Lass den Montagmorgen nicht ins Haus

Zugegeben, so richtig wach bin ich noch nicht. Sonntagmorgen. Noch im Bett. Erwacht mit Songs im Kopf. Das Konzert in den Füßen, den zertanzten, die ein wenig schmerzen. Und die Frage wieder, die schon auftauchte, als ich nachts mit dem Auto auf der A1 von Bern nach Hause fuhr: Wieso erträgst du, die doch sonst Menschenmassen meidet und Lärm und lauten Geräuschen aus dem Weg geht, immer wieder – und mit größtem Genuss! – Patent Ochsner-Konzerte?

Warum? Weil sie mich glücklich machen! Und weil ich ein paar Freundinnen und Freunde habe, die diese Konzerte ebenfalls lieben. Mit zweien von ihnen treffe ich mich schon zwei Stunden vor Konzertbeginn im Bierhübeli. Austausch. Später spazieren wir zur Reitschule runter und essen etwas kleines. Was für ein süßer Kellner, der uns drei „Damen mittleren Alters“ da verwöhnt!

Und was für ein Publikum! Wir finden vorne rechts neben der Bühne eine Nische, die uns dreien entspricht. Freundin M. möchte nicht mit an den Bühnenrand, hat von dort aus aber trotzdem einen guten Blick. Freundin B. und ich stehen am rechten Bühnenrand vorne. Der Raum, der schon ziemlich voll ist, als wir ihn um Viertel nach acht betreten, füllt sich allmählich bis zum Rand. (Das Konzert war ja innert vierundzwanzig Stunden ausverkauft gewesen.)

Mit einer Viertelstunde Verspätung starten die Ochsen. Das passt gut, weil ich nämlich am Tresen Schlange stehe und – das nur nebenbei gesagt – eine mir neue Biersorte entdecke (Notiz an mich: Einsiedler Spezialbier dunkel), die mich begeistert.

Tschuldigung, Sorry, äxgüse … merci … Ich schlängle mich durch die Masse zurück zum Stehplatz und schon gehts los. Das Intro – ein Musikstück, das zwischen Folk und Rock balanciert, zwischen Weit-weg und ganz-nah –, fährt schon voll ein und lässt mich fliegen. Musik ist eine Droge, der ich mich gerne hingebe. Was für ein Publikum, das schon beim ersten Song mitsingt.

Büne begrüsst das Publikum so heiter, dass ich ihm abnehme, wenn er sagt:
Das hie isch es Familiefescht … so fühlt es sich auch an. Obwohl sich auf dem Dachstock der Reitschule, dem autonomen Zentrum von Bern, sicher über zweihundert Menschen tummeln, fühlt es sich an wie „unter uns“. Und wie das rockt! Schnell ein paar Schlucke Bier trinken, damit die Flasche beim Tanzen nicht überläuft.

Büne erzählt zwischen den Songs immer mal wieder Geschichten über das Leben. So auch über die Figur Eberhard, die schon vor langer Zeit Gegenstand eines Songs geworden ist. Nun setzen die ersten Instrumente ein und Büne öffnet den Mund.

Nei, nei, stopp halt … no einisch vo vore …, stammelt Büne. Show oder Texthänger? Zweiteres. Kein Problem. Das darf sein auch bei einem Profi … Jetzt seht ihr, dass alles, was wir machen live ist, lacht er, sortiert sich neu und fängt noch einmal an.

Live ist diese Band noch besser als auf Konserve. So viel Authentizität. So viel Lachen, Humor, Lebensfreude. Charisma, Leidenschaft – Freundin B. und ich rätseln, was es alles ist, dass diese Band so unvergleichlich macht. Musik für den Körper, fürs Herz und für den Kopf. Das soll ihnen mal einer nachmachen! Ja, ich gestehe es: ich habe alle Tonträger und ich kenne alle Lieder. Ich erkenne alle Lieder, wenn die ersten Takte erklingen. Lieder, die meine Medizin sind mit ihrer Lebensfreude und mit ihrer Melancholie. Ehrliche Songs. Den grössten Teil meines Erwachsenenlebens sind die Ochsen da gewesen, sind mit mir älter geworden. Vieles hat sich in meinem Leben geändert (und ich höre natürlich auch andere Musik, klar!), aber die Ochsen sind geblieben (und haben sich natürlich auch weiterentwickelt).
Miner Heude!, sagte ich zu Freundin B. in schönstem Berndeutsch, das ich so ja eigentlich gar nicht spreche, als die Jungs und Mädels auf die Bühne traten. Meine Helden.

