Melinda im Gulliverland

Große Kopfhörer über die Ohren gestülpt, ein glückseliges Lächeln auf den Lippen und einen großen Einkaufskarren vor sich her schiebend, spaziert ein Mann, bekleidet mit schwarzen Gummistiefeln, Shorts und gelber Outdoorjacke, durch die Regale eines Baumarktes und lädt seinen Wagen voll und voller. Die Ansage, dass der Laden in fünf Minuten geschlossen werde, hört er nicht. Er hört Musik. Als er bezahlen will – nachdem er unter fürchterlichen Verrenkungen in der unerlaubten, weil schon inventarisierten Zone eine Klobürste geholt hat –, wird er auf einmal zum Betreuer eines kleinen, nur arabisch sprechenden Mädchens. Er sei von der Polizei. Der Versuch, das Mädchen zu seinem vermeintlichen Vater ins Hotel jenseits des Parkplatzes zurückzubringen, mündet nach einer Schlägerei in eine dramatische Flucht. Mann und Mädchen finden sich in einer Hütte im Gulliversland, einem alten Spielplatz im Wald wieder. Drei schwarz gekleideten Araber mit Pistolen und einem Geländewagen auf den Fersen. Natürlich trifft irgendwann Hilfe ein, die Verfolger flüchten und Jens und das Mädchen sind in Sicherheit. Melinda hat sofort Vertrauen zu Jens gefasst. Er ist der einzige, den sie mit einem Lächeln belohnt, für alle anderen ist sie unnahbar und bewahrt ihr Geheimnis für sich.
So also gerät Jens, noch bevor er seinen Dienst antreten kann, eines harmlosen Samstagnachmittags mitten in einen äußerst dramatischen Fall, bei dem es um Drogenschmuggel in den Bäuchen afrikanischer Kinder geht. Die arabisch sprechenden Drahtzieher aus einem Phantasieland verstecken sich hinter diplomatischen Ämtern und sind, bis auf den Dolmetscher, dank ihrer Ämter unangreifbar. Die Mordermittlungen – das Opfer ist die angebliche Mutter Melindas – laufen beinahe nebenher. Zu sehr sind alle, vor allem die tussige Staatsanwältin, mit den diplomatischen Problemen beschäftigt.
Jens ist also der Neue. Der Neue, für den Lisa am Freitagabend versucht, das Büro, das sie ab nächster Woche mit ihm teilen wird, ein bisschen wohnlicher einzurichten. Wir sehen sie in einer der ersten Szenen des gestrigen Saarbrücker Tatortes Melinda, wie sie den Schreibtisch hin- und herschiebt und so die beste Arbeitsposition sucht. Kollege Horst schaut zu und rät zu einer Position mit Blickkontakt. Fast identisch wiederholt sich die Szene Tage später. Doch diesmal ist es Jens, der den Tisch hin- und herschiebt, kaum dass er das neue Büro betreten hat. Zwar trägt er nun weder Shorts noch Gummistiefel, doch seine indischen Wickelhosen sind auch nicht ohne. Er bringt eine Topfpflanze für den Schreibtisch und eine Klangharfe mit, die ihren Platz später über der Türe findet und Besuche ankündigt. Wie Lisa schiebt Jens nun den Tisch von da nach dort. Erneut fällt der Tipp: Wie wäre es mit Blickkontakt?
Es ist weniger der Plot dieser Geschichte an sich, der diesen Tatort zu einem Highlight am Tatort-Himmel macht, sondern die Besetzung. Und die Umsetzung. Ein bisschen muss ich an die Münster-Tatorte denken, doch Jens ist besser. Er ist zwar zum einen eine Lachnummer – was ihm am Arsch vorbeigeht, denn er weiß genau, was er kann und was er will –, zum andern aber ein messerscharf denkender, unkonventionell handelnder und sich auf seine Intuition verlassender Kriminalist. Einmalig die Szene im Pausenraum, wo er die Yogaübung Baum praktiziert, die beim Zentrieren hilft und auf einmal – mit einem lauten Aufschrei die Übung auflösend – das Kennzeichen des Verfolgerwagens herunterleiert. Alles toppt jedoch jene Szene, wo er mit seinem roten Roller an einer roten Ampel das Diplomatenauto einholt, worin Melinda sitzt. Er jagt sie ihrem angeblichen Vater ab und setzt sich mit ihr in das nebenan stehende Auto einer älteren Dame. Schon bald hat Jens diese von seiner Rettungsmission überzeugt und so versteckt sie die beiden in ihrem Haus. Margot Müller ist definitiv eine Seelenverwandte von Jens. Sie hat ihr Leben lang darauf gewartet, mal live in einem Krimi mitzuwirken. Mit viel Gespür schaffen es die beiden, Melina ihre Geschichte zu entlocken. Nicht zuletzt, weil Melinda von Anfang an Vertrauen zu Jens gefasst hat und eine begnadete Zeichnerin ist.
Einfach nur schräg ist die Beinahe-Schlussszene, das Showdown an der deutsch-französischen Grenze, wo der Dolmetscher wegen Mordes verhaftet wird. Wie Jens den einen der Araber, jenen der deutsch spricht, in die Zange nimmt, geht unter die Haut und zieht mir zugleich die Mundwinkel hoch.
Wenn du Melinda nicht wohlbehalten zurückbringt, komme ich zu dir. Ich weiß, wo du wohnst. Ich weiß, wo deine Familie wohnt. Ich werde kommen.
Dann übergibt er Melinda sein Handy. Nach langen Reisestunden ruft sie ihn schließlich an. Happy End. Schluss. Punkt.
Zugegeben, die Puristinnen und Traditionalisten werden aufschreien. Dieser Tatort ist anders. Dieser Tatort ist schräg. Aber dieser Tatort, trotz der dramatischen Ereignisse, die er transportiert, hat offensichtlich Spaß gemacht hat. Jedenfalls den Schauspielerinnen, Schauspielern und mir. Ich stelle mir vor, wie der eine oder andere Gag erst beim Spielen entstanden ist. Jens‘ Bürokollegin Lisa Marx, die am Anfang als coole Superwoman drauf war, schüttelt zwar auch am Schluss noch über Jens, der sich ein paar Disziplinarverfahren aufgehalst hat (und das noch bevor er offiziell angefangen hat), ein klein bisschen den Kopf, doch sie hat verstanden, dass sie sich auf ihn verlassen kann. Ob bis zur Pension, wird sich allerdings zeigen.
Ich freue mich bereits auf die Fortsetzung aus Saarbrücken!
(Rezension des Fernsehkrimis Tatort vom 27. Januar 2013, Melinda, Drehort: Saarbrücken)
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Patchwork

