Tage, die es nicht gab | Fernsehserie #Filmbesprechung

Keine leichte Kost, das wusste ich schon nach dem Trailer und den ersten paar Minuten.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen vier Frauen. Christiane, Schriftstellerin und Mutter eines verstorbenen Jungen, kann seit dem Todestag ihres Sohnes nicht mehr schreiben. Ihre drei Freundinnen helfen ihr, nicht ganz in der Trauer zu ertrinken. Eine der Freundinnen ist die Staatsanwältin Mirjam, die damals, vor drei Jahren, den Tod des Schulleiters zwei Tage nach dem Suizid des Jungen untersucht hat. Die dritte im Bunde ist Doris, Geschäftsführerin eines Fuhrunternehmens, die versucht sich von ihrer sehr dominanten Mutter zu emanzipieren. Dass sie zuweilen ihre vierzehnjährige, sehr wortgewandte Tochter Sarah fast ebenso gängelt, fällt ihr erst nach und nach auf. Die vierte Freundin, Inès, ist mit ihrer Familie erst vor kurzem zurück in die Heimat gekommen, da der fast 18-jährige Sohn Olivier in Paris, wo sie davor lebten, auf die schiefe Bahn geraten ist.

Nur gerade mal zwei Tage nach dem Suizid des sensiblen zwölfjährigen Jungen stürzte damals Paulitz, Schulleiter des Bonzeninternats Sophianum, der maßgeblich zur schlimmen seelischen Verfassung des Jungen beigetragen hat, von der Staumauer unweit des Ortes. Der Fall war zu den Akten gelegt worden, da kein Fremdverschulden hatte bewiesen werden können. Drei Jahre später sollen die schon etwas ältere Inspektorin Grünberger und der junge Polizist Leodolter den Fall nochmals untersuchen.

Alle vier Freundinnen sind ziemlich reich, alle sind sie damals im Sophianum ausgebildet worden und alle haben sich damals geschworen, ihre Kinder niemals in diese Schule zu schicken. Und alle haben es trotzdem getan.

Mich beeindruckt, wie sorgfältig ausgearbeitet und ausgezeichnet besetzt jede einzelne Figur dieser Serie ist, bis hinein in die kleinen Nebenrollen. Ja, auch die Schulsekretärin mit ihren wenigen Auftritte hat ein klares Profil.

Während bei der Staatsanwältin Mirjam psychische Gewalt des Partners und Vaters gegenüber ihr und den Kindern im Fokus steht, ist es bei der Autorin Christiane die übermächtige, alles blockierende Trauer und Wut über den Verlust des Sohnes Balthasar. Bei Inès ist es die Beziehung zu ihrem Sohn, die ihr Leben je länger je unerträglicher macht. Da ist so viel destruktive Energie auf beiden Seiten, was sie mit ihrem Hang, alles zu organisieren und in Listen zu packen, zu kontrollieren versucht. Doris, die Fuhrunternehmerin, hat zwar eine sehr liebevolle Ehe und auch mit ihrer Tochter läuft es ziemlich gut, aber sie leidet unter der Dominanz der Mutter und arbeitet sich an alten Mustern ab. Jede der vier Frauen entwickelt sich im Lauf der acht Folgen der Mini-Serie auf ihre Weise weiter und muss in sich gehen, sich hinterfragen.

Parallel dazu untersuchen Inspektorin Grünberger und Polizist Leodolter erneut den damals ohne Ergebnis abgeschlossenen Todesfall des Schulleiters. Sie stoßen dabei auf einige weitere Suizide von Schülerinnen des Internats und auf Zusammenhänge, die erst bei sehr genauem Hinschauen sichtbar werden.

Es sind nicht allein die vielen einzelnen Geschichten, die diese Serie sehenswert machen, es sind auch die vielen kleinen, liebenswerten Details. Zum Beispiel die Inspektorin und ihre Kuchen. Oder wie sie und der Polizist sich immer gegenseitig mitten in der Nacht mit neuen Erkenntnissen in den Hotelzimmern wecken. Oder wie sich die Freundinnen immer wieder treffen und sich gegenseitig bestärken. Überhaupt: Die Dialoge und ihre Figuren wirken auf mich mehrheitlich lebendig und echt.

Mein ganz besonderer Liebling dieser Serie ist Sarah, herrlich von Niobe Eckert gespielt, die mit ihrem selbstbewussten Auftreten zwar immer ein wenig nervt, doch – da letztlich sehr empathisch – häufig zu Deeskalation beitragen und schließlich auch Lösungen herbeiführen kann, an die niemand denkt.

Am meisten mitgelitten habe ich mit Mirjams Kindern, besonders mit den Zwillingen, doch mehr kann ich, ohne zu spoilern, nicht verraten.

Jede Figur ist ausgesprochen bunt und vielschichtig, nicht einfach nur gut und sympatisch, sondern alle sind voller Abgründe. Einzig Mirjams Mann Joachim und Schulleiter Paulitz sind (mir) gänzlich unsympathisch.
»Wir bilden hier keine Opfer aus!«, sagt Paulitz zum Lehrer, der sich für den gepeinigten Jungen einsetzt, bevor sich dieser in den Tod stürzt.
»Nein, aber Täter!«, bestätigt der Lehrer.

Ganz am Ende der Serie, bei der Überführung der Täterin gibt es eine Unstimmigkeit, über die ich gestolpert bin, über die ich allerdings nicht ohne zu spoilern schreiben kann. Also bitte  *hier* (siehe unten) nicht weiterlesen, wenn du die Serie noch gucken willst.

Erfreulich war das irgendwie tröstliche Ende der Serie, mit dem ich so nicht gerechnet habe.

Was für mich diese Serie so sehenswert gemacht hat? Alle tragenden Rollen werden von Frauen gespielt. Frauen die zwar in schwierigen Situationen stecken, sich aber gegenseitig helfen und sich unterstützen. Frauen, die aus ihren bisherigen Rollen und Mustern ausbrechen und die mutig über ihre Grenzen gehen. Sie sind alle nur auf den ersten Blick starke Frauen, oder das, was man gemeinhin als Karriere- oder Powerfrauen beschreibt. Vor allem aber sind sie sensible, verletzte Frauen, die beschließen, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen. Auch wenn sie sich gegenseitig nicht immer toll finden und auch mal streiten und sich nicht verstehen, so stehen sie doch zueinander. Bei aller erlebten Tragik und all dem Schweren ist es doch ermutigend, wie sie sich immer wieder zusammenraufen und trösten.

