es poltert hinter den Rippen

Ein bisschen lärmt es schon, mein Herz, wenn ich an übermorgen denke. An die abenteuerliche Autofahrt nach Österreich. Nach Hallstatt. Nach Bad Goisern um genau zu sein, denn dort haben wir uns für eine Nacht in einer Frühstückspension einquartiert. Nach zwölf Nächten auf einer dünnen Matte in Schlafsack und Zelt wird es für Irgendlink sicher schön sein, mal wieder auf einem weichen Bett zu schlafen. Stell ich mir jedenfalls so vor.

Schon morgen oder auf jeden Fall übermorgen – insch’allah – wird der Liebste nach beinahe tausend Kilometern sein Reiseziel erradelt haben. Oh, nein, falsch! So kann man das nun wirklich nicht sagen. Reiseziel meine ich. Das Ziel war schließlich die Reise. Das Bildersammmeln. Das Schreiben von unterwegs. Das Unterwegssein überhaupt. Der Zielort ist nicht mehr und nicht weniger als ein Zielort. Eine vorübergehende Endstation. Eine weitere Station im Leben. Eine temporäre Innehaltestelle. Einfach ein Ort, ein weiterer Ort auf der Lebenslandkarte.

Dennoch: Dieser Ort stand und steht im Fokus von Irgendlinks livegebloggter Reise, denn dort, in Hallstatt, sollen ja demnächst hundertzwanzig auf Keramik gebrannte Bilder – entstanden auf dieser zwölftägigen Reise – in den für die Ewigkeit gebauten Kellern des Memory of Mankind eingepökelt werden. Oder so. Die Duplikate dieser Bilder sind übrigens käuflich (okay, das ist [jetzt auch] ein Werbespot).

Soweit so gut. Mein Herz lärmt, wie ich schon schrieb. Unbekannte, un-erfahrene Strecken jagen mir immer Respekt ein, obwohl ich mich als doch recht routinierte, auch langstreckenerprobte Autofahrerin bezeichnen würde. Aber den Osten der Schweiz sowie Österreich kenne ich nicht wirklich gut. Österreich, zu meiner Schande sei’s gesagt, kenne ich eigentlich überhaupt nicht. Erst zweimal war ich über der Grenze. Und über der Grenze meint genau das. Kurz rüber und wieder zurück. Und jetzt will ich also einfach losfahren, via München und Salzburg ins Salzkammergut. Herzklopfen, lautes, wie gesagt.

Die Vorfreude ist es auch, natürlich, die meinen blutigen Pumpmuskel zappeln lässt. Endlich Irgendlink – statt am Telefon zu hören oder in zig Viber-SMSen zu lesen – live zu erleben, ist eben einfach anders. Ein Unterschied wie zwischen Tiefkühlpizza und selbstgemachter. Wie zwischen Sonne im Fotoalbum und Sonne in echt. Wie zwischen Internet und echtem Leben. Ungefähr.

Da kann es schon mal vorkommen, dass wir ein bisschen spinnen beim Simsen.

Manchmal kommt man über den Südpol zum Nordpol, schreibe ich heute Morgen im Zug zur Arbeit. Und über den Ostpol zum Westpol, denke ich.
Oder über Chieming nach Salzburg!, schreibt er.
Umwege sind häufiger als Abkürzungen. Mein Wort zum Tag, schreibe ich in Olten.
Wenn Apple die Klobürste erfunden hätte, wäre deren Benutzung selbsterklärend, schreibt er. Noch später. Vermutlich auf einer Toilette. Keine weiteren Angaben.
Optimal – schön kühl, schreibt er von unterwegs. Da ist es bereits Nachmittag und bei ihm regnet es wohl ein wenig.
Optimal ist doch optimal, tippe ich schnell im Büro nach Nordost.

Jetzt aber fertig … weitere intime und geistreiche Zitate erspare ich euch gerne. Besser so.

Besser noch ich hau mich jetzt mit Buch ins Bett, auf dass das polternde Herz zur Ruhe kommen möge.

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Mehr über Irgendlinks aktuelles Projekt „Bilder für die Ewigkeit“ auf seinem Blog irgendlink.de und auf der Projektseite (hier klicken).

viel oder wenig

Man sollte immer nur so viel Gepäck dabeihaben, wie man selber tragen kann. Gedacht heute Morgen, als ich einer Familie beim Zugausstieg zugeschaut habe. Und dabei festgestellt, dass ich keine Ahnung von den wahren Bedürfnissen dieser Familie habe. Von den vermeintlichen auch nicht wirklich. Gemerkt auch, dass ich mal wieder in Vorurteilen zapple, dass ich andere verurteile und, vor allem, dass ich im Grunde keine Ahnung habe.