Wir fühlen uns richtig gut, wenn wir tun, was uns gut tut. Und wir tun uns und anderen gutes, damit wir uns gut fühlen. Soweit so gut, denn wir fühlen uns gerne gut. Eigentlich. Dumm nur, dass wir uns auch gut fühlen, wenn wir tun, was uns nicht gut tut, weil wir es zum Beispiel tun und taten, um uns selbst zu bestrafen. Was uns nur vermeintlich gut tut. Und dumm auch, dass wir uns oft schlecht fühlen, wenn wir tun, was uns eigentlich richtig gut tut. Weil wir es uns nicht gönnen.

***

Sie hütet sie gut, ihre Geheimnisse. Längst hat sie dicht gemacht. Ihre Schutzhaut gleich einer Jeans, jahrelang getragen, bequem, doch dünn da, wo wieder und wieder an ihr herum gerieben, gedrückt, gedrängt und gezwängt worden ist. Beinahe durchsichtig an besonderen Stellen. Berührbarer dort mehr als anderswo. Besonders dort. Ausgerechnet dort. Abgewetzte Schutzhaut. Anfällig für neue Wunden, wo es am meisten schmerzt. Empfindlicher, empfänglicher. Zum Glück auch für Glück.

***

Baustelle betreten auf eigene Gefahr. Schutzhelm obligatorisch. Ist das Kunst, oder was? Darf man Baustellen sehen, das Making-of, den Prozess, bevor etwas veröffentlicht wird und muss etwas, das veröffentlicht wird, perfekt sein? Was ist mit Ready-mades/Objets trouvés? Ist es eine Abwertung, wenn man den Vorhang öffnet, bevor …? Wird Kunst künstlich verklärt? Ich sag nur Fluxus*, John Cage, Marcel Duchamp. Von ihm übrigens der wunderbare Satz:
Der Betrachter vervollständigt das Kunstwerk.
Lebe deine Kunst, verkunste dein Leben.
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* Mehr dazu auch bei Wiki

