Dies und das …

Bis die nächste Geschichte von unterwegs eintrifft, geht es hier weiter wie gehabt. Alltagszöix zum hingucken oder wegschauen.

Gestern, nach der Arbeit, war ich mit Freundin B. (2) zum Pizzaessen verabredet. Da ihre Jüngste sie, im Sockennotstand, bekniet hatte, ihr doch bittebiiitte endlich neue Socken zu kaufen, irrten wir kurz im Kinderkleiderwarenhaus herum bis wir eine Sockenwühlkiste vom Feinsten entdeckten.

Wie schwierig die Sockenwäsche in einem sechsköpfigen Patchworkhaushalt sei, erzählte Freundin B. eben, da fast alle schwarze Socken trügen und dazu noch sehr ähnliche Größen, als ich die hier entdeckte. Und kaufte. Zehn auf einen Streich.

antilottisocken

Endlich wieder mal neue Socken!, dachte ich. Erst zuhause begriff ich, wie kuhl die Dinger auch noch sind. Da kann ich wild drauflos kombinieren, denn alle passen zu allen. Sockenlotties gehören hiermit der Vergangenheit an … Yesss!

Beim Durchgucken meiner Wochenende-Bilder vorhin das hier entdeckt … Was die wohl über bunte Socken denken? 😉

Oldmansmeeting2

Old Man’s Meeting … oder?

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Appspressionismus: Bilder auf dem iPhone kreiert und mit Gimp nachbearbeitet.

Wie aus einem Versehen etwas Neues wird.

Eine Geschichte von unterwegs.

Am Computer hätte ich nur einmal danebentippen müssen. In der Kladde war die Hilfe der Straßenbahn notwendig.

Hinsetzen. Niederschreiben. Alles von der Seele schreien. Reinen Tisch machen.

Wie immer schrieb ich in der Tram, diesmal in einer Drei.

Über der Weiche schwankte die Bahn,
ich setzte grad zu einem Buchstaben an.
Ein Strich ward verzittert,
und ein zweiter gesetzt.
Deshalb schreibe ich jetzt,
mich über alles beschwerend,
was an Unsinn ich da sah,
zum ersten Mal eine Fabula rasa.

Der Zufall hilft manchmal im Schaffensprozeß … Aber auch wenn ich dieses Textchen zu Sofasophias “Geschichten von unterwegs” stellen mag: An wen ich das Stöckchen weiterwerfen soll, weiß ich wirklich nicht.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

© für diesen Text: Der Emil, 2014

vormittags im vor-mai

himmel kreischt. der zug hält.
eilig haben es diesmal alle.
verwundet streckt sich der tag und die sonne greift
durchlässig in fieberkranke luft und das wirr aus stimmen
lässt alles zu lässt alles zu lässt
nach.
alles steigt ein.

an diesen vor-mai vormittagen kann es sein dass es plötzlich regnet.
wirfst du, ohne atempause zu machen,
glatt an meine wange.

es gibt blinde gesichter und welche die waren es niemals
schiebt mir etwas, verschwiegen bis zur schädelnaht
den entleerten ton zu,
(als ob der sitznachbar vielleicht doch nicht taub ist
oder doch nicht blinder war als sonst).
nur gesichterlesen im rücken ist schwerer noch als immer.

und während sich alles bewegt, bewegen wir uns weniger
regnet es weit weg noch viel mehr als anderswo.
“schießen die regenbögen irgendwie aus dem boden”
mein ich
so.

so.
 im fahrendem zug und ein regenbogen auf der strecke.

© für Bild & Text: Isanaje 2014

Unterwegs …

Sie döst. Dunkel ist es. Auf einmal geht das Licht an.
Billettkontrolle, sagt eine Männerstimme. Das Licht tut in den Augen weh. Immer nur hell ist der Horror.
Es blendet. Machen Sie das Licht wieder aus, bitte!, sagt sie und reicht ihm ihren Fahrschein. Sie muss doch schlafen.

Ratatata.1.Tag-1_Bahnhof Agno
Als sie von der Toilette zurück kommt, ist ihr Koffer weg. Die Tasche auch. Ebenso das Handy. Das Geld. Die Ausweise.

Wer ist sie nun? Glück gehabt, das Ticket steckt in einer Falte des Schlafsacks.

Da, wo sie hinfährt, da, wo niemand sie kennt, wird sie eine andere sein. Morgen früh, wenn sie den Zug verlässt.

