Ich wundere mich

Nach meiner Pechsträhne voller Krankheiten und Unfälle kurz nach dem Umzug – eine Woche Fieber, dann die Iliosakralgelenk-Rückenschmerzen, die Augenverletzung und schließlich letzte Woche noch die Fingerwunde durch einen dummen Nähunfall – könnte ich ja jetzt versuchen, die Nachhalle dieser Ereignisse als kleine Alltagswunder zu betrachten und mich herzlich darüber zu wundern.

Meine Rückenschmerzen sind nach »nur« knapp drei Wochen verschwunden, statt – wie von der Physiotherapeutin vorausgesagt – sechs Wochen zu bleiben. Wow!

Das verletzte Auge hat sich nicht infiziert und ist in Rekordzeit verheilt. Ebenso der linke Zeigefinger, den ich mir letzten Donnerstag – am Nationalfeiertag ausgerechnet! – beim Nähen mit einer abgebrochenen Maschinennähnadel durchstochen habe. Eine reine Fleischwunde übrigens, ohne Knochen- oder Nagelverletzung. All das heilt sehr gut. Wunderbar ist das.

Und gestern gleich noch so ein Wunder. Wir kamen von unserer dreißig Kilometer langen Radtour zurück nach Hause. Als ich mein Rad abschließen wollte, stellte ich das Fehlen meines Schlüsselbundes fest. Wir durchsuchten alle Taschen, doch da war nichts. NICHTS!

Die Haustür war mit dem hölzernen Bremsklotz halb geöffnet, sodass wir eintreten konnten. Ich schlug vor, dass wir uns auf die Treppe vor der Wohnung setzen sollten und ich von dort aus einen Schlüsseldienst anrufen könnte. Was sah ich, als ich gerade auf der Treppe Platz nehmen wollte? Mein Schlüsselbund! Da lag er, auf meinem Schuhkasten. Vermutlich hatte ich den Schlüssel an der Tür steckenlassen – es wäre nicht das erste Mal! –, als ich nochmals in die Wohnung gegangen war und den vergessenen Radtacho geholt hatte. Danke, Danke, Danke, liebe Nachbarinnen!

Ich hoffe, dass ich jetzt das Pech dieses Jahres aufgebraucht habe und vor allem, dass ich endlich wieder achtsamer und aufmerksamer leben kann. Und stressfreier.

Rebis reist in den Osten – mit Rad und ohne Plan

Ich mag es ja, gemütlich von daheim aus andern beim Reisen und beim Radeln zuzuschauen und Texte über ihre Abenteuer zu lesen. Auf diese Weise bin ich übrigens auch zur TCR-Dotwatcherin geworden, vor einigen Jahren schon, wenn die Radlerinnen und Radler des Transcontinentalrennens (TCR) quer durch Europa und über dessen Grenzen hinaus radeln …

(Hier lassen sich aktuell die diesjährigen Radler*innen beobachten und hier gehts zum dazugehörigen Blog mit den täglichen Updates.)

Als unsere Freundin (Frau) Rebis ihr eben angebrochenes Sabbatjahr plante und als Startpunkt Istanbul wählte, wo sie ihre letztjährige Radtour beendet hatte, wussten wir alle noch nicht, dass ihr Starttermin mehr oder weniger mit dem Schlusspunkt des Transcontinentalrennens zusammenfallen würde.

Seit Tagen gucke ich darum Richtung Türkei und nehme dank Trackingmöglichkeiten und sozialer Medien Teil am Radeln und Reisen von diversen Menschen, die die Welt mit dem Fahrrad erkunden.

Wer Rebis-reist-Rad auf ihrer Reise – Osten-ohne-Plan – begleiten will, kann das über Polarsteps tun, über Mastodon, über Instagram und über ihr Blog Osten-ohne-Plan tun. (Einfach den Links folgen.)

Mir bleibt zu sagen, dass Rebis‘ Texte immer sehr lesenswert sind und dass ich sicher bin, dass ihre Reisetexte unser aller Horizont erweitern werden.

Ich freue mich aufs Mitreisen und wünsche Rebis nur das Allerallerbeste für ihr Sabbatjahr.

Wenn Liegen weh tut

Seit Tagen will ich über meine Schmerzen schreiben, doch ist darüber nicht längst alles gesagt? Vielleicht sollte ich es also einfach tun – im Wissen darum, dass ich mehr bin als der Schmerz, wie mir Freundin U. vor einigen Tagen in Erinnerung gerufen hat.

Als meine Rückenschmerzen, die vor etwa zehn Tagen über mich gekommen sind, noch schier unerträglich waren, standen mir genau sie, über die ich ja eigentlich schreiben wollte, im Weg. Ich habe die letzten Tage meine Laptopzeiten auf das absolut Notwendige reduziert, auf Bürokram, Organisatorisches, zuweilen Tagebuchnotizen, Chats manchmal. Doch so schnell wie möglich klappte ich den Deckel des Rechnern wieder zu. Und litt weiter vor mich hin.

Weiterleidend, ja, mit stetem Blick auf den Schmerz. Den Schmerz dermaßen im Fokus, weil er so dominant, so laut, so schrill war, dass ich nirgendwo anders hingucken konnte. Einfach nicht in der Lage war, wegzugucken. Mich nach Erholung und Schlaf sehnend. Liegen und Sitzen, die einzigen Möglichkeiten der Ruhe und Entspannung, die ich kenne, wenn ich an Schlafenwollen denke, waren jedoch beide mit nur noch stärkeren Schmerzen verbunden.

