#WarumIchBlogge | Mein 21. Jahr

Die Mützenfalterin erzählt hier, warum sie noch immer bloggt. Ihr Text berührte mich so sehr, dass ich im Fediversum zu einer #Blogparade aufgerufen habe. Bitte gern weitersagen und mitmachen.

Warum blogge ich denn noch immer?

Erste Antwort, frei Schnauze? Mein Blog ist mein ausgelagertes Gedächntnis. Es bewahrt mein Erleben und hilft mir, mich zu erinnern. Und nicht zu vergessen, worüber ich vor Jahren nachdachte, was mich einst beschäftigte, beglückte, ärgerte. Und wie die Welt sich stetig verändert hat. Und natürlich weiß mein Blog auch oft, wo ich wann war – dank Bildern und Reiseartikeln … Es ist mein persönliches Archiv, das meine kleine Welt in komprimierter Form abbildet und so gesehen ist es sogar ein persönliches Zeitdokument.

Gestern sagte ich zum Liebsten, dass – zumindest in meiner Wahrnehmung und Erinerung – bis zu Beginn der Zwanzigzwanziger das damalige Internet ein irgendwie besseres Internet gewesen ist. Fake News und die ganzen Internet-und-Gesellschaft-kaputtmach-Dinge nahm ich vor der Pandemie weniger umfassend wahr als heute. Vermutlich eine Illusion und vermutlich nahm ich es so wahr, weil ich es so sehen wollte. Dennoch hat sich die letzten Jahre meiner Meinung nach vieles zum schlechten gewendet.

In diesem pandemischen Früher, als ich zu bloggen begonnen hatte (2004 war das), fand ich es toll, dass Menschen, die gern schreiben, in diesem Internet ein günstiges, niederschwelliges und leicht handzuhabendes Werkzeug nutzen konnten, um Gedanken und Alltägliches mit anderen zu teilen, Resonanz zu erzeugen, sich zu vernetzen, Menschen rein virtuell kennenzulernen und/oder im Schreibfluss zu bleiben.

Allmählich wendete ich mich andere Social Media-Plattformen zu, die anderen Gesetzen als denen der Bloggosphäre gehorchten und die mir mit ihren Algorithmen und versprochener Reichweite das Blaue vom Himmel versprachen. Mehr und mehr richtete ich meinen Blick auf Follower*innenzahlen und die Leichtigkeit des Einfach-drauflos-Schreibens kam mir nach und nach abhanden. Mit ihr die Frequenz der Beiträge. Auf einmal wurde Twitter mein Hauptmedium und der Austausch, der dort kurz und zeitnah möglich war, wurde mir wichtiger als die Bloggerei.

Immer wieder hatte ich phasenweise das Bedürfnis, das Bloggen einzustellen. Mit wachsender Followy-Zahl war zuden auch mein Anspruch an mein Geschreibsel gewachsen. Dazu kam das Bewusstsein, dass das hier ja alles öffentlich sichtbar und ungeschützt ist und ich doch eigentlich gar nicht soo viel allzu Persönliches preisgeben sollte. Daten und so. Na ja. Solche Überlegungen machten aus dem Schreiben zeitweilig eine Pflichtübung, die dazu führte, dass ich für die sehr persönliche Dinge eine Art Tagebuchblog (für einige wenige Freund*innen) anlegte.

Als sich WordPress immer mehr kommerzialisierte, war ich kurz davor, das Hauptblog hier zu schließen. Doch irgendwie war das auch nicht das, was ich wirklich wollte. Also zog ich vor einigen Jahren weg von WordPress unter das selbstgehostete Blogdach, das ich mit anderen zusammen gemeinschaftlich pflege. Gute Sache. Auch wenn die meisten der doch recht zahlreichen Followys meines damaligen Blogs auf der Strecke geblieben sind, ist es für mich hier wieder viel besser. Allmählich fühlt es sich hier wieder so ähnlich wie damals an, wie am Anfang in den Nullerjahren, als sich alles noch so frei anfühlte.

Heute findet mein digital-soziales Leben, da ich endlich FB und Insta/Threads gelöscht habe (X ja schon längst), wieder in relativ überschaubaren von Menschen für Menschen gehosteten Räumen statt. Also nur noch in den Blogs und im Fediversum, das dank ActivityPub mit WordPress(.org) föderiert. Gute Sache.

