Ausgelesen II. #2

An alles gewöhnt sich der Mensch, Mutantin, die sie ist. Sogar ans Zugfahren. Zumal ich lesen kann. Dazu bin ich nämlich schon früh morgens um halb acht in der Lage.

furchtbarliebZufällig bin ich neulich beim Surfen auf das e-Book Furchtbar lieb von Helen FitzGerald gestoßen und lud es mir aus Neugier aufs iPhone. Fast in einem Zug habe ich es verschlungen. Sicher werde ich noch mehr von dieser schottischen Autorin lesen. Fitzgerald schreibt glasklar und ironisch, zugleich äußerst sensibel und verstörend. Ihre Geschichte verblüfft mich immer wieder neu und lässt mich kaum zu Atem kommen. Wer englische Bücher mag, muss das lesen. Das Buch gibt’s übrigens auch als – ähm – Buch.

die_welt_auf_dem_kopfWeil ich dank der App Onleihe kostenlos an die eBooks meiner Bibliothek komme, habe ich mir das Neue von Milena Agus ausgeliehen und – wie vor einiger Zeit ihre Frau im Mond – bis zur letzten Seite mit offenem Mund dieser wunderbaren sardischen Geschichtenerzählerin gelauscht. Ihrer poetischen Sprache, die authentisch und bezaubernd den Alltag in einem verrückten alten Mietshaus in Cagliari auf Sardinien schildert. Die Welt auf dem Kopf liest sich wunderbar schwerelos, obwohl die Menschen darin keineswegs alle auf der Sonnenseite des Lebens stehen.
Ein tolles Buchgeschenk für Menschen mit Phantasie.

scheintotAuf dem Heimweg von der Arbeit habe ich heute einen Thriller von Tess Gerritsen, ebenfalls als eBook ausgeliehen, angefangen: Scheintot. Eine Autorin, die ich bisher nur vom Namen her kannte. Sie liest sich ausgesprochen spannend. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung.

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Wenn ich grad nicht Zug fahre oder im Büro sitze, bin ich am Laptop und lektoriere Irgendlinks Buch fertig: Schon wieder ein Jakobsweg soll Ende Woche als eBook bei neobooks erscheinen. Wenn alles klappt. Wenn wir fertig werden. Wenn nichts dazwischen kommt.

Und wenn ich nicht am Lektorieren bin, versuche ich meinen zurzeit überlasteten Geist irgendwie zur Ruhe zu bringen. Ich lasse alle Tippfehler sein, was sie sind. Sollen sie doch grad machen, was sie wollen. Miiir doch egal …

Wie gut, dass ich morgen frei habe … (Arbeit habe ich nämlich auch zu Hause genug.) Und, ja, auch viele Bücher, die darauf warten, von mir gelesen zu werden …

Ausgelesen II. #1

Da ich ja seit letzter Woche zehnmal pro Monat mit dem Zug zur Arbeit fahre, starte ich hiermit eine neue Serie. In einem Zug gelesen # 1 widme ich dem Krimi-Zweitling von Ina Haller.

978-3-95451-076-4

Zugegeben, der Titel haut höchstens Leute aus den Socken, die wie ich im Aargau wohnen oder aus der Gegend hier stammen. Darum gleich zu Anfang: Das Buch hätte einen besseren Titel verdient. Bücher mit Lokalkolorit – insbesondere Krimis – mag ich sehr. Speziell Bücher aus der Schweiz. Und wenn ein Buch in meiner biografischen Heimat spielt – teilweise in einem mir bestens bekannten Wohnquartier Aaraus – hat das Buch ein paar Vorschussloorbeeren gut. Doch diese wären schnell verscherzt, wenn mich das Buch nicht überzeugt.

Optisch ist das Buch unspektakulär, aber ansprechend. Der Klappentext macht neugierig. Und da ich mit der Autorin zusammen – Seite um Seite schreibend – bei einigen Novemberschreiben mitgemacht habe, wollte ich das Buch natürlich unbedingt lesen. Dass die Autorin aus Deutschland stammt, merkt man beim Lesen nicht, denn ihre Geschichte zeugt von jahrelanger Ortskenntnis.

Andrina, eine zweiunddreißigjährige Geologin, ist nach ihrem Studium, auf der Suche nach Arbeit, im Cleve-Verlag gelandet. Brigitta, die eine der beiden Verlegerinnen, war für sie eine Art Patin und hat ihr vor etwa einem Jahr eine Stelle als Sekretärin und Lektorin zugeschustert. Dass Brigittas Zwillingsschwester Elisabeth über diese Wahl nicht besonders glücklich war, erfahren wir erst im Laufe der Geschichte.

Nur ganz kurz dauert das Glück des Verlagsteams über die Adaption eines historischen Cleve-Fantasy-Romans in ein Musical, das am Anfang der Geschichte uraufgeführt wird. Oder besser: werden soll, denn als sich der Vorhang des Badener Kurtheaters öffnet, liegt statt eines Schauspielers der tote Autor auf der Bühne und der Alptraum beginnt. Andrina gerät ins Blickfeld der Polizei, wird jedoch schon bald aus dem Kreis der Verdächtigen entlassen und schon bald als mögliches nächstes Opfer betrachtet.

Das Büro wird verwüstet, die eine Lektorin nimmt sich das Leben und beinahe wird die Verlagslektorin Gabi ermordet. Dank Andrinas äußerst mutigem Eingreifen, überlebt die Lektorin den Anschlag, doch der Mörder kann – unerkannt – flüchten. Andrina erhält schon bald den immer gleichen Drohbrief („ich weiß immer, wo du bist“), verheimlicht das aber der Polizei, weil sie ihren Expartner Eric Zuber dahinter vermutet.

