sinn- und heimatlos?

Laut gedacht und leise notiert: Gibt es Sinn (und wenn ja, warum?) oder ist alles letztlich UnSinn – und gut so?
Sinn – bist du ein Synonym von Bedeutung, Wichtigkeit, Wert oder eher von Grund, Ursache, Ziel, Absicht?
Braucht Sinnhaftigkeit so etwas wie eine Gottheit oder stiften wir uns den überlebensnotwendigen Lebenssinn selbst? Anders gesagt: Muss Sinn höhere, sozusagen zielgerichtete Weisheit sein oder aber einzig und allein das, was wir als sinnvoll interpretieren? Weil wir notwendigerweise etwas tun wollen, das – zumindest eben für uns – Bedeutung hat. Wie wichtig ist es, dass die Dinge, die ich tue, sinnvoll sind und wie definiere ich persönlich Sinn? Ist – zum Beispiel – mein Tun nur dann sinnvoll, wenn ich damit nicht nur mir, sondern auch andern in irgendeiner Form etwas Gutes tue?
Entscheidend im Kontext von Sinn und Wert eines Menschenlebens ist jener Moment, kurz bevor die letzte Tür ins Schloss fällt. Was antworte ich mir dann auf die Frage: Bin ich jetzt, am Ende meines Lebens, bei mir angekommen?
Glücklich der Baum, der dort wachsen kann, wo ihm der Boden genau das bieten kann, was er braucht.
Glücklich aber auch jener Baum, der trotz der Mängel, die der Boden zu seinen Wurzeln hat, so gut zu wachsen gewillt ist, wie es eben geht.
Ist dort Heimat, wo mich der Lebenswind hat Wurzeln schlagen lassen?
Wie die verblühten Samen des Löwenzahns fliegen Gedanken vorbei. Kaum dass ich sie denke, sind sie vergangen. Stimmen mich friedlich. Wühlen mich auf.
Heimatlosigkeit – ein Thema, das eine Art Kehrreim in meinem Leben ist. Und im Leben anderer ebenso. Darum haben Irgendlink und ich uns entschieden, es zum neuen Zyklus-Thema auf Pixartix zu machen. Die eine oder der andere Bloggende will sich, wie ich hörte, zum Thema auch in den Blogs Gedanken machen. Susanne Haun hat heute damit bereits angefangen. Ich werde nächste Woche nachziehen. Und du? (Vielleicht mit Pingback zu mir oder pixartix, damit ich deinen Artikel nicht verpasse?)
Von Freitag bis Montag sind Irgendlink und ich Heimatlose – als Gäste in Frankreich. Die Stadt Boulogne-sur-Mer hat ihre Partnerstadt, will heißen einige Zweibrücker Kulturschaffende, dazu eingeladen, das Pfingstweekend mit Kulturschaffenden aus ihren Reihen zu teilen. Ich bin gespannt, was wir, fern der Heimat, erleben werden.
Fortsetzung folgt demnächst in diesem Theater.

