Zürich mal wieder

Aus medizinischen Gründen war ich gestern wieder einmal in Zürich. Nach meinem Termin bin ich noch ein wenig rumgebummelt. Es zog mich an den See, wo es dann aber sehr laut war, Verkehr und Menschen …

Am Bürkliplatz esse ich mein Müesli fertig und spaziere anschließend zur Nationalbank. Ha. Ja, ich! Nationalbank! Das ‚Zentrum der Macht‘. Meine alte Hundertfranken-Note, die ich neulich beim Aufräumen gefunden hatte, lässt sich eben nur in einer Nationalbank gegen heute gültiges Geld tauschen. Man muss sich jetzt diese eh schon reiche Stadt vorstellen. Und jetzt noch Region Bahnhofstraße. Kreis 1. Die Börsenstraße mit ihren alten, palastähnlichen Gebäuden. An der Bank hängt außen nirgends ein Schild. Nichts deutet von außen daraufhin, dass das jetzt die Nationalbank ist. Und nirgends ein Hinweis auf den Eingang, außer du stehst direkt vor der Tür. Ohne Navi hätte ich den Eingang nicht gefunden. Stehst du allerdings vor der Tür, geht sie von alleine auf. Im Entrée ein Butler (oder ein Security-Mensch?) der sich nach deinem Anliegen erkundigt und dir sagt, wann du das Allerheiligste betreten darfst. Am Schalter ziehe ich mein Portemonnaie hervor und kurz darauf bekomme ich als Tauschmittel ein paar neue bunte Scheine. Juhu, mein Überleben ist für diesen Monat wieder einmal gesichert.

Ich spaziere der Limmat entlang zur Münsterbrücke, wo ich die Limmatseite wechsle und so erleichtert das ‚Zentrum der Macht‘ verlasse. Beim Frauenbad bin ich, da ich das Badezeug dabei habe, kurz versucht, mir ein Limmatbad zu gönnen, doch dann fällt mir ein, dass ich ja in Zürich bin, wo alles kostet. Geld kostet. Viel Geld kostet. In Bern sind – oder waren jedenfalls damals, als ich dort lebte – alle öffentlichen Freibäder kostenlos. Drüben, im Niederdorf, im Dörfli, spaziere ich einfach rum und lasse mich treiben und Erinnerungen auftauchen. Da haben wir damals und dort haben wir. Und hier war doch! Erinnerungen an Gespräche mit M., M. und H. und wie sie alle hießen … Gedanken an eine Lebensphase, in der ich, verglichen mit heute, doch ganz schön unbeschwert war. Nicht immer einfach war mein damaliges Leben, aber leichter war manches damals schon.

Es wuselt ganz schön in Zürichs Lieblingstouriquartier und nach einer Weile suche und finde ich eine stille Ecke, oder eine stille Runde, nämlich eine runde Bank, um einen Baum herum gebaut, wo ich eine längere Pause mache. meine neuen Broschüren lese und picknicke.

Und jetzt? Weiter Richtung See und baden? Oder zurück, nach Hause? Ich bin müde, es wird immer heißer und mich zieht es nach Hause. Auf dem Rückweg ist es noch wuseliger. Mittagspause-Zeit. Es ist laut, aber es geht. Ich gucke, ich fühle, ich denke und lasse das alles auf mich wirken. Da der Mann, der im Brunnen sitzt. Dort dies. Hier das. Viele Eindrücke. Fast alle so flüchtig, dass ich sie bereits wieder vergessen habe, wenn ich eine Häuserzeile weiterspaziert bin.

Am Bahnhof wähle ich den Weg durch die Bahnhofshalle, denn ich will den Nikki de Saint Phalle-Engel mal wieder besuchen.

Hier ein paar Impressionen, einfach so für mich als kleine Erinnerung daran, dass ich wieder einmal dort war, wo ich einst gelebt habe.

Was wäre wenn?

An einem Sonntagmorgen früh aufwachen – na ja, immerhin ist es schon nach acht Uhr, aber ich bin erst um halb zwei ins Bett – und von der Dringlichkeit beseelt und bedrängt sein, zu schreiben. Das hatte ich schon lange nicht mehr. Schreiben, drauflosschreiben, schreiben, was mir gerade alles durch den Kopf geht, Tagebuchschreiben.