So geht Freundschaft!

Wiki: hier
ARD: hier


Zum Schluss stelle ich mir die Frage, wie sich eine solche, jedenfalls eine so ähnliche Geschichte wohl in einem mittelständischen Milieu ohne den ganzen Reichtum der Zollberg-Society oder sogar in einer armen Umgebung abgespielt haben könnte – also was die Freundschaft und die Probleme der Freundinnen betrifft.


******************

*SPOILERWARNUNG:

Wie kann es sein, dass die DNA am Körper des Toten damals nicht mit der Täterin in Verbindung gebracht werden konnte?

Wieso braucht das neue Buch von Christiane kein Lektorat und wird schon innert Tagen gedruckt und rezensiert?

******************

11 Antworten auf 11 von 1000 Fragen

Ich habe heute auf Mastodon um zehn ein- bis dreistellige Zahlen gebeten und beantworte nachfolgend die entsprechenden Fragen einer Fragenliste mit »1000 Fragen an dich selbst«. Es sind schließlich elf Zahlen geworden. Und elf Antworten.

Du findest die ganze Liste übrigens hier (Link).

776. Welche Note von 0 bis 100 [wobei 0 für schlecht und 100 für perfekt steht] würdest du deinem Leben geben?

Ich kenne wirklich noch keine Person, die ihrem Leben die vollen 100 Punkte geben würde und bis vor wenigen Jahren wäre ich nie auf die Idee gekommen meinem Leben mehr als 50 Punkte zu geben. Inzwischen kann ich mir das aber doch so langsam vorstellen. Nicht aufs Ganze gesehen, da gab es zu viel Schweres, aber ab einem Wendepunkt. Und jedenfalls, wenn es bei mir jetzt so weitergeht. (Hier ist die explizit persönliche Lebensqualität gemeint, nicht das globale Ganze – falls sich das überhaupt trennen lässt.)

877. Wer beschützt dich?

Brauche ich denn eine*r Beschützer*in außerhalb meiner selbst? Außer, falls ich es selbst nicht kann? Nun ja, falls doch, dann ist es wohl erstens mein Liebster, der vor allem besonders dann gut zu mir schaut, wenn ich es selbst gerade nicht gut hinbekomme. Und zweitens: Alle lieben Menschen in meinem Leben, die mir gut und Gutes tun. Allen voran meine besten Freundinnen (U., L., M. und noch ein paar mehr).

12. Was möchtest du dir unbedingt irgendwann einmal kaufen?

Ein Beamgerät/einen Portschlüssel, das/der mich (und wer immer mich begleiten möchte) ganz ohne Energie und Abgase an meine Lieblingsorte und zu meinen Lieblingsmenschen beamt.

324. Wie alt fühlst du dich?

Innerlich jünger als ich mir früher siebenundfünfzig Jahre alt zu sein vorgestellt habe. Körperlich allerdings manchmal ganz genauso alt.

8. In welchem Punkt gleichst du deiner Mutter?

In manchen, in manchen nicht. Sie guckte zum Beispiel auch gerne Krimis.

509. Wie trinkst du deinen Kaffee am liebsten?

Das ist die bisher leichteste Frage: Weder stehend noch liegend, weder aus einem Becher noch aus einer Tasse, weder Instant noch aus der Kapsel oder dem Espressokocher, weder mit noch ohne Milch oder Zucker. Schlicht: Gar nicht.

42. Warst du gut in der Schule?

Durchschnittlich wohl im obersten Viertel, was die Noten angeht. Ich war ein ziemlich neu- und lernbegieriges Kind – jedenfalls bei den Dingen, die mich interessiert haben. Das hat sich bis heute nicht geändert.

666. Wer hat dir in deinem Leben am heftigsten wehgetan?

Meine Mutter und ein Ex-Mann.

21. Ist es wichtig für dich, was andere von dir denken?

Leider noch viel zu sehr, ja. Da arbeite ich dran.

279. Machst du leicht Versprechungen?

Eher nicht, weder mir noch anderen. Da mir sehr bewusst ist, wie rasch sich alles ändern kann, verspreche ich eher selten Dinge. Ich verspreche eigentlich nur, was ich auch halten kann oder hoffe, halten zu können.

371. Was würdest du gerne einmal tun, vorausgesetzt dass es nicht schiefgehen wird?

Im Alltag denke ich immer mal: Wenn ich jetzt mutiger wäre, würde ich das tun. Oder jenes nicht mehr tun. Vielleicht lautet darum die Antwort schlicht: Mutiger sein.


Zur Liste > hier klicken.

Die Fragen gespendet haben:
@cochise
@lakritze
@Alpha@tech.lgbt
@kropbenesch
@Pollos_Hermario
@DasNest
@DerEmil
@Schreddergeld@fimidi.com
@viennawriter
@Tami
@t0fur0cker


Angeregt wurde dieser Blogtext durch die gnädige und sich wundernde Frau (hierlang).

Fertig lesen oder gucken? Oder doch lieber nicht?

Gestern Abend wieder dieses Dilemma. Ich bin in eine Serie geraten, die ich im Grunde kaum aushalte. Dennoch muss ich wissen, wie sie ausgeht. Es sind noch fünf von acht Folgen. Etwa sechs Stunden schiere Unerträglichkeit – will ich mir das antun?

Ein Dilemma, das ich auch von mich langweilenden Büchern oder Filmen und Serien kenne. Nur dass es dort einfacher ist. Bei zu Langweiligem kann ich einfach aufhören. Mittendrin. Bei Spannendem, aber kaum Erträglichem ist das schon schwieriger.

