In krasser Jahresrückblickstimmung

Seit wir November haben, glaube ich mich im Dezember angelangt. Nicht im Kopf, mehr so in der punktuellen Wahrnehmung. Weil das Jahr gefühlt einerseits schon uralt ist, obwohl es doch – andererseits –irgendwie eben erst begonnen hat. Das hatte ich so noch nie.

Als ich heute Morgen nach einer erholsamen Nacht mit über neun Stunden Schlaf langsam auftauchte – wie eine Schwimmende aus den Tiefen des Meeres mich orientierend, in wessen Bett ich überhaupt liege, den Liebsten neben mir fühlend –, war ich … nein, kein Käfer. Aber ich befand mich in einer Jahresrückblickstimmung, die mich nach dem Handy tasten ließ, um die vielen gleichzeitigen Gedanken nicht unbeachtet verstreichen zu lassen.

Gut und schwierig lagen dieses Jahr krass nah beieinander. 2024 war für mich tatsächlich ein krasses Jahr.

Es war das Jahr mit dem krassesten Mutanfall seit langem.

(Ich habe mich im Mai ernsthaft auf die Wohnungssuche eingelassen, mich gleich in die erste Wohung verliebt und sie sogar bekommen.)

Das Jahr mit den den krassesten Schmerzen, die ich je hatte, …

(Nach einer Woche Krankseins nach vollbrachtem Umzug und einem schmerzhaften Augenunfall, quälte ich mich fast drei Wochen mit Höllen-Rückenschmerzen durch den Hochsommer.)

mit der krassesten Lebensqualität, seit vielen vielen Jahren …

(Vor einem Jahr begann ich nach erfolgter ADHS-Diagnose das Experiment Dexmethylphenidat und habe es nie bereut. Wie krass heller ist mein Leben seither geworden!)

den krassesten Entwicklungsschritten, seit ich mich erinnern kann …

(Dank neuer Medizin konnte ich vieles in meinem Leben neu und anders denken und anpacken – krasse Lernkurve!)

den krassesten Ideen seit langem …

(Dem letztjährigen Novemberschreiben verdanke ich ein Manuskript, an dem ich noch immer arbeite und Ideen umsetze. Möge es einen Verlag finden.)

und dem allerkrassesten Weltgeschehen, das ich je erlebt habe.

(Dazu muss ich wohl nicht viel sagen, andere können das besser. Aber ej, wird das jetzt echt immer noch krasser?)

Natürlich ist das alles nur ein winziger Ausschnitt. Unterm anderem habe ich dieses Jahr auch noch mein 20-jähriges Blogjubiläum gefeiert und mein 15-Jähriges mit dem Liebsten.

Krass, nicht wahr?

Aus der Zeit gefallen

Bei unserm kleinen Spaziergang am Samstagnachmittag denke ich über meine Wahrnehmung der Zeit nach. Und über die Dinge, die ich beim Durchschreiten der Zeit so tue. Normalerweise klebe ich Erlebnis an Erlebnis, Ding an Ding, eins ans nächste, und webe mir so aus den Dingen, die ich tue, ein dichtes Alltagsgewebe. Jedes Ding, das getan ist, hake ich ab, froh und erleichtert, es getan und nun hinter mir zu haben, selbst wenn es etwas Schönes war.

Ein einziges Hinter-mich-bringen-von-Dingen ist Leben letztlich, ein einziges Verschieben von Dingen von A nach B, bildlich und physisch, zumindest bei mir. Am Morgen auf den Abend schielend, wo ich auf die getanenen Dinge zurückschauen werden kann – mit einem übrigens durchaus guten, befrieidigenden und zufriedenen Gefühl, das ich natürlich auch tagsüber beim Tun von Dingen erlebe. Nur ist eben immer dieses Getrieben-Gefühl mit im Spiel: mein Zeiterlebnis als voranschreitende Bewegung auf einer Linie mit einem immerwährenden Schnell-Schnell-Schnell im Innenohr – Konditionierung sei Dank.

