Kategorie: Herzgespinst
Geschützt: Als ich Nein sagte …
Alle meine Wörter
Mein Leben wird nie ohne Staub sein, sagen die Wörter in mir, die ich zuweilen meine Gedanken nenne. Sie sagen es nicht, sie stellen sich auf. und bilden in meinem Kopf gemeinsam diesen Satz. Meine Wörter sagen weiter, dass ich mir meinen Wunsch nach einem Leben ohne Staub & Dreck besser aus dem Kopf schlagen solle. Sie sagen es immer wieder, während ich Staub sauge. Was ich nicht gerne mache. Und weshalb ich froh bin, dass die Wörter da sind. Sie sagen, dass ich dennoch nicht aufhören soll, mich danach zu sehnen, wie es denn so wäre, ohne Staub zu leben, denn nur diese Sehnsucht lasse mich den Staub halbwegs ertragen. Ihr spinnt doch, denke ich. Und ich frage mich einmal mehr, ob sich meine Wörter zuweilen auch so nackt und unbeholfen fühlen, wenn sie sich mir so zeigen wie heute, wie ich mich manchmal fühle, wenn ich mit Buchstaben jongliere. So wie heute, so wirr, so unvernünftig, ja genau. So verdammt unvernünftig, unlogisch und sinnlos. Wohl ahne ich, dass sie Scham und Hemmungen nicht kennen. Die haben es gut. Ich möchte ein bisschen sein wie sie, wie meine Wörter.
Obwohl ich mir ja eher (unter uns gesagt) manchmal wünschte, dass die andern (nun ja) ein bisschen mehr so wären wie ich. (Natürlich nur, damit es ein wenig einfacher wäre, sie zu verstehen.) [Wobei. Einfach zu verstehen bin ich ja auch nicht wirklich.] Die gemeinsame Schnittmenge wäre halt größer als jetzt, wo ich ganz viele Menschen da draußen, meist sogar solche, die die gleiche Sprache wie ich sprechen und aus meinem Land stammen, einfach nicht verstehen kann. Oke, ich höre wohl, was sie sagen und was sie meinen, aber alle meine Übersetzungstools scheitern. Denn obwohl diese Menschen mir bekannte Wörter verwenden, scheinen sie etwas anderes zu meinen mit den Wörtern als ich. Zum Beispiel sagen Sie: „Wir sind besorgt um unser Land!“ Klar, das bin ich auch. Aber. Eben. Anders. Kurz und gut: Es wäre doch viel einfacher, wenn sie so wären wie ich. Singt ja schon Büne Huber in seinem uralten Song Grossbrand. [Es gieng mängs viu ringer we sie so wär win i ||| Oder i viellech so wie sie … → Lyrics & → Song]*
Aber wie war das gleich noch beim kategorischen Imperativ**? Würden denn meine Maximen taugen? Oder wären sie nur ein weiterer Nährboden, um egoistische Ziele zu erreichen, wie wir das neulich auf Twitter diskutiert haben?
Um egoistische Ziele zu erreichen, können wir aus allem möglichen Nährboden dazu schaffen. /@irgendlink @maria_hofbauer @nutellagangbang
— SoSo (@_auchICH) 3. Dezember 2015
Nachtrag:
Im kategorischen Imp. schließen wir von uns auf die Gesamtheit – Chance & Fluch/Gefahr.
/@nutellagangbang @maria_hofbauer @irgendlink
— SoSo (@_auchICH) 3. Dezember 2015
Ich schweife ab.
Wörter, so bleibt doch mal stehen, drängelt nicht so, ich kann euch ja so gar nicht lesen. Haltet still. Ihr seid ja wie wir Frauen in der Konzertpause vor den beiden einzigen Klos, die nicht verstopft sind.