Zum Schluss zitiere ich die Mützenfalterin, die am Ende ihres Blogartikels folgendes über Mely Kiyaks Texte schreibt:

»Ich fühle mich verstanden, ich fühle mich als Teil der Menschheit, ich fühle diese ganze sehr komplizierte und häufig schmerzhafte Angelegenheit am Leben zu sein, ich fühle wie das ist, wenn man zweifelt und trotzdem weitermacht, ich fühle die ungeheure Kraft des darüber Schreibens, des die Scham Überwindens, des sich selbst ernst Nehmens, ohne sich über die anderen zu stellen. Ich fühle Verbundenheit. Und das ist ein großer Trost, eine Inspiration und eine Ermutigung.«

Für mich gelten diese Zeilen nicht nur für Kiyaks Texte, sondern auch für das Leben in meiner digital-sozialen Umgebung. Besser könnte ich es nicht formulieren.

Kurz gesagt blogge ich, weil ich mich dabei mit meinen Mitmenschen verbunden fühle, mit dir und dir und dir …

Das neue also …

Alles ist anders geworden? Quatsch, alles ist gleichgeblieben.
Alles? Na ja, immerhin eine Zahl hat sich geändert. Also jedenfalls hier bei uns. Bei anderen Menschen in anderen Ländern ist davon nichts zu merken.

Das neue Jahr also. Was wissen wir darüber? Wenig. Na ja, ich werde einen runden Geburtstag begehen. Dabei mag ich die Fünf. Und eigentlich mag ich eh lieber ungerade Zahlen.

Was noch? Das Leben, der Alltag, geht ab Morgen wieder los. Die Läden machen wieder auf. Die Welt tut so als ob. Immer tut sie so als ob.

Was bleibt? Was ändert sich; und warum? Änderungen brauchen Kraft. Nein, es ist nicht das neue Jahr, das über meine Kraft bestimmt. Wie viel, das mit betrifft, gestalte ich eigentlich selbst und wie viel geschieht – so oder anders –, weil ich mich nicht entscheiden wollte, mich nicht entschieden habe, mich nicht in mein eigenes Leben eingemischt, es nicht mitgestaltet habe? Wem gebe ich die Schuld, wenn es nicht passt, wenn es nicht wird, wie ich es mir passiv erhoffte?

Viel oder wenig. Mehr oder weniger.

Pläne lassen sich selten exakt in die Wirklichkeit übertragen. Auch Wünsche und Sehnsüchte nicht, aber deshalb nicht zu träumen und nicht zu planen ist ja eigentlich auch doof.

Hoffen? Gern, aber worauf? Werden wir es schaffen, wir Menschen, unseren Zerfall aufzuhalten?

Das neue Jahr also. »Sei uns freundlich gesinnt« würde ich dich bitten, wenn du denn handlungsfähig wärst. Dabei bist du nur vergängliche Zeit und bewegst dich, weil wir uns bewegen. Anders die Erde, die sich immerzu dreht, was immer wir auch tun. Und lassen. Und unterlassen.

Verständnis? Ja, aber …

Auf der Suche nach einem Ereignis, über das ich gebloggt zu haben meine, scrolle ich manchmal durch mein Blog. Dieses externe Gedächtnis war mir schon oft sehr hilfreich.

Dabei bin ich heute auf diesen präpandemischen Text hier gestoßen, den ich – auch fünf Jahre später – so noch unterschreibe.

Drei rotbemützte Bäume
Drei rotbemützte Bäume, verfremdet

Ich verstehe, warum wir uns Halstücher und Mützen anziehen. Krawatten werden mir wohl immer ein Rätsel bleiben.

Ich mag Barfußgehen auf der Erde und durch nasses Gras. Gehen in Stöckelschuhen tut mir nur schon beim Zuschauen weh.

Ich verstehe mich auf Schönheit und Ästethik. Nicht auf Effekthascherei.

Ich kann Stimmungen hinter der Schminke lesen. Von Maskeraden und Make-Up verstehe ich nichts.

Ich verstehe etwas von der Sprache der Liebe. Nichts aber von jener der Image- und Machtsymbole.

Ich erkenne, wenn jemand Hilfe braucht. Von Intrigen und Powergames habe ich keine Ahnung.

Ich liebe es, spontane Geschenke zu machen, aber mit Schenken-auf-Befehl kann man mich verjagen.

Ich verstehe etwas von Gefühlen, mit dem Missbrauch derselben bin ich allerdings immer wieder überfordert.

