Stell dir vor, es ist Krieg und niemand schiesst

Ich träume davon, dass sich Menschen über Grenzen hinweg die Hände zur Versöhnung reichen. Dass sie nicht länger das tun, was die Befehlshaber befehlen – kämpfen und töten nämlich und sich hassen –, sondern zu wahren Menschen werden, die sie im Grunde sind, und sich die Hände reichen.

Versöhnung ist der einzige Weg zum Frieden. Krieg ist NIE eine Lösung, NIE!

Doch nur Menschen, viele einzelne Menschen, können das Perpetuum mobile des Krieges stoppen. Viele einzelne mutige Menschen.

Ich will nie aufhören, an den Mut von Menschen zu glauben, auch wenn man mich nun gewiss naiv oder illusorisch nennen wird. Warum auch immer glaube ich trotz allem noch an die verändernde und heilende Kraft von Mut und Versöhnung.

luisa in bayern – 25.07.2014 um 07:02:43

Vor den augen der welt werden in palästina frauen und kinder massakriert und niemand kann es scheinbar verhindern. Dabei ist es ein aussichtsloser krieg der erbittert geführt wird, immer von neuem, und der nie gewonnen werden kann. Schaut man sich die situation von gaza an: umschlossen von israel versteht man die angst. Schaut man sich aber die situation von israel, umschlossen von arabischen ländern an, versteht man auch, warum israel glaubt stärke zeigen zu müssen. Krieg funktioniert aber nie. Palästinensische und israelische polizei hätte die jugendlichen gemeinsam verfolgen müssen, die drei israelis entführt und umgebracht haben und dann auch die, die den palästinensischen jungen gefoltert und getötet haben.

all diese menschen sterben und nichts wird sich ändern. Wenn man schon so oft und so lang krieg geführt hat und nichts ist besser geworden – ist es da nicht zeit umzudenken?!

in diesen kriegskonflikten denkt aber anscheinend niemand und schon gar nicht um. Und weil am krieg kräftig verdient wird (auch von europa), männer anscheinend den ständigen kampf brauchen und frauen ihre männer und söhne in den krieg hinein hetzen wird’s halt so weitergehen. Ja klar, frauen sind genauso beteiligt. Kinder wachsen mit trauma und hass auf. Die situation wird perpetuiert. Ist es möglich, dass die verantwortlichen das nicht sehen wollen/können?!

Quelle: Luisa Francia auf salamadra.de

Fragen

Wohin verschwinden die Dinge, die wir löschen?

Ist die Deletetaste der Schlüssel zum Datennirvana?

Wo ist das Nichts? Gibt es auch ein Alles?

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Stell dir vor, du bist Kunstmaler. Eines Tages kommt eine Kunstsammlerin in dein Atelier und will alle deine Bilder kaufen – sie hat genug Geld für alles.

Stell dir vor, du bist Fotografin. Eines Tages kommt ein Galerist und will alle deine Bilder für eine ständige Ausstellung kaufen. Er hat genug Geld dafür.

Stell dir vor, du bist Journalist. Eines Tages kommt die bekannteste Zeitschrift der Welt und will eine Nummer mit deinen besten Artikeln herausgeben und dich als Exklusiv-Journalisten haben. Dass sie genug Geld dafür haben, ist kein Thema.

Stell dir vor du bist Schriftstellerin. Eines Tages entdeckt ein Verleger zufällig dein Exposé und will alles von dir lesen, dann alles von dir drucken und macht aus dir eine Bestsellerautorin.

Wie würde das alles sich auf deine künstlerische Arbeit auswirken?

Was raus muss

Manchmal ist schreiben wie kotzen. Was raus muss, muss raus. Raus in die Tasten. Was da ist, jetzt? Sehnsucht. Immer eigentlich, immer ist da eine Sehnsucht. Eine nach einem sorglosen Leben für alle. Weil alle für einander Verantwortung tragen. Verantwortung: ja, Sorge und Angst ums Überleben: nein.