sammeln, sichten, Spuren lesen

Jeder Mensch ist sein eigenes Buch und hinter jedem Namen steckt eine Geschichte.
Wie ich mich dieser Tage durch meine Adressdateien wühle, virtuellen vor allem, erkenne ich, wie viele Menschen meinen Weg irgendwann gekreuzt haben. Und dort kleine oder größere Spuren hinterlassen haben. Gefühle. Schmerzliche die einen, freudige andere. Wieder andere waren einfach da. Mittelpunkte ihrer eigenen Leben, während ich an meinem Lebensfaden spann.
Gesten Abend habe ich die Klassenliste meiner Oberstufenklasse überprüft: Wer wohnt noch dort, wo er bei der letzten Klassenzusammenkunft vor acht Jahren gewohnt hat? Eine Zweidrittelmehrheit – gut oder schlecht ist nicht relevant. Wer ist sesshaft, wer hat sich verändert und was ist mit den immerhin vier Frauen, die weder im Telefonbuch noch mit Guugl und Konsorten zu finden sind? Leben wir alle noch?
Einer meiner Schulkameraden, ein blonder stiller Junge mit Brille, war schon damals ein Tüftler gewesen und ist heute Künstler und Trickfilmzeichner mit einer tollen Webseite. Ich bin ein bisschen stolz auf ihn, obwohl wir kaum Kontakt hatten damals. Heute erst recht nicht.
Damals waren wir junge Menschen, die das Leben noch vor sich hatten – wie die Alten sagten, zu denen ich längst gehöre. Und dass wir es genießen sollen, das Kindsein, das Jungsein. Junge Bäume. Welpen. Schon bei der ersten Klassenzusammenkunft, als Zwanzigjährige, zeichneten sich erste Spuren ab, die sich im Laufe der Jahre vertieften. Die meisten hatten Lehre oder Matur hinter sich und waren – je nach Lebensplan – daran das Leben zu genießen, Reisen zu planen, befanden sich im Studium oder an einer höheren Schule. Die Gespräche mit den einen waren kaum mehr möglich – es fehlten die gemeinsamen Interessen. Mit den andern waren sie dafür möglicher als früher. Aus den jungen Bäumchen waren junge Bäume gewachsen, denen bereits anzusehen war, welcher Art die Früchte eines Tages sein könnten. Menschen und ihre Spuren – Schatten werfen wir auch in die Zukunft. Die Sonne steht nicht immer vor uns.
Wie ich heute weiter in den alten Verzeichnissen und Tabellen wühle, spaziere ich gleichsam durch meine Vergangenheit. Wer war doch gleich …? Ach, mit K. war ich im Kurs in XY und mit S. und N. im Seminar in YZ. L. war doch eine von der Schreiberlingen im ersten Novemberschreiben? Ach, und M. – meine tolle Ex-Scheffin! Wie es ihnen wohl geht, meinen alten Bekannten? Bei ein paar Namen finde ich weder Geschichte noch Gesicht in meiner Erinnerung. Ihre Spuren sind verblasst. Wieder andere habe ich geguuglt … Ob das andere mit meinem Namen von Zeit zu Zeit auch tun? Da und dort bin ich bestimmt aus Verzeichnissen gelöscht und in Adressbüchlein durchgestrichen worden, wie ich das von Zeit zu Zeit mit dem einen oder andern Namen in meinen Dateien ja auch tue.
Menschen hinterlassen Wunden. Und Lichtblicke. Ohne Spuren zu hinterlassen können wir nicht leben.
Was mir andere sind? Was ich andern bin? Nicht Eitelkeit bewegt mich zu solchen Fragen, eher der Wunsch, dass die Antwort lauten möge: wohlgesinnt.

hin- und hergucken & da und dort schauen.

So viel. Immer so viel.
Ja, die Natur ist Fülle, das Leben ist Fülle
und überall könnten wir, wenn wir wollten,
dieser Fülle frönen.
Überall könnten wir gucken,
vorbeigehen, lernen …

Und immer wieder einfach nur sein.
Hinhorchen.
Stille zulassen.
Sich Inseln schaffen.
Bilder können Inseln sein.
Bilder in Büchern.
Bilder in Blogs.
Bilder in e-Books. Wie jene E-Books von Irgendlink.
Kanzel – das große Jägerlatinum, ist das ultimative Handbuch für JägerInnen und Hochsitz-Fans.
Readymade – ein wunderbares Werk über die Kunst auf der Straße: Weggeworfenes, lieblos Entsorgtes, unbeachtete Kunstwerke, vergänglicher Müll. Irgendlink hat auf seiner Ums Meer-Reise mit dem Fahrrad ihre Schönheit entdeckt und in diesem wunderbaren Buch (vorerst ein PDF) versammelt.
Siehe auch eine Rezension der Bücher in der lokalen Presse.
pixartix_dAS bilderblog hat sich gemausert. Aus unserm kleinen Insider-Bilderblöglein ist eine tolle Bildergalerie entstanden, die sich wachsender Beliebtheit erfreut. Nicht zuletzt dank der inspirierenden Kommentarkultur, die wir dort pflegen. Die aktuelle KünstlerInnengruppe hat in den vergangenen bald zehn Wochen Bilder zum Thema Straßen & Wege gezeigt – und keins gleicht dem andern. Ein unerschöpfliches Thema!
Eine weitere, noch sehr klein-feine Bilderinsel ist mein Appspressionismen-Archiv. Auf Sofasophia appt die Welt zeige ich meine ausschließlich mit dem iPhone geschaffenen Werke der letzten zwei Jahre. Täglich befreie ich weiterhin ein neues Werk vom Archivstaub.
Wer Lust hat, bloggen zu lernen (oder Leute kennt, die …), ist herzlich eingeladen am geplanten Workshop von Irgendlink und mir teilzunehmen. Für Infos: bitte hier klicken. Weitersagen sehr erwünscht, zumal viele meiner LeserInnen ja bereits des Bloggens kundig sind.