Ich mag es, mir eine eigene Meinung zu bilden, sie aber als die einzig richtige zu betrachten, geht mir gegen den Strich.

Ich freue mich über Rückmeldungen für mein Tun. Auf Lob zu warten mag ich dennoch nicht.

Ich mag es, Herzblut und Zeit an Freundinnen und Freunden zu verschenken. Mich aber von Menschen ausnutzen und klein machen zu lassen ist überflüssige Kraft- und Zeitverschwendung.

Ich echauffiere mich immer mal wieder über Dinge, die andere tun oder lassen. Hasskommentare und Hassaktionen gehen dennoch absolut nicht.

Ich verhalte mich solidarisch. Ausgrenzung und Ausbeutung toleriere ich nicht.

Ich stehe für Würde. Sie ist weder freiwillig noch ein Konjunktiv, sie ist ein für alle Menschen geltendes Menschenrecht.

Noch krassere Jahresrückblickgedanken

Gut und schwierig lagen dieses Jahr krass nah beieinander, schrieb ich neulich, etwas mehr als einen Monat ist es her.

Ja, 2024 war für mich tatsächlich ein krasses Jahr. Und der November hat die Vormonate noch getoppt. Ich hoffe, das Jahresende wird entspannter.

Es war das Jahr mit dem krassesten Zahnweh seit langem,

(Inzwischen wird ein Wurzelkanal des schlimmen Zahns behandelt und die Schmerzen sind Geschichte.)

… mit krass anstrengenden Autogeschichten,

(Mein Autochen hat erst bei der zweiten Prüfung bestanden. Alles wieder gut. Aber der Weg dahin? Puh. Krass.)

… mit Besuch vom krassen Virus mal wieder,

(Ja, zum zweiten Mal COVID, aber eigentlich hatten wir diesmal ziemlich Glück. Und ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist.)

… mit der krassesten Erschöpfung seit langem.

(Ist dann auch mal genug, bitte, Leben.)

Ein Lieblingskinderbuch taucht am Erinnerungshorizont auf …

So langsam schleicht sich das Virus, das vor fünf Jahren die Welt veränderte, wieder aus meinem Körper – und mit ihm verlässt mich das Fieber. Diesmal hat es mich deutlich weniger heftig in die Knie gezwungen als vor zwei Jahren. Diesmal habe ich ihm mehr Widerstand leisten können, die Impfungen halfen. Gleichzeitige Zahnschmerzen, die behandelt werden müssen – verschoben auf nach dem Kranksein. Dennoch bin ich nicht so leichtsinnig, diese Krankheit auf die leichte Schulter zu nehmen. Nur weil ich Glück hatte, haben andere nicht automatisch auch Glück.

Draußen liegt seit vorgestern Abend Schnee. Er schmilzt – oder sinkt zumindest in sich zusammen, wie es Schnee zu tun pflegt. Ich werde nachher, das erste Mal seit Montag, das Haus verlassen. Morgen sind Abstimmungen. Ich will meine Wahlunterlagen in den Briefkasten des Gemeindehauses werfen. Bürgerinnenpflicht. Wider die Hoffnungslosigkeit. Hinter das erste JA, das ich geschrieben habe, um den jungen Menschen meines Kantons  schon ab 16 Jahren zu einer Stimme zu verhelfen, habe ich versehentlich und impulsiv ein Ausrufezeichen gesetzt. Keine Ahnung, ob die Stimme damit noch gültig ist. Ich hoffe es. (Von mir aus dürfte sie doppelt gezählt werden.)

Die Stimmen gegen das Stimmrecht ab 16 tönten so: »Bis jetzt ging es ja auch immer!«

Ja, genau. Fragt sich bloß, wie?! Sagte ich schon, dass ich je länger je politikverdrossener bin?

Gestern, ausgelöst durch einen Chat mit einer Freundin, die schreibend über ihre Kinder nachdachte, fiel ich mitten in eine Erinnerung. Wie hatte dieses Buch doch gleich noch geheißen, dass ich in der dritten, vierten und fünften Klasse wieder und wieder gelesen habe? Es war eins dieser wunderbaren Bücher, die ein fantasiebegabtes Kind, wie ich es eins war, einfach lieben musste. Das ging gar nicht anders, denn Fräulein Pudel-Dudel wusste immer Rat. Solche Erwachsenen hätte ich mir damals gewünscht.