Doch dann gibt es auch diese wahrhaftigen Momente, diese Dinge, diese Erfahrungen, diese Erlebnisse, diese Tun-Dinge, bei denen ich aus der Zeit falle. Das sind für mich die wahren Zeiten, obgleich sie unmess- und unfassbar sind. Die Glückszeiten. So wie gestern, als wir etwa zwei oder drei Stunden collagiert haben. Das Ergebnis am Schluss ist weniger wichtig als das Aus-der-Zeit-Fallen. Ich erlebe das auch beim Spazieren, Wandern, Radeln oft … In der Natur. Und beim Lesen oder Hörbuchhören …

Geht es also womöglich beim Sich-Finden nicht letzlich irgendwie darum, sich zu verlieren, sich in der Zeit zu verlieren?

Urban ArtWalk Bremgarten

Es war am Sonntagnachmittag, Sonne satt. Dazu nicht mehr so kalt wie die Tage zuvor.

»Lass uns einen Ausflug machen! Am liebsten so einen Spaziergang wie neulich vom Zeltplatz aus, einen Spaziergang mit Stadt und Natur, mit Fotografieren, mit Genießen und Hinschauen, Flanieren, Stehenbleiben …« So hatten wir beim Brunch überlegt – und uns für Bremgarten entschieden, einer kleinen Stadt nicht weit von mit, die wir beide bisher kaum kannten.

Seit einigen Tagen haben wir die Open-Source-Navigationsapp Organic Maps auf unsern Handys. Bereits auf zwei Ausflügen hatten wir sie getestet – einmal am Freitag auf einer dreißig Kilometer langen Radtour, einmal am Samstag auf einer kleinen Wanderung in den Bözberger Hügeln. Fazit: Sie kann, wass sie soll. Und sie kann auf iOS sogar Routen aufzeichnen. Tolles Teil. Ich bin ja über jede Möglichkeit froh, die mich unabhängiger von den Internetriesen macht. Herzliche Empfehlung. Das ist übrigens unbezahlte Werbung, zumal die App eh kostenlos ist.

Bremgarten also. Der anvisierte Parkplatz war voll, so dass wir zurück über die Brücke fuhren, wo sich ebenfalls freie Parkplätze befanden. Was sich im Rückblick als perfekte Wahl erwiesen hat, denn von der Brücke aus konnten wir hinunter an die Reuss steigen und am Reussufer entlang in die Stadt spazieren. Schon bald erkannten wir, dass wir nicht die einzigen ArtWalk-Menschen waren. Unser UrbanArtwalk-Plan – sprich: eine Stadt mit künstlerischem Blick zu durchwandern und fotografisch festzuhalten, was uns berührt – wurde durch eine aktuell laufende Ausstellung namens ArtWalk* im öffentlichen Raum noch getoppt. Was für tolle Kunstwerke überall!

Kunst zum Staunen, zum Anfassen, zum Stillwerden … nach einem längeren Stadtspaziergang schloßen wir die Runde mit einem weiteren Stück Reussuferweg ab und der Track sieht darum auch richtig richtig toll und rund aus, finde ich.

Stadtplan von Bremgarten, der eine nach unten rechts geöffnete Flussschleife zeigt. Darin sichtbar der aufgezeichnete, gewanderte Weg einmal im Kreis und mittendrin ein Gewusel aus Wegen. Stadtplan von Bremgarten, der eine nach unten rechts geöffnete Flussschleife zeigt. Darin sichtbar der aufgezeichnete, gewanderte Weg einmal im Kreis und mittendrin ein Gewusel aus Wegen.

Track zum Download

Es folgen Bilder und da es sehr viele sind, bitte ich um Verzeihung, dass ich diesmal keine detaillierten Alternativtexte/Bildbeschreibungen für Sehbeeinträchtigte eingefügt habe.

Die folgenden Bilder zeigen die Reuss, Straßenszenen, Aufnahmen von Kunstwerken aller Art und aus sehr unterschiedlichen Materialien. Dazu alles mögliche, das sich uns beim Spazieren in den Weg gestellt hat.


*Mehr Infos zum Artwalk:
artwalk-bremgarten.ch
Auf Insta:
instagram.com/artwalk_bremgarten
Insta-Reel:
instagram.com/reel

Herbst

Da isser ja, der Herbst. Und mit ihm wieder einmal ein kleiner Test, äh, Text, um zu testen, ob meine ActivityPub-Verbindung wieder geht.