Womit wir mitten im Thema Was-denken-die-andern? wären, bei den Konventionen und Konditionen, die unser Leben prägen. Ich weiß, ich weiß, über Freiheit und Unfreiheit wurde schon viel geredet und geschrieben – auch hier in diesem Theater Blog.

Zwar hat mich das Darüberschreiben nicht freier gemacht, doch verändern sich meine Perspektiven zu diesen Zusammenhängen immer wieder ein wenig.

Von allem (und damit auch von allen) frei zu sein ist mein Bestreben nicht. Freiheit kann für mich immer nur eine differenzierte, spezifische sein. Anders gesagt: Die Freiheit, die ich anstrebe, ist, selbst zu definieren, wo ich von andern Dingen und Menschen wie sehr abhängig sein will (und davon bin ich noch meilenweit entfernt). Ja, meinen Kontext größtmöglich selbst zu definieren, strebe ich an.

Ich verstehe mich immer als Teil eines Ganzen, eines Gesamtzusammenhanges – sowohl im ganz irdischen Sinn (Teil der irdischen Gemeinschaft) als auch im metaphysischen Kontext, auch wenn sich zweites nur vage benennen lässt.

Um zu den Konventionen zurückzukommen: Dem Kontext, in den ich hinein geboren bin, verdanke ich eine so und so geartete Lebensweise, die funktioniert, wenn ich mich daran halte. Wenn ich … (Merke: Funktionalität ist nicht bedingungslos). Damit eine Gesellschaft funktionieren kann, hat jede menschliche Kommune Verhaltensregeln geschaffen (samt Göttern und Schuld, Gesetzen und Sanktionen). Irgendwie muss man sich ja auf etwas einigen …

Wer hat wohl das erste Mal Danke gesagt und wer bitteschön Bitte? Müssen wir, sollen wir, immer brav Dankeschön sagen, auch dann, wenn wir keine Dankbarkeit empfinden und um etwas bitten, auch wenn wir keinen Bedarf haben? Sind Danke- und Bitte-Sätze sowie andere ähnliche Formeln mehr als Dressur ohne Sinn oder gehören sie abgeschafft? [Ich denke laut – sprich schreibend – vor mich hin, während der Zug mich nach Olten fährt, wo ich umsteigen muss, wozu mich die höfliche Stimme per Lautsprecher auffordert.] Ach, die Höflichkeit! Sie ist eine der Konventionen, die ich immer wieder sehr ambivalent betrachte. Zum einen angenehm, zum andern oft sehr künstlich, so dass ich mich frage: wie authentisch kommunizieren wir? Vor allem dann, wenn uns etwas nahe geht? Sagen wir Aua, wenn uns jemand verbal – ob unbeabsichtigt oder vorsätzlich – auf die Zehen oder den Schlips tritt?

Was bestimmt unsere Art, zu kommunizieren? Scham und Angst, wie ich das immer wieder zu beobachten glaube? Oder sind es Mut und Offenheit? Wenn ja, wann und wie?

Über eine weitere Konvention in unsern Breitengraden denke ich auch wieder mehr nach, seit ich wieder angestellt bin: über die Sache mit dem Geld und seinem Erwerb. Ich arbeite für eine Institution, die Stellensuchenden temporäre Arbeitsplätze und Unterstützung bei der Stellensuche anbietet und bin darum sehr nahe an dem Thema Geld und Identität dran. Aus Fallakten und Gesprächen schließe ich, dass den meisten Menschen, die nicht im Arbeitsmarkt sind, ein paar Sachen – vom Geld mal abgesehen – fehlen: Sie fühlen sich aus der Gesellschaft herauskatapultiert und als Außenseiter, ihnen fehlt eine sinnvolle Tagesstruktur und sie fühlen sich vom Leben unterfordert oder ausgestoßen. Auch hier wieder: Scham, dazu Angst vor einem Leben außerhalb der Gesellschaft.

Zu wenig gut zu sein oder zumindest von einem grundsätzlichen oder punktuellen Mangel auszugehen, scheint mir ein weitverbreitetes Lebensgefühl zu sein und mir ebenfalls bestens bekannt. Bekannter als das Leben in Fülle.

