Hinterher

Endlich habe ich mal wieder einige unformatierte und unverplante Tage mit mir vor mir. Ja, ich bin mir wieder hinterher. Bin mir wieder auf der Spur. Finde langsam wieder zu meinem Rhythmus und meiner Ordnung zurück. Die Dinge fallen auf ihren Platz. Da, wo ich sie finde (meistens jedenfalls). Nicht dass die beiden letzten Wochenenden auf dem einsamen Gehöft irgendwie formatiert, unordentlich oder ohne Rhythmus gewesen wären, nein, dennoch sind sie voller gemeinsamer Unternehmungen, voller gemeinsamer Pausen, voller gemeinsamer Bewegungen und Entscheidungen. Es sind die Wellen des Wir, nicht des Ich, die diese Tage formen. Doch unsere gemeinsamen Tage und Stunden sind mir zu kostbar, um sie mit Bürokram, Wäschewaschen oder Putzen anzufüllen. Segen und Fluch von Fernbeziehungen. Geteilte Zeit schmeckt und riecht anders als persönliche. Die gemeinsame Farbe ist anders als die eigene, anders als seine. Es ist unsere Farbe.

Und nun habe ich also vier Tage für mich. Für Dinge, die ja doch eines Tages getan werden müssen. Für Dinge, die im westlichen Alltag normal sind. Zahlungen. Bürokram. Steuererklärung. Normaler Alltag also.

Normal? Du? Du bist doch nicht normal!, sagte unser Freund S. aus Paris am Ostersamstag, als wir zu sechst nach einem Waldspaziergang in einer Wanderhütte rasteten. Sonst wärst du nicht mit dem da zusammen, lacht er und deutet auf Irgendlink, der mir gegenüber sitzt. Und er nicht mit dir! Wir lachten, doch eigentlich war es kein Scherz, nein.

Es war und ist für mich nur eine weitere Bestätigung dafür, warum ich mich in meiner aktuellen beruflichen Umgebung so unwohl fühle. Und das hat noch nicht mal ausschließlich damit zu tun, dass ich mit den Leuten – selbst nach zehn Monaten – nicht wirklich warm geworden bin (eine fast neue Erfahrung für mich). Es hängt, wie ich erst vor kurzem begriffen habe, vor allem mit dem Inhalt und Ziel unserer Arbeit zusammen. Wir vermitteln Stellensuchenden temporäre Arbeitseinsätze oder Praktika und bieten ihnen Bewerbungsschulung an. Ziel ist, dass die Programmteilnehmenden nach unserer Arbeitsmarktlichen Maßnahme wieder fit für den Arbeitsmarkt sind. Fakt aber ist, dass unser Klientel in den letzten Jahren „komplizierter“ und zeitaufwändiger geworden ist. Es gibt, so sagen die BeraterInnen, immer mehr Menschen, die nicht mehr irgendwo hineinpassen, die aus dem Netz herausgefallen und die psychisch am Limit sind. Oder zu alt, zu ungebildet, zu ausländisch getauft, zu wenig sprachgewandt …

Zwei Dinge stoßen mir dabei immer wieder auf. Das eine ist eher eine globale oder westliche Entwicklung, die mir je länger je mehr missfällt: Die Standards für Berufe und Berufsausbildungen sind anspruchsvoller geworden. Kaum ein Berufsbild, das sich nicht gewaltig verändert hätte und früher Ausgebildete alt aussehen lässt. Diplome, Zeugnisse, Weiterbildungen und Titel sind alles. Dazu können die Vorgesetzten auswählen und nehmen natürlich Junge mit dreißig Jahren Erfahrung, die noch formbar sind. Und ja, trotz Mindestlöhnen gibt es auch in der Schweiz die Schere von billigen und teuren Arbeitskräften. Der Druck ist enorm. Das halten nicht alle aus. Human geht anders. Und ich bin Teil dieser Maschinerie … Und da wären wir auch schon beim zweiten Ding, das mich rülpsen lässt. Ich stelle fest, dass ich nicht in eine Umgebung passe, die einer Norm huldigt, die da sagt, dass ein Mensch nur wertvoll sei, wenn er arbeite. Soll heißen, wenn er eine feste Stelle hat. Wenn er ein geregeltes Einkommen hat. Wenn er angepasst, normal (!), kompatibel und nett ist.

Ich weiß wovon ich rede, denn ich war schon ein paar Mal als Stellensuchende unterwegs.  Ich war eine von ihnen sozusagen. Nicht lustig. Ich fühlte mich oft als Mensch zweiter Klasse. Obwohl, das ist natürlich auch meins: Es sitzt im Kopf, dieses Bild, dass Arbeit eine Art Synonym für Lebenssinn ist.

Bin ich also ein fauler Mensch? [Wohl schon. Ja gerne. Warum auch nicht?] Bin ich faul, weil ich Erholung und Regeneration mindestens so wichtig wie Arbeit finde? Und weil ich am liebsten jene Arbeiten tue, die ich am liebsten mache und am besten kann? Ja, ich arbeite gerne. Ich arbeite gerne an Projekten und mit Dingen, die das Leben lebenswerter machen. Schreiben. Garten. Putzen. Lektorieren. Dabei geht es mir um Werte. Um meine persönlichem Werte. Ich ahne eine Art Lebensrecht, das wohl nirgends definiert oder beschrieben ist … ein Lebensrecht auf jene Arbeit, die mir am meisten entspricht. Die jedem und jeder entspricht. Dir und dir auch.

