Ein Tag im Leben von

Wird mir von außen keine Struktur vorgegeben, finde ich meine eigene. Seit einer knappen Woche lebe ich nun mit Irgendlink und mehr oder weniger Gästen auf dem Einsamen Gehöft. Freund QQlka ist nach dem Kunstzwergfestival, das wir am letzten Wochende feierten, gleich hier geblieben. WG-Leben auf dem Künstlerhof. Zu dritt wuseln wir draußen, im Atelier und in der Wohnung herum. Die Ausstellung, das Offene Atelier, zu dem Irgendlink und meine Wenigkeit am 20./21. September hierher einladen, rückt mit Elefantenschritten näher.

Die letzten Tage habe ich weitere Ideen gesammelt, gesichtet, zum Teil umgesetzt, mich aber vor allem dem Kunst-Gehäuse, dem Kernstück der vorgesehenen Rauminstallation, gewidmet, einem Vorratsschrank. Die Militärtruhe  von Irgendlinks Großvater habe ich buchstäblich von altem Staub befreit, von Dreckschichten und Spinnweben. Das Innenleben haben wir mit Brettern, die als Tablare dienen, aufgewertet. Der Deckel ist die Schranktüre, weil die Truhe aufrecht im Raum steht. Schwerter zu Pflugscharen war gestern, heute werden Militärtruhen zu nährenden Kunstobjekten.

Vorratsschrank
Was nährt

Wie ich gestern die letzte Schicht Leinölfirnis auftrage, kommt Freundin S. vorbei. QQlka sitzt am Biertisch und kleistert an seiner tollen Skulptur. Irgendlink ist oben und bloggt. Später kommt Freund R. und auf einmal sitzt eine fünfköpfige Hof-Familie gemütlich schwatzend am freien Biertisch. Schorle, Kaffee und Tee, gute Gespräche, Sonne – was will mensch mehr?

Während Irgendlink später im Atelier Freundin S.s PC auseinanderschraubt und neu – wieder funktionierend – zusammensetzt, öle ich die letzten Bretter. So macht Leben einfach Freude, so lebe ich gerne. Fühle ich. Sage ich. Denke ich.

Später, QQlka und Freundin S. haben eingekauft, sitzen wir am Feuer, essen Gegrilltes, lassen den Tag Tag sein und die Nacht Nacht werden und ich fühle mich, wie immer öfter in der letzten Zeit, zufrieden, glücklich, erfüllt vom Wissen, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin.

Eine kleine Philosophie des Feuers

Am Anfang war die Glut. Nein, falsch. Das Papier. Die Pappe. Ein paar Äste, aufgelesen in der Hühnerweide. A. schichtet in schönster Pfadfindermanier eine kleine Anbrennvorlage für ein großes Feuer zurecht. Entfacht das Bauwerk, fächelt Luft zu, freut sich an der großen Flamme, legt neue Ästchen nach. Tolles Feuer.

Wir sitzen am Tisch unweit der Grillstelle, schauen mal zum Feuer, mal einander in die Augen. Erzählen dies und das und auf einmal ist A. weg. Auf dem Feuer liegen inzwischen ein paar richtig fette Prügel, die auch schon da und dort ein bisschen kokeln und rötlich tun. Wir sitzen, reden, schauen. Die große Flamme wird kleiner und kleiner, mehr als ein bisschen Glut haben die großen Äste nicht gefangen.

Die Mittelschicht fehlt, sage ich. Wenn ich etwas ziemlich gut kann, dann Feuer. Mittelschicht wird beim Feuermachen unterschätzt. Mittelschicht braucht es, damit auch die Großen, die großen Holzstücke, Feuer fangen können. Doziere ich. QQkla bestätigt meine Theorien.
Ach, die Normalverteilkurve!, seufze ich. Wir denken, lebhaft unterstützt von den beiden Rs und T, darüber nach, ob es ethisch und pädagogisch vertretbar sei, dem Feuer, das nächstens auszugehen droht, auf die Sprünge zu helfen. Oder es ausgehen lassen. Lassen dürfen. Denn man darf doch einem andern Menschen nicht einfach so dreinfunken, sagen wir. Als Kunstschaffende ist das eh keine Frage. So diskutieren wir die Vor- und Nachteile, dass der Feuerlerneffekt für A. gleich Null sei, wenn jemand von uns in seiner Abwesenheit einfach „sein“ Feuer optimiere. … und überhaupt, wo käme man da hin, wenn sich alle immer und überall einmischen würden? Andererseits, wo kämen wir hin, wenn wir es täten. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
So funktioniert sie doch, die Welt!, sagt jemand. Alle gucken zu, wie sie vor die Hunde geht und niemand mischt sich ein. Niemand wehrt sich. Niemand legt Hand an.