Tagsüber, stehend, gehend oder sitzend, ordnete ich die Schmerzen so zwischen 8-10 von 10 Schmerzskala-Punkten ein. Liegend kam ich locker auf 11-12. Also in den Bereich des für mich nicht mehr Erträglichen. Wie sagte Frau R. doch? Schmerz sieht man nicht auf dem Röntgenbild.

Der Schmerz besetzte alle meine Gedanken, meine Muskeln, meine Nervenzellen – und auch alle meine anderen Zellen. Überall leuchtete er herum. Er blockierte mein Denken, meine Hoffnung, meine Zukunftsgedanken. Alles war Schmerz.

Die von den Notfallärztys beim sonntagnächtlichen Besuch in der Notfallpraxis verschriebenen Medikamente – drei hochdosierte Mittel samt Magenschoner –, halfen zwar schon, aber eben nicht so sehr, dass ich länger als vielleicht mal eine halbe Stunde schmerzfrei gewesen wäre. Dass ich Übungen zur Mobilisierung des Iliosacralgelenks aus dem Internet machte, war sicher einerseits gut, oder zumindest gut gemeint, doch in meinem Fall leider auch weiteres Öl auf die Mühlen. Denn mein Körper, meine untere Rückenmuskulatur, brauchte eigentlich gerade keine weiteren Aktionen, sondern nur Ruhe und Entspannung. Und die fand sie nicht, die fand ich nicht.

Die Nächte waren besonders schlimm. Wenn der Schmerz zu unerträglich zum Liegen wurde – und das wurde er oft –, ging ich umher. Ich tigerte durch die Wohnung. Stundenlang. Dann wieder neues Medikament, neue Bettflasche, neue Wärmesalbe, neuer Einschlafversuch. Meistens konnte ich so zwei- bis dreimal ein- bis drei Stunden schlafen. Die Übermüdung wurde neben dem Schmerz und der Benommenheit durch die Medikamente zur weiteren großen Belastung. Ich taumelte durch die Tage.

Die Physiotherapiesitzung am Donnerstagnachmittag, den ich mir zum Glück hatte ergattern können, brachte die Wende. Frau K. wies mich darauf hin, wie dringend nötig Ruhe für mein muskuläres System sei. Meine Übungen solle ich eher auf sehr feine Mobilisierungsbewegungen reduzieren, kleine Bewegungen seien hier und jetzt hilfreicher. (Dass ich aber auch immer übertreiben muss!)

Nach ihrer sehr feinen, sehr tiefgehenden und beruhigenden Massage war ich einige Stunden praktisch schmerzfrei. Dafür wurde es nachts wieder umso schlimmer und meine Angst, dass es nun immer so weitergehen würde, wuchs. Dass ich in diesen Stunden oft darüber nachgedacht habe, wie sich Menschen mit chronischen Schmerzen wohl fühlen müssen, verwundert sicher nicht. Ich wurde mir meiner bisherigen Privilegien bewusst. Meine körperlichen Schmerzen waren immer nur temporärer Natur gewesen und solche derart dominanten Rückenschmerzen, die mich am Liegen gehindert hätten, hatte ich bisher noch nie gehabt. Was habe ich doch bisher für ein Glück gehabt. Ja, solche Erfahrungen machen demütig.

Was mir leider nur schlecht gelingt, obwohl es oft empfohlen wird ist, mich mit dem Schmerz zu verbinden. Na ja, willkommen heißen war schon mal gar nicht, aber ein bisschen mehr Akzeptanz wäre sicher gut gewesen. Zu Schmerzen, von denen ich wusste oder weiß, dass sie temporär sind (Spritzen, Massageschmerz, etc.) konnte und kann ich durchaus ja sagen, doch bei Schmerzen, deren Ende nicht absehbar ist, finde ich das eine Meisterinnenleistung, eine, die ich noch nicht kann. Ich bin noch ganz am Anfang, was den Umgang mit Schmerz betrifft.

Dabei ist Schmerz so ein zentrales menschliches Thema. Das Leben fängt ja schon mit Schmerzen an, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Geburt ohne Schmerz geht. Über das Sterben können wir nur mutmaßen.

Alles Mögliche kann schmerzen. Zu viel Licht. Durst. Ein Stoß gegen den Bauch. Sich den Fuß vertreten. Zu viel Reiz. Wenn jemand unfreundlich ist. Die Hitze. Die Stirnhöhle. Eine Freundin, die leidet. Depression. Der Hals. Mitgefühl. Aufregung. Rückweisung. Trauer. Der Kopf. Ein Zahn. Ein Juckreiz. Ein Fremdkörper im Auge. Husten. Verlust. Die Lunge. Der Darm. Die Speiseröhre. Alle Organe. Das Herz. Die Seele. Alles. Alles kann weh tun. Nichts ist vor Schmerzen gefeit. Nichts. Nichts ist wirklich unkaputtbar. Das Meiste ist eh schon beschädigt. Von Anfang an. Und alles ist dem Verschleiß ausgesetzt. Alles. Nichts bleibt.

