Eine Art Spurensuche

Ich sehe ihn schon von weitem. Immer näher komme ich ihm. Schließlich verlassen ich mein bescheidenes Gefährt, denn die letzten Meter will ich zu Fuß zurücklegen. Von allen Seiten strömen andere Pilgerinnen und Pilger zusammen, denn alle haben wir das gleiche Ziel: den Tempel. Ich erklimme eine steile Treppe und schon bald betrete ich die heiligen Flure. Die wirkliche Welt – ist sie wirklich wirklicher als jene hier drin? – bleibt draußen. Ich lasse sie hinter mir, denn ich sollte mal wieder ….

Ich blinzle. So viele Eindrücke. Lichter. Farben. Verwirrt schaue ich mich um. Wo bin ich überhaupt und in welche Richtung muss ich gehen? Das Stimmengewirr erschlägt mich zuerst, doch bald habe ich mich daran gewöhnt. Ich wusste ja, dass ich hier nicht die Einzige sein würde.

Ich folge einem Strom von Menschen, um mir gehend einen ersten Überblick zu verschaffen. Meine Augen schauen hierhin, dorthin, suchen nach Hinweisen und Spuren, die mir für das letzte Wegstück Hilfe leisten. Hier herumirren will ich nun wirklich nicht. Ich frage also eine Frau, die einen kompetenten Eindruck macht, nach dem Weg. Sie deutet in die Richtung, die ich gehen muss. Da und dann dort und nachher links.

Gehofft hatte ich ja schon, dass es morgens hier noch nicht so viele Leute haben würde (das hat es vielleicht auch gar nicht; ich weiß ja nicht, wie es hier nachmittags ist). Doch jetzt bin ich da. Es gibt kein Zurück mehr. Was mich erstaunt, ist, dass die meisten Menschen vergnügt aussehen. Ganz anders als ich das Gefühl habe, auszusehen, denn solche riesigen Tempel flößen mir schon lange Unbehagen ein. Seltsam, dass es hier so viele Kinder hat, doch schließlich erinnere ich mich: Früher, als ich selbst noch Kind war, hat uns unsere Mutter bisweilen auch hierher mitgenommen. Ein- oder zweimal im Jahr. Sie hat uns jeweils der Obhut erfahrener Betreuuerinnen überlassen, damit sie tun konnte, was zu tun war. Ich folge also, erkenne ich jetzt, ihren Spuren. Obwohl alles anders geworden ist. Der Tempel hat sich verändert. Schon als Kind empfand ich ihn riesig, doch heute ist er riesiger als riesig. Unüberschaubar. Hätte mir die Frau nicht den Weg beschrieben, wäre ich nie am Ziel angekommen.

Endlich betrete ich die heilige Halle. Hier finde ich mich erstaunlich schnell zurecht, denn hier drin sieht es aus wie in allen ähnlichen heiligen Hallen, die ich je in meinem Leben betreten habe. Gestern haben sie mich von einer andern heiligen Halle hierher geschickt. Nur hier könne ich finden, was ich zu suchen hoffe. Also bin ich dem Ruf der Weisen gefolgt.

Zielstrebig gehe ich zum Ständer mit den Outdoor-Jacken. Und schon bald zahle ich das ausgewählte Teil an der Kasse, lasse mir Pflegetipps erklären und verlasse das Shoppingcenter beinahe fluchtartig auf der Suche nach meinem Auto.

Schnell ist mein Ausflug in den Kommerztempel Vergangenheit.

(geschrieben am Samstag, den 14. September, nachmittags)

Am Anfang war die Liste

Und die Liste war bei mir. Und die Liste war ich. Und auf ihr steht alles, was ich tun will. Soll. Muss. Darf. Die Sache mit der Anwendung irgendwelcher Prioritäten vergesse ich immer. Eigentlich zählt für mich, beim Abtragen von Listen, fast nur das eine Kriterium: die Zeit. Obwohl. Wenn ich es mir so überlege. Wieso lasse ich mich eigentlich von Deadlines, diesen Todesgrenzen, so viel Stress machen? Was meinte noch der Liebste heute Morgen am Telefon? Man sollte sich auf die Dinge konzentrieren, die man tun will. Stimmt ja. Aber. Zwei Herzen in jeder Brust.

Was meinte doch gestern der Stadtführer, den wir für unsern Personalanlass gebucht hatten und der uns höchst Spannendes über die mittelalterlichen Bräuche „unserer“ Stadt erzählte? Erst mit der Einführung von Kutschen seien serpentinenartige Straßen zur Bewältigung der Steigung gebaut wurden. Davor, zu Fuß und zu Pferd, wurden die Steigungen sozusagen auf dem kürzesten und somit steilsten Weg genommen. Was mit dem Aufkommen von Kutschen aber nicht mehr so einfach war, und vor allem sehr unbequem. Was ich sagen will? Unzufriedenheit macht kreativ. Alles, was uns das Leben heute erleichtert, wurde erschaffen, weil jemand über bessere, bequemere Abläufe und Lösungen nachdachte. Nenns Evolution.

Vorgestern, im Büro, habe ich die Batterie unserer Wanduhr gewechselt, weil mich der Blick auf die Uhr jedes Mal irritierte (und ich erschrocken feststellte, wie oft ich auf die Uhr schaue). Stehengeblieben zeigte sie immer Viertel nach drei. Zwar hatte sie eine Minute pro Tag recht (und eine des Nachts), doch das genügte mir nicht. Kaum hatte ich auf der Rückseite der Uhr die neue Batterie eingelegt, suchte ich nach dem berühmten Zahnrädchen, um sie zu richten (nein, nicht ver- und auch nicht beurteilen wollte ich sie, auch nicht hinrichten, einfach nur die richtige Zeit – was immer sie ist – einstellen). Vergeblich suchte ich die ganze Uhr ab, als ich auf einmal feststellte, dass der Sekundenzeiger, schneller als ihm von den ErfinderInnen der Zeit, zugedacht war, losrannte. Auch Minuten- und Stundenzeiger gaben alles und nach drei Tagen ungefähr (so lange hat die Uhr wohl geruht) hatten sie genug und zeigten endlich jene Zeit an, die iPhone und Rechner als die Richtige definierten – während im richtigen Leben nur ein paar Minuten vergangen waren. Könnte ich das doch auch, vor allem, wenn ich zu viel um die Ohren habe: einfach vorwärtsspulen. Die Dinge würden natürlich schon erledigt, keine Angst, doch sie wären viel schneller Vergangenheit. Alles Unangenehme könnte – schwupps – vorwärtsgetimt werden.