Eine der Ideen eines Sozialstaates ist es ja, jene Menschen finanziell mitzutragen, die zu jung, zu alt, zu gebrechlich, zu krank, zu dies und zu jenes sind, sich ihren Unterhalt mit ihrer eigenen Hände Arbeit zu verdienen. Das Solidaritätsprinzip. Eigentlich. Doch die Definition der Eigenschaften, welche die einen Menschen von den andern Menschen unterscheidet – fast hätte ich trennt geschrieben – ist schwierig und wohl noch schwieriger umzusetzen. Als Basis dienen – so mutmaße ich – die Menschenrechte und andere verfassungsgemäße Inhalte.

Gut und schön. Ich mag ja das Solidaritätsprinzip. Eigentlich (schon wieder). Mir gefällt der Gedanke, dass jeder etwas dazu beiträgt, damit die Welt lebenswert ist, bleibt und wird – je nachdem, wo wir uns gerade aufhalten. Nicht überall ist das Leben so einfach wie hier, wo ich bin. Nicht überall regnet es genug, nicht überall scheint die Sonne genug. Nicht überall gibt es genug Arbeit für alle, letztes eigentlich fast nirgends. Nein, das alles meine ich nicht moralisierend, ich zähle nur ein paar Fakten auf, die zum Ungleichgewicht auf der Welt mittragen.

Der Kuchen müsste nach Solidaritätsprinzip so verteilt werden – ja, das wissen wir alle –, dass alle davon was abgekommen, alle davon satt werden. Wir können es kaum mehr hören, dieses Reden über Gerechtigkeit.

Was ich sagen will? Dass ich mich frage, ob oder besser warum nicht auch Kulturschaffende und Eltern (insbesondere Alleinerziehende) – ähnlich wie früher die Prediger und Pfarrerinnen von ihren Gemeinden – von der Gesellschaft mitgetragen werden. Zwar arbeiten diese Berufsgruppen sehr viel und auch konkret im Dienste der Gesellschaft und zur Lebenswertsteigerung der Um- und Mitwelt, doch ihr Werk wird wenig anerkannt, kaum wahrgenommen, kaum honoriert. Nur ein kleiner Teil aller Kunst- und Kulturschaffenden kann von seiner Arbeit leben, Alleinerziehende schon gar nicht (von der zuhause geleisteten Arbeit jedenfalls nicht). Dabei sind es gerade diese zwei Berufsgruppen, von denen Gedeih und Verderb einer Gesellschaft zentral abhängt. Die einen, weil sie den Zeitgeist abbilden, transformieren, mitgestalten, die andern, weil sie hauptverantwortlich für die Qualität der Geschäftsleute, Verkäufer, Dozentinnen, Ärzte, Straßenbauerinnen, Lehrkräfte, Arbeitskräfte von morgen sind. Weil sie mit ihren Erfahrungen, mit ihren Ressourcen, mit ihrem Wissen, mit ihrem Leben formen, wie ihre Kinder die Zukunft gestalten werden.

Ob ich hier bin, um das alles zu verstehen? Eine Frage, die ich mir sehr oft stelle. Vielleicht hilft es mir auch einfach, zu akzeptieren, dass ich nicht alles verstehen kann. Nicht einmal einen Bruchteil von allem, denn so etwas wie ein Alles gibt es eh nicht. Da gibt es ja immer neues, das nachwächst und altes, das verschwindet auf der größten aller Festplatten, dem Universum, in dem wir leben. Vielleicht ist ja schon viel mehr verschwunden, als noch kommen wird und alles doch irgendwie endlich? Ausgehend von einer Endlichkeit dieser Erde … oder von allem. Schwindlig wird mir ob dieser Gedanken, die meine Finger fast ohne mein Zutun in die Tasten hauen.

Diese Illusion des Wissens.

Was ist Wissen schon? Macht es mich frei, mächtig, besser im Hinblick auf das Wohlergehen der Welt?

