Wortgeburten

Am Anfang war der Buchstabe, das Satzzeichen, das Wort, der Satz. Der Satz gebiert Geschichten. Die Geschichten werden eigenständig, sind Teil einer noch grösseren Geschichte. Alles hängt zusammen und führt ins Nächste, ins Grössere.

Gestern, während des Blogkurses, den Irgendlink und ich gegeben haben, notiert („automatisch geschrieben“).

Die Sache mit der Wahrheit

Seit Tagen denke ich über diese Sache mit der Wahrheitssuche nach. Angestoßen von Sherrys Artikel über den weinenden Nietzsche, gehe ich der Frage nach, was uns wirklich antreibt – wohlwissend, dass ich diese Frage nicht werde beantworten können. Nicht abschließend jedenfalls. Wahrheitssuche haftet die Aura von Heldenhaftigkeit an – man denke nur an Artus und die Gralsgeschichten und an all die Philosophen und Denkerinnen, die bei ihrer Suche gefährliche Abenteuer erlebten und dabei oft mit dem eigenen Leben bezahlten. Ein bisschen verwandt und doch anders sind da die für ihren Glauben oder eine Überzeugung oder Ideologie einstehenden Menschen, die sich ähnlich auch nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Während die ersten noch auf der Suche nach Antworten sind, sind die zweiten bereits Gefunden-Habende – und somit für mich höchst suspekt. Obwohl, wenn ich es mir so überlege … ist nicht finden das Ziel von suchen? Andererseits ist die Wahrheitssuche letztlich eine Art unendliche Geschichte, denn in Wirklichkeit ist die Wahrheit ja wie eine Kugel. Unfassbar. Endlos.

Ein bisschen zynisch gefragt: Suche ich um des Suchens willen? Ganz unzynische Erkenntnis: Wenn ich sie gefunden habe, die Wahrheit, erkenne ich schnell, dass sie nur eine Teilwahrheit ist und suche weiter nach anderen Teilwahrheiten und werde dennoch jedes Mal ein klein bisschen weiser, weil ich immerhin weiß, dass es DIE Wahrheit so gar nicht gibt. Und ich weiß, dass ich im Grunde nichts weiß.

Als ganz junge Frau, ständig in irgendwelchen Umbrüchen und depressiven Phasen, glaubte ich noch, wenn ich die Wahrheit nur erst gefunden haben würde, wäre alles gut. Doch mit jeder neuen Erkenntnis, obwohl sie mich immerhin ein wenig vorwärts gebracht hatte, wurde ich ein wenig desillusionierter. Heute ist mir, als wolle sie gar nicht gefunden werden (jedenfalls was mich betrifft). Als verberge sie sich in allem. Als sei sie in der Stille. Als sei sie nirgends. Als sei sie Ich selbst. Und du. Du auch. In Wahrheit ist die Wahrheit nicht mehr und nicht weniger als das große Alles und das große Nichts. Schrieb ich vor langem mal in ein Notizbuch. Aber da dieser Satz zugleich so wahr und so vage ist, nützt er niemandem etwas. Außer, dass es entspannend ist, die Wahrheit sozusagen entblößt zu haben. Aufzuhören, nach ihr suchen zu müssen und dennoch auf eine unfassbare Art Teil von ihr zu sein.

Dass ich damit am Ende meiner Suche bin, ist leider und zum Glück nicht so. Anstelle der Wahrheit suche ich heute Antworten. Vorläufige. Auf große Fragen. Und nein, bei diesen Antworten muss es sich nicht um die große Wahrheit handeln, ich gebe mich auch mit kleinen Antworten zufrieden. Viele kleine Antworten können manchmal mehr bewirken als eine einzige große (den Wechselkurs kenne ich allerdings nicht). Mit den kleinen Antworten meine ich die alltägliche Essenz aus alltäglichen Gesprächen mit alltäglichen Menschen. Da ein Pfefferkorn, dort ein Stück Brot. Dort ein Stück Schokolade. Nahrung für meinen Mind, der kaum je zur Ruhe kommt. Auch wenn er nicht mehr an die große Wahrheit glaubt, will er dennoch etwas zu kauen haben.