Du chasch cho, du chasch ga, du chasch alles vo mir ha … so singt Büne auf einmal acapella ins Mic. Freundin B. schaut mich mit gerunzelter Stirn an. Was ist denn das jetzt? Da trägt er aber dick auf!, meint sie grinsend.
Das gibts aber schon!, sage ich, weil ich die Zeilen, wenn auch mit anderer Melodie, als Refrain des Songs Trybguet erkenne. Und mit mir ein großer Teil des Publikums, der die neue Melodie aufgreift und mitsingt. Büne freut sich, kommt ganz nahe an den Bühnenrand. Und schliesslich fängt die Band mit dem Song an, wie wir ihn kennen und lieben. Schon fast heiser und beinahe so nassgeschwitzt wie die Band da oben, singe ich den Refrain des Liedes von der ewigen Liebe mit. Die einen Tag länger als für immer dauern wird. Wenn es denn gelingt, den Montagmorgen nicht ins Haus zu lassen. Wenn.

Einziger Wermutstropfen dieses wunderbaren Abends sind die Tratschjungs- und vor allem -mädels, die schon leicht angesäuselt hinter uns stehen. Meistens kann ich sie ausblenden, doch nicht mal beim Song Git’s über üs e Himu, der sehr leise gespielt und gesungen wird und der die Verzweiflung nach dem Tod eines geliebten Meschen hörbar macht, hören sie nicht mit Kichern auf. Ich bin nicht die Einzige, die die kleine Gruppe um Ruhe bittet. Das Lied treibt mir – wie immer – Tränen in die Augen und Schwermut ins Herz.

Später singt Büne den Song vom sinkenden Schiff, der in sich die Hoffnung trägt, dass es irgendwo einen neuen Hafen gibt. Geben muss. Dass es einen Weg gibt. Dass es weitergeht.

Ich liebe es, wenn Liedinhalte und Musik wie aus einem Guss sind. Bei den Ochsen mit ihren tausenden Instrumenten und definitiv nicht nur rockigen Songs immer wieder ein großer Genuss.

Nach unzähligen gehörten, erlebten Konzerten können sie mich noch immer begeistern als wäre jedes Mal das erste Mal. Dass sie nach der zweiten Zugabe nochmals rauskommen, nach dem Abschied, nach dem letzten Winken, habe ich aber nun doch noch nie erlebt in den ganzen Jahren. Einträchtig stellen sie sich ganz zuvorderst an den Bühnenrand. Schalk in den Augen jedes einzelnen. Dicht an dicht stellen sie sich.

Freundin B. zieht mich in die Mitte vor die Bühne und nun singt die Band acapella ihr uraltes Lumpenlied vom ewigen Sommer, der immer und überall stattfindet. Wo? Unter ihren Armen natürlich, wo sonst?

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Hier gehts zu Patent Ochsner auf Youtube:
Übersicht
Scharlachrot

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Bilder:
Appspressionismen (iPhoneArt)

Wenn das Spätsommerloch platzt

Es war einmal ein Sommerloch. Zuerst war es nur klitzeklein. Doch weil es Menschen gab, die es ständig und mit großer Ausdauer fütterten (allen voran das allseits bekannte Bloggerpaar Haushundhirsch), wuchs und wuchs es. Geschichten darüber gibt es viele. Gerüchte noch mehr.

Eines Tages platzte es.

Alles hat eben ein Ende. Auch ein Sommerloch. Was geschieht, wenn unser Spätsommerloch auf Pixartix platzt, erfahrt ihr ab morgen auf Pixartix_das Bilderblog.

Morgen starten wir dort mit unserm neuen Zyklus Illusionen & Spiegelwelten. Wir freuen uns sehr, wenn ihr bei euren Blogspaziergängen gelegentlich vorbeischaut!