Gestern Morgen, um meine Geschichte weiterzuerzählen, beschloss ich, doch nochmals bei meiner Hausärztin-Praxis anzurufen und den erstmöglichen Termin nach der Ferienrückkehr meiner Ärztin zu bekommen. Der wäre, sagt die MPA, am Dienstagnachmittag. Oke, denke ich, so lange musst du noch durchhalten. Ist denn heute, frage ich plötzlich und bin selbst überrascht von mir, eine der anderen Ärztinnen im Haus? Ja. Und hat sie Zeit für mich? Ja. Um 16 Uhr. Als ich aufgelegt habe, frage ich mich, warum ich das nicht schon beim letzten Anruf, am Dienstag, als ich um eine Physio-Verordnung gebeten hatte, gefragt habe. Wow. Ich habe einen Termin und muss nicht mit dem Auto in die Notfallpraxis. Juhu!

Obwohl die Nacht auf Freitag schlimm gewesen war, sind die Schmerzen bald wieder relativ erträglich. Ein Nachhall der Physiotherapie? Ein Heilungsvorgang? Ich mache nur noch kleine und feine Bewegungen, um die Schmerzen zu kompensieren. Und vor allem mache ich wieder Dinge – trotz der Schmerzen. Eine kleine Radtour an Lieblingsorte, um mir meinen Ort von der neuen Wohnung aus zurückzuholen, und einen kleinen Einkauf, damit ich das Wochenende überstehe. Daheim dann weiter kleine Dinge. Keine Dinge, bei denen ich schwer heben muss, aber so Dinge wie neues Flüssigwaschmittel aus Kernseife und Soda, und neues Shampoo … Dinge, die mich ablenken, Dinge, die ich gerne mache, die mich strukturieren, die mich ordnen. Der Rücken macht mit und ich bin, relativ schmerzarm bei vielleicht 3-4 von 10 Schmerzskala-Punkten.

Beim Termin mit der Ärztin, einer Kollegin meiner Hausärztin, die auch Zugang auf die Akte aus der Notfallpraxis hat, erzähle ich davon, dass ich nicht zur Ruhe komme und dass es nicht nur ein körperliches, sondern eben auch ein mentales Problem sei. Wir diskutieren die Möglichkeiten. Ich bringe ‚Muskelrelaxans‘ ins Spiel, was sie aufgreift. Sie verschreibt mir eins und auf einem zweiten Rezept ein Reservemittel, das ich, falls die Schmerzen nicht besser werden sollten, nehmen könnte –statt des für mich nicht sehr wirksamen Paracetamols. Es ist ein sehr gutes Gespräch.

In der Apotheke bekomme ich das Gewünschte und in der Nacht schlafen ich tatsächlich fast bis sieben nachdem ich um halb elf das Licht gelöscht habe. Ich bin eine kleine Lerche geworden und hoffe, ich bekomme nach und nach wieder meine innere biologische Uhr zurück. Vielleicht ist sie ja tatsächlich irgendwie verrutscht, also langfristig meine ich, aber vielleicht kommt nun auch mein alter Rhytmus zurück. Das, was ich davon noch will. Manches fällt womöglich raus. Wie bei den materiellen Dingen, die ich ausgemistet habe.

Weil ich um sieben nochmals eine halbe Tablette des Muskelrelaxans nehme, schlafe ich erneut etwa drei Stunden tief und fest. Boah. Was Schlaf doch für ein Zaubermittel ist!

Umlaufbahnen

Ich mag es, mir mein eigenes Leben als ein Kreisen auf meiner ganz eigenen Umlaufbahn vorzustellen.

Wenn ich Menschen treffe, verbinden sich unsere Umlaufbahnen temporär und wir fliegen eine Weile nebeneinander, kürzer oder länger, um danach wieder auf unsere je eigenen Umlaufbahnen einzuspuren.

Es gab Zeiten in meinem Leben, vor der ADHS-Diagnose vor allem, da klebte ich zuweilen viel zu lange, und viel zu sehr für meinen Geschmack, in den Umlaufbahnen anderer fest. Ich bin froh, dass sich das geändert hat.

Inzwischen sehen ich es als ein Geschenk meines Unterwegsseins und meiner gewachsenen Reife, dass ich meine Umlaufbahn gut hüten kann, tun, was mir gut tut, meine Grenzen bewahren, schauen, dass ich im Gleichgewicht bleiben kann oder – wenn ich es doch zwischenzeitlich verliere – es wieder zu finden.

Seit ich mich entschieden habe, in eine günstigere Wohnung umzuziehen und rigoros auszumisten, seit ich angefangen habe, Kisten zu packen, haute ich mich von jetzt auf gleich aus meiner vertrauten Umlaufbahn. Der in sich geschlossene Kreis – ein anderes Bild für meine Stabilität und Schutzhaut, die ich mir im Laufe der letzten Jahre erarbeitet hatte – bekam Risse in der Außenwand. Die Hülle wurde durchlässig, von innen nach außen, aber auch von außen nach innen. Ich musste unglaublich viel, viel zu viel für mein Wohlbefinden, mündlich, telefonisch, digital kommunizieren, um eine Person zu finden, die mich aus meinem Mietvertrag, der theoretisch noch drei Monate dauert, ablösen würde, um Doppelmietzahlungen meinerseits zu verhindern. Mehr noch als das Kistenpacken hielt mich diese Suche auf einem krassen Dauerstressniveau, das vermutlich nur materiell arme Menschen nachvollziehen können. Was, wenn ich keine Person fände? (Wer keine finanziellen Reserven hat, braucht in solchen Fällen helfende Menschen, aber ich mag nicht immer um Hilfe bitten. Ebenso beim Umzug an sich.) Kurz: Ich war wochenlang im Ausnahmezustand.

