Achtung, Spoilergefahr!

»Spoiler-Phobie. Die kurze Geschichte eines neuen Phänomens | Geschichten der Gegenwart | Nur wenige Dinge sind so verpönt wie das Spoilern eines Films oder einer Serie. Dabei ist der Spoiler ein junges Phänomen.«
So übertitelt Simon Spiegel einen spannenden Artikel, in welchem er unser Verhalten bei Filmen und Serien (und unser Leseverhalten) untersucht.

Während ich den Artikel lese, wird mir schnell klar, dass ich anders ticke, denn ich lasse gern spoilern. Nicht immer, aber jedenfalls definitiv nicht nicht. Ganz oft recherchiere ich bei Büchern oder Filmen, die ich gerade lese oder gucke parallel dazu die Geschichte und ihre Hintergründe. Nicht selten erfahre ich so absichtlich den Ausgang der Geschichte. Mich stört es nicht, wenn ich bei Krimis schon im Voraus weiß, ob X oder Y stirbt, überlebt und wer der Mörder oder die Schurkin ist. Dieses Wissen stört mich nicht, manchmal hilft mir das sogar, die zuweilen schier unerträgliche Spannung auszuhalten.

Ja, klar, ich mag Spannung, aber noch mehr mag ich gut erzählte Geschichten. Also die Geschichten an sich. Ich lausche. Ich bin lesend und Filme schauend unterwegs mit der Geschichtenerzähler:in, mit den Figuren. Und obwohl ich weiß, wie die Geschichte endet, bin ich während des Lesens oder Schauens dabei. Es kommt mir letztlich mehr auf die Geschichte, auf die Erzählung, auf den Weg an sich an als auf das Finale.

Am liebsten würde ich ja auch bei meinem Leben vorausgucken können – den Schluss lesen –, und vom Ende aus meinen aus heutiger Sicht zukünftigen Weg betrachten, und den unseres Planeten mit all den vielen Lebenwesen darauf. Werde ich, werden wir als Gesellschaft die Kurve noch schaffen– oder eher doch nicht? Wie es wohl weitergeht, mein Leben?

Bergluft mal wieder

Es lebe der Zufall. Ohne ihn wären wir gestern nämlich nicht auf der Rigi gelandet, der Liebste und ich.

Nach einem (unangenehmen) Termin an den Ufern des Vierwaldstättersees und einem kleinen Seespaziergang, beschlossen wir – um der Wohltat willen – noch einen kleinen Ausflug in dieser wunderschönen Umgebung zu machen.

Küssnacht, sagt Irgendlink. Die Hohle Gasse. Erinnerungen an unsere erste Langstrecke-mit-Zelt-Wanderung vor vielen Jahren wird wach. Der Reuss von ihrer Mündung in die Aare folgend zu ihrer Quelle bei Gotthard-Hospiz waren wir gewandert. Den Vierwaldstättersee allerdings hatten wir nicht abgewandert, obwohl dieser ein Reussgewässer ist, sondern ihn mit dem Schiff durchquert. Ein Regentag war es gewesen und uns beiden die Schifffahrt noch in bester Erinnerung. War es Küssnacht gewesen, Küssnacht am Rigi, wo wir damals das Schiff bestiegen haben? Wir wissen es beide nicht mehr soo genau*. Egal. Wir fahren da jetzt einfach mal hin beschließen wir.

Unterwegs ist sie immer im Blick, die Rigi. Was für ein schöner Berg. In Küssnacht locken Bergbahnschilder in die Höhe und eins, das den Weg zur Gesslerburg weist. Da könnten wir eigentlich hin, sagt Irgendlink, was meinst du? Doch dann verpasst er den Abzweig und wendet. Und auf einmal – echt jetzt, so war das nicht geplant! – sind wir auf der engen Bergstraße hinauf auf die Rigi, respektive zur Seebodenalp auf 1000 m ü. Meer.