Nachdem sich Brigittas Suizid als weiterer Mordanschlag herausstellt, kommen sich Andrina und der eine der ermittelnen Kripo-Beamten, Marco Feller, langsam näher. Sein Personenschutz geht sogar so weit, dass er sie in den Urlaub aufs Hausboot ihrer Schwester Seraina und deren Mann Mike, begleitet. Undercovered hält er ein Auge auf Andrina, die nach einigen Tagen auch in Norddeutschland wieder Drohbriefe erhält. Schließlich werden Feller und sie sogar angeschossen und beschließen danach, sofort zurück in die Schweiz zu fahren. Inzwischen sind sich die beiden näher gekommen und verstehen sich als Paar – nicht ganz einfach unter diesen schwierigen Voraussetzungen. Zurück in Andrinas WG erwartet sie eine schreckliche Überraschung, die Andrina zwingt, sich eine andere Unterkunft zu suchen. Bald gerät sie, weil sie Marcos Haus – wo sie Exil bekommen hat – auf eigene Faust verlässt in Lebensgefahr. Das Finale? Darüber sage ich nichts, außer dass der Mörder eine doch sehr ungewöhnliches und unerwartetes Motiv hat und die Geschichte mit unvorsehbaren Wendungen bis zuletzt überrascht. Besonders gefällt mir, wie Haller ihre Geschichte abschließt. Doch auch das verrate ich hier natürlich nicht.

Zugegeben, zuweilen trägt die Autorin ziemlich dick auf und der eine oder andere Sachverhalt erscheint unnachvollziehbar, doch gelingt es Haller, diese heiklen Details so glaubwürdig zu erzählen, dass man sie ihr verzeiht. Obwohl ihre Stärke im Ausmalen der Details und in realistischen Dialogen liegt, wünschte ich mir hin und wieder, dass sie weniger sagt, weniger erklärt.

Ihre Figuren zeichnet sie selbst da nachvollziehbar, wo am Anfang Stereotypen hinhalten müssen. Ich denke dabei vor allem an die Figuren Marco Feller und Eric Zuber. Zum Glück weicht Haller die Klischees allmählich auf und die Personen werden bald dreidimensional und überzeugend. Andrina, die ich am Anfang eher ätherisch wahrnehme, wächst im Lauf der Geschichte über sich hinaus und zeigt Zivilcourage. Eine starke Frauenfigur, die sich ungern Vorschriften machen lässt und sich dabei – trotz ihrer Ängste – mehrmals in Lebensgefahr begibt. Für mich dürften die beiden Hauptfiguren, Andrina und Marco, durchaus menschlich und optisch weniger perfekt sein. Das hätte sie womöglich noch sympathischer gemacht. Auch der eine oder andere literarische Stolperstein wäre vermeidbar gewesen. Dennoch ein Buch das Lust macht auf mehr und dem ich es gönne, nicht nur im Aargau, sondern über seine Grenzen hinaus, auch über die nördlichen, gelesen zu werden.

Ina Haller. Tod im Aargau. Kriminalroman, emons 2013.
ISBN: 978-3-95451-076-4

Ein farbiges Wochenende

Alle Stimmen sind farbige Gummischnüre geworden, die sich ineinander und miteinander verweben. Muster entstehen und fließen durch meine müden Knochen und meine Synapsen schließen sich kurz. Ich werde vom Klangteppich um mich herum mitgetragen und döse allmählich ein. Es ist Sonntagnachmittag, kurz vor drei, und ich habe mich zu Erholungszwecken in die Loungeecke der Zweibrücker Galerie Prisma in die Polstergruppe gesetzt. Gelegt käme der Sache schon näher. Wie müde ich bin! Seit Freitagabend sind wir mehrheitlich (außer nachts) hier und zelebrieren Col Art. Zelebrieren ist vielleicht ein klein wenig übertrieben, aber nur ein wenig, denn sobald ich einen Pinsel in der Hand habe – ich beobachte, dass es andern ebenso geht – feiere ich ein Fest der Farben.

Auch die Kunstrichtung Col Art feiert: Vor fünfundvierzig Jahren wurde sie von Marc Kuhn ins Leben gerufen und feiert seit ungefähr fünf Jahren eine Art Wiedergeburt. Wie die aus einem langen Schlaf erwachte Spinne im Dornröschenschloss sucht sie sich neue Ecken und Winkel, wo sie ihre Künste zeigen und verbreiten kann. Weben und spinnen, so denke ich, wie ich den Pinsel in die rote Farbe tunke, das tun wir hier in der Tat. Auf neuen und angefangenen Bildern setzen wir mit unserer ganz persönlichen Farbsprache Akzente – vernetzen uns mit dem Bestehenden, und spinnen an neuen Bildern herum. Wir markieren nicht mit Duft- sondern mit Farbnoten, wir hinterlassen Spuren. Zusammen Bilder zu malen ist an sich nichts Neues und auch nichts, was den Namen Kunstrichtung verdient. Das Besondere an Col Art ist, dass die Kompositionen nicht nur im Kollektiv (=Col) entstehen, sondern auch koordiniert werden. Entweder wird die zu bemalende Leinwand in eine bestimmte Anzahl Felder unterteilt oder ein Thema – beispielsweise Menschen und ihre Gesichter – gibt den Rahmen vor. Und dann geht’s los. Male ich auf einer bereits sehr vollen Fläche, integriere ich meine Pinselstriche stärker in die vorhandene Malerei und beziehe mich, wo es passt, auf die Umgebung. Male ich in einer Ecke, die noch leer ist, kann ich stärker eigene Akzente setzen. Spannend ist, wie bei uns allen selbst in kleinen Bildausschnitten die jeweilige, individuelle Bildsprache sichtbar wird.

