wie vorgesehen

Manchmal habe ich einfach genug von der einen oder anderen Grundeinstellung meines Lebens. Manchmal möchte ich einfach, wie bei meinem Rechner, das eine oder andere Programm löschen oder zumindest mit einer störungsfrei laufenden Neuversion updaten. Zum Beispiel möchte ich endlich damit aufhören, zu glauben, dass ich um keinen Fall glücklich sein darf, solange noch irgendwo auf dieser Welt ein Mensch oder ein Tier leidet. Nicht, dass ich aufhören will, mich für das Leid auf der Welt mitverantwortlich zu wissen, auch will ich nicht einfach abstumpfen und wegschauen. Doch trotz des vorhandenen Elends auf dieser Welt, trotz der Tatsache, dass auf dieser Welt vieles im Argen liegt, trotz all der Tränen, die täglich geweint werden, möchte ich mir endlich erlauben, mein Leben in seiner Fülle zu leben.

Abgeschaut habe ich mir diese Möglichkeit bei einer alten Linde, die sich auf einem Hügel schon viele Jahrzehnte in all ihrer Pracht entfaltet. Auch bei den Bäumen im Wald habe ich es mir abgeschaut. Die Bäume hier wachsen, als gäbe es andernorts keine Kriege. Sie breiten sich aus, sie transformieren unsere Schadstoffe in Sauerstoff, sie tun, wozu sie da sind, weil sie das Programm in ihrem Samen von Anfang an dazu ermächtigt hat. Darum stehen sie da und sind, was sie sind.

Zugegeben, viele Bäume auf dieser Welt können nicht ihrer Bestimmung gemäß leben und viele andere Pflanzen auch nicht. Viele Tiere nicht, viele Menschen nicht. Dennoch, so begreife ich allmählich, dennoch ist das Leben in Fülle in unseren Samen, in unserm Lebensprogramm vorgesehen. Die Möglichkeit dazu. Und auch die Möglichkeiten für Mitgefühl und Hass.

Grundeinstellungen ändern sich nicht von heute auf morgen. Wir sind keine Maschinen. Zum Glück. Und ich bin froh, dass ich die Möglichkeit und den Glauben an Veränderungen nicht verloren habe.

Kreuz und quer im Kopf

Mit jedem Wort, das meinen Mund verlässt, laufe ich Gefahr, falsch verstanden zu werden. Sogar mit jedem nicht ausgesprochenen Wort. Kommt noch eine Fremdsprache ins Spiel, erst recht. Schon seit einer Woche bewegen wir uns auf dem einsamen Gehöft in der Südpfalz mitten im schottisch-englischen Sprachraum, denn Ray, unser Gast, versteht – außer Dankeschön und Bitteschön – kein Deutsch.

Mein Kopf ist zurzeit ein einziger Eintopf aus Schweizer- und hochdeutschen Gedanken und meinen englischen Übersetzungsversuchen. Komplexe und banale Gedanken ganz nah beieinander. Das Hirn arbeitet ständig auf irgendwelchen Hochtouren, funktioniert wie ein Katalysator, hält mich hellwach. Ich schlafe mit englischen Wortgeweben ein, spreche im Halbschlaf mit dem Liebsten englisch und suche zuweilen das deutsche Wort für einen Begriff, der auf Englisch ohne groß nachzudenken da ist. Nicht, dass ich besonders gut englisch könnte, nein, eher ist es so, dass die Sprache – erst einmal aus irgendwelchen kümmerlichen Kammern meines Gedächtnisses ausgepackt und nun wild geworden, da endlich befreit – übermütig ihr Comeback feiert (wie heißt das gleich auf Deutsch?) und sich nicht so schnell wieder bändigen lassen will. So ungefähr.

Zugegeben ganz schön anstrengend, zumal ich ja – wie ich dieser Tage oft denke – ein ziemlich fauler Mensch bin. Oder wohl besser eine ambitionslose Minimalistin, die nur tut, was sich ihr zu tun aufdrängt und was notwendig ist (allerdings fällt ihr auch das Nichtstun sehr schwer und andere sagen, dass meine Sicht hier gar nicht stimmt). Nun wird es kompliziert. Dass ich nur tue, was notwendig sei, schrieb ich eben, doch wer sagt (wem), was notwendig ist?

Wie Ray, Irgendlink und ich gestern Nachmittag nach einem Ausflug auf der Terrasse sitzen und Tee und Kuchen genießen, fangen wir an über meine These zu diskutieren, die da lautet:
Würde jeder und jede hinter sich aufräumen und putzen, bevor sie oder er den Platz oder Raum verlässt und weitergeht, wäre die Welt eine bessere.

Dass ich aufräumen und putzen als Metapher meine, muss ich den beiden Männern erst mal erklären, stelle dabei aber fest, dass das Ganze für mich ebenso als Nicht-Gleichnis, also wortwörtlich, einigermaßen passt. Damit wir uns richtig verstehen: Ich glaube nicht, dass die Welt durch mehr Putzen besser wird, eher so: wenn wir achtsam mit ihr, unsern Mitmenschen und uns selbst umgehen, hin und wieder auf das zurückschauen, was wir angerichtet haben, bewusster und rücksichtsvoller unsere Umgebung in unser Lebenskonzept einbeziehen, wäre die Welt anders, ich behaupte besser, lebenswerter. Dabei geht es für mich in erster Linie um Respekt und Wertschätzung. Es braucht nicht viel – eigentlich nur achtsame Aufmerksamkeit – um meiner Umgebung zu zeigen, dass ich sie ernst nehme, dass sie mir wertvoll ist. (Frage an mich: Zeugt der Status Quo unserer Gesellschaft davon, dass vielen Menschen ihrer Umwelt gegenüber diese Wertschätzung fehlt? Wenn ja, warum?)

Zum Beispiel: Ich räume mein oder auch unser aller Geschirr weg, nachdem ich etwas gegessen habe und trage es zur Spüle. Jemand von uns wird das Geschirr später spülen und noch später trocken zurück in den Schrank stellen. Was wäre, wenn wir das nicht tun würden, im Kleinen so wenig wie im Großen …?

