Hexen oder Heilige?

Dass es in meiner Wohnumgebung sehr schöne Ecken hat, entdecke ich je länger je öfter. Zwar bin ich hier in der Nähe ja aufgewachsen, doch meine Eltern waren – nicht zuletzt da wir kein Auto hatten – eben nicht so die Ausflügler-Eltern. Auch weil das Geld fehlte. Und die Zeit sowieso.

Im Grunde waren meine Kenntnisse meiner nächsten Umgebung sehr rudimentär, was ich viele Jahre später in der Fahrschule dann mit Erstaunen festgestellt hatte. Dazu kommt, dass ich zwar gut Karten lesen kann und mir alles, wenn ich eine Karte vor mir habe, bestens vorstellen kann, mich aber – sobald die Karte verstaut ist – weder Himmelsrichtungen noch die ganzen räumlichen Zusammenhänge wirklich in 3D vorstellen kann.

Auf der Gisliflueh zum Beispiel war ich als Kind zuletzt, dabei ist sie nur grad ein Katzensprünglein von meinem Heimatdorf und zwei Katzenhupser von meinem jetzigen Zuhause entfernt. Nun denn …

Dank Geocaching-Webseite stellte ich vor ein paar Tagen fest, dass auf der Gisliflueh ein paar Geocaches liegen. Und eigentlich wollten wir diese schon vor ein paar Tagen suchen …

Wie auch immer – wir sind erst heute los. Und zwar von der andern Bergseite als der mir bekannten.

Freundin L.-sei-Dank, die gestern nach ihrem Besuch etwas bei uns vergessen hatte, fuhren wir nämlich heute einen Umweg und näherten uns dem Berg von der Aaretalseite statt von der mir minim vertrauteren Seite, vom Schenkenbergertal. Neuland für Irgendlink und mich.

Warum also weit fahren, wenn man fast vor der Haustüre ein paar Berge hat, die ich erst dank Irgendlink entdecke?

Von Biberstein aus wanderten wir steil bergan. Dreihundertfünfzig Höhenmeter müssen es ungefähr gewesen sein, auf nur ungefähr vier Kilometer.

Steil zwar, doch die wunderbare, herrlich frühlingsgrüne Umgebung machte das längst wett. Ein erwachender Wald, magisch und bärlauchüppig.

Auf kleinen Trampelwegen stiegen wir bergan. So mag ich es, obwohl wir beide recht ins Schwitzen kamen. Und dies trotz des kühlen Windes, der uns je höher je mehr um die Ohren pfiff.

Wie währschafte Gipfelstürmer, die einen Viertausender besteigen, kamen wir schließlich oben an. Stolz und glücklich.

Dreihundertsechzig Grad-Rundsicht bis in die Ostschweizer, Innerschweizer und Berneroberländer Alpen. Ein kleiner Dunst verhinderte die perfekte Fernsicht zwar, doch auch so war es grandios.

Gisliflueh1

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panorama

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frischgeschlüpft

Hexe oder Heilige? Wem verdankt die Gisliflueh wirklich ihren Namen? Und wer war Gisela? Eine Kräuterfrau, eine Hexe, eine Weise?

Zusammenhänge

Wie alles zusammenhängt, denke ich. Unterwegs. Zuerst spaziere ich an die Aare. Wie Sommer ist es auf einmal. Über zwanzig Grad an der Sonne und die Leute sind friedlich. Sie gehen spazieren, setzen sich ans Ufer, allein, mit andern. Keine Musik. Nur Stimmen. Und das Rauschen des Flusses. Ein gedankenverlorener Papa reagiert nicht auf die Rufe seiner Tochter. Er sitzt auf der Kinderschaukel und ist vermutlich weit weg.

Schaukeln sind Zeitmaschinen. Sie verbinden das Kind in mir mit der Frau, die ich heute bin.

Hier, am Fluss, begreife ich wieder einmal, dass alles rund ist und fließt. Alles kreist. Die Erde. Die Planeten um ihre Sonnen. Auch der Punkt, der ich bin. Ich kreise. So hängen alle und alles zusammen.
Alle. Alles.