Der Dauerausnahmezustand wurde irgendwann zum temoprären, neuen Normal, einer Parallelumlaufbahn sozusagen, die mit meiner gesunden Alltagsumlaufbahn mal mehr mal weniger zu tun hatte. Ich vermisste mein altes Kreisen, meine neugefundene Leichtigkeit. Zugleich sah ich, wie ich dank meiner wirksamen ADHS-Medikation, meine Nerven meistens ruhig halten konnte, Listen schrieb, Wochenpläne, den Umzug fast akribisch planen konnte … effizient und maschinengleich, fast ein wenig unheimlich. (Frage bitte niemand nach meinen Nächten …)

Stressig war es dennoch, stressig im Sinne von sehr sehr anstrengend. Aber zum Glück nicht auf die Weise stressig, dass Dinge nicht geklappt hätten. Im Gegenteil. Dank lieber Menschen, zweier großer Privatautos (Größe Handwerker) und viel Muskelkraft sind vor acht Tagen alle Dinge von A nach B gefahren und getragen worden. Dem Liebsten und meinen Freunden sei Dank.

Seit wenigen Tagen nun bin ich allein in der neuen Wohnung. Gestern habe ich die alten Schlüssel der letzte Woche geputzten Wohnung abgegeben. Meine alte Wohnung wird nun von der Verwaltung auf deren Kosten renoviert und muss (auf meine Kosten) noch da und dort nachgereinigt werden (ich sage nur Rollädenlamellen und Kalkflecken). Das alte Zuhause ist nun Geschichte.

Langsam schließt sich die poröse Schutzhaut mit den Rissen wieder, (auch ganz buchstäblich, den ich habe viele physische Hautrisse und Hämatome), alles wächst wieder zusammen und meine Umlaufbahn wird wieder ruhiger.

Ich war und bin, mit dem Umzug, herausgefordert, nicht nur alten materiellen Ballast loszuwerden, sondern auch meine Alltagsgewohnheiten zu überdenken. Was brauche ich noch? Wie und was will ich? Wer und wie bin ich in der neuen Umgebung, die außen lauter und hausintern entspannter ist. Kein lautes, zigarren-vorm-Schlafzimmer-paffendes Männlein mehr. Bis jetzt nur sympatische neue Gesichter. (Und die Angst, dass ich dann doch wieder die Merkwürdige sein werde.)

Wie wird sich meine neue Umlaufbahn anfühlen? Ich hoffe, gut. Ich hoffe, wir finden uns bald, damit wieder mehr Stabilität und Kontinuität in meinem Leben einziehen können.

Ohne Hoffnung geht irgendwie gar nichts

Heute in einem Monat – wenn alles gut geht, was ich hoffe, denn ohne Hoffnung geht nämlich gar nichts – sitze, esse, dusche und schlafe ich unter einem neuen Dach. Und das nicht nur für ein paar Ferientage, sondern weil ich ab Juli eine neue Wohnung im selben Ort haben werde.

Seit drei Wochen weiß ich es. Seit drei Wochen bin ich am Ausmisten. Am Freitag war ich auf Entsorgungstour in verschiedenen Brockenhäusern und in den Wochen davor habe ich schon mindestens einen (Schweizer) Zentner Altpapier und anderes zum Recyclinghof gebracht. All das, was ich nicht mit umziehen will, ist nun raus. Wobei sicher auch jetzt noch, wenn ich mit Packen angefangen haben werde, noch das eine oder andere rausfällt.

Noch ist vieles ist unklar, die Nachmiete, der Umzugstermin, doch aus Erfahrung weiß ich, dass sich nach und nach alles fügt. Womit wir wieder bei der Hoffnung sind. Und bei gemachten Erfahrungen.

In zwölf Jahren hat sich viel angesammelt. Und bei den beiden letzten Umzügen habe ich leider wenig ausgemistet. Es gab viel zu tun.

Diesmal werde ich mit weniger Gepäck in eine größere und günstigere Wohnung umziehen. Am meisten freue ich mich darauf, bald einen separaten Arbeits- und Kreativraum zu haben. Und ein Gäst*innenzimmer. Mehr Platz. Ich freue mich aufs Einrichten. Auf den Neuanfang.

Die letzten zwölf Monate waren voller Abschied und Neuanfänge. Todesfälle, neue Diagnosen, einige erste Male und jetzt noch eine neue Wohnung. Meine Seele hinkt hinterher. Das Herz schlägt manchmal zu schnell, zu laut. Ängste melden sich. Vor nicht abschätzbaren Kosten beispielsweise. Und weil es noch an Menschen fehlt, die beim Umzug und beim Putzen ganz konkret Hand anlegen können. Menschen, die die Kraft dazu haben. (Bisher sind wir zu dritt.) Aber auch das wird sich, so hoffe ich, irgendwie lösen lassen.

Hoffentlich.


In eigener Sache: Mein Umzugssparschweinchen und ich freuen uns über Futter. Danke.