Du meinst, sage ich, du meinst also, es ist womöglich doch besser, wenn ich nun aufstehe und das Feuer schüre? Ihm mittelschichtiges Holz füttere. Zwei-drei Handgriffe für eine bessere Welt. Die Runde nickt, doch da bin ich schon aufgestanden und schichte die Hölzer geringfügig neu, Heldin des Feuers ich. Nun fächle ich Luft dazu und schon brennt das Feuer wieder. Mittelschicht eben, die braucht es.
Ich habe die Welt gerettet!, sage ich, als ich mich wieder auf die Bank setze.

Schnitt.

Es ist eine halbe Stunde nach Mitternacht. Irgendlink, QQlka und ich haben uns abgesetzt. Das abendliche Konzert strapaziert unsere Gehörorgane ganz schön. Kunstzwerg ist nicht klein und niedlich, sondern ziemlich groß, jedenfalls in Sachen Dezibel. So viel Größe ist manchmal nicht einfach auszuhalten. Wir drei sind müde, doch zum Schlafen ist a.) die Umgebung noch zu laut und b.) sind wir noch zu aufgekratzt. Ein Fast-Vollmond-Spaziergang ist da doch das beste, was man tun kann. Zu den zwei Birken und wieder zurück. Auf der Europenner-Bank eine lange Pause. Philosophieren über Kunst. Und warum sie manchmal weh tut, weh tun muss. Während Irgendlink im Sitzen einschläft, erzählt mir QQlka, wie er das sieht. Wie das funktioniert mit den Schmerzgrenzen. Und dass es Schmerz gibt, den wir uns – wie beim Abknubbeln einer Kruste – zufügen, weil wir es nicht lassen können, weil wir an die Grenze gehen müssen, weil es für uns womöglich ein heilsamer Schwerz ist  oder wird, was wir aber erst erfahren, wenn wir es ausprobiern … Auch gibt er zu bedenken, dass die, welche die Musik, die Kunst, das Ding eben machen, eine andere Wahrnehmung haben, als jene, die von außen zuschauen. Während ich ihm zuhöre und der fast volle Mond aus den Bäumem schwarze Schattenrisse zeichnet, öffnet sich mir wieder ein neuer Raum des Verstehens.

Sonntagmorgen Blick aus dem Zelt
Sonntagmorgen
Blick aus dem Zelt

Wie wir zurück zum Hof kommen, liegt eine friedliche Ruhe über der Menschengruppe an den Tischen und am Feuer. Mir ist wohl, obwohl ich Kopfweh habe. Ich gehe ins Zelt, das Irgendlink und ich ganz zuunterst auf der Hühnerwiese aufgebaut haben, weil er seine Künstlerbude an die Veranstalter und ein paar Gäste abgetreten hat.

Ehrlich, Kunstzwergfestivals machen ganz schön Spaß. Aber, ebenfalls ganz ehrlich, ich bin auch immer wieder froh, wenn sie vorüber sind. So viele Gespräche über Kunst, Nicht-Kunst und das Leben als Kunstschaffende, wie ich sie in den letzten zwei Tagen, seit ich auf dem Einsamen Gehöft, das dieser Tage alles andere als einsam ist, geführt habe, müssen erst mal wieder verdaut werden.

Schnitt.

Sonntagabend. Schon dunkel. Ich sitze am Esstisch neben der Feuerstelle. Die Laptoptastatur liegt im Dunkeln. Halb neun ist es schon schwarz. Auf dem Feuer brunzeln Dinge. Nur noch sechs Leute sind wir. Gemütlich ist es. Und doch: herbstlich kalt. Bevor meine Hände abfrieren, werde ich gleich auf publizieren klicken, das Kunstzwergfestival sein lassen, was es war – toll! intensiv! anstregend! – und mich am Feuer aufwärmen.

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Mehr übers Kunstzwergfestival auch bei Irgendlink drüben: > hier und > hier und > hier.

Weißleim und das Ding mit der Disziplin

Schreib zuerst einen Zettel, eine Liste, sonst kriegst du das nicht auf die Reihe!, mahne ich mich. Ich gehorche mir. Abstimmen steht drauf, Mail an Schreibgruppe und anderes. Schließlich habe ich ja nun zwei Tage mehr Zeit, weil ich erst am Freitag nach Deutschland fahren werde statt heute. Zeit – darum geht es. Nein, falsch. Nicht Zeit, nicht wirklich, sondern dieses Ding im Kopf, das so ähnlich wie eine Sanduhr funktioniert und mir weismachen will, Zeit sei knapp. Kann sie das sein? Sind es nicht vielmehr meine Wahrnehmung, meine Ansprüche, meine Vorsätze, meine Innen- und Außenpflichten, die im Verhältnis zu der mir zur Verfügung stehenden Zeit zu groß sind?

