Notizen am Rande #7

Spuren hinterlassen oder doch lieber nicht.
In der Natur.
Als Mensch.
Spuren welcher Art?

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Ich glaube sehr an die Natur und ihre Ordnung. Ich glaube an den Trost der in der natürlichen Ordnung, in den Naturgesetzen liegt. Mich tröstet der Gedanke daran, dass alles zusammenhängt und wie alles in sich selbst ordentlich aufgebaut ist. Alles Lebendige folgt einer ihm selbst innewohnenden ästhetischen Ordnung. Nehmen wir das Muster der Sonnenblumenkerne im Kopf einer Sonnenblume. Oder menschliche Zellen. Oder wie ein Baum im Laufe des Jahres funktioniert. Die Natur mit ihrer Vergänglichkeit, mit ihrem Talent zur Erneuerung. Werden und Vergehen. Regeneration. Jahreszeiten. Zyklen. Rhythmen. Ja, daran glaube ich. Immer noch.

Da steckt für mich keine übergeordnete, göttliche Intelligenz drin, das ist für mich die Natur der Natur. Inbegriffen darin ist Erholung, nennen wir es Heilung, nach schlimmen Erfahrungen. Regeneration, die aber nicht zwingend geschehen muss, denn die Bedingungen sind oft nicht ideal. Weder im Wald noch im menschlichen Körper oder in der menschlichen Seele. Aber manchmal geschieht sie eben doch.

Manchmal.

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Nichts zurücklassen
versus
viel zurücklassen.

Was zurücklassen?
Was loslassen?
Was festhalten und warum?

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Sein hat mehr Aggregatszustände zu bieten als Genuss.

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Kein Verständnis dafür haben, wenn Krankheiten gegeneinander aufgerechnet werden.

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Sein ist nicht nichts.

Wandlung

Danke, lieber Emil, für dein gestriges Rilke-Zitat. Ein Gedicht, das mich sehr anspricht, weshalb ich es hier auch gern teile.

Spaziergang

Schon ist mein Blick am Hügel, dem besonnten,
dem Wege, den ich kaum begann, voran.
So faßt uns das, was wir nicht fassen konnten,
voller Erscheinung, aus der Ferne an —

und wandelt uns, auch wenn wirs nicht erreichen,
in jenes, das wir, kaum es ahnend, sind;
ein Zeichen weht, erwidernd unserm Zeichen …
Wir aber spüren nur den Gegenwind.

Rainer Maria Rilke
Muzot, 1924


Es ist schwierig, den Blick im Hier und Jetzt zu belassen – nicht voran, nicht in die Ferne zu schauen –, wenn die Welt brennt. Darum sind Herr Irgendlink und ich letzten Freitag nach Aarau geradelt. Es war uns ein Anliegen, an einer der vielen internationalen Klimademos mitzulaufen. Think global, act local. Ein gut gealteter Slogan aus meiner Jugendzeit, der auf den Punkt bringt, wie die Prioritäten liegen sollen.

Wie schön es doch wäre, wenn Klimastreiks und Klimademos nicht mehr notwendig wären, weil die Regierungen rund um die Welt endlich begriffen hätten, dass keine Zeit mehr zum Zaudern ist. Wenn die  Kinder und jungen Menschen sich darauf verlassen könnten, dass ihre Regierungen alles dafür geben, um für sie – und für uns alle – ein Leben auf diesem Planeten auch in zwanzig, dreißig, hundert Jahren zu ermöglichen.

Im Hintergrund ein Gebäude mit einer meterhohen Mauer, die als Bühne dient. Darunter eine Parkwiese. Überall Menschen. Auf der Bühne die Rednerinnen, unten das Publikum. Darüber Sonne und ein Baumast, der ins Bild ragt.

Offenes Atelier Rinck 2021 im Rückblick

Am Samstag und am Sonntag war des Liebsten Atelier endlich mal wieder geöffnet. Im Rahmen der rheinland-pfälzischen Aktion ’Offene Ateliers’ stellte er einen Rückblick auf die letzten Jahre seines Kunstschaffens aus. Diese Aktion des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler e.V. findet alljährlich im September statt und wird vom Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur finanziell mitgetragen. Gute Sache das!

Obwohl Irgendlink ja regelmäßig wieder beschließt, keine Ausstellungen mehr zu machen – respektive nur noch virtuelle –, überkommt ihn doch genauso regelmäßig diese Lust, das eigene Schaffen rein physisch auszustellen und sichtbar zu machen. Die Resonanz darauf war auch diesmal sehr positiv. Dass die Gästinnen und Gäste all die Daily-Kunstwerke, all diese kleinen, einzeln liebevoll auf Holz aufgezogenen Bilder nicht nur im Online-Shop betrachten, sondern in die Hand und sogar mit nach Hause nehmen konnten, begeisterte. Auch die Vielfalt der Motive war Gesprächsthema da und dort. Die Kreativität und Vielseitigkeit des Künstlers inspirierte immer wieder zu schönen Gesprächen.

Neben der neu und reich bestückten Galerie gab es diesmal noch einen Flohmarkt, den skandinavischen Loppis genannten Hof-Flohmärkten nachempfunden.

An beiden Tagen gab es richtig schönen Begegnungen. Übermütiges Lachen und Spielen nebst Kaffee- und Teetrinken, Kuchenessen und Diskutieren ließen uns alle zwischendurch fast vergessen, dass wir mitten in einer Pandemie stecken.

Ganz nebenbei habe ich das erste Mal in meinem Leben Dart gespielt und mich über diese Neuentdeckung sehr gefreut. Das alte handbetriebene Radmobil, das Irgendlink zum Spielen vor die Loppishalle gestellt hatte, war besonders bei den Kindern sehr beliebt.

Den Samstagabend genossen wir mit ein paar lieben Menschen, die mit uns kochten, aßen, am Feuer saßen und über das Leben philosophierten. Die liebe A. blieb gleich über Nacht, schlief in ihrem Auto und begrüßte mit mir zusammen den neuen Tag mit ein paar feinen Yogaasanas.

Kurz und gut: Ein richtig tolles Wochenende war das!


Die folgenden Bilder von Irgendlink und mir zeigen die Innen- und Außenräume des einsamen Gehöfts. Zu sehen sind die Galerieräume mit den behängten Wänden, die Terrasse mit Tresen samt Radelgalerie, der Hofplatz mit den Eingängen zur Galerie und zur Loppishalle, ein paar Schnappschüsse aus der Loppishalle, Menschen auf dem Hofplatz, die Feuerschale noch ohne Feuer und natürlich die Dartscheibe samt Dartpfeilen.