Ein leinengebundenes, orangefarbenes Buch, dessen Buchrücken und Vorderseite sichtbar sind. Auf dem Buchrücken ist der Autorinname »Betty MacDonald« und der Buchtitel »Fräulein Pudel-Dudels Wunderkuren« lesbar. Auf der Vorderseite rechts unten ist eine stilisierte Person mit wuscheligem Haarschopf neben einem Vogelbauer, in dem ein Papagei sitzt, zu sehen. Die Figurern und die Beschriftung sind in dunkelgrüner Farbe in den Leineneinband eingeprägt.
Ein leinengebundenes, orangefarbenes Buch, dessen Buchrücken und Vorderseite sichtbar sind. Auf dem Buchrücken ist der Autorinname »Betty MacDonald« und der Buchtitel »Fräulein Pudel-Dudels Wunderkuren« lesbar. Auf der Vorderseite rechts unten ist eine stilisierte Person mit wuscheligem Haarschopf neben einem Vogelbauer, in dem ein Papagei sitzt, zu sehen. Die Figurern und die Beschriftung sind in dunkelgrüner Farbe in den Leineneinband eingeprägt.

Immer, wenn Kinder und ihre Eltern (na ja, es waren meistens die Mütter) nicht mehr weitergewusst hatten, gingen sie zu ihr. Fräulein Pudel-Dudel, eine kauzige, ältere Frau mit einem riesengroßen Herz, die eine Art Mix aus Selbsterfahrung, Antiautorität und viel Vertrauen in die Lösung der familiären Probleme legte, hatte für alle ein offenes Ohr. Sie traute den Kindern zu, aus gemachten Erfahrungen ihre eigenen Schlüsse zu ziehen und ermöglichte es, den Eltern, neue Zugänge zu ihren Kindern zu finden. Und umgekehrt.

So jedenfalls las ich die Geschichten damals, hungrig wie ich nach funktionierenden, liebevollen Familiensystemen war. So sollte es sein, fand ich, so sollten Mütter mit ihren Kindern umgehen. Egal, ob die Kinder nicht aufräumten, ihre Aufgaben nicht machten oder nicht essen wollten … Fräulein Pudel-Dudel hatte eine gute Idee, wie allen geholfen werden konnte. Na ja, wahrscheinlich idealisiere ich. Egal.

Es war übrigens exakt die abgebildete Ausgabe – gestern auf Buchbot* gefunden (Ausgabe Exlibris, Zürich**) –, die ich hatte. In meiner Erinnerung habe ich das Buch jahrelang mit mir herumgeschleppt. Und gestern habe ich es also im Netz wiedergefunden, allerdings in keinem mir bekannten Antiquariat zu kaufen. Ich habe eine Suchanfrage gestartet, denn ja, zugegeben, ich würde das Buch zu gern aus heutiger Sicht noch einmal lesen. Betty MacDonald, die Autor und selbst Mutter, hatte ein bewegtes Leben, wie ich gestern gelesen habe. Ich glaube, das Buch könnte mir auch heute noch gefallen.

Vielleicht-vielleicht wäre die Welt ein klein bisschen besser, wenn wir alle ein bisschen pudel-dudeliger wären.


*Hier mehr Infos:

**Wie dankbar ich meinen Eltern noch immer für das Bücherregal im oberen Flur bin, das sie mit im Monatsabo eintreffenden Büchern füllten, die vermutlich nur ich las. Billigausgaben. Warum sie das Abo nicht abbestellten? Ich weiß es nicht. Ach, fällt mir ein, auch das Reader’s Digest-Magazin habe ich Monat für Monat verschlungen.

In krasser Jahresrückblickstimmung

Seit wir November haben, glaube ich mich im Dezember angelangt. Nicht im Kopf, mehr so in der punktuellen Wahrnehmung. Weil das Jahr gefühlt einerseits schon uralt ist, obwohl es doch – andererseits –irgendwie eben erst begonnen hat. Das hatte ich so noch nie.

Als ich heute Morgen nach einer erholsamen Nacht mit über neun Stunden Schlaf langsam auftauchte – wie eine Schwimmende aus den Tiefen des Meeres mich orientierend, in wessen Bett ich überhaupt liege, den Liebsten neben mir fühlend –, war ich … nein, kein Käfer. Aber ich befand mich in einer Jahresrückblickstimmung, die mich nach dem Handy tasten ließ, um die vielen gleichzeitigen Gedanken nicht unbeachtet verstreichen zu lassen.