Doch unsere Realität sieht anders aus. Viele von uns arbeiten primär für das Geld, das sie als Gegenwert für die investierte Zeit erhalten. Wir arbeiten nicht für die Befriedigung eines Tagwerks nach unserm Geschmack. Da stimmt doch was nicht in unsern Köpfen? Mit unserer Welt. Mit unsern Motivationen. (Und was ist das eigentlich für eine Welt, in der Gutmensch ein Böswort ist?)

Schnitt.

Wie es wohl sein wird, wenn ich ab Mitte Juni wieder frei bin? Gekündigt habe ich schon vor Wochen. Seither geht es mir viel besser. Die mühsame Zugfahrt zur Arbeit stresst mich ein bisschen weniger, denn ich weiß, dass meine Tage dort gezählt sind (nur noch etwa zwölf!).

Und dann? Ja, natürlich habe ich ein wenig Angst, denn meine Selbständigkeit ist noch nicht wirklich soo selbständig, dass ich davon leben könnte. Aber das kann ja noch werden, oder?

Was ich wirklich will? Von meinem Schreiben und Lektorieren und den andern Dingen, die ich anbiete, leben können. Ja. Das will ich.

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Appspressionismus: Bilder auf dem iPhone kreiert und mit Gimp verkleinert und wassergezeichnet.

Perfekt, aber bitte nicht zu sehr

Man sollte Texte schreiben, solange sie noch warm sind, solange sie unter den Nägeln brennen und im Hirn herumtaumeln. Man sollte nichts anderes tun, bevor man sie nicht vom Hirn auf den Tisch gekotzt hat. Man sollte Texten den Raum geben, den sie brauchen, wie Pflanzen, und sie nicht stutzen. Keine Textbonsais (außer das gehöre zum Textkonzept und sei Absicht, natürlich).  Aber bitte nicht diese doofe Reduktion auf notierte Stichwörter und in aller Schnelle beim Autofahren aufgenommene Nuschelsätze, die nachher kaum mehr Sinn ergeben oder bestenfalls noch eine Art Gerüst für die dahinter- und darunterliegenden Ideen sind. Man sollte immer aus dem Vollen schöpfen, wenn man einen Brunnen gefunden hat, und nie und nimmer an ihm vorbeilaufen. Man sollte innehalten, wo immer man von der Muse geküsst wird. Und jeden Kuss auskosten.

Ich habs verbummelt. Gestern. Auf der Autobahn wars. Irgendwo zwischen Colmar und Strasbourg auf dem Weg zum Liebsten. Angefangen hatte es mit dem Gedanken, wie unterschiedlich doch die Fahrstile sind. So unterschiedlich wie die Menschen. Ein Blogentwurf, mindestens drei Jahre als, fiel mir ein. Übertitelt mit Sag mir wie du fährst und ich sage dir wer du bist. Darunter seit Jahren ein leeres Feld. Vielleicht ein Stichwort oder zwei. Ein ungeschriebener Blogentwuf sozusagen. Einer von vielen. Gescheitert am Alltag, am schwarzen Loch in der Zeit, am Fluch verdampfter Motivation und an der Verflüchtigung einst konkreter Ideen. Nicht, dass ich solchen Eintagsfliegen allzu viel Gewicht beimessen würde, dennoch wurmt es mich zuweilen, anderen Dingen größere Prioritäten gegeben zu haben als der Muse. Ich will sie schließlich nicht vergraulen. Ich will sie locken und zum küssen einladen.

Gestern also, auf der Autobahn wars, hatte ich meinem iPhone einen einzigen Satz ins digitale Ohr geflüstert. Der perfekte Mensch. Ein Titel eher. Mehr nicht.

Heute erinnere ich mich knapp, dass ich die Idee hatte eine Kurzgeschichte über die Klonung des perfekten Menschen zu schreiben. Dachte nach, welche Schaften ihm eigen sein sollten, diesem Perfektling. Konkrete Sätze waren es. Witzig. Frech. Originell. Und heute? Knapp erinnere ich mich an ein paar Gedanken – ausgelöst durch rücksichtvolle und weniger rücksichtvolle Autofahrerinnen und -fahrer.

Das Profil des perfekten Menschen würde ich erstellen und dieses als Anforderungsprofil in einem Stelleninserat veröffentlichen, wer sich da wohl melden würde?

Rücksichtvoll sollte unser perfekter Mensch sein, aber um Gotteswillen nicht anbiedernd.
Gewissenhaft, aber um Gotteswillen nicht kleinlich.
Ehrlich, aber kein Moralapostel.
Gutherzig, aber nicht jemand, der sich von allen um den Finger wickeln lässt.
Sensibel, aber kein Mimöschen.
Klug, aber bitte kein Fachidiot.
Gefühlsintensiv, aber bitte nicht himmelhochjauchzendzutodebetrübt.
Umweltbewusst, aber bitte ohne Wollsocken und Birkenstocksandalen.
Humorvoll, aber keine Ulknudel.
Ironisch, aber nicht zynisch.
Etc.
Etc.
Etc.

Gibt es sie, die Frau? GIbt es ihn, diesen Mann?  Und: möchte ich so sein, so „perfekt“?

So leben wir alle umgeben von Klischees und Vorurteilen (wer unter euch ohne Vorurteile sei, werfe den ersten Stein. Aber bitte auf deinen Bildschirm, nicht auf meinen!).