Wir mäandern uns motorisiert den Berg hoch. Das Ausweichen wird zum Abenteuer – zum Glück ist mein Autochen so winzig – und die Aussicht je länger je spekatkulärer. Es ist das perfekte Wetter für diesen Ausflug: flauschige Wolken, ab und zu ein Nebelfeld, dann wieder Weitblick.

Der Parkplatz ist zu zwei Dritteln voll, als wir gegen Mittag ankommen, und die Gebühren erschwinglich. Und sogar eine Toilette gibt es, denn ich muss schon wieder. Während ich mich erleichtere, findet Irgendlink auf dem Wanderwegweiser einen Panoramarundweg (‚Panoramaweg Gletscherspur‘), der etwa anderthalb Stunden dauern soll. Perfekt. Wir packen das Futter ein, das wir am frühen Morgen vorbereitetet haben. Am frühen Morgen hatte ich wie immer kaum etwas essen können und war entsprechend hungrig.

Bei der ersten Bank, die wir finden, unter einem der vielen Bergkreuze, die hier herumstehen, setzen wir uns hin, genießen die Aussicht und das kleine Picknick. So komme ich wieder zu Kräften. Das ungewohnt frühe Aufstehen noch immer in den Knochen, das meinem Kreislauf selten gut bekommt, atme ich hungrig die frische, kalte Bergluft ein. Wie gut das tut!

Zwar sind viele Leute unterwegs, doch da es unterschiedliche Wanderwege gibt – auch einen hoch zum Berggipfel –verteilt sich alles auf gute Weise. Wir genießen die Ruhe, die Weite, die Sonnenstrahlen. Ein schön gepflegter Weg ist das und die Infotafeln unterwegs erzählen von Flora und Fauna, die hier zuhause ist.

Kurz vor dem Ende der Rundwanderung setzen wir uns ein weiteres Mal auf eine sonniges Sofa und laden unsere sonnenhungrigen Herzbatterien nochmals so richtig auf, obwohl es letztlich winterlich kühl ist hieroben. Zurück auf dem Parkplatz mäandern wir wieder ins Tal hinunter – diesmal mit deutlich mehr Gegenverkehr, was nicht immer ganz einfach ist. Die Straße ist schmal.

Toll war das, Dankeschön Zufall!


*Eben habe ich es bei Irgendlink nachgelesen, da ich damals – im Juli 2014 – ausnahmsweise nicht gebloggt habe: von Küssnacht aus sind wir per Bus nach Weggis gefahren und von dort per Schiff nach Flüelen, um von dort wieder weiterwandernd der Reuss quellwärts zu folgen.

Ein Rätsel

Gesucht wird hier ein sprachaffines Fünfer-Team …

N.
rück grat!
Wer sonst?
Oben. Unten.
Eindeutig klar!

G.s Hingabe galt der Diagonalen,
schon immer.
Schiefe Ebene,
weich.

Wem D. gefällt,
gefällt auch mir.
Liegt braun
und erdig da.
Gehört allen.

A., wen suchst du?
Sind alle schon weg!

Das heißt:
Ganz hinten steht noch einer,
durch den heute keiner mehr will.

Doch die alten Römerinnen mochten A..
Wozu auch immer.
Oder wodurch?
Weil er die Antworten kannte womöglich.


Dieses lyrisch-grammatikalische Rätsel fand ich neulich in meinem Uraltblog.

Wer sind N., G., D., A. und A.?

Ausgelesen #39 | Der Mauersegler von Jasmin Schreiber

Jedes Buch so lesen, als wäre es das erste. Das erste dieser Autorin, dieses Autors. Das erste überhaupt. Das würde dabei helfen, Erwartungen zu vermeiden. Nach Jasmin Schreibers ’Marianengraben’, das ich sehr gern gelesen und hier besprochen habe und das mich tief berührt hat, wartete ich erwartungsvoll – viel zu erwartungsvoll vielleicht – auf Jasmin Schreibers zweiten Roman.