Auch das habe ich inzwischen begriffen: die Sinnfrage beantwortet jeder und jede anders. Sich und der Welt. Weil jeder und jede sie auch anders stellt. Weil die Motivation, sie überhaupt zu stellen, von Mensch zu Mensch total unterschiedlich ist. Für den einen ist es eminent wichtig, dass das, was er tut, nützlich ist, während für die andere, das was sie tut, möglichst viel Geld einspielen muss. Du fragst mich, ob das denn eine richtige, eine existentielle Sinnfrage ist oder zu banal? Wer bin ich, sag ich dir, zu beurteilen, welche Sinnfragen gehen und welche nicht? Was weiß ich schon wirklich über die Menschen?

Kommen wir – weil es grad so passt – zur Eitelkeit, zum Ego, zur Sehnsucht nach Anerkennung. Nenn es Perfektionismus. Wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst bin, entspringen mein Wunsch und meine Sehnsucht nach Sinn und nach Antworten, die meinen Wahrheitshunger stillen, dem Bedürfnis richtig zu leben und damit meinem Anspruch an mich zu genügen. Will heißen: Perfekte Entscheidungen zu treffen, richtig zu handeln, adäquat zu leben in einem Netz von Ansprüchen, die ich selbst und meine Umwelt an mich stellen. Richtig lebt hieße  auch scham- und angstfrei, innerlich heil und ausgeglichen, in Balance und im Frieden mit mir selbst, frei von all meinen Mimosenhaftigkeiten und meiner geringen Stressresistenz, kurz und gut: nützlich, brauchbar, vielseitig einsetzbar, die eierlegende Wollmilchsau persönlich zu sein. Und natürlich alles locker und easy zu können. Ach, diese vielen Herzen in meiner Brust!

Gut zu wissen, dass ich mit solcherlei Allmachtsphantasien (die ich hier zugegeben doch ein klein wenig überzeichnet habe) nicht allein bin. Das lese ich in einem spannenden Sachbuch namens Verletzlichkeit macht stark, das demnächst erscheinen wird und das ich für meine Zeitschrift besprechen werde. Dass Scham und Angst jene zwei Energien sind, die einem Leben aus vollem Herzen zuwiderlaufen, sagt die Autorin Brené Brown immer wieder. Und dass wir nur dann wirklich aus vollem Herzen leben können, wenn wir authentisch und verletzlich sind. Wobei das Wort Verletzlichkeit mit unglaublich vielen Vorurteilen und falschen Synonymen zugekleistert sei. Schwächlich zum Beispiel. Dabei geht es um das Gegenteil. Wahres Menschsein heißt verletzlich zu sein und sich dafür weder zu schämen noch davor zu fürchten. Sich dafür selbst genug sein. Aber natürlich, ich weiß es und ihr wisst es ebenso, ist auch das nur eine weitere Antwort, eine weitere Teilwahrheit. Aber nicht die schlechteste!

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=MFikEsmc9yc]

Teil 2 des Vortrages auf youtube: hier klicken
Teil 3 des Vortrages auf youtube: hier klicken

Erschienen ist das Buch bereits auf englisch unter dem Titel Daring greatly (Link auf Brené Browns Website)

wie vorgesehen

Manchmal habe ich einfach genug von der einen oder anderen Grundeinstellung meines Lebens. Manchmal möchte ich einfach, wie bei meinem Rechner, das eine oder andere Programm löschen oder zumindest mit einer störungsfrei laufenden Neuversion updaten. Zum Beispiel möchte ich endlich damit aufhören, zu glauben, dass ich um keinen Fall glücklich sein darf, solange noch irgendwo auf dieser Welt ein Mensch oder ein Tier leidet. Nicht, dass ich aufhören will, mich für das Leid auf der Welt mitverantwortlich zu wissen, auch will ich nicht einfach abstumpfen und wegschauen. Doch trotz des vorhandenen Elends auf dieser Welt, trotz der Tatsache, dass auf dieser Welt vieles im Argen liegt, trotz all der Tränen, die täglich geweint werden, möchte ich mir endlich erlauben, mein Leben in seiner Fülle zu leben.