Meist ist es nicht die fehlende oder vorhanden Materie, die über Mangel- und Fülle-Wahrnehmung entscheidet. Das Problem sitzt tiefer. Meistens ist es die grundsätzliche Wertschätzung uns selbst gegenüber, die uns fehlt. Ach, und das ist ja nur die Spitze des Eisberges …

… eigentlich ganz schön verrückt: Unsere ganze westliche Gesellschaft ist so „reich“ und wird doch von einem ganz tiefliegenden Mangeldenken und -fühlen dominiert.

Ob die Familie von vorhin, die mit acht Koffern und Taschen vorhin den Zug verlassen hat, darum so viel mitgenommen hat?

[Heute Morgen unterwegs im Zug zur Arbeit geschrieben]

wie vorgesehen

Manchmal habe ich einfach genug von der einen oder anderen Grundeinstellung meines Lebens. Manchmal möchte ich einfach, wie bei meinem Rechner, das eine oder andere Programm löschen oder zumindest mit einer störungsfrei laufenden Neuversion updaten. Zum Beispiel möchte ich endlich damit aufhören, zu glauben, dass ich um keinen Fall glücklich sein darf, solange noch irgendwo auf dieser Welt ein Mensch oder ein Tier leidet. Nicht, dass ich aufhören will, mich für das Leid auf der Welt mitverantwortlich zu wissen, auch will ich nicht einfach abstumpfen und wegschauen. Doch trotz des vorhandenen Elends auf dieser Welt, trotz der Tatsache, dass auf dieser Welt vieles im Argen liegt, trotz all der Tränen, die täglich geweint werden, möchte ich mir endlich erlauben, mein Leben in seiner Fülle zu leben.

Abgeschaut habe ich mir diese Möglichkeit bei einer alten Linde, die sich auf einem Hügel schon viele Jahrzehnte in all ihrer Pracht entfaltet. Auch bei den Bäumen im Wald habe ich es mir abgeschaut. Die Bäume hier wachsen, als gäbe es andernorts keine Kriege. Sie breiten sich aus, sie transformieren unsere Schadstoffe in Sauerstoff, sie tun, wozu sie da sind, weil sie das Programm in ihrem Samen von Anfang an dazu ermächtigt hat. Darum stehen sie da und sind, was sie sind.

Zugegeben, viele Bäume auf dieser Welt können nicht ihrer Bestimmung gemäß leben und viele andere Pflanzen auch nicht. Viele Tiere nicht, viele Menschen nicht. Dennoch, so begreife ich allmählich, dennoch ist das Leben in Fülle in unseren Samen, in unserm Lebensprogramm vorgesehen. Die Möglichkeit dazu. Und auch die Möglichkeiten für Mitgefühl und Hass.

Grundeinstellungen ändern sich nicht von heute auf morgen. Wir sind keine Maschinen. Zum Glück. Und ich bin froh, dass ich die Möglichkeit und den Glauben an Veränderungen nicht verloren habe.

Schritt für Schritt

10 – 9 – 8 – 7 – 6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1 – badouuuuf … So fing unser cooles Hörspiel an, das ich mit drei Klassenkameradinnen als Schulaufgabe in der zweiten oder dritten Bez. ausgetüftelt hatte. Den Countdown haben wir bei irgendeiner Sciencefiction-Sendung im Fernsehen mit einem Kassettenrecorder aufgenommen, den Rest des selbst erfundenen Hörspieltextes ebenso. Den habe ich jedoch längst vergessen. Nur die Erinnerung an ein paar witzige Stunden ist geblieben. Neue Projekte machen meistens Spaß. Und viel Arbeit auch, Arbeit jedoch, die Freude bereitet.

Ein bisschen wie vor und nach dem Countdown ist es mir auch jetzt zumute. Seit heute kann man nämlich das erste Text-eBook von Irgendlink – Schon wieder ein Jakobsweg – käuflich erwerben. Und zwar, wenn man hier draufklickt.

Einen Monat lang pilgerte der Liebste nämlich vor zweieinhalb Jahren von den Pyrenäen nach Santiago, um nicht nur das Leben als Pilgrim am eigenen Leib zu erfahren, sondern auch seine langjährig gebrütete Vision vom Livebloggen weiterzuentwickeln. Das Buch ist die Zusammenfassung der damals geschriebenen Artikel – ohne die redaktionellen Beiträge meinerseits und auch ohne die Kommentare all der tollen Mitreisenden zuhause am PC. Ergänzt dafür mit ein paar unveröffentlichten Artikeln, die in den Tiefen des iPhones geruht haben. So ist ein zusammenhängender Bericht, ein Buch mitten aus dem Pilgeralltag heraus, entstanden, der mich beim erneuten Lesen wieder voll gepackt hat. Das Buch ist rechtzeitig als Auftakt zur nächsten Reise, die morgen losgeht, erschienen. Über das neue Projekt Bilder für die Ewigkeit gibt es genau hier mehr Infos: Draufklick.

