betriebssystem, das mindestens so virensicher wie Mac ist. Nein, keine Angst, das was jetzt kommt, wird nicht nerdisch sein, höchstens ein bisschen, aber so, dass auch Nicht-Nerdische es verstehen. Versprochen. Nerdisch? Auch das werde ich übersetzen, versprochen. Jetzt. Hier. Nerds* sind Menschen, die sich exzessiv und leidenschaftlich mit IT, Programmierung, Internet und den Hinter- und Abgründen der virtuellen Technik befassen. Und html können.

Html? Hm, das war doch, das ist doch … Ähm, nein, sorry, keine Ahnung. So irgendwie höre ich dich murmeln und nein, keine Angst, ich werde hier keinen Vortrag über die wichtigste und älteste Sprache des Internets halten. Uns interessiert ja meistens nur, dass etwas funktioniert, nicht wie. Wer nun weiterliest, erfährt nur etwas über die der internetten Sprache zugrunde liegende Philosophie. Denn die Klammer, die Klammer, die gilt es zu verstehen.

Html befiehlt einem Text – kurz gesagt – wie er auszusehen hat. Oder wohin er führen soll, wenn er die Aufgabe hat, etwas zu verlinken. Und damit all jene, die den Text im Internet lesen wollen, nicht über kryptische Befehlszeilen stolpern, geschieht das alles im Hintergrund. Auf einer zweiten, verborgenen Ebene. Hinter den Zeilen, sozusagen, statt zwischen den Zeilen. Bei WordPress einem Content Management System (kurz CMS), also einem Inhalte bewirtschaftenden System, sehen die Benutzenden oberhalb des Fensters, in das sie den Text einfügen, der später den Lesenden gezeigt wird, die Möglichkeit zwischen visuellem und Text-Modus zu wählen. Visuell? Ganz einfach: So sieht der Text nachher aus. Hier kann nach Herzenslust formatiert werden: mit Farben, mit Fettdruck, mit Kursivanzeige, mit Überschriften … Fast wie Word oder Open- & LibreOffice.

Bist du noch da? Nun wird’s nämlich spannend. Ähm. Vielleicht. Hoffe ich. Neben dem visuellen, für alle Augen sichtbaren Modus gibt es, wie gesagt, den Text-Modus. Seit ich diesen vor vielen Jahren entdeckt habe, kann ich nicht mehr ohne ihn. Man spricht bei dem, was er anzeigt, auch von Quelltext. Und nun kommt es, das mit der Klammer (siehe oben). Jener Klammer, die eigentlich Tag heißt. Nein, nicht Tag wie das Gegendings von Nacht, sondern das englische Tag. Na, ihr wisst schon. Aber ich mag halt das Wort Klammer lieber. Verzeiht mir also, ihr andern Nerds, falls ihr hier mitlest. Ich bin ja, wie gesagt, eher so eine Art Philonerdin oder Nerdosophin.

Widmen wir uns also der Klammer. Der Doppelklammer um genau zu sein. Nun ja, die Doppeldoppelklammer um richtig genau zu sein. Denn <> und </> sind die Basis jeden Befehls. Was in der Klammer drin steht, entscheidet später über das Aussehen des visuellen Inhalts. Fettdruck wird zum Beispiel mit den Klammern <strong> und </strong> ausgelöst. Wobei die erste Klammer den Anfang und die zweite Klammer das Ende des fettzusetzenden Wortes oder Satzes anzeigt. [Okay, bei Bildern und überall, wo es keinen Text einzurahmen gilt, braucht es nur eine Klammer, eine, die dafür auch gleich einen Schrägstrich enthält: <img /> bei Bildern oder <br /> für den Zeilenumbruch. Das könnt ihr aber gleich wieder vergessen. Oder auch nicht.] Soll das Fettzusetzende auch gleich noch kursiv sein, werden die Klammern <em> und </em> drumrum gebaut. Doppeldoppeldoppelkammern. Klickt man also das allererste Mal vom visuellen in den Text-Modus, wird man nicht gleich auf Anhieb etwas erkennen, außer Klammern, ähm, Tags. Vor allem, wenn man noch nicht weiß, was die einzelnen Befehle wie strong, em etc. bedeuten. Und darum geht es hier zum Glück für dich nicht. 😉

Hier geht es nur darum, das Prinzip der Klammer zu verstehen, zu verstehen, dass im Verborgenen alles ein wenig anders aussieht. Dass Programme geschrieben und gelesen werden und dass das, was ein Programm für uns macht, eigentlich eine Art Übersetzung ist. Die heutigen Rechner transkribieren die Befehlszeilen im Hintergrund für uns Lesende so, dass unsere Augen nur das Vordergründige, für alle Sichtbare sehen.