Wie oft ertappe ich mich, wie ich grinse, wenn ich meine läppischen Vorurteile bestätigt sehe. Ha, ich wusste es, murmle ich, wenn ich ein Auto überholen, dessen Fahrerin sich, wie gedacht, als eher älter herausstellt. Ich dachte es mir. So zögerlich, wie die den Lastwagen überholt und gleich wieder zurück auf die rechte Spur gewechselt ist.
Dabei weiß ich gar nichts. Wir alle sind nicht nur schwarz-weiß, nicht nur so oder so. Wie sind alle sowohl-als auch-als-eh-noch-viel-mehr.

miezhochzweiMan kann, wie ich feststelle, abgekühlte Ideen auch aufwärmen. Bratpfanne, Holzofen, Mikrowelle ist der Muse zum Glück manchmal egal. Hauptsache wir tun es.

Reblog yourself!

Auf der Suche nach einem ganz bestimmten alten Artikel finde ich diesen hier: Von schiefen Bahnen, Sandburgen und andere Fallmaschen.

Dort lese ich heute:

2.)
Ein bisschen bin ich wie die Hipstamatic-App, wo man – je nach Belichtungsverhältnissen und Motiv, das man fotografieren will – eine individuelle Filter- & Blendenkombination auswählen kann. Es gibt sogar den Zufallsmodus, der durch kurzes Schütteln des iPhones generiert wird.

coffeeplottie

Ich schüttle mich kurz und schon bin ich kleine Schwester. Oder schräge Tante von mir aus. Nichte auch oder Cousine. In dieser Rolle bin ich oft ein bisschen schusselig, wie damals, als Kind, und stoße schon mal ein Glas um oder so. Keine Ahnung, wie das funktioniert.

Ich schüttle mich erneut und bin Freundin. Mit M., einer Freundin, die ich schon sehr lange kenne, bin ich mehr so und so und mit Freundin C., die ich erst sechs Jahre kenne, mehr so und so. Als würden jeweils andere Teile meines Hirns aktiviert, je nachdem mit wem ich kommuniziere.

Ich schüttle mich von neuem und bin Partnerin. Mit Irgendlink spreche ich zudem in einer Fremdsprache. Meiner ersten, was das Hochdeutsch faktisch tatsächlich für mich ist.

Ich bin mehr als die Summe all dieser Aspekte.
Ich bin ein Farbenkreis.
Ich bin eine Sandburg.
Ich bin ein Fotoalbum.

Und manchmal bin ich mir fremd. Wenn ich mich erzählen höre, stehe ich manchmal neben mir. Sage ich das wirklich? Meine ich, sehe ich das wirklich so? Noch immer? Manchmal stelle ich fest, dass innere Veränderungen sowie veränderte Verhaltens- und Sichtweisen noch nicht in allen Zellen angekommen sind. Updaten ist angesagt. Wäre es doch so einfach wie beim PC.

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Manchmal staune ich über meine Texte: keine Erinnerung. Ein bisschen Verblüffung über meine Gedanken. Wiedererkennen. Sich fremd sein. Eine Mischung aus alledem.

artgerechter Konjunktiv

Wenn mein (dein) Leben im Konjunktiv artgerechter wäre als dein (mein) Leben im Präsens, stimmt was nicht.

himmlisch

Langsamer müsste es sein, dieses Leben. So langsam wie ich Yoga übe. Atmen. Da sein – nicht mir vorauseilen in Gedanken. Denken und Bewegung synchronisieren. Die Dehnung spüren UND denken. Yoga, das merke ich immer wieder, ist viel mehr als Bewegung, Dehnung, Stille und Atem. Yoga ist auch hier zu sitzen und mich auf diesen Text zu konzentrieren. Mich konzentrieren. In den Schreibflow kommen.

(Bitte spätestens hier atmen)

Mich nicht ständig vom Gebimmel von Whatsapp ablenken lassen. Mich nicht von Gedanken an vorher und nachher ablenken lassen. Denn das ist es, was ich mag: mich längere Zeit ganz auf etwas einzulassen. Mich längere Zeit – zehn Minuten, mehrere Stunden – hinzugeben an das, was ich tue. Am liebsten an Dinge, die mich inhaltlich begeistern. Mein Ding tun. Das wäre artgerecht (jaja, schon wieder Konjunktiv!).

(Bitte spätestens hier wieder atmen)

Und nein, du musst das nicht Yoga nennen. Aber nenn es mit mir zusammen Selbstsabotage, wenn ich mich immer ablenken lasse. Oder ist es nur ein Zeichen der Zeit?

(Gerne und immer wieder: atmen!)

Da bimmelt es. Dort plingt ein Fenster auf. Ich muss doch nachschauen. Nein, das ist doch krank. Muss ich? Muss ich nicht!

Multitasking ist nichts für mich. Klar, kann ich es. Nein, ich kann es eigentlich nicht. Und noch eigentlicher will ich es gar nicht können. Es ist zu viel.

Und es ist zu wenig artgerecht.

Weihnachten überleben – ohne Salz

Juhu, geschafft, wir haben Weihnachten überlebt! Und sogar ziemlich schmerz- und stressfrei.

Gut, die Reise, die wir am 24. Dezember südwestwärts unternommen haben, um in einem winzigen Ferienhäuschen in Südfrankreich ein paar schöne Tage verbringen zu können, war nicht ohne. Zwar hat es – trotz Ankündigung  – kaum geregnet, doch dafür windete es heftig. Einmal sogar so stark, dass es uns auf der Fahrbahn mindestens einen Meter nach rechts geschoben hat.