Apropos Countdown, ist nicht jeder Tag einer für den nächsten, der Morgen für den Abend, der Winter für den Sommer? Und war nicht meine heutige Zugfahrt ein Countdown für den Arbeitstag im Büro? Die letzte Viertelstunde meiner Reise teile ich mein Viererabteil mit einem bierdosenbestückten Mann, der zu einer Gruppe anderer hinter mir sitzender BierdosenhalterInnen gehört. Zum Glück lässt er mich in Ruhe. (Was er wohl über diese komische Frau denkt – falls er denn etwas über sie denkt – die da auf ihrem Telefon einen Thriller liest?) Ich gebe zu, dass mich die kollektive Alkohlfahne der Gruppenmitglieder abstößt. Ich ringe mit mir, ob ich einfach aufstehen und mich woanders hinsetzen soll, doch da mir niemand etwas zuleide tut, einzig meine Nase überfordert ist, lasse ich es bleiben und verhalte mich unauffällig und politisch korrekt.

Eine der beiden zur Gruppe gehörenden Frauen, die im Abteil unmittelbar hinter mir sitzt, hat ein kleines Hundchen dabei, das artig auf einer Zeitung liegt. Auf einmal fängt sie mit der andern Frau im Nachbarbteil einen lautstarken Streit an. In schönstem Berndeutsch. In keinem Dialekt gibt es so herrlich derbe Schimpfwörter! Du bisch e Logimoore (du bist ein Lügenschwein). Immer schon. Das wusste ich schon die ganze Zeit. Mir kannst du nichts vormachen. Ich würde dir am liebsten die Fresse polieren. Und so weiter, und so fort …

Als die andere mit schwachen Rechtfertigungen antwortet, holt die Hundehalterin nur umso kräftiger aus und wiederholt ihre Wahrnehmungen in immer neuen Schimpftiraden. Es fehlt nur noch, dass sie aufsteht, den Gang zwischen ihr und der Kontrahentin überschreitet und ihre Drohungen wahr macht. Ich überlege Notfallszenarien. Wie würde ich reagieren, wenn sie sich anfangen sollten zu prügeln und wieso sagt keiner der Männer, die mit im Abteil sitzen, etwas?

Es ist mucksmäuschenstill. Außer mir sitzen ja auch nur noch etwa vier oder fünf Unbeteiligte mit im Wagen. Allmählich schwillt die laute Stimme der Hundehalterin ab und wird wieder normal. Da und dort setzen wieder Gespräche ein und alle verhalten sich so, als wäre nichts gewesen. War da überhaupt etwas oder war das eben nur ein täglich sich wiederholendes Ritual, eine Art Reinigungsritual gar?

Heute ist nicht viel los im Büro. In der Pause tauschen wir über Menschen und ihre Schicksale aus und ich lese in der Zeitung von einer Bluttat mitten in Bern, genau in der Straße, in der ein früherer Partner gewohnt hat. Und zwar an der Bushaltestelle, wo ich jeweils den Bus verlassen habe. Und das ganz in echt. Verrückte Welt! Auf einmal fällt mir jene Stelle aus dem Buch Die Welt auf dem Kopf ein, wo die Autorin Milena Agus den Protagonisten Jackson junior sinngemäß sagen lässt, dass die Welt nicht wirklich schlecht sein kann. Wäre sie es nämlich, würden in den Zeitungen nicht die schlimmen, sondern die guten Dinge stehen, erklärt er. In den Zeitungen stehen nämlich immer die nichtalltäglichen Sachen. Hat was.

Ich kann am Nachmittag ein paar Fleißarbeiten für die Statistik erledigen und tauche dazu tief in einige Fallgeschichten ein. Geschichten von Menschen, die durchs Netz gefallen sind und sich ihr Leben irgendwann ganz anders vorgestellt haben. Im Zug nach Hause sitzt im Abteil vis-à-vis eine junge Großmutter mit ihrem vielleicht anderthalb Jahre alten Enkel, der ihr die Welt erklärt und mit ihr Zeitung liest. Wissensdurstig wiederholt er alles, was im die Frau sagt und hängt überall Fragezeichen an seine Sätze. Er will es wissen! Er hat das Leben noch vor sich. Hat noch keine Ahnung von vielem, der Glückliche, weder von Bierdosen noch von Netzen, durch die man fallen kann. Weder von Herzschmerz noch von Not. Möge auch in der Welt, in die er hineinwächst, die bösen Dinge in der Zeitung stehen, weil sie nichtalltäglich sind.