20 Jahre Webloggerei, ein Rückwärtssalto und ein großes Sorry

Zur Feier des Jahres sind seit heute mein Uraltblog und mein aktuelles Blog vereint. Ich habe die Daten meines ersten im Juni 09 begonnenen WordPressblogs in dieses Blog hier integriert.

Nicht integriert habe ich mein ururaltes, nicht mehr im Netz hängendes Internettagebuch, das ich von 2004-2008 am einen und von 2008-2009 an einem weiteren Ort geführt hatte. (Die Daten gibt es noch, aber ich weiß nicht, ob ich mir so viel Arbeit machen will, die fürs Blog kompatibel zu machen.)

Summa summarum blogge ich also inzwischen zwanzig Jahre. Am Freitag, den 23. April 04 habe ich – damit angefangen und nie damit aufgehört.

Ich glaube, da darf ich mir schon mal ein wenig auf die Schultern klopfen?


PS: Nicht auf die Schultern klopfe ich mir dafür, dass ich vorhin mit den alten Blogartikeln meinen Mastodon-Kanal – @sofasophia@sofasophia.blogda.ch –, der eigentlich ja nur meine neuen Blogartikel spiegeln soll, vollgespamt habe. Die alten Texte, die ich ja eigentlich hier nur archivieren wollte, wurden dort ebenfalls gespiegelt, so als hätte ich heute hunderte neue Blogartikel geschrieben.

Liebe Mastodon-Abonnent*innen, verzeiht bitte. Das war so nicht gedacht.

Zusammen feiern

Wenige Monate vor dem Lockdown war es gewesen, im Herbst 19, als sich einige Menschen, die sich einst über soziale Medien und Blogs kennengelernt hatten, zum Feiern, Essen und Zusammensein auf dem Einsamen Gehöft eingefunden hatten. Schön war es gewesen und wir versprachen uns, das bald zu wiederholen. In den darauf folgenden Jahren gab es einige halbherzige, pandemieüberschattete Versuche, ein neues Treffen zu organisieren, doch sie verliefen alle im Sande.

Und auf einmal ist es uns doch wieder gelungen, Menschen von damals wiederzuvereinen. Viele von damals und dazu solche, die wir primär physisch kennen, trafen sich am letzten Wochenende für ein bis drei Tage gemeinsam zum Frühlingsgenuss und Draußensein auf dem Hof des Liebsten.

Am Freitagabend kam der Vorspann, samstags und sonntags gab es die volle Dröhnung und heute Morgen nahmen wir vom letzten Besucher Abschied.

Dazwischen? Viele Gespräche, Lachen, zusammen Gemüse schnippeln, kochen, trinken, essen, grillen, Geschirr spülen, Hunde streicheln, UNO spielen, Zelte aufbauen, Schlafplätze einrichten … zusammen am Feuer sitzen und – sagte ich es schon? – viel lachen.

Gestern Abend, als wir uns hinlegten, sagte ich zum Liebsten, dass ich wirklich von ausnahmslos allen den Eindruck habe, dass sie – zumindest ein bisschen – gestärkter und heiterer den Hof verlassen haben als sie ihn betreten haben. Es war für alle Platz, für die leisen ebenso wie für die eher lauteren, für die eher jüngeren ebenso wie für die eher älteren. So soll es sein.

Danke, Frau Lakritze, Frau Rebis, Der Emil, Frau Ostseenudel und St., S. und F., lieber Kai, liebe Kazi und liebe Silvia, für euer Da-Sein.

Die folgenden Bilder hier sind nur eine kleiner Einblick, fotografiert von Irgendlink und mir; inklusive einem Gastfoto von K. Dö., das die Lagerfeuerstimmung sehr schön wiedergibt.

Warum wir planen sollten | Orientierung #ADHS

Diese Woche hatte ich meine dritte Coaching-Sitzung zum besseren Umgang mit ADHS. Zu Beginn der Sitzung erzähle ich meiner Ärztin – nennen wir sie doch einfach Frau Dr. ADHS –, wie es mir die letzten drei Wochen mit dem Planen meiner Wochen-Lebenszeit ergangen ist, wo ich Probleme hatte, was gelungen und was mir aufgefallen ist.

Ich gestehe ihr, dass ich den Plan selten einhalten konnte. Meistens habe ich »gemogelt« und meine nicht geschafften Post-it-To-dos abends auf die restlichen Wochentage umverteilt. Manchmal lag es an der zu kurz bemessenen Zeit, manchmal an fehlender Lust und meistens daran, dass neue Aufgaben dazu gekommen sind, die dringender waren. Definitiv gut für mich ist, dass mich mein Wochenplan ruhiger macht. Die Dinge bekommen, dadurch dass sie benannt und als Aufgaben definiert sind, in meinen Augen mehr Wert und eine Art Daseinsberechtigung, insbesondere jene Dinge, die vorher immer unter dem Radar gelaufen sind, all jene Dinge, die ich bisher zwischendrin erledigt habe. Problemlösungen technischer Art zum Beispiel, wie ich sie in der vorletzte Woche gehäuft zu erledigen hatte.

Ich erzähle davon, wie ich inzwischen immer besser Aufgaben, die sich mir spontan in den Weg stellen, entschieden und bewusst auf später verschiebe, weil ich an etwas dran bin. Ich merke sie mir aber als Zu-Erledigendes, indem ich mir sie ein paar Mal vorsage. (Z. B.: »Diese Ecke räume ich nachher auf!«) Auch gelingt mir das Feierabendmachen irgendwie besser, seit ich den Wochenplan habe.

