Die Sache mit der Wahrheit

Seit Tagen denke ich über diese Sache mit der Wahrheitssuche nach. Angestoßen von Sherrys Artikel über den weinenden Nietzsche, gehe ich der Frage nach, was uns wirklich antreibt – wohlwissend, dass ich diese Frage nicht werde beantworten können. Nicht abschließend jedenfalls. Wahrheitssuche haftet die Aura von Heldenhaftigkeit an – man denke nur an Artus und die Gralsgeschichten und an all die Philosophen und Denkerinnen, die bei ihrer Suche gefährliche Abenteuer erlebten und dabei oft mit dem eigenen Leben bezahlten. Ein bisschen verwandt und doch anders sind da die für ihren Glauben oder eine Überzeugung oder Ideologie einstehenden Menschen, die sich ähnlich auch nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Während die ersten noch auf der Suche nach Antworten sind, sind die zweiten bereits Gefunden-Habende – und somit für mich höchst suspekt. Obwohl, wenn ich es mir so überlege … ist nicht finden das Ziel von suchen? Andererseits ist die Wahrheitssuche letztlich eine Art unendliche Geschichte, denn in Wirklichkeit ist die Wahrheit ja wie eine Kugel. Unfassbar. Endlos.

Ein bisschen zynisch gefragt: Suche ich um des Suchens willen? Ganz unzynische Erkenntnis: Wenn ich sie gefunden habe, die Wahrheit, erkenne ich schnell, dass sie nur eine Teilwahrheit ist und suche weiter nach anderen Teilwahrheiten und werde dennoch jedes Mal ein klein bisschen weiser, weil ich immerhin weiß, dass es DIE Wahrheit so gar nicht gibt. Und ich weiß, dass ich im Grunde nichts weiß.

Als ganz junge Frau, ständig in irgendwelchen Umbrüchen und depressiven Phasen, glaubte ich noch, wenn ich die Wahrheit nur erst gefunden haben würde, wäre alles gut. Doch mit jeder neuen Erkenntnis, obwohl sie mich immerhin ein wenig vorwärts gebracht hatte, wurde ich ein wenig desillusionierter. Heute ist mir, als wolle sie gar nicht gefunden werden (jedenfalls was mich betrifft). Als verberge sie sich in allem. Als sei sie in der Stille. Als sei sie nirgends. Als sei sie Ich selbst. Und du. Du auch. In Wahrheit ist die Wahrheit nicht mehr und nicht weniger als das große Alles und das große Nichts. Schrieb ich vor langem mal in ein Notizbuch. Aber da dieser Satz zugleich so wahr und so vage ist, nützt er niemandem etwas. Außer, dass es entspannend ist, die Wahrheit sozusagen entblößt zu haben. Aufzuhören, nach ihr suchen zu müssen und dennoch auf eine unfassbare Art Teil von ihr zu sein.

Dass ich damit am Ende meiner Suche bin, ist leider und zum Glück nicht so. Anstelle der Wahrheit suche ich heute Antworten. Vorläufige. Auf große Fragen. Und nein, bei diesen Antworten muss es sich nicht um die große Wahrheit handeln, ich gebe mich auch mit kleinen Antworten zufrieden. Viele kleine Antworten können manchmal mehr bewirken als eine einzige große (den Wechselkurs kenne ich allerdings nicht). Mit den kleinen Antworten meine ich die alltägliche Essenz aus alltäglichen Gesprächen mit alltäglichen Menschen. Da ein Pfefferkorn, dort ein Stück Brot. Dort ein Stück Schokolade. Nahrung für meinen Mind, der kaum je zur Ruhe kommt. Auch wenn er nicht mehr an die große Wahrheit glaubt, will er dennoch etwas zu kauen haben.

Auch das habe ich inzwischen begriffen: die Sinnfrage beantwortet jeder und jede anders. Sich und der Welt. Weil jeder und jede sie auch anders stellt. Weil die Motivation, sie überhaupt zu stellen, von Mensch zu Mensch total unterschiedlich ist. Für den einen ist es eminent wichtig, dass das, was er tut, nützlich ist, während für die andere, das was sie tut, möglichst viel Geld einspielen muss. Du fragst mich, ob das denn eine richtige, eine existentielle Sinnfrage ist oder zu banal? Wer bin ich, sag ich dir, zu beurteilen, welche Sinnfragen gehen und welche nicht? Was weiß ich schon wirklich über die Menschen?

Kommen wir – weil es grad so passt – zur Eitelkeit, zum Ego, zur Sehnsucht nach Anerkennung. Nenn es Perfektionismus. Wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst bin, entspringen mein Wunsch und meine Sehnsucht nach Sinn und nach Antworten, die meinen Wahrheitshunger stillen, dem Bedürfnis richtig zu leben und damit meinem Anspruch an mich zu genügen. Will heißen: Perfekte Entscheidungen zu treffen, richtig zu handeln, adäquat zu leben in einem Netz von Ansprüchen, die ich selbst und meine Umwelt an mich stellen. Richtig lebt hieße  auch scham- und angstfrei, innerlich heil und ausgeglichen, in Balance und im Frieden mit mir selbst, frei von all meinen Mimosenhaftigkeiten und meiner geringen Stressresistenz, kurz und gut: nützlich, brauchbar, vielseitig einsetzbar, die eierlegende Wollmilchsau persönlich zu sein. Und natürlich alles locker und easy zu können. Ach, diese vielen Herzen in meiner Brust!