10 – 9 – 8 – 7 – 6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1 – badouuuuf …

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EDIT: Wer weder eReader noch Smartphone noch Tablet hat, kann auch auf dem Browser eBooks lesen. Unter den browserbasierten Epub-Readern für Firefox empfehle ich den EPUBReader und Lucifox. Die kostenlosen Addons lassen sich einfach installieren und die epubs mit ein paar Klicks auf dem Bildschirm öffnen. Viel Spass!

Ausgelesen II. #2

An alles gewöhnt sich der Mensch, Mutantin, die sie ist. Sogar ans Zugfahren. Zumal ich lesen kann. Dazu bin ich nämlich schon früh morgens um halb acht in der Lage.

furchtbarliebZufällig bin ich neulich beim Surfen auf das e-Book Furchtbar lieb von Helen FitzGerald gestoßen und lud es mir aus Neugier aufs iPhone. Fast in einem Zug habe ich es verschlungen. Sicher werde ich noch mehr von dieser schottischen Autorin lesen. Fitzgerald schreibt glasklar und ironisch, zugleich äußerst sensibel und verstörend. Ihre Geschichte verblüfft mich immer wieder neu und lässt mich kaum zu Atem kommen. Wer englische Bücher mag, muss das lesen. Das Buch gibt’s übrigens auch als – ähm – Buch.

die_welt_auf_dem_kopfWeil ich dank der App Onleihe kostenlos an die eBooks meiner Bibliothek komme, habe ich mir das Neue von Milena Agus ausgeliehen und – wie vor einiger Zeit ihre Frau im Mond – bis zur letzten Seite mit offenem Mund dieser wunderbaren sardischen Geschichtenerzählerin gelauscht. Ihrer poetischen Sprache, die authentisch und bezaubernd den Alltag in einem verrückten alten Mietshaus in Cagliari auf Sardinien schildert. Die Welt auf dem Kopf liest sich wunderbar schwerelos, obwohl die Menschen darin keineswegs alle auf der Sonnenseite des Lebens stehen.
Ein tolles Buchgeschenk für Menschen mit Phantasie.

scheintotAuf dem Heimweg von der Arbeit habe ich heute einen Thriller von Tess Gerritsen, ebenfalls als eBook ausgeliehen, angefangen: Scheintot. Eine Autorin, die ich bisher nur vom Namen her kannte. Sie liest sich ausgesprochen spannend. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung.

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Wenn ich grad nicht Zug fahre oder im Büro sitze, bin ich am Laptop und lektoriere Irgendlinks Buch fertig: Schon wieder ein Jakobsweg soll Ende Woche als eBook bei neobooks erscheinen. Wenn alles klappt. Wenn wir fertig werden. Wenn nichts dazwischen kommt.

Und wenn ich nicht am Lektorieren bin, versuche ich meinen zurzeit überlasteten Geist irgendwie zur Ruhe zu bringen. Ich lasse alle Tippfehler sein, was sie sind. Sollen sie doch grad machen, was sie wollen. Miiir doch egal …

Wie gut, dass ich morgen frei habe … (Arbeit habe ich nämlich auch zu Hause genug.) Und, ja, auch viele Bücher, die darauf warten, von mir gelesen zu werden …

Urlaub im Lazarett

Wie wir gestern auf dem Seeuferweg zurück zum Wasserschloss Hallwil wandern, entdecken wir immer noch mehr Badeplätze, die zu immer noch mehr Seebädern einladen. Die bald ablaufende Parkuhr im Hinterkopf ticken zu hören ist das eine, ein anderes sie zu ignorieren und dem lockenden Baderuf des Hallwilersees nachzugeben.

Wann, wenn nicht jetzt?, zitiert Irgendlink ein bekanntes philosophisches Bonmot.
Wer, wenn nicht ich?, sage ich.
Wo, wenn nicht hier?, sagt er und setzt sich auf die sonnengewärmten Treppenstufen. Warum, wenn nicht darum?, spinnt er weiter, während er sich aus den Kleidern schält.
Wie, wenn nicht so?, vollende ich unser philosophisches Meisterwerk und stürze mich ins Wasser.