Wie auch immer. Was ich sagen wollte: Weißleim ist eine tolle Sache. Damit kann man nicht nur kleben, man kann auch eine Art Lackschicht über Papier ziehen. Denn Weißleim wird, wenn er trocken ist, durchsichtig. Und schützt so das Papier ein bisschen. Wie Kleister, den ich schon lange kaufen wollte. Was ich damit sagen will? Nichts. Außer vielleicht, dass Weißleim einer meiner im Moment – neben Farben und Papier – am meisten verwendeten Werkstoffe ist.

Lebensrad_fB
Lebensrad

Während ich an den einzelnen Elementen meiner Installation arbeite, überfluten mich laufend neue Ideen. Ich werde nicht alle umsetzen können. Oder vielleicht einfach noch nicht. Am 20./21. Sept. werde ich einfach das ausstellen, was da ist. Womöglich, ziemlich sicher sogar, wird die Installation auch danach weiter wachsen, werden laufend neue Elemente dazukommen, denn „Was uns wirklich nährt“, ist eine Thema, das sich auf so vielerlei Weise verstehen lässt. Meine Installation ist ein Antwortversuch, so persönlich und so allgemeingültig es eben geht. Wie hat es Irgendlink gestern so schön geschrieben?

„Sie zeigt eine dreidimensionale Installation, welche die Betrachtenden dazu verführt, sie mit allen Sinnen zu erleben. Die Inhalte der einzelne Objekte – als Vorratsgefäße gestaltet – werfen die Frage auf, was uns wirklich nährt. Die Künstlerin hat für ihren „Vorratsschrank“ vor allem Holz, Glas, Farben und Papier verwendet.“

Vorgegenwart. Als wäre ich schon fertig. Bin ich längst nicht. Warum auch immer. Weil ich zu undiszipliniert bin. Weil ich noch andere Baustellen am Bein habe. Weil ich mein Geschäft voranbringen sollte und will. Weil …

Wie hat CQ gestern so schön gesagt? KünstlerInnen sollten von der Gesellschaft, in der sie leben, unterstützt werden, entlöhnt. Kunst ist lebenswichtig für jede Gesellschaft, für jede Kultur.

Hm, gut und schön. Wie wichtig meine Kunst für andere, für die Welt ist, kann ich nicht beurteilen. Sie ist zumindest für mich überlebenswichtig. Könnte ich mich nicht ausdrücken, hätte ich keine Medien, um das, was mich beschäftigt, auszuk***n, würde ich eingehen wie eine Topfpflanze ohne Wasser. Und ohne Erde. Was mich auch die Idee bringt, dass ich doch … Wo ist mein Zettel. Aufschreiben. Schreibs auf, sonst vergisst du es wieder!

Ja, so ist es mit Ideen. Sie sind flüchtig. Sie wählen jemanden aus, dem sie sich vorstellen wollen. Wenn ich sie nicht will (weil ich keine Zeit habe?), gehen sie einfach weiter. Schmetterlingen gleich.

Bloggen steht auch auf meinem Zettel. Zuoberst. Weshalb ich es zuerst tue. Jetzt. Hier. Damit der Kopf wieder frei ist.
Mehr Weißleim kaufen. Unbedingt. Schreib’s auf.

Klischees und andere Versuchungen

Was war zuerst da, das Klischee oder der Mensch, der es vorzieht, ihm gemäß zu leben? Oder warum sonst leben manche Leute wie holzschnittartige Figuren aus Filmen und Büchern? (Ob es ihnen wohl an echten, lebendigen, menschlichen Vorbildern mangelt?)

Lese ich Geschichten, sehe ich Filme, betrachte ich Kunstwerke, kann es schon mal vorkommen, dass ich das Buch zuklappe, den Film ausschalte, die Ausstellung baldmöglichst verlassen. Ganz besonders dann, wenn die gezeigten Figuren auf Grund ihres Geschlechts, ihrer Berufswahl, ihrer sozialen Stellung irgendwie vorhersehbar reagieren.