Gut und schwierig lagen dieses Jahr krass nah beieinander. 2024 war für mich tatsächlich ein krasses Jahr.

Es war das Jahr mit dem krassesten Mutanfall seit langem.

(Ich habe mich im Mai ernsthaft auf die Wohnungssuche eingelassen, mich gleich in die erste Wohung verliebt und sie sogar bekommen.)

Das Jahr mit den den krassesten Schmerzen, die ich je hatte, …

(Nach einer Woche Krankseins nach vollbrachtem Umzug und einem schmerzhaften Augenunfall, quälte ich mich fast drei Wochen mit Höllen-Rückenschmerzen durch den Hochsommer.)

mit der krassesten Lebensqualität, seit vielen vielen Jahren …

(Vor einem Jahr begann ich nach erfolgter ADHS-Diagnose das Experiment Dexmethylphenidat und habe es nie bereut. Wie krass heller ist mein Leben seither geworden!)

den krassesten Entwicklungsschritten, seit ich mich erinnern kann …

(Dank neuer Medizin konnte ich vieles in meinem Leben neu und anders denken und anpacken – krasse Lernkurve!)

den krassesten Ideen seit langem …

(Dem letztjährigen Novemberschreiben verdanke ich ein Manuskript, an dem ich noch immer arbeite und Ideen umsetze. Möge es einen Verlag finden.)

und dem allerkrassesten Weltgeschehen, das ich je erlebt habe.

(Dazu muss ich wohl nicht viel sagen, andere können das besser. Aber ej, wird das jetzt echt immer noch krasser?)

Natürlich ist das alles nur ein winziger Ausschnitt. Unterm anderem habe ich dieses Jahr auch noch mein 20-jähriges Blogjubiläum gefeiert und mein 15-Jähriges mit dem Liebsten.

Krass, nicht wahr?

Urban ArtWalk Bremgarten

Es war am Sonntagnachmittag, Sonne satt. Dazu nicht mehr so kalt wie die Tage zuvor.

»Lass uns einen Ausflug machen! Am liebsten so einen Spaziergang wie neulich vom Zeltplatz aus, einen Spaziergang mit Stadt und Natur, mit Fotografieren, mit Genießen und Hinschauen, Flanieren, Stehenbleiben …« So hatten wir beim Brunch überlegt – und uns für Bremgarten entschieden, einer kleinen Stadt nicht weit von mit, die wir beide bisher kaum kannten.

Seit einigen Tagen haben wir die Open-Source-Navigationsapp Organic Maps auf unsern Handys. Bereits auf zwei Ausflügen hatten wir sie getestet – einmal am Freitag auf einer dreißig Kilometer langen Radtour, einmal am Samstag auf einer kleinen Wanderung in den Bözberger Hügeln. Fazit: Sie kann, wass sie soll. Und sie kann auf iOS sogar Routen aufzeichnen. Tolles Teil. Ich bin ja über jede Möglichkeit froh, die mich unabhängiger von den Internetriesen macht. Herzliche Empfehlung. Das ist übrigens unbezahlte Werbung, zumal die App eh kostenlos ist.

Bremgarten also. Der anvisierte Parkplatz war voll, so dass wir zurück über die Brücke fuhren, wo sich ebenfalls freie Parkplätze befanden. Was sich im Rückblick als perfekte Wahl erwiesen hat, denn von der Brücke aus konnten wir hinunter an die Reuss steigen und am Reussufer entlang in die Stadt spazieren. Schon bald erkannten wir, dass wir nicht die einzigen ArtWalk-Menschen waren. Unser UrbanArtwalk-Plan – sprich: eine Stadt mit künstlerischem Blick zu durchwandern und fotografisch festzuhalten, was uns berührt – wurde durch eine aktuell laufende Ausstellung namens ArtWalk* im öffentlichen Raum noch getoppt. Was für tolle Kunstwerke überall!

Kunst zum Staunen, zum Anfassen, zum Stillwerden … nach einem längeren Stadtspaziergang schloßen wir die Runde mit einem weiteren Stück Reussuferweg ab und der Track sieht darum auch richtig richtig toll und rund aus, finde ich.

Stadtplan von Bremgarten, der eine nach unten rechts geöffnete Flussschleife zeigt. Darin sichtbar der aufgezeichnete, gewanderte Weg einmal im Kreis und mittendrin ein Gewusel aus Wegen. Stadtplan von Bremgarten, der eine nach unten rechts geöffnete Flussschleife zeigt. Darin sichtbar der aufgezeichnete, gewanderte Weg einmal im Kreis und mittendrin ein Gewusel aus Wegen.