Vermutlich ticken auch die Programme, die unserer Bio-Software – Geist, Seele, oder meinetwegen meinem Ich, meinem Leben, meiner Lebenseinstellung, meiner Arbeit – zugrunde liegen, so ähnlich. Html als Analogie für mein Unterbewusstsein, für das Skript meines Lebensbuches?

Erwacht bin ich neulich mit dem Satz apt-get install. Nun verstehst du wieder Bahnhof, richtig? Das war dieser Halbsatz, den Irgendlink damals, als er die Meseta durchpilgert hatte, benutzt hat. Und ich erinnere mich noch heute daran, nach vier Jahren, wie er mir am Telefon erzählt hatte, dass er sich andere Bilder im Kopf installiert habe, um den Weiten der Meseta nicht schutzlos augeliefert zu sein.

Apt-get ist auch so ein Begriff, den wohl nur närrisch-nerdische Linuxen kennen und verwenden. Mit apt-get gebe ich auf der Hintergrund-Befehlsebene, dem Terminal genannten Cockpit, das ein, was ich nicht nur in einem einzelnen Text, sondern auf dem ganzen Rechner verändern will. Apt-get** ist demzufolge die Aufforderung an den Rechner, etwas Grundlegendes zu verändern. Oder etwas aus dem Netz Gefischtes zu installieren. Ich kann auch sagen: Apt-get update. Dann fischt der Rechner alle verfügbaren Updates für alle bestehenden Programme auf dem Rechner aus dem Netz. So kann ich im Betriebssystem Dinge hinzufügen und entfernen.

Natürlich bin ich diesbezüglich noch immer ABC-Schützin, doch das Prinzip ist auch hier einfach: Die Befehle und die Orte, wo etwas hin soll und wo es abgeholt werden kann, stehen in Klammern. Ein bisschen anders als bei html, aber doch im Prinzip gleich.

Du gähnst? Verzeih, aber jetzt kommt’s: Software lässt sich nämlich verändern. Ergänzen. Überschreiben. Löschen.

Und das hier – du hast es geahnt, stimmt’s? – das hier sind alles Metaphern. Gleichnisse für das Menschsein und das ist es wohl auch, was mich an der Technik so fasziniert. Sie ist der Versuch eines Abbildes. Der Mensch schuf sich den Rechner zu seinem Bild (so wie er sich ja auch einst Gott zu seinem Bilde schuf).

Und darum schauen wir uns jetzt die menschliche Festplatte an. Bei der Geburt ist sie leer. Gut, ganz leer ist sie nicht. Da ist ein Betriebssystem drauf, natürlich, und sie ist formatiert. Übersetzen tun wir das hier mal mit Genen, unserem biologischen Erbe, kulturellen Einflüssen, Land, Geschichte … Aber es sind noch keine Dateien drauf, nur ganz viel Raum. Dieser Raum wird jedoch schnell voll und voller. Aus kleinsten Trampelpfaden werden schnell Autobahnen. Laufend werden Programme installiert und ständig Updates nachgereicht. Oft ganz hässliche. Malware. Virenverseuchter Mist auch.

Das Programm, ob du von dir glaubst, ein liebenswerter Mensch zu sein – oder eben nicht –, wird wohl ziemlich bald installiert. Darauf basieren viele der später dazukommenden Programme. Wie auch beim Rechner viele Programme auf bestimmten anderen basieren, mit ihnen zusammenhängen oder sich gegenseitig bedingen. (Notiz an mich: Wenn ich einmal groß bin, werde ich IT-Psychologin, vielleicht).

Darum ist es besonders wichtig zu wissen, dass sich Software verändern lässt. Ergänzen. Überschreiben. Löschen (siehe oben).

Und ja, gute Nachricht: Auch menschliche Programme lassen sich verändern. Nicht ganz so einfach allerdings, zugegeben. Wie das funktioniert, kann ich auch nicht so einfach zusammenfassen. Und ob es auch dafür Formatierungsanweisungen wie die eben erwähnten Klammern, Doppelklammern, Doppeldoppelkammern und Doppeldoppeldoppelkammer gibt, wage ich zu bezweifeln, doch das es geht, habe ich dieses Jahr erlebt. Nicht immer, aber immer wieder. Und es lohnt sich, sein eigenes Betriebssystem kennenzulernen und sich als sein ganz persönlicher sudo*** fit zu machen. Oder Hilfe bei einem Supportservice zu holen.