Das Gucken oder Lesen von Geschichten muss mir Spaß machen, mich irgendwie packen und/oder mich zumindest sehr gut unterhalten, damit ich nicht abbrechen oder nicht vorwärtsspulen muss oder will. Kurz gesagt: Der Weg zur Auflösung, zum Finale einer Geschichte, muss sich für mich lohnen, dieses Erlebnis muss mich mit Qualität belohnen. Ganz so bedingungslos wie ich gern wäre, bin ich nämlich nicht.

Anfang Dezember habe ich mir zum ersten Mal in meinem Leben ein Netflix-Abo eingerichtet. Geplant ist das Ganze erstmal für einen Monat. (Falls länger, werde ich es aber in Deutschland abschließen, da es dort doch ein paar Franken respektive Euronen günstiger zu haben ist.)

Ich wusste es natürlich schon vorher: Es macht süchtig, so viele Möglichkeiten zu haben. Meine Liste der Gucken-Will-Filmen und -Serien wird immer länger. Das fühlt sich ähnlich an wie meine vielen Stapel mit den unzähligen ungelesenen Büchern. Solche Fülle macht mal glücklich mal überfordert sie mich, dann macht sie mich sogar unglücklich.

Zurück zur Serie, die ich gestern angefangen habe. Vermutlich werde ich mir die jeweiligen Zusammenfassungen am Anfang der einzelnen Teile anschauen und dann nur noch die letzte Folge gucken. So mein Plan.

Denn was mich vom Alltag ablenken soll, darf nicht zu sehr weh tun, nicht mehr jedenfalls als der Alltag. Ich muss definitiv nicht mehr jede angefangene Serie, jeden angefangenen Film oder jedes angefangene Buch unbedingt fertig lesen oder gucken, wenn es mir nicht gefällt oder mir nicht gut tut und/oder mich vom Schlafen abhält.

Ich kann mit unfertigen Geschichten leben. Es ist meine Lebens- und Freizeit, in der ich lese und Filme schaue. Und darum darf es nicht zu sehr weh tun. Und ja, ich weiß, dass das irgendwie egoistisch ist. Aber irgendwie eben auch notwendige Selbstfürsorge. Und vielleicht ist das hier gerade eine kleine Metapher für ein paar andere Dinge in meinem Leben.


Auch Herr Buddenbohm hat übrigens über das Zu-Ende-Lesen von Geschichten gebloggt.

Wir hier

Wir hier – diese zwei Worte sind es, mit denen wir ausdrücken, wenn wir uns irgendwo heimisch fühlen. Es sind gute Worte irgendwie. Es sind gefährliche Worte irgendwie anders.

Mit Wir grenzen wir uns von denen ab, die nicht Wir sind. Und mit hier von denen, die woanders sind. Denn mit Wir hier meinen wir selten alle, weder alle Menschen noch alle Wesen auf dieser Erde.

Mit Wir hier stellen wir Bedingungen. Wir, die wir hier dies und das miteinander erleben, erschaffen, die wir einander auf die eine oder andere Weise nützlich sind, Beziehungen spielen lassen. Und ja, natürlich stellen wir Bedingungen. Bedingungslos? Das wäre ja noch schöner!

In den letzten Tagen ist dieses Wir-gegen-Die beinahe eskaliert. Und ich gebe zu, dass auch ich mich da und dort habe mitreißen lassen. Wir hier im Fediversum gegen die dort auf Twitter. Auch ich habe versucht, Menschen auf Twitter meine neue Heimat Fediversum schmackhaft zu machen und sie vor den bösen Worten derer, die das kleine Feine nicht zu würdigen wissen, zu beschützen. Ich weiß es ja schließlich besser, ich weiß, dass das Fediversum ein guter Ort ist, auch wenn er sich nicht auf Anhieb jeder und jedem erschließt, auch wenn zuerst ein paar Schwellchen überwunden werden müssen. Aber dann, wenn du erstmal dort bist, dann …

Ich habe mir den Mund fuselig geredet, weil ich meine Lieben aus den Fängen des proprietären, alles fressenden Monsters E. M., der Twitter gekauft hat, reißen wollte. Beste Absichten hatte ich, liebe Menschen geradezu vor dem Untergang zu retten. Dennoch schoss ich zuweilen übers Ziel hinaus. Na ja, irgendwann habe ich es zum Glück gemerkt. Und mich erinnert, denn wenn ich im Laufe meines Lebens etwas gelernt habe, dann dass sich niemand gegen seinen Willen retten lässt. Freier Wille und so.

Ich denke dieser Tage viel nach: Was genau suchen wir eigentlich in den Sozialen Medien? Tief innen. Aufmerksamkeit? Sehen und gesehen zu werden? Austausch? Nun ja, wem es um viele Klicks geht, um viel Aufmerksamkeit, um viel Publikum geht, wer seine Posts nach Gesetzen der Nützlichkeit für seine Anliegen publiziert, wird vielleicht tatsächlich im Fediversum nicht glücklich. Im Fediversum läuft nämlich alles ganz ohne Algorithmen streng chronologisch. Die neusten Posts sind ganz zuobert. Posts, die geboostet ­ – heißt: geteilt – werden, bekommen mehr Aufmerksamkeit als jene, die von den Lesenden mit einem Stern versehen werden. Der Stern heißt alles Mögliche. Zum Beispiel Das gucke ich mir später in Ruhe an oder Das berührt mich.

Die Anzahl der Sterne, die ein Post – ein Toot, ein Tröt – erhält, ist ohne Bedeutung. Hier kommt nicht der oder die mit der lautesten Stimme weiter, sondern Menschen, die über Dinge schreiben, die von vielen gelesen, gemocht und geteilt werden.

Ich gestehe, dass ich trotz bester Absichten erst beim dritten Anlauf ‚warm‘ mit Mastodon geworden bin. Angemeldet habe ich mich dort bereits vor über vier Jahren. An den Anlass des Massenexodus von Twitter zu Alternativen erinnere ich mich nur noch vage, doch ich wollte bereits damals Twitter verlassen. Auf Ello und Mastodon fand ich einen Zweit- und Drittwohnsitz. Damals konzentrierte ich mich mehr auf Ello als auf Mastodon, weil die Menschen, die ich dort fand, damals mehr zu mir passten. Auf Ello fand ich eine eher künstlerische, sprachaffine Blase, während ich auf Mastodon kaum Menschen mit ähnlichen Interessen antraf. Vermutlich, weil ich zu wenig suchte, zu wenig fragte, mich zu wenig einbrachte fand ich auf Mastodon vor allem IT-affine Techniknerds. Bestimmt hat es schon damals dort Menschen gegeben, die über Alltägliches redeten.