Ich will weiterschlafen, gehe nur kurz aufs WC, wieder ins Bett, aber irgendwie ist es zu warm im Zimmer. Ich schließe das Fenster, von draußen drückt Sommerwärme durch die Holzläden. Es ist sonntagsruhig draußen. Unten, auf der Hauptstraße, ab und zu ein Auto, das als einzelnes Geräusch, nicht als Teil eines diffusen Rauschens wahrnehmbar ist. Auf der Quartierstraße, an der unser Haus steht, ist es still. Keine Stimmen, keine Motoren. Dennoch stopfe ich mir prophylaktisch ein Ohropax ins linke, bessere Ohr. Das rechte, schlechte Ohr braucht meistens keins, außer es ist ganz laut.

Nach zehn vergeblichen Wiedereinschlafversuch-Minuten drückt der Darm, außerdem ist mir zu warm. Sogar ohne Decke. Ich stehe auf, öffne die Holzläden, schließe die Fenster, leere den Darm, hole iPad und externe Tastatur und mache es mir wieder, diesmal sitzend, im Bett bequem. Here I am.

Aufschreiben also. Gedanken zum eben zu Ende gelesenen Buch. Die Unvollendete. Von Kate Atkinson. Noch in meinen allerersten eBook-Lesezeiten – auf dem mir vom Liebsten geschenkten Tolino – hatte ich eine Phase, in welcher ich einige Bücher dieser wunderbaren britischen Autorin verschlungen habe. Das muss sieben oder acht Jahre her sein. Jedenfalls kam mir damals jene kostenlose XXL-Leseprobe von Die Unvollendete genau richtig. Dieser außergewöhnliche Roman dreht sich um eine junge Frau, Ursula Todd, die die Gabe hat, immer wieder geboren zu werden, wenn sie im Laufe ihres Lebens gescheitert und gestorben ist. Leider war es eben nur eine Leseprobe und so konnte ich die Geschichte nicht zu Ende lesen. Doch irgendwann kaufte ich das eBook, das ich dann aber doch nicht weiterlas. Und irgendwann später, als ich vergessen hatte, dass ich mir das eBook ja gekauft habe, stolperte ich antiquarisch über Die Unvollendete in Papierform (fand ich es in einem Bücherschrank?). Doch auch das blieb bisher ungelesen. Bis vor kurzem. Als ich auf so gar nichts Lesbares, das bei mir stapelweise rumliegt, Lust hatte, fing ich damit an, Die Unvollendete endlich zu vollenden.

Ursulas Leben und Sterben. Das erste Mal starb sie gleich nach der Geburt. Doch dann fängt alles nochmals von vorne an. Da capo al fine. Beim zweiten Mal stirbt sie nicht. Das nächste Mal stirbt sie als kleines Mädchen bei einem Sturz aus dem Fenster. Da capo al fine. Geboren 1910 erlebt sie als kleines Mädchen den ersten Weltkrieg, überlebt – allerdings erst beim zweiten und dritten Anlauf – die spanische Grippe, erlebt die Zwischenkriegsjahre, den zweiten Weltkrieg, erschießt Hitler oder auch nicht … Kurz: Was wäre wenn? Das ist das Thema, das mich nicht eben nur ein bisschen berührt, sondern sehr nachhaltig. Es ist ja auch immer wieder mein Thema gewesen.

Ein philosophisches Buch, das Fragen nach Krieg und Frieden, nach Gründen, nach Ursachen und Wirkungen stellt. Carpe diem oder Langfristigkeit? Angesichts der Schrecklichkeit von Kriegen verliert alles Gewohnte seine Bedeutung und anderes bekommt dafür einen Wert, das bis dahin unbeachtet war.

Vieles, was Ursula erlebt, fühlt sich auch aus heutiger Sicht sehr real, sehr aktuell an, so als würden wir gerade in einer ähnlichen Zeit leben wie Ursula in jener Zeit zwischen den Kriegen.

Ursula schließt sich in einer Version ihres Lebens während des zweiten Weltkrieges einer Gruppe von Luftschutzhelfer*innen an, die nach Bombeneinschlägen nach Toten und Verwundeten sucht und vor Ort hilft. Tagsüber arbeitet sie im Innenministerium, wo sie verantwortlich für Statistiken ist und die Schäden des Krieges dokumentiert. Sie ist sehr nahe dran am Kriegsgeschehen, sie packt mit an.

Was würde ich tun? Der Krieg, so wird an einer Stelle – ich glaube von Hugh, Ursulas Vater – gesagt, bringt in den Menschen das Schrecklichste und das Schönste zum Vorschein. Kameradschaft. Freundschaft. Aber eben auch Verrat. Rohe Gewalt. Überleben auf Kosten anderer.

Gestern Nachmittag vollendete ich Die Unvollendete endlich. Wie bei eBooks oft, gibt es am Ende des Buches einige Links. Zum Beispiel einen zur Webseite der Autorin.