Wie wir gestern Nacht, noch zu acht, nach dem Personalanlass auf der Treppe vor dem Pfadiheim stehend Grappa und Tabak zusprechen – so viele Nichtmehrrauchende, die hin und wieder rauchen, wie gestern habe ich schon lange nicht mehr erlebt –, begreife ich: Es sind die Ausnahmen, die in aller Regel die Regeln des Lebens aufmischen. Die angenehmen vor allem.

Viel später, im Bett, überlege ich, ob ich noch ein Kapitel Buch lesen mag. Will. Soll. Ich entscheide mich dagegen. Denke, schon fast eingeschlafen, dass ich hoffentlich eines Tages zwischen zwei Büchern sterben werde. Oder zumindest am Ende eines Kapitels. Bloß nicht mitten im Wort. Und bitte erst, wenn die Liste …

Seltsame Träume. Was sagte Kollegin A. neulich über Büroklammern, als wir über die Wohlstandsgesellschaft philosophierten? Dass alle sich im Umlauf befindlichen Büroklammern auf der ganzen Welt für alle reichen würden. Für immer und ewig. Eigentlich. Nur sind sie nicht immer am richtigen Ort und darum werden stets neue produziert.
Gute Nachricht an alle BüroklammerfabrikantInnen dieser Welt – oder schlechte: es braucht euch nicht mehr! Träume ich. Wars der Grappa?

Vom Mittelalter, das unsere Stadtführung dominiert hat, purzeln meine Gedanken auf einmal ins letzte Jahrhundert. Und geografisch nordwärts. Ich liege eine Weile wach. Bilder tauchen auf, die wir am letzten Sonntag im Petrihaus Zweibrücken, dem heutigen Stadtmuseum und früheren Wohnhaus, gesehen haben. Noch so eine spannende Führung, die wir da erleben durften. Am meisten beeindruckt haben mich jedoch die Erzählungen über der Himmelbergsstollen. Ein vergessener Stollen (eine geheime Stadt unter der Stadt), der im zweiten Weltkrieg, als fast ganz Zweibrücken einer Bombardierung zum Opfer gefallen und großflächig zerstört worden war, einen großen Teil der nicht evakuierten Bevölkerung gerettet hatte.
Wo waren dein Papa und deine Großeltern damals?, raunte ich dem Liebsten zu. Dass sein Papa aufs Land gebracht worden war, flüsterte er zurück, über die Großeltern wisse er nichts Genaues. Was wäre, wenn?

Ob ich angesichts des Todes auch noch Listen schreiben würde. Um nichts für drüben zu vergessen. Und ob ein Leben hier und jetzt ohne Listen einfacher wäre?

(Jetzt muss ich aber in die Bibliothek, das Buch zurückbringen, sonst …)

Ausgelesen II. #5 – Sand

Sand – was vom Titel her ebenso zu einem romantischen Urlaubsroman wie zu einem Reisebericht durch die Sahara passen würde, ist in Wirklichkeit eine wüstenheiße Persiflage auf Agententhriller – verfasst vom kürzlich verstorbenen Autor Wolfgang Herrndorf.sand-cover

Wir befinden uns im Jahre 1972 in einem ungenannten nordafrikanischen Land und beobachten lesenderweise zwei Polizisten auf dem Polizeiposten einer Kleinstadt. Einer der beiden ist in Europa aufgewachsen und lebt erst seit kurzem in Afrika, wo ihn nun tägliches Kopfweh heimsucht und er zeitweise seine Auswanderung samt Frau und Kind schwer bereut. Ob er auf der Suche nach seinen Wurzeln (oder denen seines Vaters) ist, bleibt offen. Beide im Spannungsfeld von Korruption und Ehre.

Wenn wir nicht gerade die beiden Polizisten bei der Arbeit und in ihrer Freizeit begleiten, sehen wir einem paranoiden Ingenieur über die Schultern, der etwas austüfteln soll, das allerdings so streng geheim ist, dass er es vergessen hat und er wohl deshalb schon bald tot im Straßengraben landet oder wir lernen eine amerikanische Kosmetikvertreterin kennen, die auf den Ersatz ihres verlorenen Musterkoffers wartet.

Ach ja, und ganz nebenbei gibt es noch einen Amoklauf mit vier Toten in der Hippiesiedlung einer nahen Ortschaft, die aus einer Oase entstanden ist. Der mutmassliche Täter kann beim Transport ins Gefägnis fliehen.

Viele lose Fäden also. Was am Anfang sehr wirr daherkommt, verdichtet sich im Laufe der Erzählung zu einer spannenden, grotesken und immer unglaublicheren Geschichte, in deren Zentrum ein junger Mann mit Gedächtnisverlust und die blonde Amerikanerin stehen.

Doch alles kommt anders als man denkt und warum wer welche Rolle spielt, wird erst im lakonischen Schlussteil des Buches klar.

Dem Autor ist ein Erzählkunstwerk gelungen, das mich – nachdem ich den wirren Anfang verdaut hatte – kaum mehr losgelassen hat. Herrlich überzeichnete Figuren, Klischees zuhauf (in einem Maß, das – da beabsichtigt –, schlicht genial ist), sowie ein Erzählton, der mit immer neuen Farben malt, machen das Buch zu einem Leseerlebnis besonderer Art.

Man muss allerdings Persiflagen, weise Ironie und schwarzen Humor mögen, um dieses Buch mit Genuss lesen zu können.