Sonne, Mond und andere Fragen

1.)
Vermutlich würde ich noch einmal richtig intensiv leben wollen, sollte der Arzt eines Tages sagt, dass … Vielleicht würde ich mit dem Liebsten eine letzte Reise wagen? Nach Australien-Neuseeland zum Beispiel. Und Schreiben würde ich. Ganz viel. Und ganz still werden. Vielleicht sogar anfangen, das Leben zu lieben, zu genießen. Vielleicht dem Tod, der mich holen will, dankbar sein dafür, dass er mir das Leben doch noch lieb gemacht hat. Ob ich mich dagegen wehren würde? Ob ich versuchen würde, dem Tod zu entkommen? Ich lebe auf diesen einen Moment hin: Endlich möglichst unbeschadet am Ende ankommen, glücklich auf mein Leben zurückschauen, das Lebensbuch zuklappen und sagen: Well done!
Zuweilen beneide ich „Menschen ohne Phantasie“, wie sie Marlen Haushofer in der Wand nennt. Sie müssen nicht über solche Dinge nachdenken.
Gibt es dieses Lied in allen Dingen wirklich, das alles verbindet? Oder ist alles aus purem Zufall entstanden und nichts hat einen tieferen Sinn außer den des Augenblicks, wie das Marlen Haushofer hinter der Wand erkennt und ihre Protagonistin schreiben lässt ? Meine Sehnsucht danach, dass alles eine sinnvolle Ursache hat, ist sehr groß. Ein Leben ohne solche mag ich mir einfach nicht vorstellen. Und tue ich es ab und zu doch, erfüllt mich größte Abscheu dem Leben gegenüber. Alles Tun und Sein wäre vergeblich und würde uns von jeglicher Mitverantwortung für die Welt entbinden.
2.)
Ich lese, also bin ich. Und immer werde ich Teil der Geschichte, die ich lese. Ich identifiziere mich mit Figuren, werde selbst zur Figur, lebe andere Leben als nur meins. Das eigene Leben ist nicht begrenzbar. Alle andern Leben, reale und fiktive (so es diesen Unterschied denn gibt) fließen an mir vorbei und durch mich durch. Wie Jostein Gaarder sinngemäß in Der seltene Vogel schreibt: Jeder einzelne Wassertropfen, der ins Meer fließt, ist nicht nur und nicht länger ein einzelner Tropfen im Meer, er ist das Meer. Und er war immer schon das Meer. Auch.
Ich bin nicht nur Teil des ganzen, ich bin das Ganze. Auch. Selbst im Spektrum aller Kontraste und Dualitäten. Sie sind nur Facetten des Ganzen. Ebenso wie alle Rollen, die wir spielen. Doch jetzt, und jetzt, und jetzt, wo ich diese Gedankenfetzen und Ideen in Sätze umforme, den Formen Namen gebe, zeigen sie sich als Teile. Um anschließend ihre Form wieder zu verlassen und eins zu sein …
All das schreitet durch die Tür meiner Wahrnehmung, zieht dort die Schuhe aus und setzt sich hin. Ich schaue und nehme für wahr. Manchmal bin ich überfordert. Zu viele Eindrücke.
Ich lese Siri Hustvedt. Was ich liebte. In Worte gegossene differenzierte, detaillierte Beobachtungen. Bilder, die auf eigenen Füßen stehen. Einfach nur ihre Worte zu lesen, ist das pure Vergnügen – die Handlung in ihrer Dramatik mal ausgeblendet. Jedes Wort stimmt. Nie schwülstig, nie auf Effekt angelegt. Schlicht, aber nie billig. Zwar eine bewusste Sprache, aber keine raffinierte oder eitle. Authentisch und unexhibitionistisch. Die Sprache transportiert den Inhalt so, dass der Inhalt optimal gesehen werden kann. Die Form stellt den Inhalt dar, Inhalt und Form sind eins.
Dem Ich-Erzähler gelingt es mehrheitlich, sich – obwohl er wesentlicher Teil der ganzen Geschichte ist – auszublenden, die Rolle des Beobachters und Chronisten auszufüllen. Das Ziel, endlich die Geschichte zu erzählen, die erzählt werden soll, stellt er höher, als seine eigene Befindlichkeit, die trotz des Dramas, das er zu verarbeiten hatte, wenig Raum* einnimmt. Dennoch: Kein Roman ist ein objektiver Bericht. Ein Roman erzählt die Sichtweise von Dingen aus einem bestimmten Winkel. Wie der zehnjährige Matt es nach einem Basemallmatch sinngemäß sagt:
Nur schon, wenn ich da statt dort gesessen wäre, hätte ich alles ganz anders erlebt.
(((Lies zwei Zeitungsartikel zum gleichen Thema: In aller vorgeblichen Objektivität wird Subjektivität sichtbar: Wo setzen die verschiedenen AutorInnen ihre Schwerpunkte, wenn die Fakten abgehakt sind? Sind sie kritisch?)))
Schreiben ist das Übersetzen von persönlich gefärbter Wahrnehmung in Buchstaben. Schreiben ist die Wiedergabe von verdautem Geschautem. Ein Schauen, das nicht aufhört sehen zu wollen, was dahinter wirklich ist, was wirkt, was einwirkt, was bewirkt, was ursächlich ist. Und eher was hinter als vor dem Vorhang ist, wirkt bei den Lesenden nach. Wiedererkennen tun wir uns, wenn der Spiegel klar ist. Dann sehen wir mit dem Herzen. Der ganze Farbkreis steht uns zur Verfügung. Alle Farben. Deshalb ist jedes einzelne Bild, das wir mit Worten, Pixeln und Pinseln malen eine Synthese. Ist Ausschnitt und ist alles zugleich. Spezifisch, also alle Details mit der ihnen eigenen Struktur, wiederzugeben, ist die große Kunst jeder Kunst.
Schreiben ist Leben, ist Malen mit allen möglichen Farben und Techniken. Wir arbeiten am sich stetig wandelnden Bild. Dabei lassen wir immer weit mehr weg, als wir sagen und schreiben können. Doch selbst was wir weglassen, ist Teil des Bildes. Des ganzen …
3.)
Sonne und Mond zu sein
Ich lese.
Verdaue Geschriebenes.
Bin Mond.
Reflektiere.
Folge.
Ich schreibe.
Verdaue Wahrgenommenes.
Bin Sonne.
Strahle.
Denke.
Du liest.
Verdaust Geschriebenes.
Bist Mond.
Reflektierst.
Folgst.
Du schreibst.
Verdaust Wahrgenommenes.
Bist Sonne.
Strahlst.
Denkst.
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* EDIT: Vom zweiten Teil des Buches an wird der Autor in seiner Befindlichkeit sichtbarer. Er resümiert frühere Erkenntnisse und überträgt sie auf die Gesamtzusammenhänge und sein Leben.