Ja, aber, geht denn das? Ist das Kunst? Ist das nicht einfach eine Art kollektive Selbsterfahrung? (Hat der Kaiser wirklich Kleider an?) Dass namhafte Künstler wie Beuys, Lohse und viele andere an Bildern von Col Art mitgearbeitet haben, mag den Skeptischen unter uns imponieren, doch was ist es nun wirklich, dieses Col Art-Malen?

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Die ewige Gretchenfrage aller Kunstschaffenden nach dem Wesen von Kunst – und was sie nicht ist – diskutiere ich an diesem langen Weekend immer wieder mit anderen Menschen. Mit Männern, mit Frauen, mit offiziell als Kunstschaffende Anerkannten ebenso wie mit sich als Laien Bezeichnenden. Die Antwort fällt immer wieder anders aus. Wo Laien mitarbeiten, kann keine Kunst herauskommen, höre ich jemanden sagen. Auch das Wort Beliebigkeit (die in den Bildern hier sichtbar werde) höre ich fallen und ich selbst muss gestehen, dass mir längst nicht alle dieser kollektiven Kunstwerke, die in der Galerie Prisma hängen, gefallen. Ich gestehe ebenfalls, dass mir nicht alle Kunstwerke in jedem Kunstmuseum gefallen, auch wenn große Namen darunter stehen. Das müssen sie auch nicht.

Intuition und Phantasie, Zufall und zielgerichtete Absicht, Beherrschung des Handwerks und Sorgfalt sind für mich einige der Ingredienzien, die es braucht um Werke zu kreieren, die ich Kunst nenne, nennen kann. Auch über Freund Zufall bei der Entstehung von Kunst diskutiere ich da und dort, denn dieser ist für mich kein unwesentlicher Kumpel in der Malerei. Vielleicht sollte ich es besser die Improvisationsfähigkeit der Künstlerin oder des Künstlers nennen, wenn ein Tropfen Farbe oder ein Strich zu viel eine Wende ins Bild bringt und damit eine neue Dynamik oder eine neue Richtung vorgibt?

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Wie auch immer: Es wird viel geredet dieser Tage. Und es wird viel gemalt. An Skulpturen, an angefangenen und an neuen Bildern. Auf Papier und auf Leinwand. Ein paar ortsansässige Kunstschaffende bringen eigene Werke mit – Skizzen, Fotografien, Skulpturen und Gemälde –, die anschließend von den Anwesenden mit Farbe neu interpretiert werden.

Ist Kunst nicht letztlich immer nur Interpretation? Immer nur das und so viel, wie die Betrachtenden sehen können; sehen, verstehen und in die eigene Sprache übersetzen.

Doch immer nur kunsten geht beim besten Willen nicht. Am Samstag war ich deshalb erst am Nachmittag in der Galerie und gestern brauchten Irgendlink, unser Gast Ray und ich mittendrin eine Pause. Kopf lüften, Nickerchen machen. Die Perspektive wechseln.

Wie wichtig das ist, hat mir am Morgen Rossana aus Mexico erzählt. Sie ist Marc Kuhns Lebens- und Arbeitspartnerin. Es ist gut, immer wieder zurückzutreten und die Perspektive zu wechseln, sagte sie zu mir. Nur mit ein bisschen Abstand sehe man, ob das Werk fertig sei oder ob noch etwas entscheidendes fehle.

Wann ist ein Col Art-Bild fertig und wer entscheidet das? Ertrage ich leere Flächen oder muss mein ganzes Feld bunt sein, frage ich mich, während ich an einer gemeinsamen Leinwand male.

Samstagabends ist das einsame Gehöft alles andere als einsam. Grillen und Gespräche am Feuer nähren Herzen, Bäuche und Seelen – ein schöner Abend unter einem fast vollen Mond. Der längst Tag des Jahres. Am Sonntagabend grillen wir alle gleich nochmals, diesmal bei Künstlerin B. und ihrer Familie.
Wir sind eine große Familie geworden!, sagt diese nach dem gemütlichen Essen und fasst zusammen, was wir andern denken und fühlen.

Ich bin dennoch froh, dass so intensive Tage nicht Alltag sind. So schön das alles war, so froh bin ich jetzt, dass ich durchatmen und Bilder sichten kann.

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Bilder: Nikon/Gimp

Unser Freund und Gast Ray Harris aus Schottland hat in seinem Blog ebenfalls einige Bilder und Texte publiziert. Bitte hier klicken.

Figuren kreieren

Sie sitzen im Kreis. Mit offenen Mündern, die Augen weit aufgerissen, hören sie zu. Bei den einen glitzert es sogar ein wenig in den Augenwinkeln und als die Heldin die wackelige Brücke überquert hat, geht ein Aufatmen durch den Raum und die angespannten Glieder bewegen sich wieder. Die Kindergärtnerin klappt das Buch zu und auf einmal wird aus dem mäuschenstillen Menschenknäuel wieder ein wilder Haufen Piraten und Zauberinnen.

Die Heldin ist gerettet. Der Protagonist hat sein Ziel erreicht. Wir brauchen sie, diese Figuren aus den Geschichten, die wir lesen oder uns im Fernsehen oder Kino ansehen. Sie vertreten uns und helfen uns, zu leben. Gemäß eines Creative Writing Workshops in den USA – nein, ich habe keinen besucht und werde es höchstwahrscheinlich auch nie tun – soll unsere Heldenfigur innerhalb der ersten vier Seiten eines Romans eine sympathische Tat vollbringen. Weil sonst unsere Lesenden, so geht das Gerücht, das Buch zuklappen. (Hat mir ein Bekannter erzählt, der einen solchen Workshop besucht hat. Oder jemanden kennt, der einen besucht hat. Oder so.)