Ooops, was für ein … Text! Ob ich dafür heute wirklich so früh aufstehen und mich an den Rechner setzen musste? Ich sag nur sudo*** apt-get install zufriedenheit. Und vergiss bloß dein sudo-Password nicht!

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* Na ja, wörtlich übersetzt klingt es nicht so schön (Fachidiot, Computerfreak, Sonderling, Streber, Außenseiter).

** Apt ist die Abkürzung für Advance Packaging Tool, eine Art Paketverwaltungssoftware also.
Mehr darüber für andere Nerds und Wannabes gibt’s hier: http://wiki.ubuntuusers.de/apt/apt-get?redirect=no

*** sudo ist der Superuser mit der Befehlsgewalt über die Installationen am jeweiligen Rechner.

 

Das Rückspiegelding

In Zeiten der Wandlung, in Zeiten der Übergänge wächst das Bedürfnis, stehenzubleiben. Mich umzudrehen. Den Weg zu betrachten, den ich zurückgelegt habe. Ich stehe an einem Hang, sehe hinunter, sehe die Straße, die ich zuerst gegangen bin, dann verlassen habe; eingetauscht gegen einen Wanderweg, schließlich gegen einen Trampelpfad. Ich wechsle und tausche oft. Am meisten Wege und Dinge. Menschen nicht. Auch Überzeugungen nicht. Die wandeln sich wohl, aber im Grunde sind sie mein Grund und Boden.

Ich stehe da und schaue mir die zurückgelegten Spuren dieses Jahres an. Ich war im Sommer zu Fuß auf dem Gotthard, dazu noch in strömendem Regen und ohne die innere Ruhe einzubüßen. Ich habe gelitten, ja, das habe ich. Immer wieder. An mir. An andern. Am Weg. Oft auch auf dieser wunderbaren Wanderung, die dennoch für mich eine Art Wendepunkt darstellt – einen der Wendepunkte dieses Jahres. Ich habe begriffen, dort auf dem Weg auf den Gotthard, dass ich nur auf den Berg komme, wenn ich Schritte tue. Einen nach dem andern. Und dass ich mich nicht mehr gegen die Steigung wehre. Dass ich Ja zur Steigung sage, zum Schmerz, zur Anstrengung, zum Regen, zum Schweiß auf der Stirn (auch zu dem unter der Regenjacke), Ja zum Weg, den ich gehe. Weil ich ihn selbst gewählt habe. Und das im Grunde jeder Schritt ein Same ist, ein Same aus dem neue Wege wachsen können.

Ich stehe da und schaue mir die zurückgelegten Spuren dieses Jahres an und ich sehe, wie ich die ersten Monate dieses Jahres wichtige und ganz und gar unvernünftige Entscheidungen getroffen habe. Entscheidungen, die Mut erforderten. Einem Sprung aus dem Helikopter gleich. Freier Fall. (Und ja, natürlich trage ich einen Fallschirm …) Ich habe den Sprung nie bereut, nie, aber ich weiß noch nicht so genau, was danach kommt. Und ob ich noch fliege oder schon gelandet bin. Oder ob ich ab jetzt immer fliegen werde. Und ob das mein neues Leben ist.

Ich stehe da und schaue mir die zurückgelegten Spuren dieses Jahres an. Sie sehen zwar chaotisch aus und ziellos, weil ich es ja nicht so mit den Zielen habe, dennoch folgen sie einer Richtung. Und die Richtung kenne ich gut. Auf den Wegweisern, die ich passiert habe, ist mein Herz drauf codiert, nur für mich sichtbar. Ihnen bin ich gefolgt, auch dann, wenn andere den Kopf geschüttelt haben. Wovon willst du denn leben?, habe ich mich oft gefragt und nein, ich habe meine Antwort noch nicht wirklich gefunden. Dass ich von meiner Selbständigkeit noch nicht leben kann, habe ich gemerkt. Zu wenig liegt mir das Selbstvermarkten. Doch ich lerne. Ich lerne zu mir zu stehen. Mich nicht mehr immer klein zu machen. Den Kopf dort tragen, wo er hin gehört. Oben. Ich lerne mir zu trauen. Und ich lerne mich zu trauen.

Ich stehe da und schaue mir die zurückgelegten Spuren dieses Jahres an. Mir ist viel Heilung zuteil geworden. Letztendlich durch mich selbst. Weil ich Schritte gewagt und getan, Werkzeuge angenommen, einige Dinge und einige Menschen losgelassen, andere Dinge begriffen und andere Menschen eingelassen habe (die das jetzt lesen und sich betroffen fühlen: gut so, ihr seid gemeint!). Weil ich gewählt habe. Weil ich weise, verrückte und unbequeme Entscheidungen getroffen habe. Weil ich einiges verstanden habe (und das Meiste noch immer nicht, aber das ist in Ordnung so).