Es ist das vierte Seebad an einem Tag, doch auf der andern Seeseite kam mir das Wasser deutlich wärmer vor. Mag sein, dass ich drüben aufgeheizter war, denn jetzt sind wir ja vor allem im Schatten der Bäume gewandert und die Seefahrt vorhin hatte auch eher eine abkühlende Wirkung. Lange bleiben können wir eh nicht, auf Parkbuße haben wir keine Lust.
Die letzten drei Tage waren wie eine Woche Urlaub, schwärme ich. Heute ganz besonders. Man soll ja immer aus allem das beste machen, auch aus der Tatsache, dass ich erst im September richtig Urlaub machen kann.

Beim Auto angelangt, sind die Haare schon fast wieder trocken. Mit offenen Fenstern fahren wir nach Hause.

Dort macht sich bald ein erstes Kratzen im Hals bemerkbar. Irgendlink sagt, dass er es auch spürt, seit dem Morgen schon. Vielleicht vom gestrigen Reussbad? Oder vom Freitagsbad in der Aare? Wie auch immer … den Rest des Abends verbringen wir mit dem Lutschen von Halsbonbons und in der netten Gesellschaft von Tröpfchen und Halswehspray.

Heute Morgen nun habe ich fast kein Halsweh mehr, dafür ein bisschen Fieber. Matt fühle ich mich und bin froh, dass ich erst morgen wieder ins Büro muss. Hoffe, dass das geht. Irgendlink hat schlecher geschlafen als ich, hat einen rauhen Hals, hustet und fühlt sich mies. Erholung ist angesagt. Keine Bäder heute. Ruhe.

Dennoch, ich bereue nichts. Es gibt nicht viel, das ich mehr liebe, als ruhig auf dem Rücken im Wasser zu liegen, die Ohren untergetaucht, den Blick in den Wolken. Solche Inseln im Leben geben mir Kraft. Die Schönheit dieser Stille, dieses Innehalten, dieses nach Innen-Lauschen – ich liebe es; und nein, ich bereue nichts.

EDIT: Irgendlinks „Wort zum Sonntag“ gibts hier zu lesen: Fleisch so weit das Auge reisch …

hallwilerseecollage__________________________

Bilder und Montage:
Appspressionismen (iPhoneArt)

Das Rascheln hinter dem Vorhang

Seit ungefähr einem Monat nimmt das Kunstprojekt Bilder für die Ewigkeit Gestalt an und in acht Tagen fährt der Liebste bereits wieder los. Für zwei Wochen, während denen ich wieder als Homebase sein Kunstblog irgendlink.de redigiere.

Ewigkeit trifft Gegenwart könnte man das Projekt auch überschreiben. Ich zitiere aus der Pressemitteilung, die wir heute Morgen vollendet haben:

Nach fast dreijähriger Forschungsarbeit im Bereich Liveblogging und Direkt-Publishing, geht der Zweibrücker „Künstler in Bewegung“ ab 20. Juli 2013 ein neues Projekt an, das im Spannungsbogen „Ewigkeit trifft Gegenwart“ rangiert. Die Reise führt von Zweibrücken in der Pfalz entlang französischer Kanäle über Süddeutschland ins Weltkulturerbe Hallstatt in Oberösterreich. Unterwegs entstehen per Smartphone etwa 120 Bild-Text-Montagen, die für das Memory of Mankind-Projekt des Hallstätter Keramikers Martin Kunze fortlaufend auf Keramikfliesen gebrannt werden. Das Konzept des Österreichers besteht darin, für das Memory of Mankind das Wissen, die Kultur und auch das Alltägliche unserer Zeit in den Salzstöcken des Weltkulturerbes Hallstatt zu sammeln.

Pure, gelebte Gegenwart mit all ihren Haken und plötzlichen Wendungen, ihren Irrungen und impulsiven Selbstverständnis trifft auf Ewigkeit. Der Reisekünstler Irgendlink (Jürgen Rinck) und Martin Kunze vom Archiv-Projekt „Memory of Mankind“ haben sich zu einem interaktiven Experiment zusammengeschlossen, um diesen Prozess näher zu beleuchten. Die beiden Visionäre fanden sich, um gemeinsam sowohl philosophische, als auch kulturelle und wissenschaftliche Aspekte unseres Umgangs mit dem Lauf der Zeit auszuloten. Konzeptkünstler Rinck will den gelebten Moment möglichst zeitgleich und hautnah mit der Webgemeinde teilen und dokumentiert dazu seit 2010 all seine Reisen zeitnah in Bild und Text in seinem Blog.

Quelle: irgendlink.de > Pressemitteilung

Wir freuen uns über viele Mit-Zeitreisende und auf eine kostbare neue Erfahrung.