Na ja, solche Vorgaben finde ich stereotyp und nicht besonders kreativ, aber die Idee hat was. Die Figur, die ich für die nächsten hundert, ein-, zwei-, dreihundert Seiten begleiten werde, muss es wert sein. Sie muss mir also so weit sympathisch sein, dass ich mitgehen will. Selbst wenn diese Figur ein Schelm und ein Kunstdieb ist. Ich denke dabei an Martin Suters Figur Allmen oder Jo Nesbøs Headhunter.

Wir Schreibenden manipulieren. Immer. Bewusst oder unbewusst. Sobald wir an einem Text arbeiten, den wir nicht nur ausschließlich für uns selbst schreiben, angefangen beim Brief hin zum Artikel fürs Blog bis zur Romangeschichte, überlegen wir uns genauer, wie wir was sagen. Ich lese Sätze, die ich ins Tagebuch schreibe, selten durch, doch bereits Briefe und Mails lese ich (meistens) mindestens einmal durch. Ich formuliere manchmal kopfgesteuert oder ich lasse meine Gedanken einfach intuitiv aufs Papier oder in die Tasten fließen. Eins ist dabei klar, auch wenn ich nicht jedes Mal darüber nachdenke: ich will eine Aussage machen und mit dieser eine ganz bestimmte Wirkung erzielen. Ich will verstanden werden und darum unterstreiche ich meine Absicht mit möglichst passenden Worten. Wie es eine Kundenmalerin tut, wenn sie einen Raum neu streicht. Sie wählt jene Farbe aus, die den gewünschten Effekt erzielen soll. Oder der Koch: er hat die Zutaten und dazu eine Idee, wie das Ergebnis auf dem Teller aussehen und im Gaumen schmecken soll. Alle sind wir in irgendwas gut und darin wissen wir, wie wir die richtige, die von uns gewünschte Wirkung erzielen können.

Worte sind meine Gewürze, meine Farben, meine Klänge. Die Tastatur ist mein Instrument, mein Medium, mein Kochlöffel.

Zurzeit arbeite ich mehr oder weniger intensiv an der Fertigstellung eines Romanes, an dem ich schon seit Jahren brüte. Ich balanciere dieser Tage ständig zwischen innen und außen. Ich will die Geschichte um ihrer selbst willen erzählen (einzig das Wie ist noch nicht in jedem Detail klar). Ich will dieses Geschichte erzählen, weil ich sie erst dann wirklich loslassen kann. Und auch, weil ich sie erzählenswert finde. Ich erzähle sie, weil sie sich mir aufdrängt. Es gäbe nettere Geschichten zu erzählen, gewiss. Meine ist nicht nett. Es ist keine Mainstreamgeschichte, keine laute, schrille, die das Zeug zum Bestseller hat – nicht jedenfalls um ihres Inhalts willen. Meine Geschichte ist mein Stein, der sich mir zum Behauen in den Weg gestellt hat. Weil ich die Kenntnisse und das Werkzeug habe und weil ich die Form im Stein sehe, die ich freilegen soll, habe ich mich zur Dienerin des Steins gemacht.

Die Werkzeuge der Steinhauerin dienen der Manipulation des Steins. Hier zuckt niemand beim Wort Manipulation. Auch bei Bildbearbeitung mit Photoshop und Co. stolpert niemand allzu sehr über dieses Wort. Aber beim Schreiben, oh weh, da bekommt das Wort schnell einen negativen Beigeschmack und wir denken an Werbung, an Propaganda und an Diktaturen.

Sobald ich mit einem Text den Innenraum meiner Gedanken und den Innenraum meiner Festplatte verlassen und ihn einer Leserin oder einem Leser zeigen will, ist es nicht mehr egal, wie ich schreibe. Mir nicht, meiner Leserschaft nicht. Der Balanceakt beginnt. Ich schreibe so, dass ich möglichst so verstanden werden kann, wie ich verstanden werden will. Und doch bleibe ich mir treu. Mir und meinem Schreibstil. Meiner Denkart. Meinen Bildern.

Und genau hier wird es schwierig: Ich-du-er-sie-es-wir alle können nicht anders als von uns und unserer Bilderwelt auf jene der andern zu schließen. Weil wir nur diesen einen Einblick in ein menschliches Denk- und Wahrnehmungskonzept haben – dazu noch sehr lückenhaft. Was ich hartnäckig türkis nenne, nennt Freundin L. genau so hartnäckig grün, nur so als Beispiel.

Ist meine Figur A. für alle, die meinen Roman lesen, sympathisch? Und falls ja, verspielt sie sich diese Sympathie womöglich schon auf den ersten zehn Seiten, weil sie etwas auf eine bestimmte Weise macht, denkt, sagt, schreibt, die meine Lesenden doof finden? Sie für alle und um jeden Preis sympathisch machen zu wollen, kann also nicht funktionieren. Muss auch nicht.

Momentan lese ich ein eBook. Der Protagonist dieses Romans ist ein snobistischer Kotzbrocken. (Ich bin allerdings erst im ersten Viertel und lese das Buch weiter, weil ich die Hoffnung nicht aufgebe, dass er mir vielleicht doch noch sympathisch wird). War es Absicht des Autors, seinen Protagonisten so unsympathisch zu erschaffen? Weil dem Autor die Leserinnenschaft völlig egal ist? Als Experiment? Oder, und das ist die Frage, die mich am meisten beschäftigt, ist der Protagonist womöglich andern Lesenden durchaus sympathisch? Dass nicht alle allen sympathisch sind, wissen wir. Aber …

Für meine Schreibarbeit extrahiere ich aus meiner aktuellen Leseerfahrung folgende Frage: Kann und darf eine Figur, die wir uns als Schreibende auf eine bestimmte Art vorstellen, auf andere ganz anders oder sogar völlig gegenteilig wirken, als wir es uns vorgestellt hatten?