Ich scrolle mich durch die englischen Bücher und überlege, welche davon ich – allerdings auf Deutsch – damals wohl gelesen habe und wie der Roman, den ich eben gelesen habe, wohl im Original heißt. Life after life. Ja, das passt.

Ich lese mich ein wenig fest und entdecke, dass das Buch verfilmt wurde. Die vierteilige Miniserie ist letztes Jahr auf Englisch, dieses Jahr auf Deutsch erschienen. Ha. Wenn ich das Buch vor fünf Jahren schon gelesen hätte, hätte ich das mit dem Film bestimmt nicht mitbekommen, zumal die Serie nur im Bezahlfernsehen zu sehen ist. Und zwar ausgerechnet bei Magenta-TV, das ich eh abonniert habe. Ha. Was für ein Glück! Ich habe gestern Abend also vier Stunden das eben zu Ende gelesene Buch gleich nochmals erlebt, diesmal in Farbe.

Eine wie ich finde sehr gut gemachte Literaturverfilmung. Mit ein paar Schwächen, wie immer, aber unterm Strich wirklich sehr gut gemacht.


Link zur Verfilmung: Magenta-TV

Nachgedacht: Über Angst und Mut

Ich denke ja über mich immer mal wieder, dass ich eine Schisserin bin. Und ja, ich habe Angst, vor ziemlich vielen Dingen sogar, rationalen ebenso wie irrationalen. Mehr als vor dem eigene Tod fürchte ich mich allerdings vor dem Verlust von Menschen. Die Aussicht liebe, liebste Menschen zu verlieren, ängstigt mich mehr als der eigene Tod. Auch langes Kranksein ohne Autonomie ängstigt mich mehr als zu sterben.

Heute allerdings will ich nicht über Angst schreiben, sondern über Mut, diesem vermeintlichen Gegenteil von Angst. Inzwischen vermute ich, dass Mut nicht der Gegenpol sondern eine Nachbarin von Angst ist. Denn Angst und Mut sichern zusammen unser Überleben. Vermutlich ist nämlich alldas, was die Welt ausmacht und das wir uns mit Polaritäten erklären, gar nicht so einfach, so monochrom, wie wir es uns vorstellen. Vermutlich ist alles viel vielschichtiger als wir gemeinhin annehmen.

Mut also. Die Erkenntnis kam gestern mitten in einer Geschichte, die ich mir auf dem Bildschirm angesehen habe: Da braucht einer verdammt viel Mut, hinzuschauen, zu reflektieren, sich selbst Rechenschaft abzulegen über das eigene Leben, über Vergangenes, Erlebtes, Erfahrenes und Gegenwärtiges.

So gesehen bin ich also vielleicht ein ziemlich mutiger Mensch.

All die Menschen, die sagen: Ach, das ist doch vergangen. Ach, darüber musst du nicht nachdenken. Ach, vergiss das besser. Ach, ich habe keine Lust, mich mit diesem unangenehmen Thema auseinanderzusetzen oder mit dieser Eigenschaft an mir oder mit diesem Problem oder mit der eigenen Herkunft oder Vergangenheit oder Familie … all diese Menschen, die weggucken, sind nicht eigentlich sie die wahren Schisser und Schisserinnen?

Probiere es aus, bevor du sagst, ich kann das nicht oder ich will das nicht!, hatte sie zu mir gesagt. Ich hatte genau das genau in diesem Moment gebraucht: ihre Ermutigung. Was passiert wäre, wenn ich es nicht ausprobiert hätte, weiß ich nicht. Manchmal sind es große Dinge, die wir ausprobieren sollten, manchmal reicht schon ein kleiner Standortwechsel, und schon sehen wir die Welt aus anderen Blickwinkeln. Wenn wir es denn wagen. Wenn wir etwas Neues ausprobieren. Wenn wir die Ermutigung annehmen. (Nicht immer, denn manchmal werden wir auch über unsere Grenzen hinausgedrängt und dann hilft nur ein klares Nein!)

Es braucht also – wie gesagt – Mut genau hinzuschauen, doch es braucht ebenfalls viel Mut, über die eine oder andere lange gepflegte Gewohnheit oder das eine oder andere Verhaltensmuster nachzudenken. Noch mehr Mut braucht es, uns einzugestehen, dass manche Gewohnheiten und Verhaltensmuster nicht mehr zu uns passen und aus dieser Erkenntnis heraus etwas in unserem Leben zu verändern.

Aber widerspricht
der Mut, mich verändern zu wollen
denn nicht
dem Mut, mich selbst so zu akzeptieren wie ich bin?