© by Sofasophia 2014

Geschichten von unterwegs

Wie ich gestern von verpassten Zügen schrieb, entspann sich im Kommentarstrang die Diskussion, wie es denn wäre, sich trotz verpasster Wettbewerbe und Züge – oder erst recht? – die eine oder andere Geschichte aus vollen Zügen und dem Leben unterwegs zu erzählen.

Warum daraus also nicht ein Stöckchen schnitzen, ein literarisches für einmal. Gesagt, getan.

Ich werfe den Stock hiermit folgenden AutorInnen zu:
Ulli vom Café Weltenall, Autorin und Fotokünstlerin
Isanaje von Isaverdicht, Poetin und Autorin
Irgendlink vom gleichnamigen Blog, Livereisekunstperformer und Appspressionist der ersten Stunde
– dir und dir und dir …

Die Spielregeln
Erzähle auf deinem Blog, deiner Webseite oder deinem Facebook-Account eine Kurz- oder Kürzestgeschichte, schreibe ein Gedicht, poste ein Bild – allen gemeinsam ist, dass der Text oder das Bild eine „Geschichte von unterwegs“ erzählen. Wer weder Blog, noch Webseite noch sonst ein virtuelles Account hat, kann mir seine/ihre Geschichte als Text zumailen und ich werde sie hier publizieren.

Verschlagworte dein Werk mit von unterwegs und schicke mir entweder den Link oder mach ein Pingback zu diesem Artikel hier. Alle Geschichten, die mir auf diesem Weg zufliegen, werden auf diesem Blog auf einer neuen Seite namens „Projekte“ publiziert.

Zu guter Letzt wirf das Stöckchen weiter an mindestens zwei weitere AutorInnen oder BilderkünstlerInnen, auf dass wir immer mehr Geschichten von unterwegs erhalten. Und wie gesagt: Die Teilnehmenden müssen nicht zwingend ein eigenes virtuelles Gefäss haben.

Meine eigene Geschichte von unterwegs erscheint in den nächsten Tagen in diesem Theater …

Von abgefahrenen Zügen

Leider erst gestern habe ich vom Geschichtenwettbewerb erfahren, den Fatima Vidals Verlag ausschreibt. Freund M. arbeitet bereits am Buchcover.

Als zugfahrende Frau hätte ich gewiss etwas zu erzählen gehabt. Ich denke an Pendlergeschichten à la Bänz Friedli, denke an die Zug-Anthologie Im Nachtzug nach Wien und ich denke an meine nicht wenigen Blogartikel, die ich bereits zum Zugfahren geschrieben habe.zug abgefahren Da hätte sich doch bestimmt etwas machen lassen, sinniere ich. Vielleicht hätte ich sogar mal wieder eine meiner Voller Einsatz-Geschichte schreiben können, wie ich sie früher eine Weile gesponnen habe? Oder gar ein dadaistisches Gedicht? Ich überlege vor mich hin und erzähle auch dem Liebsten vom Wettbewerb. Gib ihm ein paar Wörter und das Künstlerhirn fängt an zu arbeiten. Sofort entwickelt er vor meinen Augen und Ohren einen witzigen Plot.
Mach doch auch mit!, sage ich.
Mal schauen, sagt er.
Da wusste ich allerdings noch nicht, dass der Wettbewerb gestern Anmeldeschluss hatte.

Wettbewerben begegne ich ambivalent. Zum einen verdanke ich meine erste Veröffentlichung – und vielleicht indirekt auch alle nachfolgenden? – einem Wettbewerbspreis. Acht Jahre ist das nun her. Zum andern finde ich es immer sehr ambivalent, zu einem bestimmten Thema zu schreiben. Gut, wenn ich einen Schreibauftrag bekomme, schreibe ich auch zu einem bestimmten Thema, doch da es sich dort immer um Sachartikel handelt, die mit Recherchearbeiten einhergehen, liegt der Fall anders. Das eine ist Handwerk, das andere ist Kunst. Und ja, eine gute Geschichte zu schreiben ist Kunst. Wer etwas anderes behauptet, hat noch nie eine gute Geschichte geschrieben und noch nie eine schlechte gelesen.