An der Reuss

Davor, als ich stundenlang im Internet nach Stiftungen gesucht hatte, die unser Schreibprojekt für Traumatisierte langfristig unterstützen könnten, stellte ich erstaunt fest, dass es für alles eine Stiftung gibt. Die einen sind entstanden, weil die Mäzene selbst ein schweres Unglück überlebt haben, aus Dankbarkeit, andere wurden aus Notwendigkeit gegründet, manche aus Nächstenliebe, Forschungsdrang oder Leidenschaft, wieder andere aus religiösen Gründen. Dann gibt es Stiftungen, die Wissenschaft, Kultur oder Kunst fördern und noch andere sehen ihre Aufgabe bei Kindern und Jugendlichen, die es zu unterstützen gilt. Für alles gibt es offenbar die maßgeschneiderte Stiftung. Was ich ermutigend finde. Dass es Menschen gibt, die ihr Geld nicht nur für die eigene materielle Bereicherung ausgeben, sondern damit etwas erreichen wollen, was andern zu Gute kommt. Alle diese Stiftungen sind wie kleine Rädchen. Alle zusammen decken alles ab. Irgendwie. Theoretisch. Für alle würde gesorgt. Und ich weiß auch, dass alles, was wir sehen, immer nur ein Ausschnitt vom Ganzen ist. Und dass wir das Ganze nie ganz sehen können. Nie.

Aber wenn wir alle das tun, was nur wir so tun können, wie nur wir es tun können, greift alles ineinander, ist alles abgedeckt, ist für alle gesorgt. Unser aller Netz ist stark und kann alle tragen, auch jene, die ihr Leben nicht selbst schaffen – aus was für Gründen auch immer. Wäre. Könnte. Denn leider ist es ja nicht wirklich so.

Aber wenn. Wenn wir alle das tun, was nur wir so tun können, wie wir es tun können, ist das Leben lebenswerter als es ist, wenn wir es nicht tun.

Ja. Schön stelle ich es mir vor. Und dass es allen so gut geht wie mir jetzt.

Ich vergesse beim Träumen zuweilen all jene Frauen, die möglicherweise die gleichen Talente und Vorlieben haben wie ich, aber in einem Land geboren worden sind, das den Frauen weniger Rechte zugesteht als den Männern. Oder die in Ländern leben, in welchem Talente, wie ich sie habe, nicht sehr nützlich sind.

Schnitt.

Die hohe Suizidrate in der Schweiz, in den reichen Ländern überhaupt, erstaunt mich im Grunde nicht. Auch nicht der Anstieg psychischer Erkrankungen und Arztbesuche, die in eine Überweisung zu einem Psychologen oder Psychiater münden. Obwohl ich mich natürlich frage, ob sich die Menschen heute eher trauen, über Schwäche zu sprechen oder ob das Leben auch in der Schweiz immer kälter, härter, lebensfeindlicher geworden ist. Vermutlich beides.

Wer aber macht denn diese Kälte, diese Härte, diese Lebensfeindlichkeit? Die Bosse in Politik und Wirtschaft, die Menschen an den Spitzenpositionen? Können die das wirklich ohne uns? Wie viel haben wir in der Hand – vermeintlich oder wirklich?

Ja, ich grüble noch immer viel nach und ich finde noch genauso oft keine Antworten wie früher. Und noch genauso oft frage ich mich, wozu ich da bin. Oder wozu ich andere ermutigen soll. Zu einem Leben in einer Welt wie dieser? Nun ja. Nein meine ich. Also, eigentlich ja. Schon. Aber.

Ich ahne, dass in mir einfach eine nicht unterzukriegende Hoffnung erwacht ist, dass es möglich ist, durch ein bewusstes Leben die Welt ein bisschen besser werden zu lassen. Ich versuche es. Bei mir.

Weil alles zusammenhängt.

Eigentlich mal wieder

Eigentlich sollte ich eine Buchbesprechung schreiben, eine die ich der Autorin versprochen habe. Im Blog oder auf einer meiner Webseiten. Eine moralische Pflicht. Weil ich gesagt habe: Ich mach das. Und weil ich ein kostenloses Rezensionsexemplar bekommen habe.