Die meisten Menschen, die damals mit mir Twitter verlassen wollten, sind doch wieder zurückgekehrt. Auch ich wurde wieder auf Twitter heimisch, es war wohl neben der Bloggosphäre mein längstes virtuelles Zuhause, zumal ich dort im Laufe der Jahre viele Menschen kennen und schätzen gelernt hatte – auch persönlich. Ich lebte ich einer Blase mit vielen Schnittmengen und Themen und pflege regen Austausch über Sprache, Literatur, Politik und Alltägliches.

Doch allmählich veränderte sich der Wind. Vor oder während der ersten Pandemiejahre wurde der Ton immer harscher. Ich schrieb immer weniger Persönliches, teilte dafür immer mehr Infos zu diesem oder jenem Thema. Fast unmerklich geschah das. Meine Timeline zu lesen überforderte mich längst, irgendwann hatte ich ein paar wenige Lieblingsleute in eine Liste gepackt und las Twitter nur noch innerhalb dieser Liste.

Im Frühling, als sich E. M. überlegte, Twitter zu kaufen, beschloss ich, meinen vier Jahra alten Mastodon-Zweitwohnsitz als Hauptwohnsitz zu reanimieren und Twitter zum Zweitwohnsitz zu machen. Nicht, weil es gerade alle taten und das chic war, sondern weil ich dringend etwas anderes brauchte.

Ich sehnte mich nach einem Ort, wo miteinander nicht aneinander vorbei gesprochen wurde. Nicht nur debattiert, diskutiert, geschrieen, sondern geredet, einander zugehört. Ich sehnte mich nach einem Netzwerk, nach Reden ohne Goldwaage, mit Respekt. Und mit Humor. Nach mehr Netzwerk und weniger Medium sehnte ich mich. Dass mir – von Anfang an schon – der Open Source-Gedanke hinter dem Fediversum gefiel und noch immer gefällt, muss ich wohl nicht extra erwähnen? Ich arbeite ja schon seit vielen Jahren gern mit Linux (Ubuntu) und seinen vielen Open Source-Programmen und möchte nicht mehr tauschen.

Also versuchte ich vor einem halben Jahr, mich auf Mastodon einzurichten. Technisch war bald alles klar, doch inhaltlich war ich die erste Zeit überfordert. Wem sollte ich bloß folgen? Jene, die ich vor vier Jahren abonniert hatte, waren größtenteils gar nicht mehr da. In meiner noch verbliebenen Timeline wurde hauptsächlich nerdisch gesprochen oder dann waren es Leute, die sich untereinander schon so gut kannten, dass ich mich da unmöglich einfädeln und reingrätschen konnte und wollte. Don‘t stopp a running system. Heute weiß ich: Doch, das hätte ich gedurft.

Es war eine Zeit der Unsicherheit. Ich fühlte mich so unendlich neu hier, einsam, unsichtbar. Doofe Pausenhofgefühle. Bis ich irgendwann begann, Fragen zu stellen. Und da und dort auf Posts zu reagieren. Manchmal kam etwas zurück und ich begann jenen zu folgen, deren Posts mich ansprachen. So wuchs meine Timeline und schließlich fand ich nach und nach über Hashtags (mit Themen wie Bücher, Lesen, vegan etc.) Menschen, die ich gern las und mit denen ich je länger je mehr ins Gespräch kam. Über Alltägliches ebenso wie über zutiefst Existentielles. Was ich ganz besonders mag an Mastodon: Mitten in einem Gespräch, das immer persönlicher wird, kann ich bei jedem meiner Posts entscheiden, ob es für andere oder nur für Folgende, womöglich sogar nur für die Person, mit der ich gerade spreche, sichtbar ist.

Nein, es war wirklich keine einfache Zeit. Phasenweise fühlte ich ich überhaupt nicht mehr irgendwo zugehörig. Dort nicht mehr, hier noch nicht. Aber ich wollte es. Ich wollte wirklich Teil dieses Netzwerks werden. Ich sehnte mich danach, außer meiner analogen Welt, wieder einen Ort des Austauschens zu haben, einen virtuelle Raum, wo immer jemand zum Schwatzen, Trauern oder Lachen aufgelegt ist.

Allmählich stelle ich fest, dass mein Selbstschutzpanzer, den ich mir auf Twitter zugelegt hatte, nicht mehr so dick ist, dass ich wieder weicher und vertrauensbereiter geworden bin. Ich erholte mich von den Blessuren und begann mich wieder menschlich unter Menschen zu fühlen (jaja, ich übertreibe hier ein wenig). Vielleicht darum ertrage ich Twitter je länger je schlechter. Ich ging bis vor kurzem immer nur schnell gucken, was meine Lieblingstwitternden schrieben, teilte ab und zu etwas, das mir wichtig war und gut. Kaum mehr persönliche Posts.

Im Mai habe ich innerhalb von Mastodon die Instanz gewechselt und bin nun auf einem Server, dessen Inhaber ich persönlich kenne. Das ist ein gutes Gefühl. Theoretisch hätte ich meine ganzen Follower mitnehmen können, doch ich beschloss, dort bei Null anzufangen. Natürlich bin ich manchen wieder gefolgt, doch es war dennoch ein Neuanfang, denn alle, die mir folgen wollten, mussten mich neu abonnieren. Bei Twitter wusste ich schon gar nicht mehr, wem ich warum gefolgt bin und wer mir warum. Schon wieder dieses Nützlichkeitsdenken!

Heute abonniere ich Menschen unter dem Kriterium, wer mir gut tut. Mit wem kann ich gut? Die ist mir sympathisch. Der hat einen guten Humor.