Ist es also – um zu meiner Frage nach der Definition von Notwendigkeit und zu meiner tollen These zurückzukommen – notwendig für eine bessere Welt, dass wir hinter uns aufräumen? Besonders dann, wenn unsere Talente ganz woanders liegen? Es gibt doch so viel wichtigeres als diese verdammte Sache mit der Ordnung und Sauberkeit (und ja, ich tue auch viele andere Dinge lieber als Geschirrspülen …)

Ich schweife ab. Wir sitzen also am Tisch, wie oft in diesen Tagen, und diskutieren über Gott, die Welt, die Männer und die Frauen. Stimmt es wirklich, dass sich Frauen schneller an Unordnung und Dreck stören, wie Ray behauptet. Ich weiß es nicht, bringe den persönlichen Ekelpegel ins Spiel, wie Irgendlink und ich jenen Punkt nennen, ab welchem einem Dreck und Chaos geradezu körperlich weh tun. Gar nicht so leicht, dieses Wort zu übersetzen, zumal Leo für Ekel eine ganze Palette an Vorschlägen hat, die Ray alle als zu stark ablehnt. Auf das Thema sind wir gekommen, weil Irgendlink montags und dienstags bei einem unglaublich chaotischen Umzug mitgeholfen hat und dabei Schmutz und Durcheinander in kaum zu übertreffendem Ausmaß ertragen musste. (Müßig zu sagen, dass der Umziehende männlich war? Klischees wollen doch einfach ab und zu gestreichelt werden.)

Rücksicht. Noch so ein Wort, das Menschen, die zusammensitzen, -wohnen, -leben betrifft, egal ob sie das lang- oder kurzfristig tun.
Wie würde ich, wenn ich du wäre?, frage ich mich oft. Nein. Ich frage nicht wirklich, ich denke die Frage noch nicht einmal, ich fühle sie, habe sie ganz und gar verinnerlicht. Und von da aus, irgendwo aus meiner Mitte, interpretiere ich meine Mitmenschen. Ständig.
Wie kann ich mich verhalten, dass du dich wohlfühlt? Auch das denke ich nicht wirklich und doch verhalte ich mich so. Dass das nicht alle so handhaben, weiß ich schon lange. Erschrecken tut es mich dennoch immer wieder, wie geradezu unsensibel manche Menschen mit ihren Freunden und Mitmenschen umgehen. Gestern Abend, in Kollege T.s köstlicher Tapas-Bar, wohin uns Ray zu seinem Urlaubsabschluss eingeladen hat, kam das Gespräch wieder auf diesen unsäglichsten aller Umzüge, denn auch Kollege T. hat bei diesem mitgeholfen und – ebenso wie Irgendlink – viel Zeit, Mühe und Energie hineingesteckt. Als Lohn ein Dankeschön hätte den beiden schon gereicht. Fürs Erste. Ob das zu viel verlangt ist?

Gewohnheiten. Vieles tun wir, weil wir es so gelernt haben – oft so unbewusst und unreflektiert, dass wir noch nicht mal sagen könnten, warum wir es tun. Vieles jedoch tun wir aus Überzeugung.

Hinter sich aufzuräumen zum Beispiel, wenn ich hier von mir ausgehen darf. Zwar habe ich es als Kind beigebracht bekommen, dennoch tue ich es aus Überzeugung und weil es mir ein Bedürfnis ist. Weil ich Ordnung mag. Ich tue es aber ebenso aus Rücksichtnahme und Respekt meinen Mitmenschen gegenüber. Kann ich es dennoch von andern erwarten?
Wahrnehmen, was andere benötigen – auch das habe ich unterwegs gelernt, aber darf ich das bei andern voraussetzen?
Die Grenzen anderer zu respektieren, lernte ich dadurch, dass andere die meinen immer wieder eintraten. Grenzen anderer zu respektieren – zumindest das will ich von anderen erwarten. Obwohl ich weiß, dass es gefährlich ist, Erwartungen an meine Umwelt zu haben, denn machen Erwartungen mich letztlich nicht unfrei?

Nicht nur mit jedem Wort, das meinen Mund verlässt, laufe ich Gefahr, falsch verstanden zu werden und nicht nur mit jedem nicht ausgesprochenen Wort. Auch geschriebene Worte sind gefährlich, ungeschrieben ebenso. Auch Bloggen, meiner Meinung nach eine der demokratischten Formen der freien Meinungsäusserung, ist gefährlich. Was soll’s: Leben ist gefährlich.

Thank you very much. You’re welcome.

sollen oder wollen?

Ich sollte wohl mal wieder bloggen!, murmelte ich vorhin. Denke ich seit Tagen. Kann das gut gehen, wenn ich so etwas denke? Kann es gut gehen, wenn wir Dinge tun, weil wir meinen, sie tun zu sollen? Wie ist es mit den ersten fünfzehn Seiten meines Romanmanuskripts, die eine Schreibkollegin lektoriert, sprich: mit Korrekturen, Tipps und Vorschlägen versehen hat. Will ich, soll ich ihre Anmerkungen annehmen? Ja. Und nein. Die einen habe ich umgesetzt, andere nach einigen Überlegungen verworfen. Und heute hat mir auch der Liebste den einen oder andern Vorschlag zum gleichen Text angekündigt.

Werde ich je einen Text schreiben, den alle perfekt finden, an dem niemand etwas zu verbessern hat? [Will ich das überhaupt?]

Können Du solltest!-Dinge funktionieren – wenn ja: besser oder schlechter als Ich will!-Dinge? Und wie verhält es sich mit meiner Disziplin in Bezug auf Zu-sollendes? Wie fast immer war meine To-Do-Liste auch heute wieder viel zu lang um realistisch zu sein. Gemessen jedenfalls am schönen Wetter, das nicht einfach ignoriert und verschwendet werden darf (zumal ich meine Tage zurzeit noch frei einteilen kann).

Anders gefragt: Bin ich  möglicherweise einfach nur faul und rede mich hier mit Wollen-statt-sollen-Parolen aus der Affäre?

Verliere ich meine Linie, meine Ziele, meinen Stil aus den Augen, wenn ich tue, was andere mir zu tun raten oder dient es gar meiner Entwicklung? Wann das eine und wann das andere?

Heute hieß mich meine Scheffin (moi-même), endlich den Papierkram – einen Teil des Papierkrams zumindest – aufzuräumen. Neulich habe ich mir für mein Geschäft extra zwei wunderschöne Ringordner gekauft: einen hellgrünen für die Finanzen (die Farbe des Wachstums, wohlgemerkt!) und einen orangefarbenen für alle administrativen Belange (die Farbe der Heiterkeit und des Sonnenuntergangs), damit ich endlich Ordnung schaffen kann. Könnte. Also sagte meine Scheffin heute Morgen zu mir: Schick deinen inneren Schweinehund in die Wüste und fang an.

Erste Auslegeordnung. Das hier, das dort, lochen, einheften … Zwar fehlt mir noch das optimale System, wie ich auf möglichst simple Weise meine Einnahmen und Ausgaben handhabe, doch das hat Zeit. (Ich werde nach einer Weile sehen, was am sinnvollsten ist. Das Buchhaltungssystem, das ich geladen habe, scheint mir doch ein bisschen großspurig. Doppelt muss sie ja nun wirklich nicht sein …). Oh, das macht ja richtig Spaß, dachte ich nach fünf Minuten. Und schon bald war ich fertig.