Ihr kennt das Dilemma: Der Lesegeschmack hat sich geändert. Das wäre vielleicht die neutralste und netteste Umschreibung für: Ich mag das Buch nicht wirklich.

Andererseits, ich gestehe es, ist es ja so, dass ich es verschlungen habe. (Was das wohl jetzt über mich aussagt?)

Und genau das ist auch ein Dilemma: Ich habe das Buch ja nur deshalb verschlungen, weil es so leicht verschlingbar ist, leicht verdaulich, leicht lesbar und nirgends blieb etwas wirklich hängen. Das Buch hat keine Kanten. Die Handlung ist vorhersehbar. Ein bisschen wie RTL, das ich – zu meiner Schande sei’s gesagt – zum Glück nur vom Hörensagen kenne.

Die Geschichte folgt einem gewohnten Spannungsbogen – ähnlich den Vorgängerbüchern dieser Krimi-Serie. Die Figuren kenne ich inzwischen. Die weibliche Hauptfigur ist trotz ihrer schlimmen Vergangenheit eine reine, liebe, nette, moralisch einwandfreie Frau, die ihrem Partner, der Fahnder bei der Kriminalpolizei ist, sogar verzeiht, als er mit ihr umspringt, wie man mit mir nicht umspringen dürfte. Statt ihn in die Wüste zu schicken, hofft sie nur, dass er sich nicht von ihr trennt. Nun ja …

Ihre mit Abstand größte Schwäche ist die, dass sie immer wieder auf eigene Faust ermittelt, weil sie jemandem helfen will oder muss, und sich so, auch in diesem Band wieder, immer mal in Lebensgefahr begibt. Auch diesmal wird sie schlussendlich gerettet und nimmt schließlich den Heiratsantrag ihres Polizisten an. Ooops. Hätte ich nicht verraten sollen. Wobei. Man weiß das ja ab dem Moment, wo er ihr in der Mitte des Buches den Ring gibt.

Die beiden Bösen haben zwar schon einen Grund, dass sie so böse geworden sind, natürlich, und es gibt sogar ein nachvollziehbares Motiv, ein ökologisches sogar, aber dennoch sind die beiden so schwarzweiß in ihrem optischen, sprachlichen und sozialen Auftreten dargestellt, so zweidimensional, so klischeehaft, dass ich zunehmend frustrierter bin, je mehr ich lese, und immer auf etwas mehr Grautöne hoffe. Mir reicht das nicht.

Beim ersten Buch der Autorin war ich gnädig, es war ja ihr Erstling. Und außerdem geschieht die Geschichte ja in meiner Heimatstadt. Und ich mag es, wenn Bücher in meiner Heimat spielen. Und überhaupt. Ich meine, es sei spannender gewesen als das hier. Gut, ich mag die Figuren, sie sind mir sympathisch. Dennoch stört mich jetzt, was mich schon beim ersten Buch gestört hat, je länger je mehr: Allem voran ist es wohl die unoriginelle, floskelhafte Sprache.

Und fast ebenso sehr nerven oder behindern mich die ständigen Erklärungen und Adjektive. Nichts bleibt meiner Phantasie überlassen. Nichts dem Zufall. Alles wird erklärt. Jede Gefühlsregung – obwohl sie schon in den Dialogen sichtbar ist – wird nochmals nachgeliefert. Hätte ich das Buch lektoriert, hätte ich der Autorin besonders solche für mich nicht unerheblichen stilistischen Feinheiten auszuarbeiten ans Herz gelegt.

Zitate gefällig?
Sein Gesicht nahm einen verschlossenen Ausdruck an. […] Jetzt huschte ein Lächeln über sein Gesicht. […] Wir tappen überall im Dunkeln.

Nun denn, der Plot ist soweit okay. Serienmorde aus Gründen, die ich nicht verraten will.