Ich stehe da und schaue mir die zurückgelegten Spuren dieses Jahres an. Danke!, sage ich, danke, mein Weg. Danke, ihr Menschen an meiner Seite. Danke, Liebster, danke Freundinnen und Freunde, danke Wald, danke Berg, danke Bäume, danke Steine … Mir rinnen Tränen über die Wangen. Dankbarkeit ist in jeder Zelle. In jeder Zeile. In jedem Wort. Denn ich sentimentaler Sack fühle mich seit vielen Jahren das allerallererste Mal schon eine ganze Weile ziemlich gut. Manchmal sogar sehr gut. Und ich fühle mich sogar im Dezember wohl. Das Kind in mir hat zu sich selbst zurückgefunden und freut sich über das Geheimnis hinter dem ganzen Weihnachtskommerz.

In Zeiten der Wandlung, in Zeiten der Übergänge wächst das Bedürfnis, stehenzubleiben. Mich umzudrehen. Den Weg zu betrachten, den ich zurückgelegt habe. Doch jetzt wende ich mich dem Weg zu, der vor mir liegt. Ich tue den nächsten Schritt. Ich atme tief ein und aus und ich freue mich auf das, was kommt. Weil da – trotz allem Bullshit – so viele und so vieles eben auch gut ist. Da ist nicht nur Leid. Da ist nicht nur Schmerz. Da ist nicht nur Krieg. Da sind nicht nur traurige, verletzte, enttäuschte Menschen, da sind auch viele, die mit ihrem Mut dem Schmerz trotzen. Die mit ihrer Musik der Not entgegentreten. Die mit ihrer Kraft andere aufrichten. Die mit ihren Worten, andere bezaubern. Die mit ihren Taten, anderen ein Lächeln schenken.

Wir sind viele, die das Wohl und die Zufriedenheit und das Miteinander fördern. Wir sind vermutlich sogar viele mehr als wir denken.

Ich gehe einen Schritt nach dem andern und ich weiß, dass ihr alle da seid.

Danke.

(Das war mein Happy 2014, liebe Sarah!)

Fallobst: Runtergefallen, aufgefallen, aufgelesen.

Wir alle wollen wichtig sein. Follow me! Teile! Like! (Meine Beobachtung des menschlichen Verhaltens)

Wer und was ist mir überhaupt wichtig? Und warum?

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Die Leistungsfähigkeit definiert den jeweiligen Lebenswert. (Meine Beobachtung des menschlichen Verhaltens)

Was ist mein Wert? Kenne ich ihn?
Was ist dein Wert? Kennst du ihn?
Mag ich mich auch dann, wenn ich nichts leisten mag?
Magst du dich auch dann, wenn du nichts leisten magst oder kannst?

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Wir gehorchen deshalb so gerne, weil wir zu faul zum Selbstdenken sind. (Meine Beobachtung des menschlichen Verhaltens)

Wann habe ich das letzte mal meiner inneren Stimme gehorchen? Lag sie richtig?

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Könnte ich mich doch nur besser und länger konzentrieren! Oft geseufzter Gedanke. Ich lasse mich ständig ablenken. Ich lasse? Wie bewusst lasse ich mich auf Ablenkung ein? Vielleicht, weil ich mich so den wirklich wichtigen Themen, denen ich mich eigentlich aussetzen will, doch nicht stellen muss? Laufe ich gar vor der Konzentration davon? Alles Ausreden! Ausreden für mich selbst, damit ich mich nicht an mir selbst messen muss, und an meinen unerreichbar hohen Ansprüchen an mich selbst. Ich vermeide so – Ablenkungseidank – ein vermutetes Scheitern und ich merke dabei, dass mich beides gleichermaßen ausbremst: Die viel zu hohen Ansprüche an mich selbst ebenso wie meine Bereitschaft zur ständigen Ablenkung. Als würde ich mir und meinem Weg misstrauen. (Selbstbeobachtung)