Der zweite fette Papierstapel, auf den meine Scheffin zeigte, umfasste sämtliche Bewerbungsbriefe-Kopien des letzten Jahres, sämtliche angeschriebenen Stelleninserate, sämtliche Aufforderungen und Infos vom Arbeitsamt und der Arbeitslosenkasse. Alles kalter Kaffee. Und alt dazu. Eine spannende Reise in die Vergangenheit. Eine Papiertragetasche voll Papier zum loslassen. Ein gutes Feuer wird das geben, nächste Woche, auf dem einsamen Gehöft. Ein Feuer, in welchem ich mit dem Liebsten Kartoffeln braten kann – nichts geht verloren.

Am Nachmittag endlich der wochenlang prokrastinierte Werbeversand – draussen auf dem Gartensitzplatz. Nach dem Multiplikationsprinzip für mein Geschäft zu werben, scheint mir im Moment der logischste nächste Schritt zu sein. Menschen, denen ich gerne mal wieder ein Lebenszeichen von mir zukommen lassen wollte, aber in den letzten Monaten und Jahren aus den Augen verloren habe, schrieb ich eine freundliche Postkarte, die ich mit einigen meiner Werbekarten in einen Umschlag steckte. Mit der Bitte, meine Karten nach Bedarf zu verwenden, auszulegen, weiterzureichen. Von Hand geschriebene Karte, von Hand angeschriebene Umschläge. Jedes Mal ein persönlicher Text. Damit steigt in meinen Augen die Wahrscheinlichkeit, dass die Briefe wahrgenommen werden und frühestens danach, bei Missfallen, im Altpapier landen – oder gar nicht, sondern ankommen. Wirken. Multiplikation durch persönliche Empfehlung. Ob das funktioniert? Funktioniert hat jedenfalls, was viele behaupten: Handschreiben ist tatsächlich Übungssache. Ich schreibe leider viel zu selten von Hand, so dass mein Gekritzel am Anfang kaum lesbar war. Besser ging einfach nicht. Erst bei der letzten Karte fand ich meine Schrift so langsam wieder vorzeigbar. Ob diese Aktion nun eher kontraproduktiv ist oder ich nur mal wieder zu selbstkritisch bin, wird sich zeigen.

Neue Anfänge bezaubern – so oder so. (Wusste schon Hesse. Wissen wir alle.)

Was am Anfang des Tages mit einem Du solltest! meiner Scheffin, die ich ja selbst bin, angefangen hat, wurde ein arbeitsreicher, schöner Tag. Sogar Dinge, die wir tun, weil wir sie sollen, auch wenn wir auf Anhieb keine Lust dazu haben oder lieber etwas anderes täten, können offenbar gut herauskommen.

Im Arbeitsleben die Balance zwischen Lust und Pflicht zu finden, fasziniert mich: Will ich oder soll ich –  und wenn ja, wieso?

Sehnen, suchen und der Hunger nach Heimat

Sehnen wir uns denn nicht immer nach dem Unerreichbaren? Gibt es ein Leben ohne dieses allgegenwärtige Gefühl von Unzulänglichkeit und Nicht-Genug? [Können andere das? Und wenn ja, wer und wieso? Und wie geht es?]

Was müssten wir schon groß verändern und weiterentwickeln, wenn alles bereits gut genug wäre, alles erreichbar, alles da? Könnten wir leben, ertrügen wir das Leben, wenn alles gut wäre? Ist es nicht letztlich unsere Sehnsucht nach Mehr und nach Besser, welche die Basis für jegliche Evolution ist? Und brauchte es deshalb so etwas ähnliches wie einen Sündenfall? Die Vertreibung aus der Heimat als Katalysator, Heimatlosigkeit als Motor für Entwicklung … [Und der Sinn des Lebens das Finden meiner Heimat in mir?]

Wenn ich meinem gierigen, immer hungrigen Monster Heimatlosigkeit all meine inzwischen gefundenen und benannten Heimaten vorstelle, was dann? Es schüttelt leise den Kopf, grinst ziemlich fies und verdreht ein klein bisschen seine schielenden Augen.
Und das reicht dir?, fragt es. Als wäre nicht all das tausendmal besser als dieses zermürbende innere Gefühl, das dieses Monster in mir nährt, dass ich nämlich nirgends wirklich Zuhause bin. Tauziehen einmal anders. Ich setze mich hin. Ich betrachte mein Monster, das mit mir am Tisch sitzt, seit ich denken kann.
Das sind nicht deine Eltern, die haben dich bloß adoptiert!, war seine erste (verlogene) Einflüsterung, an die ich mich erinnern kann. Da war ich noch in der Unterstufe. Keine Frage, Monster Heimatlosigkeit weiß, wie man Menschen klein kriegt und weich kocht. Doch was ich nicht verstehe: Wozu? Die älteste Frage der Menschheit: Woher und wozu kommt das Leid und hängt es immer an der Sehnsucht mit dran?

Nein, keine Antworten, weder hier noch jetzt noch irgendwann. Jedenfalls keine endgültigen. Und nein, ich kann die Welt nicht retten. Höchstens mich. Mit Heimat-in-mir der Heimatlosigkeit-in-mir (und überall) ein wenig Gegengewicht geben. Ein wenig die Welt verbessern mit der Freude darüber, in mir mehr und mehr sesshaft geworden zu sein und all jene materiellen Dinge, die mir Heimat sind (oder zumindest so tun als ob), immer weniger zu brauchen.

Ist das womöglich Freiheit?
Heimat und Freiheit – sind die zwei überhaupt kompatibel?
Oder ist Freiheit gar nur möglich, wenn ich in mir ganz und gar beheimatet bin?

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weiterhin stellen wir Bilder aus zum Thema „heimatlos“ auf pixartix_dAS bilderblog

beheimatet

Du hast es schon schön!, sagt B. zu mir, Mutter dreier kleiner Kinder, ständig auf Trab, immer in Bewegung, zum Glück meist gut gelaunt und lebensfroh. Weißt du, deine Freiräume … davon kann ich nur träumen!