Doch fehlt mir auch hier die Tiefenschärfe, das Dreidimensionale: ein bisschen mehr Leben und Dreck bei den Guten, ein bisschen mehr Verständnisvermittlung bei den Bösen. Grautönen eben, denn Figuren, die nur gut oder böse sind, überzeugen mich nicht. Wir sind alle alles. Ich jedenfalls.

Und nun weiß ich nicht, was ich machen soll.

Das Buch sehr kritisch besprechen vermutlich.

Und weiterhin darüber nachdenken, was eigentlich einen guten Text wirklich ausmacht. Dabei muss ich mal wieder an einen wunderbaren Blogartikel von Irgendlink denken. Über gutes Schreiben. Über Füllwörter. Über das Kürzen.

Und darüber, dass im Grunde jeder und jede so schreiben soll, wie sie will. Ich muss es ja nicht lesen, ich Text-Snobine

Und ja, ich werde auch darüber nachdenke, was eine gute Buchbesprechung eigentlich ausmacht.

Wirkt Wahres wirklich?

Wie wahrhaftig können wir uns selbst sehen und beschreiben?

Sehen wir uns nicht immer durch irgendwelche Filter? Und was ist mit all den nicht erzählten Dingen? Opfere ich die Reste meiner kleinen Privatsphäre, wenn ich hier über meine Alltagsgewohnheiten schreibe, wie es Knausgård getan hat? Verrate ich mich sogar ein wenig, wenn ich zu viel schreibe? Was soll mein Maßstab sein?

Nun ja, wenn ich über mich schreibe, ist es immer eine Form der Selbstdarstellung. Im Zeitalter von Selfies ist das Selbstbildnis aus dem Ruder gelaufen.

Wie bewundere ich die alten Meister, die in stunden- was sage ich da? in tagelanger Konzentration vor dem Spiegel saßen und nicht nur ihr Äußeres wiederzugeben versuchten, sondern auch ihr Innen unter die Lupe nahmen.

Ein Bild ohne Schatten nennen wir überbelichtet. Wo die Schatten fehlen, werden die Falten geglättet und zeigen eine nicht wirkliche, eine nicht wahre Wirklichkeit, eine wirkungslose Wirklichkeit. Wird sie damit unwahr? So unwahr wie eine Mathematik ohne den Einbezug von Minuszahlen.

Voyeurismus beobachte ich bei mir, ein klein wenig zumindest, wenn ich Bücher wie jene von Knausgård lese. Biografien. Anders als bei fiktiven Lebensgeschichten gehe ich bei einer Biografie davon aus, dass der Blick, der mir schreibend vermittelt wird, der Wahrheit nahe ist. Der Wahrnehmung zumindest. Und das interessiert mich. Ich möchte wissen, was andere Menschen denken, sagen, machen, fühlen, wie sie dies und jenes tun, worüber sie sich nerven und was ihren Alltag versüßt. Nicht geschönt, nicht selektiert. Vielleicht lese ich deshalb auch so gerne in Blogs. Sie sind noch unzensierter als Bücher, roher, näher dran an den Menschen.

Unter den Zeilen

Quelle Text: deremil.wordpress.com
Quelle Text: deremil.wordpress.com

Zu Grunde gehen

dahin
wo es am tiefsten
ist

und wunden Muscheln die Hände öffnen
Perlenfischerin ich

Im Abstoßen vom Grund
mich vom Strudel
der mich abwärts zog
entfernen

Nähe zu mir findend
aufzutauchen
erneut

Luft
Atem

nehmen
holen

Land betretend
erneut
verstehen
warum die Flüsse
sind
was sie sind
und die Tiefen
da
wo es mich liebt
sein
die ich bin

Vergängliches
strömen
lassen
kommen
lassen

Lass
du
mich
schwimmend
in deinen Worten

Spüre den Boden
jetzt
unter den Zeilen
er trägt
erträgt
uns

Eingeholt

Seit Wochen war ich mir hinterher. Die Arbeit im Büro, dazu all meine privaten Baustellen und Projekte, die mir unter dem Herzen und den Nägeln brennen.