Freiheit – eine große Illusion, denn meine Freiheit reicht nicht weiter als an meine eigenen Grenzen, jenen im Kopf und jenen, die meine Gesellschaft und meine Erziehung mir auferlegen. Schutzgrenzen auch, viele. Vielleicht nicht mal so schlecht. Vielleicht einfach zu akzeptieren, dass sie sind. Und sind Grenzen wirklich das Gegenteil von Freiheit? Wenn nein, was dann?

Ist Freiheit womöglich eher eine Art Gesinnung, ein Denken-über-Dinge, eine Art Umgangsform, die sich daran zeigt, wie wir mit gesellschaftlichen Problemen und persönlichen Sorgen umgehen, eine Haltung dem Nicht-Ideal der Welt gegenüber?

Vielleicht geht es ja darum, zu begreifen, dass ich allein nichts, mit andern zusammen alles verändern kann. Eine Rückkehr zum Kollektiv wagen – als Gesellschaft? Modelle gäbe es schon ein paar.
Doch was wäre gewonnen?, höre ich sie fragen, die Menschen, wenn ich diese Gedanken aussprechen würde.

Muss man immer gewinnen? Muss es immer mehr und noch mehr sein?
Der Individualismus: eine Gratwanderung, auf der wir Menschen uns befinden. Eine, die ich mitwandere. Eine, die ich grundsätzlich unterstütze. Grundsätzlich. Aber manchmal unterwandere ich meine eigenen Grundsätze mit subversiven Gedanken: Wohin führt es, wenn wir alle uns selbst verwirklichen? Und was genau heißt das wirklich und überhaupt?

Werden wir schmerzfreier und gesünder leben, wenn wir uns selbst gefunden haben? Wir alle, meine ich. Auch die im Süden, im Osten, im Westen, im Norden. Alle.

ICH – manchmal macht mich dieses Wort und alles, was es beinhaltet, beinahe kotzen.

Menschenrechte. Ja, die braucht es. Und es braucht uns, die sie anwenden.

automatisch geschrieben und von Tippfehlern befreit am Freitag, den 20. Juni 2014

Die lange Bank

Vor drei Jahren war ich zum ersten Mal in Rendsburg. Auf dem Weg nach Skandinavien hatten wir dort zwei Nächte in einem kleinen Bed & Pizza gebucht, wie uns Freunde sehr ans Herz gelegt hatte. Die längste Bank der Welt: ich hätte nicht geglaubt, dass sie sooo lang ist.

Schweden11_langeBankIm letzten Jahr wurde meine eigene lange Bank vielleicht noch länger als jene in Rendsburg. Vieles blieb unfertig, stapelte sich, dehnte sich aus …
Das mach ich später irgendwann!, ist wohl jener Satz, den ich im letzten Jahr am häufigsten gedacht und gemurmelt habe, wenn mir die Energie fehlte, Dinge, die nicht wirklich dringend waren, zu erledigen. Herzanliegen zum Teil, für die mir einfach die Kraft nicht zur Verfügung stand.

Meine Arbeitsstelle mit dem langen Arbeitsweg wurde zuweilen so belastend, dass ich am Abend halbtot war. Knapp reichte es zum Filme gucken. Bücher lesen. Schlecht schlafen war die Regel.

Gestern nun hatte ich meinen „Letzten“ und feierte ihn mit meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen bei einem ausgiebigen Znüni. Unsere Chefin hielt eine kleine Ansprache, lobte meinen Einsatz, dankte mir und überreichte mir einen echt wunderbaren Blumenstrauß. 20140619-164005-60005536.jpgUnd als wäre das nicht genug, bekam ich ein Taschenbuch, von dem mir eine Arbeitskollegin mal vorgeschwärmt und mich sehr interessiert hatte und ein wunderschönes von allen gemeinsam gestaltetes Album mit persönlichen Lieblingsbüchern und Buchtipps – inklusive großzügigem Büchergutschein. Auf dass ich noch viele schöne Lesestunden genießen darf.