Soll ich sagen, dass ich mir manchmal erträume, eine Familie zu haben? Dass Hans im Schneckenloch oft vom Gegenteil träumt? Doch wozu? Wem dient, wenn ich das sage? Sie lebt ihr Leben, ich meins und ab und zu kreuzen sich unsere Wege. Es ist jetzt so, wie es jetzt ist. Und im Grunde hat sie recht. Ich habe es schön. Nicht immer, aber oft. Heute zum Beispiel. Im Bett schreiben. Tee trinken. Danach Yoga und spät frühstücken, den Tag nach meinen Vorstellungen gestalten, die Balance finden zwischen konzentrierter Arbeit und all dem andern, was nicht explizit als Arbeit bezeichnet wird. Life-Work-Balance nannten das die Fachleute auch mal. Als ob Work nicht Teil des Lebens wäre [Arbeit soll entstigmatisiert werden, plädiere ich].

Ich mag mein Zuhause. Meine Räume mit meinen Möbeln, meinen Bildern, meinen Büchern – sie sind mir Heimat. Meine Räume sind die Kleider meines Lebens. Ja, auch meine Kleider sind mir Heimat, Schuhe ebenso. Wenn sie gut eingetragen sind, gut eingelaufen, wenn sie Teil meiner äußeren Hülle geworden sind, die ich auch bin. Heimatgefühl entsteht durch Vertrautheit. Heimat sind Menschen, die mich verstehen. Heimat sind wir meine Zeiten mit dem Liebsten, Gespräche, Lachen, Sein.

Heimat sind mir geografisch definierbare, in Koordinaten fassbare Orte – die rote Bank auf dem Hügel über dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, ein Baum auf dem Schulweg zum Gymnasium (ob er noch steht?), Wege, die ich gegangen bin. Orte, die mit prägenden Erlebnissen verknüpft sind, werden mir Heimat. Schafft die Repetition Heimatgefühle? Sind es die Wiederholung, das Ritual – beispielsweise mein Yoga am Morgen –, die in mir Heimat schaffen, die Vertrautheit und Sicherheit des Absehbaren? Sind es die Dinge, die ich tue, die bewirken, dass ich mich beheimatet weiß, in mir drin, in der Umgebung, in der ich mich gerade aufhalte? Gut möglich.

Auch die Sonne hilft, dass ich mich auf der Erde daheim und willkommen fühle – egal wo. Ja, und die Farben des Lichts, genau, Farben! Farben und Bilder – sie sind eine universelle Sprache, die mir Heimat vermitteln können. Und wo ich sie mich nicht ansprechen, erlebe ich Fremdheit, Heimatlosigkeit, Verstörung. Mit Lärm geht es mir ebenso und mit Menschen, die mich nicht verstehen. Verstehen, verstanden werden, mich verständlich machen zu können – das sind meine Schlüssel um Heimat zu finden. Und hier meine ich jetzt nicht ausschließlich die gesprochene Sprache. Jegliche Bild- und Klangsprachen müssen in meine Herzsprache übersetzbar sein, damit ich in ihnen zu Hause sein kann. Sie müssen mich berühren, ansprechen, bei mir ankommen können, sie müssen in mir drin etwas bewirken, erst dann sind sie mir Heimat.

Es ist unser Herz der Seismograph für Heimat. Das Herz und unser Denken. Wie funktionieren unsere Wert- und unsere Weltbilder? Was glauben und was wissen wir, was interessiert uns, was treibt uns vor- und was rückwärts? Was sind uns Kunst und Kultur? Und wie gehen wir mit all diesen Informationen um? Wie begegnen unsere Innenräume der Außenwelt, entsteht dabei Resonanz? Dissonanz?

Mir sind sinnliche Erfahrungen wie Gerüche Heimat, Klänge und Töne, das Berühren ganz besonderer Dinge – das Brot im Ofen, Grillenzirpen, Vogelgezwitscher, ein von meiner Mutter geerbtes Geschirrtuch. Heimat sind mir meine Gedanken, jene im Kopf ebenso wie jene auf dem Papier oder in meinem Rechner. Auch mein Laptop und mein iPhone sind mir heimatliche Inseln, Orte, wo ich gerne meinen Anker auswerfe, um mich zu sammeln. Und um zu arbeiten. Die Brotarbeit ebenso wie die Kür an meinen Manuskripten, an Bildern, an Blogs. Ja, auch meine Blogs sind mir Heimat. Wie viele Heimaten ich habe! Das stimmt mich dankbar.

Eine darf ich nicht zu erwähnen vergessen: die Musik. Eine ganz wichtige Heimat für mich. Unverzichtbar. Ganz bestimmte Songs. Und auch ganz bestimmte Lieder, die ich zum Beispiel als Kind oder in einer Schwitzhütte gesungen habe. Kraftlieder, die mich von innen heraus nähren. In Musik verdichtet sich für mich Heimat am fassbarsten. Heimatlosigkeit ebenso. Nichts kann so ein- und ausschließen wie Musik. Sie markiert durch ihren Stil, wo ich hingehöre und wo nicht.

Dass Heimat durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie definiert sein kann, wissen wir. Und dass definierte Heimat auf einmal nicht mehr gelten kann, wissen wir auch. Immer und überall auf der ganzen Welt werden Menschen vertrieben. Heimat wird zu Nicht-Heimat. Zu Heimatlosigkeit.

Als wir vor einem Monat in Berlin waren, bekamen wir von unsern dortigen Freunden die Geschichte Cioma Schönhaus‘ mit auf den Weg. Ich habe inzwischen seine beiden Bücher gelesen, die er über seine Jugend als junger jüdischer Bursche in Berlin geschrieben hat und über sein Leben als Passfälscher im Untergrund. Auch von seiner erfolgreichen Flucht in die Schweiz und das Leben, das er seither dort „wie im Paradies“ führt, las ich. Mit großer Betroffenheit. Und dankbar, dass er in meiner Heimat auch seine Heimat gefunden hat. Heimat zu finden, nachdem man vertrieben und zur Flucht gezwungen worden ist – kann es ein größeres Geschenk geben?

Über Heimat nachzudenken verändert meine innere Haltung positiv und ich stelle fest, dass ich es wirklich schön habe. Nicht nur, nicht immer, aber auch. Und immer bewusster.

Links:
Cioma Schönhaus im Schweizer Fernsehen
Buch „Der Passfälscher“ bei Perlentaucher
Buch „Der Passfälscher im Paradies“ bei books.ch

Zur Erinnerung:
Aktuell stellen wir auf pixartix_dAS bilderblog Bilder verschiedener Künsterinnen und Künstlern zum Thema „heimatlos“ aus.

Die Wichtigkeit von Tintenklecksen

Neue Schulhefte bekamen wir zu meiner Zeit noch in der Schule. Mit dem vollgeschriebenen Heft gingen wir zur Lehrerin, die aus dem großen Schrank ein neues Heft zog. War er groß? Ich erinnere mich nur noch, wie es roch, wenn er geöffnet wurde, nach Papier und neuen Farbstiften.