Kurz und gut: wir sind – wenn auch später als gedacht – wohlbehalten hier angekommen. Schade nur, dass der kleine Dorfladen schon geschlossen hatte. Und auch am 25.12. seien alle Läden zu, wie unser Vermieter sagte. Es wird auch ohne gehen, sagen wir. Gehen müssen. Ich hoffe bloß, sage ich zu Irgendlink, dass das Klopapier reicht, denn das haben wir mitzunehmen vergessen. (Eine der Gefahren, wenn zwei Menschen für die Ferien packen …)

Hungrig packen wir unsere Küchensachen aus. Wie war das gleich gewesen am Abend des dreiundzwanzigsten, als wir diskutiert hatten, was alles mit soll? Essig-Öl-Salz & Pfeffer hats bestimmt, den Rest nehmen wir mit. Das hat es doch in jeder Ferienwohnung. Wenn es sogar WLAN und TV hat.

Hungrig suchen wir nach dem Salzglas, um das Pastawasser zu würzen. Vergeblich. Vieles fehlt. Die Küche hier ist minimal ausgerüstet. Doch eigentlich macht das nichts.
Wenn du in den Ferien alles wie zuhause willst, musst du zuhause bleiben, sage ich. Und eigentlich mag ich Improvisation. Also pimpen wir eine Fertigsauce mit viel frischem Gemüse auf und fertig ist ein tolles Menü. Geht doch.

Frisches Brot holt Irgendlink am Morgen in der Boulangerie. Immerhin die hat ein paar Stunden geöffnet. Aber Klopapier gibt es dort natürlich nicht. So fangen wir an, die letzten Blätter unserer zur Neige gehenden Rolle zu rationieren.
Du bekommst von mir zwei Blätter Klopapier für …

Klopapier ist die neue Währung.

Heute Abend können wir zur Kräuterquarksauce Pellkartoffeln kochen, überlege ich beim gestrigen Frühstück. Und auch eine Salatsauce lässt sich improvisieren. Doch was wäre, wenn wir wirklich nichts mehr hätten? Wir philosophieren über menschliches Verhalten in Notzeiten. Über Egoismus und das Teilen. Über gut und böse. Über Grenzen und wie man anders leben könnte.

Später, auf unserer mehrstündigen Geocachewanderung durch das Dorf und zur Burgruine hoch, staunen wir über die Stille. Klein ist das Dorf zwar schon, doch ausgestorben eigentlich nicht. Dennoch sehen wir nicht mehr als zehn Leute auf den Straßen und Wanderwegen. Alle andern sitzen zuhause und beschenken sich gegenseitig mit Dingen. Ab und zu können wir in die Häuser hineinsehen, wir unfreiwilligen Voyeure wir.

Nach der Burgruine wandern wir abwärts Richung Bach, der ausgetrocknet ist. Werden von Hunden verbellt. Klettern um zwei Caches zu finden, die zu einer Rundwanderung gehören, doch den Rest müssen wir ein ander Mal suchen, denn bald wird die Sonne untergehen.

Abends Diaschau. Die Bilderernte des Tages betrachten. Wie reich wir sind! Auch ohne Salz. Und selbst wenn wir kein Klopapier mehr haben, gibt es doch immer noch Taschentücher. Was für ein Glück!

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Appspressionismus: von A-Z auf dem iPhone kreiert (fotografiert, montiert, geschrieben, hochgeladen)

Von Unternullen und andern Zombies

Echt wahr, wenn ich ein paar Tage nicht schreiben kann (schreiben mag, weil ich zu müde bin), mutiere ich zum Zombie. Und ist es ein paar Tage Unternul draußen in der Welt vor der Haustür, mutiere ich zum Eiszapfen. Beides Zustände, die ich nicht mag.

Und wenn ich ganz ehrlich bin, und das bin ich, hasse ich Winter. Und ich verabscheue es auch, ständig unter Menschen zu sein. Obwohl ich Menschen – im Singular – mag. Meine Soziophobie erwacht vor allem in vollen Zügen und auf Bahnhöfen. Müsste ich nicht reisen, ich würde es nicht tun. Sag ich jetzt mal. Obwohl. Ich würde es vielleicht vermissen, irgendwann, wenn ich es nicht mehr täte. Nur: wohin? Mir fehlt die Neugier und ich vermisse sie nicht einmal. Sie kommt und geht, wie sie will. Im Sommer brummt sie gerne in mir vor sich hin und will gefüttert werden, im Winter macht sie, wie ich es am liebsten auch täte, Winterschlaf.

Weihnachtsmuffelin bin ich auch nicht bloß zum Spaß. Mir tut Weihnachten weh. Der ganze Heile-Welt-Heuchel-Glitzerkram tut mir weh. Darum ist dieses Blog, wie jedes Jahr, glitzerkramfreie Zone. Einziges Highlight im Dezember ist mir die Sonnwende mit den paar rauhen Nächten danach. Und Silvester mag ich, weil er das alte Jahr verabschiedet und dem neuen die Türe aufreißt.

Und nein, das ist alles kein bisschen bitter oder zynisch gemeint. Auch Ironie findet sich hier nicht, noch nicht mal ein Funken Satire. Dazu tauge ich nämlich nur bedingt. Es ist, wie es ist. Fakten. Meine Für-Wahr-Nehmung.