Rebis reist in den Osten – mit Rad und ohne Plan

Ich mag es ja, gemütlich von daheim aus andern beim Reisen und beim Radeln zuzuschauen und Texte über ihre Abenteuer zu lesen. Auf diese Weise bin ich übrigens auch zur TCR-Dotwatcherin geworden, vor einigen Jahren schon, wenn die Radlerinnen und Radler des Transcontinentalrennens (TCR) quer durch Europa und über dessen Grenzen hinaus radeln …

(Hier lassen sich aktuell die diesjährigen Radler*innen beobachten und hier gehts zum dazugehörigen Blog mit den täglichen Updates.)

Als unsere Freundin (Frau) Rebis ihr eben angebrochenes Sabbatjahr plante und als Startpunkt Istanbul wählte, wo sie ihre letztjährige Radtour beendet hatte, wussten wir alle noch nicht, dass ihr Starttermin mehr oder weniger mit dem Schlusspunkt des Transcontinentalrennens zusammenfallen würde.

Seit Tagen gucke ich darum Richtung Türkei und nehme dank Trackingmöglichkeiten und sozialer Medien Teil am Radeln und Reisen von diversen Menschen, die die Welt mit dem Fahrrad erkunden.

Wer Rebis-reist-Rad auf ihrer Reise – Osten-ohne-Plan – begleiten will, kann das über Polarsteps tun, über Mastodon, über Instagram und über ihr Blog Osten-ohne-Plan tun. (Einfach den Links folgen.)

Mir bleibt zu sagen, dass Rebis‘ Texte immer sehr lesenswert sind und dass ich sicher bin, dass ihre Reisetexte unser aller Horizont erweitern werden.

Ich freue mich aufs Mitreisen und wünsche Rebis nur das Allerallerbeste für ihr Sabbatjahr.

Zusammen feiern

Wenige Monate vor dem Lockdown war es gewesen, im Herbst 19, als sich einige Menschen, die sich einst über soziale Medien und Blogs kennengelernt hatten, zum Feiern, Essen und Zusammensein auf dem Einsamen Gehöft eingefunden hatten. Schön war es gewesen und wir versprachen uns, das bald zu wiederholen. In den darauf folgenden Jahren gab es einige halbherzige, pandemieüberschattete Versuche, ein neues Treffen zu organisieren, doch sie verliefen alle im Sande.

Und auf einmal ist es uns doch wieder gelungen, Menschen von damals wiederzuvereinen. Viele von damals und dazu solche, die wir primär physisch kennen, trafen sich am letzten Wochenende für ein bis drei Tage gemeinsam zum Frühlingsgenuss und Draußensein auf dem Hof des Liebsten.

Am Freitagabend kam der Vorspann, samstags und sonntags gab es die volle Dröhnung und heute Morgen nahmen wir vom letzten Besucher Abschied.

Dazwischen? Viele Gespräche, Lachen, zusammen Gemüse schnippeln, kochen, trinken, essen, grillen, Geschirr spülen, Hunde streicheln, UNO spielen, Zelte aufbauen, Schlafplätze einrichten … zusammen am Feuer sitzen und – sagte ich es schon? – viel lachen.

Gestern Abend, als wir uns hinlegten, sagte ich zum Liebsten, dass ich wirklich von ausnahmslos allen den Eindruck habe, dass sie – zumindest ein bisschen – gestärkter und heiterer den Hof verlassen haben als sie ihn betreten haben. Es war für alle Platz, für die leisen ebenso wie für die eher lauteren, für die eher jüngeren ebenso wie für die eher älteren. So soll es sein.

Danke, Frau Lakritze, Frau Rebis, Der Emil, Frau Ostseenudel und St., S. und F., lieber Kai, liebe Kazi und liebe Silvia, für euer Da-Sein.

Die folgenden Bilder hier sind nur eine kleiner Einblick, fotografiert von Irgendlink und mir; inklusive einem Gastfoto von K. Dö., das die Lagerfeuerstimmung sehr schön wiedergibt.

Warum wir planen sollten | Orientierung #ADHS

Diese Woche hatte ich meine dritte Coaching-Sitzung zum besseren Umgang mit ADHS. Zu Beginn der Sitzung erzähle ich meiner Ärztin – nennen wir sie doch einfach Frau Dr. ADHS –, wie es mir die letzten drei Wochen mit dem Planen meiner Wochen-Lebenszeit ergangen ist, wo ich Probleme hatte, was gelungen und was mir aufgefallen ist.