Das neue Heft zu öffnen war wie in ein frisch bezogenes Bett zu schlüpfen. Das Fließblatt, wo lag es – in der Mitte, vorne oder hinten? Ich liebte es, dieses jungfräuliche, schneeweiße, makellose Löschpapier zu betrachten. Seine Struktur, wenn ich genau hinsah, war ein wenig unregelmäßig, wie bei handgeschöpftem Papier, was ich aber damals noch nicht kannte. Wenn ich rauhe Hände hatte (die gab es vom auf-den-Bäumen-klettern und Unkrautjäten), war es nicht schön, das Papier anzufassen. Wie von der quietschenden Kreide auf der Tafel bekam ich davon Gänsehaut.

Sofort setzte ich mit dem Füller meinen Namen in die vorgedruckten Linien vorne auf dem Heft, wohl wissend, dass das Heft am nächsten Tag bereits in Einband-Papier stecken würde. Markieren musste ich das Heft dennoch. Später, in der Oberstufe, kritzelte ich alle möglichen Symbole und Slogans auf die Einbände, die damals bei mir bevorzugt aus Paketeinpackpapier bestanden, denn diese ließen sich am besten bemalen. [Was ist wohl aus all meinen liebevoll und kreativ gestalteten Umschlägen geworden? Nahezu künstlerisch, was ich da in langweiligen Geschichts- und Französischstunden erschaffen habe. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt. Sie schönt gern und oft.]

Ich schweife ab. Das Fließblatt. Jungfräulich weiß, um gleich nochmals das Klischee überzustrapazieren. Es war furchteinflößend, respektgebietend, rechthaberisch, besserwisserisch, denn es kam zum Einsatz, wenn ich kleckerte. Lange weiß blieb es nie. Und war erst der erste Fleck drauf, wurde natürlich auch das Fließblatt in meine Ausdrucksmalereien einbezogen. Tintenblau auf weiß. Pointillismus im Kleinformat. [Eine Ausstellung mit Fließpapier – Art Brut einmal anders.]

Der erste Klecks … wie sehr er doch befreit. Wie schön es doch ist, wenn wir uns Fehler erlauben dürfen. Wie erholsam, wenn wir endlich die Last ablegen können, die wie ein schwerer Rucksack an uns klebt, die Last, perfekt sein zu müssen/sollen/wollen (zutreffendes ankreuzen).

Über den Mut zum Scheitern habe ich schon früher gebloggt – er ist nicht einfach so zu finden. Er wird uns nicht in der Schule beigebracht, wächst erst allmählich aus Lebenserfahrung. Doch auch Mut zum Erfolg ist nicht selbstverständlich. Mit ist er nicht angeboren. Erfolgreich zu sein riecht bei mir allzu oft nach spitzen Ellbogen und noch spitzeren Bleistiften, nach Konkurrenz- und Klassenkampf, nach Streber- und Spießbürgertum, alte Anarchistin ich. Erfolg klingt in meinen Ohren nach Gefangenschaft in gesellschaftlichen Rollen und Zwängen.

Erst allmählich, besser spät als nie, werde ich mir bewusst, dass mein Bild von Erfolg ein sehr einseitiges ist. Und dass ich jede Einseitigkeit in meinem Leben mit Gegenargumenten aufwiegen kann. Dass ich jede Waagschale neu, mit neuen Erkenntnissen, füllen kann. Dass ich ganz oft mit meinen Vorurteilen und Programmen falsch liege. Oder eben einseitig. Dass meine Sicht der Dinge immer nur ein Ausschnitt ist. Und deine auch. Ich meine oft genug, besser zu wissen, was andere brauchen. Ich meine, Recht zu haben, auch das noch immer oft genug. Doch darum geht es gar nicht.

Erfolgreich zu sein, heißt auf meine Spur zu kommen, authentisch zu leben, mein Ding zu tun. Und es heißt, dass nur ich die sein kann, die ich bin und zwar so, wie nur ich die sein kann, die ich bin.

Wie Luisa Francia so treffend am 17. Mai 2013 in ihr Webtagebuch schrieb:

mich selber sehend sein

ich will die frau sein die ich bin
ich möchte so sein
so wahrgenommen werden
wie ich geworden bin
ich bin
ich will nicht werden wollen
und ich entziehe mich der wertung

ich spiegle mich in meinem schatten
wir kommen nicht
voneinander los
„auf ewig dein“ die wahre liebe
den schatten spürend sein
ja das ist meins

Quelle: www.salamandra.de

Darin will ich erfolgreich sein: In der Liebe zu mir.

Und wenn ich weiterhin dorthin unterwegs bin, zu mir, und eines Tages oder immer mal wieder, dort ankomme, bei mir, verlieren Besserwissertum, Vergleiche und Rechthabenwollen an Bedeutung. Erfolg um des Erfolges willen ebenfalls.

Ja, das ist meins – schöner als ein neues Fließblatt. [Danke, Luisa.]

sinn- und heimatlos?

Laut gedacht und leise notiert: Gibt es Sinn (und wenn ja, warum?) oder ist alles letztlich UnSinn – und gut so?
Sinn – bist du ein Synonym von Bedeutung, Wichtigkeit, Wert oder eher von Grund, Ursache, Ziel, Absicht?
Braucht Sinnhaftigkeit so etwas wie eine Gottheit oder stiften wir uns den überlebensnotwendigen Lebenssinn selbst? Anders gesagt: Muss Sinn höhere, sozusagen zielgerichtete Weisheit sein oder aber einzig und allein das, was wir als sinnvoll interpretieren? Weil wir notwendigerweise etwas tun wollen, das – zumindest eben für uns – Bedeutung hat. Wie wichtig ist es, dass die Dinge, die ich tue, sinnvoll sind und wie definiere ich persönlich Sinn? Ist – zum Beispiel – mein Tun nur dann sinnvoll, wenn ich damit nicht nur mir, sondern auch andern in irgendeiner Form etwas Gutes tue?
Entscheidend im Kontext von Sinn und Wert eines Menschenlebens ist jener Moment, kurz bevor die letzte Tür ins Schloss fällt. Was antworte ich mir dann auf die Frage: Bin ich jetzt, am Ende meines Lebens, bei mir angekommen?
Glücklich der Baum, der dort wachsen kann, wo ihm der Boden genau das bieten kann, was er braucht.
Glücklich aber auch jener Baum, der trotz der Mängel, die der Boden zu seinen Wurzeln hat, so gut zu wachsen gewillt ist, wie es eben geht.
Ist dort Heimat, wo mich der Lebenswind hat Wurzeln schlagen lassen?
Wie die verblühten Samen des Löwenzahns fliegen Gedanken vorbei. Kaum dass ich sie denke, sind sie vergangen. Stimmen mich friedlich. Wühlen mich auf.
Heimatlosigkeit – ein Thema, das eine Art Kehrreim in meinem Leben ist. Und im Leben anderer ebenso. Darum haben Irgendlink und ich uns entschieden, es zum neuen Zyklus-Thema auf Pixartix zu machen. Die eine oder der andere Bloggende will sich, wie ich hörte, zum Thema auch in den Blogs Gedanken machen. Susanne Haun hat heute damit bereits angefangen. Ich werde nächste Woche nachziehen. Und du? (Vielleicht mit Pingback zu mir oder pixartix, damit ich deinen Artikel nicht verpasse?)
Von Freitag bis Montag sind Irgendlink und ich Heimatlose – als Gäste in Frankreich. Die Stadt Boulogne-sur-Mer hat ihre Partnerstadt, will heißen einige Zweibrücker Kulturschaffende, dazu eingeladen, das Pfingstweekend mit Kulturschaffenden aus ihren Reihen zu teilen. Ich bin gespannt, was wir, fern der Heimat, erleben werden.
Fortsetzung folgt demnächst in diesem Theater.