Traue ich mir? Traue ich mich?

~~~

Ich: Weichen neu stellen? Ja, ich mach das auch oft. Wenn es not-wendig ist. Allerdings eher weniger auf Schienen und Weichen, die sich ja nur schwer und dazu noch in bereits vorgebauten Spuren bewegen lassen, bin ich eher auf Waldwegen unterwegs. Auch gerne im Unterholz. Tja. Und dort gibt es immer wieder Neues zu finden.

Fatima: Ich befürchte, wenn wir einfach so vor uns hinleben, geht das nur auf vorgespurten Bahnen. Ins Unterholz gelangen wir nur durch Absicht und bewusstem Aus-der-Bahn-werfen. … es sei denn, man ist ganz ohne Absicht aus der Bahn gesprungen. Dann ist man ebenfalls im Unterholz. (Facebook-Dialog zwischen mir und Fatima)

Wage ich es immer mal wieder, die ausgelatschen Wege zu verlassen?

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Da capo al fine. Al fine? Gibt es den letzten Ton? Irgendwann? Und wie klingt er wohl?

Reizwörter #1 – Schuld und Scham

Ich beginne heute mit einer unregelmäßigen Serie mit Texten zu Reizwörtern.
Wörter, die reizen, haben wir alle.
Wörter, die uns auf der Zunge liegen, oft viel zu oft;
Wörter, die uns schmerzen,
Wörter, die wir meiden.
Dazu werde ich frei assoziieren und danach möglichst wenig verändern – allenfalls Tippfehler entfernen. Es werden deshalb ziemlich rohe Texte sein, art brut littéraire sozusagen. Ihr könnt mir gerne Wörter nennen, die ihr vom mir „bearbeiten lassen“ möchtet. Und wenn ihr Lust habt, könnt ihr diese Reizwörter-Idee bei euch in den Blogs gerne weiterspinnen.

 
*****

Scham und Schuld

Etwas müssen wir uns doch von unserer ständigen Scham erhoffen, etwas müssen wir uns doch von unseren steten Bitten um Verzeihung versprechen? Würden wir uns ständig schämen, würden wir uns immerfort schuldig fühlen, wenn wir davon nichts hätten? Und das Fremdschämen erst, was erwarten wir uns davon?

Ich schüttle das Sieb, die Fragen darauf sind hartnäckig. Sie passen nicht durch die Löcher, verkleben sie nur, bleiben hängen, lassen mich ohne Antworten zurück.
Im Becken darunter die Leere.
Leere.
Leer.
Mein Becken.

Schuld? Ent-schuld-igung heißt doch Nimm die Schuld von mir, die ich mir aufgeladen habe.
Die ich glaube, mir aufgeladen zu haben.
(Wieso lasse ich mir etwas aufladen? Bin ich es gar selbst, die auflädt und wieso? Und wieso fühle ich mich dir gegenüber schuldig?)

All diese Dinge, für die ich mich schäme.
Weil ich nicht gut genug bin.
Weil ich eine falsche Entscheidung getroffen habe.
Weil ich etwas nicht weiß.
Weil ich etwas nicht kann.
Weil ich etwas kann.
Weil ich mehr weiß und mehr kann, als andere.
Weil ich etwas getan habe. Etwas gutes vielleicht sogar.
Weil ich die bin, die ich bin.
Weil ich bin.
Weil ich.

Und dafür die Scham.
Die Schuldgefühle.
Dafür.
Deswegen.

Ich baue Schuldtürme aus Dingen. Aus Definitionen. Bald werde ich einen Kran brauchen.
Ich bin zu klein um die neuen Steine oben drauf zu legen.
Ich bin zu klein für meine Schuld.
Ich schäme mich dafür, dass ich so klein bin.
(Obwohl ich groß wäre, innendrin, aber niemand als ich weiß es.)
Ich schäme mich dafür. Darum ziehe ich schon wieder den Kopf ein. Wie immer.
Ich habe mich an die Scham gewöhnt.
Ich habe mich daran gewöhnt, an allem Schuld zu sein.
Ich lade mir die Schuld der Welt auf die Schultern. Immer mehr.
Ich breche zusammen.
Ich kann nicht mehr.
Endlich.
Ende der Schuld.
Scham stirb.

 

(Assoziatives Nachdenken über die Reizwortthemen Schuld und Scham)

Ziemlich aufgeblasen