Frauen, die kreischend beim Anblick von Mäusen oder Spinnen in Ohnmacht fallen, und hinterher über Mode, Schuhe und jene Männer lästern, ohne die sie doch nicht leben wollen und können, die wiederum an nichts anderes denken können als an Fußball, RTL und/oder Sex mit einer andern. Reiche Ärzte, altruistische Pfarrerinnen, verschlagene Anwälte, mit Farbflecken auf der abgewetzten Jeans herumlaufende Malerinnen, arbeitsfaule Sozialbezüger und dumme Blondinnen sind für mich als Leserin noch schlimmer als Redewendungen der Kategorie „es regnete in Strömen“. Ausgelutschte Begriffe allesamt, die wie Kaugummi, den wir auf die Straße spucken, den Geschmack verloren haben – falls sie denn je einen hatten. Man muss die neuen Metaphern, die es zu finden gilt, ja nicht auf Teufel komm raus an den Haaren herbeiziehen (höhö, ich kann es auch, das Klischee!), das nicht, aber … Ein bisschen mehr Phantasie bei der Wortwahl und ein bisschen mehr Realitätsnähe (Menschen beobachten, sie wahrnehmen) kann gewiss nichts schaden, wenn man über sie schreiben will. Besser einmal ein möglicherweise unpassendes neues Bild verwenden, als die LeserInnen zu langweilen. Ach, und dies noch gratis mit auf den Weg: Adjektive und Adverbien verstärken Klischees in der Regel, und sind oft nicht mehr als warme Luft. Das können sie ziemlich gut. Gut? Was heißt das schon? Eigentlich sind sie ja nicht wirklich schön, sie sind meistens ziemlich böse, oder jedenfalls doof und fast immer überflüssig. 😉

Ich mag dagegen Texte, ich mag Kunst, ich mag Filme, wo mich die KreatorInnen hinter ihre persönliche Fassaden mitnehmen. Mich interessiert, was sie beim Kreieren fühlten, will es zumindest ahnen. Ich will etwas fühlen, wenn ich lese, ich will neue Bilder erleben, die zwar an vertraute Gefühle anknüpfen, mir dennoch neue Erfahrungen ermöglichen. Ich will berührt werden, hingerissen, mitgerissen, auf den Kopf gestellt. Ich will, dass das Ding, das ich lese und betrachte, etwas mit mir macht.

Darum habe ich diesen Anspruch immer auch an mich. Mehr als an alle andern. Darum will ich bei der Kunst-Installation, an der ich zurzeit arbeite, nicht Schlagwörter – reduzieren können wir gut, aber wie steht es mit differenzieren? –, sondern Inhalte fühlbar machen. Die Ansprüche an mich selbst sind auch diesmal – wie immer, wenn ich etwas kreiere – fast unerreichbar hoch. Die Versuchung des Perfektionismus mal wieder. Doch vielleicht wird diesmal alles anders? Denn seit ein paar Tagen fallen mir ständig neue Ideen und Dinge* zu,

Leere Flasche – Alles ist nichts. Nichts ist alles

die mein Ur-Konzept ver-rücken und durcheinanderbringen. Sie landen, wenn der Wind weht, wie Lindenblüten in meinem Schoß. Ich brauche sie nur aufzubrühen. Abwarten. Tee trinken. (Ja, das ist auch eine bestehende Redewendungen … – Sorry, bin gleich wieder da, das Wasser kocht …)

Ausgestellt wird das Teil – ein Denkmal, ein Dankmal, eine Rauminstallation, ein interaktive Installation, aber ganz ohne Technik – erstmals am offenen Atelier in D-Zweibrücken in drei Wochen. [Mehr dazu: HIER KLICKEN.]

* Diese Flasche wartete gestern auf mich, als ich das Altglas entsorgte. Sprach zu mir. Nimm mich mit, bettelte sie. Nun denn, so soll es denn sein. Du wirst Kunst!, sagte ich zu ihr. Worauf sie Anlauf nahm, hochsprang und sich in meinen Fahrradkorb setzte.

Schreib dich von A nach B und wie

Buchstaben sind nicht
viele da nur sechsundzwanzig um
genau zu sein (in unserer Sprache jedenfalls) und unzählige
Möglichkeiten sie zu verbinden mit oder ohne Lücken zwischen-
drin um aus ihnen Wörter zu formen unzählige Möglich-
keiten nur schon auf Deutsch und für Sätze erst unendlich viele Kombi-
nationsmöglichkeiten zu sinnvoller und sinnloser Kreativität
um sich von A nach B zu schreiben nicht
einfach linear sondern zyklisch von Punkt
zu Punkt tanzen und dazwischen der
leere Raum des Unausgesprochenen des Unbe-
schreiblichen das Netz das die Tautropfen der un-
fertigen Gedanken auffängt und verdichtet
oder auch nicht denn
nicht alles muss sichtbar gemacht nicht alles muss material-
isiert werden heute sind es die Satz-
zeichen die keine Lust haben sich
an dieses Geschreibsel hier zu
binden weshalb diese Worte hier sich zu
einem einzigen langen Satz
versammelt haben
Punkt