Wie? Was sagt ihr? Dass ich mir ja immer vorstellen würde, dass kein Menschen von Anfang an böse sei, sondern erst im Laufe seines Lebens böse geworden wäre. Stimmt. Das ist meine These: Menschen werden destruktiv, weil sie zu wenig konstruktive Kraft erlebt haben, will heissen, zu wenig oder falsch geliebt worden sind. Ja, liebe Wörter, das glaube ich. Bis ihr mir das Gegenteil beweist und mir ein von Geburt an böses Neugeborenes zeigt.
Liebe, sagt Jonathan Safran Foer in seinem wunderbaren, herrlich-schräg-weisen Roman Alles ist erleuchtet, Liebe ist womöglich vor allem eine Idee. Die junge Brod begnügte sich jedenfalls in seinem Roman, da nichts ihren Ansprüchen liebenswert genug für ihre Liebe zu sein genügte, mit der Idee von Liebe.
Sie liebte sich selbst als Liebende, sie liebte es, die Liebe zu lieben, so wie die Liebe das Lieben liebt, und war dadurch imstande, sich mit einer Welt zu versöhnen, die allzu weit hinter dem zurückblieb, was sie sich erhofft hatte. Die große, rettende Lüge war nicht die Welt selbst, sondern Brods Bereitschaft, sie schön und gerecht zu machen und ein Leben zweiten Grades zu leben.
Quelle: Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet
Versöhnung. Da komme ich je länger je mehr drauf. Weil sie der Anfang jeden Friedens ist. Am Anfang ist sie ein Same. Eine Idee. Gerne wird sie zur Aktion: Ich reiche dir meine Hand. Ob du mir deine auch reichst, ist für mich letztlich nicht entscheidend.
Ich habe auch, so sagen mir die Wörter nun sehr aufgeregt und ein bisschen verlegen, ich habe mich die größte Zeit meiner ersten Lebenshälfte aktiv (oder zumindest latent) selbst abgelehnt. Oh. Hm. Stimmt wohl. Doch nun will ich den Rest meines Lebens darauf verwenden, das entstandene Minus auszugleichen. Wozu? Um der Balance willen, um der Ausgeglichenheit und Gesundheit willen.
Und ja, es ist gut, dass wir uns damit abwechseln, die heißen Kartoffeln aus der Glut zu holen, sagen die Wörter als letztes. Mal hole ich sie für dich raus, mal du für mich. (Und machmal andere für dich oder mich, mal ich oder du für die andern.)
Ich klopfe Glut, Ruß und Asche weg. Wie Staub kleben sie an der Haut, die ich wie ein Kleidungsstücke abstreifen kann. Die Kartoffel, mit ein bisschen Salz bestreut, schmeckt wunderbar nach Heimat. Obwohl ihre Grosseltern von weit her gekommen sind.
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* NACHTRAG: Achtung: Ironiemodus!
**»Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.« -Immanunel Kant
99 Jahre Einsamkeit?
Es gab eine Zeit in meinem Leben, da ich von den Ereignissen in meinem Leben so sehr aus der Bahn geworfen worden war, dass ich nicht einfach nur depressiv war (obwohl schon einfach nur depressiv zu sein zu viel Leid ist). Damals also gesellte sich zur tiefsten Depression die unverrückbare Gewissheit, dass ich niemals wieder ein normales Leben würde führen können. Normal stand damals bei mir sowohl für die Fähigkeit, je wieder soziale Kontakte pflegen zu können, zu lieben, geliebt zu werden, als auch dafür, mich adäquat um mich selbst kümmern und mein Ein- und Auskommen wieder selbst bestreiten zu können. Meine einzige Perspektive war die, dass ich vereinsamen, verbittern und verarmen würde, in der Gosse landen, ungeliebt und unbeachtet sterben. Keine schöne Aussicht.
Meiner alles übertönenden Angst standen zwar Freundinnen, Freunde und liebe Familienangehörige gegenüber, die in dieser schweren Zeit da waren und mir alle nur erdenkliche Hilfe anboten; doch taten sie das, da war ich mir in meiner damaligen Verblendung sicher, eh nur, weil sie sich mir gegenüber dazu moralisch genötigt fühlten; nicht etwa wegen mir, nicht für mich, nicht, weil sie mich mochten oder gar liebten. Undenkbar!