Ein Tag im Leben von …

Es ist Morgen. Neun Uhr. Ich mit Tee im Bett. Mit der externen Tastatur hacke ich Notizen ins Schreibprogramm meines iPhones. So muss es sein. Ich liebe es, langsam einen Tag anzufangen. Von mir aus kann er lange dauern, bis in die Nacht, egal – Hauptsache er fängt ohne Stress an.
Schreib mal wieder einen ganz normalen Artikel. Einen „ein Tag im Leben von Sofasophia“-Artikel. Nix Berlin, nix reisen, einfach nur Alltag. Wer hat das gesagt? Niemand. Ein bloßer Gedanke, weil mir heute beim Erwachen Frau Freihändigs Satz eingefallen ist, den sie irgendwo her, wohl von einem beleidigten Blogger, zitiert hat:
Du fragst, wie es mir geht? Liest du denn mein Blog nicht?
In der Tat glaube ich zu spüren, zu ahnen, wie es dem einen Blogger und der anderen Bloggerin geht, wenn ich seine oder ihre Texte lese. Selbst bei eher sachlichen Texten. Was wir schreiben, also welche Themen wir inhaltlich wählen, sagt ja auch etwas über uns aus, Auch was wir verschweigen, spricht Bände – für jene, die sie lesen können.
Wie nahe lasse denn ich meine BlogleserInnen an mich heran? Vor einem Jahr hatte ich diesbezüglich eine große Krise, die sicher auch damit zusammenhing, dass ich frisch umgezogen war, mein Liebster auf Reise um die Nordsee und weit weg und dazu keine Arbeitsstelle in Sicht. Arbeitslosigkeit ist nie lustig. Dazu drei Blogs betreuen – denn das von Irgendlink lag temporär auch in meinen Händen, weil ich die täglichen Artikel, die mir Irgendlink tippfehlergesättigt direkt ab iPhone-Tastatur mailte, erst mal ein bisschen kämmen und in Form bringen durfte. Was viel Spaß machte. Dafür machte mir das eigene Blog zu schaffen. Was sollte ich da? Was mochte ich überhaupt teilen? Welchen Sinn hatte das ganze noch? Ich quälte mich ab und schrieb allmählich immer seltener und schloß gar temporär die Kommentarfunktion. So Phasen sind wichtig, um sich in seiner eigenen Blogtätigkeit zu reflektieren. Allmählich kehrte die Lust zurück. Und heute ist der einzige Anspruch an mich: Blogge authentisch und nur weil und wenn du willst. Was meistens gelingt.
Nein, wirklich arbeitslos war ich also nicht, zumal es ja Bewerbungen zu schreiben galt und auch meine fast fertigen Romanmanuskripte an mir ruckelten. So machte ich also oft genau jene Dinge – die Arbeit an Irgendlinks und meinen Texten –, die mir am meisten Spaß machen. Aber eben … davon leben konnte ich nicht. Leben tat ich von der Arbeitslosenunterstützung, während ich intensiv nach einer Stelle suchte. Einer Teilzeitstelle.
Immer wieder schaffte ich es zu Gesprächen, nur um nach bangen Wartetagen zu erfahren, dass eine meiner Mitkonkurrentinnen in irgendwas ein klein bisschen mehr Erfahrung hatte, später zu einem größeren Pensum bereit wäre oder – wie ich vermute – auch ein bisschen billiger, da jünger war. Meinen Lebenslauf zu erklären, der mit seinen vielen Kurven und Lücken nicht eben auf Sesshaftigkeit schließen lässt (in der Schweiz gibt es – im Gegensatz zu Deutschland – eher langfristige Stellen und die ArbeitsgeberInnen wollen, dass man ein paar Jahre bleibt), ist eins. Es selbst zu begreifen, dass ich eine bin, die beruflich und geografisch immer wieder weitergezogen ist, das andere.
Weiter zog und zieht es mich, weil ich hinter dem Horizont neue Erfahrungen wittere. Weil das, was ich tue, nicht das ist, das ich wirklich tun will. Weil das, was ich tun will, in mir brennt. Lebe deine Träume – ein tausendmal gehörter Satz.
Nun, da ich ausgesteuert bin (für meine deutschen Leserinnen und Leser: da meine Bezugstage für Arbeitslosengeld aufgebraucht sind), geschieht gar seltsames mit mir. Auf einmal entdecke ich den Mut in mir, endlich auch für Geld das zu tun, was ich am liebsten tue. Schreiben und an Texten arbeiten. Kurz: Ich mache mich selbständig und hangle mich dieser Tage so gut ich kann durch den Dschungel der dazu notwendigen To-dos, um Fuß zu fassen. In der Hoffnung in ein paar Monaten bereits davon leben zu können. Und zwar langfristig. Ja, so naiv bin ich doch tatsächlich, dass ich das glaube. Warum auch nicht? [Danke, liebe Tante, dass du so sparsam warst, und dass mir dein Geld, von dem ich einen Teil geerbt habe, nun über die Runden hilft.]
Heute werde ich mich auf die Suche nach einer zahlbaren Druckerei für meine Drucksachen machen. Und mir Werbeaktionen überlegen. Und einen Flyer kreieren für die Kurse, die ich anbieten will. Am Abend geht der Yogakurs wieder weiter nach der Frühlingspause. So also sieht ein Tag im Leben der Sofasophia aus. Heute. Ja, danke, es geht mir gut.
Und jetzt steh ich auf und mache mein Yoga.