Nein, das ist kein Widerspruch, das eine schließt das andere nicht aus. Außerdem kann ich mich ja eh nicht gänzlich verändern und ein*e gänzlich andere*r werden (also hilft da nur Selbstakzeptanz). Trotzdem verändere ich mich stetig, da sich meine Perspektiven auf das Leben und auf die Welt ja stetig verändern, ganz im Sinne eines Reifeprozesses, einer Weiterentwicklung.

Außer ich stagniere und verharre in meinen Gewohnheiten. Was für mich allerdings keine Alternative ist.

Wir selbst sind unsere wichtigsten Baustellen. Hier können wir am meisten verändern und mit uns die Welt.

Die drei Bözberge

Das wünscht eine ja keinem und keiner: Dreimal auf den Bözberg, zweimal von dieser und einmal von jener Seite. Der arme Herr Irgendlink aber auch.

Wir waren gestern Morgen früh wach und dann auch schon vor zehn auf den Rädern, denn der Liebste wollte nach einigen Tagen mit Freund*innen im französischen Jura und einigen Tagen bei mir wieder nach Hause radeln. Etwa 320 Fahrradkilometer, je nach Streckenwahl gern auch mehr. Durchschnittlich 3 Tage nimmt er sich normalerweise Zeit für diese Strecke.

Viel Flachland aber auch ein paar Hügel und Berge gehören dazu. Unter anderem der 569 m. ü. M. hohe Bözberg, mein Hausberg sozusagen. Weil ich Lust hatte und das Wetter noch nicht auf Regen gekippt, radelte ich mit, was ich fast immer tue, wenn Irgendlink wieder heimfährt.

Diesmal lockte mich zusätzlich die Tatsache, dass das einmal jährlich stattfindende Transcontinental-Rennen diesmal von Nord nach Süd durch die Schweiz führt. Außer der Radler oder die Radlerin wählt eine andere Route, um den ersten Parcour – im Tessin/Südschweiz –, den es zu meistern gilt, zu erreichen. Die Routenführung ist den Teilnehmenden freigestellt, ebenso sind sie auch in allen anderen Belangen ganz auf sich selbst gestellt. Essen, Trinken, Schlafen etc. – alles liegt in ihren eigenen Händen. Ein hartes Rennen, das diesmal von Belgien nach Griechenland führt. (Mehr: transcontinental.cc)

An einem Kreisel noch im Tal unten, auf dem unser Radweg die Hauptstraße kreuzte, hatten wir die Radlerin Nummer 99 knapp verpasst, doch als wir auf der Passhöhe angelangt waren, kam uns ein erster Radler entgegen, kurzes Winken und Hallo. Der zweite, Philip Horton, die Nummer 279, hielt extra für uns an, erzählte ein wenig und ließ sich sogar fotografieren und filmen. Klasse!

Irgendlink und ich verabschieden uns. Ich stehe noch ein wenig rum, chatte mit einer Freundin, warte auf den nächsten Radler und will schließlich nach Hause fahren, als ich im Bushäuschen, in dessen Nähe wir gestanden haben, Irgendlinks Handy und seine Lesebrille finde. Oh nein! Ich schreibe ihm sofort eine SMS, dass ich seine Sachen gefunden habe. Sein Handy in meiner Hand bimmelt. Oh. Na ja, es war einen Versuch wert.

Was tun? Der Liebste hat einen Vorsprung von etwa einer Viertelstunde und ich weiß auch nicht genau, welche der möglichen Routen – Radweg A oder B oder vielleicht sogar die Hauptstraße wegen des Rennens? – er genommen hat. Mist aber auch. Ich radle so schnell ich kann die vermutete Strecke. Innerlich immer rufend: »Irgendlink, guck auf dein Handy und stell fest, dass du es vergessen hast. Dreh um, dreh um!«

Ich fahre ca. sechs Kilometer via Gallenkirch runter zum Effinger Bahnhof. Dort wird mir klar, dass ich ihn nicht einholen kann. Wenn es abwärts geht, nützt mir mein Motor wenig. Er hat zu viel Vorsprung. So drehe ich um, diesmal über Linn, und fahre nochmals am Bushäuschen vorbei. Hätte ich doch bloß einen Zettel, dann würde ich jetzt hier hinschreiben, dass ich sein Handy habe. Ist er womöglich bereits auf dem Weg zu mir nach Hause? Oder radelt er ohne Handy weiter? Hat er es überhaupt schon gemerkt?