Ich gestehe ihr, dass ich den Plan selten einhalten konnte. Meistens habe ich »gemogelt« und meine nicht geschafften Post-it-To-dos abends auf die restlichen Wochentage umverteilt. Manchmal lag es an der zu kurz bemessenen Zeit, manchmal an fehlender Lust und meistens daran, dass neue Aufgaben dazu gekommen sind, die dringender waren. Definitiv gut für mich ist, dass mich mein Wochenplan ruhiger macht. Die Dinge bekommen, dadurch dass sie benannt und als Aufgaben definiert sind, in meinen Augen mehr Wert und eine Art Daseinsberechtigung, insbesondere jene Dinge, die vorher immer unter dem Radar gelaufen sind, all jene Dinge, die ich bisher zwischendrin erledigt habe. Problemlösungen technischer Art zum Beispiel, wie ich sie in der vorletzte Woche gehäuft zu erledigen hatte.

Ich erzähle davon, wie ich inzwischen immer besser Aufgaben, die sich mir spontan in den Weg stellen, entschieden und bewusst auf später verschiebe, weil ich an etwas dran bin. Ich merke sie mir aber als Zu-Erledigendes, indem ich mir sie ein paar Mal vorsage. (Z. B.: »Diese Ecke räume ich nachher auf!«) Auch gelingt mir das Feierabendmachen irgendwie besser, seit ich den Wochenplan habe.

Meine Ärztin hört aufmerksam zu. Sie betont, dass wir diese Pläne nicht machen, um sie voll und ganz einzuhalten – was selbst bei bester Planung gerade mal zu 60 % gelinge, wie Erfahrungen zeigen. Wir erstellen solche Pläne zu unserer Orientierung. Wir machen sie, damit wir wissen, sehen, uns bewusst machen können, wann was zu tun ist. Um uns einen Überblick über das System Zeit, in der wir leben, zu verschaffen. Weitere Ziele sind, ein Gespür für Dauer, Energieaufwand und beste Tageszeit für die jeweiligen Aufgaben zu bekommen.

Dr. ADHS erinnert mich daran, dass es nicht nur um die Planung von Arbeit geht, sondern darum, unser Leben zu planen, Ziele zu haben, es nicht dem Zufall und den Umständen, spontanen Ideen und den Gewohnheiten zu überlassen. Es geht darum, realistisch planen zu lernen, also so, dass ich die Dinge, die ich tun will und soll (Arbeit und Freizeit), so plane, dass sie zeitlich aufgehen und dass ich sie erledigt bekomme, WENN nichts dazwischen kommt. Angefangen mit Fixterminen und Fristen, die eingeplant werden müssen. Anschließend werden die Tage mit den flexiblen Dingen, Aufgaben, Haushaltdingen, Freizeitdingen »aufgefüllt«.

Wir brauchen ja nicht noch ein neues Korsett mehr, sondern Werkzeuge, um unseren Alltag einfacher zu machen. Ich spreche Selbstdisziplin an, die mir, so sage ich, deutlich leichter fällt, seit ich das Medikament nehme. Sie findet den Begriff schwierig, negativ behaftet, spricht lieber von Zuverlässigkeit, von Verlässlichkeit. Stimmt, so kann ich es tatsächlich auch sehen; ich kann mich wirklich inzwischen besser auf mich verlassen, seit ich das Medikament nehme. Das Hirn hat genug Dopamin.

Ich lerne laufend dazu, gehe neue Wege, etabliere und trainiere neue Verhaltensmuster, nach und nach entstehen so neue neuronale Verbindungen im Hirn. Diese greifen allmählich auch dann, wenn ich das Medikament nicht nehme oder am Abend, wenn das Medikament eh nicht mehr wirkt.

ADHS-Betroffene, so sagt Frau ADHS, neigen dazu, ihr »Versagen« zu betonen, sich selbst zu blamen, einfach, weil wir sind, wie wir sind, anders eben als ein großer Teil der Bevölkerung. Das sei, sagt sie, pure Energieverschwendung. Wir sollten uns besser auf die Schulter klopfen für alles, was wir trotz erschwerter Lebensbedingungenschon geschafft haben. Ja, und uns auch gegenseitig ermutigen, sagt sie, als ich das Thema Peer groups anschneide. Frau ADHS findet es sehr gut, sich auszutauschen und voneinander zu lernen, sich auch virtuell zu vernetzen.