Ich gestehe mir ein, dass das hier eine Art Fluchtort ist. Hier will ich nicht in erster Linie – shameonme – über Schrecken, Krieg und Katastrophen lesen. Obwohl diese Themen hier auch vorkommen, natürlich, doch hier kann ich besser dosieren, da heikle Themen idealerweise mit einem CW (Content warning) und heikle Bilder mit einer NSFM-Marker versehen werden – wer trotzdem lesen und gucken will, kann die Texte und Bilder durch Draufklick öffnen. Wir nehmen Rücksicht auf anderem, denn wir dürfen uns schützen. Doomscrolling nützt niemandem und mitfühlen können wir auch dann, wenn wir nicht ständig über Katastrophen lesen.

Seit Twitter verkauft worden ist, ist es für mich übrigens auch eine politische Haltung und ich bin soo kurz davor, meinen Twitteraccount zu löschen. Ich entscheide selbst, wo und wie ich mich vernetze.

Wir brauchen Orte, wo wir aufatmen, wo wir Quatsch machen und lachen können. Und philosophieren. Reden miteinander. Und diesen Ort habe ich auf Mastodon gefunden. Ich teile ihn gern und wünsche mir, dass ihn andere ebenfalls finden können. Wir alle brauchen solche Orte. Je länger je mehr.

Buchstaben, aneinandergereiht

Der Emil trägt die Schuld. Zum einen hat er mich neulich auf Elfchen* gebracht und zum anderen fragte er kurz darauf nach unseren schulischen Erfahrungen mit dem Aufsätzeschreiben. Darum versuche mich wieder einmal an dieser Buchstaben-Kreativität, die mir früher so leicht gefallen ist.

»Immerhin ein Elfchen«, sagte ich vor wenigen Tagen zum Liebsten, als wir am Telefon über unsere brachliegende Kreativitäten klönten, »ein Elfchen könnte ich wieder einmal versuchen.«

Wir hatten eben über orthographisch falsche Fremdsprache-Übersetzungen im Kontext mit Sprachkunst philosophiert – wo doch heute eine schnelle Verifizierung so einfach ist  – und auf einmal spinntisierten wir an einer unserer alten Ideen herum, nämlich einen Ur-Text via Translate-Software in mehrere verschiedene Sprachen und am Schluss wieder ins Deutsche übersetzen zu lassen. Stille Post sozusagen.

Ich kann übrigens keine Elfchen. Das hier ist nur eine abstrakte Spielerei.

Urtext:
Aufsatz
setzt auf
müpfig oder froh
immer wieder voller Zweifel
Wert

Persisch:
مقاله
بر اساس
شاد یا خوشحال
همیشه پر از شک و تردید
ارزش

Schwedisch:
Artikel
Baserat på
glad eller glad
Alltid full av tvivel
Värde

Japanisch:
論文 に基づく 嬉しいか嬉しいか いつも疑問でいっぱい 価値

Französisch:
papier
basé sur
heureux ou heureux
toujours plein de questions
la peine

Italienisch:
carta
basato su
felice o felice
sempre pieno di domande
la penalità

Deutsch:
Papier
bezogen auf
glücklich oder glücklich
immer voller Fragen die
Strafe

Urtext:
Aufsatz
setzt auf
müpfig oder froh
immer wieder voller Zweifel
Wert

Faszinierend, wie der Aufsatz zu Papier geworden ist und das Müpfige glücklich. Und wie ein Bezug zwischen Papier und Glück enstand. Aus Zweifel wurden Fragen und aus Wert Strafe. Sprachen spiegeln ganze Welten, Gesellschaften, Kulturen. Wörter lassen sich eben nicht 1:1 übersetzen ohne die Kenntnis ihrer inneren Architektur. Was zu beweisen war.

Dennoch: Ich mag die neue Fassung meines Ur-Textes. Obwohl meine Erfahrungen mit Aufsätzen absolut nichts mit Strafe zu tun hatten. Im Gegenteil. Außer dem Zeichenunterricht war mir Deutsch immer das liebste Schulfach und meine Noten entsprechend gut. Am liebsten war mir der Deutschunterricht, wenn wir Aufsätze schreiben sollten – und zwar von der ersten Klasse an bis hin zum Fachhochschulabschluss. Ob nun daheim oder während der Stunde war dabei egal.

Die Aufsatzhefte meiner Pflichtschulzeit liegen in einer Bananenkiste. Analoge kleine Schätze. An viele Texte erinnere ich mich noch genau. Wie ich mich gefühlt habe als ich sie geschrieben habe.

Damals, als Zweiklässlerin, hatte ich eines Tages realisiert, dass ich eine der wenigen oder gar die einzige war, die schon zwei- oder dreiseitige Texte schrieb, und erschrak. Und ich schämte mich sogar ein wenig, da ich doch keine Streberin sein wollte. Und wenn die Lehrerin meine Aufsätze vorlas, war es mir auch immer ein wenig peinlich. Schreiben war nämlich fast eine Art geheimer Vorgang für mich, sehr persönlich, sehr intim. Ich hätte allerdings als Drittklässlerin viel dafür gegeben, einmal heimlich alle Aufsätze von allen Klassenkamerad*innen lesen zu dürfen. Dafür benied ich meine Lehrerin.

Ich stellte mir vor, was sie alles über uns erfahren hatte, nachdem sie unsere Ferienberichte, unsere Erörterungen oder unsere Fantasie-Geschichten gelesen hatte. Manchmal mogelte ich allerdings beim Schreiben, wenn es um Familiensachen ging, um unsere Armut zu kaschieren. Einmal, das muss auch in der dritten Klasse gewesen sein, sollten wir einen Aufsatz darüber schreiben, was wäre, wenn wir xyz (frei wählbarer Gewinn) gewonnen hätten. Eine Million zum Beispiel. Ich erinnere mich noch, dass ich im Aufsatz Geld gewonnen und das meiste Geld auf die Bank gebracht hatte. Aber natürlich bekamen wir alle – meine Eltern, meine Geschwister und ich – je hundert Franken. Das war damals für mich schon eine unvorstellbar große Summe und ich schrieb wohl in meinem Aufsatz, was ich mir davon gekauft habe. Allerdings kann es nichts Spektakuläres gewesen sein, denn ich habe es vergessen. Vermutlich eine Hose aus dem Laden – nicht von der Mutter genäht – oder einen Pulli ohne Flicke. Was sich meine Lehrerin da wohl über unser Haushaltbudget ausgerechnet hatte?