Suizid war zwar natürlich auch eine Option, doch da ich ja damals an den unmittelbaren Folgen eines erweiterten Suizides litt, war es doch keine zu Ende denkbare Lösung. Zumal irgendwo in mir drin doch eine klitzekleine Hoffnung hinter den Erinnerungen an das Lachen meines toten Sohnes funkelte.
Von meinen drei Hauptängsten – zu vereinsamen, zu verbittern und zu verarmen – war seltsamerweise die vor der Vereinsamung damals die allergrößte. Sie höhlte mich aus und mästete meine Panikattacken zu Monstermaßen. Über diese eine Angst sprach ich kaum, wohingegen ihre beiden Schwestern immer wieder Thema von Gesprächen mit meinen Lieben waren. Wie hätte ich auch mit Freundinnen über die Angst vor der Einsamkeit sprechen können?
Kurz vor besagtem Drama hatte ich die gemeinsame Familienwohnung verlassen und war mit meinem kleinen Sohn in eine neue Wohnung umgezogen. Zum allerallerersten Mal in meinem Leben wohnte ich zeitweise, wenn unser Sohn beim Papa war, allein in einer Wohnung, die weder Partner- noch klassische Familienwohnung war und schon gar nicht WG.
Und auf einmal war ich ganz allein. Allein mit mir. Des Allerliebsten beraubt. Wozu also weiterleben? Einsamkeit und Leere sind mir auf die Pelle gerückt, obwohl wunderbare Menschen in der Nähe waren, die sich offenbar für mein Befinden interessierten.
Natürlich, auch davor war ich hin und wieder alleine gewesen, hatte mich ab und zu zurückgezogen, um in Ruhe zu schreiben, nachdenken oder kunsten zu können, doch waren solche Allein-Zeiten als Familienfrau und Teilzeit-Flüchtlingsbetreuerin damals ziemlich rar gewesen. Und ganz gewiss nicht einsam.
Einsamkeit riecht nach Niemand-mag-mich, nach abgeschoben, nach unwichtig, nach Sinnlosigkeit, nach abgestempelt, unwichtig, unwürdig, unwirklich. Wäre das erwähnte kleine Flämmchen der Hoffnung nicht dagewesen, ich hätte resigniert, hätte meine drei Hauptängste mich auffressen lassen.
Wo genau und wann genau ich den Schalter umlegen konnte, weiß ich nicht mehr so genau. Das Wissen um die Notwendigkeit des Akzeptierens muss mit im Spiel gewesen sein. Und ja, gewiss hatte ich mich auch irgendwie an meinen neuen, anderen Alltag gewohnt, den ich − vorerst als Krankgeschriebene später als Stellensuchende − neu gestalten lernen musste. Lernen wollte. War es im Trauerseminar gewesen, als ich das erste Mal wieder herzhaft gelacht hatte?
Einsamkeit. Irgendwann hat sie ihre Maske ausgezogen und sich von mir umarmen lassen. Ich habe das Bedürfnis, gerne und viel alleinsein zu wollen, zu meiner bevorzugen Lebensform gemacht. Nicht, weil ich keine andere Wahl hatte, sondern bewusst-unbewusst, weil ich gemerkt habe, dass ich die Freundschaft mit mir nur im Alleinsein pflegen kann. Und nur wenn ich diese Freundschaft pflege und lebe, bin ich wirklich fähig, anderen eine wahre Freundin sein zu können.
Happy End? Nein. Noch immer hocken da ein paar Ängste. Dass ich eines Tages verbittern werde, halte ich im Moment für ziemlich ausgeschlossen, denn dazu ist meine Werkzeugkiste zu gut mit mentalem Zöix und Lebenserfahrungen bestückt. Dass ich verarmen werde, ist hingegen nicht auszuschließen. Obwohl ich in einem Land lebe, dessen Sozialsystem mehr oder weniger gut funktioniert. Heute. Aber wer weiß heute schon, was übermorgen ist?