Jetzt sprechen wir über meine Ungeduld, denn am liebsten würde ich ja fast forward drücken und alles, was da noch zu lernen ist, schon gelernt haben. Frau ADHS schaut in ihren Laptop und rechnet mir vor, wie lange ich nun schon bei ihr bin (noch kein Jahr) und wie lange ich schon die Medikamente nehme (erst knapp ein halbes Jahr). Na also, das ist doch noch nicht lange und ich hätte, so sagt sie, bereits so viel gelernt. Wir sprechen über den Druck, den Therapieerfolgserwartungen bei uns auslösen. Letztlich sind und bleiben wir doch immer uns selbst, das sollten wir nicht vergessen. Wir können nicht jegliche Fortschritte auf Dritte oder Medikamente delegieren. Es ist immer noch unser Leben und wir die Akteur*innen. Erwartungen lösen unnötigen Stress aus, führen zu Ungeduld. Gesünder wäre es, uns für die einzelnen Schritte Respekt zu zollen, uns mit Geduld zu begegnen. Und wenn uns jemand erzählt »So geht es mir auch!«, wenn wir von unseren Symptomen erzählen, können wir getrost sagen: »Du hast das ab und zu, aber ich habe es immer.«

Als wir über Erwartungshaltung sprechen, sage ich, dass ich immer mal wieder gefragt werde, wie es denn mit der Abhängigkeit bei ADHS-Medikamenten sei. Dabei geraten wir in ein kleines philosophisches Gespräch. Süchtig nach Methylphenidat können wir, sagt sie, nur werden, wenn wir es überdosieren. Wenn wir nicht beim gewünschten und eigentlichen Dopamin-Effekt bleiben, sondern die für uns Betroffene unerwünschten Nebenwirkungen durch zu viel Dopamin – wie Dauerwachsein, Aufgedrehtsein, Appetitlosigkeit, Hyperhochfokussiertsein – erleben. Bei Überdosierung komme nämlich weniger der eigentliche, gewünschte Dopamineffekt, sondern die Substanz an sich, die wachhält, zum Tragen. Wer ständig überdosiert sei und dann das Mittel pausiere, könne durchaus Entzugserscheinungen haben, die allerdings eher einer Art Rebound* geschuldet seien. Wenn wir uns, sobald wir das Mittel pausieren, depressiver fühlen, sei das nicht ein eigentliches Entzugssymptom. Wir bleiben auch mit der Medizin die Menschen, die wir sind mit all unseren Eigenschaften. Falsche, überhöhte Erwartungen an das Mittel oder die Therapie an sich seien, wie schon gesagt, Stressoren, die uns sehr unter Druck setzen können.


*In der Pharmakologie bezeichnet das Rebound-Phänomen eine überschießende Gegenreaktion des Organismus bei abruptem Absetzen eines Medikaments. Quelle
Als Rebound-Effekt oder Absetz-Effekt (von engl. rebound ‚Rückprall‘) wird das verstärkte Wiederauftreten von Symptomen infolge des Nachlassen der Medikamentenwirkung (vornehmlich Stimulanzien) bezeichnet. Bis zu einem Drittel der mit Stimulanzien behandelten ADHS-Patienten erleben beeinträchtigende Rebound-Effekte. Quelle

Ausgelesen #42 | Die Wahrheiten meiner Mutter von Vigdis Hjorth

Sie hat damals ihren Mann, die Schwester und die Eltern von einem Tag auf den anderen verlassen und ist ihrer neuen Liebe von Norwegen in die USA gefolgt. Inzwischen ist Johanna erfolgreiche Künstlerin, Witwe und Mutter eines erwachsenen Sohnes. Nach dreißig Jahren kehrt sie – anlässlich einer Retrospektive ihres Kunstschaffens – in die Stadt ihrer Kindheit zurück, wo sie wieder Fuss fassen will. Dass sie feststeckt, begreift sie erst allmählich.

Das Buchcover zeigt in grafischen, mehrfarbigen Elementen und Schrift den Titel, Autorin- und Verlagsnamen. Dominant sind Blau- und Rottöne.
Das Buchcover zeigt in grafischen, mehrfarbigen Elementen und Schrift den Titel, Autorin- und Verlagsnamen. Dominant sind Blau- und Rottöne.