Berlin # 4 – Kleine Menschen in der großen Stadt

Als erstes würde ich hier ein Bild unseres Autos posten. Stell es dir einfach vor.
Von hinten. Die Köpfe der beiden Figuren als Silhouetten sichtbar. Einander zugewandt im Gespräch. Er oder sie am Steuer natürlich just in dem Moment eingefangen, wo sie oder er kurz den Kopf gedreht hat, um etwas zu sagen. Ein Bruchteil einer Sekunde lang, denn die Aufmerksamkeit gilt ansonsten der Straße, natürlich.
Rechts und links des Autos sähe man zwei Sprechblasen. In seiner Blase stünde:
Ich darf nicht dran denken, dass ich – wäre ich letzten Freitag alleine unterwegs gewesen – umgedreht hätte. Weißt du, dort, im Stau vor Frankfurt. Ich wäre umgedreht und ich wäre nicht nach Berlin gefahren. Zu grässlich war der Stau. Und erst die überfüllte Raststätte! Und das verkotzte Klo … Aber das hätte ich dir und Frau Freihändig ja nicht antun können. Und nun bin ich froh, dass wir weitergefahren sind.
In ihrer Sprechblase stünde:
Boah, dann bin ich also dran schuld, dass wir dort waren. Super!
Natürlich würden noch weit geistreichere Sachen in den Blasen stehen, da wir sehr oft sehr geistreiche Gespräche führen. Oft aber auch nicht. Oft – wie am letzten Montag, unserm letzten Berlin-Tag – spinnen wir einfach drauf los und halten die Ideen manchmal als Sprach- oder Textnotizen auf den iPhones fest. Sprechblasen der etwas andern Art.
Von Anfang an
Mein kleiner Reisebericht über unsere Tage in der großen Stadt beginnt mit meiner Fahrt von der Schweiz, wo ich zuhause bin, zu meinem Liebsten, wo ich auch zuhause bin. Als ich das französische Elsass durchquerte, begriff ich:
Jedes Land, ja sogar jede Region, hat eine eigene Bildsprache in allem. Von der Sitzbank hin zur Verkehrstafel bis zum Werbedesign und der Architektur. Selbst die Natur richtet sich danach … Oder ist sie es gar, die die Menschen ihrer Gegend angestiftet und inspiriert hat?
Nach einem sommerlichen Donnerstagabend am Grillfeuer packten wir am Freitag unser Gepäck in Irgendlinks Wagen und fuhren kurz nach Mittag los.
Die Reise
Gibt es über sie etwas zu erzählen? Stau hatten wir, wie gesagt, und langten deswegen erst um halb zehn statt wie gehofft um acht Uhr in Kreuzberg an. Ach, und geregnet hat es fast immer – bis auf ein zweistündiges Teilstück mittendrin. Nein, die Reise ist nicht wirklich erwähnenswert.
Berlin
Frau Freihändigs großartiger Gastfreundinschaft ist es zu verdanken, dass wir kostenlos logieren durften. Und dazu ernst noch in einer wunderbaren Altwohnung, in die ich mich sofort verliebt habe.
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Am Samstag stromerten wir über den Kreuzberg am dortigen Denkmal vorbei (so viele Denkmäler wie in Berlin auf einem Haufen habe ich wohl noch nie gesehen!) zu Fuß Richtung Stadtmitte und nahmen unterwegs auf der Lindenstraße ein paar tolle Galerien mit. Gallery Weekend-Berlin-sei-Dank. UrbanArtWalks mag ich einfach. Was es da nicht alles zu sehen gibt.
Am Abend gutbürgerliche Küche im Tucholskys, weil überall sonst voll war. War aber okay und gemütlich, auch weil wir von unsern Freunden weitere Geschichten über Berlin und das Leben hier erfuhren. Als nicht wirklich geschichtsaffine, aus einem (pseudo-)neutralen Land stammende Person komme ich immer wieder an meine Wissensgrenzen und kann alles Gehörte nicht annähernd fassen noch verstehen.
Nach einem Verdauungsspaziergang samt letztem Bier – vorbei an der Sophienstraße und vielen mit Graffitis dekorierten Alt- und Neubauten – lassen wir uns müde ins Bett fallen.

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Sonntags standen – wie schon in einem früheren Artikel erwähnt – unter anderem das Holocaust-Denkmal (siehe folgende Bilder),

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sowie das Brandenburger Tor und die Siegessäule auf dem Programm.
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Am Abend schließlich das (bereits verbloggte) Konzert von P.A.S. in Neukölln.