Nun fühle ich mich ein klein bisschen wie auferstanden, aus einer langen Haftstrafe entlassen; so, als wäre eine Tür aufgegangen, die ein Jahr lang geklemmt hatte …

Der Rest meines Lebens fängt jetzt an. Jetzt. Und jetzt endlich will ich meine lange Bank kürzer sägen. In dem ich aufräume zum Beispiel. Ich fange mit den Textleichen an. Fasse Notizen zusammen. Sichte, archiviere, lösche, teile, blogge …

Hier mal paar erste kleine Puzzleteilchen.

Darf man die Baustelle sehen, das Making-of, den Prozess, bevor etwas veröffentlicht wird? Muss etwas, das veröffentlicht ist, perfekt sein? Ist es eine Abwertung der eigenen Kunst, wenn man hin und wieder den Vorhang öffnet? Fluxus – sag ich nur. Kunst leben. Schwach-sein-dürfen. Mut zeigen zum Unperfekten. Fehler machen dürfen. (4.14) 

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Es gab Pizza, als sie begriff, dass alle jemanden brauchen, der sie liebt und an sie glaubt. Zumindest so lange, bis wir es selbst können. Denn das ist eins von ein paar Notwendigkeiten des Lebens. Dass wir uns selbst lieben, ganz und gar. Auf dass es der Welt ein bisschen besser gehe, als wenn wir es nicht tun. (21.5.11)

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Wunde Wunder, die wir sind, wissen wir um die Verwundbarkeit. Von den dünnen Stellen, aus denen ein Mensch gemacht ist und die ihn lebenslang anfällig sein lassen für dauerhafte Beschädigungen aller Art; berührbar, zugleich empfindlich, empfänglich für wie auch immer geartetes Glück. Doch wir hüten unser Geheimnis gut. (4.14)

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Heute bin ich eine Scherbe …(28.9.11)

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Lebst du das Leben, das du leben willst?
Nein, noch nicht, sage ich, noch nicht. Erst ansatzweise.
Der Vogel fragt weiter:
Wann lebst du denn endlich das Leben, das du leben willst? Ich zucke mit den Schultern, so fest, dass er fast herunterpurzelt, der Piepmatz. Aber nur fast, zum Glück, denn er soll nicht aufhören mit seinen Fragen. (20.12.11)

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Lob des Kleingeistigen – Wie gerne hätte ich manchmal ein einfacheres Gemüt … (12. 12.11)

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Gestern im Auto zurück in die Schweiz und heute im Zug zur Arbeit über Wichtiges nachgedacht. Heißt, über die Dinge, die im Leben wichtig sind. Dass jeder Mensch geliebt und wertgeschätzt zu werden braucht, sonst serbelt er dahin und verdorrt wie eine Topfpflanze ohne Wasser. Ein Mensch, der geliebt wird, lebt und handelt anders als einer, der nicht geliebt wird. Wenn wir niemandem haben, der uns liebt, fällt uns die Selbstliebe schwerer als wenn uns andere Menschen lieben. Doch ist es letztlich die Liebe zu uns selbst, die uns Frieden mit uns und mit unserer Mitwelt gibt. Nur, wenn wir uns selbst möglichst umfassend lieben, sind wir frei vom Denken und Urteilen anderer über uns. (11.6.14)

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Sauber machen
kann sie
gut, sie putzt
als ginge es um ihr Leben.
Die ganze Welt
möchte sie putzen. Damit
sie sauber wäre.
Endlich. Ein Ort
zum Leben.
(24.11.13)

Mädchensein

Wenn ich morgens aufwache und die Füße aus dem Bett strecke, bin ich hin und wieder die Alte, die ich einmal werde (wenn der Rücken knarzt) eher aber bin ich – eigentlich meistens – das Kind, das ich noch immer in mir hege. Nicht jenes, nein, das ich früher war, jedenfalls nicht genau jenes. Jenes Kind bin ich heute, das sich die Welt schöndenkt. Heute lebe ich in einer schönen Welt. Ich meine gar, so aussehen zu müssen. Als dieses Kind, das so denkt und fühlt. Nein, fühlen tu ich mich auf jeden Fall nie und nimmer neunundvierzig wie ich es seit drei Tagen bin. Jahreszahlen für Menschen sind mir immer abstrakt geblieben. Und eigentlich verstehe ich gar nicht, warum ich mich gestern so über das Kompliment meiner Kundin gefreut habe, die mich zehn Jahre jünger geschätzt hat.