Buchcover zeigt flächendeckend drei stilisiert gemalte Mauersegler, zwei schwarze und ein roter auf hellblaugrauem Hintergrund. Darüber der Autorinname in schwarz und Titel in rot.
Buchcover

Während ihr erster Roman ein ausgesprochen originell geplottetes zugleich trauriges als auch humorvolles Roadmovie zwischen zwei Buchdeckeln war, ist Schreibers zweite Geschichte eine eher ernste. Die Geschichte einer Flucht und die Geschichte eines schweren Verlustes. Doch Jasmin Schreiber erzählt auch die Geschichte einer wunderbaren Männerfreundschaft.

In ’Der Mauersegler’ begleiten wir Prometheus auf seiner Flucht aus dem Krankenhaus, wo er als Arzt an einer Studie für eine neue Krebstherapie forscht. In Rückblicken sehen wir ihm zu, wie er und sein Freund Jakob aus kleinen Jungs, die den Mauersegler mögen, Teens und junge Männer werden. Freunde fürs Leben sind sie, die beiden.

Doch als bei Jakob Blasenkrebs diagnostiziert wird, wird alles anders. Jakob will nicht sterben, zumal er bald zum zweiten Mal Vater wird. Er bittet Prometheus ihn als Nr. 51 in seine Studie zu schmuggeln. Dieser will zuerst nicht, doch alle Freunde und Familienangehörigen reden Prometheus gut zu. Bis er schließlich nachgibt. Da ist so viel Hoffnung. Jakob darf nicht sterben!

Aber er tut es doch.

Prometheus flieht. Und er strandet. Und zwar buchstäblich und im doppelten Sinn. Sein geplanter Suizid, mit dem Auto ins Meer zu fahren, scheitert am Sand. Nach einer verzweifelten Nacht im festgefahrenen Auto, das kaum mehr Benzin hat, finden ihn am nächsten Morgen ein Pony und zwei ältere Frauen, die in der Nähe einen Ponyhof und ein Gästehaus betreiben.

Prometheus wird von Schuldgefühlen zerfressen. Er will nicht mehr leben. Das spirituelle und zugleich bodenständige Leben seiner Gastgeberinnen ist ihm fremd; er selbst ist sich fremd geworden und er weiß nicht, wohin mit sich. Die Wochen auf dem Ponyhof gehen allerdings nicht spurlos an ihm vorbei.

Besonders gut gefallen mir die Dialoge zwischen Jakob und Prometheus. Sie wirken glaubwürdig, lebendig, nachvollziehbar. Überhaupt mag ich, wie authentisch Jakobs Fühlen und Denken vermittelt wird. Obwohl er nicht die Hauptfigur ist, ist er mir auf Anhieb sympathisch – im Gegensatz zu Prometheus, der mir bis am Schluss ziemlich fremd bleibt. Immer wieder erfahren wir von Jakob und Prometheus etwas über das Leben der Mauersegler. Das gefällt mir grundsätzlich, wirkt dennoch da und dort ein wenig erzwungen.

Streckenweise tauche ich ganz wunderbar in den Erzählfluss ein, doch immer wieder falle ich heraus, weil ich über allzu flapsig formulierte, holprige Stellen und über konstruiert wirkende Übergänge stolpere. Ja, manches wirkt auf mich künstlich und leider auch oft recht klischeehaft. Während mich die Innenschauen der verschiedenen Menschen weitestgehend überzeugen, vermögen das die Außenansichten nicht immer. Gerade der Lebensstil der beiden Gastgeberinnen mutet klischeehaft und idealisierend an. Alles in allem wirkt die Zeit auf dem Ponyhof auf mich wie aus einem Märchen, in welchem der traurige, tragische Held geläutert werden soll.