Track zum Download

Es folgen Bilder und da es sehr viele sind, bitte ich um Verzeihung, dass ich diesmal keine detaillierten Alternativtexte/Bildbeschreibungen für Sehbeeinträchtigte eingefügt habe.

Die folgenden Bilder zeigen die Reuss, Straßenszenen, Aufnahmen von Kunstwerken aller Art und aus sehr unterschiedlichen Materialien. Dazu alles mögliche, das sich uns beim Spazieren in den Weg gestellt hat.


*Mehr Infos zum Artwalk:
artwalk-bremgarten.ch
Auf Insta:
instagram.com/artwalk_bremgarten
Insta-Reel:
instagram.com/reel

Herbst

Da isser ja, der Herbst. Und mit ihm wieder einmal ein kleiner Test, äh, Text, um zu testen, ob meine ActivityPub-Verbindung wieder geht.

Ich wundere mich

Nach meiner Pechsträhne voller Krankheiten und Unfälle kurz nach dem Umzug – eine Woche Fieber, dann die Iliosakralgelenk-Rückenschmerzen, die Augenverletzung und schließlich letzte Woche noch die Fingerwunde durch einen dummen Nähunfall – könnte ich ja jetzt versuchen, die Nachhalle dieser Ereignisse als kleine Alltagswunder zu betrachten und mich herzlich darüber zu wundern.

Meine Rückenschmerzen sind nach »nur« knapp drei Wochen verschwunden, statt – wie von der Physiotherapeutin vorausgesagt – sechs Wochen zu bleiben. Wow!

Das verletzte Auge hat sich nicht infiziert und ist in Rekordzeit verheilt. Ebenso der linke Zeigefinger, den ich mir letzten Donnerstag – am Nationalfeiertag ausgerechnet! – beim Nähen mit einer abgebrochenen Maschinennähnadel durchstochen habe. Eine reine Fleischwunde übrigens, ohne Knochen- oder Nagelverletzung. All das heilt sehr gut. Wunderbar ist das.

Und gestern gleich noch so ein Wunder. Wir kamen von unserer dreißig Kilometer langen Radtour zurück nach Hause. Als ich mein Rad abschließen wollte, stellte ich das Fehlen meines Schlüsselbundes fest. Wir durchsuchten alle Taschen, doch da war nichts. NICHTS!

Die Haustür war mit dem hölzernen Bremsklotz halb geöffnet, sodass wir eintreten konnten. Ich schlug vor, dass wir uns auf die Treppe vor der Wohnung setzen sollten und ich von dort aus einen Schlüsseldienst anrufen könnte. Was sah ich, als ich gerade auf der Treppe Platz nehmen wollte? Mein Schlüsselbund! Da lag er, auf meinem Schuhkasten. Vermutlich hatte ich den Schlüssel an der Tür steckenlassen – es wäre nicht das erste Mal! –, als ich nochmals in die Wohnung gegangen war und den vergessenen Radtacho geholt hatte. Danke, Danke, Danke, liebe Nachbarinnen!

Ich hoffe, dass ich jetzt das Pech dieses Jahres aufgebraucht habe und vor allem, dass ich endlich wieder achtsamer und aufmerksamer leben kann. Und stressfreier.

Wenn Liegen weh tut

Seit Tagen will ich über meine Schmerzen schreiben, doch ist darüber nicht längst alles gesagt? Vielleicht sollte ich es also einfach tun – im Wissen darum, dass ich mehr bin als der Schmerz, wie mir Freundin U. vor einigen Tagen in Erinnerung gerufen hat.

Als meine Rückenschmerzen, die vor etwa zehn Tagen über mich gekommen sind, noch schier unerträglich waren, standen mir genau sie, über die ich ja eigentlich schreiben wollte, im Weg. Ich habe die letzten Tage meine Laptopzeiten auf das absolut Notwendige reduziert, auf Bürokram, Organisatorisches, zuweilen Tagebuchnotizen, Chats manchmal. Doch so schnell wie möglich klappte ich den Deckel des Rechnern wieder zu. Und litt weiter vor mich hin.