SAD feat. Büne Huber, Lo und Leduc – 1

Frischer Wind aus der Schweizer Musiklandschaft! Der Produzent SAD hat sich mit Lo & Leduc und Büne Huber, dem Frontmann von Patent Ochsner, zusammen getan. Dabei rausgekommen ist eine wunderschöne Verschmelzung von akustischer Gitarre, Beat, Mundart und Rap.
“1” heisst der Track und versinnbildlicht die Kollaboration der Musiker: Alles wird eins. Aber lass dich doch selbst überzeugen:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=zGtUQ6t8aRo]
Quelle:
www.joiz.ch

Die Fahrt

Eigentlich sollte ich keine Rezensionen lesen. Nicht, wenn mir ein Buch so gut gefallen hat wie Die Fahrt von Sibylle Berg. Einfach bei meinem Eindruck bleiben, denn immer werden die Rezensentinnen und Rezensenten irgendwas finden, was sie nicht mögen. Und meine Freude am Leseerlebnis ein wenig dämpfen.
Und es gäbe in der Tat viel zum Nichtmögen in diesem Buch, denn die Menschen darin sind keine Heldinnen und keine Helden. Nicht einmal Anti-Helden sind sie. Einfach nur Suchende. Desperat die einen, soziophob die anderen, auf der Flucht vor sich selbst alle – und somit ziemlich normal. Menschen wie du und ich. Nicht mögen könnte die Leserin zum Beispiel den subtilen zynischen Unterton, der allen Geschichten leicht anhaftet, sich aber auch immer wieder relativiert, weil die Figuren in sich selbst glaubwürdig und trotz allem liebenswert sind. Und nicht mögen könnte der Leser auch, dass in fast jeder Geschichte Kakerlaken und Dreck vorkommen. Auch sprechen die RezensentInnen von den allzu vielen Selbstzitaten Sibylle Bergs aus früheren Werken und innerhalb des Buches selbst. Dazu kann ich nur sagen: Und wenn? Wer zitiert sich nicht hin und wieder selbst? Und warum auch nicht? Ja, es gäbe vieles zum Nichtmögen. Noch mehr aber, das ich mag.