Warum nur kommt für uns das Alter, das Altern einer Beleidigung gleich, einer Schmach? Warum assoziieren wir mit Älterwerden viel zu oft und viel zu wenig bewusst eine Art wachsende Un(zurechnungs)fähigkeit in Bezug auf Denken, Fühlen, Wissen, Können und Lebenskunst? Und warum ist Sterben so hässlich konnotiert?
Ob es eher mehr oder eher weniger Menschen gibt, für die das Altern schlimm ist, richtig schlimm meine ich, mit Schmerzen und Leid?
Und das Sterben – wie steht es damit? Nenn sie trüb meine Gedanken, egal. Denn draußen knallt die Sonne vom Himmel und ich fühle mich heute Mädchen. Ich bin Mädchen.

girlme1Ich gehe barfuß durchs Leben dieser Tage. Erwachsensein fühlt sich oft an wie das Kinderspiel So-tun-als-ob. Fake it till you make it. Will ich das denn machen, dieses Erwachsen-Sein? Und wenn nein, welches Erwachsen-Sein würde zu mir passen?

Alt und weise sein, eines Tages, ja gut, das tät‘ ich gerne. Eines fernen Tages. Aber es zu werden, den Weg dahin zu gehen, mich diesem Ding namens Altsein anzunähern jeden Tag einen Schritt mehr …
Doing by doing? Kannst du es, tust du es?

Ich bewundere Menschen, die Dinge tun, die ich nicht kann. Autorinnen und Autoren oft genug für ihren ganz eigenen Stil. Für ihre Worte, ihre Wendungen, ihre Metaphern. Für ihre Text(ili)e(n), die sie weben. Für ihren Blick auf die Welt, der immer anders ist als meiner. Zwar beschreiben sie oft Erfahrungen, die mir vertraut sind, doch in Worten, die mir fehlen. Und ich bewundere auch andere Fotografierende. Oder Menschen, die besser singen und tanzen können als ich. Ja, ich weiß, vergleichen ist Schei***, aber bewundern und staunen dürfen, das werde ich mir nicht nehmen lassen.

So gehe ich meinen Weg. Mädchen, Frau, Alte, die ich bin.

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Das obige Bild stammt aus meinem Fotoalbum. Ich bin darauf etwa acht- oder neunjährig, auf Sonntagsspaziergang mit den Eltern und Geschwistern (mit Gimp und iPhone nachbearbeitet).

Über die Enden

Viele Enden habe ich schon in meiner Sammlung. Enden von Arbeitsstellen, letzte Tage in Wohnungen, letzte Tage von Ferienreisen, Enden von Beziehungen, Liebesgeschichten und Blumensträußen.

toteRose_wzDie letzten Tage naher Menschen auch – Mutter, Vater, Sohn. Dann die Enden von Büchern, Musikstücken und Filmen. Und von Texten, die ich selbst geschrieben habe.

Doch selbst nach so viel Erfahrung mit Enden bin ich immer zuerst hilflos. Nein, an Enden kann ich mich nicht gewöhnen, oder zumindest nicht an die Löcher, die sich jeweils mit ihnen in mir auftun. Löcher ohne Brücken.

Aber immer auf Vorrat Brücken mit mir herumtragen, nur damit ich im Notfall gewappnet bin, wenn das nächste Ende kommt, will ich nicht. So bleibt mir nichts anderes als warten, bis sie langsam zuwachsen. Ballast habe ich eh schon genug. Sogar (zu) viele Wörter schleppe ich mit mir herum. Wörter, die keinen Sinn ergeben, solange ich sie nicht ausgespuckt habe.