(Reblogged, Original in meinem Uraltblog: hier klicken)

angewachsen

Nein, nicht klein
werden will ich. Ich strebe auch
nicht einen randlosen, unscharfen,
unfassbaren Gegensatz von
Narzissmus an, will kein
Mensch ohne Struktur, Gesicht, Gewicht
und Meinung sein. Und nein, auch nicht unsichtbar
zu werden, zu verschwinden ist mein
Ziel.
Doch anders mein
Gewicht verteilen will ich, anders
den Fokus auf mich und
mein Leben werfen.
Aufrichtiger. Mutiger.
Aufstehen. Aufrecht stehen.
Bewusst leben, atmen, gehen, üben, sein. Wahrnehmen.
Ausdrücken, was ich
wahrnehme. Ich müsste
platzen, könnte ich es nicht. Dürfte ich
es nicht.
Mit meinen Talenten.
Mit meinen Werkzeugen.
Mit meinem Wissen.
Mit meinem Können.
Dass alles nur meins geworden ist, weil
ich es wachsen lassen habe
während meines bisherigen Lebens.
Am Baum – wäre ich einer – sind
es Äste. Gewachsen, weil da Raum
war. Andere Äste habe ich nicht.
Einige sind abgebrochen, irgendwann, aus
Unachtsamkeit. Oder
erforen. Andere hatten
zu wenig Raum. Zu wenig Wasser. Und
jetzt bin ich so. Ein Baum unter
vielen. Mit Wurzeln. Mit Ästen. Verbunden mit allen
und doch die, die ich bin. Jetzt. Ein
Leben lang. Und nur die kann ich jetzt sein. Niemand
kann das besser als ich.

Winterhöhle reblogged

In meinem Uralt-Blog zu lesen, fasziniert mich. Heute teile ich mit euch einen mehr als fünf Jahre alten Artikel vom 14. Juli 2009 über Segen und Fluch von Schönheit.

Winterhöhle

„… das Schreckliche, das einer Seele durch Schönheit angetan werden kann … „

Ein Satz, der mich nach Luft schnappen lässt.  „Wintergewölbe“ von Anne Michaels hat mich nach einem längeren Unterbruch nun endlich doch gepackt hat. Dieser dreihundertfünfzig Seiten dicke Roman erzählt von Heimat und Heimatlosigkeit, vom Verpflanztwerden, von der Illusion von Liebe und jener Liebe, die so schön ist, dass sie unerträglich wird. Von Harmonie auch. Und deren Gegenteil. Kein Easyreading, dieses Buch, sondern eins, das meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht, das mich innehalte heißt, Sätze wieder und wieder kauen lässt, um sie ein klein bisschen leichter verdauen zu können.

Gestern, vor dem Einschlafen, gedacht:
Wer einmal jene unfassbare jenseitige Schönheit erlebt, gesehen, geahnt, an ihr geschnüffelt, sie gerochen, geschmeckt, ertastet, gespürt hat, wer einmal den Himmel und den letzten Vorhang offen gesehen hat, für diesen Menschen ist alles, was danach kommt, ein Abklatsch, eine Imitation, eine Irritation. Die Ansprüche sind hinterher unfassbar. Nichts und niemand kann sie erfüllen. Dieser Mensch weiß nun nicht, ob er sich darüber freuen soll, dass er sie gesehen hat, diese absolute Schönheit, oder sie verfluchen und sich wünschen, er hätte damals weggeschaut. Und er weiß nicht, wie er inmitten dieser Unvollkommenheit leben kann.

Heute, beim Lesen meiner gestrigen Notiz ahne ich: Dieser Mensch bin ich – dieser Mensch sind wir alle. Wir alle haben sie gesehen. Irgendwann. Irgendwo. Und da, in uns, ist sie noch immer. Deshalb die Sehnsucht. Deshalb die Unzufriedenheit …

Mein Weg, damit zu leben, ist es, mich mit der Unvollkommenheit zu versöhnen. Ohne dabei die Augen vor der Schönheit in und um mich zu verschliessen. (Ende Zitat)

++++++++++++

Heute – es ist August 2014 – bin ich wieder an einem ganz ähnlichen Ort, innerlich. Obwohl … heute ist es weniger Unzufriedenheit als große Freude darüber, dass ich sie gesehen habe. Dass ich um sie weiß. Dass ich sie in mir trage. Jetzt. Hier. Und manchmal wird sie, ist sie ganz groß und sichtbar und schier unerträglich stark da. Sie macht mich dankbar, diese Schönheit, die ohne Dimensionen, ohne Raum, ohne Zeit auskommt, aber nicht ohne Sinn. Ihr Sinn ist es, uns Kraft zum Leben zu geben. Sie ist eine alles umfassende Schönheit, die sich allen Definitionen entzieht und sich nicht religiöse oder spirituelle Gewänder anziehen mag.