Schlecht abschalten zu können, ist dann etwas vom nächsten. Wenig Schlaf, schlechter Schlaf, viele Träume, Kopfweh, Unruhe … und trotzdem fühlte ich mich gut und wohl. Aber eben. Ein Zustand, der kein Dauerzustand sein sollte. Nicht, wenn man gesund leben will, sich zuliebe leben will, wie ich das anstrebe.

Vorgestern Nachmittag, nachdem mein Chef gesehen hat, dass ich schon über zwei Wochen Überzeit habe, schickte er mich – zumal ich Kopfweh hatte und mich ein wenig angeschlagen, fast krank fühlte – nach Hause. Wir hatten für das Konzert am Abend alles vorbereitet, die Tische mit Tüchern bezogen die Sachen für den Aperitif bereitgestellt.

Geschenkte Zeit.

Mittwochabendstimmung

Zeit?

Ich versuche immer, so viel wie möglich aus ihr zu quetschen. Wie doof eigentlich.

Besser ich streiche sie glatt, die Minuten. Besser ich lasse sie zu, die Stunden.

Ausgerechnet als ich gestern auf der Fahrt zum Liebsten bei Strasbourg im Stau stand, fand ich zurück zur Ruhe.

Und nun, nun bin ich da. Bei mir. Außen und innen wieder kongruent. So gut es geht, wo doch alles immer im Wandel ist. Immer.

Jetzt.

Jetzt auch.

Und jetzt ist es gleich zwölf. Oder war es eben?

Nicht besser. Anders.

Türen auf, Türen zu … Mittendrin. Schauen. Wahrnehmen. Was wäre, wenn.

Gemeinsames Werk von neun Malenden

Gemeinsames Warm-Up-Bild von neun MalendenDie Bilder, die ich im letzten Artikel gepostet habe, wie würden sie aussehen, wenn ich am letzten Sonntag daheim geblieben wäre und nicht mitgemalt hätte?
→ Anders.

Wie wäre die Welt, wenn ich nicht da wäre.
→ Anders.

Wie wäre diese Haus, wenn ich nicht darin wohnen würde?
→ Anders.

Nicht besser. → Anders.

So wie du malst,
so wie du sprichst,
so wie du denkst,
so wie du schreibst,
so …
… kannst es nur du.

Daher vielleicht mein Mut.
Daher auch meine Angst vor meinem Mut.

Dieses Nichtwissen, was wird, wenn ich diese neuen Räume öffne. Betrete.

Immer dieses Hoffen auf Heilung.
Immer öfter dieser Wunsch, zu teilen, was mir gut getan hat.

Kitsch?
Die Gefahr des Besserwissertums?
„Weil zu viel Cleansein dem Geist schadet.“ (Zitat: Glumm)

Was dir gut tut?
Tu es.

Am Lebensrad drehen

Die Zeit, die Zeit, die Zeit … Eben hatte sie sich noch tagelang augebläht, ausgedehnt, Gummitwist mit uns gespielt … nun ist sie in sich zusammengesunken, wie ein Käsesoufflé, das ich zu früh aus dem Ofen genommen habe.

Gemeinsames Werk von neun Malenden
Gemeinsames Werk von neun Malenden (Col-Art)

Der Liebste sitzt jetzt wieder im Auto, fährt nordwärts. Ich bin nach elf gemeinsamen Tagen wieder allein. Seltsam leer ist die Wohnung. Seine Gegenwart ist immer so wohltuend, selbst dann, wenn wir alleine vor uns hin arbeiten und lesen … Erst recht, wenn wir etwas zusammen unternehmen. Wandern. Spazieren. Radfahren. Kunst (zum Beispiel gestern im nahen Schwarzwald an einer Col-Art-Aktion mitmachend, siehe die beiden Bilder.)

Fernbeziehung hat aber auch viele Vorteile. Was ich mir zuweilen vorbeten muss. Welche habe ich leider im Moment vergessen. Oder vielleicht diese? Ich kann mich länger auf etwas einlassen. Ich kann konzentrierter an etwas arbeiten. Ich kann.

Ich könnte.

Jetzt zum Beispiel könnte ich endlich meine Liste abtragen (siehe letzten Artikel). Bis 13 Uhr habe ich Zeit für meins. Dann Büro.