Ob sie danach noch immer Ballast sind, kann ich nicht sagen. Oder sind sie neue Anfänge, sobald sie aufgeschrieben sind – von mir, von andern? (Und spielt es überhaupt eine Rolle, wer die Wörter aufschreibt, an denen ich kaue?)

Dort drüben, jenseits der Brücke, die es mir diesmal aus Wörtern zu spinnen gelungen ist, lauern sie, die neuen Anfänge. Das weiß jedes Kind, denn jede Brücke ist eine Verheißung. Eine Verführung vielleicht. Drüben ist es anders, ist es drüben besser gar? (Was die Frage impliziert, ob ich über die Brücke gehen soll. Lohnt es sich, dieses Ende hier, so sehr, dass es den neuen Anfang rechtfertigt? Aber was sonst? Denn so weitermachen kann ich schließlich nicht, oder?)

Fragen wogen auf und ab. Wellen im Fragenmeer.
Flut. Ebbe.
Manchmal ertrinke ich.
Manchmal finde ich ein Stück Treibholz und ertrinke diesmal nicht.
Manchmal finde ich sogar ein Ufer.

Schon wieder ein neuer Anfang.

Ja, ich kann sie gut, die Enden, auch wenn sie mich hilflos machen. Und leer. Paradox, ja, und auch die Sache mit den Brücken ist suspekt. Vielleicht klappen sie, wenn ich mittendrin stehe, hoch und lassen zuerst einmal die Schiffe passieren, auf jenem Fluss unter meinen Füßen, der Anfang und Ende verbindet und den Weg zum Meer weiß, weil er ihn ist.

(écriture automatique, 3.6.14, überarbeitet)

Tagesstruktur

Eieiei
Eieiei – klick mich an und mach mich groß

Bei mir drehen sich die meisten Reizwörter (wer keine hat, werfe den ersten Satz!), die mit Reizwäsche so viel gemeinsam haben wie ein Elefant mit Tanzschuhen, um die Themen Erfolg im Beruf, Karriere und gesellschaftskonforme oder -kompatible Lebenszeitgestaltung.

Denn sagen wir es mal so: die meisten westlich formatierten Menschen würden wohl das Leben, das ich lebe, als gescheitert betrachten. Zum Beispiel habe ich damals keinen akademischen Weg Laufbahn eingeschlagen, obwohl ich gekonnt hätte. Ich habe stattdessen mehrere unterschiedliche Berufe gelernt und je ein paar Jahre auf ihnen und in verwandten Gefilden gearbeitet, aber irgendwann hatte ich in allen Jobs – so gut sie auch waren – genug gesehen und zog weiter, statt mich auf etwas zu spezialisieren, mich weiterzubilden und höher zu klettern. Getrieben einzig und immer wieder von der Sehnsucht nach so etwas wie Berufung im Beruf.

Seit fünfundzwanzig Jahren bringe ich mich mit Teilzeitjobs oder als Selbständige durch, wenn auch manchmal eher schlecht als recht, doch war mir Zeit von jeher wichtiger als viel Geld auf dem Konto. Grüne Zweige sehe ich vor allem im Wald. Ich brauche meine Lebenszeit für meine kreativen Projekte, für andere Menschen, für mich, fürs Lesen, fürs Nichtstun und um aufzutanken.

Okay, fragst du dich, schön und gut, aber was hat das alles mit Reizwörtern zu tun? Tja, ich habe es wirklich nicht so mit den allgemein verbreiteten Werten unserer Gesellschaft, viele dieser Wörter wie Erfolg und Tagesstruktur jucken auf meiner Haut, reizen mich. Ich bewerte gewisse Wörter, ihre Inhalte, ihre Bedeutung, wohl einfach anders. Erfolg zum Beispiel ist für mich etwas anderes als für meine Arbeitskolleginnen. Für sie ist Erfolg, wenn ein Stellenloser, der bei uns zur Beratung kommt, einen Praktikumsplatz und später eine neue Arbeitsstelle findet und so wieder eine Tagesstruktur erhält. Fakt ist, dass Leute, die lange arbeitslos sind, es schwerer haben, wieder eine Stelle zu finden. Sie werden weniger gerne angestellt, weil sie oft über längere Zeit keine (staatlich nachvollziehbare) Tagesstruktur mehr gehabt haben. [Sie sind nicht mehr so einfach handzuhaben vielleicht. Verwildert?]