Tempelhof
ist am Montag dran, denn dort zieht es Irgendlink und mich geradezu magisch hin. Dieser stillgelegte Flughafen, der Westberlin, als es belagert war, das Überleben ermöglicht hatte, hängt heute irgendwo in der Warteschlange für eine Neunutzung, über die wir uns, wie bestimmt viele Berlinerinnen und Besucher, viele Gedanken machen. Die Luftbrücke hat nicht nur Leben gerettet, sondern auch viele Menschen das Leben gekostet. Was hat diese Erde unter unsern Füßen schon alles erlebt?, denke ich wie wir über das weitläufige Gelände wandern.
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Solange dieser Platz nicht anders genutzt wird, freut er sich, trotz seiner gewichtigen Geschichte, über die Besuche der vielen Spaziergänger, Radfahrerinnen, Skaterinnen, Jugger (ja, ich habe nachgeschaut, was das ist, guck hier), Geocacherinnen* (die, wie ich einige Meter ins Vogelschutzgebiet schleichen müssen, um einen Cache* zu heben) und – ja, natürlich! – auch KünstlerInnen.
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Eine witzige Minigolf-Anlage hat es uns – auf dem Weg zum Columbiadamm – sehr angetan. So viel Charme haben diese theoretisch spielbaren Skulpturen, dass sich ein Besuch dieser Kunst-“Ausstellung“, Mini Art Golf namens nuture, auf jeden Fall lohnt.

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Von da aus urbanartwalken wir via Duden- und Monumentenstraße nach Schöneberg. Unterwegs der Jogger, der mitten auf dem Trottoir an einer Haustreppe Liegestützen übt.

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Am der Türe des Museums der Unerhörten Dinge an der Crellestraße lesen wir, dass dieses Bijou, das wir uns anschauen wollen, nur von Mittwoch bis Freitag geöffnet hat.

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Schade. Aber Schöneberg gefällt uns trotzdem. Besonders der Bioladen dort – der sich offensichtlich höchster Beliebtheit erfreut … 🙂

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Berlin ist ein Land für sich, sage ich, wie wir zurück über die Brücke spazieren und mit den Augen den Gleisen der Ringbahn folgen.

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Ein Land, indem so vieles geschehen ist, so vieles möglich scheint, so viele Menschen träumen und schon so viele Tränen geflossen sind. Eine Stadt, so reich und so arm wie die ganze Welt. Eine Welt für sich. Ein Abbild der Welt.

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Auf dem Rückweg in die Wohnung queren wir einen Spielplatz wie ich ihn noch nie gesehen habe. Die Fläche eines Fussballplatzes voll Sand. Mit Spielgeräten, Kindern, Müttern, Vätern, Opas, Omas, Bänken … eine Stimmung, die mir gefällt. Multikulti. Friedlich. Ein Ort der Begegnung – zwischen den Generationen und zwischen den Nationen. Alles geht – geht alles?

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Jeder letzte gemütliche Abend und jede gemeinsam gebaute Pizza gehen leider irgendwann zu Ende. Eine letzte Nacht im gemütlichen Gast-Heim … Danke-danke, liebe Frau Freihändig!
Halle
Am Dienstag verlassen wir die große Stadt und fahren weiter nach Halle an der Saale. Zu Emil, einem lieben Mit-Blogger. Eine weitere tolle und sehr inspirierende Begegnung, wie ich schon in einem Artikel zuvor geschrieben habe.
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Reich beschenkt mit Büchern (leihweise zu lesen) und Halloren-Kugeln (ganz und gar einzuverleiben) fahren wir über die Landstraße Richtung Autobahn. Gut so, denn wir müssen unterwegs ja noch Brot und Käse kaufen.
Die Heimkehr
Wir fressen Kilometer um Kilometer – dazu regnet es wieder. Ich bin sehr müde, als ich in Kirchheimbolanden, wo wir noch ein paar Liter Benzin nachschütten, das Steuer wieder Irgendlink überlasse. Sehr müde bin ich, sehr sehr müde. Doch als wir zuhause auf dem einsamen Gehöft ankommen, sind wir beide so aufgekratzt, dass an Schlafen noch lange nicht zu denken ist.
Wie sagte doch Fassbinder so schön? Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.
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Bilder:
Durch Draufklick vergrößerbar. Nikonbilder und undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt mit Gimpunterstützung).
All pics: copyright by Sofasophia.

* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.