Klick für mehr über Sand von Wolfgang Herrndorf

Zum Buchtrailer auf youtube bitte hier klicken.

Was Bloggerinnen tun, wenn sie nicht bloggen

Große Fragen stellen. Kleine Antworten finden. Spazieren gehen. Nachdenken. Schlafen. Lesen. Nichts. Wieder schlafen. Arbeiten. Zähne putzen. Zähne nicht putzen. Bier trinken. Kein Bier trinken, dafür Tee.

Sich mit den tollen Menschen der AutorInnengruppe treffen und über das Leben, die Liebe und die Literatur philospieren. Spinnen. Lachen. Kichern. Zugfahren. Und erneut ins Bett kriechen, um zu schlafen.

Am Wochenende am liebsten mit dem Liebsten die Zeit verbringen. Zusammen an ein afrikanisches Trommelkonzert gehen. Sich hinterher mit feinen Menschen treffen. Im Pastis über die Kunst spinnen.

Sonntags mit dem Liebsten „Urban Artwalken“ und dabei Bilder sammeln. Heute in Bitche (Frankreich), hier gleich hier um die Ecke. Über Zerfall nachdenken und dessen Schönheit.

Am Tisch sitzen. Kochen. Essen.

Urban Artwalk Bitch 5-Collage-sm Urban Artwalk Bitch 6-Collage-sm

Zu Irgendlinks Collage unseres Artwalkes: bitte hier klicken.

__________________________

Bilder:
Appspressionismen (iPhoneArt)

Ausgelesen II. #4 – Das wahre Leben

So leidenschaftlich gerne ich schreibe, so leidenschaftlich gerne lese ich auch Bücher. Am liebsten sind mir jene Geschichten, wo ich das Umfeld irgendwo tief in mir drin wiedererkenne. (Wie das bei skandinavischen Krimis war, weiß ich nicht. War Skandinavien schon immer in mir und haben mir darum Bücher, die im Norden spielen, von der ersten Minute an gefallen? Oder habe ich mich in Skandinavien von der ersten Minute an immer wie zu Hause gefühlt, weil ich schon so viele Bücher darüber gelesen habe?) Huhn oder Ei – einerlei.

Bücher, in denen ich die Umgebung sogar real kenne, mag ich besonders gerne. Schweizer Krimis und Schweizer Romane haben daher schon mal Vorschusslorbeeren. Die sie sich aber trotzdem by reading verdienen müssen. Nur schon im letzten halben Jahr habe ich mindestens zwei Schweizer Bücher – einen Zürcher und einen Berner Krimi – nach den ersten Kapiteln zugeklappt. Meine Lebenszeit ist mir zu kostbar für schlechte Bücher und Filme. Lieber lese oder schaue ich etwas gutes zweimal.

Auf meiner Kopfliste mit den Büchern und SchriftstellerInnen, die ich lesen will, sind in der letzten Tagen ein paar neue Namen hinzugekommen:

Philipp Probst: Die Boulevard-Ratten

Gabriela Kasperski: Besondere Umstände

Arno Camenisch: Fred und Franz

Angelika Waldis: Aufräumen

Markus Feldenkirchen: Keine Experimente

John Williams: Stoner

Sehe ich diese Liste und denke an all die andern im Kopf notierten Bücher, wird mir bang. Den Rest meines Lebens könnte ich mit Lesen verbringen, locker sogar!, und selbst wenn ich nichts anderes tun würde, hätte ich am Ende meiner Tage noch nicht alle Bücher gelesen und nicht alle Filme gesehen, die ich je lesen und sehen will.

Und weil ich ja nicht nur lesen und Filme schauen will und kann, sondern zwischendurch auch mal zum Beispiel bloggen – von arbeiten, schlafen, essen, trinken, küssen und anderen Bedürfnissen und Notwendigkeiten ganz zu schweigen – stelle ich euch jetzt ein gutes Buch vor. Eins, das sich sicher auch ohne meine Werbung gut verkaufen wird, denn Milena Moser ist inzwischen auch im großen Nachbarkanton der Schweiz ein Begriff, weil sie einfach gute Bücher schreibt.

Ich habe ihr neues Buch, Das wahre Leben, letzte Woche in einer Buchhandlung gesehen und konnte einfach nicht widerstehen. Warum auch. Kaufen würde ich es ja sowieso.

Milena Moser Das wahre Leben-Cover_sm

Zwei Frauen in der Mitte ihres Lebens, beide in der Krise. Nevada ist krank und lernt gerade damit umzugehen. Immer noch unterrichtet sie Yoga und das so erfolgreich, dass ihr eine Klasse mit schwierigen, absturzgefährdeten Mädchen anvertraut wird. Erika dagegen beschließt angesichts ihres Versagens als Mutter und Ehefrau das zu tun, was ihr niemand zutraut: Sie verlässt ihr luxuriöses Zuhause am Zürichberg und zieht in eine heruntergekommene Vorstadtsiedlung. Dort lernt sie Nevada kennen, die unverhofft von der großen Liebe erwischt wird. Mit Witz, Verve und voller Zuneigung lockt Moser ihre Figuren durch existentielle Höhen und Tiefen. Eine intensive Liebesgeschichte rund um Schmerz, Krankheit und Trennung.

(Quelle: milenamoser.com)

Ich habe das Buch verschlungen. Habe mich in Nevada und in Erika wiederentdeckt. Mich auch in Suleika, Erikas Tochter, und all den andern Yoga-Mädchen wiedergefunden. Sogar in Dante, der nicht weiß, ob sein Tumor heilbar ist und sich dennoch auf Nevada einlässt – und sie sich auf ihn.

Ich liebe Mosers Bücher, weil sie ganz und gar ungekünstelt sind. Ihre Figuren sind echt, lebendig, ambivalent, verletzlich, chaotisch, immer auf der Suche nach Erleuchtung und allen möglichen Dingen, die das Leben erträglicher machen, glaubwürdig, voller Galgenhumor und oft genug verbittert, verzweifelt und kurz vor dem Aufgeben. Kurz: ganz normale Alltagsmenschen wie du und ich.