Ich lese Ortheil und lasse mich von seinem Erzählstil begeistern. Seine unsentimentale und doch das Herz öffnende Art, sich dem Leben und den Menschen auszusetzen, mag ich unglaublich gerne. Obwohl er beschreibt, ist sein Beschreiben fern von langer Weile, sondern ein Teilen mit besonderer Qualität.

Nun habe ich mich, während ich mich – zwischen den Worten – mit Hirsebrei füttere, ent-Zombie-isiert. Geschrieben, um nicht zu erstarren in der Immergleichform meiner Wochentage.

Montags bis mittwochs pilgere ich jeweils ins Büro und tue da, was dort zu tun ist. Stehe früh auf, komme spät heim und bezweifle täglich mein Dortsein, obwohl ich gewiss sinnvolle Dinge tue, Zahlen dressiere, Statistiken erstelle, Stellensuchenden Spesenentschädigungen auslöse, unsern Lehrling beschäftige und meine Lebenszeit vergehen lasse. Dennoch bin ich nur halb dort und das ist zu wenig. Die Leidenschaft, die ein Beruf zur Berufung macht, fehlt mir. Dort und noch. Und vielleicht überhaupt.

Ab Donnerstag arbeite ich jeweils für mein kleines aber feines Textbüro, das mit relativ wenig Werbeaufwand doch schon ein paar tolle Aufträge ans Ufer gespült hat. Am liebsten sind mir Lektorate und Textcoachings.

So, nun bin ich kein Zombie mehr und muss mich auch nicht vor die Kiste setzen und mich mit einem Film ablenken, sondern kann in aller Ruhe (wo bist du?) die letzten Seiten von Ortheils Buch, Das Kind, das nie fragte genießen.

Und irgendwann danach dieses Gekritzel ins Netz stellen.

Was ich Stunden später hiermit tue …

Links von rechts und links

Emil hat mir einen genialen Link gesteckt. Zu einem Gespräch zwischen Christa Wolf und Elke Erb aus dem Jahre 1977. Ausgangslage dazu war die Bitte des Verlagers um ein Vorwort, das Frau Wolf für Frau Erbs neuen Gedichtband verfassen soll. Wolfs Anliegen, sich Erbs Texten annähern zu können, ist der rote Faden des Gesprächs, das für mich sehr wichtige Themen berührt.

Wolf: Den Ursachen für die Spannungen in deinen Texten – deinen eigenen Konflikten und Stimmungen – wird nicht erlaubt hervorzutreten. Sachlichkeit soll walten. Ich wüßte gern: Wie gehst du mit dir um in Krisenzeiten.

Erb: Da ist, vor Jahren, die Entscheidung gefallen. Ich hab mir gesagt: Ich kann mich in den Berufen, die es gibt, nicht bewegen. So kann ich diese Formen, die die Menschheit hat, nicht richtig mitvollziehen. Ich bin außerhalb der Form. Und das ist eine Chance und ein Risiko. So ungefähr. Und in dieser Situation ergibt sich ja das Äußerste, was man als konstruktiver Mensch machen kann.

Mein gestriger Blogartikel galt ja dem Themenbogen der Eigenverantwortung für unser eigenes Wohlergehen. Natürlich soll das nicht auf Kosten anderer geschehen, doch ist die Fürsorge für uns selbst auch ein Weg, die Welt zu verbessern. So ähnlich hat es Luisa Francia damals, in einem Kurs vor sechs- oder siebzehn Jahren gesagt: es nützt niemandem, wenn du dich vom Elend der Welt fertigmachen lässt. Das raubt dir nur Kraft, die Welt lebenswerter zu machen.

Heute las ich in ihrem Webtagebuch, das ich hier schon so oft zitiert habe, folgendes. Offenbar bewegt sie sich aktuell in ähnlichen Gedankenströmen.

luisa in bayern – 05.11.2013
ja, so seh ich das: wir nehmen nur einen bruchteil der komplexen wirklichkeit wahr, die sich unentwegt verändert und neu gestaltet. die gestaltet und verändert wird. die sich aus energie aufbaut und wieder auflöst. da wir selbst auf die materie unseres körpers angewiesen sind – und was soll die frage: nehmen wir uns zu ernst? wir müssen uns ernst nehmen. wir sind alles was wir haben – fällt uns dieser tanz der teilchen, die ständige auflösung und neuentstehung schwer. wir möchten, dass das was wir kennen bleibt. nichts bleibt.

luisa in bayern – 06.11.2013
gestern mit sabine beim mittagessen kamen wir auf glücksgefühle. die assoziation „schlechtes gewissen“ kam derart schnell bei mir auf dass ich den rest des tages darüber nachdachte. wenn ich vollkommen glückselig bin, steht manchmal in einer ecke meines bewusstseins diese dunkle wolke: die armen anderen. was natürlich völlig bescheuert ist. denn wenn ich in meiner angeschlagenen körperlichen verfassung, mit pflege meiner mutter, mit dem älter werden und relativ wenig geld glückselig sein kann, kanns eigentlich jede/r. das glück zu wollen scheint in der allgemein herrschenden vorstellung dass das leben hart, schwer und schmerzhaft ist, wie eine egoistische, ja oberflächliche flucht aus der wirklichkeit, hat aber in wahrheit auch mit disziplin zu tun: nicht in die suchtstruktur des leidens und beklagens zu fallen. wenn du opfer bist scheinst du immer moralisch im recht zu sein. so ist es aber gar nicht.