Die Frau im Zug also … Dass ich nicht mitmachen werde, hat diesmal nicht die Muse entschieden. Gut so, da kann ich ja wieder schreiben, was ich will …

still

Alltag ist Reizüberflutung. Ich aber sehne mich nach leeren Herzräumen. Nach leeren Sinnen, die ganz ohne Reize wahrnehmen dürfen, was ist. Was ist? Ist denn nicht alles, was ist, irgendwie ein Reiz für die Sinne oder wäre allenfalls eine weiße Wand die Lösung? Das Dunkel der Nacht oder ein leeres Notizbuch womöglich? Oder ein leerer Zug? Eine leere Straße? Nein, auch sie sind alle nicht ohne Reize. Und auch nicht ohne Reiz, aber wohl ohne Reizüberflutung. Die Dosis macht das Gift.

Leere Räume mag ich. Zumindest, wenn die Leere des Raumes meine Phantasie anregt. Aha, das haben wir es! Das ist es, was Leere und was Stille sollen: meine eigene Fülle wecken, den eigenen Schatz öffnen.

Einen Reiz nehme ich als wohltuend wahr, wenn er das, was ist, nicht überdeckt, sondern entwickelt, auspackt. Wenn beispielsweise ein Duft mich nicht abstößt, sondern in mir drin Türen öffnet.

Neulich hat Sherry über einen Duft geschrieben. So anschaulich, dass ich ihn mit meinen eigenen Sinnen wahrnehmen wollte. Und darum das erste Mal in meinem Leben eine Parfümerie betrat. Die Verkäuferin mittleren Alters überraschte mich positiv. Nicht nur wusste sie sofort, wo Rosabotanica steht, auch wusste sie vieles über die Wirkung von Düften, so dass wir bald in ein anregendes Gespräch über Farben und Gerüche vertieft waren. Sie füllte mir ein winziges Fläschchen mit Rosabotanica ab, damit ich herausfinden kann, ob es allenfalls mein Duft ist. Ja, ich mag den Duft. Ja, was Sherry über ihn geschrieben hat, kann ich nachvollziehen. Aber nein, ich glaube nicht, dass es mein Duft ist. Er löst bei mir zwar Vertrautheit und Geborgenheit aus. Neugier und vielerlei Wohlgefühle. Aber es ist nicht der Duft, der sagt: Da, riecht, das bin ich.

Ich stelle mir vor, dass es für jeden Menschen eine Art Heimatduft gibt. Im neulich hier vorgestellten Buch, Die Frau, die nie fror, findet Pirio, die Hauptfigur, etwa zwanzig Jahre nach dem Tod ihrer Mutter, die eine Meisterin der Düfte war, ein Fläschchen mit den einmaligen Duft ihrer Mutter, dessen Rezeptur mit ihrem Tod verschwunden war. Dieser Duft erweckt in Pirio vieles wieder zu neuem Leben: Erinnerungen, Farben, Erlebnisse.

Ich stelle mir also vor, dass auch ich einen Duft habe, der meine Identität prägt, meine Persönlichkeit ausdrückt. Vielleicht denke ich das, weil ich fast alle Menschen, die ich kenne, in Farben wahrnehme. Und weil für mich fast alle Farben einen eigenen Geschmack oder einen Geruch haben. So ähnlich stelle ich mir jetzt vor, dass eben auch jeder Mensch eine Art Duftidentität hat. Ob das nun ein Parfüm ist oder einfach der Duft der Haut, ist nicht entscheidend, nur, dass wir ihn zulassen. Dass wir uns zulassen.

Ich stelle mir vor, dass wir Menschen dieser doch recht exhibitionistischen Gesellschaft uns deshalb so sehr auf die eine oder andere Art auszudrücken bestrebt sind, weil wir mit unserer inneren Leere nicht klarkommen, will heißen, weil wir den Zugang zu unseren Sinnen und Schätzen verloren haben. Und ich ahne, dass wir deshalb so sehr dran sind, uns selbst zu finden, zu werden, zu sein, weil wir irgendwo unterwegs verlernt und vergessen haben, uns zu lieben, zu spüren und zu wissen, was wir brauchen. Und wie wir eigentlich wirklich sind.

So füllen wir diese Leere in uns, die der Raum für unsere eigenen Bilder wäre, diese Leere also füllen wir mit Schall und mit Rauch. Mit klugen Sätzen und mit hohlen Phrasen, mit Rollenspielen, mit käuflichen Dingen.

Einzig um die Stille in uns nicht zu hören und die Leere nicht zu sehen.

Zerlegen. Zusammensetzen.