Gut zu wissen, dass ich mit solcherlei Allmachtsphantasien (die ich hier zugegeben doch ein klein wenig überzeichnet habe) nicht allein bin. Das lese ich in einem spannenden Sachbuch namens Verletzlichkeit macht stark, das demnächst erscheinen wird und das ich für meine Zeitschrift besprechen werde. Dass Scham und Angst jene zwei Energien sind, die einem Leben aus vollem Herzen zuwiderlaufen, sagt die Autorin Brené Brown immer wieder. Und dass wir nur dann wirklich aus vollem Herzen leben können, wenn wir authentisch und verletzlich sind. Wobei das Wort Verletzlichkeit mit unglaublich vielen Vorurteilen und falschen Synonymen zugekleistert sei. Schwächlich zum Beispiel. Dabei geht es um das Gegenteil. Wahres Menschsein heißt verletzlich zu sein und sich dafür weder zu schämen noch davor zu fürchten. Sich dafür selbst genug sein. Aber natürlich, ich weiß es und ihr wisst es ebenso, ist auch das nur eine weitere Antwort, eine weitere Teilwahrheit. Aber nicht die schlechteste!

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=MFikEsmc9yc]

Teil 2 des Vortrages auf youtube: hier klicken
Teil 3 des Vortrages auf youtube: hier klicken

Erschienen ist das Buch bereits auf englisch unter dem Titel Daring greatly (Link auf Brené Browns Website)

es poltert hinter den Rippen

Ein bisschen lärmt es schon, mein Herz, wenn ich an übermorgen denke. An die abenteuerliche Autofahrt nach Österreich. Nach Hallstatt. Nach Bad Goisern um genau zu sein, denn dort haben wir uns für eine Nacht in einer Frühstückspension einquartiert. Nach zwölf Nächten auf einer dünnen Matte in Schlafsack und Zelt wird es für Irgendlink sicher schön sein, mal wieder auf einem weichen Bett zu schlafen. Stell ich mir jedenfalls so vor.

Schon morgen oder auf jeden Fall übermorgen – insch’allah – wird der Liebste nach beinahe tausend Kilometern sein Reiseziel erradelt haben. Oh, nein, falsch! So kann man das nun wirklich nicht sagen. Reiseziel meine ich. Das Ziel war schließlich die Reise. Das Bildersammmeln. Das Schreiben von unterwegs. Das Unterwegssein überhaupt. Der Zielort ist nicht mehr und nicht weniger als ein Zielort. Eine vorübergehende Endstation. Eine weitere Station im Leben. Eine temporäre Innehaltestelle. Einfach ein Ort, ein weiterer Ort auf der Lebenslandkarte.

Dennoch: Dieser Ort stand und steht im Fokus von Irgendlinks livegebloggter Reise, denn dort, in Hallstatt, sollen ja demnächst hundertzwanzig auf Keramik gebrannte Bilder – entstanden auf dieser zwölftägigen Reise – in den für die Ewigkeit gebauten Kellern des Memory of Mankind eingepökelt werden. Oder so. Die Duplikate dieser Bilder sind übrigens käuflich (okay, das ist [jetzt auch] ein Werbespot).

Soweit so gut. Mein Herz lärmt, wie ich schon schrieb. Unbekannte, un-erfahrene Strecken jagen mir immer Respekt ein, obwohl ich mich als doch recht routinierte, auch langstreckenerprobte Autofahrerin bezeichnen würde. Aber den Osten der Schweiz sowie Österreich kenne ich nicht wirklich gut. Österreich, zu meiner Schande sei’s gesagt, kenne ich eigentlich überhaupt nicht. Erst zweimal war ich über der Grenze. Und über der Grenze meint genau das. Kurz rüber und wieder zurück. Und jetzt will ich also einfach losfahren, via München und Salzburg ins Salzkammergut. Herzklopfen, lautes, wie gesagt.

Die Vorfreude ist es auch, natürlich, die meinen blutigen Pumpmuskel zappeln lässt. Endlich Irgendlink – statt am Telefon zu hören oder in zig Viber-SMSen zu lesen – live zu erleben, ist eben einfach anders. Ein Unterschied wie zwischen Tiefkühlpizza und selbstgemachter. Wie zwischen Sonne im Fotoalbum und Sonne in echt. Wie zwischen Internet und echtem Leben. Ungefähr.

Da kann es schon mal vorkommen, dass wir ein bisschen spinnen beim Simsen.

Manchmal kommt man über den Südpol zum Nordpol, schreibe ich heute Morgen im Zug zur Arbeit. Und über den Ostpol zum Westpol, denke ich.
Oder über Chieming nach Salzburg!, schreibt er.
Umwege sind häufiger als Abkürzungen. Mein Wort zum Tag, schreibe ich in Olten.
Wenn Apple die Klobürste erfunden hätte, wäre deren Benutzung selbsterklärend, schreibt er. Noch später. Vermutlich auf einer Toilette. Keine weiteren Angaben.
Optimal – schön kühl, schreibt er von unterwegs. Da ist es bereits Nachmittag und bei ihm regnet es wohl ein wenig.
Optimal ist doch optimal, tippe ich schnell im Büro nach Nordost.