Wäre ich hier ein bisschen länger stehen geblieben, hätten wir uns vielleicht getroffen, denn der Liebste hatte es bereits gemerkt und war zurück geradelt. Er hatte er sich an Leute gewandt. Da und dort um Telefone gebeten … und schließlich radelte er zur Busendstation und dem dortigen Fundbüro. Leider ohne positives Ergebnis. Er überlegt, dass ich sein Handy vielleicht doch zufällig gesehen haben könnte.

Ich fahre derweilen über die Hauptstraße den Bözberg abwärts und so schnell ich kann wieder nach Hause. Es beginnt zu tröpfeln. In einer Unterführung ziehe ich den Regenponcho über. Es regnet nun richtig stark und ich bin froh, als ich daheim anlange.

Dort entledige ich mich der nassen Sachen und suche nach einer guten Lösung. Was soll ich, was kann ich tun? Ich bezweifle, dass Irgendlink meine Handynummer auswendig kann. Ich seine ja auch nicht. Aber die seiner Mutter, die kann er auswendig. Also rufe ich seine Mutter an und informiere sie, dass ich Irgendlinks Handy habe. Also falls er dort anrufen sollte. Nur damit er weiß, dass er sich diesbezüglich keine Sorgen machen muss. Gerade als ich ihr das Problem geschildert habe, sehe ich Irgendlink, der sein Rad zu meiner Terrasse schiebt. Wow! Er ist da. Alles gut. Ich winke mit dem Handy, öffne die Terrassentür und kann auch gleich die Frau Mama beruhigen.

Nach einer kleinen Pause und kleinen Mahlzeit, das Regenende abwartend, macht sich Irgendlink wieder auf den Weg. Das dritte Mal heute, dass er den Bözberg erklimmt. Diesmal ohne mich, denn ich habe nachher einen Termin.

Meine Nerven haben ganz schön geflattert, als ich sein Handy fand, doch jetzt beruhige ich mich allmählich und fahre mit dem Auto zu meinem Termin. Unterwegs und auch auf dem Rückweg fahren mir immer mal wieder Radlerinnen und Radler des TCR über den Weg.

Gute Fahrt, murmle ich, und bin heilfroh, dass ich mir das nicht antun muss.

Am Abend, nach einem Treffen mit einer Freundin in Basel, die ihn zum Pizzaessen einlädt, radelt Irgendlink weiter nordwärts. Weiterhin kreuzen sich seine Wege mit Radlerinnen und Radlern vom TCR. Als es schon dunkel wird, ruft er mich an. Über Kopfhörer radle ich mit ihm durch die Nacht und bin dann sogar beim Zeltaufbau dabei. Das hatten wir auch noch nie. Aber ich kann mir vorstellen, dass es sich schön anfühlt, wenn man bei Nacht und Regen nicht ganz allein ist und eine vertraute Stimme im Ohr hat, die um Dunkelheit und Regen weiß.

Gute Nacht!

Was für eine tolle Tour!

Wir brauchen gestern zwar ziemlich viel Anlauf, aber irgendwann, es ist schon nach eins, kommen wir dann doch noch in die Gänge. Richtung Süden, der Reuß entlang, zieht es uns, zum Erdmannlistein, der in den Hügeln und Wäldern über Wohlen schon seit Tausenden von Jahren die menschliche Phantasie beflügelt. Menschgemacht oder ein Werk der Gletscherwanderung? Wer weiß es schon …

Wir radeln bei ziemlich starkem Gegenwind los. Unterwegs müssen wir immer wieder innehalten, an Brunnen und auf Schattenbänken Pause machen. Es ist heiß. Nicht hitzewellemäßig heiß, aber doch gute 29 Grad. Zum Glück schieben sich immer mal wieder ein paar Wolken vor die Sonne.

In Mellingen kommen Erinnerungen hoch. Weißt du noch, hier haben wir damals, vor neun Jahren, auf unserer ersten gemeinsamen Fernwanderung gepicknickt! Da und dort ploppen Erinnerungsfetzen auf.

Nach Fischbach-Göslikon geht es endlich in den kühlenden Wald, aufwärts allerdings, über Stock und Stein, und auf einmal sind wir da.

Nach einem Schwatz mit einem anderen Paar hängen wir unsere Hängematten auf und legen uns eine Weile hin. Es tut gut. Obwohl … mir ist es fast zu heiß und ich brauche lange, um mich abzukühlen. Normalerweise gelingt mir das in der Hängematte immer ganz schnell, da der Stoff so leicht und dünn ist.

Nach einer kleinen Zwischenmahlzeit radeln wir das erste Stück wieder so zurück, wie wir gekommen sind. Diesmal kann ich einem Hofladen in Fischbach-Göslikon nicht wiederstehen. Kürbisrisotto und Dinkelnudeln. Dazu sehr schön verpackt. Und glückliche Hühner-Eier. Und Salat. Hofläden machen einfach glücklich, uns und die Bäuerin.