„Getrieben sind sie alle, die Figuren in Sibylle Bergs neuem Buch, einem Reiseroman. Ruhelos fahren die einen an exotische Orte, auf der Suche nach einem kleinen bisschen Glück. Oder Sinn oder Abwechslung. Hauptsache, etwas passiert. Die anderen haben keine Wahl und müssen bleiben, wo sie sind. Wo auf der Welt kann der Mensch glücklich sein?
Heimat gibt’s nicht mehr. Heimat ist für Menschen, die in Bergdörfern aufgewachsen sind, dort wo man alle kennt, auch die Tiere und wo man statt ins Kino Sonnenuntergang schauen geht. Für alle anderen, also für die meisten, stellt sich die Frage immer wieder neu: gehen oder bleiben? Bleibe ich in meinem blöden Berliner Leben hocken oder suche ich das Glück in Sri Lanka, Rio de Janeiro, Shanghai oder Tel Aviv? […] Vor dem Hintergrund der verschiedenen Lebensverhältnisse stellt sie die Frage: Wie entstand die aberwitzige Idee des Individuums, ein Individuum sein zu wollen? Mit allen dazugehörigen Individuumsansprüchen? Glücklich sein zu wollen, zum Beispiel.“

Quelle: kiwi-verlag.de.
[Vorhin habe ich Mützenfalterins genialen Artikel über die Gefahren der (Über-)Interpretation gelesen (siehe Susan Sontag „Kunst und Antikunst“). Auch deshalb verfasse ich hier keine Buchinterpretation – auf alle Fälle keine allgemeingültige. Bestenfalls eine persönliche …]
Sibylle Bergs ProtagonistInnen reisen nach Südamerika, Nah- und Fernost, Indien, Europa. Und wir reisen als Lesende mit ihnen um die ganze Welt. Bergs Menschen denken über die Sinnlosigkeit ihres Leben nach, fliehen vor sich selbst, finden sich (immer wieder ein bisschen), bloß um sich erneut zu verlieren. Da ist Einsamkeit, Sehnsucht nach Liebe, Hoffnungslosigkeit , die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit und jener, der Menschen, die man liebt. Der Tod tanzt durch die Buchseiten und das Glück wird gefunden, aber mehr in Frage gestellt als willkommen geheißen. Das Leben ist zum Davonlaufen, zum Weglaufen, woher auch immer. Und es ist zum Hinlaufen, wohin auch immer, aber Hauptsache einfach weg von da, wo man ist. Ob das nun Berlin ist oder Bangladesh, im Endeffekt ist das gar nicht so relevant, denn solange wir nicht bei uns angekommen sind, tut leben so oder so weh. Wo immer ich hin flüchte, es sei denn zu mir, ich werde das Glück nicht finden. Falls ich solchen Wohlstandsluxus denn überhaupt brauche.
Ist das Schicksal entschuldbar, das Frank und Ruth in Island doch noch zusammenführt und ihr Glück schon nach wenigen Monaten, da Frank an Krebs stirbt, wieder auseinanderreißt? Ist Glück, erst einmal gefunden, nicht viel schmerzhafter in seiner Abwesenheit, als wenn wir es nie gekannt hätten? Wird nicht durch Drittwelttourismus erst die Maschinerie angekurbelt, die Unwissende zu Wissenden und somit zu Entbehrenden macht?
Sie moralisiere lese ich in einer Rezension, die Berg, sie moralisiere. Und wenn schon!
Hinten auf dem Buchumschlag steht: Die umweltfreundlichste Art zu reisen: „Die Fahrt“ kaufen. Und zu Hause bleiben! Hat was.
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Noch mehr über das Buch:
http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/diefahrt-r.htm

Stairways – die Galerie

Nachtrag zu meinem Artikel vom 2. Dezember. Inzwischen habe ich das WordPress-Update geknackt und die Galeriefunktion wieder entdeckt.
Hier nun nochmals die Bilder von Artur Bozem, ergänzt mit Bildern von Martin Schöneichs Skultpuren. Alles und mehr wird aktuell augestellt im Rockenhauser Museum Pachen unter dem Titel “Habitat”.

Farbenbaden

Im Museum Pachen in Rockenhausen, das wir vorletzten Sonntag besucht haben, sind neben den wechselnden Ausstellungen – aktuell „Habitat“ mit Artur Bozem und Martin Schöneich – auch ständige Werke ausgestellt. In Vitrinen und an den Wänden des ersten Raumes fanden wir eine kleine, feine Auswahl älterer und zeitgenössischer Werke.
Besonders angetan hat es mir dieses Werk von Bernard Schultze, den ich bis dahin nicht kannte. Das Bild zog mich geradezu magisch an und ich war überrascht, dass es von einem doch eher älteren Kunstmaler geschaffen wurde, hätte ich es eher einer jüngeren Künstlerin zugeordnet. Kunst ist manchmal eben alters- und geschlechtslos. 🙂 Ich sehe darin so viel Leichtigkeit, so viel Helligkeit – und doch, da ist auch Spannung …
Passt gut zum Namen …
Alle Bilder durch Draufklick zu vergrößern …

Bernard Schultze - dem Hellen drohend
Bernard Schultze – dem Hellen drohend (1996)

Mehr Bilder von Schultze: hier klicken!
Hier nun eine kleine Rundschau weiterer Bilder von Artur Bozem. Viel Spaß bei der virtuellen Ausstellung.