Lass den Montagmorgen nicht ins Haus

Zugegeben, so richtig wach bin ich noch nicht. Sonntagmorgen. Noch im Bett. Erwacht mit Songs im Kopf. Das Konzert in den Füßen, den zertanzten, die ein wenig schmerzen. Und die Frage wieder, die schon auftauchte, als ich nachts mit dem Auto auf der A1 von Bern nach Hause fuhr: Wieso erträgst du, die doch sonst Menschenmassen meidet und Lärm und lauten Geräuschen aus dem Weg geht, immer wieder – und mit größtem Genuss! – Patent Ochsner-Konzerte?

Warum? Weil sie mich glücklich machen! Und weil ich ein paar Freundinnen und Freunde habe, die diese Konzerte ebenfalls lieben. Mit zweien von ihnen treffe ich mich schon zwei Stunden vor Konzertbeginn im Bierhübeli. Austausch. Später spazieren wir zur Reitschule runter und essen etwas kleines. Was für ein süßer Kellner, der uns drei „Damen mittleren Alters“ da verwöhnt!

Und was für ein Publikum! Wir finden vorne rechts neben der Bühne eine Nische, die uns dreien entspricht. Freundin M. möchte nicht mit an den Bühnenrand, hat von dort aus aber trotzdem einen guten Blick. Freundin B. und ich stehen am rechten Bühnenrand vorne. Der Raum, der schon ziemlich voll ist, als wir ihn um Viertel nach acht betreten, füllt sich allmählich bis zum Rand. (Das Konzert war ja innert vierundzwanzig Stunden ausverkauft gewesen.)

Mit einer Viertelstunde Verspätung starten die Ochsen. Das passt gut, weil ich nämlich am Tresen Schlange stehe und – das nur nebenbei gesagt – eine mir neue Biersorte entdecke (Notiz an mich: Einsiedler Spezialbier dunkel), die mich begeistert.

Tschuldigung, Sorry, äxgüse … merci … Ich schlängle mich durch die Masse zurück zum Stehplatz und schon gehts los. Das Intro – ein Musikstück, das zwischen Folk und Rock balanciert, zwischen Weit-weg und ganz-nah –, fährt schon voll ein und lässt mich fliegen. Musik ist eine Droge, der ich mich gerne hingebe. Was für ein Publikum, das schon beim ersten Song mitsingt.

Büne begrüsst das Publikum so heiter, dass ich ihm abnehme, wenn er sagt:
Das hie isch es Familiefescht … so fühlt es sich auch an. Obwohl sich auf dem Dachstock der Reitschule, dem autonomen Zentrum von Bern, sicher über zweihundert Menschen tummeln, fühlt es sich an wie „unter uns“. Und wie das rockt! Schnell ein paar Schlucke Bier trinken, damit die Flasche beim Tanzen nicht überläuft.

Büne erzählt zwischen den Songs immer mal wieder Geschichten über das Leben. So auch über die Figur Eberhard, die schon vor langer Zeit Gegenstand eines Songs geworden ist. Nun setzen die ersten Instrumente ein und Büne öffnet den Mund.

Nei, nei, stopp halt … no einisch vo vore …, stammelt Büne. Show oder Texthänger? Zweiteres. Kein Problem. Das darf sein auch bei einem Profi … Jetzt seht ihr, dass alles, was wir machen live ist, lacht er, sortiert sich neu und fängt noch einmal an.

Live ist diese Band noch besser als auf Konserve. So viel Authentizität. So viel Lachen, Humor, Lebensfreude. Charisma, Leidenschaft – Freundin B. und ich rätseln, was es alles ist, dass diese Band so unvergleichlich macht. Musik für den Körper, fürs Herz und für den Kopf. Das soll ihnen mal einer nachmachen! Ja, ich gestehe es: ich habe alle Tonträger und ich kenne alle Lieder. Ich erkenne alle Lieder, wenn die ersten Takte erklingen. Lieder, die meine Medizin sind mit ihrer Lebensfreude und mit ihrer Melancholie. Ehrliche Songs. Den grössten Teil meines Erwachsenenlebens sind die Ochsen da gewesen, sind mit mir älter geworden. Vieles hat sich in meinem Leben geändert (und ich höre natürlich auch andere Musik, klar!), aber die Ochsen sind geblieben (und haben sich natürlich auch weiterentwickelt).
Miner Heude!, sagte ich zu Freundin B. in schönstem Berndeutsch, das ich so ja eigentlich gar nicht spreche, als die Jungs und Mädels auf die Bühne traten. Meine Helden.

Du chasch cho, du chasch ga, du chasch alles vo mir ha … so singt Büne auf einmal acapella ins Mic. Freundin B. schaut mich mit gerunzelter Stirn an. Was ist denn das jetzt? Da trägt er aber dick auf!, meint sie grinsend.
Das gibts aber schon!, sage ich, weil ich die Zeilen, wenn auch mit anderer Melodie, als Refrain des Songs Trybguet erkenne. Und mit mir ein großer Teil des Publikums, der die neue Melodie aufgreift und mitsingt. Büne freut sich, kommt ganz nahe an den Bühnenrand. Und schliesslich fängt die Band mit dem Song an, wie wir ihn kennen und lieben. Schon fast heiser und beinahe so nassgeschwitzt wie die Band da oben, singe ich den Refrain des Liedes von der ewigen Liebe mit. Die einen Tag länger als für immer dauern wird. Wenn es denn gelingt, den Montagmorgen nicht ins Haus zu lassen. Wenn.