Mehr noch als über meine Ängste vor dem Leben denke ich heute allerdings darüber nach, wie ich gut älter und alt werden kann. Wie ich möglichst gesund und möglichst lebendig leben kann, möglichst echt und aufrichtig, wahrhaftig, übermütig und beherzt.
Gestern las ich in einem Artikel über Gesundheit, wie wichtig eine basische Ernährung, genug Entspannung und Bewegung seien. Stimmt sicher alles, aber für mich gehört da noch eine vierte Säule dazu: Die seelische Ausgeglichenheit, die sich aus Zufriedenheit, Gelassenheit, Verbundenheit mit allem, Verantwortung für die Mitwelt und einigen anderen Essenzen zusammensetzt. Der Frieden mit mir selbst ist das größte Geschenk, das ich mir in den letzten sagen wir mal anderthalb bis zwei Jahren gemacht habe. Ich habe mir erlaubt, dieses Geschenk, das vermutlich immer da, vor meiner Nase lag, endlich auszupacken.
Ich habe Frieden mit dem Wissen gemacht, dass ich vergänglich bin. Dass ich nicht alles verstehen kann. Dass ich nie alles geschafft haben werde, wenn es eines Tages mit mir zu Ende geht.
Auf dieser übergeordneten, inneren Ebene lebe ich endlich gerne. Auf der ganz alltäglichen materielle Ebene tue ich mich allerdings noch immer schwer. An Baustellen fehlt es mir nicht.
Aber gut und sehr gut sind gut genug; perfekt ist etwas für Außerirdische.
Wir sind ja nicht hier, um perfekt zu sein, sondern menschlich.
Du bist hier, um menschliche Liebe zu lernen.
Allumfassende Liebe. Schmuddelige Liebe. Schwitzige Liebe.
Verrückte Liebe. Gebrochene Liebe. Ungeteilte Liebe. […]
Dass Du leuchtest und fliegst und lachst und weinst
und verwundest und heilst und fällst und wieder aufstehst.
und spielst und machst und tust und lebst und stirbst als unverwechselbares DU.
Das genügt. Und das ist viel.
(Quelle: Courtney A. Walsh. Dear human, ins Deutsche übertragen von Kai-Uwe Scholz)
[Den ganzen wunderbaren Text, den ich allen sehr ans Herz lege, gibt es bei Ulli auf Deutsch. Danke, dass du ihn neulich in deinem Blog geteilt hast (hier → klicken).]
Die Ochsen im Rückspiegel
Das Konzert in der Kupferschmiede, das Patent Ochsner gestern gegeben hat, war echt eine der besten Liveshows, die ich je gesehen habe. Nicht zuletzt, weil wir – dank Freundin B. (2) – einen Platz direkt vor der Bühne gefunden habe. In Spuckweite der Band sozusagen. Sehe ich die Bilder, höre ich die Songs gleich wieder.
Hier noch ein paar visuelle Impressionen Irgendlinks, die er mir freundlicherweise fürs Blog zur Verfügung gestellt hat.
Nicht angeleint
Letzten Montag um Mitternacht lief mein WLAN-Abo aus, das ich vor einem Jahr, um Geld zu sparen, abgeschlossen hatte, nicht ahnend, wie viele Zusatzkosten ich mir damit an Land geholen würde.
Mein neues Abo läuft allerdings erst ab nächsten Dienstag. Bis dahin improvisiere ich mit einem mobilen Router mit Datenkarte und dem Prepaid-Guthaben auf meinem Handy.
Ohne Fixnetz (nur die Combox läuft weiterhin) und allzeit bereitem Netz zu leben, fühlt sich ein bisschen wie Ferien an – trotz der latenten Angst, nicht wirklich gut erreichbar zu sein. Nun ja, auf Reisen praktizieren wir ja diese reduzierte Online-Anbindung regelmäßig, doch daheim ist es doch sehr ungewohnt.