Meine Ärztin hört aufmerksam zu. Sie betont, dass wir diese Pläne nicht machen, um sie voll und ganz einzuhalten – was selbst bei bester Planung gerade mal zu 60 % gelinge, wie Erfahrungen zeigen. Wir erstellen solche Pläne zu unserer Orientierung. Wir machen sie, damit wir wissen, sehen, uns bewusst machen können, wann was zu tun ist. Um uns einen Überblick über das System Zeit, in der wir leben, zu verschaffen. Weitere Ziele sind, ein Gespür für Dauer, Energieaufwand und beste Tageszeit für die jeweiligen Aufgaben zu bekommen.

Dr. ADHS erinnert mich daran, dass es nicht nur um die Planung von Arbeit geht, sondern darum, unser Leben zu planen, Ziele zu haben, es nicht dem Zufall und den Umständen, spontanen Ideen und den Gewohnheiten zu überlassen. Es geht darum, realistisch planen zu lernen, also so, dass ich die Dinge, die ich tun will und soll (Arbeit und Freizeit), so plane, dass sie zeitlich aufgehen und dass ich sie erledigt bekomme, WENN nichts dazwischen kommt. Angefangen mit Fixterminen und Fristen, die eingeplant werden müssen. Anschließend werden die Tage mit den flexiblen Dingen, Aufgaben, Haushaltdingen, Freizeitdingen »aufgefüllt«.

Wir brauchen ja nicht noch ein neues Korsett mehr, sondern Werkzeuge, um unseren Alltag einfacher zu machen. Ich spreche Selbstdisziplin an, die mir, so sage ich, deutlich leichter fällt, seit ich das Medikament nehme. Sie findet den Begriff schwierig, negativ behaftet, spricht lieber von Zuverlässigkeit, von Verlässlichkeit. Stimmt, so kann ich es tatsächlich auch sehen; ich kann mich wirklich inzwischen besser auf mich verlassen, seit ich das Medikament nehme. Das Hirn hat genug Dopamin.

Ich lerne laufend dazu, gehe neue Wege, etabliere und trainiere neue Verhaltensmuster, nach und nach entstehen so neue neuronale Verbindungen im Hirn. Diese greifen allmählich auch dann, wenn ich das Medikament nicht nehme oder am Abend, wenn das Medikament eh nicht mehr wirkt.

ADHS-Betroffene, so sagt Frau ADHS, neigen dazu, ihr »Versagen« zu betonen, sich selbst zu blamen, einfach, weil wir sind, wie wir sind, anders eben als ein großer Teil der Bevölkerung. Das sei, sagt sie, pure Energieverschwendung. Wir sollten uns besser auf die Schulter klopfen für alles, was wir trotz erschwerter Lebensbedingungenschon geschafft haben. Ja, und uns auch gegenseitig ermutigen, sagt sie, als ich das Thema Peer groups anschneide. Frau ADHS findet es sehr gut, sich auszutauschen und voneinander zu lernen, sich auch virtuell zu vernetzen.

Jetzt sprechen wir über meine Ungeduld, denn am liebsten würde ich ja fast forward drücken und alles, was da noch zu lernen ist, schon gelernt haben. Frau ADHS schaut in ihren Laptop und rechnet mir vor, wie lange ich nun schon bei ihr bin (noch kein Jahr) und wie lange ich schon die Medikamente nehme (erst knapp ein halbes Jahr). Na also, das ist doch noch nicht lange und ich hätte, so sagt sie, bereits so viel gelernt. Wir sprechen über den Druck, den Therapieerfolgserwartungen bei uns auslösen. Letztlich sind und bleiben wir doch immer uns selbst, das sollten wir nicht vergessen. Wir können nicht jegliche Fortschritte auf Dritte oder Medikamente delegieren. Es ist immer noch unser Leben und wir die Akteur*innen. Erwartungen lösen unnötigen Stress aus, führen zu Ungeduld. Gesünder wäre es, uns für die einzelnen Schritte Respekt zu zollen, uns mit Geduld zu begegnen. Und wenn uns jemand erzählt »So geht es mir auch!«, wenn wir von unseren Symptomen erzählen, können wir getrost sagen: »Du hast das ab und zu, aber ich habe es immer.«

Als wir über Erwartungshaltung sprechen, sage ich, dass ich immer mal wieder gefragt werde, wie es denn mit der Abhängigkeit bei ADHS-Medikamenten sei. Dabei geraten wir in ein kleines philosophisches Gespräch. Süchtig nach Methylphenidat können wir, sagt sie, nur werden, wenn wir es überdosieren. Wenn wir nicht beim gewünschten und eigentlichen Dopamin-Effekt bleiben, sondern die für uns Betroffene unerwünschten Nebenwirkungen durch zu viel Dopamin – wie Dauerwachsein, Aufgedrehtsein, Appetitlosigkeit, Hyperhochfokussiertsein – erleben. Bei Überdosierung komme nämlich weniger der eigentliche, gewünschte Dopamineffekt, sondern die Substanz an sich, die wachhält, zum Tragen. Wer ständig überdosiert sei und dann das Mittel pausiere, könne durchaus Entzugserscheinungen haben, die allerdings eher einer Art Rebound* geschuldet seien. Wenn wir uns, sobald wir das Mittel pausieren, depressiver fühlen, sei das nicht ein eigentliches Entzugssymptom. Wir bleiben auch mit der Medizin die Menschen, die wir sind mit all unseren Eigenschaften. Falsche, überhöhte Erwartungen an das Mittel oder die Therapie an sich seien, wie schon gesagt, Stressoren, die uns sehr unter Druck setzen können.