Zweitägige Altweibersommer-Velotour

Am Samstagmorgen wird es konkret. Sollen wir oder sollen wir nicht?, fragen wir uns, zumal die kleine Radtour am Freitagnachmittag Lust auf mehr gemacht hat, das Wetter prächtig, die Wärme keine Hitze sondern erträglich. Eine Zweitagestour: Ja oder nein? Zu Fuß oder per Rad? Falls zu Fuß: von hier aus oder wo hinfahren und von dort loswandern? Welchen Teil der Schweiz wollen wir erkunden? Berge oder Hügel, Flüsse oder Täler?

Wir können uns ob der Überfülle an Möglichkeiten nicht entscheiden, sodass zumindest die Frage per Rad oder zu Fuß vom Los entschieden wird.

Ich muss unbedingt noch den Akku laden!, sage ich zum Liebsten. Und dann lade ich ihn, den Handyakku und den der Powerbank, damit der marode Handyakku nicht leer wird. Den Bike-Akku aber, den ich dringend laden wollte, vergesse ich. Aber echt jetzt …!

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Pfannenbroten packen wir unsere Fahrradtaschen samt Zelt und Schlafsäcken und fahren los.

Beim Losfahren wissen wir noch nicht, wohin wir fahren werden. Wie so oft überlassen wir den Weg den spontanen Entscheidungen. Diesmal ist es Irgendlink, der auf den Bözberg will. Seit er am Donnerstag – auf seiner Fahrt zu mir – unterwegs eine Werbung für ein Event in Sennhütten gesehen hat, will er unbedingt mal wieder nach Sennhütten.

Es geht um diese eine Jodlergruppe. Ich versuche ihm klarzumachen, dass diese Jodlergruppe eher zur konservativen Fraktion der Volksmusik gehört und darum wohl eher nicht seinem Musikgeschmack entspricht. Nun denn, schon nach zwei Tagen haben sich die Effinger Jodler in unser Runnig Gags-Repertoire geschlichen und nun, da Sennhütten in erreichbare Nähe gerückt ist, beschließen wir, als oben auf dem Bözberg angelangt sind, auch wirklich nach Sennhütten zu fahren.

Inzwischen habe ich festgestellt, dass mein Bike-Akku nur gerademal zu zwei Dritteln voll ist. Nach den Steigungen zum Bözberg sogar nur noch knapp halb voll. Mist aber auch! Ich rege mich kurz auf, doch irgendwann beschließen wir, das Beste daraus zu machen. Große Steigungen soll es also eher nicht mehr geben, wenn ich nicht mein schwer beladenes Bike schieben will. (Denn, nein, ich bin keine von diesen zähen Tourenradler:innen, die ohne Motor ihr vierzig, fünfzig Kilo schweres Rad mit purer Muskelkraft Berge hoch kurbeln können. Wo immer möglich fahre ich zwar ohne Akku, aber wenns aufwärts geht, bin ich froh um den Hilfsmotor.)

Wir rasten also ein Weilchen in Sennhütten mit seinem beliebten kleinen Berg-Imbiss auf über sechshundert Metern Höhe. Irgendlink ist ein wenig enttäuscht, dass die Sennhütten-Chilbi (Kirmes) erst um 17 Uhr losgeht und er die Jodlergruppe nicht hören kann, da wir nicht so lange warten wollen. Ich dagegen bin, wenn wunderts?, eher erleichtert. Andererseits, sagt er einsichtig, im Festzelt ist es eh stickig.

Wir schauen uns die Karten an und überlegen, wie wir eine meinem Bike-Akkustand entsprechende, zweitägige Tour zusammenbekommen könnten. Ich kann noch etwa vierzig Kilometer mit Motorunterstützung fahren. Wir entscheiden uns dafür über Mönthal und Sulz an den Rhein zu fahren, fast alles – akkuschonend – abwärts … und nachher ist die Strecke eh größtenteils relativ flach.

Die Abfahrt unterbrechen wir bei einem Dorfladen, da mir unterwegs eingefallen ist, dass ich den Reis einzupacken vergessen habe. Geplant ist, dieses Wochenende ohne Histamin und ohne Kühlung von Lebensmitteln auszukommen. Und damit hoffentlich ohne Unverträglichkeitsreaktionen meinerseits. Also sind in unserem Futtersack vor allem ein paar Gemüsesorten dabei, die – zu einer Pfanne Reis – ein leckeres Abendessen abgeben sollen. Nur leider ist der Reisbeutel daheim geblieben. Statt Reis kaufen wir im Dorfladen Kartoffeln.

Bald reiten wir weiter. Bei Rheinsulz fahren wir an jene Stelle, an welcher wir vor wenigen Monaten schon mal mit unsern Hängematten gerastet  haben. Wir überlegen sogar, am ruhigen und schön gelegenen Rheinstrand zu baden, doch auf einmal kommt Wind auf und in der Ferne sind Donner zu hören. Der Himmel überzieht sich und spricht von einem nahenden Gewitter. Wir verwerfen also unsere Badepläne und fahren weiter, dem Gewitter davon, Richtung Koblenz. Zuerst an der mittelstark befahrenen Landstraße entlang durch die Dörfer. Zum Glück führt der Radweg irgendwann wieder direkt am Rhein entlang, wo es sich deutlich angenehmer fährt.

Wir halten auf einer halbschattigen Bank an und testen die Rheintemperatur, überlegen, hier reinzuhupsen, lassen es dennoch bleiben, genießen den späten Nachmittag und überlegen, dass wir demnächst einen Lagerplatz suchen sollten, da es ja um halb neun dunkel ist und wir vorher kochen und zeltaufbauen wollen. Irgendwann erreichen wir die Vereinigung von Rhein und Aare und ab dort radeln wir aareabwärts. So erleben wir sozusagen unsere beiden in den letzten Jahren erwanderten Flüsse im gleichen Aufwisch, zwei für ein.

Nach einer letzten Etappe finden wir in Felsenau, direkt an der Aare, ein öffentliches Feuerstellen-Gelände ohne Zeltverbot und beschließen, auf der angrenzenden Wiese unser Lager aufzuschlagen. Direkt neben einer kleinen Bank, die uns als Küche dient.

Wir kochen einen ausgezeichneten Gemüseeintopf aus Karotten, Zucchini, Paprika und Kartoffeln. Wunderbar nährend.

Nach Abwasch am Brunnen und Zeltaufbau setzen wir uns ans Feuer, das Irgendlink inzwischen gebaut hat. Aus Holzscheiten improvisieren wir uns Hocker (siehe Bild unten, wo man zwei Scheite sieht), doch auf Dauer ist das nicht wirklich bequem. Am Boden, auf der kleinen Isomatte, ist es dann doch gemütlicher.

Feuermeditation. Einfach nur Sein. Gucken. Ein bisschen was erzählen. Schweigen. Dem Feuer lauschen.

Die Nacht ist kühl. Zum Glück haben wir warme Sachen dabei.