Und ausgerechnet letzte Woche spülte mir das Schicksal ein Lektorat ans Ufer. Thema: Panikattacken. Lektorieren geht offline problemlos, klar, doch die fertig bearbeitete Arbeit zu verschicken, die auf der offlinen Festplatte liegt, stellte mich heute Morgen vor einige Probleme, zumal die Datenkarte … Nein, lassen wir das.
Abhängigkeit. Mir wird bewusst, wie schnell ich mal eben ein Wort in Suchmascinen nachschlage, auf Twitter, Blogs oder Instagram ein Bild hochlade, dies und das über Laptop, Tablet und Handy recherchiere. So ganz selbstverständlich und ohne darüber nachzudenken. Aber auch, wie oft ich mich virtuell mit anderen verbinde, wird mir dabei klar. Verbundensein. ja, denn gerade auch das erlebe ich dank Internet.
Gewss, ich sehe auch Vorteile in dieser unfreiwilligen Offlinephase: Ich surfe bewusster. Ich schaue weniger Filme (Mediathek, TV hab ich ja keinen) und ich lese noch mehr Bücher als sonst. Mit dem Liebsten gemütlich auf dem Sofa abhängen, wie gestern Abend, macht mit Büchern statt Filmen noch mehr Freude. Nein, nicht mehr, eher einfach anders.
Apropos Freude: Da ist auch Vorfreude mit dabei. Auf morgen Abend. Da sind wir in Langnau am Patent Ochsner-Konzert. Meine Lieblingsband ist auf Tournée. Hach.
Fazit: Das Leben außerhalb des weltweiten Netzes lebt sich durchaus angenehm. Und wenn ich, wie nachher, mit dem Liebsten Pizza backen werde, kommt kein Tweet und kein Blogartikel mehr mit.
{Dennoch: Ich freue mich darauf, bald wieder bei euch mitlesen und kommentieren zu können.}
Feiern, trauern, leben …
Gestern habe ich mit lieben Menschen, nennen wir sie Auch-Familie oder Wahlfamilie, Geburtstag gefeiert. Große und kleine Menschen sind gekommen. Gemeinsam haben wir gelacht, geblödelt, gegessen, getrunken, politisiert, über unsere Ängste gesprochen und über unsere Freuden. Und über Veränderungen, vollbrachte und bevorstehende, persönliche, regionale und globale …
Veränderungen zu- und liebe Menschen loslassen sind ganz ganz große, ganz wichtige, ganz existentielle Themen. Fragen tauchen auf, auf die es keine universellen Antworten gibt. Außer vielleicht die, in der Liebe zu bleiben. Nicht zu verbittern. Sich nicht von den Ängsten auffressen zu lassen. Leichter gesagt als getan, denn wir stehen alle mittendrin in diesen Umbrüchen. Da taucht Trauer auf, überall und immer wieder anders. Dennoch ist sie universell. Trauern zu können ist eine Fähigkeit, die jeder Mensch in sich trägt. Eine not-wendige, eine heilsame Fähigkeit. Und eine sehr wichtige.
Logisch, dass wir trauern; logisch, dass wir Angst davor haben, nicht zu wissen, was ist und was wird.