Berlin # 3 – Zu spät ist man immer rechtzeitig oder der geheime Keller

Nach einem zweiten inspirierenden Stadtspaziergang – diesmal zum Holocaust-Denkmal und von da aus zum Brandenburger Tor (wo ein großer Rummelplatz meine Sinne überflutet und nervt) und von da durch den Tiergarten zur Siegessäule – kommen wir erschöpft und verschwitzt in unserer Residenz an. Da wir die Tageskarte für alle öffentlichen Verkehrsmittel Berlins bewusst auch im Hinblick auf das geplante Konzert in Neukölln gekauft haben, müssen wir uns erstmal ein wenig erholen, um dem Berliner Nachtleben gewachsen zu sein.
Kurz vor neun Uhr, ausgeschlafen und frischgestärkt, fahren wir mit U- und Ring-Bahn an die Herrmannstraße, um uns von dort auf die Suche zu machen. Dass wir uns zeitgleich wie unsere New Yorker Freunde in Berlin aufhalten, ist Zufall, da wir unsern Besuch bei Frau Freihändig ja hatten verschieben müssen. Robert L. Pepper, Teil der New Yorker Band P.A.S., haben wir vor anderthalb Jahren bei einem kulturellen Anlass auf dem einsamen Gehöft kennengelernt (Kunstzwerg 2011). Mit seiner Frau Amber und seinem (und unserm Freund) Brandstifter tourt er zurzeit durch Europa und beglückt hier ein interessiertes Publikum mit seinen doch sehr speziellen Klangwelten, die mit allen möglichen Nicht-Instrumenten erzeugt werden. Kein Ton ist geplant und doch ist alles in sich ein wunderbares Klangerlebnis.
So weit so gut – nur: wo bitte findet das Konzert überhaupt statt? Weder Facebook noch Mails geben genaue Details her und nur dank Internetrecherchen kann Irgendlink die Hausnummer des Clubs ausfindig machen. Nachfragen bei unsern Freunden hätte ja den Überraschungseffekt zerstört.
Wir irren die Emser Straße auf und ab und suchen nach dem richtigen Eingang. Da? Vielleicht dort? Oder hier? Ein junges Pärchen, das eben die unscheinbare Türe eines unscheinbaren Hauses öffnet, fragen wir, ob das hier sucked orange sei. Ja! Wir schlüpfen glücklich hinter ihnen in den Vorraum. Räder stehen herum. Hinten ein Kleiderständer. Ansonsten keine Hinweise auf ein Konzert. Die beiden Eingeweihten öffnen eine dick gepolsterte Türe und deuten mit Fingern auf den Lippen an, dass wir ganz leise sein sollen. Wir schließen die Türe hinter uns und finden uns im Untergrund wieder. Ein düsterer Kellerraum, der wundersame Klänge verströmt. Und ein bisschen weniger wundersame Düfte von Zigarretten und andere Kräutern. Wie früher, als wir jung waren!, blitzt es mir durch den Kopf.
Treppe und Kellerraum sind voll. Etwa vierzig Leute lauschen mucksmäuschen still den sphärischen Klängen, doch die Musiker, die sie erzeugen, kennen wir nicht. Wir finden eine Nische, doch schon bald entdeckt Irgendlink die Bar und schlängelt sich durch, um uns Bier zu besorgen. Als er nach fünf Minuten noch immer nicht zurück kommt, mache ich mich leise auf die Suche.
Der Raum ist größer als gedacht und grenzt an einen weiteren gewölbten Raum, der knapp einen Meter siebzig hoch ist. Ich muss den Kopf nicht einziehen, die andern schon. Denn hier treffen wir sie, die andern. Die Vorband ist inzwischen mit ihrer Vorführung zu Ende.
Was für ein Wiedersehen! Robert stellt uns seine Frau Amber vor und wir tauschen schon bald angeregt aus. Nach der Pause gehts los mit ihrem Auftritt. Klasse! Wir sind keine Minute zu spät gekommen, obwohl wir nirgends eine Start-Zeit gefunden haben. Grund dafür war, dass Konzerte in diesen Räumen nicht wirklich legal sind und nur bei sehr sensiblem Umgang mit der lieben Nachbarschaft auch weiterhin stattfinden können. Bedingte Duldung.
Irgendlink und ich dokumentieren das Konzert. Fünfunddreißig Minuten lang spielen die drei, von einem Kumpel aus Berlin unterstützt, ein Stück, dass es so nie wieder geben wird. (Ich werde es später auf Youtube laden und hier einen entsprechenden Hinweis posten).
Nach dem Konzert setzen wir uns wieder in den Gewölberaum, der mit Sofas bestückt ist, und unterhalten uns mit Roberts Freund Nico aus New York, der uns von seinen Musikprojekten erzählt. Auch Brandstifter und Robert gesellen sich zu uns und so sind wir – mitten in Berlin – ein bisschen zuhause angelangt. Bei vertrauten Menschen. Schon morgen werden sie nach Polen weiterreisen – nach einem weiteren Konzert heute Abend.
Zurück bei Frau Freihändig, die schon die zweite Nacht beim Liebsten logiert und uns ihre Gemächer aufs Großzügigste überlassen hat, ist es mir, als wäre ich schon viele Tage hier, als wäre mir die Stadt vertrauter als sie es eigentlich sein kann – bin ich doch zum ersten Mal hier. Doch hoffentlich nicht zum letzten Mal.
Nur am Bier kann das ja wohl nicht liegen?
EDIT: Ein guter Artikel über PAS musique: bitte hier klicken.