Weiterleidend, ja, mit stetem Blick auf den Schmerz. Den Schmerz dermaßen im Fokus, weil er so dominant, so laut, so schrill war, dass ich nirgendwo anders hingucken konnte. Einfach nicht in der Lage war, wegzugucken. Mich nach Erholung und Schlaf sehnend. Liegen und Sitzen, die einzigen Möglichkeiten der Ruhe und Entspannung, die ich kenne, wenn ich an Schlafenwollen denke, waren jedoch beide mit nur noch stärkeren Schmerzen verbunden.

Tagsüber, stehend, gehend oder sitzend, ordnete ich die Schmerzen so zwischen 8-10 von 10 Schmerzskala-Punkten ein. Liegend kam ich locker auf 11-12. Also in den Bereich des für mich nicht mehr Erträglichen. Wie sagte Frau R. doch? Schmerz sieht man nicht auf dem Röntgenbild.

Der Schmerz besetzte alle meine Gedanken, meine Muskeln, meine Nervenzellen – und auch alle meine anderen Zellen. Überall leuchtete er herum. Er blockierte mein Denken, meine Hoffnung, meine Zukunftsgedanken. Alles war Schmerz.

Die von den Notfallärztys beim sonntagnächtlichen Besuch in der Notfallpraxis verschriebenen Medikamente – drei hochdosierte Mittel samt Magenschoner –, halfen zwar schon, aber eben nicht so sehr, dass ich länger als vielleicht mal eine halbe Stunde schmerzfrei gewesen wäre. Dass ich Übungen zur Mobilisierung des Iliosacralgelenks aus dem Internet machte, war sicher einerseits gut, oder zumindest gut gemeint, doch in meinem Fall leider auch weiteres Öl auf die Mühlen. Denn mein Körper, meine untere Rückenmuskulatur, brauchte eigentlich gerade keine weiteren Aktionen, sondern nur Ruhe und Entspannung. Und die fand sie nicht, die fand ich nicht.

Die Nächte waren besonders schlimm. Wenn der Schmerz zu unerträglich zum Liegen wurde – und das wurde er oft –, ging ich umher. Ich tigerte durch die Wohnung. Stundenlang. Dann wieder neues Medikament, neue Bettflasche, neue Wärmesalbe, neuer Einschlafversuch. Meistens konnte ich so zwei- bis dreimal ein- bis drei Stunden schlafen. Die Übermüdung wurde neben dem Schmerz und der Benommenheit durch die Medikamente zur weiteren großen Belastung. Ich taumelte durch die Tage.

Die Physiotherapiesitzung am Donnerstagnachmittag, den ich mir zum Glück hatte ergattern können, brachte die Wende. Frau K. wies mich darauf hin, wie dringend nötig Ruhe für mein muskuläres System sei. Meine Übungen solle ich eher auf sehr feine Mobilisierungsbewegungen reduzieren, kleine Bewegungen seien hier und jetzt hilfreicher. (Dass ich aber auch immer übertreiben muss!)

Nach ihrer sehr feinen, sehr tiefgehenden und beruhigenden Massage war ich einige Stunden praktisch schmerzfrei. Dafür wurde es nachts wieder umso schlimmer und meine Angst, dass es nun immer so weitergehen würde, wuchs. Dass ich in diesen Stunden oft darüber nachgedacht habe, wie sich Menschen mit chronischen Schmerzen wohl fühlen müssen, verwundert sicher nicht. Ich wurde mir meiner bisherigen Privilegien bewusst. Meine körperlichen Schmerzen waren immer nur temporärer Natur gewesen und solche derart dominanten Rückenschmerzen, die mich am Liegen gehindert hätten, hatte ich bisher noch nie gehabt. Was habe ich doch bisher für ein Glück gehabt. Ja, solche Erfahrungen machen demütig.

Was mir leider nur schlecht gelingt, obwohl es oft empfohlen wird ist, mich mit dem Schmerz zu verbinden. Na ja, willkommen heißen war schon mal gar nicht, aber ein bisschen mehr Akzeptanz wäre sicher gut gewesen. Zu Schmerzen, von denen ich wusste oder weiß, dass sie temporär sind (Spritzen, Massageschmerz, etc.) konnte und kann ich durchaus ja sagen, doch bei Schmerzen, deren Ende nicht absehbar ist, finde ich das eine Meisterinnenleistung, eine, die ich noch nicht kann. Ich bin noch ganz am Anfang, was den Umgang mit Schmerz betrifft.

Dabei ist Schmerz so ein zentrales menschliches Thema. Das Leben fängt ja schon mit Schmerzen an, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Geburt ohne Schmerz geht. Über das Sterben können wir nur mutmaßen.