Bei Niederwil wechseln wir auf die andere Reussseite, um von einer schönen Stelle aus in den Fluss hupsen zu können. Wie gut das tut!

Oh, wie genial ist das denn? Als wir wieder auf den Rädern sitzen, kurz nach Gnadenthal, einer Abkürzung zum Radweg folgend, findet der Liebste eine fast fünfzig Meter lange Brombeerhecke, die von reifen Früchten nur so überquillt! Ich bin daran vorbei gefahren, den Blick auf eine Wiese voller Krähen gerichtet, die Gruppendynamik dieser klugen Vögel zu ergründen versuchend. Ich fahre gern ein Stück zurück, denn zum Glück ist Irgendlinks Blick am rechte Straßenrand entlang gewandert. Was für Beeren! Und wie lecker sind die denn?! Wir füllen einen Sack mit reifen Beeren, doch ein Gutteil kommt direkt von Strauch in den Mund. So schmecken Beeren einfach am besten.

Später, bei Tägerig, entscheiden wir uns für einen anderen Rückweg. Wohlenschwil, Mägenwil, Birr-Lupfig … und als wir daheim anlangen ist es schon fast acht Uhr und auf dem Tacho stehen fast 50 Streckenkilometer. Für mich Couchpotato mein bisheriger Tagesrekord ever! Wie dankbar ich doch meinem Motörchen bin, ohne das ich das nicht geschafft hätte.

(Eigentlich nichts Neues) über die Liebe

Unsere Sehnsucht nach Geliebtwerden: Ich glaube, das einzige Mittel, das uns dagegen hilft, der Liebe anderer nachzurennen, ist radikale Selbstliebe. Nur damit werden wir vermutlich den ’Egoismus des Geliebtwerdenwollens’ abstreifen können.

Manchmal wird ja über Achtsamkeit als eine gut getarnte Möglichkeit das Nur-um-sich-selbst-Kreisens gestänkert. Das sei nichts als gut getarnter Egoismus. Das sehe ich ganz und gar nicht so. Gerade für Menschen, die von klein auf nicht gelernt haben, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten – und sich selbst und die eigenen Grenzen stattdessen ständig übergehen, weil ihnen niemand beigebracht hat, sich selbst wertzuschätzen, Bedürfnisse haben zu dürfen und ernst zu nehmen –, ist der Weg der Achtsamkeit(smediation) ein Segen.

Darüber stänkern tun übrigens eh meist nur jene Leute, die sowieso ein gesundes Selbstvertrauen mit auf den Weg bekommen haben und von daher keine Ahnung haben.

Sich selbst als wertvollen, liebenswerten Menschen zu betrachten, sich Gutes zu gönnen, mit sich selbst liebevoll umzugehen und – ganz wichtig! – Selbstmitgefühl zu haben, das zu Mitgefühl für andere ermächtigt, ist das krasse Gegenteil zur egozentrischen Lebenshaltung wirklicher Egoist*innen.

Auf Rädern unterwegs

Unter anderen Umständen wäre der liebste Irgendlink dieser Tage vermutlich so langsam am Nordkap angelangt. Geplant war eine gebloggte Radreise in gewohnter Manier ab Finnland ans Kap. Doch da vor einem Monat aus Gründen, über die wir beide gebloggt haben, die Weichen buchstäblich in eine andere Richtung gestellt wurden, umradelt Irgendlink nun die Schweiz und bloggt darüber.

Nach einer Mit-dem-Rad-zur-Liebsten-Radtour zu mir und ein paar Tagen Fellpflege in der Homebase, hat er sich genau heute vor einer Woche mit ein bisschen Begleitung meinerseits, auf den Weg gemacht, die Schweiz zu umrunden.

Na ja, rund ist sie so gar nicht, die Schweiz, eher scharfkantig und voller gebirgiger Anhängsel, auf denen sich nicht radeln lässt. Relativ grenznah umradeln geht dennoch, wenn auch ein paar Berge abgeschnitten werden mussten.

Wollt ihr die Karte gucken? Da ist sie >>> ZUR KARTE.
Allabendlich lädt Irgendlink seinen Track und manchmal auch ein paar Bilder hoch. Heute wird er dem Ufer des Genfersees entlang radeln, vermutlich dem südlichen.

Vor ein paar Monaten dachte ich, dass ich doch eigentlich, während der Liebste sich ans Nordkap schafft, auch eine kleine Ferienreise machen könnte. Freundinnen besuchen. Falls mich der Mut nicht in letzter Minute verlässt, werde ich darum am Freitag für zehn bis elf Tage unterwegs sein. Nur mein Autochen, mein Zelt und ich.