In kurzen Kapiteln spricht die Ich-Erzählerin davon, wie damals die Beziehung zu ihrer Familie kaputt gegangen ist. Sie erinnert sich an versteckte seelische Schmerzen der Mutter und begreift diese im Rückblick als Ausgangspunkt für die späteren Spannungen zwischen ihnen. Spontan wählt sie Mutters Telefonnummer. Trotz der räumlichen Nähe bleiben Mutter und Schwester jedoch unerreichbar. Verwundet und verwundert spielt Johanna mit Was-wäre-wenn-Szenarien, versucht den neuen Zurückweisungen eine Gestalt zu geben und zu verstehen, warum die Mutter das Telefongespräch nicht annimmt und die Schwester Nachrichten nicht beantwortet. «Vielleicht will Mutter mich nicht sehen, um nicht zu erfahren, was sie verloren hat? […] Ich zeichne mich als Mutter im Spiegel und entdecke, dass Mutters Mund spricht, er sagt, dass sie meinetewegen viel gelitten hat.»

Mir ging es beim Lesen ähnlich wie der Mützenfalterin, die mich überhaupt erst auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Vigdis Hjorth erzählt eine Geschichte, die erschüttert und unter die Haut geht.

Roman, S. Fischer 2023
Aus dem Norwegischen übersetzt von Gabriele Haefs

Wie wir Ziele erreichen können | Pläne machen #ADHS

Letzte Woche, in meiner zweiten Coaching-Sitzung, sprachen wir über die kurz- und mittelfristige Planung meiner Lebenszeit. Dieses Coaching soll mir dabei helfen, mit ADHS – dank Verhaltensanpassung und Medikamenten – stressfreier und gelassener zu leben.

Zuerst reden wir kurz über meine Selbstbeobachtungen mit der Selbststeuerung – dem Thema und der Aufgabe aus der letzten Sitzung – und ich sage, dass ich für mich einen anderen ersten Fragesatz gefunden habe. (Statt wie geht es mir JETZT? lautet meine erste Frage: Welches Gefühl ist JETZT am stärksten? Das passt bei mir besser.)

Ich erzähle auch von meiner Erkenntnis, dass ich letztlich tatsächlich mehrheitlich impulsiv oder aber rituell handle. Wenn alles in meinem Alltag den vertrauten Abläufen folgt, ist es gut für mich. Da aber, wo es keine solchen gibt, entscheide und handle ich spontan, impulsiv eben, ohne mir groß Gedanken über Folgen, Zeitaufwand und Zusammenhänge zu machen. Rückblickend frage ich mich, ob ich es anders hätte hinbekommen sollen oder können, na ja, besser halt irgendwie.

Meine Ärztin meint dazu, dass ich mein Verhalten nicht rückblickend bewerten und beurteilen solle. Es sei allerdings durchaus sinnvoll, aus der aktuellen Perspektive zu schauen, ob der vertraute Ablauf und/oder das Ritual jetzt noch gültig und sinnvoll seien oder ob es eine Anpassung brauche. Doch Rituale seien gerade für ADHS-Betroffene sehr sinnvoll, da sie uns Strukturen geben. Wir haben sie uns ja genau darum einst ausgedacht. (Ich nenne übrigens ritualisierte Abläufe, insbesonder wenn es Arbeitsdinge betrifft, auch gern Arbeitsoptimierungen, denn ich suche bei Arbeiten, die sich wiederholen, immer auch nach Wegen, die Arbeit mit möglichst wenig Kraft- und Energieaufwand und wenig Anstrengung erledigen zu können.)

Schließlich sprechen wir über Planung. Ich erzähle, wo meine Schwierigkeiten liegen, mich an exakte Zeitpläne zu halten. Hirnbedingt handle ich, wie gesagt, situativ und spontan, was dem Plänemachen grundsätzlich zuwider läuft. Also reden wir über hilfreiche Techniken.

Eine Wochenplanung sei das Sinnvollste, sagt meine Therapeutin aus langjähriger Erfahrung. Dabei wichtig: Keine Puffer einplanen. Pausen ja, Puffer nein, denn bei Puffern fallen ADHS-Menschen aus der besten Planung raus. Ebenso seien stundengenaue, zeitlich definierte Planungen nicht zielführend, denn sie bewirken das Gegenteil von dem, was wir anstreben, sie machen Stress statt Gelassenheit. Es gehe beim Planen immer darum, mehr Ruhe reinzubringen und das gute Gefühle zu erleben, dass wir das erreichen können, das wir wollen.