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Stairways

Led Zeppelin im Ohr. Eine Woche schon. Und ich kann nicht mal etwas dafür. Der Song wurde mir in die Ohren geschoben. Und er hält sich hartnäckig. Und ja, er gefällt mir tausendmal besser als Süßer die  Glocken Blogger nie klingen. In Rockenhausen wartete er auf uns und war Teil einer Vernissage. Teil eines Klavierrezitals (heißt das so?). Der junge Pianist habe, so erzählte er mir später bei Champagner und Blätterteiggebäck, das zuletzt gespielte Potpurri selbst komponiert. Um Stairways to Heaven hat er aufregende Schlenker gebaut, die seinem leidenschaftliches Spiel noch mehr Würze gaben als in den beiden vorherigen Stücken.
Artur Bozem und Martin Schöneich stellen aktuell im Rockenhauser Museum Pachen unter dem Titel „Habitat“ zusammen aus. Arturs Bilder habe ich bereits früher mal wieder hier gezeigt, Martin Schöneich kannte ich kaum, hatte seinen Stand an der diesjährigen Mainzer Kunstmesse unter all den andern nur am Rand wahrgenommen. Sehr ansprechend die Kombination der Metallskulpturen mit Arturs Gemälden. Besonders imponiert haben mir die fünf sehr großen Bilder aus Arturs Serie „Anderswelt“, die ergänzt von kleineren Bildern, das Schwergewicht seines Ausstellungsbeitrages ausmachten.
Ich hatte zum Glück mal wieder meine Minolta Nikon dabei und werde vermutlich in den nächsten Tagen das eine oder andere Bild vom Bild nachliefern. Für heute einfach mal eine kleine Zusammenfassung von Arturs „Anderswelt“ mit einem Winkewinke zu Frau Blau hin, die nächste Woche auf Pixelismus ebenfalls Anderswelten ausstellen wird.
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(Draufklick für groß)

Ich zeige euch hier meine allerallererste Gimp-Collage (seit August bin ich ja auf Ubuntu und Opensource-Programme umgestiegen). Nein, sie ist nicht perfekt gebastelt, aber um euch einen Eindruck der wirklich ausdrucksstarken Bilder zu vermitteln, reicht’s allemal. Die Reihenfolge entstand relativ willkürlich. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass hinter dieser Serie – einschließlich der nicht mit ausgestellten Bilder  – gewiss ein Ablauf steckt, eine Aufbau. Jedenfalls in den Augen des Künstlers.
Mein Lieblingsbild ist das zweite von rechts … 😉
Fortsetzung folgt?
Ach, und dies noch, das muss jetzt einfach sein …
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=qHFxncb1gRY]
Gute Nacht allerseits …

hingucken

Stammleserinnen und -leser wissen es bereits. Für alle anderen sag ich es hier gerne immer wieder:
Jeden Montag öffnen Irgendlink und ich auf pixartix_dAS bilderblog unsere Türen für Gäste aus dem weiten Netz. Diesmal ist die Künstlerin Cambra Skadé bei uns zu Gast und für einmal gibt es keine Fotografien und Fotomontagen, sondern Kunstwerke mit anderen Techniken. Mehr verrate ich aber noch nicht. Seht und klickt selbst …
Cambra hat sich künstlerisch einem sehr sensiblen Thema genähert, der Zeit der dünnen Wände, der Ahnin- und Ahnenzeit …
+++
Weiterhin stelle ich auf Sofasophia appt die Welt meine Appspressionismen vor.
Auch hier: Seid herzlich willkommen!

Entscheide dich!