*In der Pharmakologie bezeichnet das Rebound-Phänomen eine überschießende Gegenreaktion des Organismus bei abruptem Absetzen eines Medikaments. Quelle
Als Rebound-Effekt oder Absetz-Effekt (von engl. rebound ‚Rückprall‘) wird das verstärkte Wiederauftreten von Symptomen infolge des Nachlassen der Medikamentenwirkung (vornehmlich Stimulanzien) bezeichnet. Bis zu einem Drittel der mit Stimulanzien behandelten ADHS-Patienten erleben beeinträchtigende Rebound-Effekte. Quelle

Ausgelesen #42 | Die Wahrheiten meiner Mutter von Vigdis Hjorth

Sie hat damals ihren Mann, die Schwester und die Eltern von einem Tag auf den anderen verlassen und ist ihrer neuen Liebe von Norwegen in die USA gefolgt. Inzwischen ist Johanna erfolgreiche Künstlerin, Witwe und Mutter eines erwachsenen Sohnes. Nach dreißig Jahren kehrt sie – anlässlich einer Retrospektive ihres Kunstschaffens – in die Stadt ihrer Kindheit zurück, wo sie wieder Fuss fassen will. Dass sie feststeckt, begreift sie erst allmählich.

Das Buchcover zeigt in grafischen, mehrfarbigen Elementen und Schrift den Titel, Autorin- und Verlagsnamen. Dominant sind Blau- und Rottöne.
Das Buchcover zeigt in grafischen, mehrfarbigen Elementen und Schrift den Titel, Autorin- und Verlagsnamen. Dominant sind Blau- und Rottöne.

In kurzen Kapiteln spricht die Ich-Erzählerin davon, wie damals die Beziehung zu ihrer Familie kaputt gegangen ist. Sie erinnert sich an versteckte seelische Schmerzen der Mutter und begreift diese im Rückblick als Ausgangspunkt für die späteren Spannungen zwischen ihnen. Spontan wählt sie Mutters Telefonnummer. Trotz der räumlichen Nähe bleiben Mutter und Schwester jedoch unerreichbar. Verwundet und verwundert spielt Johanna mit Was-wäre-wenn-Szenarien, versucht den neuen Zurückweisungen eine Gestalt zu geben und zu verstehen, warum die Mutter das Telefongespräch nicht annimmt und die Schwester Nachrichten nicht beantwortet. «Vielleicht will Mutter mich nicht sehen, um nicht zu erfahren, was sie verloren hat? […] Ich zeichne mich als Mutter im Spiegel und entdecke, dass Mutters Mund spricht, er sagt, dass sie meinetewegen viel gelitten hat.»

Mir ging es beim Lesen ähnlich wie der Mützenfalterin, die mich überhaupt erst auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Vigdis Hjorth erzählt eine Geschichte, die erschüttert und unter die Haut geht.

Roman, S. Fischer 2023
Aus dem Norwegischen übersetzt von Gabriele Haefs

Wie wir Ziele erreichen können | Pläne machen #ADHS

Letzte Woche, in meiner zweiten Coaching-Sitzung, sprachen wir über die kurz- und mittelfristige Planung meiner Lebenszeit. Dieses Coaching soll mir dabei helfen, mit ADHS – dank Verhaltensanpassung und Medikamenten – stressfreier und gelassener zu leben.

Zuerst reden wir kurz über meine Selbstbeobachtungen mit der Selbststeuerung – dem Thema und der Aufgabe aus der letzten Sitzung – und ich sage, dass ich für mich einen anderen ersten Fragesatz gefunden habe. (Statt wie geht es mir JETZT? lautet meine erste Frage: Welches Gefühl ist JETZT am stärksten? Das passt bei mir besser.)

Ich erzähle auch von meiner Erkenntnis, dass ich letztlich tatsächlich mehrheitlich impulsiv oder aber rituell handle. Wenn alles in meinem Alltag den vertrauten Abläufen folgt, ist es gut für mich. Da aber, wo es keine solchen gibt, entscheide und handle ich spontan, impulsiv eben, ohne mir groß Gedanken über Folgen, Zeitaufwand und Zusammenhänge zu machen. Rückblickend frage ich mich, ob ich es anders hätte hinbekommen sollen oder können, na ja, besser halt irgendwie.

Meine Ärztin meint dazu, dass ich mein Verhalten nicht rückblickend bewerten und beurteilen solle. Es sei allerdings durchaus sinnvoll, aus der aktuellen Perspektive zu schauen, ob der vertraute Ablauf und/oder das Ritual jetzt noch gültig und sinnvoll seien oder ob es eine Anpassung brauche. Doch Rituale seien gerade für ADHS-Betroffene sehr sinnvoll, da sie uns Strukturen geben. Wir haben sie uns ja genau darum einst ausgedacht. (Ich nenne übrigens ritualisierte Abläufe, insbesonder wenn es Arbeitsdinge betrifft, auch gern Arbeitsoptimierungen, denn ich suche bei Arbeiten, die sich wiederholen, immer auch nach Wegen, die Arbeit mit möglichst wenig Kraft- und Energieaufwand und wenig Anstrengung erledigen zu können.)