Stellt euch einen Schweizer Kindergarten* vor. Früher. Vor neunundzwanzig Jahren. Wir sitzen im Kreis. Ich bin die Azubi-Kindergärtnerin und erzähle ein tolles Bilderbuch. Wie es geheißen hat, weiß ich heute leider nicht mehr, nur dass ich es gewählt habe, weil wir das Thema Angst durchnahmen. Ausgelöst hat diese Diskussion ein Gespräch, das meine Ausbildnerin mit der Mutter eines Kindes geführt hatte. Eines der Kinder, ein Bub, wurde zuweilen von den andern gemobbt. Er war zwar der Größte und Stärkste und verhielt sich oft sehr grob, doch wenn ein paar Kinder zusammen auf ihn los gingen, weinte er schnell. Kurz und gut: er hatte Angst, was seinem Gruppenverhalten nicht unbedingt zuträglich war. Im Gegenteil. Er wurde noch unzugänglicher und er träumte schlecht. So etwas gab es auch schon vor neunundzwanzig Jahren. Wir befinden uns übrigens in einem kleinen Dorf mit fast null Prozent Ausländeranteil.

Alle oder jedenfalls viele gegen einen also.

Im Buch, das ich erzählte, ging es um ein Monster, das den kleinen Protagonisten verfolgt. Oder war es eine Protagonistin? Das weiß ich nicht mehr. Stell dir einfach dich vor. Dich in groß oder dich als Kind.

Die Illustrationen zeigen, wie die Hauptfigur davonrennt. Mitten hinein in eine dunkle, tunnelartige Häuserschlucht. Hinter ihr her rennt das Monster, als dunkler Schatten, als riesige Fratze an die schwach erleuchteten Hausmauern geworfen. Auf jeder Buchseite, die ich umblättere, kommt es näher, und wir, die Kinder und ich, überlegen, was es wohl ist, wer es sein könnte, was es von uns will und warum. Ich meine mich zu erinnern, dass es ganz tolle Gespräche gab.

Seite für Seite wird der Schatten gespenstischer und kommt näher.

Schließlich gelangt die Hauptfigur in eine Sackgasse. Sie kann nicht mehr weiter, kann nur eins: Sich umdrehen, sich dem Monster stellen. Und das tut sie.

Hinter ihr entdecken wir nun einen kleinen Hund, der wedelnd und glücklich endlich den Stock auf den Boden legen kann und um ein Lob oder Goodie bettelt.

In echt ist das Monster zwar meist nicht so harmlos, doch oft weniger bedrohlich als wir denken, solange wir vor ihm davon laufen.

Im zweiten Teil meiner Angst-Lektion vor neunundzwanzig Jahren verteilte ich Papiertüten, die ich zuvor beim Dorfbäcker gekauft oder geschnorrt hatte. Leere Brottüten. Die Kinder setzen sich an die Tische und malen auf das Brotpapier ihr ganz persönliches Monster. Später, zurück im Kreis, blasen wir alle gleichzeitig unsere Monstertüten auf und … ja, wir machen sie … kaaa-putt.

Die Gesichter hättet ihr sehen sollen.

Brottüten gibt’s zum Glück auch heute noch. 🙂

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Danke Ulli! Ausgelöst von einem Kommentar an dich zum letzten Artikel ist mir diese kleine Geschichte wieder eingefallen.

* In der Schweiz sind die Kinder damals in der Regel als Fünf- und Sechsjährige in den Kindergarten gegangen. Es ging dabei vor allem um die Förderung sozialer Kompetenzen und anderer Softskills. Heute ist es ein bisschen anders, ich bin nicht auf dem neuesten Stand.

Mehr als Rädchen sein

Ohne Erwartungen leben – geht das? Wie reif und erleuchtet man dazu sein muss, weiß ich allerdings nicht. Nur dass ich das nicht bringe. Und, so sehr ich es nicht mag, wenn andere von mir etwas erwarten, ich tue es auch – ich habe Erwartungen. An mich und an andere. Und an das Leben. Oft völlig unreflektiert, meistens sogar.

Andererseits bin ich immer wieder abgehauen, wenn die Erwartungen anderer an mich zu groß geworden sind. An Arbeitsstellen oder in Beziehungen. Wenn ich festgestellt habe, dass ich andern in erster Linie als Projektionsfläche diene und nicht als die Person, die ich bin, als die Frau, der Mensch, gesehen werde, sondern als funktionierendes Rädchen im Getriebe einer Beziehung, eines Arbeitsverhältnises. Man kann mich, wegen meiner Fluchten, feig nennen, und vielleicht bin ich es auch, doch das spielt hier keine Rolle, denn hier und heute will ich mal wieder schreibenderweise über das Leben sofasophieren. Über die Gesellschaft auch. Und wenn wir schon dabei sind auch gleich über die Politik. Alles im gleichen Aufwisch. Achtung: Triggerwarnung. Auch der Tod kommt in diesem Artikel vor. Denn wenn wir schon über das eine, das Leben, reden, kann das andere nicht weit sein.