Ausgelesen II. #1

Da ich ja seit letzter Woche zehnmal pro Monat mit dem Zug zur Arbeit fahre, starte ich hiermit eine neue Serie. In einem Zug gelesen # 1 widme ich dem Krimi-Zweitling von Ina Haller.

978-3-95451-076-4

Zugegeben, der Titel haut höchstens Leute aus den Socken, die wie ich im Aargau wohnen oder aus der Gegend hier stammen. Darum gleich zu Anfang: Das Buch hätte einen besseren Titel verdient. Bücher mit Lokalkolorit – insbesondere Krimis – mag ich sehr. Speziell Bücher aus der Schweiz. Und wenn ein Buch in meiner biografischen Heimat spielt – teilweise in einem mir bestens bekannten Wohnquartier Aaraus – hat das Buch ein paar Vorschussloorbeeren gut. Doch diese wären schnell verscherzt, wenn mich das Buch nicht überzeugt.

Optisch ist das Buch unspektakulär, aber ansprechend. Der Klappentext macht neugierig. Und da ich mit der Autorin zusammen – Seite um Seite schreibend – bei einigen Novemberschreiben mitgemacht habe, wollte ich das Buch natürlich unbedingt lesen. Dass die Autorin aus Deutschland stammt, merkt man beim Lesen nicht, denn ihre Geschichte zeugt von jahrelanger Ortskenntnis.

Andrina, eine zweiunddreißigjährige Geologin, ist nach ihrem Studium, auf der Suche nach Arbeit, im Cleve-Verlag gelandet. Brigitta, die eine der beiden Verlegerinnen, war für sie eine Art Patin und hat ihr vor etwa einem Jahr eine Stelle als Sekretärin und Lektorin zugeschustert. Dass Brigittas Zwillingsschwester Elisabeth über diese Wahl nicht besonders glücklich war, erfahren wir erst im Laufe der Geschichte.

Nur ganz kurz dauert das Glück des Verlagsteams über die Adaption eines historischen Cleve-Fantasy-Romans in ein Musical, das am Anfang der Geschichte uraufgeführt wird. Oder besser: werden soll, denn als sich der Vorhang des Badener Kurtheaters öffnet, liegt statt eines Schauspielers der tote Autor auf der Bühne und der Alptraum beginnt. Andrina gerät ins Blickfeld der Polizei, wird jedoch schon bald aus dem Kreis der Verdächtigen entlassen und schon bald als mögliches nächstes Opfer betrachtet.

Das Büro wird verwüstet, die eine Lektorin nimmt sich das Leben und beinahe wird die Verlagslektorin Gabi ermordet. Dank Andrinas äußerst mutigem Eingreifen, überlebt die Lektorin den Anschlag, doch der Mörder kann – unerkannt – flüchten. Andrina erhält schon bald den immer gleichen Drohbrief („ich weiß immer, wo du bist“), verheimlicht das aber der Polizei, weil sie ihren Expartner Eric Zuber dahinter vermutet.

Nachdem sich Brigittas Suizid als weiterer Mordanschlag herausstellt, kommen sich Andrina und der eine der ermittelnen Kripo-Beamten, Marco Feller, langsam näher. Sein Personenschutz geht sogar so weit, dass er sie in den Urlaub aufs Hausboot ihrer Schwester Seraina und deren Mann Mike, begleitet. Undercovered hält er ein Auge auf Andrina, die nach einigen Tagen auch in Norddeutschland wieder Drohbriefe erhält. Schließlich werden Feller und sie sogar angeschossen und beschließen danach, sofort zurück in die Schweiz zu fahren. Inzwischen sind sich die beiden näher gekommen und verstehen sich als Paar – nicht ganz einfach unter diesen schwierigen Voraussetzungen. Zurück in Andrinas WG erwartet sie eine schreckliche Überraschung, die Andrina zwingt, sich eine andere Unterkunft zu suchen. Bald gerät sie, weil sie Marcos Haus – wo sie Exil bekommen hat – auf eigene Faust verlässt in Lebensgefahr. Das Finale? Darüber sage ich nichts, außer dass der Mörder eine doch sehr ungewöhnliches und unerwartetes Motiv hat und die Geschichte mit unvorsehbaren Wendungen bis zuletzt überrascht. Besonders gefällt mir, wie Haller ihre Geschichte abschließt. Doch auch das verrate ich hier natürlich nicht.