Wie gesagt: Ich könnte. Manchmal sind es ja die vielen Möglichkeiten, die machen, dass ich mich reich fühle. Und manchmal sind es gerade die zu vielen Möglichkeiten, die mich stressen.

Gemeinsames Warm-Up-Bild von neun Malenden
Gemeinsames Warm-Up-Bild von neun Malenden (Col-Art)

Heute Morgen verglichen wir Kalender, Termine und Freiräume. Planten ein bisschen. Er seine Reise ans Nordkap mit dem Fahrrad (→ hier mehr lesen) und ich, was ich derweilen (ohne ihn sozusagen) an tollen Dingen mit meinem Sommer anstellen könnte.

Ich miete mir in Mittelschweden ein günstiges Hüttchen an einem kleinen See, sage ich, mit Strom!, Und ich schreibe dort mein Buch. Wenig Komfort. Viel Natur. Das wäre was.

Ich fange an, diese Idee zu genießen, sehe mich auf dem Bootssteg am Tisch sitzend schreiben. Zwischendurch eine Runde Schwimmen oder Rudern und ab und zu mit dem Fahrrad, das zum Häuschen gehört, ins nahe Dorf fahren.

Kennt hier jemand, der jemanden kennt, die oder der jemanden in Mittelschweden kennt? Gegend Falun? Und der ein Hüttchen kennt. Und so. Tipps gerne an mich! (→ Kontakt).

Träumen ist doch fast so schön wie leben.

Sein

Über Menschen und ihre Geschichten Erkenntnisse über das Leben zu gewinnen, Dinge zu verstehen, Zusammenhänge endlich zu sehen, ist mir die liebste Art des Lernens.

Mit Frauen am Tisch zu sitzen, zuzuhören, selbst zu erzählen, zu essen, das nahe Kloster und den wunderbaren Klosterkräuter- und Gemüsegarten zu genießen, gemeinsam durch eine Kleinstadt namens Tangermünde und an der Elbe entlang zu spazieren, ist eins. Dies mit Frauen zu tun, die ich bisher nur von ihren Blogs und aus unzähligen Mails kannte, ist etwas anders. Irgendwie surreal. Irgendwie verrückt. Die virutelle Welt ist auf einmal ganz real geworten.

Wir – die Mützenfalterin, Kerstin und ich – sitzen in Kerstins Wohnzimmer, das Kaminfeuer brennt, und trinken ein Glas Rotwein.


Ich bin ganz da. Ich höre. Ich fühle. Ich rieche. Ich spüre. Ich teile. Ich bin ganz offen. Auf einmal sehe ich uns von außen zu. Sehe dieses Wunder der Gemeinschaft. Staune. Bin einfach nur dankbar, hier so ganz und gar ich sein können zu können und zu dürfen. Als würden wir uns schon ewig kennen, kommt es mir zuweilen vor.

Nach einer Kopfwehnacht mit einer Migräneattacke am Samstagmorgen hatte ich kurz mit dem Liebsten telefoniert. Er meinte mit weisem Augenzwinkern, das ich vor mir sah ohne es zu sehen, dass mein Kopfweh um 10 Uhr vorüber sei.

Sich selbsterfüllende Prophezeiung? Voraussicht? Orakel oder Wahrsagung? Egal. Es hat gewirkt. Im Laufe des Tages haben sich schließlich auch die letzten Reste des tagelangen, wetterwechsel-hormon-aufregungsvorfreude- und vollmondbedingten Kopfwehs gänzlich verkrümmelt.

Wunderbar tief habe ich heute Nacht geschlafen, geborgen und wohlig in Kerstins Bett. Wir haben, da wir nur zu dritt waren, gestern schon das Kloster verlassen, das zwar sehr gemütlich war, für Kerstin aber natürlich ein Hin und Her zwischen Zuhause und uns bedeutet hatte. Ihr Partner hatte uns das Feld geräumt. Alles hat gepasst. Im Nachhinein muss ich sogar den gemeinsam erlittenen Kopf- und Zahnschmerzen etwas positives abgewinnen. Gemeinsames Leiden schafft eine neue Ebene des Verstehens. Nein, Schmerz adelt nicht, Leid noch weniger – so meine ich es nicht. (Ach, ihr wisst schon.)