Falls ich Lust habe und dazu komme, werde ich vielleicht auch gern mal wieder von unterwegs reisebloggen. Mit Passwort, das ich euch aber gern verrate, falls ihr mir folgen mögt. Schreibt mir einfach einen entsprechenden Kommentar unter diesen Artikel.

Das Vergehen der Tage

Elf Tage dreht sich die Welt jetzt schon ohne dich, lieber Freund, so, wie sie das schon immer getan hat. Sie hat noch nie angehalten, wenn jemand gestorben ist, wie könnte sie auch? Müsste sie nicht dauerhaft anhalten, da doch immer irgendwo jemand stirbt; und müsste sie dann nicht ständig hüpfen, wenn jemand geboren wird?

Immer stirbt irgendwo jemand. Junge Menschen und ältere. Gesunde und kranke, mit und ohne Schmerzen, plötzlich oder langsam, ohne oder mit Abschied; und mit oder ohne geliebte Menschen in der Nähe. Einsame Menschen sterben ebenso wie Menschen, die viele Lieblingsmenschen haben.

Und immer schlüpft irgendwo jemand hinaus in die Welt. Kleine Menschen, die sehnlichst erwartet werden und solche, die niemand geplant hat. Als ließe sich das Leben planen. Arm und reich, gesund und krank, mit oder ohne Haare, kleine Menschen mit beschädigten Herzen. Geboren werde sie alle, und alle sind sie darauf angewiesen, dass sich jemand um sie kümmert, damit sie nicht verkümmern.

Wir müssten immerfort weinen und lachen, trauern und uns freuen, Abschiede und Anfänge feiern.

Statt dessen lassen wir die Tage werden und vergehen; und füllen sie mit Dingen, von denen wir glauben, dass sie getan werden müssen oder dass wir sie tun sollten und mit solchen, die wir tun wollen. Und das ist gut so.

Als du auf der Intensivstation lagst, vom Hals an abwärts gelähmt, begann meine Uhr anders zu ticken.

Du hast mir einen neuen Blick auf Leben und Sterben ermöglicht. Einen neuen Blick auf Leid und Schmerz auch. Auf Freundschaft und Verbindlichkeit, auf letzte Bitten und auf Dankbarkeit. Und natürlich auch, auf das was bleibt. Auf Materie, die jemand hinterlässt und auf jene Dinge, die unsterblich sind.

Nein, ich glaube nicht mehr an ein Danach, aber ich glaube an Verbindungen, an Erinnerungen, und ich glaube an Freundschaft.

Ich glaube an das Leben. Auch wenn es vielleicht nur dem Tod abgetrotzte Zeit ist.
Ich danke dir, lieber Freund.

Eigentlich anders

Content warning »Sterbebegleitung, Sterben, Tod, Abschiednehmen«
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Eigentlich wollte ich dieser Tag hier einen liebevollen, begeisterten, einladenden Text über das geplante Live-Kunst-Reiseprojekt des liebsten Irgendlink schreiben. Einen Text über seine Pläne, via Helsinki ein weiteres Mal ans Nordkap zu radeln. Einen Text über die Umsetzung eines Traumes, der seit Mitte Pandemiezeit immer konkreter wurde und dieses Jahr in die Wirklichkeit geholt werden sollte.

Uneigentlich ist alles ganz anders. Gestern Nachmittag fand ein Gespräch statt, von dem wir uns erhofft hatten, dass danach unser lieber Freund S. endlich und seinem Wunsch, seiner mündlichen Patientenverfügung, entsprechend, von seinen unheilbaren Schmerzen befreit wird.

Diese existentielle Fragen liegen uns schwer auf Mägen und Herzen. Es geht um Würde und Autonomie bis zuletzt, und es geht um Fragen zu Lebenmüssen und Sterbendürfen. Um Entscheidungen, die wir für einen lieben Menschen treffen müssen, der sich nicht mehr zu Wort melden kann. Ich bin ja ’nur’als Mitmensch und langjährige Freundin im Boot, der Liebste jedoch als Beistand. Schwere Entscheidungen. Wir machen es uns keineswegs leicht.

Mein Herz ist schwer. So viele Erinnerungen an unseren lieben Freund S. tauchen auf, während ich an seinem Bett stehe. Die letzten Besuche im Pflegeheim. Mein letzter vor dem aktuellen Klinikaufenthalt war jener, bei welchem wir ihm das von Freunden finanzierten E-Mobil geliefert hatten. Das er aber, weil er von seiner zweiten Covid-Erkrankung noch so geschwächt war, noch gar nicht hatte probefahren können.