Über das Nachdenken nachdenken

Im Buch „Briefsteller“ von Schischkin lese ich, wie die Soldaten in China sich ständig beschäftigt haben, um nicht ins Grübeln zu kommen. Um nicht durchzudrehen.
Na ja, nicht grübeln geht wohl nicht und zu viel macht krank. Das individuelle Maß an persönlicher Grübelei zu finden, ist eine große Herausforderung.
Die eine oder andere kleine und große Frage muss ich mir stellen, auch wenn die Antworten darauf sich im Laufe der Jahre verändert haben.
Sich dem Nachdenken zu verweigern, sich das Grübeln zu versagen, befreit von Ethik, Verantwortung, Moral und Gewissen – eine Freiheit, die ich nicht anstrebe. Macht nun umgekehrt übermäßiges Grübeln moralisch und gar missionarisch? Depressiv zu werden ob zu vielen Nachdenkens, ist eine weitere Option.
Das Leben muss uns, um es leben und verstehen zu können, irgendwie fassbar werden. Und da sind Fragen unvermeidbar.
Selbst Kinder stellen Fragen. Kinder grübeln über andere Dinge nach. Wie weit sie buddeln müssen, bis sie die Mitte der Welt erreicht haben. Und warum-warum-warum die Welt …
Warum? Warum auch nicht!
Doch jetzt packe ich besser mal meine Sachen fertig für die kleine Reise in die große Stadt. Warum? Darum!

Der Traum vom Fliegen

Der eine verzaubert uns mit dem Diabolo, der andere am Hochseil, zwei Frauen klettern an der Stange aufwärts als wäre sie watteweich. Dazu viel Jonglage, Seil und Trapez, noch mehr Luftakrobatik und zwischen den Zeilen immer Klamauk und Schalk. Und alles ganz ohne Kitsch und Glitzer. Schließlich das Trio, das mich persönlich am meisten begeistert: eine Frau und zwei Männer, die auf einem roten Polsterteppich durch die Chinesischen Ringe fliegen und gegenseitig aufeinander aufpassen, dass keiner einschläft (ganz am Anfang des Trailers zu sehen: bei 0:03).

Und die Clowns, natürlich! Sie rahmen die ganze Geschichte ein. Denn Circus Monti heißt immer Gesamtkunstwerk und Circus Monti heißt, sich eine (Zirkus-)Geschichte erzählen zu lassen. Die überdimensionierten Bücher machen uns bereits neugierig, während wir – vorgestern Abend war es – unsere Plätze suchen. Einzelne Bücher, pop-ups, werden später vor den jeweiligen Nummern geöffnet und verrate, was wir gleich mit eigenen Augen genießen dürfen. Und das ist jede einzelne Darbietung: ein Genuss für die Augen – und fürs Herz!

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=BA-1SozOVxc&feature=share&list=UU4Kjz2u3D7IhKOnjDpTz4Jw]

Emilia und Gutzi, sie zierlich und klein, er ein langer Lulatsch, träumen – schon beim ersten Auftritt – den ewigen Traum des Ikarus. Mit Papierflugzeugen fangen sie an, später sind es Ballons, noch später kleine Heissluftballons und sogar Gutzi muss als potentielles Flugzeug herhalten, damit Emilia endlich aufsteigen darf. Alle Versuche, die die zwei sympathischen Clowns – zwischen den andern Nummern – unternehmen, scheitern jedoch kläglich. Erst am Schluss, als das ganze Ensemble sich ihrer erbarmt und bei der Umsetzung des Traumes mitanpackt, fliegen die beiden – er als Flugzeug, sie als Pilotin auf seinem Rücken – am Hochseil durch die Lüfte.

Wunderbar poetisch dazu die Musik, die sich wunderbar ins Gesamtkonzept ergießt.