Ausgelesen II. #3 – und warum ich Krimis mag

Vom Versuch, ein guter Mensch zu sein, las ich dieser Tage im Krimi Der bessere Mensch von Georg Haderer. Der österreichische Polizeimajor Johannes Schäfer ist nach einem Burn-Out wieder in Dienst, quält sich nun dort aber mit der optimalen Dosierung seiner Antidepressiva herum – mal ist er unerträglich dünnhäutig und rührselig, gerade zu menschlich, dann wieder beherrscht von einer affektiven und impulsiven Aggression, die er an sich nur schwer aushält. Er reflektiert sein Verhalten immer wieder, während er mit seinem Team einen Doppelmörder jagt, und sehnt sich dabei zutieft nach einer besseren, nach einer guten Welt. Aktuell erträgt er das Böse schwerer als auch schon und leidet zudem an seiner eigenen Aggressivität. Nachdem sich am Anfang des Buches alles Spuren nach dem Mörder im Nichts verlaufen, sieht es auf einmal so aus, als stecke ein tot geglaubter Serienmörder hinter den neuen Morden und einem Überfall.

Von Wien nach Salzburg temporär (straf)versetzt, stößt Schäfer auf Spuren, die ihn beinahe das Leben kosten. Kann es sein, dass eine kleine Gruppe Psychiater in ihrer Erforschung des Bösen alle ethischen Grenzen überschritten haben? Ist es möglich, dass die Ärzte damals den Serienmörder retteten, um ihn in einen besseren Menschen zu verwandeln?

Haderers Schreibstil ist zwar gewöhnungsbedürftig, doch ich mag seine streckenweise assoziative Sprache, sprunghaft, intelligent, ohne zu viel zu sagen. Haderer ist nah an seinen Figuren dran und setzt sie in glaubwürdige Kontexte. Auf das Buch bin ich übrigens in meiner online-eBook-Bibliothek onleihe eher zufällig gestoßen. Ich schätze solche Zufälle und hoffe, dass ich dort auch bald Band 1 und 2 der Schäfer-Serie begegne.

Warum ich Krimis mag? Eine berechtigte Frage. Und gleich vorweg: Ich mag nicht einfach alle Krimis. Ich bin wohl eine ziemlich anspruchsvolle Krimi-Konsumentin und kann locker Bücher zuklappen und Filme ausschalten, wenn mich Geschichten nicht überzeugen. Auch die Figuren müssen mich ansprechen. Entweder als Identifikationsfiguren oder aber um mir das Böse zu erklären.
Ich bin dem Bösen auf der Spur!, sagte ich neulich zum Liebsten, als wir über den vorhin erwähnten Krimi sprachen.

Ich will, ahne ich, das Böse einkreisen, definieren, verstehen. Um es auszuhungern vielleicht. Zumindest das Böse in mir. Kampf gegen Windmühlen? Meine Sehnsucht nach einer besseren Welt, die ich mit Polizeimajor Johannes Schäfer teile, kann nicht funktionieren. Weil ich da bin. Und du. Wären wir nur gut, wären wir nicht die, die wir sind. Nicht so. Ich bin alles. Gutes und Böses habe ich in meinem Lebensrucksack drin, seit ich lebe. Das ist der Mensch. Das ist die freie Wahl. Und auch nichts neues. Bin ich dann ein guter Mensch, kritzelte ich neulich auf die Innenseite eines Schokoladenpapiers (schwarze Fairtrade-Bioschokolade immerhin), bin ich dann ein guter Mensch, wenn ich die bösen Anteil in mir akzeptiere und unter Kontrolle halte? Doch was genau heißt es, meine hässlichen Seiten unter Kontrolle zu halten – in einer Welt, wo schon beinahe alles geht?

Im Krimi ist der Tod omnipräsent und die Guten versuchen die Bösen, die Mörder nämlich und das Böse, zu fassen zu bekommen und sie zu bestrafen. Vielleicht mag ich Krimis auch, weil darin diese Sehnsucht nach einer wie auch immer gearteten Gerechtigkeit gelebt und ihr oft auch Genüge getan wird.

Und doch ist Leben und Sterben, Überleben und Tod komplexer als der faszinierendste Roman. Jedes einzelne Leben ist eine Geschichte, die nicht zu fassen ist.

Seit Monaten, seit Jahren sogar, habe ich Wolfgang Herrndorfs Blog gelesen und ihm beim Sterben zugehört und zugesehen. Nein, nicht in voyeuristischer Weise, sondern tief betroffen. Ich habe einem Menschen zugehört, der den Mut hatte, über den Zerfall, den eine unheilbare Krankheit in seinem Körper anrichtet, zu schreiben, schreibend zu schweigen auch, und allmählich zu verstummen. Ungeschönte Texte. Authentisch bis zum letzten Punkt. Sehr oft hätte ich gerne mit ihm über das, was er geschrieben hat, gesprochen. Mit äußerster Konsequenz hat er sich bis zuletzt die Würde bewahrt, seinen Todeszeitpunkt selbst zu bestimmen. Am letzten Montagabend hat er schließlich selbst den Schlusspunkt unter sein Leben gesetzt.

Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft den Tod neu begreift. Die Würde der Selbstbestimmung, die oft zitiert wird, wenn es um das Leben selbst geht, soll auch für den Tod gelten.

Leben ist zerbrechlich. Wie Glas. Leben ist nicht Panzerglas.

Das Leben selbst bestimmen. Ich bin mir bewusst, dass meine politisch geregelte Freiheit der Selbstbestimmung über mein Leben, Menschen vor mir verdanke, die genau dafür gekämpft haben, doch warum mir genau jetzt mein Spültrogabfluss einfällt, den ich heute Morgen entstopft habe, weiß ich auch nicht. Oder doch Geht es im Leben nicht um Weiterentwicklung? Darum, das Leben als Fluss zu begreifen? Seit Wochen schon floss mein Abwassefluss jedoch immer träger. Mit allen mir bekannten Tricks war der Verstopfung heute nicht mehr beizukommen und ich fragte mich, ob ich zu chemischen Hilfsmitteln würde greifen müssen.

Wie löst man Probleme eigentlich am besten? Anfangen müssen wir immer damit genau hinzuschauen. Das heißt, ich muss die Rohre unter dem Trog aufschrauben. Gedacht, getan. Krass: trotz Sieb im Abfluss hatte sich im Knie des Rohrs seit Monaten das eine oder andere angesammelt. Nicht, dass ich es sonderlich appetitlich gefunden habe, doch fasziniert hat mich dieses Sammelsurium schon und vor allem die Erkenntnis, dass je mehr eine Leitung verstopft ist, desto mehr hängenbleibt. Wie auf der Straße: Je mehr Müll irgendwo schon herumliegt, desto kleiner ist unsere Hemmung, etwas, statt in einen Mülleimer, auf den Boden zu werfen.

Ach, die Verantwortung! Über den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen haben wir dieser Tage im Büro oft diskutiert und prompt ist gestern in der Kleinstadt, wo ich arbeite, am Vormittag eine halbe Stunde lang der Strom ausgefallen. Eine willkommenen Pause, keine Frage, und nachdem wir festgestellt hatten, dass der Ausfall nicht nur unser Gebäude betraf, sondern das Quartier oder gar den Ort, wussten wir, dass wir bald wieder am Netz sein würden. Die eine Kollegin war beim Ausfall mitten in einem Telefongespräch gewesen, eine andere hatte soeben eine Mail geschrieben, ich selbst brütete über einem Dokument, das die Erfassung unserer zukünftigen Statistiken vereinfachen sollte, und auf einmal ging nichts mehr. Noch nicht mal Kaffee und Tee kochen. Wie abhängig wir doch vom Stromnetz sind!

Auch das Patent Ochsner-Tourneeschluss-Konzert übermorgen ist nur dank Strom möglich. Ohne Verstärker und Mischpult wären die Jungs und Mädels der Band aufgeschmissen. Und wir Zuhörenden erst recht. Auch die Kunstzwerge auf dem Zweibrücker Rinckenhof, die dieses Wochenende beim Liebsten zu Gast sind, könnten ihre Sounds und Perfomances nur halb so gut in Szene setzen ohne Strom.

Ach, der Versuch ein guter Mensch zu sein – ist er hoffnungslos, weil ich ja doch immer Kompromisse eingehe, eingehen muss? Ich glaube, für mich gut gut genug. Besser und am besten können von mir aus andere versuchen.

mich einholen

Eine Art Spurensuche ist es. Nein, falsch eher eine Selbstsynchronisation – das trifft es besser. Oder vielleicht ein Update? Ich weiß es nicht so genau.

Ich rannte mir hinterher – schon eine ganze Weile. Ich habe aufgeräumt. Ich habe endlich mal wieder Mails geschrieben. Ich habe endlich mal wieder Blogs gelesen und ich habe alle Notizzettel auf dem Schreibtisch ins Tagebuch abgeschrieben. Ich habe sogar mal wieder Tagebuch geschrieben.