Es gibt da ein paar Apps, die Bilder zerlegen. Allen voran Decim8. Und natürlich Frax und Segmentix. Anders als die üblichen Bildbearbeitungsprogramme zerpflücken sie ein Bild nach bestimmten mathematischen Gesetzen in Einzelteile und setzen sie – Simsalabim – neu zusammen. Du gähnst? Sorry, ich will dich nicht mit technischen Dingen langweilen, doch was ich eben erzählt habe, taugt ganz gut als Metapher.

Ich nehme mich zuweilen zerlegt wahr. In Einzelteile aufgelöst. Sehe nur einzelne Anteile von mir. Wie ich reagiere. Wie ich agiere. Wie ich träume. Wovon. Wie ich leide. Woran. Und warum ich mich verweigere. Oder mich hingebe und wann. Und wem.

Teile von mir. Teile, die manchmal ohne Kontakt und Absprache mit der Zentrale – Herz? Hirn? – handeln. Und das nicht mal unbedingt intuitiv richtig, sondern aus Gewohnheit. Einzelteile, die agieren. Die reagieren.

Das Ganze ist mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile. Nicht neu. Aristoteles hat schon begriffen, dass – außer in der Mengenlehre – nicht das bloße Zusammenfügen von Dingen etwas zu einem Ganzen macht. Dass das Ganze eben nicht identisch mit Summe ist. Auch Decim8, das auf geniale Weise ein Bild in seine einzelnen Teilchen zerlegt und neu zusammensetzt, kann mir nicht dabei helfen, ganz die zu sein, die ich bin.

Zufällig habe ich heute morgen einen Schnappschuss von mir gemacht, als ich diese App (Decim8) für die Bearbeitung eines andern Bildes öffnen wollte. Aus lauter Spaß habe ich das grimassierende Selfie darauf ein paar Mal durch die besagte App genudelt, mit andern Apps nachbearbeitet und ständig die Frage im Kopf gedreht, was eigentlich ein Selbstbildnis über mich aussagt. Wird es anderen je zeigen können, wie ich mich fühle? Wie ich mich wahrnehme? Ist es nicht auch bloß ein weiteres dieser Teile meiner Selbst? Und wer oder was bin ich überhaupt …? IMG_8774Kann ich mich je, kann jemand mich je als Ganzes wahrnehmen?

Das Ganze? Das wäre ja nur unter Einbezug meiner Mitwelt wahrzunehmen … Jedenfalls annähernd. Ich kann einen Menschen nur erahnen, wenn ich ihn in seiner Umgebung erlebe. Wie ein Mensch mit Tieren umgeht, sagt ebenso etwas über ihn aus als auch wie er Pflanzen behandelt. Oder wie er sich fortbewegt. Wo er Pause macht. Was er isst. Wie er trinkt. Worüber er stolpert.

Ja-ja, ich schweife ab. Über die Zerlegung wollte ich mich auslassen. Und dass Zerlegung und Zusammenfügung zentrale Elemente unseres Alltags sind. Wenn ich mich nicht immer wieder zerlege und von meinen Mitmenschen zerlegen lasse, laufe ich Gefahr, zu stagnieren.

Letzten Sonntag – unterwegs mit Irgendlink über Wiesen und durch Wälder – sprachen wir über die Fallgruben des Alltags und des Lebens …
Am schlimmsten, sagte ich, am schlimmsten finde ich, wenn wir aufhören, uns zu bewegen. Nicht unbedingt von Ort zu Ort, aber in uns drin. Wenn wir stagnieren.

Heute, wie ich hier sitze und diese Zeilen hacke, hallen diese Worte in mir nach. Und ich begreife auf einmal, warum ich als Kind den folgenschweren Satz aussprach, dass ich nie in einem Haus wohnen wolle, wenn ich groß sei.
Ich will immer in Wohnungen wohnen, dann kann ich immer den Ort wechseln, wann immer ich es will, schwor ich mir. Wie alt war ich da? Vielleicht elf oder zwölf? Aufgewachsen in einem Einfamilienhaus an einer kleinen Einfamilienhaus-Wohnstraße in den Siebzigern. Eine Kindheit mit viel Natur. Mit Wald in der Nähe. Mit Garten. Mit Spielkameraden in der Straße. Und mit einer subtilen Ahnung davon, was Stagnation mit Menschen macht. Mit meiner Mutter vor allem. Mit meinem Vater auch, aber weniger.