Jetzt aber fertig … weitere intime und geistreiche Zitate erspare ich euch gerne. Besser so.

Besser noch ich hau mich jetzt mit Buch ins Bett, auf dass das polternde Herz zur Ruhe kommen möge.

_____________________________________________

Mehr über Irgendlinks aktuelles Projekt „Bilder für die Ewigkeit“ auf seinem Blog irgendlink.de und auf der Projektseite (hier klicken).

viel oder wenig

Man sollte immer nur so viel Gepäck dabeihaben, wie man selber tragen kann. Gedacht heute Morgen, als ich einer Familie beim Zugausstieg zugeschaut habe. Und dabei festgestellt, dass ich keine Ahnung von den wahren Bedürfnissen dieser Familie habe. Von den vermeintlichen auch nicht wirklich. Gemerkt auch, dass ich mal wieder in Vorurteilen zapple, dass ich andere verurteile und, vor allem, dass ich im Grunde keine Ahnung habe.

Womit wir mitten im Thema Was-denken-die-andern? wären, bei den Konventionen und Konditionen, die unser Leben prägen. Ich weiß, ich weiß, über Freiheit und Unfreiheit wurde schon viel geredet und geschrieben – auch hier in diesem Theater Blog.

Zwar hat mich das Darüberschreiben nicht freier gemacht, doch verändern sich meine Perspektiven zu diesen Zusammenhängen immer wieder ein wenig.

Von allem (und damit auch von allen) frei zu sein ist mein Bestreben nicht. Freiheit kann für mich immer nur eine differenzierte, spezifische sein. Anders gesagt: Die Freiheit, die ich anstrebe, ist, selbst zu definieren, wo ich von andern Dingen und Menschen wie sehr abhängig sein will (und davon bin ich noch meilenweit entfernt). Ja, meinen Kontext größtmöglich selbst zu definieren, strebe ich an.

Ich verstehe mich immer als Teil eines Ganzen, eines Gesamtzusammenhanges – sowohl im ganz irdischen Sinn (Teil der irdischen Gemeinschaft) als auch im metaphysischen Kontext, auch wenn sich zweites nur vage benennen lässt.

Um zu den Konventionen zurückzukommen: Dem Kontext, in den ich hinein geboren bin, verdanke ich eine so und so geartete Lebensweise, die funktioniert, wenn ich mich daran halte. Wenn ich … (Merke: Funktionalität ist nicht bedingungslos). Damit eine Gesellschaft funktionieren kann, hat jede menschliche Kommune Verhaltensregeln geschaffen (samt Göttern und Schuld, Gesetzen und Sanktionen). Irgendwie muss man sich ja auf etwas einigen …

Wer hat wohl das erste Mal Danke gesagt und wer bitteschön Bitte? Müssen wir, sollen wir, immer brav Dankeschön sagen, auch dann, wenn wir keine Dankbarkeit empfinden und um etwas bitten, auch wenn wir keinen Bedarf haben? Sind Danke- und Bitte-Sätze sowie andere ähnliche Formeln mehr als Dressur ohne Sinn oder gehören sie abgeschafft? [Ich denke laut – sprich schreibend – vor mich hin, während der Zug mich nach Olten fährt, wo ich umsteigen muss, wozu mich die höfliche Stimme per Lautsprecher auffordert.] Ach, die Höflichkeit! Sie ist eine der Konventionen, die ich immer wieder sehr ambivalent betrachte. Zum einen angenehm, zum andern oft sehr künstlich, so dass ich mich frage: wie authentisch kommunizieren wir? Vor allem dann, wenn uns etwas nahe geht? Sagen wir Aua, wenn uns jemand verbal – ob unbeabsichtigt oder vorsätzlich – auf die Zehen oder den Schlips tritt?

Was bestimmt unsere Art, zu kommunizieren? Scham und Angst, wie ich das immer wieder zu beobachten glaube? Oder sind es Mut und Offenheit? Wenn ja, wann und wie?

Über eine weitere Konvention in unsern Breitengraden denke ich auch wieder mehr nach, seit ich wieder angestellt bin: über die Sache mit dem Geld und seinem Erwerb. Ich arbeite für eine Institution, die Stellensuchenden temporäre Arbeitsplätze und Unterstützung bei der Stellensuche anbietet und bin darum sehr nahe an dem Thema Geld und Identität dran. Aus Fallakten und Gesprächen schließe ich, dass den meisten Menschen, die nicht im Arbeitsmarkt sind, ein paar Sachen – vom Geld mal abgesehen – fehlen: Sie fühlen sich aus der Gesellschaft herauskatapultiert und als Außenseiter, ihnen fehlt eine sinnvolle Tagesstruktur und sie fühlen sich vom Leben unterfordert oder ausgestoßen. Auch hier wieder: Scham, dazu Angst vor einem Leben außerhalb der Gesellschaft.

Zu wenig gut zu sein oder zumindest von einem grundsätzlichen oder punktuellen Mangel auszugehen, scheint mir ein weitverbreitetes Lebensgefühl zu sein und mir ebenfalls bestens bekannt. Bekannter als das Leben in Fülle.