Trotz allem mag ich den ’Mauersegler’, trotzdem habe ich diesen Roman sehr gern gelesen und dennoch empfehle ich ihn gern weiter. Es ist ja das Ganze, das zählt. Und das Ganze ist eine mutmachende Geschichte.

Herzlichen Dank, liebe Jasmin Schreiber, und Eichborn-Verlag für das wunderschön gestaltete Rezensionsexemplar mit seinem sehr ansprechenden von der Autorin gestalteten Schutzumschlag.


Eichborn Verlag

Webseite der Autorin: www.jasmin-schreiber.de

Schwerwiegende Entscheidungen

Handeln wir angesichts größter Not und unter Lebensgefahr anders als wir es von uns gedacht hätten, wenn man uns im Voraus gefragt hätte? Sind wir wirklich die empathischen Menschen, für die wir uns gehalten haben, bevor uns diese eine Katastrophe in die Knie zwang?

Der größte gemeinsame Nenner der drei Bücher* und der einen Serie*, die ich im Laufe der letzten Woche gelesen, gehört und gesehen habe, ist diese eine Katastrophe, welche über die Protagonist:innen hereinbricht. Sei es Krebs (1), ein Attentat (2), eine Überschwemmung (3) oder eine traumatische Erfahrung (4) – Katastrophen zwingen uns zu handeln. Wie aber handeln wir?

Würden wir – wie Philipp (2) – geliebte Menschen im Stich lassen, um das eigene Leben zu retten? Würden wir – wie Barney (3) – selbst angesichts des eigenen Todes noch darauf bestehen, dass uns das verlorene Handy ersetzt werden müsse? Würden wir gar – wie Prometheus (1) – versuchen, eine Studie, die zum Scheitern verurteilt ist, zu faken, um uns selbst zu beweisen, dass doch noch Hoffnung besteht? Wie weit würden wir gehen, um für uns den Schaden überschaubar zu machen oder um Ungerechtigkeit und Verrat zu sühnen?

In allen vier Erzählungen erleben die Protagonist:innen Unerträgliches, potentiell Traumatisierendes. Und in allen Geschichten verursachen sie durch ihr Handeln oder Nicht-Handeln den Tod mindestens eines anderen Menschen. Sie tragen ungewollt, weil die Umstände so und nicht anders sind, dazu bei, dass etwas individuell Schreckliches im allgemein schrecklichen Kontext geschieht. Sie sind zur falschen Zeit am falschen Ort, sagen die falschen Dinge und schaffen so Umstände, die die große Katastrophe zu einer persönlichen machen.

Besonders in ’Wenn die Stille einkehrt’ (2) und in ’Die Flutwelle’ (3), wo es um die Schicksale vieler einzelner Menschen geht, wird deutlich, wie es nicht einfach die eine richtige und die eine falsche Entscheidung gibt. Ist es zum Beispiel richtig oder falsch, sich selbst zu retten, wenn andern zu helfen das eigene Leben gefährden würde? Der Fluch der Überlebenden – wie lebt es sich mit ihm, wenn man erfährt, dass es andere, die weniger Glück hatten, nicht geschafft haben?

Wird man angesichts des Todes zum Egoisten, zur Egoistin oder bleibt man empathisch und hilfsbereit? Ist die Katastrophe der Moment, in welchem unser wahrer Charakter zum Vorschein kommt?

Was ist mit Opferbereitschaft? Und wie ist es mit Schuld? Wie definieren wir sie und warum genau so und nicht anders? Und Moral und Ethik: was spielen sie im Moment der Katastrophe für eine Rolle? Sind sie angesichts des Todes überhaupt noch relevant – oder sogar ganz besonders in diesem Moment?

Wie sieht es aus, wenn wir das Unglück überleben? Können wir mit den im Katastrophenfall getroffenen Entscheidungen leben?