Die Türe fällt hinter uns zu. Wir sind gefangen. Im Paradies blubbert es. Pflanzen strecken ihre (künstliche) Grünheit in den Raum. Pseudofarn und Kunstefeu. Vogelgezwitscher ab Band. Wasser plätschert. Heile Welt. Auf einmal fällt das Licht aus. Stille. Muss das so? An den Wänden um uns, vorne, rechts und links, erscheinen nun in schönster Zeichentrickmanier Bilder, die uns die Welt erklären. Wie sie war, wie sie wurde, wie sie ist. Wir rasen innerhalb weniger Minuten durch die Menschheitsgeschichte. Sündenfall inklusive.
Mensch des 21. Jahrhunderts, sagt die Stimme, die die Bilder ergänzt, du hast die Wahl. Im Supermarkt der Möglichkeiten kannst du wählen. Unzählige Möglichkeiten stehen dir zur Verfügung. Entscheide dich! Und schon öffnet sich die Türe und wir betreten den Supermarkt der Möglichkeiten.
Wähle eine Tasche aus!, fordert uns eine unübersehbare Tafel auf, unter der an Haken unzählige verschieden bedruckte Tragtaschen hängen. In jeder steckt eine große Kartontafel, auf die ich (in die vorgesehenen Felder) meine vier persönlichen, an den entsprechenden PC-Stationen mittels Fragetests erhaltenen Strichcode-Kleber aufkleben kann/darf/soll/muss.
Gleich zu Beginn finden wir eine gläserne Vitrine vor, die uns mindestens hundert verschiedene Pralinen präsentiert. Ich gestehe, dass mir der Mund wässrig wird. Die dazugehörige Informationstafel klärt uns darüber auf, dass diejenigen Menschen, die aus hundert Pralienen wählen dürfen, ebenso unglücklich sind wie jene, die nicht wählen können, sondern einfach nur eine Praline vorgesetzt bekommen. Am glücklichsten sind die Menschen, die aus sechs Pralinen auswählen können.

Wie hältst du es mit der Liebe, Gretchen? Bei der nächsten Station erwarten uns übersichtlich dargestellte Statistiken über Treue, Scheidungsraten und Ehedauer und die erste PC-Station stellt mir fünfzehn Fragen über mein Liebesleben, die ich – Ehrensache! – ehrlich beantworte. Was die schwarzen Striche auf dem Kleber, den die Maschine nach der letzten Frage ausspuckt, wohl bedeuten? Ich klebe ihn ins erste Feld auf dem großen Karton. Freundin T. hat sich Kopfhörer aufgesetzt und hört den Jugendlichen in den Fernsehern zu, die bei der zweiten Station – hier geht es um Beruf und Karriere – über ihren Traumberuf erzählen. Ich setze mir ebenfalls Kopfhörer über und bin berührt von diesen jungen Menschen und ihren großen Lebens- und Berufsträumen. Und wie sie diese in Worte kleiden. Ärztin, Profifussballer, Modedesignerin und vieles mehr wollen sie werden. Ja, die Jungen träumen auch. Noch. Zum Glück.
Wieder klicke ich meine fünfzehn Antworten an und klebe die zweite Etikette auf den Karton. Am Glücksrad vorbei, wo ich lesen kann, wie viel mehr Chancen wir in der Schweiz in Bezug auf Berufsausbildungen, Gesundheitsversorgung, Mobilität und v. m im Vergleich zu andern Ländern haben (und ich über die Infos nur dankbar und beschämt staunen kann), gelangen wir in den politischen Sektor. Über ihr Wahlverhalten befragte Menschen – in einem Land der Basisdemokratie und mit einer peinlich-mageren Stimmbeteiligung von knapp 50% – erzählen, warum sie immer, nie oder nur manchmal an die Urne gehen. Die einzelnen Voten werden auf einer Fernsehwand gezeigt vor welcher Kopfhörer von der Decke baumeln. In den restlichen Bildschirmen werden Archivbilder von Abstimmungen und Volkswahlen durch die letzten hundert Jahre gezeigt. Zum Beispiel Stimmenzählen heute (alles maschinell) und früher (Menschen, die die Stimmzettel von Hand in Zehnerhäufchen sammeln).
Dahinter ein Loungebereich. Auf Großleinwand erzählen Entscheidungsträgerinnen und -träger aus Politik, Wirtschaft, Medizin und Justiz, wie sie ihre Entscheidungen treffen. Verblüffend und erfreulich ist die Essenz dieser Voten: Reine Kopfentscheide gibt es kaum. Contre-coeur-Entscheidungen, so sagt der SBB-Direktor, hätten bei ihm meist zu Fehlentscheidungen geführt. Das Herz und der Bauch wüssten oft genau, was am besten sei. Eine Entscheidung, so sagt auch die grüne Aargauer Regierungsrätin, müsse bei ihr immer aus Kopf, Bauch und Herz kommen. Als der (EX-)CEO der UBS**** zu Wort kommt, kommt mir beinahe das große Kotzen. Stimme und Gestik dieses Bankenheinis sind zu gruselig. Selbst der beste Schauspieler könnte das nur knapp toppen. Wir fliehen in den ersten Stock.
Dort geht es um Entscheidungsfindung, um Psychologie und Hormone. In Schubladen können wir Tipps lesen wie 10-10-10*, 80. Geburtstag**, Gegengift*** und andere. Hier erfahreun wir von all den Folgeerkrankungen, die eine Welt der tausend Optionen auslösen kann (Depressionen um nur eine zu nennen) und was der Körper in Entscheidungsprozessen alles so leistet (bitte auf die Bilder klicken zur Vergrößerung).