Heute könnte ich mir durchaus vorstellen, in einem Haus zu wohnen, denn ich habe die Mechanismen der Stagnation durchschaut und laufe wohl nicht Gefahr, ihnen zu erliegen. Dennoch war jeder meiner über zwanzig Umzüge ein heilsames Abenteuer der Zerlegung meines Lebens. Eine Fragmentierung. Ein Chaos.
[Oops, mein Mailprogramm bimmelt. Die Adressänderung einer Freundin, die im Kistenchaos sitzt und in ein paar Tagen umzieht.]

Das wichtigste am Prozess der Selbstzerlegung ist die Erkenntnis, dass wir ihn als vorläufig begreifen. Dass er übergeht in eine kreative Phase der Neuordnung. Und dass auch diese nur vorläufig ist.

Ordnung muss man machen, Unordnung kommt von allein. Shit happens. Ausgleich gibt es immer nur für den Bruchteil einer Sekunde. Dann bricht die Welle und das Wasser fällt. Und die Schaukel baumelt auf die andere Seite zurück. Das Gesetz der Schwerkraft macht auch vor immateriellen Prozessen nicht Halt.

Wie viel, wie wenig, kann ich die Neugestaltung meines Lebens wirklich beeinflussen? Mehr als ich bisher dachte, vermutlich. Aber auch weniger als ganz und vollständig. Denn da sind so viele Einflüsse, die mitwirken. Nicht nur die Gesetze der Mathematik, denn das Leben hat mehr zu bieten als Nullen und Einsen.

Experiment

Ab sofort gibts mich auch auf Tumblr … Das neue Blog dort ist ein Experiment. Ich lerne einfach gerne neue Portale kennen … und vernetze mich gern.

Mal schauen, ob dieser Artikel dort ebenso erscheint wie auf FB.

WordPress ist wie Heimat. Ab und zu muss ich neue Gegenden erkunden.

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… oder, wie der Liebste neulich, auf neue Dächer klettern!

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Appspressionismus: Bild von A-Z auf dem iPhone kreiert.

Hinterher

Endlich habe ich mal wieder einige unformatierte und unverplante Tage mit mir vor mir. Ja, ich bin mir wieder hinterher. Bin mir wieder auf der Spur. Finde langsam wieder zu meinem Rhythmus und meiner Ordnung zurück. Die Dinge fallen auf ihren Platz. Da, wo ich sie finde (meistens jedenfalls). Nicht dass die beiden letzten Wochenenden auf dem einsamen Gehöft irgendwie formatiert, unordentlich oder ohne Rhythmus gewesen wären, nein, dennoch sind sie voller gemeinsamer Unternehmungen, voller gemeinsamer Pausen, voller gemeinsamer Bewegungen und Entscheidungen. Es sind die Wellen des Wir, nicht des Ich, die diese Tage formen. Doch unsere gemeinsamen Tage und Stunden sind mir zu kostbar, um sie mit Bürokram, Wäschewaschen oder Putzen anzufüllen. Segen und Fluch von Fernbeziehungen. Geteilte Zeit schmeckt und riecht anders als persönliche. Die gemeinsame Farbe ist anders als die eigene, anders als seine. Es ist unsere Farbe.

Und nun habe ich also vier Tage für mich. Für Dinge, die ja doch eines Tages getan werden müssen. Für Dinge, die im westlichen Alltag normal sind. Zahlungen. Bürokram. Steuererklärung. Normaler Alltag also.

Normal? Du? Du bist doch nicht normal!, sagte unser Freund S. aus Paris am Ostersamstag, als wir zu sechst nach einem Waldspaziergang in einer Wanderhütte rasteten. Sonst wärst du nicht mit dem da zusammen, lacht er und deutet auf Irgendlink, der mir gegenüber sitzt. Und er nicht mit dir! Wir lachten, doch eigentlich war es kein Scherz, nein.