Vielleicht ist DANKE darum aktuell mein Lieblingswort.

artgerecht und echt und so

Über Echtsein denke ich nach. Seit Tagen schon. Nicht zuletzt, weil Frau Mützenfalterin schon eine Weile darüber bloggt. Sie schreibt über „die Angst derjenigen, die Echtheit definieren, vor denen die „echt“ sind.“ (Zitat)  Definieren nicht vor allem jene, die echt sein wollen, die sich nach echtem Sein sehnen, das Wesen von Echtheit?, frage ich mich. Habe ich womöglich gar Angst davor, als unecht entlarvt zu werden, ich, die ich mich so sehr nach Authentizität sehne und mich um sie bemühe?

Sein, nicht sein. Oder
so: Sein, noch nicht sein.
Werden. Unterwegs
sein. Auf dem Weg sein ohne
Widerstand zu leisten. Weder
aggressiven noch aktiven noch passiven. Einfach
akzeptieren.
JA.
Danke.

Habe ich resigniert? Oder bin ich womöglich ein klein bisschen weise(r) geworden? Habe ich gar die Kunst des Nichtreagierens verstanden? Ist Nichtreagieren vielleicht der Schlüssel? Agieren statt reagieren. Echt, aus meiner Mitte heraus. Verbunden mit meiner Mitte zu sein, mit meiner Schaltzentrale – darum geht es. Und um das Wissen darum, dass meine Zentrale mit allem, was ist, verbunden ist. Mit allen Zentralen. Mit allen Zentralen aller Lebenwesen. Das biologisch-spirituelle Internet. Alle unsere Zentralen, alle unsere Herzen sind die Zellkerne eines einzigen grenzenlosen Organismus – so stelle ich es mir zuweilen vor, dieses Lebensgewusel, zu dem wir alle gehören. Und alle wollen wir nur das eine: Leben, in Frieden und liebevoll leben, unserer Art gerecht.

Ob Mensch oder Schwein, ob Baum oder Stein.

Ich lese. Ich denke. Ich fühle. Ich nehme auf. Ich bin ein Schwamm. Ich lasse zu. Ich drücke aus. Ich drücke mich aus.

Input. Output.
Das Hamsterrad der KünstlerInnenseele?

So leben. So ist es artgerecht. So ist es echt. So passt es.
Wie Schuhe, die ich gerne trage.
Wanderschuhe.
Lebenswanderschuhe.

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siehe dazu auch meinen neuen Lese-Stoff: Die Echte werden – die Echte sein

Saltstraumen-Trauma reblogged

Heute reblogged aus Irgendlinks Blog:

Teil 1 bei Sofasophia

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte, die Frau SoSo und ich vor einigen Tagen (im August 2014) angestiftet haben. Ich gab ihr drei Stichworte und das Genre „Horror“ und sie schrieb daraufhin den oben verlinkten ersten Teil. Mich fordernd, die Stichworte Espresso, Lofoten und Tippfehler in einem nächsten Kapitel zu verwenden.

 

Kapitel 2 – Sommer 1990

Gibt es etwas bescheuerteres, als nördlich des Polarkreises mit einem gelben Cabrio über die Landstraße zu jagen? Sie waren zu fünft. Die Mauer war im letzten Jahr gefallen und mit dem Fall des antiimperialistischen Schutzwalls hatte es neben vielen ganz normalen Menschen auch diejenigen in die DDR getrieben, vor denen man sie in der FDJ leider nie gewarnt hatte: Verkäufer, Vertreter für Staubsauger, Satellitenanlagen, Espressomaschinen, Landkäufer, Spekulanten und allen voran Autohändler. So gelangte ein frisch lackierter, nach Neuwagen riechender, glänzender, blitzesauberer VW-Golf-Cabrio in Egons Besitz. Die Egon. Ihren Spitznamen hatte sie an der Feier zum vierzigjährigen Bestehen der DDR erhalten, weil sie Egon Krenz die Hand drücken durfte. Dass das Schnäppchen für nur 9990 DM Baujahr 1979 war und seine besten Tage schon hinter sich hatte, bemerkte die Egon erst, als sie an der schwedisch-norwegischen Grenze darauf angesprochen wurde. Wie mutig sie seien, mit einer solchen Klapperkiste rauf zu den Lofoten … und das Kunststoffdach, ob das wohl dem Wetter standhalten würde. Was hatten sie gelacht, die Sonne im Rücken am Rande des skandinavischen Hochdruckgebiets, das sie seit zwei Wochen von Warnemünde bis hierher begleitet hatte. Kurz nach der norwegischen Grenze trübte der Himmel ein und als sie die Brücke über den Saltstraumen hinaufschossen, fielen die ersten Regentropfen. Wo ist der Scheibenwischer?, rief Leif nach hinten, während Frank vom Beifahrersitz aus alle Hebel neben dem Lenkrad ausprobierte. Die Egon zuckte mit den Schultern, den habe ich nie gebraucht. Die Brücke war eng. Die Druckwelle eines Lasters rüttelte am Wagen. Aber Leif trat beharrlich auf’s Gas und hielt die Tachonadel bei konstant hundert. Mach‘ langsam, schrie die Egon, wie sollen wir bei der Geschwindigkeit das Dach drüberziehen. Mit den beiden finnischen Trampern mühte sie sich an dem alten Kunststoffetzen. Leif blieb stur, drehte die Musik lauter, der Wagen röhrte. Binnen Sekunden der Gleichzeitigkeit geschah folgendes: Platzregen, ein weiterer LKW, das Dach von einer Böe abgerissen, Blaulicht von irgendwo, Come On Baby Light My Fire im Radio, KEIN Scheibenwischer, Schluss mit Wehendes-Haar.