Einziger Wermutstropfen dieses wunderbaren Abends sind die Tratschjungs- und vor allem -mädels, die schon leicht angesäuselt hinter uns stehen. Meistens kann ich sie ausblenden, doch nicht mal beim Song Git’s über üs e Himu, der sehr leise gespielt und gesungen wird und der die Verzweiflung nach dem Tod eines geliebten Meschen hörbar macht, hören sie nicht mit Kichern auf. Ich bin nicht die Einzige, die die kleine Gruppe um Ruhe bittet. Das Lied treibt mir – wie immer – Tränen in die Augen und Schwermut ins Herz.

Später singt Büne den Song vom sinkenden Schiff, der in sich die Hoffnung trägt, dass es irgendwo einen neuen Hafen gibt. Geben muss. Dass es einen Weg gibt. Dass es weitergeht.

Ich liebe es, wenn Liedinhalte und Musik wie aus einem Guss sind. Bei den Ochsen mit ihren tausenden Instrumenten und definitiv nicht nur rockigen Songs immer wieder ein großer Genuss.

Nach unzähligen gehörten, erlebten Konzerten können sie mich noch immer begeistern als wäre jedes Mal das erste Mal. Dass sie nach der zweiten Zugabe nochmals rauskommen, nach dem Abschied, nach dem letzten Winken, habe ich aber nun doch noch nie erlebt in den ganzen Jahren. Einträchtig stellen sie sich ganz zuvorderst an den Bühnenrand. Schalk in den Augen jedes einzelnen. Dicht an dicht stellen sie sich.

Freundin B. zieht mich in die Mitte vor die Bühne und nun singt die Band acapella ihr uraltes Lumpenlied vom ewigen Sommer, der immer und überall stattfindet. Wo? Unter ihren Armen natürlich, wo sonst?

20130901-104728.jpg

Hier gehts zu Patent Ochsner auf Youtube:
Übersicht
Scharlachrot

__________________________

Bilder:
Appspressionismen (iPhoneArt)

Ausgelesen II. #3 – und warum ich Krimis mag

Vom Versuch, ein guter Mensch zu sein, las ich dieser Tage im Krimi Der bessere Mensch von Georg Haderer. Der österreichische Polizeimajor Johannes Schäfer ist nach einem Burn-Out wieder in Dienst, quält sich nun dort aber mit der optimalen Dosierung seiner Antidepressiva herum – mal ist er unerträglich dünnhäutig und rührselig, gerade zu menschlich, dann wieder beherrscht von einer affektiven und impulsiven Aggression, die er an sich nur schwer aushält. Er reflektiert sein Verhalten immer wieder, während er mit seinem Team einen Doppelmörder jagt, und sehnt sich dabei zutieft nach einer besseren, nach einer guten Welt. Aktuell erträgt er das Böse schwerer als auch schon und leidet zudem an seiner eigenen Aggressivität. Nachdem sich am Anfang des Buches alles Spuren nach dem Mörder im Nichts verlaufen, sieht es auf einmal so aus, als stecke ein tot geglaubter Serienmörder hinter den neuen Morden und einem Überfall.

Von Wien nach Salzburg temporär (straf)versetzt, stößt Schäfer auf Spuren, die ihn beinahe das Leben kosten. Kann es sein, dass eine kleine Gruppe Psychiater in ihrer Erforschung des Bösen alle ethischen Grenzen überschritten haben? Ist es möglich, dass die Ärzte damals den Serienmörder retteten, um ihn in einen besseren Menschen zu verwandeln?

Haderers Schreibstil ist zwar gewöhnungsbedürftig, doch ich mag seine streckenweise assoziative Sprache, sprunghaft, intelligent, ohne zu viel zu sagen. Haderer ist nah an seinen Figuren dran und setzt sie in glaubwürdige Kontexte. Auf das Buch bin ich übrigens in meiner online-eBook-Bibliothek onleihe eher zufällig gestoßen. Ich schätze solche Zufälle und hoffe, dass ich dort auch bald Band 1 und 2 der Schäfer-Serie begegne.

Warum ich Krimis mag? Eine berechtigte Frage. Und gleich vorweg: Ich mag nicht einfach alle Krimis. Ich bin wohl eine ziemlich anspruchsvolle Krimi-Konsumentin und kann locker Bücher zuklappen und Filme ausschalten, wenn mich Geschichten nicht überzeugen. Auch die Figuren müssen mich ansprechen. Entweder als Identifikationsfiguren oder aber um mir das Böse zu erklären.
Ich bin dem Bösen auf der Spur!, sagte ich neulich zum Liebsten, als wir über den vorhin erwähnten Krimi sprachen.

Ich will, ahne ich, das Böse einkreisen, definieren, verstehen. Um es auszuhungern vielleicht. Zumindest das Böse in mir. Kampf gegen Windmühlen? Meine Sehnsucht nach einer besseren Welt, die ich mit Polizeimajor Johannes Schäfer teile, kann nicht funktionieren. Weil ich da bin. Und du. Wären wir nur gut, wären wir nicht die, die wir sind. Nicht so. Ich bin alles. Gutes und Böses habe ich in meinem Lebensrucksack drin, seit ich lebe. Das ist der Mensch. Das ist die freie Wahl. Und auch nichts neues. Bin ich dann ein guter Mensch, kritzelte ich neulich auf die Innenseite eines Schokoladenpapiers (schwarze Fairtrade-Bioschokolade immerhin), bin ich dann ein guter Mensch, wenn ich die bösen Anteil in mir akzeptiere und unter Kontrolle halte? Doch was genau heißt es, meine hässlichen Seiten unter Kontrolle zu halten – in einer Welt, wo schon beinahe alles geht?

Im Krimi ist der Tod omnipräsent und die Guten versuchen die Bösen, die Mörder nämlich und das Böse, zu fassen zu bekommen und sie zu bestrafen. Vielleicht mag ich Krimis auch, weil darin diese Sehnsucht nach einer wie auch immer gearteten Gerechtigkeit gelebt und ihr oft auch Genüge getan wird.

Und doch ist Leben und Sterben, Überleben und Tod komplexer als der faszinierendste Roman. Jedes einzelne Leben ist eine Geschichte, die nicht zu fassen ist.