Meist ist es nicht die fehlende oder vorhanden Materie, die über Mangel- und Fülle-Wahrnehmung entscheidet. Das Problem sitzt tiefer. Meistens ist es die grundsätzliche Wertschätzung uns selbst gegenüber, die uns fehlt. Ach, und das ist ja nur die Spitze des Eisberges …

… eigentlich ganz schön verrückt: Unsere ganze westliche Gesellschaft ist so „reich“ und wird doch von einem ganz tiefliegenden Mangeldenken und -fühlen dominiert.

Ob die Familie von vorhin, die mit acht Koffern und Taschen vorhin den Zug verlassen hat, darum so viel mitgenommen hat?

[Heute Morgen unterwegs im Zug zur Arbeit geschrieben]

wie vorgesehen

Manchmal habe ich einfach genug von der einen oder anderen Grundeinstellung meines Lebens. Manchmal möchte ich einfach, wie bei meinem Rechner, das eine oder andere Programm löschen oder zumindest mit einer störungsfrei laufenden Neuversion updaten. Zum Beispiel möchte ich endlich damit aufhören, zu glauben, dass ich um keinen Fall glücklich sein darf, solange noch irgendwo auf dieser Welt ein Mensch oder ein Tier leidet. Nicht, dass ich aufhören will, mich für das Leid auf der Welt mitverantwortlich zu wissen, auch will ich nicht einfach abstumpfen und wegschauen. Doch trotz des vorhandenen Elends auf dieser Welt, trotz der Tatsache, dass auf dieser Welt vieles im Argen liegt, trotz all der Tränen, die täglich geweint werden, möchte ich mir endlich erlauben, mein Leben in seiner Fülle zu leben.

Abgeschaut habe ich mir diese Möglichkeit bei einer alten Linde, die sich auf einem Hügel schon viele Jahrzehnte in all ihrer Pracht entfaltet. Auch bei den Bäumen im Wald habe ich es mir abgeschaut. Die Bäume hier wachsen, als gäbe es andernorts keine Kriege. Sie breiten sich aus, sie transformieren unsere Schadstoffe in Sauerstoff, sie tun, wozu sie da sind, weil sie das Programm in ihrem Samen von Anfang an dazu ermächtigt hat. Darum stehen sie da und sind, was sie sind.

Zugegeben, viele Bäume auf dieser Welt können nicht ihrer Bestimmung gemäß leben und viele andere Pflanzen auch nicht. Viele Tiere nicht, viele Menschen nicht. Dennoch, so begreife ich allmählich, dennoch ist das Leben in Fülle in unseren Samen, in unserm Lebensprogramm vorgesehen. Die Möglichkeit dazu. Und auch die Möglichkeiten für Mitgefühl und Hass.

Grundeinstellungen ändern sich nicht von heute auf morgen. Wir sind keine Maschinen. Zum Glück. Und ich bin froh, dass ich die Möglichkeit und den Glauben an Veränderungen nicht verloren habe.

Virtueller Spaziergang

Eben bin ich mal wieder durch die Blogosphäre spaziert, was ich so ausführlich schon lange nicht mehr gemacht habe. Den täglichen Blick in den Reader werfen, von wo aus ich meine abonnierten Blogs besuche, ist das eine, doch gibt es ja noch so viele andere tolle Blogs und Webseiten, die ich mag. Später will ich mit dem Farrad an die Sonne, an den Schatten, raus, an die Aare … doch so ein Blogspaziergang ist fast ebenso faszinierend. Außerdem sieht es schon eine Weile nach Gewitter aus, windet heftig …

Da und dort lese ich von Blogmüdigkeit. Bei mir, so stelle ich fest, ist es eher eine Art Faulheit, das ich wenig blogge. Nein, stimmt so auch nicht. Eher stelle ich eine Art Energie-Verschiebung fest, denn schreiben tue ich ja dennoch. Fast jede freie Minute, die ich nicht mit Hausarbeit oder abhängen (mailen, lesen, Filme schauen) verbringe, arbeite ich weiter an einem meiner Manuskripte (Loch im Eis). Es fasziniert mich, wie ich aus einem bestehenden Plot eine neue Geschichte webe, das Buch sozusagen nochmals neu schreibe, aus einer andern Perspektive. Ich spüre die Figuren wachsen und lebendiger werden. Dass ich neben der Einarbeitung in eine neue Arbeitsstelle also kaum Zeit und Muße zum Bloggen habe, sei mir verziehen.

Was ich vorhin in Luisa Francias Webtagebuch gelesen habe, fand ich so genial, dass ich es hier zitiere:

die welt gehört nicht wie man manchmal denken könnte den bankern, den reichen, den milliardären und mafiosi, die welt gehört komplett und restlos den klein/kleinstlebewesen. sie werden noch da sein wenn wir weg sind und sie sind jetzt auch da, die bakterien, die viren, die a/b/cmeisen, die insekten, die käfer, die fliegenden al uzzas. mir fiel ein stück pfirsich auf den boden, es dauerte keine zehn sekunden da hatte es sich in der mikrowelt herumgesprochen und der pfirsich war bedeckt von den kleinen wesen die ihn sauber wegputzten.
apropos putzen, ich versteh jetzt warum so viel geputzt und gefegt wird. ich tu das auch exzessiv. tust du es nicht, hast du einfach gleich so viele mitbewohnerInnen die auch gern das bett mit dir teilen würden, damit du, halb gesellschaft halb nahrung ihr leben bereicherst.