Eine Frage, die bei mir immer wieder auftaucht: Sind gewisse Schuldgefühle letztlich nicht eigentlich ein Egoding? Und wird womöglich die eigene Bedeutung oder Verantwortung im Kontext mit den gemachten Erfahrungen überschätzt und wäre alles auch ohne unser Zutun geschehen?

Die vier Geschichten lassen mich demütig zurück. Ich denke darüber nach, welche Entwicklungen die einzelnen Figuren durchmachen.

Mich freut es sehr, dass sich die Autor:innen in ’Wenn die Stille einkehrt’ entschieden haben, ein versöhnliches Ende zu erzählen. Weil es Mut macht. Weil wir alle Mut brauchen. Weil wir Hoffnung brauchen. Weil wir aus Geschichten Kraft schöpfen können. Und weil sich selbst zu verzeihen, für mich der einzig mögliche Weg, weiterleben zu können ist, wenn die Katastrophe erst geschehen ist.


*Die vier Geschichten sind:

  1. Der Mauersegler (Roman von Jasmin Schreiber)
  2. Wenn die Stille einkehrt (Dänische Mini-Serie, arte/ARD)
  3. Die Flutwelle (Roman von Mikael Niemi)
  4. Der Flüstermann (Krimi von Catherine Shepherd)

 

Von Leere und Fülle

Ich mag es eigentlich nicht so, wenn in Foodblogs zu viel getextet wird. Ich will einfach ein Rezept – und gut ist. Wie immer gibt es natürlich Ausnahmen. Denn bei Herr Grün ist es anders. Er schreibt oft kleine Geschichten zu seinen Rezepten.

Heute diese hier.

Heute erzählte mir der Professor beim Mittagessen von einem Kaufhaus, das er mit dänischen Professor*innen entwickelt hatte. Das Projekt hieß »Kaufhaus der Wünsche«.

Es handelte sich um ein leerstehendes Kaufhaus in der Innenstadt von Åbenrå, einer kleinen Stadt in der Region Syddanmark.

Zu Beginn sollte das Kaufhaus keine Waren enthalten und nur leere Regale und einen Tresen. Die Kaufhausbesucher*innen konnten beim Personal etwas bestellen, dass es in der Stadt nicht gab oder auch einen Stadtveränderungs-Wunsch äußern. So würde das Kaufhaus langsam mit den Produkten bestückt. Wünsche zur Veränderung der Stadt wurden in der Stadtverwaltung bei Häufung diskutiert und eventuell umgesetzt.

Mh – also ich fand die Idee super und fragte den Professor, ob ich mir auch etwas wünschen könne. Das ginge nur beim Besuch der Stadt – so könne Åbenrå ein Attraktion werden, meinte er.

Ich werde Åbenrå auf jeden Fall besuchen. Einen Wunsch habe ich auch schon. Dabei geht es um Pizza und … Aber mehr verrate ich noch nicht 🙂

Zum Rezept geht es hier lang. (Mit ein paar Anpassungen kann ich das sogar histaminfrei kochen. Klingt nämlich sehr lecker.)

Und ja, mir gefällt dies Idee mit dem am Anfang leeren Laden und dass darin Waren anhand der Bedürfnisse der Kund:innen angeboten werden sollen statt Bedürfnisse zu wecken, die zuvor gar nicht vorhanden waren.

Konsumieren neu denken.
Bedürfnisse neu definieren.

Was wohl in meinem einstmals leeren Laden in den Regalen läge?
Und in deinem?

Ausnahmsweise mache ich die Kommentare auf, denn ich bin gespannt auf eure Ideen und Bedürfnisse.

Notizen am Rande #7

Spuren hinterlassen oder doch lieber nicht.
In der Natur.
Als Mensch.
Spuren welcher Art?