Der Morgen ist herrlich. Ich liebe es, das Zelt zu öffnen und der Sonne beim Aufgehen zuzuschauen. Wir kochen Tee und Kaffee und haben überhaupt keine Eile wegzukommen. Irgendlink rührt den Pfannenbrotteig an, den ich zuhause mit Hanf- und Braunhirsemehl vorbereitet habe. Und schon wieder ein Test: Wie sehr nährt diese Mischung, da ich ansonsten so ganz ohne Kühlmöglichkeiten keine eiweißhaltigen Speisen dabei habe ? Spoiler: Sehr gut sättigt es, das Pfannenbrot-Frühstück mit Butter, Honig, Salatgurken. Und dazu schmeckt es einfach genial! (Eigenlob stinkt nicht immer.)

Bei der einen der beiden Feuerstellen in der Nähe unseres Lagers liegt ein Reserviert-Zettel für den Sonntag, was einen Mann, der eben diesen Platz lieber als den anderen, freien, für sein Gelage gehabt hätte, nervt. Das sei doch nicht zuläßig!, jammert er uns die Ohren voll. Das sei doch nicht rechtens. Er baut also auf dem zweiten Zeltplatz ein ganzes Lager aus Stühlen und Tischen auf und ist für mich in alledem die Verkörperung des typischen Schweizer Füdlibürgers (Spießbürgers).

Nun denn, uns kann es ja egal sein, denn inzwischen haben wir lecker gefrühstückt, das Zelt abgebaut und es an der Sonne trocknen lassen, das Geschirr gespült und alles wieder auf die Räder geladen. Es kan losgehen.

Einfach immer der Aare entlang. Wir haben Zeit. Den ganzen Tag. Es sind ja nur etwas über zwanzig Kilometer bis nach Hause. Die Radwege sind gut ausgelastet, aber noch nicht so, dass sie nicht mehr gut zu fahren wären. Man grüßt sich. Die wenigen Radelnden mit Mehrtagesgepäck wie wir grüßen sich besonders freundlich, dünkt es mich, und es fühlt sich richtig gut an, auch mal eine von jenen zu sein, die in ihren Radtaschen den halben Haushalt mit dabei haben.

An jeder schönen Stelle halten wir an und genießen Schatten und Aare, Waldgrün und Frischluft. Im Hinterkopf läuft immer die Suche nach einem Stück Wald mit, in welchen wir unsere Hängematten hängen könnten.

Bei Villigen wechseln wir die Flussseite und finden in einem Stück Wald unsere Hängeplätze. Hach. Seelengebaumel vom feinsten! Und da wir nicht direkt am Weg sind, ist es sogar ziemlich ruhig. Aber irgendwann dann auch ziemlich kühl, was angesichts des sonnigen Wetters fast unglaublich klingt. Aber der Waldschatten hat es in sich. Abgekühlt und so langsam ein bisschen hungrig geworden, radeln wir weiter.

In Stilli setzen wir uns auf eine schattige Bank und picknicken. Die zweitletzte Steigung, zum Glück keine große, wartet danach auf uns. Ausgerechnet mittendrin ist mein E-Bike-Akku leer. Ich habe mich zum Glück schon die ganze Zeit auf diesen Moment eingestellt.

Es ist, wie es ist. Dann schiebe ich halt. Wie ein Mantra sage ich es mir vor.  Es funktioniert. Ich muss tatsächlich schieben, da ich einfach nicht so viel Kraft und Ausdauer habe, mein etwa vierzig Kilo schweres Rad diese Steigung hochzukurbeln. Es ist, wie es ist. Diese Akzeptanz zu finden gelingt. Vielleicht auch, weil das letzte Wegstück bekannt ist und überschaubar.

Beim Picknick haben wir beschlossen, an unserer Lieblingsbadestelle – am Limmatspitz bei Vogelsang – unsere gelungene Tour zu feiern. Vermutlich würde es zwar viele Leute haben, die, wie wir, ein letztes Bad genießen wollten, aber was soll’s?

An unserer üblichen Liegestelle sind wir für uns allein, die meisten Leute haben sich an der Nasenspitze der Halbinsel hingelegt. Herrlich kühl ist sie, die Limmat. Wie gut es tut, die Hitze der letzten Stunden abzuspülen und das Wasser auf der heißen Haut zu fühlen. Ich lege mich im Wasser auf den Rücken, blicke in den blauen Himmel und bin einfach nur dankbar für diese letzten Altweibersommertage. Manchmal kann ich so die Welt um mich herum für eine Weile vergessen und einfach nur den Moment genießen.

Daheim angekommen zeigt der Tacho für die beiden Tage zusammen 66 Kilometer an und ich weiß: ohne Motor hätte ich das nicht geschafft. (Dass andere solche Strecken ohne Motor und an einem einzigen Tag machen, ist mir egal.)

Ich genieße das wunderbare Gefühl, mit meinem Lieblingsmenschen zusammen etwas Tolles erlebt zu haben.

Radelstrecke als Umap-Karte


Hier nun noch ein paar Bilder von Irgendlink und mir:

 

Zwei Tage Ferien

Dass ich mich so spontan auf ein kleines Zeltabenteuer eingelassen habe, ist nicht wirklich typisch für mich. Meistens brauche ich viel mehr Anlauf. Dennoch habe ich am Dienstag meine Siebensacken gepackt, das Auto beladen, das Handynavi gestellt und dann bin ich losgefahren, um Freundin K. und ihre zwei Mädchen auf einem Zeltplatz in relativer Nähe zu besuchen. Und es nicht bereut. Im Gegenteil!

Auf dem Camping angekommen war ich sogar so übermütig, ohne auch nur einen Blick auf die Übersichtskarte am Eingang zu werfen, drauflos zu spazieren. Schließlich hatte ich ja die Parzellennummer und ein Bild vom Zelt auf dem Handy – damit würde ich K. und die Mädchen schon finden. Nachdem ich meine Ich-bin-da-Nachricht abgesetzt hatte, schlüpfte ich also durchs Tor und folgte einem von ein paar zur Auswahl stehenden Wegen, einfach drauflos. Und zwar genau in die verkehrte Richtung, wie ich bald feststellen musste.

Bald stelle ich fest, dass der Campingplatz viel größer ist, als ich am Anfang gedacht habe. Die Tasche, die ich trage, wird immer schwerer, die Hitze immer drückender. Ein paar Nachrichten später – ‚Ich warte bei den Waldsofas neben dem grünen Haus auf dich!‘ – findet K. mich schließlich und wir spazieren zu ihrem mobilen Zuhause, einem großen Familienzelt mit Luftkammern statt Stangen.