Quelle: salamandra.de/tagebuch/start > luisa in alentejo – 03.07.2013

Apropos Luisa: Im nächsten Frühling (April 2014) gehe ich mit Freundin L.(1) endlich mal wieder in einen Kurs zu ihr – das erste Mal seit vielen, vielen Jahren. Ein Grund mehr, mich schon jetzt auf den nächsten Frühling zu freuen, obwohl es jetzt erst Sommer ist.

Aber jetzt trauche ich wieder in mein Manuskript ein … winkewinke!

Gedankensplitter

Wieso ist eigentlich Reden im Zug erlaubt? Jedenfalls vor halb neun morgens? Heute ist es lauter als vorgestern. Die Ferien haben begonnen. Eltern mit Kindern machen Ausflüge – so früh schon sind sie munter unterwegs und wollen den Tag auskosten. Zwei Männer plappern viel zu laut über Nichtigkeiten, so dass ich mich in ein weiter entfernteres Abteil setze. Mein mp3-Player ist nicht laut genug, all diese Geräusche zu übertönen. Zumal ich heute ziemlich starken Tinitus habe und nur auf halber Lautstärke hören mag. Ich sehne mich nach meinem Bett. Habe nachts wachgelegen. Kopfkino. Möchte die Decke über den Kopf ziehen, schlafen, Morgenmuffelin ich. (Ob die Depressiven dieser Welt tendenziell morgens eher lieber länger schlafen und die LangschläferInnen dieser Welt tendenziell depressiv sind?)

All diese Gerüche in meinem Zugabschnitt. Muss man Menschen mögen um gerne mit ÖV zu reisen? Rechts von mir Handcrème. Weiter hinten etwas Saures, das an Salatsauce erinnert und gelbgrün riecht. Vor dem Fenster die typischen Emmentaler Häuser mit ihren hohen tiefen Dächern. Nur Häuser und Land. Grün und braun. In den Ohren Red Hot Chili Peppers. Ich träume mich nach Kalifornien. Alles besser als hier im Zug zu sitzen. Warum eigentlich? Weil mir schlecht ist vor Müdigkeit und ich Bammel habe vor all dem Neuen? Kinderlachen dringt durch den Musikschutzmantel. Glücklicher Familienausflug. Soo früh schon.

Wenn neue Leute einsteigen, hilft es, einen Hustenanfall zu haben (ein bisschen übertreiben dient der Sache durchaus). Das Abteil gehört mir allein.

In der Büropause blättere ich im Magazin der Tageszeitung. Von einem jungen Mann lese ich, der sich selbst – weil suizidgefährdet – in die Psychiatrie eingewiesen hat. Dort hat er doch einen Suizid versucht und ist nun zeitlebens behindert. Wie sicher ist die Psychiatrie?, wird gefragt und ein paar Seiten weiter lese ich, dass unsere Gesellschaft an einem kollektiven Heimatverlust leidet. Eine ganze Gesellschaft Heimatloser. Leider fehlt mir die Zeit, den ganzen Artikel zu lesen.

Ich werde dieser Tage von verschiedenen Teammitgliedern in meine unterschiedlichen Arbeitsbereiche meiner neuen Stelle eingeführt. Damit ich die vielfältigen Prozesse verstehe. Notizen mache ich von Hand, begreife, dass ich lesbar schreiben muss, damit ich später lesen kann, was ich geschrieben habe. Nicht nur lesbar, sondern auch logisch.

Am Abend im Zug so viele Leute, dass kein Hustenanfall nützt, zumal ich diesmal die Zusteigerin bin. Dennoch ist es ruhiger als am Morgen. Alle sind allein unterwegs. Und die Parfümgerüche vom Morgen haben sich zum Glück auch im Laufe des Tages verflüchtigt. Direkt erträglich ist es. Ich lese im angefangenen eBook weiter und stelle fest, dass ich mit dem langen Arbeitsweg schon weniger hadere als vorgestern.

Lesen hilft. Immer. Irgendwie.

Tickende Uhren

Die Stoppuhr läuft. Ich habe sie gestartet, nachdem ich mein smartes Telefon, auf der sie wohnt, geweckt habe, denn heute bin ich selbst noch ohne Wecker erwacht. Nun läuft sie und zählt die Sekunden und Minuten, die ich brauche um wach zu werden (ähm …), um Tee zu kochen und derweilen die Rollläden hochzukurbeln (drei Minuten), um kurz meine Blogs zu checken (zehn Minuten), um Yoga zu üben (dreizehn Minuten) und um mich zu duschen (sieben Minuten mit anziehen). Die restlichen siebzehn Minuten der Stunde, die vergeht, bis ich bereit bin, das Haus zu verlassen, versickern irgendwo im Niemandsland. Ungezähmte Zeit, die mir genauso wichtig ist wie die morgendliche Dusche. Nichts ist mir morgens so kostbar wie wilde Zeit. Sinnlose und absichtslose Zeit zum Sein.