Tagesstruktur. Das ist eins dieser vielen Wörter, die sich einfach so in den deutschen Sprachgebrauch geschlichen haben. Wird jemand arbeitslos, bedauert man ihn nicht in erster Linie für den Lohnausfall, sondern für den Verlust seiner Tagesstruktur. Las ich heute in der Tageszeitung. Und ich glaube, es stimmt, denn viele Stellenlose, die ich am Telefon hatte, jammern darüber, dass ihnen das Dach auf den Kopf falle, wenn sie immer nur zu Hause sitzen müssen. Sie wollen arbeiten gehen, sie fühlen sich wertlos so ganz ohne Arbeit.

Und da, genau da, stößt es mir auf: Kann es denn sein, dass wir Menschen uns a.) derart ausschließlich über unsere Arbeit definieren, die wir außer Haus und gegen Bezahlung verrichten, und b.) nichts mit unserer Zeit anfangen können außer panisch Daumen zu drehen, sobald man uns keine Arbeit in die Hände drückt und dann dieses Tätigkeit als unsere Tagesstruktur definiert?

Gut, als wir noch alle Jägerinnen, Bauern, Schreinerinnen und Bäcker waren, sah es diesbezüglich anders aus. Da wurde das verkauft, getauscht oder gegessen, was unsere Hände kreiert hatten. Unsere Arbeit war unmittelbar nachvollziehbar. Ursache und Wirkung.

Heute ist Arbeit ganz oft eine abstrakte Größe, die in erster Linie unsern Tag strukturiert, in Felder unterteilt, die im Kalender als ganztägige Beschäftigung aufgeführt werden. In zweiter Linie hält die Arbeit unsern Kontostand über Null. Abstrakt, wie gesagt.

Reizwort Tagesstruktur. Besser noch Reizinhalt Tagesstruktur. Es fängt ja schon im Kindergarten an. Die Kinder brauchen Tagesstruktur, später die Angestellten und die Stellensuchenden und im Altersheim gibt’s um vier Uhr Tee und um fünf wird gesungen, nachdem morgens um zehn Gymnastik war und um elf Stricken im Gemeinschaftsraum. Jede Minute wird gefüllt. Bloß keine Lücken!

Ich brauche keine vorgegebene Tagesstruktur!, sagte ich vor Jahren zu meinem Berater auf dem Arbeitsamt, als er mich in ein Programm packen wollte, wo ich eine solche bekommen würde. Noch heute bin ich stolz auf meine Schlagfertigkeit. Obwohl – es war nicht eigentlich eine schlagfertige Antwort, sondern die Wahrheit. Meine Wahrheit.

Ja, ich schaffe mir meine Struktur gerne selbst: Wenn ich kann, wie ich will, schlafe ich viel und arbeite vor allem nachmittags, abends und nachts. Ja, ich arbeite gerne an meinen Projekten, künstlerische oder handwerkliche. Ich arbeite auch gerne an KundInnenaufträgen. Und ich nehme mir Zeit für Pausen. Sie sind die not-wendigen Lücken zwischen den Worten.

Ohnelückewärediesertextziemlichschwerzulesen, darum mache ich jetzt sofort wieder Leerschläge.

[Und jetzt?
Jetzt ist es 17 Uhr.
Feierabend im Büro.
Mittwochabend.
Der Auftakt meines Pfingst-Wochenendes.
Ich Glückspilzin.
Tschüss Büro.]

© für Text und Bild: Sofasophia | 4. Juni 2014

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Appspressionismus: Bild von A-Z auf dem iPhone kreiert.

Ganz ehrlich? Oder eine Art Credo.