Und nun habe ich mich eingeholt. Endlich. Und jetzt könnte ich eigentlich endlich das tun, was ich am besten tun kann, wenn alle Pflichten erfüllt sind und der Rücken frei: mein Loch im Eis-Manuskript öffnen und weiterschreiben. Endlich. Doof nur, dass ich jetzt eine Pause brauche. Dass ich vermutlich nun zu müde bin. Dass ich morgen wieder arbeiten gehen muss. Und übermorgen auch. Ebenso am Mittwoch.

Wie es andere bloß schaffen – oder schaffen es auch andere nicht, ständig auf gleicher Linie mit sich selbst zu sein?

Über meine Filter nachgedacht habe ich heute auch. Über mich als HSP. Und dass ich, als die hochsensible Person, die ich bin, für alles sozusagen länger brauche, denn ich muss mehr ausmisten. Meine Filter haben größere Löcher, als die der meisten Menschen, und lassen darum mehr Zöix rein. Gutes ebenso wie Mist. Ich brauche – ich bräuchte – mehr Zeit zum Leben. Zeit, die ich mir immer anderswo abzweigen muss. Und so gibt es immer wieder neue Lecks, die ich hinterher wieder mit Hinter mir her-Rennerei  stopfen muss.

Brauchen?! Müssen?!

Lasst mich doch einfach sein!, sagte ich als Kind, wenn meine Eltern zu viel von mir wollten.

Lass dich doch einfach sein!, sage ich zu mir. Jetzt.

Wortgeburten

Am Anfang war der Buchstabe, das Satzzeichen, das Wort, der Satz. Der Satz gebiert Geschichten. Die Geschichten werden eigenständig, sind Teil einer noch grösseren Geschichte. Alles hängt zusammen und führt ins Nächste, ins Grössere.

Gestern, während des Blogkurses, den Irgendlink und ich gegeben haben, notiert („automatisch geschrieben“).

Unter der Oberfläche

So viel frisches Gemüse! Zucchini, Lauch, Kartoffeln, Karotten, ein großer Salat, Klaräpfel. Herz, was brauchst du mehr? Dazu ein großer Karton mit frischen Eiern. Alles auf dem einsamen Gehöft gediehen.

Ich freue mich sehr über den Liebsten und seine Gaben, natürlich!, doch wohin mit all den Köstlichkeiten? Zwar ist mein Kühlschrank kein Winzling, aber die Gemüseschublade ist bereits zu Dreivierteln voll (was sie fast immer ist) und auch die andern Tablare meines Frigos sind reich gefüllt. Natürlich ist immer irgendwo noch Raum und irgendwie geht es ja immer. Wir finden immer irgendwelche Nischen – im Schrank ebenso wie im Kalender –, um den Dingen, die auf uns zugekommen sind, Platz zu machen. Da eine Ritze, dort ein Spalt. Geht ja. Immer mehr. Und noch mehr. Dies noch und das hier geht doch auch noch irgendwie … Immer obendrauf. Und das, was darunter liegt, sinkt tiefer und tiefer.

Weil es schon spät war, beschlossen wir, die Karotten und ihre Kumpels fürs Erste in ihrer Kiste auf dem Küchenfußboden übernachten zu lassen. Viel wärmer als im Garten ist es ja hier drin auch nicht. Heute Mittag nun nahm ich mir die schmutzigen Kerlchen vor, putzte die Erde weg und war schon drauf und dran, alle zusammen in die Gemüseschublade zu schaufeln, als meine innere Stimme dazwischenschrie.
Halt, Soso, willst du das wirklich? Immer nur oben drauf? Kann das funktionieren? Irgendwann ist doch einfach genug! Alles hat Grenzen. Nimm das endlich ernst, auch bei dir!

Stellvertretend für den ganzen Kühlschrank bekam darum heute wenigstens die Schublade fürs Grobe eine Reinigungskur ab und sie dankte es mir. Denn auf einmal hatte alles wunderbar Platz und ich freue mich bereits jetzt auf all die feinen Gerichte, die wir aus diesen Gartengaben zaubern können. Und darauf, heute aus meinen ersten roten Tomaten einen griechischen Salat zu zaubern.

Das erste Mal

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KURSAUSSCHREIBUNG: Wie gestalte ich ein authentisches, packendes und ansprechendes Blog?