Von schiefen Bahnen, Sandburgen und andere Fallmaschen

1.)
Schon früh bin ich auf die schiefe Bahn geraten. Schon bald hatte ich den Glauben daran verloren, dass mein Leben wirklich so funktionieren kann. Mit diesem sacrosankten Dualismus Arbeit versus Freizeit. Wobei Arbeit ja nicht nur sicheres Einkommen, sondern oder besonders auch Image und Prestige bedeutet.
Nein, nichts gegen Arbeit. Ich arbeite gerne. Ich hatte auch immer tolle Arbeitsstellen. Fast immer, jedenfalls. Kleine Ausnahmen bestätigen bloß die Regel. Ich hatte Glück und ich hatte viele verschiedene Jobs. Vieles arbeitete ich auch, ohne Geld dafür zu bekommen. Sicher mehr für ohne oder wenig als für viel Geld. Und eigentlich arbeite ich immer. Jetzt auch. Arbeit ist ein Synonym für das, was wir tun, um den Geist zu befriedigen, der sich immer neue Dinge ausdenkt. Der sich mit dem, was geschieht, auseinandersetzt.
Ich mag die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit und auch das Feindbild Arbeit, das damit unbewusst in uns lebt, nicht. Ich mag sinnvolle Arbeit und tue mich zugleich schwer damit, Arbeit und Leistung als Beinahe-Synonyme zu betrachten. Ich will der Arbeit ihren schweren Rucksack ausziehen. Arbeit, besonders die richtige Arbeit für mich, ist nicht in er erster Krampf, Last, Kampf und Druck. Auch nicht in erster Linie Leistung. Arbeit muss nicht weh tun um als Arbeit zu gelten. In erster Linie ist sie Erfüllung. Ich erfülle den in mir lebenden Auftrag, das zu tun, was nur ich nur so kann. Nenn es die Erfüllung des Lebensplans – aus wessen Feder das Drehbuch zu diesem Plan auch immer stammen mag. Umgeschrieben wird es eh laufend. Wie sagte Herr S. neulich bei einem Vorstellungsgespräch:
Mir imponiert Ihr Lebenslauf, Frau Sophia. Was Sie alles gemacht und gelernt haben!
Mein Leben ist mir Schule und laufende Entwicklung, sagte ich. Und genau das ist es.
Leider hat es mit der Stelle nicht geklappt, da das Pensum nach oben wachsen könnte und das für mich nicht geht. Die Frage, was für einen Preis ich zu zahlen bereit wäre, um wieder selber meine Brötchen verdienen zu können, habe ich mir eine Nacht lang gestellt. Nein, mehr als 70% (29,4 Wochenstunden bei 42 Wochenstunden) verkaufte Lebenszeit kann ich einfach nicht schaffen. Lieber weniger. Mehr beim besten Willen nicht (den ich dafür allerdings nicht aufbringe). Nicht ohne krank zu werden.
Schon seit dreiundzwanzig Jahren arbeite ich nur noch Teilzeit und ich bin immer – wenn auch oft superknapp – irgendwie über die Runden gekommen. Mein Credo, ich erinnere mich gut, war schon sehr früh: Lieber viel freie Zeit als viel Geld. Mit Geld kann man sich nämlich genau eins nicht kaufen: freie Zeit. Wer immer dem Geld hinterher rennt, verbraucht seine Lebenszeit für die Geldbeschaffung. Momo lässt grüßen.
Die freie Zeit ist mein Reichtum und ich wandle sie in das um, was mir wichtig ist: Ich arbeite an kreativen Projekten, ich hänge ab, lese, schaue gute (und auch mal weniger gute) Filme, pflege Beziehungen – manchmal alles gleichzeitig.
Ich weiß, die meisten Menschen haben keine andere Wahl. Sie würden mit Freuden zusagen. Sie würden nicht zaudern, nicht zögern. Ein guter, sicherer Arbeitsplatz. Ja. Aber nein. Zu viele Neins, die sich mir in den Weg stellen. Solange ich wählen kann.
2.)
Ein bisschen bin ich wie die Hipstamatic-App, wo man – je nach Belichtungsverhältnissen und Motiv, das man fotografieren will – eine individuelle Filter- & Blendenkombination auswählen kann. Es gibt sogar den Zufallsmodus, der durch kurzes Schütteln des iPhones generiert wird.
Ich schüttle mich kurz und schon bin ich kleine Schwester. Oder schräge Tante von mir aus. Nichte auch oder Cousine. In dieser Rolle bin ich oft ein bisschen schusselig, wie damals, als Kind, und stoße schon mal ein Glas um oder so. Keine Ahnung, wie das funktioniert.
Ich schüttle mich erneut und bin Freundin. Mit M., einer Freundin, die ich schon sehr lange kenne, bin ich mehr so und so und mit Freundin C., die ich erst sechs Jahre kenne, mehr so und so. Als würden jeweils andere Teile meines Hirns aktiviert, je nachdem mit wem ich kommuniziere.
Ich schüttle mich von neuem und bin Partnerin. Mit Irgendlink spreche ich zudem in einer Fremdsprache. Meiner ersten, was das Hochdeutsch faktisch tatsächlich für mich ist.
Ich bin mehr als die Summe all dieser Aspekte.
Ich bin ein Farbenkreis.
Ich bin eine Sandburg.
Ich bin ein Fotoalbum.
Und manchmal bin ich mir fremd. Wenn ich mich erzählen höre, stehe ich manchmal neben mir. Sage ich das wirklich? Meine ich, sehe ich das wirklich so? Noch immer? Manchmal stelle ich fest, dass innere Veränderungen sowie veränderte Verhaltens- und Sichtweisen noch nicht in allen Zellen angekommen sind. Updaten ist angesagt. Wäre es doch so einfach wie beim PC.
3.)
Der Sinn des Lebens ist ja der Tod, zitierte der junge Fabio einen nicht genannten Philosophen, als er in der neuen Schweizer Krimiserie Der Bestatter (Folge 4, 28. Minute) einer Schulklasse, seinen Lernberuf des Bestatters nahezubringen versuchte. Der Tod mache den Augenblick zu etwas einmaligen. Ob das nun Punk ist, wie Vanessa, eines der Mädchen dieser Schulklasse sagt, sei dahingestellt.
Die Sinnfrage mal wieder. Sollte es eines Tages für mich eine Art letztes Gericht geben (und falls ja: wer außer mir selbst könnte über mich richten?), wird es nur eine einzige Frage geben: Was hast du getan, um die Welt zu einem lebenswerteren Ort für alle zu machen?
Ob da Schreiben als Antwort wohl gut ankäme?