Das Marshmallow-Experiment ist ebenfalls im ersten Stock aufgebaut. Es besteht aus drei Süßigkeiten-Automaten – so sieht es jedenfalls von weitem aus. Kleine Displays, in denen Filme laufen, sind daran auf Augenhöhe angebracht. Die Filme zeigen je ein Kind im Vorschulalter, das allein vor einem Teller sitzt, auf dem ein einzelner Marshmallow (igiiitt) thront. Die Betreuerin hat die Kinder zuvor, je einzeln, in den Raum geführt. Von der versteckten Kamera haben die Kleinen natürlich keine Ahnung. Das Ganze spielt ja auch, so steht es auf einer Tafel neben der Installation, in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts.
Du kannst das Marshmallow essen, wenn du willst. Wenn du es nicht isst, bis ich in zwanzig Minuten wiederkomme, bekommst du ein zweites!, sagt die Frau und verlässt den Raum. Die einen schnüffeln am Teil, die andern lecken dran, einige essen es, weil sie nicht warten mögen, wieder andere betrachten es nur und schlucken leer. Da es sich bei diesem Experiment um eine Langzeitstudie handelt, lässt sich heute „beweisen“, dass jene Kinder, die damals der Versuchung widerstanden haben, es später beruflich weiter gebracht haben als die Schleckmäuler.
Die daran geleckt, ein klitzekleines Stück abgebröselt und das Teil dann umgedreht auf den Teller zurückgelegt haben, sind heute bestimmt in der Politik, meinte Irgendlink heute Morgen als ich ihm davon erzählt habe.
Mag sein. Na ja, bei Marshmallow hätte ich locker widerstehen können, ohne dass ich es deswegen heute weit gebracht habe. Da hätte es schon andere Versuchungen gebraucht.

Am Ende unserer Expedition ins Land der unendlichen Möglichkeiten – sprich in die Realität – kommen wir zum Ausgang. Ich scanne meine Karte mit den Strichcodes ein und erhalte einen langen Kassenzettel mit einem ausführlichen Testergebnis, das mich erstaunlich gut beschreibt. Wie im Supermarkt üblich, wird erst am Schluss bezahlt. Auch der Eintritt wird erst jetzt berappt. Nach dem Einkauf, denn zu kaufen gibt es, was das Herz begehrt: Marshmallows, Pralinen in Sechserpaketen, Postkarten mit klugen Zitaten von Goethe, Woody Allen und andern klugen Menschen, Bücher zum Thema. Der Mensch im Supermarkt der Möglichkeiten. Bezahlt wird natürlich an einer Kasse, die mit klassischem Rollband ausgestattet ist.
Hat wirklich Spaß gemacht und zum Nachdenken gebracht. Wir sind uns einig, dass sich dieser Ausstellungsbesuch gelohnt hat.
Die Ausstellung „Entscheiden!“ läuft noch bis im nächsten Frühling. Veranstaltet vom Stapferhaus Lenzburg, ausgestellt im Lenzburger Zeughaus. Details: Hier klicken!
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Tipps zur Entscheidungsfindung:
* Welche (möglichen) Folgen hat die eine oder andere Entscheidungsvariante für mein Leben in zehn Minuten? In zehn Monaten? In zehn Jahren?
** Was würde mich an meinem 80. Geburtstag zu Weinen bringen, weil ich es erleben durfte oder weil ich es versäumt habe?
*** Suchen Sie sich das jeweilige Gegengift zur ihren Entscheidungshemmern und – treibern und formulieren die dazu Sätze, die Sie in Entscheidungsmomenten hervornehmen können.
**** Schweizer Großbank, die nach der Bankenkrise alt ausgesehen hat und mit Steuergeldern „saniert“ worden ist.