Ich folgere, dass unsere manipulativen Fähigkeiten nur bis dahin reichen, wo unsere Lesenden ihre Erfahrungsschätze und ihre Phantasie auspacken. Somit ist jede Geschichte immer mehr als das, was ich erzählen kann. Sie ist immer eine Synthese zwischen meinem Text und dem Lesegaumen meines Gegenübers.

Was eine Figur sympathisch oder unsympathisch macht? Obwohl sich diese Frage kaum abschließend und verallgemeinernd beantworten lässt und schon gar nicht befriedigend, gibt es wohl ein paar generelle Kriterien: Eine Hauptfigur muss menschlich sein und fehlerhaft . Sie soll ein paar nicht allzu schlimme Schwächen haben und weder darf sie zu schön noch zu hässlich sein, sonst macht sie uns Angst oder stößt uns ab. Hier betrete ich bereits wackeligen Boden. Denn es gibt durchaus hässliche Romanfiguren, die mir ans Herz wachsen können. Und sogar wunderschöne. Lassen wir es also einfach bei den erstgenannten: menschlich und unvollkommen.

Umgekehrt stellt sich die Frage, was eine Figur unsympathisch macht. Unsere Feindbilder sind so individuell wie unsere Geschichten. Als möglicherweise allgemein akzeptierte Kriterien nenne ich deshalb nur Arroganz, Korinthenkackerei, Besserwisserei, Hochnäsigkeit und Unsensibilität.

Stellt sich die Frage, ob solche Eigenschaften wirklich auch als solche wahrgenommen werden (siehe das erwähnte eBook). Womöglich wirken auf andere Leserinnen und Leser Besserwissertum und Arroganz ja als Gelehrtheit und Abgeklärtheit?

Sich gute Geschichten auszudenken ist eins, sie in lesbare Texte umzusetzen, damit andere Menschen sie lesen, mitgehen und im Idealfall etwas mitnehmen können, das ihr Leben bereichert, etwas anderes.

Ohne gute Geschichten wäre mein Leben grau. Eine gute Geschichte muss mich berühren. Ziemlich einfach eigentlich.

Und für dich?

Schlaflos

Laut gedacht …

Wo ich hingehöre? Wer kann es mir sagen (und könnte ich mich falsch entscheiden)? Wer schreibt mein Drehbuch und wer trägt die letzte Verantwortung? Kann ich auf diese Fragen überhaupt anders antworten als mit ICH?

Schäfchenzählen rückwärts geht nicht. Seit 4:15 bin ich wach und das Sandmännchen hat sich aus dem Sand, ähm Staub, gemacht … Und sogar die Notfalltropfen wirken nicht. Kopfkino vom feinsten. Mir ist fast schlecht vor Müdigkeit und auch dass der Liebste neben mir tief und fest schläft, ändert nichts an meinem Zustand. Aufgekratzt bin ich. Adrenalin und Cortisol im Überfluss …

Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich würde wohl Stelle eins nehmen. Denke ich. Konjunktiv, du Kehrreim meines Lebens! Andererseits hätte ich Stelle zwei auf sicher und der Hilfswerkbetrieb wäre mir von früher vertraut. Dafür wäre der Arbeitsweg sehr lang.

Stelle eins oder zwei – so oder so eine gute Ergänzung zur Selbständigkeit sagt der Verstand und die Abenteuerlust gibt zu Bedenken, dass ich – womöglich – meine Träume dem Sicherheitsdenken opfere, wenn ich eine feste Stelle annehme. Vierzig Stellenprozent oder fünfzig sind ja nicht viel, antworte ich mir. Damit wären die Grundkosten gedeckt und der Stress vom Tisch.

So what?

Wie viel Freiraum brauche ich und bliebe so nicht meine Kreativität auf der Strecke?

Jede unserer Entscheidungen hat Konsequenzen. Für uns, für andere. Wir sind nicht allein. Wie würde mein Leben sich weiterentwickeln? Wie und wohin?

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Nach dem Vorstellungsgespräch in B. fahren wir gestern Nachmittag nach Biel. Wir treffen den Künstler Marc Kuhn, den Schöpfer der Kunstbewegung Col-Art und seine mexikanische Frau Rossana. Es gilt noch einiges an Material und Gedanken zur baldigen Ausstellung im Zweibrücker Prisma auszutauschen.

Wie wir zu viert gemütlich am Bielersee über Kunst, die Welt und das Leben philosophieren, bitte ich Marc zum Jux, mir meine Zukunft aus dem Kakao-Satz zu lesen, denn vor bald vier Jahren hat er Irgendlink und mir aus unsern Handlinien gelesen.

In zehn Jahren …, hebt er an. Nein, den Rest seiner Rede werde ich hier nicht verraten.

Was die Zukunft bringen wird? Leben kann ich eh nur die Gegenwart …

So what?

(Falls jemand heute Abend dem Sandmännchen begegnen sollte, dann schicke er oder sie es bitte zu mir!)