Zum Flyer im PDF-Format: bitte hier klicken!

Bedürfnisorientierter, experimenteller Unterricht:

  • sich mit Sprache, Thema und Stil auseinandersetzen
  • die Blogsoftware WordPress verstehen
  • ein selbstgehostetes Blog einrichten
  • mit dem Smartphone bloggen
  • mit GIMP Bilder bearbeiten

Schreiben können fast alle. Doch so zu schreiben, dass ein Text Resonanz auslöst, ist Kunst, Können, Handwerk. Mit spannenden Schreibübungen, der Arbeit an konkreten Texten und spielerischer Auseinandersetzung mit Stilmitteln lernen wir in diesem Kurs, dass Schreiben mehr als Wörter stapeln ist. Dazu erklären wir die Installation und die gestalterische Einrichtung der WordPress-Software (mehr als nur einfachste Handhabung von Text- und Bildereinfügen).

Der Kurs soll Spaß und Lust darauf machen, ein eigenes Blog zu starten, ein Blog in eine bestehenden Seite zu integrieren oder ein darbendes Blog zu beleben.

LAST CALL:
Anmeldeschluss am Dienstag, den 13. August. +++ Noch wenige Plätze frei! +++ Weitersagen erlaubt!!!
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Die Sache mit der Wahrheit

Seit Tagen denke ich über diese Sache mit der Wahrheitssuche nach. Angestoßen von Sherrys Artikel über den weinenden Nietzsche, gehe ich der Frage nach, was uns wirklich antreibt – wohlwissend, dass ich diese Frage nicht werde beantworten können. Nicht abschließend jedenfalls. Wahrheitssuche haftet die Aura von Heldenhaftigkeit an – man denke nur an Artus und die Gralsgeschichten und an all die Philosophen und Denkerinnen, die bei ihrer Suche gefährliche Abenteuer erlebten und dabei oft mit dem eigenen Leben bezahlten. Ein bisschen verwandt und doch anders sind da die für ihren Glauben oder eine Überzeugung oder Ideologie einstehenden Menschen, die sich ähnlich auch nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Während die ersten noch auf der Suche nach Antworten sind, sind die zweiten bereits Gefunden-Habende – und somit für mich höchst suspekt. Obwohl, wenn ich es mir so überlege … ist nicht finden das Ziel von suchen? Andererseits ist die Wahrheitssuche letztlich eine Art unendliche Geschichte, denn in Wirklichkeit ist die Wahrheit ja wie eine Kugel. Unfassbar. Endlos.

Ein bisschen zynisch gefragt: Suche ich um des Suchens willen? Ganz unzynische Erkenntnis: Wenn ich sie gefunden habe, die Wahrheit, erkenne ich schnell, dass sie nur eine Teilwahrheit ist und suche weiter nach anderen Teilwahrheiten und werde dennoch jedes Mal ein klein bisschen weiser, weil ich immerhin weiß, dass es DIE Wahrheit so gar nicht gibt. Und ich weiß, dass ich im Grunde nichts weiß.

Als ganz junge Frau, ständig in irgendwelchen Umbrüchen und depressiven Phasen, glaubte ich noch, wenn ich die Wahrheit nur erst gefunden haben würde, wäre alles gut. Doch mit jeder neuen Erkenntnis, obwohl sie mich immerhin ein wenig vorwärts gebracht hatte, wurde ich ein wenig desillusionierter. Heute ist mir, als wolle sie gar nicht gefunden werden (jedenfalls was mich betrifft). Als verberge sie sich in allem. Als sei sie in der Stille. Als sei sie nirgends. Als sei sie Ich selbst. Und du. Du auch. In Wahrheit ist die Wahrheit nicht mehr und nicht weniger als das große Alles und das große Nichts. Schrieb ich vor langem mal in ein Notizbuch. Aber da dieser Satz zugleich so wahr und so vage ist, nützt er niemandem etwas. Außer, dass es entspannend ist, die Wahrheit sozusagen entblößt zu haben. Aufzuhören, nach ihr suchen zu müssen und dennoch auf eine unfassbare Art Teil von ihr zu sein.