Später schrieb ich sogar freiwillige Aufsätze. In der Fachhochschule legte ich diese dann meinem Deutschlehrer vor. Nein, der war nicht jung und hübsch, und ich wollte ihn auch nicht beeindrucken. Im Gegenteil war er eher alt – ich vermute mal über fünfzig – und er schielte. Aber genau darum hatte ich ja auch keine Angst vor ihm und wir diskutierten meine Texte sehr angeregt. Fällt mir ein, dass ich damals ein Erich Kästner-Gedicht auf Schweizerdeutsch übersetzt hatte. Wir fanden, dass es sich fast wie ein Mani Matter-Lied lese. Uns gefiel das.

Ha. Und so sind wir also wieder bei der Übersetzerei gelandet. Ist Sprache letztlich nicht immer Übersetzung? Von innen nach außen und wieder zurück?

In ’Vom Ende der Einsamkeit’ von Benedict Wells sagt jemand  sinngemäß –  Jules oder Alva vermutlich – dass Denken in Reden münde und Fühlen in Schreiben. Damit identifizierte ich mich sofort.

Vielleicht brauche ich ja das Schreiben, um den Gefühlen zu lauschen, die beim Reden zu Boden fallen?


*Das Elfchenschema (nach Wikipedia)

Zeile Wörter Inhalt
1 1 Ein Gedanke,ein Gegenstand, eine Farbe, ein Geruch o. ä.
2 2 Was macht das Wort aus Zeile 1?
3 3 Wo oder wie ist das Wort aus Zeile 1?
4 4 Was meinst du?
5 1 Fazit: Was kommt dabei heraus?

Stichwort Snowflake

In der Seitenleiste dieses Blogs findet ihr übrigens meinen kleinen Beitrag zur Umgehung von politischer Zensur, wie sie aktuell in Iran und in vielen anderen Ländern praktiziert wird.
Macht auch mit, gerne, falls es möglich ist.

Weiterführende Informationen und eine Anleitung findet ihr hier:
snowflake.torproject.org
und hier
Youtube.com

Er radelt wieder

Er radelt sogar schon fast eine von geplanten knapp drei Wochen. Von Herrn Irgendlink ist die Rede. Seine Fernrad-Reiseblog-Projekte waren vor der Pandemie geradezu legendär. Mitreisen konnten alle, die Lust auf velosophische Radabenteuer zwischen Nordkap, Gibraltar, Bodens- und Nordsee und um das eine oder andere Bundesland hatten. Lesend konnten wir ihn begleiten – im Blog und auf Twitter. Und dann kam die Pandemie.

Vor dem Lockdown hatte er geplant, ein drittes Mal innerhalb von zwanzig Jahren, nach Andorra zu radeln, um herauszufinden, wie sich das Land und der Weg verändert haben. Doch dann kam ihm der Lockdown dazwischen. Diesem jedoch verdanken wir zwei fiktive Reisebücher, die sich lesen, als wäre der Reisekünstler höchstpersönlich unterwegs.

Sehr sehr lesenswert:
1. Zweibrücken-Andorra, die Dritte.
2. Radlantix

Die pandemische Lage lässt es inzwischen wieder zu, dass er das im Sommer 2019 wegen Starkregen und Überschwemmungen abgebrochene Reiseprojekt #Umsland/Bayern weiterführen kann.

Kommt alle. Reist alle mit.

Reiserad geleht an rote Metallbank auf Brücke, vor Fluss und Bergen im Hintergrund, darüber Blauhimmel

Hier gehts zum verbloggten E-Book der 2018 und 2019 erradelten Streckentexte.

In seinem täglichen Blog servieren wir euch wieder Texte und Bilder in gewohnter Manier. Ich bin erneut als Homebase an Bord und füttere euch mit Kartenlinks und kleinen abendlichen Zusammenfassungen.

Ich stelle fest, dass mir dieses Mitreisen sehr gut tut. Ein wenig Altes im Neuen, ein Stück Heile Welt, ein bisschen Frieden im Alltag, der von Krisen geprägt ist.

Ausgelesen #40 | Blauwal der Erinnerung von Tanja Maljartschuk

Das Ende am Anfang. Eine namenlose Ich-Erzählerin hat in alten ukrainischen Zeitungen einen Nachruf gefunden. Neugierig geworden besucht sie im Nordwesten der Ukraine in einem kleinen Dorf das Museum, das ebenjenem einst berühmten politischen Philosophen und Publizisten Wjatscheslaw Lypynskyj gewidmet ist. Dieser hatte sich zeitlebens für eine freie Ukraine eingesetzt. Am Tiefpunkt einer schweren Lebenskrise findet die Erzählerin Halt darin, Lypynskyjs Leben zu ergründen, da sie trotz ihrer sechs veröffentlichten Bücher, «die kaum jemand braucht», feststeckt.

Das Buchcover zeigt im oberen Drittel die Fotografie einer Blauwalschwanzflosse, Darüber der Autorinname. Unter der Flosse öffnet sich das weiße Titelblatt wie längst aufgeschnitten. Darüber steht der Buchtitel in leichten, schwarzen Buchstaben. Die Erzählung mäandert zwischen diesen zwei Menschen, die Verluste, Krankheiten und eine selbstzerstörerische Leidenschaft für die eigenen Überzeugungen verbinden. Außerdem sind beide heimat- und wurzellos, von der Liebe enttäuscht und seelisch wund. Unvergleichlich intensiv schreibt die Autorin Tanja Maljartschuk über das Leben mit Depression und Angststörung.

Die in der Ukraine geborene Autorin, die heute in Wien lebt, erzählt in ihrem Roman sehr bildhaft zwei Geschichten von Entwurzelung, die sich immer wieder schmerzhaft berühren. Darüber hinaus ist «Blauwal der Erinnerung» auch eine hochaktuelle Geschichte vom Kampf der Ukraine um Unabhängigkeit.