Impressionen aus Boulogne # 3

Urban ArtWalk in Boulogne am Samstag, 18. Mai 2013

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Urban ArtWalk in Boulogne am Sonntag, 19. Mai 2013

[Das hier sind Galerien. Angeklickt werden die Bilder groß und man kann sich weiterklicken.
Weitere Impressionen in Text und Bild auch bei Irgendlink]

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Bilder:
Nikon (mit DigiKam frisiert)

Impressionen aus Boulogne # 1

Den Impressionen von der Kunstschule École Municipale d’Art, kurz EMA, widme ich hier einen eigenen Artikel. In nächsten Artikeln zeige ich Eindrücke unserer Urban ArtWalks durch die Straßen von Boulogne.
Wie sehr ich es bedauerte, dass ich bei der Führung mit Eve, der Sekretärin, meine beiden Kameras nicht dabei hatte, könnt ihr euch sicher vorstellen.
[Das hier ist eine Galerie. Angeklickt werden die Bilder groß und man kann sich weiterklicken.]


[Weitere Impressionen in Text und Bild auch bei Irgendlink]
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Bilder:
Nikon (mit Gimp und DigiKam frisiert)

Gold waschen

Wie wir vorhin zusammen mit Akkordeonistin B. nach dem letzten Nachtmahl von Hotel A. (wo wir jeweils gegessen haben) am Strand entlang ins Hotel B. (wo wir schlafen und frühstücken) spazieren – es hat den ganzen Tag nicht geregnet, obwohl der Wetterbericht das Gegenteil erzählt hat – begreife ich, dass das Leben eine einzige Goldwäsche ist.
Nehmen wir nur mal die Goldstücke dieses einen Tages. Wir haben sie glücklich gefunden und die Schlacke, na ja, die fließt irgendwann und irgendwie zurück ins Meer.
Das erste Goldstück war unser vormittäglicher UrbanArtWalk. Ziel war die Altstadt. Das violette Haus. Das Haus, das dem Zerfall trotzt und sich, trotz der Häuser rechts und links, die unbewohnt aussehen und zum Teil kaputte Dächer haben (aus einem wächst sogar ein Baum), in seinem bunten Kleid ausgesprochen hübsch ausnimmt. Lila und fliederfarbene Fassde, dazu lindgrüne Fensterläden. Wir finden es auf Anhieb wieder, denn gestern, im Gegenlicht, war es schwer zu fotografieren gewesen. Ein wahres Goldstück fürs Auge, dieses mutige schmale Häuschen.Boulogne_UrbanArtWalks 16
Viele weitere pittoreske Bilder bannten wir auf unsere Kameras.
Alles zerfällt, was der Mensch je gebaut hat, philosophiere ich, wie wir rostige Türschilder, bröckelige Mauern und andere schöne Kaputtheiten ablichten. Alles zerfällt, es sei denn, der Mensch pflegt es.
Später, wir kommen wegen eines geografischen Missverständnisses eine Dreiviertelstunde zu spät zum offiziellen Festbankett in einer der vielen Turnhallen der Stadt, begreife ich:
Auch zu spät ist man manchmal noch zu früh.
Zum Glück wechselt kurz nach unserer Ankunft die Musik und ein Franzose mit Gitarre, der Oldies covert, betritt die Bühne. Der Lärm im großen Saal erschlägt mich beinahe. Vorher, draußen, dieser entspannte Weg quer durch die Straßen von Boulogne – zugegeben am Ende einigermaßen hektisch – nun hier drin dieses Sprachen- und Stimmenwirrwarr, das ich schier nicht ertrage. Ja, ich bin, wirklich und prinzipiell, gegen Massentierhaltung – auch bei Menschen! Wer mag denn sowas? Um die fünfhundert oder mehr Menschen, an langen Tischen aufgereiht, die alle den Musiker mit ihren Stimmen zu übertönen versuchen. Am liebsten wären wir sofort wieder gegangen, doch einmal drin war das nicht mehr möglich. Während sich Irgendlink auf die Empore schlich, um Bilder von oben zu machen, hackte ich einige Zeilen in mein vituelles Notizbuch – mit einem Stück Taschentuch im Ohr als Lärmfilter. Beinahe-Eremitin ich! Gute Medizin, um in dieser neuen Umgebung anzukommen.
Der Mensch gewöhnt sich an alles. Nachdem das Büffet endlich eröffnet ist, wird es stiller. Gefrässige Stille nannte meine Schwester dieses Phänomen. Zwischen Essen und Dessert die Ansprachen und Ehrungen. Eine sehr stimmige angenehme Athmospäre, die ich dann doch nicht verpasst haben möchte. Zumal Monsieur Q., der vor einem Jahr Irgendlink bei seiner Nordseeumradelung als Vertreter und Gastgeber seiner Stadt aufs Freundlichste betreut hatte, für seine Arbeit geehrt wird. Ein wahres Goldstück dieser Moment der überraschten Rührung in seinen Augen.
Mit einem weiteren Künstlerpaar konnten wir danach im Auto zurück zur Kunstschule fahren, wo die nächste Überraschung auf uns wartete: Die Schule möchte Irgendlinks Bilderreise noch eine Weile aufgehängt lassen – solange, bis der Pavillon wieder für andere Projekte gebraucht wird. So mussten wir nicht, wie geplant, die Ausstellung abbauen, sondern hatten Zeit und Muße, mit E., der Kunstschulsekretärin, die einzelnen Ateliers der Schule zu betrachten. Töpferei, Malatelier, Kinderunterrichtsraum, Photowerkstatt mit einigen Computern … Räume so, wie ich mir das Paradies vorstelle. Das Paradies für Kunstschaffende … Ein Gefühl von Heimat durchrieselte mich wohlig. E. hat mir mit dieser Führung ein großes Geschenk gemacht. Ein weiteres Goldstück des Tages.
Unser Besuch im Meeresmuseum Nausicaà war dafür weniger toll. Wir waren zeitlich knapp dran, doch wurden wir bereits nach acht Minuten wieder hinauskomplimentiert, weil sie das Muesum doch in zehn Minuten schließen. Dabei war es noch nicht mal Viertel nach sechs. Nein, so hatten wir uns den Besuch der Meeresaquarien nicht vorgestellt, dafür fiel das Nickerchen ein bisschen länger aus. Auch ein Glück. Noch ein Goldstück.
Und sogar im Esshotel war es heute so, dass wir drei Vegis, so etwas ähnliches wie ein richtiges Menü bekommen haben … Ein kleines Goldstücklein, das nicht geringzuschätzen ist.
Morgen früh gehts bereits wieder zurück in die Pfalz. Mir kommt es einmal mehr, wie immer, wenn ich auf Reisen bin, vor, als wäre die Zeit aus den Fugen geraten und als wären diese Tage viel zahlreicher gewesen.
Vorhin mit dem Liebsten ein letztes Mal am Strand. Das letzte Goldstück des Tages. Wir kommen wieder, ahne ich. Au revoir et à bientôt!
Das letzte Goldstück des Tages habe ich soeben auf Irgendlinks Blog entdeckt. Guck hier!