Erstmal ankommen. Die Mädels sind irgendwo unterwegs, G. (5) im nahen Spielzelt, P. (10) mit ihrer neuen Freundin im und am Badesee. Wir sitzen noch im Schatten, doch die Sonne verschiebt diesen allmählich und es wird heißer. Überhaupt: Es ist endlich Sommer geworden. Die Regenmassen der letzten Woche hat man allerdings auch hier oben im Schwarzwald mitbekommen. Die Zeltwiese, auf der ich später mein Zelt aufbauen werde, sei noch am Vortag noch überflutet gewesen.

Wir reden kurz übers Essen und einigen uns auf Pellkartoffeln, da die Kinder die mögen und ich diese wegen ihrer Histaminarmut gut vertrage. Es stellt sich heraus, dass ich genau die richtigen Sachen für mich und die andern mitgebracht habe – verträgliche Gemüse, eine Honigmelone, Brot. Das hier ist nämlich mein Outdoor-Test: Geht Camping für Histaminintolerante? Na ja, so richtig übersetzen lässt dich das Experiment allerdings nicht. Denn wir haben ja keinen Kühlschrank in unseren Rucksäcken, Irgendlink und ich. Dennoch ist das hier ein erster Schritt.

Toll ist es mit den drei Frauen, der großen, der mittleren und der kleinen. Einer der Unterschiede zwischen Kindsein und Erwachsensein, so überlegen K. und ich am Abend, liegt wohl in der Erkenntnis, dass die klaren und idealen Vorstellungen vom Leben,  wie es zu sein hätte, nicht immer und – falls doch – selten gleich umsetzbar sind. Und falls doch, dann ist es ein Glücksfall. Und den haben wir hier ein bisschen. Ich sage nur: Badesee.

Vor dem Essen gehen wir zu viert genau dorthin, er liegt auf der andern Seite des Zeltplatzes. Klein und herrlich erfrischend, dazu nicht mehr sehr bevölkert.

Auf dem Zeltplatz gibt es zudem zwei Minigolfplätze, erfahre ich. Ein klassischer und einer, der fast ein bisschen aussieht wie ein richtiger Golfplatz. Mit Kunstrasen und so. Den wollen die beiden Mädchen heute mit mir bespielen. Unbedingt!, sage ich.

Nach einem unkomplizierten Essen – ich erzähle in aller Kürze, dass ich manche Dinge nicht essen kann, weil ich sie nicht vertrage –, spülen wir das Geschirr und machen uns auf zur Minigolfanlage. Für ein 2 Euro-Depot bekommt man Minigolfkugeln und die Schläger sind sogar kostenlos. So eine tolle Bahn habe ich echt noch nie bespielt. Sie erinnert mich an jene auf dem Campingplatz in Örebro. Lange her.

Die erste Runde spiele ich mich mit K. durch die Bahnen. Wir spielen ungefähr gleich gut, eine Mischung aus Können, Zufall und Glück. Der Kunstrasen macht das Abschlagen ziemlich angenehm und ich treffe erstaunlicherweise ziemlich gut. Ohne die sonst üblichen vielen Fehlversuche. Während der zweiten Runde – diesmal gegen P. – wird es dunkel und wir machen uns auf den Rückweg zu unseren Zelten.

G. will noch unbedingt auf die eine Schaukel, doch sie ist so übermüdet, dass K. den Wunsch auf den nächsten Tag verschiebt. Ich will aber!!!, sagt G.. K. lässt sich nicht unter Druck setzen.

Der Zeltplatz ist schon sehr still, jedenfalls an dem Wegstück, wo wir zelten. Auch die anderen Zeltnachbarn haben Kinder, teils noch kleinere als G. es ist, die noch früher zu Bett gehen. Ich glaube fast, so einen nachtruhigen Zeltplatz habe ich überhaupt noch nie bezeltet. Wir sitzen noch ein wenig vor dem Zelt und reden leise. Außer G.s ‚Ich will aber!!!‘ ist kaum etwas zu hören. Wir warten ab. Irgendwann wird G. ruhig und einsichtig. Im Bett darf sie noch ein bisschen Zeichentrickfilm auf dem Tablet gucken, bis sie einschläft.

Auch K. und ich gehen nicht allzu spät ins Bett. Meine neue Luftmatratze aus dem Discounter erweist sich als sehr bequem. Dennoch liege ich mitten in der Nacht ein paar Stunden wach. Ich bin ja doch sehr aufgekratzt. Ein bisschen überdreht. Das Herz rast. Ich atme mich in die Ruhe, lese ein bisschen in ‚Stille‘, einem E-Book, das mir die liebe U. zum Geburtstag geschenkt hat. Aufsätze über die Stille, beschrieben vom Antarktis-Wanderer Erling Kagge. Die Ab- und Umlenkung auf diesen ruhigen Text lässt mein Herz bald ruhiger schlagen.

Gegen fünf oder so schlafe ich dann doch nochmals ein. Irgendwann nach sieben, die Sonne wärmt das Zelt bereits ein bisschen, wache ich langsam auf. Ich mag es ja, dieses Aufwachen im Zelt, dieses Ankommen im Tag, dieses Mich-aus-dem-Schlafsack-Schälen … Im Badezimmer putzt sich K. gerade die Zähne, als ich pinkeln gehe. Wir setzen uns vor ihr Zelt. Sie mischt Pancaketeig zusammen, fürs Frühstück, während wir uns leise das eine und andere aus unseren Leben erzählen. Noch immer ist es sehr still auf dem Platz. Uns zwei ehemaligen Buchhändlerinnen kommen die einen oder andern Erinnerungen in den Sinn.

Noch ist es kühl, angenehm frisch, doch für mein angedachtes Seebad ist es mir dann doch zu kühl.

Als P. aufsteht und den Pancake-Teig sieht, bekommt sie Hunger. Appetit. Lust. Sie fragt, ob sie die Pancakes backen darf. Sie darf und als P. ihre erste Portion gebacken und gegessen hat, will sie weiterbacken, weil es so viel Spaß macht. Zum Glück kriecht nun auch G. aus dem Zelt und hat Hunger. P.s Pancakes werden immer schöner und irgendwann werden Pancake-Herzen aus dem Teig. Wunderschöne kleine Kunstwerke. Was ist doch die Welt ein schöner Ort!, denke ich glücklich.

Später wollen die drei ins Hallenbad. Zuerst zögere ich, doch da ich inzwischen schwitze und mich gut ans Kindergewusel akklimatisiert habe, wage ich mich ins doch sehr laute Hallenbad.  Überall stehen Mütter oder Väter oder gleich beide, die ihren Kindern schwimmen beibringen. In der Beckenmitte ist es am ruhigsten, dort lege ich mich zuweilen auf den Rücken, die Ohren im Wasser. Stille.

Nach einer Dreiviertelstunde gehen wir wieder hinaus und knabbern, zurück am Zelt, an unsern jeweiligen Zwischenmahlzeiten herum. Melone. Brot. Chips. Beeren. Pfirsiche.