Dann schob sich in Zeitlupe dieses Wohnmobil direkt auf sie zu. Viel zu spät zum Bremsen, Lenkradrumreißen, Vor-Angst-in-die-Hose-machen oder gar Beten. Die Egon schloss die Augen und als sie sie wieder öffnete, stand der Wagen, Leif, kreidebleich, klammerte zitternd die Hände ans Lenkrad. Dadidüdeldü-dadidüdeldü-dadidüdeldü-dümm, hauchten die letzten Takte der Doors aus dem Radio. Das Wohnmobil war verschwunden. Klatschnass saßen sie in dem Cabriolet und starrten auf das Loch im Brückengeländer. Ein Polizeiauto stoppte hinter ihnen. Es mochten Minuten vergangen sein. You can not stop here for sightseeing hörte die Egon den Polizist sagen. Sie war ausgestiegen und starrte hinunter ins trudelnde Auge des Saltstraumens. The Caravan … stotterte die Egon. It’s there, zeigte sie in die Fluten. Der Polizist ging zu dem Loch im Geländer. Sorry, Lady, we have to repair it. There was an accident a few days ago. Nobody was injured. A truck passed here and hit the fence. But we had an accident with a caravan and it disapeared here, keuchte die Egon. Der Polizist lächelte: A caravan? We did not see any caravan and we passed the bridge directly behind you … by the way, you might have been a little bit fast. And: WHERE IS YOUR ROOF?

Mein Gott, wieviele Jahre ist das jetzt her, dachte Leif. Immer, wenn er in existenzielle Situationen kam, lebensbedrohlich, besorgniserregend,  beängstigend, kam ihm die Sache auf der Saltstraumenbrücke in den Sinn. Obschon über die Jahre die Erinnerung nach und nach verblasste, blieb das Bild von dem Wohnmobil eine unheimliche Konstante. Wie ein nicht tilgbarer Tippfehler zog es sich durchs Buch seines Lebens. Wie das Wohnmobil auf sie zuraste und die Brücke zum Tunnel geriet, die Zeit zur Ewigkeit machte. Mit den Jahren verblasste alle Erinnerung an jenen Tag und übrig geblieben war nur das Wohnmobil, das womöglich nie existiert hatte. Eine zum Monument gemeiselte Schrecksekunde. Nun fand er sich wieder in einer ähnlichen grotesken Situation. Aus dem Nichts und ohne zu wissen, wie das überhaupt möglich ist vom Büro in diesen Kerker. Von der Arbeit an der A20 Brücke, die ihm wegen der Sandgründung alle Ingenieurskünste, die er sich je angeeignet hatte, abverlangte, in ein dunkles Loch, von dem er weder wusste, wer es gebaut hatte, noch, wer der Kerkermeister war. Eine Fesselung ist nur eine andere Form der Statik, erinnerte er sich. Alles Leben ist Statik. Es besteht aus Querstreben und Längsstreben, aus Zug-, Druck- und Scherkräften und wenn man über die Kräfte bescheid wusste und wie sie einander aufheben, so konnte man fast jedes Problem lösen. Das Rohr, an dem seine Hand festgebunden war, war einbebettet in das Kräftegefüge des Kerkers, das er mit Bordmitteln wohl nicht berechnen konnte, aber die andere Hand, die, die am Gürtel festgezurrt war, die konnte er berechnen. Nicht nur das, sie war auch beweglich.

Die nächsten Stichworte sind Staubsauger, Hackklotz und verflixt

Frau Blau möchte wohl gerne das dritte Kapitel schreiben, habe ich mir sagen lassen.

Die Geschichte ist offen.