Strandgut

Müsste ich wählen zwischen einem Abendessen in gemütlicher Runde oder zu zweit mit dem Liebsten, egal wo, doch mit anschließendem Strandspaziergang inklusive Sonnenuntergang, ich würde nicht zögern. Besonders nicht nach einem Tag wie heute. Nach dem gestrigen Hinreisetag an den nördlichsten Zipfel Frankreichs, an den Pas-de-Calais, waren wir nach dem offiziellen Empfang um 17 Uhr im Fussballstadion glücklich, als wir endlich unsere Hotelzimmer betreten durften.
Und heute gleich wieder früh aufstehen, denn Irgendlink musste bis 11 Uhr die Hängung seiner Ausstellung vollendet haben. Dass ich ihn dabei unterstützte, war selbstverständlich. In der Kunstschule von Boulogne-sur-Mer, ganz in der Nähe der klassischen alten Stadtmauer auf dem Hügel sind noch bis morgen Abend sowohl seine Werke – ein Querschnitt seiner Reise ums Meer 2012, die er von Boulogne-sur-Mer aus startete –, als auch jene des Zweibrücker Kunstvereins zu sehen. Wegen der etwas speziellen Hängung, die Irgendlink geplant hatte, brauchte er beschraubbare Wände und bekam dafür – völlig überraschend – einen eigenen kleinen Pavillon zugeteilt. Wir staunten nicht schlecht über die Größe dieses Kunstkubus, wie wir das kleine schwarze Häuschen nennen. Schnell war uns klar, wie wir die Hängung optimal vornehmen könnten. Schon um zehn hing und lag alles an seinem Platz. Dank Frédéric, dem Hausmeister der Schule, konnten wir sogar die Beschriftungen fehlerfrei zweisprachig formulieren. Nach den Ansprachen, die wie immer zwar spannend aber dann doch immer viel zu lang sind, waren die beiden Ausstellungen eröffnet. Das Echo war toll.
Beim Mittagessen erhielt ich eine weitere Lektion – die erste hatte ich am Vorabend bekommen – über die Schwierigkeiten als Vegetarierin (moi-même) in Frankreich zu überleben. Zum Glück hat es in der Djembe-Gruppe, mit der wir zu Tische sassen, zwei weitere Keine-Tiere-Esserinnen. So konnten wir und gegenseitig beim Anmelden unserer Bedürfnisse unterstützen. In Frankreich, dazu am Meer, ist das wirklich sehr schwierig. Dass beispielsweise viele Vegis – wir drei – auch keine Fische essen, war dem Küchenpersonal des besagten Restaurants, das ich hier namentlich nicht nennen will, jedenfalls nicht bewusst. Nach langem Hin und Her saßen wir drei vor einem Teller weißer Hörnchenpasta. Immerhin war von unsern TischgenossInnen noch ein bisschen Reibkäse übrig geblieben. Um diesem Spießrutenlauf beim Abendessen nicht schon wieder ausgesetzt zu sein, beschlossen wir – zwar auf eigene Kosten – heute das Abendesssen zu zweit in einem Restaurant unserer Wahl, die auf eine kleine Pizzeria gefallen war, zu genießen. Zugegeben, ich habe schon bessere Pizze gegessen, aber ansonsten war alles wunderbar. Auch endlich mal nur zu zweit zu sein, war erholsam.
Nach etwa acht Kilometern UrbanArtwalk (seht dazu auch Irgendlinks heutigen Beitrag) – mit unsern Kameras quer durch die Stadt –, den vielen kleinen Begegnungen da und dort, dem genialen Afro-Trommelkonzert am Nachmittag am Strand, war ich einfach nur gesättigt … und müde. Sehnsüchtig nach Stille.
So wanderten wir zwei Strandguten vorhin eine Stunde durch den wunderbaren Sandstrand. Sonnenuntergang. Stille. Rauschen. Aus solchen Momenten wird Glück gewoben.
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Bilder:
undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt).