Gut erholt gehen wir zum klassischen Minigolfplatz. Trotz Mittagshitze. Todesmutig versuchen wir die Löcher zu treffen. Nach der andern Wohlfühminigolflanlage fühlt sich der harte Boden sehr ungemütlich an. Wir stellen uns, wann immer möglich, in den Schatten. Und dann geschehen zwei Wunder: Das erste Mal in meiner Minigolfkarriere treffe ich – bei zwei Bahnen sogar! – das Loch mit nur einem einzigen Schlag. Vor Freude darüber hüpfe ich herum und jauchze laut. Das Kind in mir! Bei andern Bahnen übe ich dafür gefühlt stundenlang und treffe das Loch doch nicht. Zum Glück haben wir uns auf maximal acht Versuche geeinigt.

K. hat heute einen Lauf und schafft die meisten Löcher mit zwei oder drei Schlägen. P. und ich sind etwa gleich treffsicher oder treffunsicher. Weil es heiß ist, gehen wir zurück zum Zelt, wo es noch einigermaßen schattig ist. Ich lege mich in die Hängematte, die ich zwischen einem Baum und K.s Autodachträger aufgespannt habe. Eine Dreiviertelstunde Siesta, wie gut das tut!

Als K. mit G. einkaufen geht, spaziere ich mit P. zum Badesee. Viele Leute hat es diesmal. Wir schwimmen und liegen eine Weile herum, warten auf K. und G. und als die nicht kommen, gehen wir zurück zum Zelt. Die Nachrichten, die mir K. geschickt hat und ich ihr, kommen verzögert. Das Netz und auch das WLAN sind sehr wackelige Angelegenheiten. Auch Irgendlinks Anrufe haben nicht wirklich geklappt. Immerhin bekommt er meine Nachrichten und Bilder.

Während K. und die Mädchen nochmals ins Hallenbad gehen, baue ich das Zelt ab und fange damit an, das Abendessen vorzubereiten. P. hat sich Grillen gewünscht. Es gibt Fetakäse mit Gemüse für K. und mich. Kartoffelsalat für alle, die mögen. Grillfleisch für alle, die mögen, Vegispießchen für alle, die mögen. Jede hat am Schluss eine andere Mahlzeit auf dem Teller als die anderen, jede hat eine Extrawurst und das fühlt sich saugut an. Die Botschaft kommt an. K. sagt: Bei uns hat immer jede ihre Extrawurst.

Nach einer Runde Boule auf der Zeltwiese verabschiede ich mich von den Mädchen und spaziere mit K. zum Auto. Dankbar nehmen wir Abschied.

Auf dem Heimweg realisiere ich, dass ich meine Seelenbatterien aufgeladen habe. Sie sind nicht leer wie sonst oft nach so viel Menschenkontakt, sie sind gut gefüllt. Nicht nur mit Sonnenenergie.

Viel näher geht nicht mehr

Wir hatten mal wieder richtig Wetterglück. Wobei ja auch Regen Wetterglück ist. Wenn es lange nicht geregnet hat jedenfalls.

»Das nächste Mal gehen wir aber mal im Sommer zusammen wandern; und wir warten nicht wieder so lang!« hatten wir noch gesagt, uns fest vorgenommen, damals, beim letzten gemeinsamen Ausflug, in einer längst vergangenen, fast vergessenen Epoche, v. C., vor Corona. Sommer ist es nun, ein Sommer später allerdings.

Wir treffen uns diesmal in Bad Münster. Irgendlink und Frau Lakritze sind in dieser Gegend Kind gewesen, zur Schule gegangen, groß geworden, erfahre ich, als wir über die Nahe spazieren.

»So nahe war ich der Nahe noch nie!«, sage ich. Darf ich sagen, als Schweizerin habe ich das Privileg des ersten Mals für solcherlei platten Wortwitz. Und nebenbei erfahre ich, dass die Wahl der Umgebung ein klein bisschen mit meinem augenzwinkernden Spott bei unserer letzten oder vorletzten Wanderung zu tun hat. Damals, früher irgendwann, als ich scherzend über die kleinen deutschen Berge in Rheinland-Pfalz gelächelt hatte.

Wie Sandkuchen stehen sie da, die Berge bei Bad Münster. Mitten im Flach und Leicht-Hügelig ragen sie hoch auf, Rotenfels und Rheingrafenstein, und ja, ich bin in der Tat gebührend beeindruckt. Drumrum wächst Wald, viel Wald, urwüchsig, dicht, grün. Laubbäume, Nadelbäume, Steineichen … ein bisschen wie Schweden, ein bisschen wie Südfrankreich. Ein Ferientag, der uns aus dem Alltag heraushaut, aber so richtig.

Der alte, ein wenig abgehalfter-heruntergekommene Kurort strahlt im leisen Charme vergangener Tage. Wir spazieren an den Salinen vorbei, atmen Meerluft und erreichen schließlich das Kurhaus, das gebührend zu bestaunen ich vorab versprochen habe. Und was soll ich sagen? Ich staune tatsächlich gebührend. Echt jetzt, klasse ist das. So liebevoll und detailverliebt wird heute nicht mehr gebaut. »Die vielen Butzenfensterchen möchte ich aber nicht putzen müssen!«, scherze ich.

»Ob es wohl die alte Fähre noch gibt?«, fragen sich Lakritze und Irgendlink und mein inneres Kind hüpft vor Freude ob der Aussicht auf eine Fährenüberfahrt. Überhaupt kommt mein inneres Kind heute ganz auf seine Kosten.

Die Fähre fährt tatsächlich. »Sie sieht noch aus wie früher, als wir Kinder waren«, sagen meine Weggefährtin und mein Weggefährte und tauschen sich über Ausflüge und Eissorten ihrer Kindheit aus. Kennst du auch? Warst du damals ebenfalls? Die Überfahrt kostet pro Person einen Euro. Wo gibts denn noch sowas? Zu dritt und mit reiner Muskelkraft zieht uns der Fährmann am Stahlseil über die Nahe ans andere Ufer. Zwei Minuten dauert der Spaß. Viel näher geht es nicht, denke ich mit Blick auf den Fluss.

Über uns türmt sich der Rheingrafenstein mit seinen Ruinenresten, den zu besteigen wir uns entschieden haben. Direkt an der Fährstation fängt der Wanderweg an. Doch zuerst erfreuen wir uns am Märchenhain. Viele Zwerge und andere Märchen- und Comicfiguren bevölkern einen Waldgarten und das erste Waldstück, bevor der steile, etwa fünfhundert Meter lang mäandernde Wanderweg zur Ruine hoch beginnt. Zum Glück ist es nicht allzu heiß, ein angenehmes Lüftchen weht, die Sonne steckt oft hinter den Wolken. Mir ist, als ich oben anlange, trotzdem heiß. Das kühle Lüftchen tut gut.