Seit Monaten, seit Jahren sogar, habe ich Wolfgang Herrndorfs Blog gelesen und ihm beim Sterben zugehört und zugesehen. Nein, nicht in voyeuristischer Weise, sondern tief betroffen. Ich habe einem Menschen zugehört, der den Mut hatte, über den Zerfall, den eine unheilbare Krankheit in seinem Körper anrichtet, zu schreiben, schreibend zu schweigen auch, und allmählich zu verstummen. Ungeschönte Texte. Authentisch bis zum letzten Punkt. Sehr oft hätte ich gerne mit ihm über das, was er geschrieben hat, gesprochen. Mit äußerster Konsequenz hat er sich bis zuletzt die Würde bewahrt, seinen Todeszeitpunkt selbst zu bestimmen. Am letzten Montagabend hat er schließlich selbst den Schlusspunkt unter sein Leben gesetzt.

Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft den Tod neu begreift. Die Würde der Selbstbestimmung, die oft zitiert wird, wenn es um das Leben selbst geht, soll auch für den Tod gelten.

Leben ist zerbrechlich. Wie Glas. Leben ist nicht Panzerglas.

Das Leben selbst bestimmen. Ich bin mir bewusst, dass meine politisch geregelte Freiheit der Selbstbestimmung über mein Leben, Menschen vor mir verdanke, die genau dafür gekämpft haben, doch warum mir genau jetzt mein Spültrogabfluss einfällt, den ich heute Morgen entstopft habe, weiß ich auch nicht. Oder doch Geht es im Leben nicht um Weiterentwicklung? Darum, das Leben als Fluss zu begreifen? Seit Wochen schon floss mein Abwassefluss jedoch immer träger. Mit allen mir bekannten Tricks war der Verstopfung heute nicht mehr beizukommen und ich fragte mich, ob ich zu chemischen Hilfsmitteln würde greifen müssen.

Wie löst man Probleme eigentlich am besten? Anfangen müssen wir immer damit genau hinzuschauen. Das heißt, ich muss die Rohre unter dem Trog aufschrauben. Gedacht, getan. Krass: trotz Sieb im Abfluss hatte sich im Knie des Rohrs seit Monaten das eine oder andere angesammelt. Nicht, dass ich es sonderlich appetitlich gefunden habe, doch fasziniert hat mich dieses Sammelsurium schon und vor allem die Erkenntnis, dass je mehr eine Leitung verstopft ist, desto mehr hängenbleibt. Wie auf der Straße: Je mehr Müll irgendwo schon herumliegt, desto kleiner ist unsere Hemmung, etwas, statt in einen Mülleimer, auf den Boden zu werfen.

Ach, die Verantwortung! Über den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen haben wir dieser Tage im Büro oft diskutiert und prompt ist gestern in der Kleinstadt, wo ich arbeite, am Vormittag eine halbe Stunde lang der Strom ausgefallen. Eine willkommenen Pause, keine Frage, und nachdem wir festgestellt hatten, dass der Ausfall nicht nur unser Gebäude betraf, sondern das Quartier oder gar den Ort, wussten wir, dass wir bald wieder am Netz sein würden. Die eine Kollegin war beim Ausfall mitten in einem Telefongespräch gewesen, eine andere hatte soeben eine Mail geschrieben, ich selbst brütete über einem Dokument, das die Erfassung unserer zukünftigen Statistiken vereinfachen sollte, und auf einmal ging nichts mehr. Noch nicht mal Kaffee und Tee kochen. Wie abhängig wir doch vom Stromnetz sind!

Auch das Patent Ochsner-Tourneeschluss-Konzert übermorgen ist nur dank Strom möglich. Ohne Verstärker und Mischpult wären die Jungs und Mädels der Band aufgeschmissen. Und wir Zuhörenden erst recht. Auch die Kunstzwerge auf dem Zweibrücker Rinckenhof, die dieses Wochenende beim Liebsten zu Gast sind, könnten ihre Sounds und Perfomances nur halb so gut in Szene setzen ohne Strom.

Ach, der Versuch ein guter Mensch zu sein – ist er hoffnungslos, weil ich ja doch immer Kompromisse eingehe, eingehen muss? Ich glaube, für mich gut gut genug. Besser und am besten können von mir aus andere versuchen.

Das erste Mal

logo_rgb
KURSAUSSCHREIBUNG: Wie gestalte ich ein authentisches, packendes und ansprechendes Blog?

Zum Flyer im PDF-Format: bitte hier klicken!

Bedürfnisorientierter, experimenteller Unterricht:

  • sich mit Sprache, Thema und Stil auseinandersetzen
  • die Blogsoftware WordPress verstehen
  • ein selbstgehostetes Blog einrichten
  • mit dem Smartphone bloggen
  • mit GIMP Bilder bearbeiten

Schreiben können fast alle. Doch so zu schreiben, dass ein Text Resonanz auslöst, ist Kunst, Können, Handwerk. Mit spannenden Schreibübungen, der Arbeit an konkreten Texten und spielerischer Auseinandersetzung mit Stilmitteln lernen wir in diesem Kurs, dass Schreiben mehr als Wörter stapeln ist. Dazu erklären wir die Installation und die gestalterische Einrichtung der WordPress-Software (mehr als nur einfachste Handhabung von Text- und Bildereinfügen).

Der Kurs soll Spaß und Lust darauf machen, ein eigenes Blog zu starten, ein Blog in eine bestehenden Seite zu integrieren oder ein darbendes Blog zu beleben.

LAST CALL:
Anmeldeschluss am Dienstag, den 13. August. +++ Noch wenige Plätze frei! +++ Weitersagen erlaubt!!!
HIER KLICKEN für mehr Infos.