Die Sucht nach dem ersten Mal

Zurzeit verdichten sich alle Fäden, die ich in die Hand nehme, zu einer einzigen Decke, die ich hier mangels besserer Idee meine Heimatdecke nennen will. Auf der Reise zum einsamen Gehöft, von wo aus ich mit Irgendlink morgen nach Boulogne-sur-Mer weiterfahren werde, sprudelten nur so die Ideen, was Heimat für mich ist. Und was nicht. Mit der Wahl des Themas „heimatlos“ als neues Zyklus-Thema auf Pixartix, dem Bilderblog, haben wir in mir drin wahrlich eine kleine Dominobahn losgestoßen.
Einer der vielen Fäden meiner Heimatdecke ist der eben fertig gelesene neue Roman von Linus Reichlin. Das Leuchten in der Ferne.
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Reichlin gehört seit ein paar Jahren zu jenen Autoren, von denen ich neu erscheinende Bücher unbesehen kaufe. Ich gestehe, dass ich zuerst leer geschluckt habe, als das Buch ausgepackt vor mir auf dem Tisch lag. Ich hatte gehofft, eine weitere Geschichte aus dem Leben des Ex-Polizisten Jensen zu lesen, der mir in den ersten drei Reichlin-Büchern ans Herz gewachsen ist. Doppelt enttäuscht war ich, als ich auf dem Umschlag von Afghanistan, Taliban und Krieg las. Oh weh, ein Kriegsbuch, dachte ich. Doch ich dachte mal wieder zu kurz. Denn, obwohl es zumindest übergeordnet um Krieg geht, geht es noch viel mehr um Heimat und Sehnsucht. Es geht um die S(ehns)ucht nach dem Thrill, um die Sucht nach dem ersten Mal, nach neuen Erfahrungen, nach Ausnahmezuständen, nach Abenteuer. Diese Süchte treiben den Kriegsreporter Martens immer wieder in die Welt hinaus, wo er schon fast alles, alles Schreckliche zumindest, miterlebt hat. Nein, in seiner Berliner Wohnung in Neukölln fühlt er sich nicht zu Hause. Er liebt das Unvorhersehbare. Der Stadtalltag ist ihm fremd, er findet alles, was sich mehr als einmal wiederholt, langweilig, und kann nicht verstehen, warum die meisten Menschen dieses Leben der Repetition ertragen oder gar mögen. Er ist sich bewusst, wie arrogant seine Haltung wirken kann und erträgt es oft genug selbst kaum, dass er so tickt.

„Die Kollegen, die Artikel gehen den Fluglärm schrieben, taten das Ihre, um die Welt ruhiger zu machen oder gerechter, was auch immer. Man tat sich keinen Gefallen, wenn man das gering schätzte, und vor allem nicht, wenn man andererseits die Gefahren verkannte, die der Kontakt mit dem Ungewöhnlichen, dem Schrecklichen mit sich brachte. Das Schreckliche verändert den Maßstab für die Bedeutung der Dinge. Alles, was weniger schrecklich war, wurde auch als weniger bedeutend empfunden, manchmal selbst die Liebe und das Vertrauen. Das Schreckliche nahm für sich in Anspruch, das einzig Bedeutsame zu sein, alles andere wurde als Vergleich dazu banal herabgestuft. Wenn man dem nachgab, war man verloren, es war der erste Schritt in die Obsession, in die arrogante Geringschätzung des Alltagslebens und der Arbeit der Anderen.
Fluglärm war wichtig.“ (Zitat S. 22)

Martens lernt auf dem Bürgeramt Miriam Khalili kennen. Schon bald bittet sie ihn um einen grossen Gefallen. Er soll mit ihr, der Fotografin, nach Afghanistan reisen, um dort eine junge Frau, die als Junge verkleidet aufgewachsen ist und heimlich unter den kriegerischen Taliban lebt, kennenzulernen und zu interviewen. Martens‘ Abenteuerlust ist geweckt. Er kann den Chefredakteur des Wochenspiegels überzeugen und bekommt einen großen Vorschuss. Die beiden reisen zusammen mit deutschen Soldaten nach Afghanistan, verlassen schon bald heimlich das Militärcamp in Feyzabad und treffen ihren Kontaktmann. Martens beginnt an Miriams Geschichte zu zweifeln. Als sie sich näher gekommen sind, gesteht sie ihm, dass sie seine Hilfe und den Vorschuss braucht, um einen Entführten freizukaufen. Die Geschichte hätte mit der Lösegeldübergabe enden können, doch die Talibangruppe wird in der Nacht vor der Freilassung von amerikanischen Fliegern beschossen. Um Miriam und den Entführten aus der Schusslinie zu bekommen, stellt sich Martens als Spion und Sündenbock hin und verspricht für sich, bei Freilassung, ein hohes Lösegeld.
Was sich bei dieser sehr unvollständigen Kürzestfassung wie ein Groschenroman anhört, offenbart sich beim Lesen als vielschichtige Gesellschaftsabrechnung. Sprachlich schöpft Reichlin streckenweise metaphernreich aus dem Vollen, nur um andernorts mit minimalen Bildern, Schnappschüssen gleich, zu zeigen, was Sache ist. Reichlin pflegt eine raffinierte, dichte Erzählweise, die dennoch nie konstruiert, sondern authentisch und unmittelbar bei mir ankommt.
Auch gelingt es Reichlin, ohne zu moralisieren, meine Denkmuster in Frage zu stellen. Er stellt meine Klischees auf den Kopf und bringt mich dazu, die Welt, das Leben, Mann und Frau für einmal aus der Sicht von Taliban zu betrachten, ohne dabei deren Leben und deren Grundhaltung zu bewerten oder gar zu schönen.
Martens, der in seinem Leben viel Schreckliches gesehen und erlebt hat und von gewissen alten Bildern wieder und wieder heimgesucht wird, lebt nun zum ersten Mal auf der andern Seite. Als Journalist war die Hotelbar immer der Ort, wo sich die Welten schieden. Hier die Journalisten, dort die Menschen, über die er schrieb. Nun, für die unbestimmte Zeit von vier Monaten auf der andern Seite, verändert sich seine Welt so grundsätzlich, dass er nach seiner Rückkehr in Berlin …
Aber halt, mehr darf ich nun wirklich nicht verraten.