Dazu erzähle ich euch eine kleine Geschichte vom gestrigen Fest. Mein lieber Freund M (1), gestriger Jubilar und Gastgeber, ist seit drei Jahren Papa, später Papa, einer feinen kleinen Tochter. Auch unser gemeinsamer Freund N. hat eine dreijährige Tochter. N.s Tochter schaute sich nun ein herumliegendes Bilderbuch von M.s Tochter an, ein Buch, das die Welt der Gefühle für Kinder nachvollziehbar macht, frohe Gefühle und bedrückende Gefühle. Auf einer Buchseite mittendrin liegt ein kleiner Junge im Bett und versucht zu schlafen, doch er kann nicht, weil er Angst vor dem Monster auf seinem Stuhl hat. Im Dunkeln sieht es jedenfalls so aus. Sein zotteliges Halstuch, das dort liegt, sieht wirklich genau wie ein Monstergesicht aus. Das Buch hat aufklappbare Teile: Unter dem Monstergesicht, dem geträumten, liegt die Wahrheit und zeigt uns, dass das zottelige Halstuch kein Monster ist. Wir kennen zwar die Wahrheit, doch die Angst ist dennoch da. Die Kleine erzählte mir nämlich, dass sie manchmal nachts auch Angst habe. Wir überlegten zusammen, was man dagegen machen könnte: Ein Lämpchen aufstellen, zu Papa und Mama gehen. Weinen. Genau hinschauen.
Auf dem Rückweg auf der regennassen Autobahn erkenne ich, dass es wohl am wichtigsten ist, unsere Angst zu benennen. Ihr in die Augen zu schauen.
Wohl ist die Angst vor Verlust die zurzeit am weitesten verbreitete Angst: Angst zum Beispiel davor, die vertraute Lebensart zu verlieren, diese (vermeintliche) Sicherheit, Geborgenheit, Vertrautheit, Gewohnheit …
Zulassen. Benennen. Hinschauen. Der Angst nicht erlauben, dass sie ohne Gesicht bleibt. Der Angst mit Trauer begegnen kann helfen, und mir eingestehen, dass ich traurig darüber bin, dass sich und weil sich etwas verändert. Dass sich mein Leben verändern wird, weil sich meine Lebensumstände verändern. Ich übe, Trauer nicht mehr zu unterdrücken, weil sie sich sonst einen Weg über den Körper (Krankheiten) suchen muss, um gehört und gesehen zu werden.
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(Ich widme diesen Text meinen Freundinnen K., E. und U. und allen, die trauern, loslassen müssen und Angst haben …)
Zu verstummen wird immer eine Option sein
Ich begegne
_so vielem
_so vielen
mir begegnen
_so viele
mir begegnet
_so vieles
Ich höre hin
höre zu
höre weg
höre nicht
verstehe
verstehe nicht
will
will nicht
mag
mag nicht
kann
kann nicht
Begegnen braucht Kraft
Begegnen gibt Kraft
Beziehung
beziehen
ziehen
gegen
für
mit
Verstummen ist immer eine Option
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Nachts im Halbschlaf habe ich den Titel im Dunkeln auf den Block gekritzelt. Was ich drum herum geträumt habe? Ich weiß es nicht mehr. Obige Zeilen sind frei assoziiert.
Das Gerechtigkeitsding
Wir haben es alle, vermute ich jedenfalls, und ich glaube zuweilen, dass meins überdurchschnittlich spitze Ellbogen hat. Oder dass ich es bin, die mich ihm überdurchschnittlich verpflichtet fühle. Und zuweilen dabei vergesse, dass es ziemlich subjektiv ist. Es ist so geworden, weil ich mit diesen und jenen Maßstäben groß geworden bin, weil ich diese und jene Erfahrungen gemacht habe. Und darum zu wissen glaube, was gut und richtig, was falsch und schädlich ist. Im großen Ganzen jedenfalls, denn für mich selbst ist das nicht immer so einfach. Was mir gut tut, ist womöglich nicht immer das, was dem großen Ganzen gut täte. Diesem würde es vielleicht gut tun, wenn ich ein bisschen kämpferischer wäre, ein bisschen aktiver, politischer womöglich auch. Ich selbst mag ja lieber Ruhe, Rückzug, Stille. Meine Lasst-mich-doch-alle-in-Ruhe-Gedanken widersprechen massiv meinem die-Welt-verbessern-wollenden Anspruch an mich selbst. Womöglich wissen sie aber einfach besser, dass meine Wahrheit, dass meine Gerechtigkeit, dass mein Bedürfnis nach Ordnung keineswegs für alle und alles kompatible Dinge sind.