zum beispiel bin ich zwar am glücklichsten, wenn ich allein umherstreife, wenn ich verbindung zu den wesen der natur aufnehme, die sonne, den mond, die wolken, den himmel, die sterne, die steine, wind und erde wahrnehme, wenn ich die düfte der bäume, der blumen, des waldes, der erde rieche, wenn ich ins wilde wasser eintauchen kann. wenn ich im yoga plötzlich meinen körper, meinen atem völlig neu spüre. doch war ich auch bei der geburt meiner tochter glückselig, und als ich die erste drehbuchförderung bekam, als ich es zum dölma la, dem höchsten punkt bei der kailash umrundung geschafft hatte, als ich nach dem unfall aufwachte und merkte ich lebe noch. als ich in der wüste marokkos sass und das funkeln der quarze wahrnahm, während mein bauch nach der tumoroperation heilte. beim mehrstimmig jodeln bin ich glücklich und wenns draussen stürmt und drinnen so gemütlich ist, mit all meinen farben und spielsachen, meinen magischen dingen, mit kerzen und büchern. und auch bei kuchen und kaffe bei meiner schwester. wenn meine tochter glücklich ist, bin ichs auch und wenn mum mich total zum lachen bringt. ich bin glücklich wenn eine plötzliche erkenntnis das hirn erhellt, wenn in mir eine neue forschungsleidenschaft entsteht. seltsamerweise bin ich auch glücklich wenn ich nachts irgendwo ankomme, lissabon, lagos, dakar oder so und diese mischung aus glückseligkeit und verlorenheit spüre.

Quelle: salamandra.de

Ebenfalls heute habe ich entdeckt, dass WordPress neuerdings bei mir mitliest und beim einen oder andern Artikel unten seelenverwandte ältere Texte aus meinem Blog anzeigt. Ganz überrascht habe ich heute einen eigenen Text gelesen und mich überhaupt nicht an ihn erinnern können. Geht euch das auch so? Vor fast genau zwei Jahren habe ich diese Zeilen hier geschrieben …

Ja, richtig, auch Wörter sind relativ. Genau das habe ich gemeint, als ich neulich schrieb, dass viele Wertmaßstäbe von der Definition der jeweiligen Gesellschaft abhängen.
Nimm mal, nur so als Beispiel, das Wort „Gewissen“. Was fällt dir dazu ein? Und dir? Und jetzt denkst du kurz an das, was deine Eltern darunter verstanden haben. Eben.

[…]

Ja, ich schreibe auch vor allem, weil ich eine Vision, eine Idee, eine Absicht habe. Berühren, anrühren will ich. Etwas auslösen. Die Welt ein bisschen lebenswerter machen, weil Lesen gut tun kann. Ich will ein Lächeln in ein Gesicht zaubern oder das Herz unter diesem Gesicht zum Nachdenken bringen.

mehr … sofasophia.wordpress.com

Von Gewohnheiten und anderen Geräuschen

1.)
Tun, was mir gut tut.
Weiß ich noch, was ich mir als Kinder wünschte,
erinnere ich mich noch daran, wovon ich als Kind träumte,
außer dass die Träume von einst nichts mit Abhängigkeiten zu tun hatten?
Dafür mit Farben, Geborgenheit, Weite und Raum,
ich hörte in ihnen das Abendlied der Amsel.
Roch frisch gemähtes Gras.
Ich träumte vom großen Lachen,
von erträglicher Nähe, in der es sich glücklich atmen lässt.
Erst heute begreife ich, dass Träume schrumpfen, je älter ich werde.
Größenverhältnisse verändern sich. Immer. Für immer.
Für einige Träume ist es zu spät (ist es das wirklich, solange ich noch lebe?)
andere sind nicht mehr wichtig.
Natürlich weiß ich, was mir gut tut. Was mir gut täte. Konjunktiv.
Zu viele Hindernisse auf dem Weg.
Müssen darf darin nicht vorkommen.
Hedonistin du!
Schon folgt die Verurteilung (wie kannst du nur, wo doch andere …),
die schrille Stimme in mir. Mutters Erbe.
Abhängigkeiten waren nicht vorgesehen.
nicht als ich Kind war und träumte.
Bin Teil einer Gesellschaft abhängiger Mensch. Konsumfixiert wie viele.
Das Perpetuum mobile des Kapitalismus schwebt im luftleeren Raum.

Immer weiter.
Weil wir Gewohnheitstiere sind,
weil wir weiterschlingen wollen, wenn wir erst einmal angebissen haben,
weil wir gerne an der Leine hängen und herumzappeln. Herumzappen auch.
Fortsetzung folgt.
Cliffhanger.
Adrenalin.

Mehr, immer mehr, mehr, mehr …
Oder lieber weniger, dafür mehr
tun, was mir gut tut.

2.)
Es fing an jenem Tag an, als ich am Morgen vergaß, in den Spiegel zu schauen und mir selbst dabei in die Augen blickte.