Zugegeben, zuweilen trägt die Autorin ziemlich dick auf und der eine oder andere Sachverhalt erscheint unnachvollziehbar, doch gelingt es Haller, diese heiklen Details so glaubwürdig zu erzählen, dass man sie ihr verzeiht. Obwohl ihre Stärke im Ausmalen der Details und in realistischen Dialogen liegt, wünschte ich mir hin und wieder, dass sie weniger sagt, weniger erklärt.

Ihre Figuren zeichnet sie selbst da nachvollziehbar, wo am Anfang Stereotypen hinhalten müssen. Ich denke dabei vor allem an die Figuren Marco Feller und Eric Zuber. Zum Glück weicht Haller die Klischees allmählich auf und die Personen werden bald dreidimensional und überzeugend. Andrina, die ich am Anfang eher ätherisch wahrnehme, wächst im Lauf der Geschichte über sich hinaus und zeigt Zivilcourage. Eine starke Frauenfigur, die sich ungern Vorschriften machen lässt und sich dabei – trotz ihrer Ängste – mehrmals in Lebensgefahr begibt. Für mich dürften die beiden Hauptfiguren, Andrina und Marco, durchaus menschlich und optisch weniger perfekt sein. Das hätte sie womöglich noch sympathischer gemacht. Auch der eine oder andere literarische Stolperstein wäre vermeidbar gewesen. Dennoch ein Buch das Lust macht auf mehr und dem ich es gönne, nicht nur im Aargau, sondern über seine Grenzen hinaus, auch über die nördlichen, gelesen zu werden.

Ina Haller. Tod im Aargau. Kriminalroman, emons 2013.
ISBN: 978-3-95451-076-4

Virtueller Spaziergang

Eben bin ich mal wieder durch die Blogosphäre spaziert, was ich so ausführlich schon lange nicht mehr gemacht habe. Den täglichen Blick in den Reader werfen, von wo aus ich meine abonnierten Blogs besuche, ist das eine, doch gibt es ja noch so viele andere tolle Blogs und Webseiten, die ich mag. Später will ich mit dem Farrad an die Sonne, an den Schatten, raus, an die Aare … doch so ein Blogspaziergang ist fast ebenso faszinierend. Außerdem sieht es schon eine Weile nach Gewitter aus, windet heftig …

Da und dort lese ich von Blogmüdigkeit. Bei mir, so stelle ich fest, ist es eher eine Art Faulheit, das ich wenig blogge. Nein, stimmt so auch nicht. Eher stelle ich eine Art Energie-Verschiebung fest, denn schreiben tue ich ja dennoch. Fast jede freie Minute, die ich nicht mit Hausarbeit oder abhängen (mailen, lesen, Filme schauen) verbringe, arbeite ich weiter an einem meiner Manuskripte (Loch im Eis). Es fasziniert mich, wie ich aus einem bestehenden Plot eine neue Geschichte webe, das Buch sozusagen nochmals neu schreibe, aus einer andern Perspektive. Ich spüre die Figuren wachsen und lebendiger werden. Dass ich neben der Einarbeitung in eine neue Arbeitsstelle also kaum Zeit und Muße zum Bloggen habe, sei mir verziehen.

Was ich vorhin in Luisa Francias Webtagebuch gelesen habe, fand ich so genial, dass ich es hier zitiere:

die welt gehört nicht wie man manchmal denken könnte den bankern, den reichen, den milliardären und mafiosi, die welt gehört komplett und restlos den klein/kleinstlebewesen. sie werden noch da sein wenn wir weg sind und sie sind jetzt auch da, die bakterien, die viren, die a/b/cmeisen, die insekten, die käfer, die fliegenden al uzzas. mir fiel ein stück pfirsich auf den boden, es dauerte keine zehn sekunden da hatte es sich in der mikrowelt herumgesprochen und der pfirsich war bedeckt von den kleinen wesen die ihn sauber wegputzten.
apropos putzen, ich versteh jetzt warum so viel geputzt und gefegt wird. ich tu das auch exzessiv. tust du es nicht, hast du einfach gleich so viele mitbewohnerInnen die auch gern das bett mit dir teilen würden, damit du, halb gesellschaft halb nahrung ihr leben bereicherst.

Quelle: salamandra.de/tagebuch/start > luisa in alentejo – 03.07.2013

Apropos Luisa: Im nächsten Frühling (April 2014) gehe ich mit Freundin L.(1) endlich mal wieder in einen Kurs zu ihr – das erste Mal seit vielen, vielen Jahren. Ein Grund mehr, mich schon jetzt auf den nächsten Frühling zu freuen, obwohl es jetzt erst Sommer ist.

Aber jetzt trauche ich wieder in mein Manuskript ein … winkewinke!