Eine Stunde bevor ich das Haus verlasse werde, wird morgen früh also mein Wecker klingeln. Er wird mich zu einer Zeit wecken, zu der ich seit über zwei Jahren noch mindestens zwei Stunden weitergeschlafen habe. Eine Frühaufsteherin war ich nur als Kind. Seit über dreißig Jahren kämpfe ich mit Weckern und frühen Morgenstunden, kämpfe gegen die Windmühlen der Normalität, der Nullachtfünfzehn-Gesellschaft. Obwohl ich ganz viele Menschen kenne, die ebenfalls jeden Morgen nur schlecht aus den Federn kommen, bleibt in dieser Gesellschaft alles beim Alten. Obwohl es sogar Studien gibt, die belegen, dass der durchschnittliche menschliche Körper – ab Pubertätsalter – in den frühen Morgenstunden aus biologischen Gründen nicht wirklich hochtourig laufen kann. Dass er Zeit braucht, bis er warm gelaufen ist. Dass erst so ab halb neun mit effektiven Leistungen zu rechnen ist. Gut zu wissen, aber …

Unsere Gesellschaft ist leistungsorientiert und will immer mehr. Mehr herstellen, erreichen, konsumieren, haben. Der Mensch expandiert, was möglich ist (das Unmögliche bestimmt auch schon bald) und würde am liebsten den Tag verlängern. Nein, ich mag das nicht werten. Wir verdanken unsern Lebensstandard dieser Arbeitsmoral. Und wir verdanken ihn anderen beinahe mittellosen Gesellschaften, die anders funktionieren als wir und deshalb für sehr wenig Geld sehr viel für uns arbeiten müssen. Ganze Gesellschaften, die abhängig von uns sind … Eine neue Art Sklavenhandel.

Ich habe mir in meinem Leben immer Arbeitsstellen gewünscht (und sie auch gehabt), wo meine Arbeit darauf hinzielte, die Welt im kleinen ein wenig lebenswerter zu machen. Meine neue Arbeitsstelle, die ich morgen antreten werde, hat dieses Ziel ebenfalls. Unsere Zielgruppe sind Menschen, die – wie ich bis vor kurzem – langzeit-arbeitslos sind. Mit vom Kanton geförderten Angeboten, bei denen es um den Menschen mit seiner ganzen Persönlichkeit geht, soll ein Weg zurück in die Normalität gefunden werden – was immer sie ist. Dieses Projekt kenne ich durch meine frühere Arbeitsstelle bei diesem Hilfswerk, von damals, als ich in Bern gelebt habe. Immer geht es diesem Hilfswerk um die Integration von Menschen, die irgendwo durch das Netz gefallen sind. Gut und schön. Doch noch schöner wäre es, wenn es die Arbeit von Hilfswerken gar nicht brauchen würde.

Ohne Kriege, keine politischen Flüchtlinge. Ohne Schuldenfallen und ohne Korruption, keine Ausbeutung, keine Armut, keine Armutsflüchtlinge. Ohne … kein … (Nein, ich kann die Welt nicht retten …) Wir alle könn(t)en miteinander viel verändern, viel bewirken. Einzig gegen Tsunamis, Vulkane, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen sind wir machtlos.

Der Gedanke, dass ich eine sinnvolle Arbeit verrichten werde, wird mir morgen früh beim Aufstehen helfen. Hoffe ich. Sinnstiftende Arbeit motiviert.

Kreuz und quer im Kopf

Mit jedem Wort, das meinen Mund verlässt, laufe ich Gefahr, falsch verstanden zu werden. Sogar mit jedem nicht ausgesprochenen Wort. Kommt noch eine Fremdsprache ins Spiel, erst recht. Schon seit einer Woche bewegen wir uns auf dem einsamen Gehöft in der Südpfalz mitten im schottisch-englischen Sprachraum, denn Ray, unser Gast, versteht – außer Dankeschön und Bitteschön – kein Deutsch.

Mein Kopf ist zurzeit ein einziger Eintopf aus Schweizer- und hochdeutschen Gedanken und meinen englischen Übersetzungsversuchen. Komplexe und banale Gedanken ganz nah beieinander. Das Hirn arbeitet ständig auf irgendwelchen Hochtouren, funktioniert wie ein Katalysator, hält mich hellwach. Ich schlafe mit englischen Wortgeweben ein, spreche im Halbschlaf mit dem Liebsten englisch und suche zuweilen das deutsche Wort für einen Begriff, der auf Englisch ohne groß nachzudenken da ist. Nicht, dass ich besonders gut englisch könnte, nein, eher ist es so, dass die Sprache – erst einmal aus irgendwelchen kümmerlichen Kammern meines Gedächtnisses ausgepackt und nun wild geworden, da endlich befreit – übermütig ihr Comeback feiert (wie heißt das gleich auf Deutsch?) und sich nicht so schnell wieder bändigen lassen will. So ungefähr.

Zugegeben ganz schön anstrengend, zumal ich ja – wie ich dieser Tage oft denke – ein ziemlich fauler Mensch bin. Oder wohl besser eine ambitionslose Minimalistin, die nur tut, was sich ihr zu tun aufdrängt und was notwendig ist (allerdings fällt ihr auch das Nichtstun sehr schwer und andere sagen, dass meine Sicht hier gar nicht stimmt). Nun wird es kompliziert. Dass ich nur tue, was notwendig sei, schrieb ich eben, doch wer sagt (wem), was notwendig ist?