Ich solle mir alle Aufgaben und Will-ich-tun-Dinge der nächsten Woche aufschreiben und auf die Wochentage realistisch verteilen. Und daraufhin wirklich versuchen, sie einzuhalten. Es geht, das mache ich mir immer wieder bewusst, nicht primär um den Leistungsgedanken, sondern entspannter zu tun, was getan werden soll und will.

Idealerweise geht der Plan, ohne Störungen von außen, auf. Ist das der Fall, habe ich gut geplant. Störungen durch Unvorhergesehenes kommen aber natürlich immer vor. Werden wir gestört, können wir entscheiden, wie wir mit dem Störfall umgehen. Ein längerer Anruf oder zum Beispiel ein technisches Problem, das sofort gelöst werden muss, können wichtiger sei als die ungewaschene Wäsche, die auf dem Wochenplan steht etc.. Solche Entscheidungen müssen wir situativ treffen.

Als ersten Schritt soll ich mir von Woche zu Woche einen Plan machen und schauen, wie es mir damit geht.

»Ich könnte einen physischen Wochenplan machen«, sage ich, »und mit Post-it die Aufgaben draufpappen, so dass ich sie verschieben kann.«

»Genau das!«, sagt meine Ärztin, »so habe ich es gemeint.« Es sollen alle Sachen drauf. Einkaufen. Duschen. Solche Dinge. Am Abend solle ich gucken, ob es geklappt hat.

Das ist jetzt der Adlerblick, über welchen wir in der letzten (der ersten) Coaching-Sitzung gesprochen haben. In einem späteren Schritt werden wir uns anschauen, wie es mit den einzelnen Aufgaben aussieht. Dabei werden wir wieder mehr ins Detail gehen.

Ich erwähne, dass ich mir für unser Coaching auch das Ding mit der »neuen Vergesslichkeit« anschauen möchte. Sie hört zu und meint, dass das Problem vermutlich aufgetaucht sei, weil ich eben nicht mehr immer alles gleich wie früher erledige, wenn es sich mir in den Weg stellt, sondern im Kopf auf später vertage. (Was ja an sich ein Fortschritt ist, da ich besser filtern kann und nicht mehr alles prioritär erkläre). Nun besteht jedoch die Gefahr, dass ich Dinge vergesse, weil ich mich ja nun auf das konzentriere, was ich jetzt mache. Damit verschwindet das andere Zu-Tun aus meinem Fokus. Für Nicht-ADHS-Menschen ist es vermutlich normal, die Dinge nicht sofort zu tun und sie sich für später zu merken, für mich ist das neu. Ich muss also jetzt eine Strategie entwickeln, wie ich mir Dinge, die ich nicht jetzt machen will und kann, merken kann. »Das üben wir später!«, verspricht mir mein kluges Gegenüber.

Eine Strategie, die ich mir selbst ausgedacht habe, geht so, dass ich mir das zu erledigende Ding ein paar Mal aufsage und mir gleichsam inwendig eine Art Post-it aufklebe und dazu den kleinen Zauberspruch denke: »Wenn es wichtig ist, wird es mir später wieder einfallen«. Das funktioniert tatsächlich manchmal. Vielleicht sogar immer öfter.

Auch der Wochenplan hilft tatsächlich, dachte ich gestern Abend, als ich die zwei vollbrachten Tage betrachtete. Ich hatte zwar noch zu viele Will-und-sollte-ich-tun-Dinge auf dem Plan, doch die Tatsache, dass die Dinge da stehen und ihren Platz haben, ließ mich gestern und vorgestern tatsächlich konzentrierter und entspannter arbeiten. Ich switchte weniger hin und her und es gelang mir, das, was ich wirklich machen wollte, auch wirklich zu tun.

Leute, die von Natur aus genug Dopamin im Hirn haben, können sich vermutlich gar nicht vorstellen, wie schwierig es für uns ADHSys ist, nur schon direkt von A nach B zu gehen. Denn zwischen A und B gibt es ja sooo viele spannende Dinge, die gesehen und ausprobiert werden wollen.