Es war und ist für mich nur eine weitere Bestätigung dafür, warum ich mich in meiner aktuellen beruflichen Umgebung so unwohl fühle. Und das hat noch nicht mal ausschließlich damit zu tun, dass ich mit den Leuten – selbst nach zehn Monaten – nicht wirklich warm geworden bin (eine fast neue Erfahrung für mich). Es hängt, wie ich erst vor kurzem begriffen habe, vor allem mit dem Inhalt und Ziel unserer Arbeit zusammen. Wir vermitteln Stellensuchenden temporäre Arbeitseinsätze oder Praktika und bieten ihnen Bewerbungsschulung an. Ziel ist, dass die Programmteilnehmenden nach unserer Arbeitsmarktlichen Maßnahme wieder fit für den Arbeitsmarkt sind. Fakt aber ist, dass unser Klientel in den letzten Jahren „komplizierter“ und zeitaufwändiger geworden ist. Es gibt, so sagen die BeraterInnen, immer mehr Menschen, die nicht mehr irgendwo hineinpassen, die aus dem Netz herausgefallen und die psychisch am Limit sind. Oder zu alt, zu ungebildet, zu ausländisch getauft, zu wenig sprachgewandt …

Zwei Dinge stoßen mir dabei immer wieder auf. Das eine ist eher eine globale oder westliche Entwicklung, die mir je länger je mehr missfällt: Die Standards für Berufe und Berufsausbildungen sind anspruchsvoller geworden. Kaum ein Berufsbild, das sich nicht gewaltig verändert hätte und früher Ausgebildete alt aussehen lässt. Diplome, Zeugnisse, Weiterbildungen und Titel sind alles. Dazu können die Vorgesetzten auswählen und nehmen natürlich Junge mit dreißig Jahren Erfahrung, die noch formbar sind. Und ja, trotz Mindestlöhnen gibt es auch in der Schweiz die Schere von billigen und teuren Arbeitskräften. Der Druck ist enorm. Das halten nicht alle aus. Human geht anders. Und ich bin Teil dieser Maschinerie … Und da wären wir auch schon beim zweiten Ding, das mich rülpsen lässt. Ich stelle fest, dass ich nicht in eine Umgebung passe, die einer Norm huldigt, die da sagt, dass ein Mensch nur wertvoll sei, wenn er arbeite. Soll heißen, wenn er eine feste Stelle hat. Wenn er ein geregeltes Einkommen hat. Wenn er angepasst, normal (!), kompatibel und nett ist.

Ich weiß wovon ich rede, denn ich war schon ein paar Mal als Stellensuchende unterwegs.  Ich war eine von ihnen sozusagen. Nicht lustig. Ich fühlte mich oft als Mensch zweiter Klasse. Obwohl, das ist natürlich auch meins: Es sitzt im Kopf, dieses Bild, dass Arbeit eine Art Synonym für Lebenssinn ist.

Bin ich also ein fauler Mensch? [Wohl schon. Ja gerne. Warum auch nicht?] Bin ich faul, weil ich Erholung und Regeneration mindestens so wichtig wie Arbeit finde? Und weil ich am liebsten jene Arbeiten tue, die ich am liebsten mache und am besten kann? Ja, ich arbeite gerne. Ich arbeite gerne an Projekten und mit Dingen, die das Leben lebenswerter machen. Schreiben. Garten. Putzen. Lektorieren. Dabei geht es mir um Werte. Um meine persönlichem Werte. Ich ahne eine Art Lebensrecht, das wohl nirgends definiert oder beschrieben ist … ein Lebensrecht auf jene Arbeit, die mir am meisten entspricht. Die jedem und jeder entspricht. Dir und dir auch.

Doch unsere Realität sieht anders aus. Viele von uns arbeiten primär für das Geld, das sie als Gegenwert für die investierte Zeit erhalten. Wir arbeiten nicht für die Befriedigung eines Tagwerks nach unserm Geschmack. Da stimmt doch was nicht in unsern Köpfen? Mit unserer Welt. Mit unsern Motivationen. (Und was ist das eigentlich für eine Welt, in der Gutmensch ein Böswort ist?)

Schnitt.

Wie es wohl sein wird, wenn ich ab Mitte Juni wieder frei bin? Gekündigt habe ich schon vor Wochen. Seither geht es mir viel besser. Die mühsame Zugfahrt zur Arbeit stresst mich ein bisschen weniger, denn ich weiß, dass meine Tage dort gezählt sind (nur noch etwa zwölf!).

Und dann? Ja, natürlich habe ich ein wenig Angst, denn meine Selbständigkeit ist noch nicht wirklich soo selbständig, dass ich davon leben könnte. Aber das kann ja noch werden, oder?

Was ich wirklich will? Von meinem Schreiben und Lektorieren und den andern Dingen, die ich anbiete, leben können. Ja. Das will ich.

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Appspressionismus: Bilder auf dem iPhone kreiert und mit Gimp verkleinert und wassergezeichnet.