Roman von Tanja Maljartschuk, 2019
Kiepenheuer & Witsch
Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck

  • Hardcover
    288 Seiten
    ISBN: 78-3-462-05220-6
    22,00 € inkl. MwSt.
  • eBook (epub)
    ISBN: 978-3-462-31958-3
    18.99 €
  • Taschenbuch
    288 Seiten
    Erscheint am 09.06.2022
    14,00 €
    ISBN: 978-3-462-00418-2

Aufbruchstimmung, Neuanfang

Es gelingt uns nicht, dauerhaft im Krisenmodus zu leben. Vermutlich, von mir auf andere schließend, versuchen wir auch unter widrigsten Umständen eine Art Routine oder Normalität herzustellen, um mental zu überleben. Vermutlich eine von vielen Strategien, um nicht durchzudrehen..

Ich denke oft, sehr oft, an all die Menschen weltweit, die im Krisenmodus leben müssen. Und wie sie das wohl tun. Und ich denke über Umverteilung nach. Über soziale Gerechtigkeit. Über Frieden und wie er erreichbar wäre.

Schon eine ganze Weile fühle ich mich auf Twitter und FB nicht mehr so wohl wie auch schon. Zwar treffe ich dort liebgewordene Menschen, doch es ist laut und voll geworden, oft auch aggressiv. Und jetzt hat doch tatsächlich so ein reicher Sack Twitter gekauft.

Doch das ist nur einer von vielen Gründen, warum ich mich nach einer Alternative zu Twitter umschaute und mich an meinen Zweitwohnsitz erinnerte.

Vor ein paar Jahren schon hatte ich mir nämlich eine kleine Wohnung auf Mastodon eingerichtet**. An sie erinnerte ich mich vorgestern Abend. Gestern dann schwang ich dort den Putzlappen und den Kehrbesen und entstaubte die Regale. Ich schuf Platz für neue Kontakte und beschloss den Umzug. Schleichend. Jedes Mal eine Kiste mitnehmen will ich. Von da nach dort. So dass vielleicht irgendwann Twitter der Zweitwohnsitz sein wird.

Klingt undankbar, ich weiß, denn ich mag Twitter. Oder besser: Ich mag das, was es mal war. Und das, was es in meiner kleinen Bubble noch immer ist. Aber ich mag den ganzen Tanz um das goldene Kalb nicht, wozu die großen Sozialen Netzwerke je länger je mehr geworden sind.

Am liebsten wäre es mir ja, wenn all die lieben und vertrauten Menschen von Twitter mit mir –besser noch: vor mir – zu Mastodon umziehen würden. Doch warum warten? Also sagte ich zu mir: Sei du selbst die Veränderung und warte nicht, bis die anderen auch kommen.

Ich mag die Umgebung auf Mastodon sehr. Optisch ist es viel ruhiger. Außerdem ist es Open Source, dezentral, außerdem unkommerziell und frei von Werbung.

Wie überall muss eine*r da natürlich erstmal reinwachsen. Und am besten nicht vergleichen. Nicht mit Twitter, nicht mit FB.

Kaum hatte ich ein paar erste Sätze getrötet – ja, so heißt das dort – wurde ich von da und dort herzlich willkommen geheißen. So geht das. Es fühlt sich so an, als wären wir alle zusammen in einem Landschulheim gelandet und würden uns jetzt umschauen und miteinander das neue Haus erforschen.

So ähnlich, ich erinnere mich, fühlte es sich damals auf Twitter an, als ich langsam dort angekommen bin. Ein bisschen desillusionierter bin ich wohl geworden seither, aber da ist dennoch eine Zuversicht. (Wider alle Vernunft, denn Menschen sind eben wie sie sind.)

Gerade ist da viel Dialog. Viel Fragen und Antworten und Sich-Kennenlernen. Aufbruchstimmung. Neuanfang. Wohltuend friedliches Zusammensein. So, wie es eben sein sollte. Und ja, natürlich wird über Weltpolitik geschrieben, nichts wird ausgeblendet.

Aber der Ton!

Ich mag das.


**Hier lang geht’s zu meinem Mastodon-Konto.

Bei Mastodon gibts nicht den einen zentralen Anbieter, die eine bestimmte Plattform, sondern viele dezentrale Instanzen. Eine Übersicht über die deutschsprachigen gibt es hier (Klick).

Eine kleine erste Einführung: joinmastodon.org

Anmelden und loslegen.

Was alles nicht sein kann

Was alles nicht ist, aber sein könnte, wenn.
Unendlich viele ungelebte unlebbare Parallelleben.

Was wäre aus dem jungen Mann, der später mein Vater wurde, geworden, wenn er nicht die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges, mit 18 oder 19, zur Rekrutenschule eingezogen worden wäre, um die Schweizer Grenze im Tessin zu bewachen?

Was wäre aus der jungen Frau, die später meine Mutter wurde, geworden, wenn sie nicht jene einschneidenden, übergriffigen Erfahrungen gemacht hätte, über die sie nie gesprochen hat und die ich darum nicht wirklich ermessen kan?

Was wäre aus der jungen Frau, die ich einst war, geworden, wenn sie nicht jenem einen Menschen begegnet wäre, dessen traumatisierende Handlungen ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt haben – und zwar so nachhaltig, dass sie noch immer daran leidet?

Was wäre aus dem jungen Menschen geworden, wenn er nicht diesen schlimmen Infekt bekommen hätte, der zu einer schweren chronischen Erkrankung wurde, die ihn nun schon seit vielen Jahren ausbremst?

Was wäre aus der jungen Frau geworden, wenn bei ihrer Geburt die richtigen Maßnahmen hätten ergriffen werden können? Ob sie heute gehen könnte und wie dann ihr Leben aussähe?

Was wäre aus dieser jungen Mutter geworden, die nun mit ihren zwei Kindern in einem kleinen deutschen Dorf sitzt, fernab von ihrem Mann, dem Vater ihrer Kinder, der sein Land vor russischen Soldaten verteidigt?