Wie Ray, Irgendlink und ich gestern Nachmittag nach einem Ausflug auf der Terrasse sitzen und Tee und Kuchen genießen, fangen wir an über meine These zu diskutieren, die da lautet:
Würde jeder und jede hinter sich aufräumen und putzen, bevor sie oder er den Platz oder Raum verlässt und weitergeht, wäre die Welt eine bessere.

Dass ich aufräumen und putzen als Metapher meine, muss ich den beiden Männern erst mal erklären, stelle dabei aber fest, dass das Ganze für mich ebenso als Nicht-Gleichnis, also wortwörtlich, einigermaßen passt. Damit wir uns richtig verstehen: Ich glaube nicht, dass die Welt durch mehr Putzen besser wird, eher so: wenn wir achtsam mit ihr, unsern Mitmenschen und uns selbst umgehen, hin und wieder auf das zurückschauen, was wir angerichtet haben, bewusster und rücksichtsvoller unsere Umgebung in unser Lebenskonzept einbeziehen, wäre die Welt anders, ich behaupte besser, lebenswerter. Dabei geht es für mich in erster Linie um Respekt und Wertschätzung. Es braucht nicht viel – eigentlich nur achtsame Aufmerksamkeit – um meiner Umgebung zu zeigen, dass ich sie ernst nehme, dass sie mir wertvoll ist. (Frage an mich: Zeugt der Status Quo unserer Gesellschaft davon, dass vielen Menschen ihrer Umwelt gegenüber diese Wertschätzung fehlt? Wenn ja, warum?)

Zum Beispiel: Ich räume mein oder auch unser aller Geschirr weg, nachdem ich etwas gegessen habe und trage es zur Spüle. Jemand von uns wird das Geschirr später spülen und noch später trocken zurück in den Schrank stellen. Was wäre, wenn wir das nicht tun würden, im Kleinen so wenig wie im Großen …?

Ist es also – um zu meiner Frage nach der Definition von Notwendigkeit und zu meiner tollen These zurückzukommen – notwendig für eine bessere Welt, dass wir hinter uns aufräumen? Besonders dann, wenn unsere Talente ganz woanders liegen? Es gibt doch so viel wichtigeres als diese verdammte Sache mit der Ordnung und Sauberkeit (und ja, ich tue auch viele andere Dinge lieber als Geschirrspülen …)

Ich schweife ab. Wir sitzen also am Tisch, wie oft in diesen Tagen, und diskutieren über Gott, die Welt, die Männer und die Frauen. Stimmt es wirklich, dass sich Frauen schneller an Unordnung und Dreck stören, wie Ray behauptet. Ich weiß es nicht, bringe den persönlichen Ekelpegel ins Spiel, wie Irgendlink und ich jenen Punkt nennen, ab welchem einem Dreck und Chaos geradezu körperlich weh tun. Gar nicht so leicht, dieses Wort zu übersetzen, zumal Leo für Ekel eine ganze Palette an Vorschlägen hat, die Ray alle als zu stark ablehnt. Auf das Thema sind wir gekommen, weil Irgendlink montags und dienstags bei einem unglaublich chaotischen Umzug mitgeholfen hat und dabei Schmutz und Durcheinander in kaum zu übertreffendem Ausmaß ertragen musste. (Müßig zu sagen, dass der Umziehende männlich war? Klischees wollen doch einfach ab und zu gestreichelt werden.)

Rücksicht. Noch so ein Wort, das Menschen, die zusammensitzen, -wohnen, -leben betrifft, egal ob sie das lang- oder kurzfristig tun.
Wie würde ich, wenn ich du wäre?, frage ich mich oft. Nein. Ich frage nicht wirklich, ich denke die Frage noch nicht einmal, ich fühle sie, habe sie ganz und gar verinnerlicht. Und von da aus, irgendwo aus meiner Mitte, interpretiere ich meine Mitmenschen. Ständig.
Wie kann ich mich verhalten, dass du dich wohlfühlt? Auch das denke ich nicht wirklich und doch verhalte ich mich so. Dass das nicht alle so handhaben, weiß ich schon lange. Erschrecken tut es mich dennoch immer wieder, wie geradezu unsensibel manche Menschen mit ihren Freunden und Mitmenschen umgehen. Gestern Abend, in Kollege T.s köstlicher Tapas-Bar, wohin uns Ray zu seinem Urlaubsabschluss eingeladen hat, kam das Gespräch wieder auf diesen unsäglichsten aller Umzüge, denn auch Kollege T. hat bei diesem mitgeholfen und – ebenso wie Irgendlink – viel Zeit, Mühe und Energie hineingesteckt. Als Lohn ein Dankeschön hätte den beiden schon gereicht. Fürs Erste. Ob das zu viel verlangt ist?

Gewohnheiten. Vieles tun wir, weil wir es so gelernt haben – oft so unbewusst und unreflektiert, dass wir noch nicht mal sagen könnten, warum wir es tun. Vieles jedoch tun wir aus Überzeugung.