+++

Ich glaube sehr an die Natur und ihre Ordnung. Ich glaube an den Trost der in der natürlichen Ordnung, in den Naturgesetzen liegt. Mich tröstet der Gedanke daran, dass alles zusammenhängt und wie alles in sich selbst ordentlich aufgebaut ist. Alles Lebendige folgt einer ihm selbst innewohnenden ästhetischen Ordnung. Nehmen wir das Muster der Sonnenblumenkerne im Kopf einer Sonnenblume. Oder menschliche Zellen. Oder wie ein Baum im Laufe des Jahres funktioniert. Die Natur mit ihrer Vergänglichkeit, mit ihrem Talent zur Erneuerung. Werden und Vergehen. Regeneration. Jahreszeiten. Zyklen. Rhythmen. Ja, daran glaube ich. Immer noch.

Da steckt für mich keine übergeordnete, göttliche Intelligenz drin, das ist für mich die Natur der Natur. Inbegriffen darin ist Erholung, nennen wir es Heilung, nach schlimmen Erfahrungen. Regeneration, die aber nicht zwingend geschehen muss, denn die Bedingungen sind oft nicht ideal. Weder im Wald noch im menschlichen Körper oder in der menschlichen Seele. Aber manchmal geschieht sie eben doch.

Manchmal.

+++

Nichts zurücklassen
versus
viel zurücklassen.

Was zurücklassen?
Was loslassen?
Was festhalten und warum?

+++

Sein hat mehr Aggregatszustände zu bieten als Genuss.

+++

Kein Verständnis dafür haben, wenn Krankheiten gegeneinander aufgerechnet werden.

+++

Sein ist nicht nichts.

Wandlung

Danke, lieber Emil, für dein gestriges Rilke-Zitat. Ein Gedicht, das mich sehr anspricht, weshalb ich es hier auch gern teile.

Spaziergang

Schon ist mein Blick am Hügel, dem besonnten,
dem Wege, den ich kaum begann, voran.
So faßt uns das, was wir nicht fassen konnten,
voller Erscheinung, aus der Ferne an —

und wandelt uns, auch wenn wirs nicht erreichen,
in jenes, das wir, kaum es ahnend, sind;
ein Zeichen weht, erwidernd unserm Zeichen …
Wir aber spüren nur den Gegenwind.

Rainer Maria Rilke
Muzot, 1924


Es ist schwierig, den Blick im Hier und Jetzt zu belassen – nicht voran, nicht in die Ferne zu schauen –, wenn die Welt brennt. Darum sind Herr Irgendlink und ich letzten Freitag nach Aarau geradelt. Es war uns ein Anliegen, an einer der vielen internationalen Klimademos mitzulaufen. Think global, act local. Ein gut gealteter Slogan aus meiner Jugendzeit, der auf den Punkt bringt, wie die Prioritäten liegen sollen.

Wie schön es doch wäre, wenn Klimastreiks und Klimademos nicht mehr notwendig wären, weil die Regierungen rund um die Welt endlich begriffen hätten, dass keine Zeit mehr zum Zaudern ist. Wenn die  Kinder und jungen Menschen sich darauf verlassen könnten, dass ihre Regierungen alles dafür geben, um für sie – und für uns alle – ein Leben auf diesem Planeten auch in zwanzig, dreißig, hundert Jahren zu ermöglichen.

Im Hintergrund ein Gebäude mit einer meterhohen Mauer, die als Bühne dient. Darunter eine Parkwiese. Überall Menschen. Auf der Bühne die Rednerinnen, unten das Publikum. Darüber Sonne und ein Baumast, der ins Bild ragt.

Ausgelesen #38 | Barrier Highway von Garry Disher

Bei meiner letzten Disher-Buchbesprechung verglich ich den Schreibstil meines australischen Lieblingsautors Disher mit Musik und nannte ihn den Meister des Fadings. Diesmal fallen mir beim Lesen Parallelen zur Satzbautheorie ein. Aufgebaut ist Dishers neuer Kriminalroman nämlich wie ein sehr komplexer Schachtelsatz mit vielen Nebensätzen. Einer allerdings, bei dem wir nie die Spannung und die Übersicht verlieren.