Dass ich damit am Ende meiner Suche bin, ist leider und zum Glück nicht so. Anstelle der Wahrheit suche ich heute Antworten. Vorläufige. Auf große Fragen. Und nein, bei diesen Antworten muss es sich nicht um die große Wahrheit handeln, ich gebe mich auch mit kleinen Antworten zufrieden. Viele kleine Antworten können manchmal mehr bewirken als eine einzige große (den Wechselkurs kenne ich allerdings nicht). Mit den kleinen Antworten meine ich die alltägliche Essenz aus alltäglichen Gesprächen mit alltäglichen Menschen. Da ein Pfefferkorn, dort ein Stück Brot. Dort ein Stück Schokolade. Nahrung für meinen Mind, der kaum je zur Ruhe kommt. Auch wenn er nicht mehr an die große Wahrheit glaubt, will er dennoch etwas zu kauen haben.

Auch das habe ich inzwischen begriffen: die Sinnfrage beantwortet jeder und jede anders. Sich und der Welt. Weil jeder und jede sie auch anders stellt. Weil die Motivation, sie überhaupt zu stellen, von Mensch zu Mensch total unterschiedlich ist. Für den einen ist es eminent wichtig, dass das, was er tut, nützlich ist, während für die andere, das was sie tut, möglichst viel Geld einspielen muss. Du fragst mich, ob das denn eine richtige, eine existentielle Sinnfrage ist oder zu banal? Wer bin ich, sag ich dir, zu beurteilen, welche Sinnfragen gehen und welche nicht? Was weiß ich schon wirklich über die Menschen?

Kommen wir – weil es grad so passt – zur Eitelkeit, zum Ego, zur Sehnsucht nach Anerkennung. Nenn es Perfektionismus. Wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst bin, entspringen mein Wunsch und meine Sehnsucht nach Sinn und nach Antworten, die meinen Wahrheitshunger stillen, dem Bedürfnis richtig zu leben und damit meinem Anspruch an mich zu genügen. Will heißen: Perfekte Entscheidungen zu treffen, richtig zu handeln, adäquat zu leben in einem Netz von Ansprüchen, die ich selbst und meine Umwelt an mich stellen. Richtig lebt hieße  auch scham- und angstfrei, innerlich heil und ausgeglichen, in Balance und im Frieden mit mir selbst, frei von all meinen Mimosenhaftigkeiten und meiner geringen Stressresistenz, kurz und gut: nützlich, brauchbar, vielseitig einsetzbar, die eierlegende Wollmilchsau persönlich zu sein. Und natürlich alles locker und easy zu können. Ach, diese vielen Herzen in meiner Brust!

Gut zu wissen, dass ich mit solcherlei Allmachtsphantasien (die ich hier zugegeben doch ein klein wenig überzeichnet habe) nicht allein bin. Das lese ich in einem spannenden Sachbuch namens Verletzlichkeit macht stark, das demnächst erscheinen wird und das ich für meine Zeitschrift besprechen werde. Dass Scham und Angst jene zwei Energien sind, die einem Leben aus vollem Herzen zuwiderlaufen, sagt die Autorin Brené Brown immer wieder. Und dass wir nur dann wirklich aus vollem Herzen leben können, wenn wir authentisch und verletzlich sind. Wobei das Wort Verletzlichkeit mit unglaublich vielen Vorurteilen und falschen Synonymen zugekleistert sei. Schwächlich zum Beispiel. Dabei geht es um das Gegenteil. Wahres Menschsein heißt verletzlich zu sein und sich dafür weder zu schämen noch davor zu fürchten. Sich dafür selbst genug sein. Aber natürlich, ich weiß es und ihr wisst es ebenso, ist auch das nur eine weitere Antwort, eine weitere Teilwahrheit. Aber nicht die schlechteste!

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=MFikEsmc9yc]

Teil 2 des Vortrages auf youtube: hier klicken
Teil 3 des Vortrages auf youtube: hier klicken

Erschienen ist das Buch bereits auf englisch unter dem Titel Daring greatly (Link auf Brené Browns Website)

Rückblick nach Oberösterreich

Wie versprochen nun noch ein paar Bilder von der Reise nach Oberösterreich, wo ich Irgendlink letzten Donnertstag nach seiner fast zweiwöchigen Rad-Kunst-Liveblog-Reise nach Hallstatt getroffen habe. Zusammen haben wir dort Martin Kunze und das MOM (Memory of Mankind) in den SalzWelten von Hallstatt kennengelernt und zwei tolle Tage in der Umgegend verbracht.

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Bilder:
Nikon (mit DigiKam verkleinert und wassergezeichnet)