Freundin L. und ich sind hell begeistert. Monti ist für uns beide DER Circus überhaupt. Im Gegensatz zu all den andern Zirkussen bekommen wir hier eine Geschichte erzählt, wir finden Witz, wir sehen köstliche kleine Details, und vor allem begegnen wir großer Leidenschaft am Kunsthandwerk der Zirkuswelt. Andere Zirkusse glitzern und glimmen und sie sind gewiss alle viel dramatischer und womöglich auch professioneller, doch hier finden wir Menschen. Menschen, die mit größter Hingabe und Kunstfertigkeit ihr Können darbieten.

Das Leben … ein einziger großer Zirkus?, frage ich uns auf dem Heimweg. Ist es nicht so, dass wir alle – genau wie diese wunderbaren Artistinnen und Artisten – unsere einmaligen Talente haben und diese auf unsere ganz eigene Weise der Welt darbieten sollten? Und wenn wir alle das tun, was wir am liebsten machen und am besten können und dieses Tun als Teil einer übergeordneten Choreographie begreifen, die wir verinnerlicht haben … Was meinst du? Vielleicht vielleicht wäre die Welt dann …

… ein besserer Ort?

Literatur einmal anders

Gestern Abend in der Galerie Prisma. Wir genossen Literatur. Texte von Tucholsky. Doch für einmal nicht in Form einer klassischen Lesung, sondern als literarisches Cabarett.
Texte und Lieder, die Tucholsky für und über Frauen (und Männer) geschrieben hat. Interpretiert wurden die Texte und Lieder von Silvia Bervingas (als Margot Müller im vorletzten saarländischen Tatort bekannt geworden) und Helmut Hofmann (Piano). Eine geniale Vorstellung!
Er telefoniert (vorher):

IMG_3514_smSie telefoniert (mitten in der Vorstellung):

IMG_3508_be_smIch schreibe (nach der Vorstellung):
Das Rauschen der Stimmen
Kanon aus Wörtern
neue Melodien
so noch nie gewesen
immer ähnlich
nie gleich
Wörterrausch
und Champagner im Blut
Gespräche sprudeln
und gewinnen an Tiefe
die reden,
verlassen in Wortbooten das Ufer
spülen dem offenen Meer zu
die Paddel im Boot
lassen sie sich treiben
Kontrolle wie lose Seile
spröde Seile, die genauso lange halten,
wie wir sie nicht überstrapazieren
ungefragt zerreißen sie sonst
und nun ist da Meer – uferlos
wir alle mittendrin
Gespräche zerrinnen durch die Ritzen
Stimmen
verstummen
unbestimmt
(verstimmt oder stimmig)
akustischer Leerraum
kurz
Stille
nun wieder Fülle
Wörter tanzen erneut
ich ersehne das Ufer
Mein Kopfkissen. Das Bett.
Bin ich müde!
Lass uns heimgehen, Liebster!

__________________________
Bilder:
undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt mit Gimpunterstützung).

nur ein Pünktchen

Jede Farbe hat ihren Code, damit sie nicht zu verwechseln ist. So ist zum Beispiel #ffffff weiß, total weiß. Exakt dieses Weiß hier, das Weiß hinter diesem Wort. Wäre ein d an zweiter Stelle, wäre das Weiß bereits ein bisschen bläulich. Nur minim. Und wäre gar an sechster Stelle noch ein d, wäre das Weiß ein wenig grünlich. Kaum sichtbar, und doch nicht mehr ganz weiß.
Dagegen stehen sechs Nullen für black as black can. Mit einem d an zweiter Stelle kippt das Schwarz aber bereits ein klein bisschen ins Rote. Wird auch die sechste Stelle wieder zu einem d, wird das Schwarz ein klein wenig… rate mal? Nein, nicht grün, nicht blau, sondern violett. Aber was heißt da schon violett? Violett gibt’s Tausende. Und jedes ein bisschen anders. Und rot auch. Gelb und grün, blau und braun … nein, keine Farbe gibt’s nur einfach so.
Mich macht das Farbenmischen auf Gimp glücklich. Mit der Maus fahre ich über die Farbfläche und sehe nicht nur die Veränderung der Farbe im Anzeigefeld, sondern auch eine Veränderung des Zahlencodes. Dass Zahlen und Farben dicht zusammengehören, ist mir als Synästhetikerin (siehe Wiki) schon als Kind klar gewesen – es erstaunte mich nur, dass die Menschen in meiner Umgebung das nicht ebenso sahen. Seit ein paar Jahren erst weiß ich, dass es doch noch andere Menschen gibt, die ebenfalls Farben, Zahlen und sinnliche Wahrnehmungen wie Gerüche oder Geschmack miteinander verbunden erleben. Dass ich nicht die einzige Spinnerin bin, die Zahlen schmeckt und riecht und farbig sieht, war sehr beruhigend, zugegeben. Und die Entdeckung der Farbcodes, die ich im Zusammenhang mit meinen Bildbearbeitungsprogrammen und dem aktuellen Webseitenbau machen durfte, macht mich glücklich.
Schnitt.
Zu Besuch bei einer Freundin. Wie ich heute durch die schon beinahe lau zu nennende Frühlingsnacht zurück zum Auto gehe und die Stadtlichter unter mir betrachte, die das Dunkel erhellen, trifft mich auf einmal die Erkenntnis: Ich bin ein Farbcode – einer von vielen. Du auch. Sie und er ebenfalls. Alle ein Farbtupfer. Ein kleines Lichtlein. Ich kann nicht 006500 sein, wenn du es schon bist. Und du nicht, wenn ich es bin. Du deine, ich meine Farbe. Alle zusammen die ganze Farbpalette.
Nenn mich hoffnungslos romantisch, doch solche Gedanken machen mich froh. Und Farben sowieso.
Wie 006500 aussieht? Guck hier …