»Du hast da eine Zecke, am Hals!«, sagt Lakritze. Dank der Pinzette an meinem Sackmesser hat Irgendlink das Mistvieh schnell entfernt. Hoffentlich ist es keins von den Bösen gewesen. Ob ich doch mal gegen FSME impfen sollte? Und Borreliose ist ja auch immer wieder ein Thema.

Nachdem wir genug die Aussicht gebührend bewundert haben, klettern wir zurück zur Wanderweggabelung und hoffen auf eine schattige Bank im Wald. Bald ist diese gefunden und sogar passende Bäume für eine der zwei mitgeschleppten Hängematten ist vorhanden. Wir picknicken und erzählen. Immer wieder werden wir von anderen Wandernden auf das Glück, eine Hängematte dabeizuhaben, angesprochen. Lustige Gespräche entspinnen sich.

Lakritze schlägt vor, ab hier rund um den einen Hügel herum zu gehen, was sich als sehr gute Idee herausstellt. Sogar Meeressand finden wir. Sand jedenfalls, der so tut als sei er am Meer. Eine herzerfrischende Illusion.

Nach einer Weile langen wir wieder am Fährhafen an und setzen ein zweites Mal über. Diesmal ist es ein anderer Fährmann, vielleicht der Herr Papa des ersten, mutmaßen wir, der uns über die Nahe schiebt. Ob sich das rechnet und wie viel da wohl an einem Sonntag in die Kasse gespielt wird? Und wie lange wohl eine Überfahrt dauert?

Wir setzen uns auf eine Bank direkt oberhalb des Fährhafens, am Ufer der Nahe. Und dann gucken wir. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal einfach nur geguckt habe. Menschen geguckt. Wasser geguckt. Bäume geguckt. Hunde und Kinderwagen geguckt und Bier- und Schwangerschaftsbäuche. Räder. Kinderanhänger. Alte Menschen. Kinder. Im Hintergrund dudelt irgendwo eine Ziehharmonika, die nach Jahrmarkt klingt.

Lange sitzen wir so. Und gucken, reden, lachen. »Fährmann zu sein«, sagt Irgendlink, »stelle ich mir schön vor«.

Als wir später am Bahnhof abschiednehmen, versichern wir es uns erneut gegenseitig: »Sowas machen wir bald wieder!«

Frau Lakritze erzählt übrigens hier von unserm Ausflug.

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Zum Schluss noch ein paar Bilder von gestern. Zwanzig von mir, drei von Irgendlink.

Über die Schwelle

Es ist der erste Schritt, der mir am schwersten fällt. Der Schritt über die Wohnungsschwelle. Auch die nächsten fallen schwer. Wenn ich über die Haustürschwelle getreten bin und  draußen stehe, muss ich noch immer  Widerstände überwinden. Als wäre die Wohnung ein Magnet. Das Haus zu verlassen braucht Kraft. Als schwämme ich gegen den Strom, wenn ich das Haus verlasse. Wenn ich in die Welt hinaus gehe.

Falls es nur ein Spaziergang durch das Dorf oder den nahen Wald ist, sind die Widerstände weniger heftig als wenn mich die Reise in die weitere Umgebung, in die Ferne gar, führt. Zum Liebsten, zu Freundinnen, in die Berge womöglich oder – man wird ja wohl noch träumen dürfen! – ans Meer.

Sind es nur meine Widerstände, die in den letzten anderthalb Jahren gewachsen sind? Nein, wohl nicht, denn ich höre ähnliches bei anderen. Und das, obwohl hinter und unter allen Widerständen diese ungeheuerliche, diese von ganz tief innen und unten nach oben schwappende Sehnsucht nach Ferne, nach Weite, nach raus ans Meer, nach Reisewind um die Nase, nach Tapetenwechsel lebt.

Und da ist auch diese Müdigkeit, diese Erschöpfung vom Immer-Gleich, die mich zermürbt. Sogar mich zermürbt, mich, die ich ja aus gesundheitlichen Gründen schon länger isoliert lebe, mich, die ich mich als eine mit Rückzugerfahrung bezeichne. Und wenn schon in mir drin dieses Ziehen ist, dieses Sehnen, dieses Vermissen von Unterwegssein, wie viel mehr muss es erst in Menschen ziehen, die in ihrem vorpandemischen Alltag häufiger als ich unterwegs waren, verreisten, sich unter Menschen bewegten.

Ja, ich verstehe alle Leute, die wegfahren und die wegfahren wollen. Das haben wir uns alle doch wirklich verdient, ne? Manche fahren sogar weit weg. Manche besteigen sogar Flugzeuge, denn die Erde ist ja eh dem Untergang geweiht – brennend, glühend, überflutend –, da wird ja ein Flugzeug mehr oder weniger keine Rolle spielen. Und den Klima-, Virus-, Kriegs- und Armutsflüchtlingen auf der ganzen Welt nützt es ja auch nicht, wenn ich jetzt nicht in dieses Flugzeug steige.

Ja, wirklich, ich verstehe es. Obwohl ich ethische, moralische und ökologische Widerstände habe. Da komme ich nicht gegen an. Und es geht mir ja dabei noch nicht mal nur ums Klima, es geht mir auch ums Virus. Oder sagen wir mal um Solidarität mit der Gesamtmenschheit. [Ich sehe  ja manchmal comicartige Szenen vor meinen inneren Augen: Das Virus, wie es mutiert, weil die Menschen es ihm gerade so superleicht machen. Und weil es so viel Spaß macht, sich in all den dummen Menschen weiterhin zu vermehren.]

Ob wir noch Hoffnung haben, fragte neulich jemand per Umfrageformular auf Twitter. Ich klickte die Option ’kaum’ an und war damit in bester Gesellschaft. Noch mehr hatten ’nein’ angeklickt. Die, die noch Hoffnung haben, waren in der Minderheit. Nicht repräsentativ, ich weiß.

Autorisiert uns die persönliche Hoffnungslosigkeit zu Nach-mir-die-Sintflut-Handlungen? Ist es nicht längst zu spät? Und was ist mit all den Kindern und Jugendlichen?

Puh, so kann ich doch diesen Text nicht enden lassen.

Wie war das gleich noch: erste Schritte? Nun ja, vielleicht verlassen wir ja das Haus diesen Sommer doch auch und fahren wohin. Mal schauen. Denn ja, Tapetenwechsel würde gut tun. Wirklich. Endlich mal wieder raus.

Ich übe und gehe jetzt mal ins Dorf. Einen Brief einwerfen, Geld ziehen und  den Jahresbeitrag für die Bibliothek bezahlen. Denn sollte morgen die Welt untergehen, lese ich doch heute noch ein paar Seiten in einem guten Buch.