Wer weiterliest, ist selbst schuld. 🙂

Das blaue Boot hat angelegt. An meinem Steg. Anders als letztes Jahr, wo es mich sozusagen entführt und auf der blauen Insel eine Weile lahmgelegt hat, hat es sich diesmal angekündigt. Diesmal spielt mein blaues Monster, das Kapitänum des blauen Bootes, mit offenen Karten. Wir beide wissen Bescheid, denn seit ich mein Medikament nehme, sehe ich die Welt anders. Nicht netter, aber klarer. Das Medikament ist meine Brille, die den ewigen Lebensgraufilter von meinen Augen genommen hat. Ohne diesen Graufilter konnte ich in den letzten Monaten vieles aufräumen. Ich bin in meine Kellerräume gestiegen und habe die hintersten und ältesten Kisten geöffnet. Viel Dreck. Viel Mist. Viel Schmerz. Mäusekot. Schwere Kost. Nein, ich habe mich nicht geschont. Ich habe hingeschaut. Und dann habe ich ein Feuer gemacht, im Garten, und vieles verbrannt. Ich bin durch. Mittendurch. Ich habe keine Angst mehr von dem, was noch in mir drin zum Vorschein kommen könnte. Diese Ängste sind gebannt. (Denke ich jetzt und heute. Und ich hoffe, dass dem so ist.) Doch ob ich mit meiner neuen Werkzeugkiste dem blauen Monsterboot diesmal trotzen kann, werde ich sehen. Ich bin zuversichtlich. Obwohl ich mich auch ein wenig fürchte.

Angst habe ich eher vor der Welt da draußen, der ich auch angehöre. Im vorletzten Artikel habe ich darüber geschrieben, wie anstrengend es oft für mich ist, dass ich hinter jedem Wort, das ich lese und höre immer auch den Menschen spüre, der es gesagt oder geschrieben hat. Und dann natürlich zu wollen, dass es ihm oder ihr gut geht. Und natürlich ist es größenwahnsinnig, zu glauben, dass ich die Welt allen Menschen so machen kann, dass sich alle sicher und geliebt fühlen. Dennoch ist es eine ewige Hoffnung in mir, dass wir alle zusammen uns gemeinsam in diese Richtung bewegen. Doch weil es noch nicht so ist und weil wir noch alle (oder zumindest die meisten) zuallererst daran denken, den eigenen Bauch zu füllen, gibt es eben dieses Ungleichgewicht, die Krankheit der Gesellschaft. Neulich las ich bei Irgendlink über diese geniale anarchistische Idee, alles Gut (und Schlecht?) auf einen Haufen zu legen und neu zu verteilen. Das erinnerte mich an das neulich hier im Blog beschriebene Experiment, bei welchem sich Menschen aus einer Schüssel so viel Geld nehmen durften wie sie brauchten. Und wie das mit Selbstwert zusammenhängt. Mit unserem Denken über uns selbst. Über die Selbstwertschätzung und die Wertschätzung aller andern uns gegenüber.

Heute Morgen habe ich auf einmal verstanden, dass es nicht die Selbstliebe ist, die mir für mich und meine Zufriedenheit fehlt, sondern eine Art Bumerang- oder Spiegelakzeptanz der Menschen da draußen. Denn mir selbst und meinen geliebten Menschen geht es gut mit mir. Wenn ich aber unterwegs im öffentlichen Raum bin, auf Ämtern, im Zug, im Garten, im Laden möchte ich nichts anderes als alle andern einfach zu respektieren und von ihnen respektiert zu werden. Nicht denken: Was denkt der oder die von mir, wenn ich so und so? (Denn damit bewerte ich ja sowohl mein Verhalten als seltsam und traue den andern andererseits nicht zu, mich nicht zu bewerten.) Im Grunde kann es mir ja völlig egal sein, was unbekannte (und bekannte) Menschen von mir denken. Ein bisschen anders ist es in Umgebungen, wo man entweder als Bittstellerin oder Kundin auftritt. Da möchte ich als Mensch gesehen werden, als der Mensch, der ich bin. Mit meiner Geschichte. Nicht als Nummer. Nicht als Fall. Da möchte ich einfach nur akzeptiert werden. Und ernstgenommen. Wahrgenommen und respektiert nicht einfach nur geduldet. Ja, ich habe Erwartungen, wie gesagt.