Ganz ehrlich – das Älterwerden macht mir Angst. Früher, als ich dachte, ich werd‘ keine fünfzig, so wie ich lebe, war alles anders. Ich musste mir weder um Altersvorsorge noch um Falten Sorge machen. Ich würde schließlich vorher sterben. Gut so.

Nicht, dass ich mir Sorgen um Falten mache, um Altersvorsorge auch nur minim, doch heute, acht Tage bevor ich mein fünfzigstes Lebensjahr antreten werde und die neunundvierzigste Runde vollende, stelle ich fest, dass ich trotzdem Angst vor dem Altwerden habe.

Nein, nicht das Älterwerden an sich macht mir Angst, nicht die Jahresringe … Mehr ist es wohl die zunehmende Erkenntnis, wie diskrepant Realität und Illusion sind. Mein Bild davon, wie Altsein sein müsste, ist bestenfalls in mir drin. Echte Vorbilder habe ich kaum. Im Gegenteil, ich sehe und höre davon, wie hässlich mit alten Menschen umgegangen wird. Und ich ahne, wie viele Menschen im Alter allein sind.

Ich neige dazu, Leid zu sehen, zu spüren, zu ahnen, wo keins ist, denn letztlich weiß ich nicht, woran andere leiden. Daher kann ich eigentlich nur von mir auf andere schließen. (Und das ist wohl kaum das, was Empathie wirklich meint?)

Wie gerne würde ich andern ihre Lasten und schwere Erfahrungen abnehmen, doch ich ahne, dass ich das nicht wirklich kann. Nein, abnehmen kann ich niemandem etwas, aber vielleicht kann ich sie da und dort dem einen oder andern Menschen, Baum oder Tier ersparen, in dem ich dazu beitrage, dass schlimme Erfahrungen gar nicht erst gemacht werden müssen.

Ich will, dass niemand leiden muss. Und auch ich will nicht leiden. Den Sinn von Leiden habe ich noch immer nicht verstanden. Dass Leid adelt, ist Bullshit. Niemand ist zum Leiden geboren. Weder zum Leid an körperlichen Schmerzen noch an Grausamkeiten anderer.

Ich glaube, dass das Leben dazu da ist, das, was in uns ist, zu entwickeln. Den Kern, den Samen, zur Reife zu bringen, einen Kreis zu vollenden. Aus einem Apfelkern wächst kein Elefant, eine Gitarre ist keine Thailänderin und ein Kind mit Downsyndrom ist kein Mammutbaum. Aber ich bin ich, du bist du und die Kuh macht muh.

Ich habe Angst, sagte ich, Angst vor dem Älterwerden. Ja. Ich habe insbesondere Angst davor, mich zu verlieren, bevor ich weiß, was und wer und wozu ich wirklich bin.

Ich will bis am letzten Tag meines Lebens die fließenden Asanas des Sonnengrußes üben können. Wenn ich will. Ich will so schmerzfrei und gesund wie möglich, ich will achtsam und bewusst alt werden. Ich will das Leben als Geschenk betrachten, auch wenn der Radius womöglich immer kleiner wird, den ich aus eigener Kraft begehen kann. Ich will das Altwerden als ein In-die-Mitte-gelangen erfahren.

Ich will bei Verstand bleiben. Ich will meine Wahrnehmung behalten und ihr trauen, bis ich sterbe. Ich will in Verbindung mit lieben Menschen alt werden.

Und vor allem eins will ich: Mich und andere lieben bis zum letzten Atemzug.

Mit den Augen …

… aber vor allem und mit dem Herz

sehen
[endlich]
hinsehen
absehen
* von deiner und meiner Schuld
* davon, dass es ist, wie es ist, das Leben
aufsehen
* zu dir will ich (nicht)
* erregen (mit großem A allerdings)
aussehen
* tun wir alle irgendwie
* müssen
* wahren (wieder mit großem A)
[Nein, nicht mehr, nie mehr aussehen müssen irgendwie,
einsehen dafür,
nach innen sehen
einblicken …]

… braucht Mut.

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