Hängemattentage

In der Hängematte zu liegen ist im Grunde wie schwimmen. Oder wie baden. So philosophierte ich gestern, als wir, irgendwo am Aareufer, zwischen Buchen rumhängten. Im Wortsinn.

Der Liebste hat mir nämlich vor knapp drei Wochen zum Geburtstag eine Hängematte geschenkt. Weil ich an seiner so sehr Gefallen gefunden hatte. Unsere zwei Leichtgewichte sind jetzt immer dabei, wenn wir raus in die Natur gehen. Hatten wir einander früher gefragt: Wo gehen wir heute wandern?, fragen wir uns heute: Wo legen wir uns heute in die Hängematten? Viel braucht es nicht: drei bis vier stabile Bäume im passenden Abstand reichen uns. Wenn daneben, wie gestern und vorgestern, noch ein Fluss vorbeifließt, in den man sich schnell zwecks Abkühlung tunken oder in dem man gar schwimmen kann, umso besser. Aber auch einfach nur so in der Matte hängen, hat was; hat was vom Schwimmerlebnis, das ich so mag: Auf dem Rücken liegend in den Himmel gucken. Oder in das Laubdach über mir. Den Gedanken zuschauen. Die Seele baumeln lassen ist eine Phrase, die nirgendwo besser als in die Hängematte hineinpasst. Alles baumelt.

Am Freitag habe ich während unserer Zeit im Wald versucht, Pfannenbrote für uns zu backen. Auf dem Feuer. Es hat nicht gleich auf Anhieb funktioniert, zumal wir das Öl zum Einfetten des Emailleblechs vergessen haben. Und einen Pfannenwender, um die Brötchen zu backen. Immerhin hatte ich eine Zange dabei, um das Blech aufs Feuer zu legen. Und mein Sackmesser, um aus einem flachen Holzstück so etwas wie eine Löffel zu schnitzen.

Fazit: Kleine Pfannenbrötchen funktionieren besser als große. Oft drehen hilft. Und so wurde das letzte Brötchen dann wirklich sehr köstlich, während seine Vorgängerchen eher eine Art Knusperchips geworden sind. Spaß hat es alleweil gemacht. Vor allem das Rumhängen.

Am Samstag dann ein Ausflug in die Hügel in der Nähe des Rheins. Ein Amphibienweiher. Seerosen. Nachdenken über exponentielles Wachstun. Und auf dem Heimweg ein Abstecher an den Rhein, wo eine schöne Badestelle ins kühle Nass lockt. Und wo es Bäume hat, um. Ich glaube, die Hängematte ist mein neuer Wohlfühlort geworden, einem Schneckenhaus gleich.

Gestern haben wir uns auf die Räder gesetzt. Der Aare entlang Richtung Norden fahren wir. Zuerst auf vertrauten, dann auf neuen Wegen. Und schließlich finden wir einen Platz, der nur so auf uns gewartet zu haben scheint. Eine Waldhütte. Tische. Bäume. Und eine Aare, die mich zum Kurz-Reintunken verführt. Wo es doch so heiß ist.

Auf dem Heimweg schließlich zu unserm Lieblingsbadeplatz an der Limmat. Diesmal kann selbst der Liebste nicht widerstehen. Sagte ich schon, dass es heiß ist? Die Flüsse haben Hochwasser, jedenfalls beinahe. Und vielleicht überfluten bald ihre Ufer. Gletscherwasser aus den Bergen. Regenwasser. Aber jetzt und hier und heute genießen wir das kühle Nass.

Als wir daheim sind, fängt das Gewitter an. Platzregen fällt. Die Luft kühlt ab. Und wie es riecht!

Und jetzt? Jetzt gehen wir raus. In den Wald. Und ja, wir nehmen sie mit. Natürlich.

Dem Liebsten sei‘ Brötchen und die Sache mit dem Horten von Dingen

Ja, klar kann ich Genitiv, Dialekt klingt aber im Dativ einfach besser.

Weil wir dieser Tage an einem zukünftigen Hof-Loppis  aka Hof-Brocante schuften, hat der Liebsten vergessen, sich am Montag Brot zu backen. Das kann er nämlich inzwischen richtig gut. Kurz nach dem Beginn der Pandemie, mit wachsendem Ekel vor virenbehafteten Bäckereifachverkäufer:innenhänden, begann sein Brotbackabenteuer. Mal mit wenig Hefe, mal mit Sauerteig, experimentierend mit verschiedenen Getreiden, mal hell und dunkel. Meistens lecker.

Im gleichen Aufwisch vergrößerte er auch die Gartenfläche, versorgte sich weitestgehend mit Selbstgeerntetem und bekochte sich, statt regelmäßig bei Muttern zu futtern, hinfort selbst. #Stayathome-sei-Dank. So gibt es seither viel weniger Fleisch und viel mehr Gemüse. Das aber nur am Rand, denn hier soll es ja um Brot gehen. Und, nun ja, auch um Besitz.

Da ich – im Gegensatz zu ihm – aus gesundheitlichen Gründen keine Hefe- und Sauerteigbrote mehr essen kann und schon eine Weile meine glutenfreien Brote mit Weinsteinbackpulver backe (guckt hier), backen wir zweierlei Brote. Gestern Morgen nach dem Aufstehen schlug ich ihm, dem Brotlosen, vor, für ihn nicht-glutenfreie, nicht-histaminfreie Brötchen mit Backpulver statt Hefe zu backen. Weil ich das schon immer mal ausprobieren wollte. Durfte ich. Weil er Lust auf etwas mit Roggen hatte – und davon auch genug Mehl im Haus –, recherchierte ich ein wenig im Netz, kombinierte das Gelesene mit meinen bereits gesammelten Erfahrungen und bastelte eine Backmischung für ihn. Und, was soll ich sagen, das Ergebnis schmeckte ihm auf Anhieb sehr lecker.

Roggendinkelbrötchen auf Teller
Roggendinkelbrötchen

»Was hat es denn da drin?«, fragte er beim Frühstück. »Nein, sag nichts, ich kann es bestimmt später in deinem Foodblog nachlesen!«

»Ähm, nein, kannst du nicht, weil … nun ja, das ist ja eben nicht ganz histaminfrei, was du da isst!«

»Ach ja. Hm. Ich verstehe. Da fehlt dann aber auf deinem Foodblog eine Rubrik mit Rezepten für die nicht histaminintoleranten Angehörigen!«, sagt er und grinst.

»Oder aber,« sage ich, »ich widme ’dem Liebsten seinen neuen Brötchen’ einen kleinen Blogartikel im Soso-Blog, damit du sie jederzeit nachbacken kannst!«

Und das, obwohl ich ja neulich angekündigt habe, dass es hier keine Rezepte-Artikel mehr geben werde. Egal. Ich darf. (Rezept siehe unten).