Nur zu dritt? Das „nur“ bezieht sich auf Ulli, die mit Grippe im Bett liegt und leider nicht hierher fahren konnte. Sie war dennoch in unserer Mitte, wie es auch viele andere Menschen, unsere Partner und auch mal andere Bloggende waren.

Konkurrenzlose, liebevolle Verbundenheit.

Immer wieder sprechen wir über unsere Ideale, darüber wie die Welt sein sollte, könnte. Wie es sich besser leben ließe. Wir venetzen Vergangenes mit Gegenwärtigem, Erlebtes, Erfahrenes verorten wir in der Zeitachse und erkennen Parallelen.

Spannend ist dieses Treffen auch aus kultureller Hinsicht: Eine Ossi, eine Wessi und eine Schweizerin, alle praktisch gleich alt. Alle drei in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten groß geworden. Vieles, was ich nicht verstehen kann und es dennoch verstehe. Zumindest annähernd.

Ich freue mich nun auf einen sonnigen Sonntag und auf all das, was wir gemeinsam noch erleben werden.

Wie es wohl dann sein wird, heute Abend, wenn ich mich in mein Schweizer Bett fallen lassen werde? Das ist aber noch gaaanz weit weg. Die Zeit dehnt sich aus und fast ist es mir, als wäre ich schon ganz lange hier.

Ich wünsche uns allen hier und dort und euch allen, die das hier lesen, einen wunderbaren Sonntag, allein und/oder mit andern.

Auf das Leben!

 

Die Reise

Ich sitze auf Platz B. Nicht Fenster, nicht Gang. Am Fenster eine deutsche Frau, die die Bunte liest und die Armstütze annektiert hat.

+++ Wir rollen aufs Flugfeld. Stehen nun da. Bereit.

+++ Rechts von mir, am Gang, eine junge Frau, Schweizerin, die ein Gesundheitsheft studiert. Schlanke Frauen, Rezepte, Diäten.

+++ Nun fliegen wir. I love it

+++ Pinkeln. Lesen. Essen. Dösen.

+++ Landeflug. Es geht abwärts. Kaugummi hilft immer. Das Land kommt näher.

+++ Unten. Immer wieder neu ein kleines Wunder, wie sanft so ein schweres Metallteil auf der Erde aufsetzen kann. Das Liftfahrgefühl hat ein Ende, das ich am Landeflug so mag. Wir rollen zur Landebahn.

+++ Die im Glashaus sitzt. Nach dem ich die Überfliegerin war, vorhin, sitze ich nun am Ende von Gleise vier. Im geheizten Wartehäuschen, das zwar auch schon bessere Tage gesehen hat, aber bezaubert mit Rundumverglasung und Wärme. Hier ist es nicht so schön wie daheim. Es hat sogar ein wenig geregnet, als wir aus dem Flugzeug gestiegen sind. Grauverhangen der Himmel. Aber morgen! Morgen wird’s auch hier schön. Hier und bei Kerstin.

+++ Herrliche Szene vorhin am Billettautomaten, ähm, sorry, Fahrkartenautomaten natürlich. Alle meine MitüberfliegerInnen wollten offenbar mit dem Zug in die Stadt. Gruppenweise standen sie an, diskutierten über die Knöpfe, die zu drücken seien, über Tarife, über dies über das. Köstlich. Und gänzlich stressfrei.

+++ Ich habe nach Brandenburg gelöst und werde kurz nach halb drei dort sein. Viertel vor acht bis viertel vor drei: sieben Stunden Reisezeit. Nun ja, das ist es mir wert.

+++ Ich bin müde und entspannt. Vorfreudig auch, ja, aber die Nervosität ist von mir abgefallen. Ich bin hier bei mir. Und dieses Häuschen hier kommt mir gerade recht.

+++ Bald kommt der Zug. Vorher will ich noch bloggen. Tagespass und deutsche SIM-Karte-sei-Dank ist das kein Problem.