3.)
Irgendwann habe ich aufgehört zu glauben, dass es die andern sind, die uns Gutes tun sollen.
Irgendwann habe ich damit angefangen zu ahnen, dass letztlich nur ich selbst es bin, die mir wirklich Gutes tun kann.
Doch gut ist und gut tut etwas nur, wenn ich mir das Gute von Herzen gönne, es mir erlaube und es schließlich tue …

Barfuß auf Nacktschnecken

Ich gestehe, der Titel ist nicht eben appetitlich, zumal ich keine Freundin dieser braunen, schleimigen Tierchen bin. Spinnen mag ich da viel lieber. Dennoch habe ich mir diesen französischen Spielfilm, – übrigens eine Literaturverfilmung  – aufgenommen, als er vorgestern spät gesendet wurde, und ihn mir gestern Abend angesehen.

Zwei Schwestern, die in der ersten Szene ihre Mutter durch einen Hirnschlag, den diese beim Autofahren erleidet, verlieren. Die eine lebte bis dahin zusammen mit der Mutter im großen Familienhaus auf dem Land, die andere ist Anwaltsgattin und -sekretärin in Paris und bewohnt eine sterile hippe Stadtwohnung.

Lily, die jüngere der beiden, lebt ab sofort allein im großen Haus. Nach außen hin bricht das Chaos aus, denn Lily ist anders. Der Begriff verhaltensoriginell würde hier ziemlich gut passen, denn behindert ist sie keineswegs. Sie lebt so gegenwärtig, dass sich Lachen und Weinen im Sekundentakt abwechseln können. Sie geht mit dem Tod um wie mit einem vertrauten Freund. Sie sammelt tote Tiere wie andere Bierdeckel und nimmt ihnen die Felle ab, um sie in ihrem Gartenhäuschen zu Pantoffeln, Schlüsselanhängern und Kleidern zu verarbeiten. Und sie vermisst ihre Mutter, die sie sehr geliebt hat, mit einer Inbrunst, die einzig Clara, die große Schwester. ansatzweise nachvollziehen kann. Doch auch diese balanciert auf dem fragilen Grat zwischen der Angst, was denn die Leute denken könnten und der Lust, es ihrer Schwester gleichzutun.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Bcrnz7zsTEY]

Weil bei Lily das vermeintliche Chaos ausbricht, beschließt Clara, ihren Job – zumindest für eine Weile – aufzugeben und zieht zu ihrer Schwester aufs Land. Die beiden vertragen sich oft sehr gut, doch kann Clara schwer mit Lilys Ehrlichkeit umgehen, will sich nicht sagen lassen, dass ihre Ehe eine Farce sei und sie unglücklich darin gefangen. Dennoch schlägt sich Clara immer öfter auf die Seite von Lily, wenn andere Leute, zum Beispiel ihre Schwiegermutter, an ihrer Schwester Kritik üben. Lily erkennt mit ihrem sicheren Gespür für Echtheit Verbündete und Banausen und verhält sich ihnen gegenüber entsprechend liebevoll oder abweisend, was für Clara immer wieder sehr herausfordernd ist – sie steht zwischen den Stühlen.

Eines Tages hat Lily genug von Claras Kritik, besonders am unkonventionellen Schmuck auf dem Grab der Mutter, und haut ab. Drei junge Freaks, die im Laster durch die Lande fahren und alte Kleider für Flohmärkte sammeln, nehmen Lily mit und bringen sie wieder nach Hause. Nach einem Grillabend mit den drei Männern im Garten landet die brave Clara mit einem der dreien im Bett. Am nächsten Tag wird ihr endlich klar, dass sie nicht mehr in ihr altes Leben in Paris zurück will. Dass sie anders leben will.

Doch halt, mehr verrate ich nicht …

Zugegeben, die Handlung romantisiert das Landleben doch ein bisschen zu sehr und mag stellenweise klischeehaft und aufgesetzt wirken, doch die beiden Hauptfiguren bringen etwas rüber, was ich als Botschaft dieses Filmes betrachte: Wie viel Konvention brauche ich? Und wie viel Wildheit? Und vor allem: was ist normal und was verrückt?

Später. Ich liege im Bett. Es ist still und ich lausche nach innen. Ich frage mich, wann ich das letzte Mal wild war. Wann ich das letzte Mal getan habe, was mich meine Sinne, meine Intuition, mein Herz zu tun hießen. Wann ich zum letzten Mal im Wald gesungen und getanzt, das letzte Mal wie früher ein Bad im Herbstlaub genommen habe, wann ich zum letzten Mal …

Am Nachmittag hatte ich eine Kundin aufgesucht und sie in IT-Belangen gecoacht. Kundin U. wohnt sehr abgelegen, auf einem Hügel in einem alten Bauernhaus. So ähnlich habe ich früher oft gewohnt. Mit Holz geheizt. Auch eine Form von Wildheit, die ich heute nur noch lebe, wenn ich bei Irgendlink auf dem einsamen Gehöft bin. Nein, ich will nicht das eine gut, das andere schlecht nennen, denn ich mag meine Badewanne und ich mag warmes Wasser aus dem Wasserhahn. Ob mit oder ohne – davon werde ich weder wilder noch weniger wild.

Ich will einfach wieder mehr das zu tun, was das Herz mir zu tun rät, denn abhängig von der Frage zu sein, was andere denken, wenn wir dies und das tun, ist Gift. Nicht, dass ich dieser Frage ständig und überall nachhänge, doch sicher denke ich sie häufiger als früher.

Geht es hier um Ängste, frage ich mich? Allen voran jener, nicht verstanden zu werden, belächelt, nicht ernst genommen, wenn ist es denn wagen sollte, wieder wilder zu sein, wilder zu handeln?

Lily macht mir Mut, mich wieder mehr zu trauen. Obwohl ich mir deswegen nicht, wie sie, Schnecken über die Arme laufen lassen werde.