Es mag einen gemeinsamen Nenner geben – Liebe und Hass, Schaden und Nutzen als Maßstab nehmend –, doch sind diese nicht womöglich auch nur eine Frage der Definition?
Warum ich genau so denke, fühle und bewerte und du so? Warum dich das stört und mich jenes? Der Versuch, dich von meiner Sicht der Dinge zu überzeugen, scheitert fast immer. Nein, überzeugen können wir wohl niemanden. Nicht wirklich. Nicht jemanden, der schon eine festgebackene Meinung hat (außer jemand lasse sich, aus welchen Gründen auch immer, auf eine Gehirnwäsche ein. Was vielleicht leichter ist als ich denke. Doch das ist ein anderes Thema.)
Schnitt.
Mein unermüdlicher Einsatz in Sachen Sprachsensibilität – sei es nun im Bereich Rechtschreibung/Grammatik oder im Bereich des geschlechtsspezifischen und -sensiblen Umgangs mit Worten – verhallen oft in Gelächter und Spott, in Übertreibungen, in Absurdheiten. Allerdings weniger in meiner Schweizer Heimat, wo das Thema selten noch wirklich eins ist (da eine gleichberechtigte Sprache im großen Ganzen umgesetzt ist). Nein, ich spreche jetzt von Deutschland, wo ich inzwischen viele Menschen kennen darf und viele Beziehungen pflege. Gerade gestern habe ich mit dem Liebsten mal wieder über dieses Thema gesprochen.
Er meinte sinngemäß, dass jene Menschen, die Gleichwertigkeit lebten, diese Sicht selbstverständlich, jedenfalls ohne groß darüber nachzudenken und/oder fast so nebensächlich in der Sprache umsetzten, dass das Ganze für sie kein wirkliches Thema mehr sei. Im Grunde hocke die Haltung, die es zu bewegen gälte, in den Köpfen. Da kommst du schwer hin, sagte er, da ändern alle Diskussionen leider nichts.
Er mag recht haben, doch ich gebe nicht auf, meine Mitmenschen auf einen sensibleren Umgang mit der Sprache hinzuweisen.
Mich verletzt, wie viele Menschen mit ihrer explizit männlichen Sprache (die dieses generische Maskulinum hervorgebracht hat) eben auch eine explizit männliche Energie verbreiten. Nichts gegen männliche Energien. Wenn als ausgleichende Energie die weibliche gleich viel Raum hat. Ja, hat! Nicht bitte-bitte haben darf! Denn es geht nicht um Raum, den die Männer den Frauen gefälligst oder bitte abzutreten haben, sondern darum, dass dieser Raum zu gleichen Teilen von beiden Geschlechtern belebt werden soll – und von allen Rassen auch.
Hast du nichts besser zu tun? Gibt es denn nichts wichtigeres als dich über männliche und weibliche Wortendungen zu echauffieren?, magst du dich fragen.
Nun ja, es geht mir nicht nur um die Sprache, jedenfalls nicht primär. Sprache ist ein Eisbergzipfel, der den meisten Menschen halbwegs vertraut ist, darum ist sie ein guter Bereich mit einer Veränderung alter, verkrusteter Denkmuster anzufangen, antworte ich. Es geht mir um ein sich stets wandelndes Konzept hin zu einer gleichwertigen Kommunikation.
Aber ich schweife ab. Ich träume mal wieder von Utopia. Gerechtigkeit war das Stichwort.
Wir alle empfinden sie anders, Gerechtigkeit ebenso wie Ungerechtigkeit. Ich kollidiere zuweilen mit mir selbst. Mit meinen unterschiedlichen Anspruchsebenen an mich. Anarchistisches verinnerlichtes Gedankengut trifft auf die schier unkaputtbare Hoffnung, dass die Gesetze, die meine Ahnen und Mitmenschen definiert haben, nicht einfach alle per se am Menschen vorbei geschaffen worden sind. Sondern ein bisschen sinnvoll sind. Und gerecht. Obwohl ich nicht mehr wirklich an eine allgemeingültige Gerechtigkeit glaube. Kollision, wie gesagt.