Die Sache mit der Wahrheit

Seit Tagen denke ich über diese Sache mit der Wahrheitssuche nach. Angestoßen von Sherrys Artikel über den weinenden Nietzsche, gehe ich der Frage nach, was uns wirklich antreibt – wohlwissend, dass ich diese Frage nicht werde beantworten können. Nicht abschließend jedenfalls. Wahrheitssuche haftet die Aura von Heldenhaftigkeit an – man denke nur an Artus und die Gralsgeschichten und an all die Philosophen und Denkerinnen, die bei ihrer Suche gefährliche Abenteuer erlebten und dabei oft mit dem eigenen Leben bezahlten. Ein bisschen verwandt und doch anders sind da die für ihren Glauben oder eine Überzeugung oder Ideologie einstehenden Menschen, die sich ähnlich auch nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Während die ersten noch auf der Suche nach Antworten sind, sind die zweiten bereits Gefunden-Habende – und somit für mich höchst suspekt. Obwohl, wenn ich es mir so überlege … ist nicht finden das Ziel von suchen? Andererseits ist die Wahrheitssuche letztlich eine Art unendliche Geschichte, denn in Wirklichkeit ist die Wahrheit ja wie eine Kugel. Unfassbar. Endlos.

Ein bisschen zynisch gefragt: Suche ich um des Suchens willen? Ganz unzynische Erkenntnis: Wenn ich sie gefunden habe, die Wahrheit, erkenne ich schnell, dass sie nur eine Teilwahrheit ist und suche weiter nach anderen Teilwahrheiten und werde dennoch jedes Mal ein klein bisschen weiser, weil ich immerhin weiß, dass es DIE Wahrheit so gar nicht gibt. Und ich weiß, dass ich im Grunde nichts weiß.

Als ganz junge Frau, ständig in irgendwelchen Umbrüchen und depressiven Phasen, glaubte ich noch, wenn ich die Wahrheit nur erst gefunden haben würde, wäre alles gut. Doch mit jeder neuen Erkenntnis, obwohl sie mich immerhin ein wenig vorwärts gebracht hatte, wurde ich ein wenig desillusionierter. Heute ist mir, als wolle sie gar nicht gefunden werden (jedenfalls was mich betrifft). Als verberge sie sich in allem. Als sei sie in der Stille. Als sei sie nirgends. Als sei sie Ich selbst. Und du. Du auch. In Wahrheit ist die Wahrheit nicht mehr und nicht weniger als das große Alles und das große Nichts. Schrieb ich vor langem mal in ein Notizbuch. Aber da dieser Satz zugleich so wahr und so vage ist, nützt er niemandem etwas. Außer, dass es entspannend ist, die Wahrheit sozusagen entblößt zu haben. Aufzuhören, nach ihr suchen zu müssen und dennoch auf eine unfassbare Art Teil von ihr zu sein.

Dass ich damit am Ende meiner Suche bin, ist leider und zum Glück nicht so. Anstelle der Wahrheit suche ich heute Antworten. Vorläufige. Auf große Fragen. Und nein, bei diesen Antworten muss es sich nicht um die große Wahrheit handeln, ich gebe mich auch mit kleinen Antworten zufrieden. Viele kleine Antworten können manchmal mehr bewirken als eine einzige große (den Wechselkurs kenne ich allerdings nicht). Mit den kleinen Antworten meine ich die alltägliche Essenz aus alltäglichen Gesprächen mit alltäglichen Menschen. Da ein Pfefferkorn, dort ein Stück Brot. Dort ein Stück Schokolade. Nahrung für meinen Mind, der kaum je zur Ruhe kommt. Auch wenn er nicht mehr an die große Wahrheit glaubt, will er dennoch etwas zu kauen haben.

Auch das habe ich inzwischen begriffen: die Sinnfrage beantwortet jeder und jede anders. Sich und der Welt. Weil jeder und jede sie auch anders stellt. Weil die Motivation, sie überhaupt zu stellen, von Mensch zu Mensch total unterschiedlich ist. Für den einen ist es eminent wichtig, dass das, was er tut, nützlich ist, während für die andere, das was sie tut, möglichst viel Geld einspielen muss. Du fragst mich, ob das denn eine richtige, eine existentielle Sinnfrage ist oder zu banal? Wer bin ich, sag ich dir, zu beurteilen, welche Sinnfragen gehen und welche nicht? Was weiß ich schon wirklich über die Menschen?

Kommen wir – weil es grad so passt – zur Eitelkeit, zum Ego, zur Sehnsucht nach Anerkennung. Nenn es Perfektionismus. Wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst bin, entspringen mein Wunsch und meine Sehnsucht nach Sinn und nach Antworten, die meinen Wahrheitshunger stillen, dem Bedürfnis richtig zu leben und damit meinem Anspruch an mich zu genügen. Will heißen: Perfekte Entscheidungen zu treffen, richtig zu handeln, adäquat zu leben in einem Netz von Ansprüchen, die ich selbst und meine Umwelt an mich stellen. Richtig lebt hieße  auch scham- und angstfrei, innerlich heil und ausgeglichen, in Balance und im Frieden mit mir selbst, frei von all meinen Mimosenhaftigkeiten und meiner geringen Stressresistenz, kurz und gut: nützlich, brauchbar, vielseitig einsetzbar, die eierlegende Wollmilchsau persönlich zu sein. Und natürlich alles locker und easy zu können. Ach, diese vielen Herzen in meiner Brust!

Gut zu wissen, dass ich mit solcherlei Allmachtsphantasien (die ich hier zugegeben doch ein klein wenig überzeichnet habe) nicht allein bin. Das lese ich in einem spannenden Sachbuch namens Verletzlichkeit macht stark, das demnächst erscheinen wird und das ich für meine Zeitschrift besprechen werde. Dass Scham und Angst jene zwei Energien sind, die einem Leben aus vollem Herzen zuwiderlaufen, sagt die Autorin Brené Brown immer wieder. Und dass wir nur dann wirklich aus vollem Herzen leben können, wenn wir authentisch und verletzlich sind. Wobei das Wort Verletzlichkeit mit unglaublich vielen Vorurteilen und falschen Synonymen zugekleistert sei. Schwächlich zum Beispiel. Dabei geht es um das Gegenteil. Wahres Menschsein heißt verletzlich zu sein und sich dafür weder zu schämen noch davor zu fürchten. Sich dafür selbst genug sein. Aber natürlich, ich weiß es und ihr wisst es ebenso, ist auch das nur eine weitere Antwort, eine weitere Teilwahrheit. Aber nicht die schlechteste!