Was wäre aus diesem junge Mann geworden, der mit einer Waffe ausgestattet gegen seine tiefe pazifistische Überzeugung in einen Krieg geschickt wurde, den er nicht will?

Und vergessen wir die Tiere und Pflanzen nicht, denn was wären wir ohne sie!
Was wäre aus all diesen Hühnern, Schweinen, Kälbern geworden, wenn Menschen sie nicht in Schlachthäuser gebracht hätten, um ihren Fleischhunger zu stillen?

Was wäre aus all diesen Bäumen geworden, wenn Menschen sie nicht gefällt hätten, um an ihrer Stelle Häuser, Straßen oder Monokulturen anzubauen?

Gestohlene, verlorene Leben nenne ich das für mich.

Wir alle, jedenfalls fast alle, haben gestohlene, verlorene, nicht wahrgenommene Möglichkeiten. Kleinere und größere. Und je nachdem, wann diese Ereignisse eintreten und mit welcher Wucht, kann das unsern ganzen Lebensentwurf grundlegend verändern.

Letztlich ist es Zufall, ob wir ein Leben in Würde führen können.
Es ist Zufall, wo wir geboren werden, mit welcher Hautfarbe, mit welcher gesundheitlichen Konstitution, mit welcher mentalen Ausstattung, mit welcher sexuellen Präferenz, mit welchen Talenten.
Es ist Zufall, ob wir dort, wo wir geboren wurden, entsprechend unserer Identität leben können.

Manche von uns schaffen es trotz schlimmster Voraussetzungen ein gutes, ein zufriedenes Leben zu leben.
Manchen fehlen dazu die Kraft und die Fähigkeit.
Anderen das Vertrauen.
Vielen die Perspektive
Fast allen die Liebe.

Was wohl aus all diesen Kindern wird, die heute irgendwo auf dieser Erde unterwegs auf der Flucht sind – vor einem Krieg oder weil ihr Land verdorrt ist, überschwemmt, unbewohnbar geworden?

Was wäre, wenn?
Wäre das andere, das ungelebte, das unlebbare Leben ein besseres?

Leben im Konjunktiv.
Anders geht nicht.
Leben in der Vorläufigkeit.
Weil Leben nie zuverlässig, nie vorhersehbar ist.

Der Traum vom Ideal.
Die Sehnsucht nach Freiheit.
Der Wunsch nach Zufriedenheit und HappyEnd.

Nichts davon haben wir auf sicher.

Vom Sich-Irren

Verstehen ist wirklich nicht immer einfach und missverstanden und missinterpretiert ist schnell. Dass also der Arzt der Kollegin der Frau vorm Kiosk wirklich gesagt haben soll, Maskentragen mache krank, glaube ich zum Beispiel nicht wirklich. Dass Maskentragen krank machen soll, glaube ich ebensowenig wie dass der Arzt es so gesagt und so gemeint hat. Eher glaube ich, dass der Arzt der Kollegin der Frau vorm Kiosk einen kausalen Zusammenhang zwischen der aktuell steigenden Zahl von Erkältungsinfekten und der Abschaffung der Schutzmasken sieht. Möglicherweise hat er sogar gesagt, dass uns die Masken verwöhnt und unser Immunsystem in den Pause-Modus versetzt haben, weshalb nun die Abwehrkräfte noch schlafen. So irgendwie stelle ich es mir vor.

Aber die Frau vorm Kiosk beharrt weiter darauf, dass Masken krank machen. Ich trete immer wieder einen Schritt zurück, da ich Abstand halten will, doch sie rückt nach.

Sie hat mit der Frau hinter der Kioskscheibe geschwatzt, als wir um die Ecke biegen, weil der Liebste Guthaben für seine Schweizer Handy-SIM-Karte kaufen will. Die Frau vorm Kiosk macht Irgendlink Platz und sagt zu ihm, er brauche keine Maske aufzuziehen. Dieser nickt ihr freundlich zu und behält seinen Covid-Schutz trotzdem vorsorglich auf. Zumal er ja noch nicht mit Sicherheit sagen kann, ob er sich auf der Zugreise* infiziert hat. Er schützt also nicht nur sich, sondern auch andere.

Die Frau stellt sich daraufhin neben mich, die ich in sicherem Abstand zum Kiosk wartend keine Maske trage und erzählt mir von ihrer ärztlich abgesegneten Theorie, dass Masken krank machen. Weil es doch der Herr Doktor ihrer Kollegin, die im Migros an der Kasse arbeitet, so gesagt hat. Gesagt haben soll. Ich rolle innerlich mit den Augen und erkläre, dass sie da vermutlich etwas falsch interpretiert haben könnte und natürlich finden wir keinen gemeinsamen Nenner; und sie beharrt darauf, dass der Arzt es wirklich genau so gesagt hat. Masken machen krank, das hat er gesagt.

Ich weiß, dass ich mich nicht auf solche sinnlosen Diskussionen einlassen sollte. Es bringt nichts. Die Frau sagt nun, dass sie Covid eh schon gehabt habe. Und dass es nicht so schlimm sei, wie alle behaupten.

(Wieder einmal fällt mir auf, dass jede*r Coviderkrankte von sich auf alle schließt: War es eine leichte Erkrankung ohne Nachhall, ist Covid generell harmlos und wird maßlos übertrieben. Nur wenn die Erkrankung schlimm war, wird Covid ernst genommen. Die Harmlos-Variante ist zum Glück die häufigere, aber daraus zu schließen … ach, ihr wisst das alle selbst.)

Ich sage zur Frau vorm Kiosk, dass sich auch ein Arzt irren kann. Falls er es denn wirklich so gesagt und so gemeint haben sollte.

Zum Glück kommt Irgendlink nun und wir verabschieden uns von der Frau vorm Kiosk, die mir immerhin darin recht gibt als dass sich alle mal irren können. Wobei sie mich meint. Und ich sie.

Und damit ist eigentlich die aktuelle Lage der Welt ziemlich gut erklärt.

 


*siehe letzten Artikel. Inzwischen sagt ein negativer Test, dass sich Irgendlinks Maskentragerei im Zug wohl gelohnt hat.