Das Überdenken meiner Werte – meine Währungsreform – dauert an.

Währungsreform

Ich fahre von Nord nach Süd. Es ist Montagvormittag. Drei Tage her. Monoton die Strecke, die ich inzwischen fast wie in Trance fahre. Nein, nicht die Strecke ist monoton, sondern die Tatsache, dass ich sie schon so oft gefahren bin. Wiederholung macht Dinge glatt und kantenlos, stumpf, unspektakulär. Wiederholung und Routine verkürzen aber auch die Zeit, die wir für etwas brauchen. Und schaffen damit Raum im Kopf und Herz.

Fakten und Interpretation – das eine nicht ohne das andere, sinniere ich. Fakten? Ist denn nicht alles, was ich als Faktum definiere, äußerst fragil und dem Wandel durch Zeit und Entwicklung ebenso ausgesetzt wie alles andere? Auch sogenannte Fakten sind nicht in Stein gemeißelt. Sogar Fakten sind Momentaufnahmen, wenn auch verhältnismäßig objektive. Der Interpretation haftet dagegen von Anfang an Subjektivität an. Aus Erfahrung gewachsene Subjektivität. Ein Faktum wird erst durch Interpretation verständlich – das eine nicht ohne das andere, wie gesagt.

So sinne ich fahrend vor mich hin. Summe das eine oder andere Lied vom ins Autoradio gestöpselten mp3-Player mit und überlege, woran es liegt, dass mir das eine Lied heute ganz besonders gut gefällt, während ich das eine oder andere Stück weiterklicke, weil es mich jetzt nervt.

Alles ist eine Momentaufnahme. Ich bewerte ständig. Alles. Und ich synchronisiere ständig die Außenwelt mit meinem Innen. In beide Richtungen. Verdammt anstrengend ist das.

Abgleichen ist eins, das andere, dass ich laufend alles bewerte, meist unbewusst. Und ungefähr. Zuweilen aber auch sehr exakt. Zehn Dänische Kronen sind heute genau einen Franken und fünfundsechzig Rappen wert. In Euro irgendetwas anderes. Und in Pfund nochmals anders. Und alle haben sie recht. Heute zumindest. Da ist eine Skala in meinem Kopf. Meine verinnerlichte Wertetabelle. Von Geburt an ist sie mit mir gewachsen.

Natürlich rechnen wir nicht nur Währungen auf, nein, alles – trotz dem Gelabber von Du-sollst-nicht-werten. Ich schaue Menschen an, unterwegs bei der Raststätte. Ich gehe den einen aus dem Weg, während ich andere, die meisten, nur am Rand wahrnehme. Noch anderen schenke ich sogar ein Lächeln. Zurück im Auto wird mir klar, dass der Steinzeitmensch in mir zu glauben meint, wem er trauen kann. Und dabei auch mal ganz schön danebengreifen kann.

Altes Steinzeit-Wissen? Sind es nicht einfach Konditionierungen, die mich die Dinge so und nicht anders bewerten lassen? Ich mache die Probe aufs Exempel: Warum denkst du, frage ich mich, dass Zugfahren am frühen Morgen schlimm ist? Erfahrung, versuche ich eine erste Antwort, doch ich merke sofort, dass sie mir nicht genügt. Der Begriff Erfahrung ist mir zu diffus.

[Gut, eine mühsame Erfahrung kann durch eine angenehme Erfahrung überschrieben, aufgewogen werden, überlege ich. Doch erst wenn objektiv mehr mühsame als gute Erfahrungen gemacht worden sind, dann können wir von Fakten sprechen und das Wort Erfahrung als Antwort dulden. Wiegen jedoch Fakten wirklich mehr als Wahrnehmungen? Wiegt denn nicht das mühsame schwerer als das angenehme? Schon wenig schwarze Farbe kann einen ganzen Eimer weiße Farbe versauen, aber um schwarze Farbe aufzuhellen braucht es ungleich viel mehr weiß. Heißt das nun, dass es viel mehr Gut als Böse braucht, um ein Gleichgewicht hinzubekommen … in mir und dir? Auf der Welt?]

Morgendliche Zugfahrten, die richtig schlimm waren – laut und stinkig – kann ich, ganz ehrlich gesagt, vermutlich an zwei Händen abzählen, während jene, die neutral oder beinahe heiter verliefen, irgendwo in mir drin, im großen Niemandsland, abgebucht worden sind. So what? Und all die andern schlimmen Dinge – Montagmorgen zum Beispiel oder Staustehen – sind, von nahem betrachtet, eigentlich auch nur halb so schlimm.

Wie ich mich langsam der Schweizer Grenze nähere, fasse ich einen Beschluss: Alles was ich in der nächsten Zeit tue, sehe, spüre, höre, will ich prüfen, mich fragen, warum ich so und so und nicht zum Beispiel so und so über dies und das denke. Und mich fragen, wer mich so denken lässt. Woher kommt der Maßstab in meinem Kopf? Nein, ich will nicht das berühmte Kind aus der Badewanne kippen, denn viele meiner inneren Werte sind bewusst gewählt. Ich habe mir über viele Dinge des Lebens bereits und immer wieder Gedanken gemacht, alle andern, die unbewussten, die verinnerlichten, die reflexartigen Werte bedürfen allerdings einer Reform. Ob ich gar eine neue Währung einführen soll – meine?