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=MFikEsmc9yc]

Teil 2 des Vortrages auf youtube: hier klicken
Teil 3 des Vortrages auf youtube: hier klicken

Erschienen ist das Buch bereits auf englisch unter dem Titel Daring greatly (Link auf Brené Browns Website)

viel oder wenig

Man sollte immer nur so viel Gepäck dabeihaben, wie man selber tragen kann. Gedacht heute Morgen, als ich einer Familie beim Zugausstieg zugeschaut habe. Und dabei festgestellt, dass ich keine Ahnung von den wahren Bedürfnissen dieser Familie habe. Von den vermeintlichen auch nicht wirklich. Gemerkt auch, dass ich mal wieder in Vorurteilen zapple, dass ich andere verurteile und, vor allem, dass ich im Grunde keine Ahnung habe.

Womit wir mitten im Thema Was-denken-die-andern? wären, bei den Konventionen und Konditionen, die unser Leben prägen. Ich weiß, ich weiß, über Freiheit und Unfreiheit wurde schon viel geredet und geschrieben – auch hier in diesem Theater Blog.

Zwar hat mich das Darüberschreiben nicht freier gemacht, doch verändern sich meine Perspektiven zu diesen Zusammenhängen immer wieder ein wenig.

Von allem (und damit auch von allen) frei zu sein ist mein Bestreben nicht. Freiheit kann für mich immer nur eine differenzierte, spezifische sein. Anders gesagt: Die Freiheit, die ich anstrebe, ist, selbst zu definieren, wo ich von andern Dingen und Menschen wie sehr abhängig sein will (und davon bin ich noch meilenweit entfernt). Ja, meinen Kontext größtmöglich selbst zu definieren, strebe ich an.

Ich verstehe mich immer als Teil eines Ganzen, eines Gesamtzusammenhanges – sowohl im ganz irdischen Sinn (Teil der irdischen Gemeinschaft) als auch im metaphysischen Kontext, auch wenn sich zweites nur vage benennen lässt.

Um zu den Konventionen zurückzukommen: Dem Kontext, in den ich hinein geboren bin, verdanke ich eine so und so geartete Lebensweise, die funktioniert, wenn ich mich daran halte. Wenn ich … (Merke: Funktionalität ist nicht bedingungslos). Damit eine Gesellschaft funktionieren kann, hat jede menschliche Kommune Verhaltensregeln geschaffen (samt Göttern und Schuld, Gesetzen und Sanktionen). Irgendwie muss man sich ja auf etwas einigen …

Wer hat wohl das erste Mal Danke gesagt und wer bitteschön Bitte? Müssen wir, sollen wir, immer brav Dankeschön sagen, auch dann, wenn wir keine Dankbarkeit empfinden und um etwas bitten, auch wenn wir keinen Bedarf haben? Sind Danke- und Bitte-Sätze sowie andere ähnliche Formeln mehr als Dressur ohne Sinn oder gehören sie abgeschafft? [Ich denke laut – sprich schreibend – vor mich hin, während der Zug mich nach Olten fährt, wo ich umsteigen muss, wozu mich die höfliche Stimme per Lautsprecher auffordert.] Ach, die Höflichkeit! Sie ist eine der Konventionen, die ich immer wieder sehr ambivalent betrachte. Zum einen angenehm, zum andern oft sehr künstlich, so dass ich mich frage: wie authentisch kommunizieren wir? Vor allem dann, wenn uns etwas nahe geht? Sagen wir Aua, wenn uns jemand verbal – ob unbeabsichtigt oder vorsätzlich – auf die Zehen oder den Schlips tritt?

Was bestimmt unsere Art, zu kommunizieren? Scham und Angst, wie ich das immer wieder zu beobachten glaube? Oder sind es Mut und Offenheit? Wenn ja, wann und wie?

Über eine weitere Konvention in unsern Breitengraden denke ich auch wieder mehr nach, seit ich wieder angestellt bin: über die Sache mit dem Geld und seinem Erwerb. Ich arbeite für eine Institution, die Stellensuchenden temporäre Arbeitsplätze und Unterstützung bei der Stellensuche anbietet und bin darum sehr nahe an dem Thema Geld und Identität dran. Aus Fallakten und Gesprächen schließe ich, dass den meisten Menschen, die nicht im Arbeitsmarkt sind, ein paar Sachen – vom Geld mal abgesehen – fehlen: Sie fühlen sich aus der Gesellschaft herauskatapultiert und als Außenseiter, ihnen fehlt eine sinnvolle Tagesstruktur und sie fühlen sich vom Leben unterfordert oder ausgestoßen. Auch hier wieder: Scham, dazu Angst vor einem Leben außerhalb der Gesellschaft.

Zu wenig gut zu sein oder zumindest von einem grundsätzlichen oder punktuellen Mangel auszugehen, scheint mir ein weitverbreitetes Lebensgefühl zu sein und mir ebenfalls bestens bekannt. Bekannter als das Leben in Fülle.

Meist ist es nicht die fehlende oder vorhanden Materie, die über Mangel- und Fülle-Wahrnehmung entscheidet. Das Problem sitzt tiefer. Meistens ist es die grundsätzliche Wertschätzung uns selbst gegenüber, die uns fehlt. Ach, und das ist ja nur die Spitze des Eisberges …

… eigentlich ganz schön verrückt: Unsere ganze westliche Gesellschaft ist so „reich“ und wird doch von einem ganz tiefliegenden Mangeldenken und -fühlen dominiert.

Ob die Familie von vorhin, die mit acht Koffern und Taschen vorhin den Zug verlassen hat, darum so viel mitgenommen hat?

[Heute Morgen unterwegs im Zug zur Arbeit geschrieben]