Personnage:

Er (Leif)
Putzfrau
Die Egon
Zwei finnische Tramper
Frank
Norwegischer Polizist

Zeitlinie:

Jetzt und 1990

Kapitel:

Teil 1 (Sofasophia)

Teil 2 (Irgendlink)

… den Kopf nach links, nur ein bisschen …

Kapitel 1

Wenn er die Luft anhält und den Kopf ein bisschen nach links dreht, kann er das Tropfen besser hören. Sein Herzschlag scheint sich dessen Klang angepasst zu haben. Tuff-tuff-tuff. Ob sein Herz zu schlagen aufhören wird, wenn der Wasserhahn verstummt. Falls er verstummt? Woher das Wasser kommt, weiß er so wenig, wie wo er ist. Es ist dunkel. Sehr dunkel. An die alten Jutesäcke, in welchen sein Onkel Kartoffeln abgefüllt hat, denkt er. Hier riecht es nach Ernte. Der Boden ist rau. Stroh vielleicht. Holz. Wenn seine Hände frei wären, könnte er es herausfinden, doch seine linke Hand ist mit einem breiten Kabelbinder an einem Metallrohr festgebunden. Nicht so fest, dass es weh tut, aber zu fest, um sie herauszuziehen. Die rechte Hand liegt auf seinem Bauchnabel und ist mit einem zweiten Kabelbinder am Gurt festgebunden. Er hat sich halb liegend, halb sitzend auf die linke Seite gedreht, um herauszufinden, was tropft.

Mehr noch als die Frage, wo er ist, quält ihn die Frage, warum er ist, wo er ist. Filmrisse hat er sich anders vorgestellt. In den Filmen und Büchern reißen Filme, wenn sich Leute besaufen, wenn sie zu viele Medikamente nehmen, wenn sie einen Unfall haben. Oder wenn sie einen Schlag auf den Kopf bekommen. Weder das eine noch etwas anderes hat er erlebt. Er erinnert sich, dass er länger im Büro geblieben ist. Wegen der Besichtigungen. Dummerweise hatte er sein externes Ladegerät zu Hause vergessen. Ausgerechnet heute, wo er gleich drei Wohnungen besichtigen soll. Doch mit zehn Prozent Akku-Ladung kann man keine Bilder machen. Nach Hause zu fahren lohnte sich nicht, also stöpselte er sein Handy in die Steckdose. Arbeit hatte er ja genug.

Um halb sieben hatte es geklingelt. Die Raumpflegerin. Ach ja, stimmt, Freitagabend! Sie hatte den Schlüssel vergessen und war erleichtert, dass noch jemand da war. Zuerst hatten sie ein bisschen geplaudert, über dies und das, ein paar Kekse, die sie mitgebracht hatte, geknabbert und schließlich hatte er, während sie sich mit dem Staubsauger durch die Büroräume arbeitete, die Präsentation für morgen fertiggestellt und eine Statistik aktualisiert. Gegen halb acht war sein Handy fast voll. Er zog seine Lederjacke an, schloss die Tür ab, das Fahrradschloss auf und radelte Richtung Altstadt – zur ersten Wohnung.

Geregnet hatte es nicht. Da war er sich ganz sicher. Es war weder warm noch kalt gewesen. Noch nicht ganz dunkel, nicht mehr ganz hell. Ein ganz normaler Spätsommerabend in der Stadt. Ja, und an das Holpern auf dem Kopfsteinpflaster erinnerte er sich noch sehr genau und wie er sein Fahrrad abgestellt und an eine Parkbank angekettet hatte. Er musste eine Weile nach dem Zettel mit den Adressen suchen. Haus Nummer dreiunddreißig hat einen leicht nach hinten versetzten Eingang, so dass er eine Weile nach der Tür suchen musste. Ein Altbau war es. Er hatte, wie abgemacht, zweimal kurz geklingelt. Irgendwo muss jemand einen Schalter gedrückt haben, im ersten Stock zuerst, dann im Flur. Licht drang durch die vergitterte Scheibe an der schweren Holztüre. Schritte auf der Treppe. Ja, daran erinnert er sich noch genau. Doch was dann?

Denk nach! Verdammt, was war dann? Er will die Zunge befeuchten, doch da ist nichts außer Trockenheit. Er räuspert sich. Das Tropfen hat aufgehört, der Herzschlag nicht. Schritte … irgendwo hörte er Schritte. Flüstern?

© by Sofasophia

[Fortsetzung folgt]

[Irgendlink hat mir drei Wörter und ein Genre zugeworfen: Horror (huch, ich und Horror?). Er schreibt demnächst den zweiten Teil dieser Geschichte.
Dies hier sind meine drei Wörter, die er verwenden soll: Tippfehler, Lofoten, Espresso.]

Und du, liebe Leserin, lieber Leser, machst du auch mit bei unserm Schreibspiel? Melde dich bitte bei mir oder Irgendlink per Kommentar oder Mail. Herzlich willkommen!