Schließlich sprechen wir über Planung. Ich erzähle, wo meine Schwierigkeiten liegen, mich an exakte Zeitpläne zu halten. Hirnbedingt handle ich, wie gesagt, situativ und spontan, was dem Plänemachen grundsätzlich zuwider läuft. Also reden wir über hilfreiche Techniken.

Eine Wochenplanung sei das Sinnvollste, sagt meine Therapeutin aus langjähriger Erfahrung. Dabei wichtig: Keine Puffer einplanen. Pausen ja, Puffer nein, denn bei Puffern fallen ADHS-Menschen aus der besten Planung raus. Ebenso seien stundengenaue, zeitlich definierte Planungen nicht zielführend, denn sie bewirken das Gegenteil von dem, was wir anstreben, sie machen Stress statt Gelassenheit. Es gehe beim Planen immer darum, mehr Ruhe reinzubringen und das gute Gefühle zu erleben, dass wir das erreichen können, das wir wollen.

Ich solle mir alle Aufgaben und Will-ich-tun-Dinge der nächsten Woche aufschreiben und auf die Wochentage realistisch verteilen. Und daraufhin wirklich versuchen, sie einzuhalten. Es geht, das mache ich mir immer wieder bewusst, nicht primär um den Leistungsgedanken, sondern entspannter zu tun, was getan werden soll und will.

Idealerweise geht der Plan, ohne Störungen von außen, auf. Ist das der Fall, habe ich gut geplant. Störungen durch Unvorhergesehenes kommen aber natürlich immer vor. Werden wir gestört, können wir entscheiden, wie wir mit dem Störfall umgehen. Ein längerer Anruf oder zum Beispiel ein technisches Problem, das sofort gelöst werden muss, können wichtiger sei als die ungewaschene Wäsche, die auf dem Wochenplan steht etc.. Solche Entscheidungen müssen wir situativ treffen.

Als ersten Schritt soll ich mir von Woche zu Woche einen Plan machen und schauen, wie es mir damit geht.

»Ich könnte einen physischen Wochenplan machen«, sage ich, »und mit Post-it die Aufgaben draufpappen, so dass ich sie verschieben kann.«

»Genau das!«, sagt meine Ärztin, »so habe ich es gemeint.« Es sollen alle Sachen drauf. Einkaufen. Duschen. Solche Dinge. Am Abend solle ich gucken, ob es geklappt hat.

Das ist jetzt der Adlerblick, über welchen wir in der letzten (der ersten) Coaching-Sitzung gesprochen haben. In einem späteren Schritt werden wir uns anschauen, wie es mit den einzelnen Aufgaben aussieht. Dabei werden wir wieder mehr ins Detail gehen.

Ich erwähne, dass ich mir für unser Coaching auch das Ding mit der »neuen Vergesslichkeit« anschauen möchte. Sie hört zu und meint, dass das Problem vermutlich aufgetaucht sei, weil ich eben nicht mehr immer alles gleich wie früher erledige, wenn es sich mir in den Weg stellt, sondern im Kopf auf später vertage. (Was ja an sich ein Fortschritt ist, da ich besser filtern kann und nicht mehr alles prioritär erkläre). Nun besteht jedoch die Gefahr, dass ich Dinge vergesse, weil ich mich ja nun auf das konzentriere, was ich jetzt mache. Damit verschwindet das andere Zu-Tun aus meinem Fokus. Für Nicht-ADHS-Menschen ist es vermutlich normal, die Dinge nicht sofort zu tun und sie sich für später zu merken, für mich ist das neu. Ich muss also jetzt eine Strategie entwickeln, wie ich mir Dinge, die ich nicht jetzt machen will und kann, merken kann. »Das üben wir später!«, verspricht mir mein kluges Gegenüber.

Eine Strategie, die ich mir selbst ausgedacht habe, geht so, dass ich mir das zu erledigende Ding ein paar Mal aufsage und mir gleichsam inwendig eine Art Post-it aufklebe und dazu den kleinen Zauberspruch denke: »Wenn es wichtig ist, wird es mir später wieder einfallen«. Das funktioniert tatsächlich manchmal. Vielleicht sogar immer öfter.

Auch der Wochenplan hilft tatsächlich, dachte ich gestern Abend, als ich die zwei vollbrachten Tage betrachtete. Ich hatte zwar noch zu viele Will-und-sollte-ich-tun-Dinge auf dem Plan, doch die Tatsache, dass die Dinge da stehen und ihren Platz haben, ließ mich gestern und vorgestern tatsächlich konzentrierter und entspannter arbeiten. Ich switchte weniger hin und her und es gelang mir, das, was ich wirklich machen wollte, auch wirklich zu tun.

Leute, die von Natur aus genug Dopamin im Hirn haben, können sich vermutlich gar nicht vorstellen, wie schwierig es für uns ADHSys ist, nur schon direkt von A nach B zu gehen. Denn zwischen A und B gibt es ja sooo viele spannende Dinge, die gesehen und ausprobiert werden wollen.