Sonne, Mond und andere Fragen

1.)
Vermutlich würde ich noch einmal richtig intensiv leben wollen, sollte der Arzt eines Tages sagt, dass … Vielleicht würde ich mit dem Liebsten eine letzte Reise wagen? Nach Australien-Neuseeland zum Beispiel. Und Schreiben würde ich. Ganz viel. Und ganz still werden. Vielleicht sogar anfangen, das Leben zu lieben, zu genießen. Vielleicht dem Tod, der mich holen will, dankbar sein dafür, dass er mir das Leben doch noch lieb gemacht hat. Ob ich mich dagegen wehren würde? Ob ich versuchen würde, dem Tod zu entkommen? Ich lebe auf diesen einen Moment hin: Endlich möglichst unbeschadet am Ende ankommen, glücklich auf mein Leben zurückschauen, das Lebensbuch zuklappen und sagen: Well done!
Zuweilen beneide ich „Menschen ohne Phantasie“, wie sie Marlen Haushofer in der Wand nennt. Sie müssen nicht über solche Dinge nachdenken.
Gibt es dieses Lied in allen Dingen wirklich, das alles verbindet? Oder ist alles aus purem Zufall entstanden und nichts hat einen tieferen Sinn außer den des Augenblicks, wie das Marlen Haushofer hinter der Wand erkennt und ihre Protagonistin schreiben lässt ? Meine Sehnsucht danach, dass alles eine sinnvolle Ursache hat, ist sehr groß. Ein Leben ohne solche mag ich mir einfach nicht vorstellen. Und tue ich es ab und zu doch, erfüllt mich größte Abscheu dem Leben gegenüber. Alles Tun und Sein wäre vergeblich und würde uns von jeglicher Mitverantwortung für die Welt entbinden.
2.)
Ich lese, also bin ich. Und immer werde ich Teil der Geschichte, die ich lese. Ich identifiziere mich mit Figuren, werde selbst zur Figur, lebe andere Leben als nur meins. Das eigene Leben ist nicht begrenzbar. Alle andern Leben, reale und fiktive (so es diesen Unterschied denn gibt) fließen an mir vorbei und durch mich durch. Wie Jostein Gaarder sinngemäß in Der seltene Vogel schreibt: Jeder einzelne Wassertropfen, der ins Meer fließt, ist nicht nur und nicht länger ein einzelner Tropfen im Meer, er ist das Meer. Und er war immer schon das Meer. Auch.
Ich bin nicht nur Teil des ganzen, ich bin das Ganze. Auch. Selbst im Spektrum aller Kontraste und Dualitäten. Sie sind nur Facetten des Ganzen. Ebenso wie alle Rollen, die wir spielen. Doch jetzt, und jetzt, und jetzt, wo ich diese Gedankenfetzen und Ideen in Sätze umforme, den Formen Namen gebe, zeigen sie sich als Teile. Um anschließend ihre Form wieder zu verlassen und eins zu sein …
All das schreitet durch die Tür meiner Wahrnehmung, zieht dort die Schuhe aus und setzt sich hin. Ich schaue und nehme für wahr. Manchmal bin ich überfordert. Zu viele Eindrücke.
Ich lese Siri Hustvedt. Was ich liebte. In Worte gegossene differenzierte, detaillierte Beobachtungen. Bilder, die auf eigenen Füßen stehen. Einfach nur ihre Worte zu lesen, ist das pure Vergnügen – die Handlung in ihrer Dramatik mal ausgeblendet. Jedes Wort stimmt. Nie schwülstig, nie auf Effekt angelegt. Schlicht, aber nie billig. Zwar eine bewusste Sprache, aber keine raffinierte oder eitle. Authentisch und unexhibitionistisch. Die Sprache transportiert den Inhalt so, dass der Inhalt optimal gesehen werden kann. Die Form stellt den Inhalt dar, Inhalt und Form sind eins.
Dem Ich-Erzähler gelingt es mehrheitlich, sich – obwohl er wesentlicher Teil der ganzen Geschichte ist – auszublenden, die Rolle des Beobachters und Chronisten auszufüllen. Das Ziel, endlich die Geschichte zu erzählen, die erzählt werden soll, stellt er höher, als seine eigene Befindlichkeit, die trotz des Dramas, das er zu verarbeiten hatte, wenig Raum* einnimmt. Dennoch: Kein Roman ist ein objektiver Bericht. Ein Roman erzählt die Sichtweise von Dingen aus einem bestimmten Winkel. Wie der zehnjährige Matt es nach einem Basemallmatch sinngemäß sagt:
Nur schon, wenn ich da statt dort gesessen wäre, hätte ich alles ganz anders erlebt.
(((Lies zwei Zeitungsartikel zum gleichen Thema: In aller vorgeblichen Objektivität wird Subjektivität sichtbar: Wo setzen die verschiedenen AutorInnen ihre Schwerpunkte, wenn die Fakten abgehakt sind? Sind sie kritisch?)))
Schreiben ist das Übersetzen von persönlich gefärbter Wahrnehmung in Buchstaben. Schreiben ist die Wiedergabe von verdautem Geschautem. Ein Schauen, das nicht aufhört sehen zu wollen, was dahinter wirklich ist, was wirkt, was einwirkt, was bewirkt, was ursächlich ist. Und eher was hinter als vor dem Vorhang ist, wirkt bei den Lesenden nach. Wiedererkennen tun wir uns, wenn der Spiegel klar ist. Dann sehen wir mit dem Herzen. Der ganze Farbkreis steht uns zur Verfügung. Alle Farben. Deshalb ist jedes einzelne Bild, das wir mit Worten, Pixeln und Pinseln malen eine Synthese. Ist Ausschnitt und ist alles zugleich. Spezifisch, also alle Details mit der ihnen eigenen Struktur, wiederzugeben, ist die große Kunst jeder Kunst.
Schreiben ist Leben, ist Malen mit allen möglichen Farben und Techniken. Wir arbeiten am sich stetig wandelnden Bild. Dabei lassen wir immer weit mehr weg, als wir sagen und schreiben können. Doch selbst was wir weglassen, ist Teil des Bildes. Des ganzen …
3.)
Sonne und Mond zu sein
Ich lese.
Verdaue Geschriebenes.
Bin Mond.
Reflektiere.
Folge.
Ich schreibe.
Verdaue Wahrgenommenes.
Bin Sonne.
Strahle.
Denke.
Du liest.
Verdaust Geschriebenes.
Bist Mond.
Reflektierst.
Folgst.
Du schreibst.
Verdaust Wahrgenommenes.
Bist Sonne.
Strahlst.
Denkst.
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* EDIT: Vom zweiten Teil des Buches an wird der Autor in seiner Befindlichkeit sichtbarer. Er resümiert frühere Erkenntnisse und überträgt sie auf die Gesamtzusammenhänge und sein Leben.