immer weiterschreiben

Eignet sich Schreiben als Betäubungsmittel gegen Schmerz? Eignet sich Lesen als Stimulans*?
Genau genommen gibt es im Leben doch nur zweierlei: Lebenswichtige Notwendigkeiten und Stimulantia*. Doch selbst diese zwei sind eins, denn alles hängt mit allem zusammen.
Ohne atmen, essen, trinken, schlafen und ausscheiden würden wir physisch sterben. Körperpflege klammere ich hier mal aus. Oder ein. Sie ist bereits, wie alles andere, wie alles, was wir außerdem tun, Zugabe, die einzig und allein dazu dient, uns das Leben angenehmer und erträglicher zu machen, unser Lebenszeit zu füllen und uns, dank dieser Handlungen, die Lebensnotwendigkeiten zu ermöglichen. Puffer. Stimulanzia.
Darum bewegen wir uns, darum arbeiten wir an unsern Projekten und darum pflegen wir soziale Kontakte. Diese drei Stimulanzia stehen als Beispiele für grundlegende Stimulanzia. Jegliche Form des Selbstausdrucks – Kunst und Kultur aller Art wie Literatur oder Malerei – ist ebenfalls einzig Stimulans. Um nicht nur physisch zu überleben.
Selbst eine schlichte To-Do-Liste ist bereits ein Stimulans. Und falls es sich dabei um die Einkaufsliste für die lebenswichtigen Lebensmittel handelt, mischen sich hier Notwendigkeit und Stimulans, denn alles hängt zusammen.
Gestern Nacht, vor dem Einschlafen, im Briefsteller von Schischkindie Mützenfalterin hat das Buch hier wunderbar besprochen – schier unerträgliche Kriegsbeschreibungen gelesen.
Weit weniger als die Hälfte aller Menschen auf dieser Erde leben so behaglich wie ich, dachte ich, ins Dunkel starrend. Der größte Teil der Menschen meines Landes lebt luxuriöser als ich.
Je nachdem, in welche Richtung ich schaue, bin ich also reich oder arm.
Je nachdem wie ich denke, könnte ich verzweifeln ob meiner fragilen Lebensperspektiven oder könnte ich vor lauter Freude über den geplanten Neuanfang abheben. Sich selbständig zu machen, ist zwar ein leiser, alter Traum, doch daran kleben noch immer viele Ängste. Kann ich das? Werde ich mich im Wettbewerb behaupten können? Werde ich Aufträge bekommen? Werde ich davon leben können? Vor allem letztere Frage spukt durch meinen Kopf – und dann diese: Was brauche ich zum Leben wirklich? Werde ich von dem, was ich als Selbständige verdienen werde, meine Notwendigkeiten bezahlen können. Das Dach über dem Kopf, die Krankenversicherung und die sprichwörtliche Butter auf dem Brot und werde ich mir auch weiterhin meine Lieblingsatimulantia leisten können, als da wären zum Beispiel Schokolade (weniger die Menge als die Stückgröße der bitteren schwarzen Köstlichkeit, die langsam auf der Zunge zergeht, ist entscheidend) und Bücher?
Eins werde ich hoffentlich immer können: Schreiben. Auch eine Stimulans, natürlich. Und wohl nur eine andere Form von Denken – notwendig und stimulierend.
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* Ich verwende das Wort in Ein- und Mehrzahl hier bewusst losgelöst von seiner pharmazeutischen/medizinischen Bedeutung