 

Drei Stuten

Stutenbissig ist sie, die eine der drei Stuten. Wiki sagt, das sei ein deutscher Ausdruck, der salopp abwertend ein Verhalten von Frauen als Akteurinnen in offenen Konflikten mit Hilfe einer Tiermetapher benenne. Es handele sich um einen Geschlechterrollen-Stereotyp. Damit werde ein empfindliches, oftmals intrigantes und hinterhältiges, aggressiv streitbares und hitziges Verhalten gegenüber anderen Frauen, die als mögliche Konkurrenz empfunden werden, beschrieben. (Quelle) Aha, Geschlechter-Stereotypen also. Wie es wohl bei Männern heißt, dieses Verhalten, Konkurrenz wegzubeißen?

Ich weiß nicht, ob die drei Stuten auf dieser Koppel am Ende der Welt davon schon einmal gehört haben, aber sie illustrieren menschliches Verhalten – ganz ohne Geschlechterzuweisung – leider bestens.

Die Koppel ist, es tut weh, ein einziges Schlammfeld. Ganz hinten, wo der Zaun des vielleicht 200 x 80 Meter großen Platzes aufhört, ist ein waldiger Bach. Irgendwo, mittendrin im baumlosen Pferch, steht eine einsame, überdachte Futterkrippe mit ein bisschen labrigem Heu. Sonst nichts. Kein Obst. Kein Getreide. Kein Unterstand. Kein Strauch. Nichts. Nur Schlamm. Das Gras ist abgegrast, auch das vorne, wo wir auf dem Wanderweg vorbeigehen.

Zwei elektrisch geladene Bänder umgeben das Gelände. Ich frage mich, was die drei Stuten tun würden, wenn ich den Zaun öffnen würde. Sie könnten ausbüxen. Ob mit oder ohne uns: ein Sprung würde genügen. Das Gras jenseits des Zauns ist tatsächlich grüner. Wir pflücken ein paar Büschel und locken die drei Stuten an. Die Dunkelbraune ist die Leitstute. Sie holt sich hungrig ihren Anteil an Gras. Die zwei anderen, Hellbrau und Schwarz, beißt sie buchstäblich weg, wenn wir sie füttern wollen. Zu zweit schaffen wir es schließlich, dass auch Hellbraun ein paar Büschel bekommt. Schwarz traut sich nicht an den Zaun.

Schlammige Wiese mit drei Pferden. Im Hintergrund, außerhalb des Zaunes Wald. Davor, auf der Wiese, ein mobiles Gebäude aus grauem Kunststoff. Das eine Pferd kommt auf die Betrachtenden zu, die zwei anderen sind noch abgewandt.

Auf dem Rückweg von unserer Runde kommen wir wieder an der Koppel vorbei. Diesmal haben wir einen ganzen Stoffsack mit Gras gefüllt und die Pferde kommen uns bereits entgegen, als sie uns sehen. Die Leitstute ist noch dreister geworden, aber diesmal lasse ich nicht locker. Der Liebste lenkt die Fiese Tante, wie ich die Leitstute nenne, ab, damit ich Hellbraun und Schwarz auch ein bisschen füttern kann.

Hellbraun ist unglaublich ängstlich. Sie legt die Ohren an, macht nur kleine, blitzschnelle Schnappbewegungen mit dem Mund, um das gereichte Gras zu schnappen und zieht ihren Kopf rasch wieder zurück, um von der Fiesen Tante nicht gebissen zu werden. Schwarz ist die, die aufgegeben hat. Sie nimmt, was sie bekommt. Die Fiese Tante beißt Schwarz weniger als Hellbraun, vermutlich weil Schwarz längst resigniert hat.

Ist es die Not oder sind es Hunger und Verzweiflung, die von diesen drei Pferden Besitz ergriffen haben? Was macht Not, was machen Hunger und Verzweiflung mit einem Pferd, einem Menschen, wenn die Lebensbedingungen nicht mehr artgerecht sind?

Artgerechte Haltung ist das nämlich nicht, doch selbst wenn ich den Zaun aufschneiden würde, ich glaube nicht, dass die drei Pferde abhauen würden. Wohin auch? Sie kennen es nicht anders.

Innen ist außen. Außen ist innen. Grenzen sind im Kopf. Im menschlichen ebenso wie im tierischen. Außerdem verschleiern und verharmlosen Gewohnheiten Leid und Schmerz.