Hinter sich aufzuräumen zum Beispiel, wenn ich hier von mir ausgehen darf. Zwar habe ich es als Kind beigebracht bekommen, dennoch tue ich es aus Überzeugung und weil es mir ein Bedürfnis ist. Weil ich Ordnung mag. Ich tue es aber ebenso aus Rücksichtnahme und Respekt meinen Mitmenschen gegenüber. Kann ich es dennoch von andern erwarten?
Wahrnehmen, was andere benötigen – auch das habe ich unterwegs gelernt, aber darf ich das bei andern voraussetzen?
Die Grenzen anderer zu respektieren, lernte ich dadurch, dass andere die meinen immer wieder eintraten. Grenzen anderer zu respektieren – zumindest das will ich von anderen erwarten. Obwohl ich weiß, dass es gefährlich ist, Erwartungen an meine Umwelt zu haben, denn machen Erwartungen mich letztlich nicht unfrei?

Nicht nur mit jedem Wort, das meinen Mund verlässt, laufe ich Gefahr, falsch verstanden zu werden und nicht nur mit jedem nicht ausgesprochenen Wort. Auch geschriebene Worte sind gefährlich, ungeschrieben ebenso. Auch Bloggen, meiner Meinung nach eine der demokratischten Formen der freien Meinungsäusserung, ist gefährlich. Was soll’s: Leben ist gefährlich.

Thank you very much. You’re welcome.

Ein Wurmloch in Raum und Zeit

Es ist kurz nach elf Uhr nachts. Flughafen Frankfurt Hahn. Ein Flughafen mitten im Niemandsland, der vor allem mit Billiglinien arbeitet und weder an die Autobahn noch an den öffentlichen Verkehr angeschlossen ist … Es regnet schon seit einer Dreiviertelstunde ziemlich stark, nachdem es schon eine Stunde vorher heftig gestürmt und gewittert hat.

Unterwegs durch die Nacht zuckten wir immer wieder zusammen, wenn mächtige Blitze den schwarzen, mondlosen Himmel zerrissen und erhellten. Mit Hilfe einer Navi-App fuhren wir die uns beiden unbekannte Strecke und sind minutengenau vor dem Flughafengebäude angekommen. Zu früh, wie wir bald feststellen werden, denn Rays Flug aus Edinburgh hat sich verspätet.

Erstaunlich belebt ist es hier zu so später Stunde. In der Welt, die wir betreten haben, ist alles möglich. Nachts essen, was man sich tagsüber versagt, geht hier, und auf den Bänken schlafen, um die zwischen den Kontinenten verlorene Zeit wiederzufinden, ebenfalls. Wartend verrinnt die Zeit immer am langsamsten, überlege ich. Fünfundzwanzig Minuten müssen wir totschlagen. Tote Zeit? Ich taste nach meinem iPhone, während Irgendlink versucht, einen näheren oder günstigeren Parkplatz zu finden. Keine Chance.

Ich gehe derweil im Kreis herum wie der berühmte Panther im Käfig und tippe auf der kleinen Tastatur. Mit dem Daumen, wie früher bei den alten Handys. Brainstorming. Das hier kommt dabei heraus. Ich könnte auch in meinem angefangenen eBook weiterlesen. Oder statt tun einfach nur sein. Sein und schauen. Den Menschen zuschauen, denn das ist es, was ich auf Flughäfen oder Bahnhöfen am liebsten mache.

Da sind die zwei oppulenten, aufgemotzten Damen, die vor mir her zur Toilette gehen und sich beinahe beim Notausgang verirren. Spanisch reden sie und neben ihnen fühle ich mich in meiner Fleecejacke ziemlich underdressed. Auf dem Rückweg lächelt mir ein dösender Rucksackreisender aus kleinen Äuglein zu und ich erinnere mich an eine Nacht auf dem Flughafen in Rio, wo wir den Last Call um an Bord zu gehen beinahe auf unsern Rucksäcken liegend verschlafen haben. Ich kreuze erneut einen mit Kilt gekleideten Mann, der an einen Bistrotisch lehnt und seiner Begleiterin seine Lebensgeschichte erzählt. Oder so. Die Inderin mit Sari und Highheels, in denen ich mir schon beim ersten Schritt das Bein brechen würde und ihr Partner mit Vokuhila-Frisur, samt Pferdeschwanz, warten – wie es aussieht – auf den gleichen Flieger wie wir.

Und auf einmal geht die Türe auf. Ein erster Gast aus Schottland betritt das neue Land. Doch da ist niemand, der auf ihn wartet. Mit seinem Rollkoffer (heute haben alle Rollkoffer!) geht er, ohne einen Blick in die Runde zu werfen, an uns vorbei. Er ist ein (oder mimt zumindest den) Routinier. Dann eine Gruppe Spanier, einer davon mit einem zu kurzen Bein oder einer kaputten Hüfte. Er hinkt stark. Mir tut beim Zuschauen meine Hüfte weh und ich wende meinen Blick ab.
Noch drei Leute bis Ray, wette ich mit Irgendlink. Es sind dann allerdings fünf, bevor Ray endlich die Schleuse verlässt und auf uns zu steuert.

Der Regen hat nachgelassen, die App bringt uns wieder sicher nach Hause und anderthalb Stunden später sitzen wir gemütlich im Atelier und trinken Bier.