Und nun stell dir bitte mal eine Wippe vor. Oder eine Waage. Eine Schaukel. Ein Pendel. So ist unsere Gesellschaft. Nie ausgeglichen, immer rauf und runter. Immer hin und her. Immer in Unruhe. Vielleicht ist ab und zu eine Gruppe ruhig, ausgeglichen. Oder sogar mehrere. Aber nie alle. Muss ich das als Fakt akzeptieren und kann ich mir dennoch wünschen, dass es anders wird? Keine statische Ausgeglichenheit, denn das wäre Stillstand, Tod, nein, auch die Extreme haben wohl ihren Sinn. Sie gehören zum Menschsein dazu, das wir alle darstellen, und zur Lebenserfahrung, die wir sammeln. Und so haben wir Menschen also ausgetestet, wie sich Kapitalismus anfühlt. Viele haben auch den Kommunismus erlebt. Zumindest eine Form davon oder mehrere. Weder mit dem Kapitalismus noch mit dem Kommunismus wurde die Menschheit langfristig zufriedener (Muss sie das? Und wer sagt das? Wäre sie dann noch so manipulierbar, wie sie es ist?).

Da sind so viele Lecks. In mir, in uns. Und so versuchen es die einen mit Selbsterfahrungen bis zum Exzess und andere geben sich dem Leben in einer Gruppe hin, ebenfalls exzessiv. Alle auf der Suche nach ihrem Glück und ihrem Lebenssinn. Und ich frage mich, ob das wirklich funktionieren kann.

Müssen wir nicht erst einmal zu Grunde gehen? Uns unserer Dunkelheit stellen?
Dahin, wo es am dunkelsten ist.
Dann uns abstoßen, vom Grund, auftauchen, die Lungen füllen.
Und endlich authentisch leben.

Denn ich ahne, dass wir unterwegs etwas wesentliches verloren und vergessen haben, unterwegs durch die schnelle Zeit.

Das hier:

Um beruflichen Erfolg zu erlangen und in der Männerwelt ernst genommen zu werden, haben viele Frauen angefangen, ihre weibliche Seite zu unterdrücken. Nun haben manche zu ihrer Weiblichkeit und gar ihrem Körper eine ablehnende Haltung entwickelt.
Die Frau repräsentiert das Leben, das Sanfte, (weibliche) Intuition, Mitgefühl. Sie steht für das Fließende. Nicht nur ihr Blut fließt alle vier Wochen, auch das Fließen der Gefühle und der Liebe ist gemeint.
Es ist für unser aller Wohl, nicht nur für das der Frau selbst, dass wir unsere weibliche Seite wieder entdecken und ausleben. Männer sind nicht besser als Frauen, und Frauen nicht besser als Männer – wir sind einfach anders. Und wir sollten aufhören etwas anderes sein zu wollen, als was wir sind.

Quelle. http://www.awakeningwomen.de/2014/11/18/ganz-frau-sein/

Wir alle sind alles. Ich habe männliche und weibliche Anteile. Du auch, er und sie ebenfalls.

Ich plädiere für Ausgewogenheit. Für den Weg in unsere Mitte. Für ein wahrhaftiges Hinspüren. Ja, auch ihr, Männer, seid gemeint. Warum nur haben wir so Angst vor unseren Gefühlen? Weil wir dabei etwas in uns entdecken könnten, von dem wir verlernt haben, wie man damit umgeht? Oder es gar nie gelernt haben?

Seit ich in meiner Zwischenwelt, in meinem neuen Leben lebe, will heißen, seit ich nicht mehr angestellt bin, stelle ich fest, dass ich wieder viel mehr fühlen kann. Dass ich mich viel weniger nach außen hin abschotte, dass ich wieder viel mehr hinschaue, bei mir, bei andern. Und ja, das tut manchmal verdammt weh. Und vielleicht habe ich ja darum so Angst vor der Welt da draußen? Weil da noch viel mehr Schmerz ist, verdichtet in jedem einzelnen Menschen. Und meistens nur deshalb, weil sie ihn nicht zulassen, den Schmerz, und seine Auflösung auch nicht.

Ich behaupte, dass die meisten Handlungen motiviert von unseren Wunden sind. Wäre es da nicht sinnvoll, sich mal um die Heilung derselben zu kümmern, um so die Grundlage für andere, weisere Handlungsansätze zu schaffen?

Die Natur holt sich ja doch immer, was sie braucht. Auch unsere innere Natur. Pendel. Vielleicht ist das sogar der Schlüssel zu den Erwartungen? Aktion – Reaktion. Instantkarma. Nein, ich nenne es nicht Schuld und ich spreche nicht von Busse und Sühne. Mit diesem Weltbild wurde schon zu viel kaputt gemacht. Aber ich glaube an Naturgesetze, an das Gesetz der Anziehung auch und an das Echo der Bergwand. Und ja, ich glaube an die Liebe.