Leider hat das gestrige Gespräch nicht das erhoffte Ergebnis bewirkt, nämlich das Freund S. von seinen Leiden erlöst werden darf. Nochmals neun Tage Abwarterei. Heute oder jedenfalls bald bekommt S. einen Luftröhrenschnitt, dann soll das Morphin ausgeschlichen werden und alsdann soll S. bitteschön höchstpersönlich sagen, dass er nicht mehr weiterleben will. Obwohl wir eine Tonaufnahme von eben dieser Aussage haben. Und diese auch in verschriftlichter Form vorliegt. Und der Liebste immerhin S.s juristischer Beistand ist. Dass S. vor einem Monat jener einen OP zugestimmt habe, die ihn von seiner zunehmenden Lähmung erlösen sollte, sei doch Zeichen dafür, dass S. weiterleben wolle. Dass die OP eher nicht erfolgreich war, wird ignoriert.

Es ist ein Trauerspiel. Wir geben nicht auf.

Des Liebsten Reise ist jedenfalls gecancelt. Aber vielleicht ist ja aufgeschoben nicht aufgehoben. Bestimmt würde sich S. sogar freuen, wenn Irgendlink nochmals vom Nordkap in die Ferne gucken könnte. Ganz bestimmt sogar.

Alltagsbilder

Ich mag sie, diese erste Stunde. Obwohl es recht früh ist, neun Uhr. Meine monatliche Samstagsschicht in der Bibliothek beginnt meistens ganz ruhig. Ich lüfte, starte die für die Ausleihe notwendigen Programme, putze die Bücher aus der Rücknahme und stelle sie in die Regale. Dabei schaue ich die Neuheiten im Regal durch. Ob ich eins davon ausleihen und besprechen soll? Erfahrungsgemäß kommen vor zehn Uhr nur ein paar wenige Leute. Meistens ältere Damen.

Gerade habe ich eine ältere Dame bedient und verabschiedet und das Buch eines jungen Mädchens mit einem sehr schönen Vornamen eingescannt, als wir über Vornamen zu reden beginnen. Ich hatte nach der richtigen Aussprache ihres Namens gefragt, da auch mein Vorname oft falsch ausgesprochen wird. Da meldet sich die alte Dame, die am Tresen ihre Bücher einpackt, zu Wort. Sie hasse ihren Namen, sagt sie, immer schon, die Abkürzungen seien schrecklich und der Zweitname mache alles noch schlimmer. Sie erzählt von Auslandjahren und von ihren Erfahrungen. Innert weniger Minuten hat sie uns ihre Geschichte erzählt, die Kürzestfassung. Das Mädchen und ich hören zu, stellen ab und zu Fragen. Drei Frauengenerationen, die sich über ihren Platz in der Welt austauschen. Die alte Dame könnte meine Mutter sein und das Mädchen meine Tochter. Ein feines Gespräch. Auch die anderen Kundinnen nutzen heute die Gunst der Stunde. Es ist ruhig, es ist Zeit zum Reden da. Ich höre zu, berate manchmal zu Büchern, empfehle zuweilen Liebgewordenes. Dem Pensionär mit seiner Vorliebe für die Schärenkrimis empfehle ich den eben ausgelesenen Lapplandkrimi der gleichen Autorin, deren Bücher er zurückgebracht hat. Da und dort Gespräche über Lieblingsautor*innen. Und hat jener Autor eigentlich noch andere Bücher geschrieben? Haben Sie die da?

Die alten Leute kennen sich zumeist nicht mit der digitalen Suche an unseren PCs aus. Ich helfe gern.

Später fasse ich neben der Kollegin, die mir von ihren Kajak-Erfahrungen und von ihrem zukünftigen Studi-WG-Zimmer in Bern erzählt, neue Bücher in Folie. Eine sehr meditative Arbeit. Friedliche Stimmung.

Ach, und inzwischen scheint die Sonne. Endlich mal wieder Sonne! Wie gut das tut.

Auf dem Heimweg fahre ich durchs Quartier zum Supermarkt. Zwei Männer haben ein rotes Auto aufgebockt und wechseln das linke Vorderrad. »Hab ich auch eben erst gemacht, Jungs!«, denke ich beim Vorbeiradeln, »und nein, auch nicht allein!«

Im Supermarkt eine superliebe Kassiererin, die ins Plaudern kommt. Vermutlich steht es auf meiner Stirn: »Ich bin heute in Plauderlaune.«

Auf dem Rückweg sind die Jungs noch immer am gleichen Rad. Vorne links. Tse.