Alles Mögliche kann schmerzen. Zu viel Licht. Durst. Ein Stoß gegen den Bauch. Sich den Fuß vertreten. Zu viel Reiz. Wenn jemand unfreundlich ist. Die Hitze. Die Stirnhöhle. Eine Freundin, die leidet. Depression. Der Hals. Mitgefühl. Aufregung. Rückweisung. Trauer. Der Kopf. Ein Zahn. Ein Juckreiz. Ein Fremdkörper im Auge. Husten. Verlust. Die Lunge. Der Darm. Die Speiseröhre. Alle Organe. Das Herz. Die Seele. Alles. Alles kann weh tun. Nichts ist vor Schmerzen gefeit. Nichts. Nichts ist wirklich unkaputtbar. Das Meiste ist eh schon beschädigt. Von Anfang an. Und alles ist dem Verschleiß ausgesetzt. Alles. Nichts bleibt.

Gestern Morgen, um meine Geschichte weiterzuerzählen, beschloss ich, doch nochmals bei meiner Hausärztin-Praxis anzurufen und den erstmöglichen Termin nach der Ferienrückkehr meiner Ärztin zu bekommen. Der wäre, sagt die MPA, am Dienstagnachmittag. Oke, denke ich, so lange musst du noch durchhalten. Ist denn heute, frage ich plötzlich und bin selbst überrascht von mir, eine der anderen Ärztinnen im Haus? Ja. Und hat sie Zeit für mich? Ja. Um 16 Uhr. Als ich aufgelegt habe, frage ich mich, warum ich das nicht schon beim letzten Anruf, am Dienstag, als ich um eine Physio-Verordnung gebeten hatte, gefragt habe. Wow. Ich habe einen Termin und muss nicht mit dem Auto in die Notfallpraxis. Juhu!

Obwohl die Nacht auf Freitag schlimm gewesen war, sind die Schmerzen bald wieder relativ erträglich. Ein Nachhall der Physiotherapie? Ein Heilungsvorgang? Ich mache nur noch kleine und feine Bewegungen, um die Schmerzen zu kompensieren. Und vor allem mache ich wieder Dinge – trotz der Schmerzen. Eine kleine Radtour an Lieblingsorte, um mir meinen Ort von der neuen Wohnung aus zurückzuholen, und einen kleinen Einkauf, damit ich das Wochenende überstehe. Daheim dann weiter kleine Dinge. Keine Dinge, bei denen ich schwer heben muss, aber so Dinge wie neues Flüssigwaschmittel aus Kernseife und Soda, und neues Shampoo … Dinge, die mich ablenken, Dinge, die ich gerne mache, die mich strukturieren, die mich ordnen. Der Rücken macht mit und ich bin, relativ schmerzarm bei vielleicht 3-4 von 10 Schmerzskala-Punkten.

Beim Termin mit der Ärztin, einer Kollegin meiner Hausärztin, die auch Zugang auf die Akte aus der Notfallpraxis hat, erzähle ich davon, dass ich nicht zur Ruhe komme und dass es nicht nur ein körperliches, sondern eben auch ein mentales Problem sei. Wir diskutieren die Möglichkeiten. Ich bringe ‚Muskelrelaxans‘ ins Spiel, was sie aufgreift. Sie verschreibt mir eins und auf einem zweiten Rezept ein Reservemittel, das ich, falls die Schmerzen nicht besser werden sollten, nehmen könnte –statt des für mich nicht sehr wirksamen Paracetamols. Es ist ein sehr gutes Gespräch.

In der Apotheke bekomme ich das Gewünschte und in der Nacht schlafen ich tatsächlich fast bis sieben nachdem ich um halb elf das Licht gelöscht habe. Ich bin eine kleine Lerche geworden und hoffe, ich bekomme nach und nach wieder meine innere biologische Uhr zurück. Vielleicht ist sie ja tatsächlich irgendwie verrutscht, also langfristig meine ich, aber vielleicht kommt nun auch mein alter Rhytmus zurück. Das, was ich davon noch will. Manches fällt womöglich raus. Wie bei den materiellen Dingen, die ich ausgemistet habe.

Weil ich um sieben nochmals eine halbe Tablette des Muskelrelaxans nehme, schlafe ich erneut etwa drei Stunden tief und fest. Boah. Was Schlaf doch für ein Zaubermittel ist!