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Die Idee mit einem Hof-Loppis samt Hof-Café taucht regelmäßig in unseren Köpfen auf. To do or not to do? Warum eigentlich nicht? Und jetzt, da unser Freund S. ins Pflegeheim umgezogen ist, Irgendlink die letzten Wochen mit dessen Wohnungsauflösung verbracht und viele Dinge während unzähliger Umzugsfahrten in ebensovielen Kisten auf den Hof geholt hat, wird die Idee konkreter denn je. Menschenskinder, sind das viele Bücher! Und Geschirr. Töpfe. Gläser. Deko. Küchendinge. Eine alte Registrierkasse.

Kleiner Exkurs in die Welt der Bücher: Was so ein Buch wohl alles schon gesehen hat? Das wäre eigentlich auch mal ein literarisches Schreibprojekt. Jemand fängt die Geschichte damit zu erzählen an, wie ein Buch vom Laden zur ersten Leserin kommt. Die gibt es weiter. Der nächste Leser legt es in eine Bücherkiste. Später Flohmarkt, noch später Bookcrossing.

Fließen lassen statt besitzen. Denn ja, die Frage stellt sich, warum wir alle – nun ja: fast alle – so viele Sachen anhäufen. Nein, eigentlich ist es keine Frage. Die Antwort liegt wohl im Menschsein. An der Natur der menschlichen und tierischen Natur. Jagen und Sammeln. Sicherheitsdenken. Habenwollen. Die Freude und die Last des Besitzens.

Am Montagabend, als wir das letzte Mal in der Wohnung sind, um die großen Dinge zu holen, die Irgendlink allein nicht hatte transportieren können, füllen wir nebenbei erneut ein paar Kisten mit Büchern. Diesmal auch mit Dingen, die wir persönlich haben wollten. Ich sage nur Astrid Lindgren und Christa Wolf. Und Lavendelbadezusatz. Und Wäschekorb. Und, und … so weiter und so fort. Diese ambivalente Gier gepaart mit dieser Scham vor dem eigenen Hamstertrieb. Die Sache mit dem Haben also, dem Besitzen. Mit der Anhaftung. Mit dem Loslassen.

Nachdem wir den Wäschetrockner und das Bücherregal im Auto verstaut haben, gehen wir ein letztes Mal durch die halbleeren Räume, die demnächst ein Entrümpelungsunternehmen noch vollständig leeren wird.

Wir sehen viele Jahre gelebtes Leben, verdichtet in Materie. Unzählige Besuche unsererseits fallen uns ein. Endgültigkeit, Vergänglichkeit und Unwiederbringlichkeit rauben uns beinahe den Atem. Immerhin ist niemand gestorben. Weh tut es trotzdem. Leben ist ganz schön krass. Wir werden geboren und wir sterben. Dazwischen liegen ein paar Jährchen Lebenszeit mit viel Fühlen und Denken, Lernen und Leiden, Essen und Trinken. Und Brotbacken. Des Liebsten Roggen-Dinkel-Brötchen zum Beispiel.

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Rezept für drei | sechs Brötchen

• 125 g | 250 g Dinkelmehl
• 60 g | 120 g Roggenmehl
• 65 g | 130 g Roggenvollkornmehl
• 2 EL | 4 EL Chiasamen
• 0,5 EL | 1 EL Flohsamenschalenmehl
• 2,5 EL | 5 EL Kürbiskerne
• 0,5 EL | 1 EL Haferflocken
• 0,5 TL | 1 TL Salz
• 7 g | 14 g Weinsteinbackpulver
alles gut mischen

• 2,5 dl | 5 dl lauwarmes Wasser
zugeben und zuerst mit dem Löffel, später von Hand gut mischen und kneten (ein paar Minuten). Der Teig ist noch feucht.

1. Teig eine Viertelstunde stehen lassen. Danach auf dem Tisch auf wenig Mehl drei | sechs Brötchen formen und auf gefettetes Blech/Backpapier oder in Cakeform legen.
2. Im auf 230° vorgeheizten Ofen bei Ober- und Unterhitze eine Viertelstunde backen. Danach den Ofen auf 200° herunterschalten und weitere ca. 30 (25-35) Minuten ausbacken (Backzeit hängt von Ofen ab.)

Roggendinkelbrötchen, aufgeschnitten auf Teller
Roggendinkelbrötchen

Tipps

1. Der Teig kann natürlich auch als (Kasten-)Brot ausgebacken werden, dann erhöht sich die Backzeit entsprechend.
2. Im Backofen eine Schale mit heißem Wasser ’mitbacken’ macht Brote und Brötchen knuspriger

Lecker seien sie, sagt der Liebste, außen knusprig, innen fluffig.

Auf den Spuren der Keltinnen

Nichts sei älter als ein Wanderbericht von letzter Woche, sagte ich gestern.
Andererseits altere ja manches ganz gut, hielt er dagegen.
Und gerade schönen Erinnerungen und Erfahrungen räumten wir eh nie zu viel Platz ein, denn Wohltuendes habe wenig Unterhaltungswert, antwortete ich.

Es war der 6. Februar dieses Jahres, als Irgendlink und ich von Maßweiler aus die erste Hälfte des dortigen Keltenpfads erwanderten. Wegen drohender Regenfälle beschloßen wir jedoch bald, nur die südliche Hälfte zu wandern, zumal es ziemlich genau in der Mitte Wege gibt, die Runde querend zu halbieren und sie so abzukürzen. Auch den südlichsten Zipfel schnitten wir ab. Ob wir nass geworden sind oder nicht, weiß ich nicht mehr, doch wurde es auf jeden Fall früher dunkel als am letzten Freitag.

Irgendwann, so sagten wir auf dem Heimweg, daran erinnere ich mich noch genau, irgendwann wandern wir die zweite Hälfte.

Letzten Freitag waren wir ohne Plan losgefahren. Irgendwo wandern, mit Wald und Weitblick, das war unsere Absicht. Und dann standen wir auf einmal auf dem Wanderparkplatz bei der Maßweiler Kneispermühle. Und auf einmal stiegen wir bergan und auf einmal begriffen wir, dass wir ja nun auf dem Keltenpfad waren und den nördlichen Teil desselben wandern könnten. Tse. Was ein Zufall aber auch!

Wieder wanderten wir im Uhrzeigersinn, so dass wir diesmal in Gegenrichtung abkürzten. So begegneten wir erneut jenem sehr speziellen Jagdhochsitz, unserm Déjà-vu, der auf den Bildern unten zweimal zu sehen ist (Bild 4 und Bild 6).

Was für eine tolle, sehr abwechslungsreiche Runde wir doch hier gefunden haben! Bloß Kelten und Keltinnen sind wir unterwegs keinen begegnet.

(Die ersten vier Bilder sind vom Februar, die andern vom letzten Freitag.)

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