Auch im dritten Teil der Serie steht wieder Paul Hirschhausen im Zentrum der Geschichte. Leise und unspektakulär versieht er in diesem kalten Spätwinter seinen Dienst als Dorfpolizist, patroulliert regelmäßig durch das weite Gemeindegebiet, besucht Menschen, hält Kontakte, klärt kleine Verbrechen auf, hilft, wo er gebraucht wird und pflegt in seiner Freizeit eine herzliche Beziehung zu seiner Partnerin Wendy und deren Tochter Katie.

Das Buchcover zeigt eine Fotografie eines alten blauen Wohnwagens, dessen Farbe abblättert in der Bildmitte. Darüber blauer Himmel, im Vordergrund braunes Steppengras. Oben der Autorname in schwarzer Schrift, darunter in roter Schrift der Buchtitel, ganz unten in weiß der Name des Verlages.
Buchcover

Doch da meldet ihm eines Tages eine Lehrerin, dass ein Mädchen, das zuhause unterrichtet wird, bei ihren sporadischen Zoomgesprächen nicht wirklich gesund aussehe und Andeutungen mache, dass es nicht genug zu essen bekomme. Hirschhausen kümmert sich darum, ebenso wie er sich um den in der Schule ausrastenden Vater eines Mädchen kümmert, welches der Schulleiter gescholten hat, da ihr Vater das Schulgeld noch nicht einbezahlt hat. Dass dieses Gespräch der Anfang eines wochenlangen Amoklaufes werden könnte, der die Spitze eines Eisbergs aus Lüge, Betrug und Habgier ist, kann niemand ahnen. Zumal Hirschhausen mit seinem Talent zur Deeskalation einschreitet und den Vorfall fürs Erste ad acta legen kann.

Während Hirschhausen wieder professionell an unterschiedlichen Baustellen ermittelt, kommt er diesmal persönlich hart an seine Grenzen. Immer wieder bekommt er seltsame Nachrichten, vor allem virtuelle, aber auch handfeste – in Form von Geschenken vor der Haustür. Und er weiß auch von wem. Wie verhält man sich, wenn man gestalkt wird? In seiner Unsicherheit und Verwirrung lässt er Wendy viel zu lange außen vor. So lange, bis es fast zu spät ist!

Ein guter Plot ist das eine, das andere ist das Schaffen von Atmosphäre. Erneut gelingt es Disher, mich ganz und gar in die australische Pampa zu versetzen, die Menschen, die Umgebung, die Örtlichkeiten, das Dorfleben und die Gefühls- und Gedankenwelt seines Protagonisten hautnah und mit allen Sinnen zu erleben. Hirschhausen ist kein abgehobener oder gar abgehalfterter (Western-)Held, sondern ein Mensch, der sehr bewusst, klar und hingebungsvoll seinem Beruf nachgeht und dabei menschlich und verantwortungsbewusst agiert.

Disher schreibt nicht nur Krimis, er schreibt Kriminalliteratur. Seine Sprache ist dicht und ästhetisch, ohne je gekünstelt zu wirken. Er setzt dabei weder auf Special Effects noch auf Blutvergießen, sondern auf Ungesagtes, leise Töne, Subtext und Zwischenmenschliches. Ich mag das sehr!

Herzlichen Dank an den Autor und das Unionsverlag-Team für die spannenden und berührenden Lesestunden mit meinem Rezensionsexemplar.


Unionsverlag
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Erschienen im September 2021
Hardcover, 352 Seiten
€ 22.00, FR 30.00, €[A] 22.70
Gebunden
ISBN 978-3-293-00572-3
E-Book
€ 18.99
ISBN 978-3-293-31114-5 (EPUB)
ISBN 978-3-293-41114-2 (Kindle)
ISBN 978-3-293-61114-6 (Apple)