Doch irgendwo in der Mitte, in meiner Mitte, wohnt ein kleiner Kern, so stelle ich es mir zuweilen vor, den ich mit allen Lebewesen gemeinsam habe. Ein Kern – einem Zellkern gleich –, der alle Informationen gespeichert hat. Alles Wissen, alle Weisheit. Alle Erfahrungen auch und allen Schmerz. Die Freude auch und vor allem aber die Liebe.
Alles da. Oft genug zugemüllt und bis zum Gehtnichtmehr erstickt. Aber da. In allen.
Und dieser winzige Kern kennt jene Gerechtigkeit, nach der ich mich sehne. Und jene Freude, die sich manchmal (immer öfter, je älter ich werde) in mein Leben verirrt, und ja, er kennt auch die Liebe.
Vertrauen oder nicht vertrauen
Gut oder böse?, fragte ich neulich den Liebsten über eine Figur in einem Film aus. Sie will das Gute, wählt aber einen Weg, der nicht über alle Zweifel erhaben ist. Heiligt der Zweck die Mittel?
Nein. Nein? Nein!
Aber. Aber?
Schnitt.
Wie ich heute über die Autobahn von Süd nach Nord durchs Elsass, durch die Stadt Strasbourg, gefahren bin, holen mich auf einmal diffuse Ängste ein. Ich gestehe, dass mir auf einmal ein klein bisschen mulmig zu Mute war, als ich die „Europäische Hauptstadt“ querte. An Paris denkend. Was wenn?
Es braucht nur ein klein bisschen Gift, um einen Kuchen ungeniessbar oder gar tödlich zu machen.
Auch in mir steckt Gift. In mir steckt Gutes und Böses, um es mal ein bisschen salopp, naiv, kindlich, einfach zu sagen. Ich entscheide, ob das in mir, was mir oder anderen schadet, mehr Raum erhält oder das, was mir und anderen gut tut. Ich entscheide, wie ich auf Schicksalsschläge reagiere. Und ich entscheide, wie ich mit Ungerechtigkeiten umgehe. Wie ich mit Menschen, die mich unfair behandeln, spreche.
Nein, ich bin wirklich keine Heldin diesbezüglich. In der letzten Zeit habe ich im Büro oft emotionale Energie für Dinge verbraten, die es nicht wirklich wert waren. Energieverschwendung habe ich betrieben, zelebriert zuweilen, um meiner Empörung über Dinge, über Menschen, über Situationen Luft zu machen. Bis zu einem gewissen Punkt psychohygienisch, durchaus, und auch durchaus normal und gesund, aber … manchmal trete ich mitten in die Hundesch*** und schon stinkt es gewaltig. Und niemandem ist im Grunde gedient mit meiner Motzerei. Auch die Psyche wird davon nicht sauber.
Einen Samen hegen und giessen und stützen, damit er wachsen kann und Baum werden, braucht mehr Kraft als Unkraut beim Wachsen zuzusehen. Und auch mehr Kraft als Unkraut zu jäten.
Gut und böse, Himmel und Hölle, Schatten und Licht sind nur im Doppellpack zu haben. Leben und Tod auch.
Vertrauen und Misstrauen – nein, hier will ich das Doppelpack nicht. Ich will nicht aufhören, zu vertrauen, immer wieder neu. Auch wenn ich grad heute wieder ziemlich ent-täuscht, zu Ende getäuscht worden bin (auf Twitter, punktuell). Nein, ich will dem Misstrauen nie die Überhand geben. Ich will nicht aufhören, der Angst (der diffusen ebenso wie der vermeintlich konkreten) ins Gesicht zu schauen und ich will nicht aufhören, das Gift wahrzunehmen und zu meiden. Auszuspucken.