Abgeschaut habe ich mir diese Möglichkeit bei einer alten Linde, die sich auf einem Hügel schon viele Jahrzehnte in all ihrer Pracht entfaltet. Auch bei den Bäumen im Wald habe ich es mir abgeschaut. Die Bäume hier wachsen, als gäbe es andernorts keine Kriege. Sie breiten sich aus, sie transformieren unsere Schadstoffe in Sauerstoff, sie tun, wozu sie da sind, weil sie das Programm in ihrem Samen von Anfang an dazu ermächtigt hat. Darum stehen sie da und sind, was sie sind.

Zugegeben, viele Bäume auf dieser Welt können nicht ihrer Bestimmung gemäß leben und viele andere Pflanzen auch nicht. Viele Tiere nicht, viele Menschen nicht. Dennoch, so begreife ich allmählich, dennoch ist das Leben in Fülle in unseren Samen, in unserm Lebensprogramm vorgesehen. Die Möglichkeit dazu. Und auch die Möglichkeiten für Mitgefühl und Hass.

Grundeinstellungen ändern sich nicht von heute auf morgen. Wir sind keine Maschinen. Zum Glück. Und ich bin froh, dass ich die Möglichkeit und den Glauben an Veränderungen nicht verloren habe.

Schritt für Schritt

10 – 9 – 8 – 7 – 6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1 – badouuuuf … So fing unser cooles Hörspiel an, das ich mit drei Klassenkameradinnen als Schulaufgabe in der zweiten oder dritten Bez. ausgetüftelt hatte. Den Countdown haben wir bei irgendeiner Sciencefiction-Sendung im Fernsehen mit einem Kassettenrecorder aufgenommen, den Rest des selbst erfundenen Hörspieltextes ebenso. Den habe ich jedoch längst vergessen. Nur die Erinnerung an ein paar witzige Stunden ist geblieben. Neue Projekte machen meistens Spaß. Und viel Arbeit auch, Arbeit jedoch, die Freude bereitet.

Ein bisschen wie vor und nach dem Countdown ist es mir auch jetzt zumute. Seit heute kann man nämlich das erste Text-eBook von Irgendlink – Schon wieder ein Jakobsweg – käuflich erwerben. Und zwar, wenn man hier draufklickt.

Einen Monat lang pilgerte der Liebste nämlich vor zweieinhalb Jahren von den Pyrenäen nach Santiago, um nicht nur das Leben als Pilgrim am eigenen Leib zu erfahren, sondern auch seine langjährig gebrütete Vision vom Livebloggen weiterzuentwickeln. Das Buch ist die Zusammenfassung der damals geschriebenen Artikel – ohne die redaktionellen Beiträge meinerseits und auch ohne die Kommentare all der tollen Mitreisenden zuhause am PC. Ergänzt dafür mit ein paar unveröffentlichten Artikeln, die in den Tiefen des iPhones geruht haben. So ist ein zusammenhängender Bericht, ein Buch mitten aus dem Pilgeralltag heraus, entstanden, der mich beim erneuten Lesen wieder voll gepackt hat. Das Buch ist rechtzeitig als Auftakt zur nächsten Reise, die morgen losgeht, erschienen. Über das neue Projekt Bilder für die Ewigkeit gibt es genau hier mehr Infos: Draufklick.

Apropos Countdown, ist nicht jeder Tag einer für den nächsten, der Morgen für den Abend, der Winter für den Sommer? Und war nicht meine heutige Zugfahrt ein Countdown für den Arbeitstag im Büro? Die letzte Viertelstunde meiner Reise teile ich mein Viererabteil mit einem bierdosenbestückten Mann, der zu einer Gruppe anderer hinter mir sitzender BierdosenhalterInnen gehört. Zum Glück lässt er mich in Ruhe. (Was er wohl über diese komische Frau denkt – falls er denn etwas über sie denkt – die da auf ihrem Telefon einen Thriller liest?) Ich gebe zu, dass mich die kollektive Alkohlfahne der Gruppenmitglieder abstößt. Ich ringe mit mir, ob ich einfach aufstehen und mich woanders hinsetzen soll, doch da mir niemand etwas zuleide tut, einzig meine Nase überfordert ist, lasse ich es bleiben und verhalte mich unauffällig und politisch korrekt.

Eine der beiden zur Gruppe gehörenden Frauen, die im Abteil unmittelbar hinter mir sitzt, hat ein kleines Hundchen dabei, das artig auf einer Zeitung liegt. Auf einmal fängt sie mit der andern Frau im Nachbarbteil einen lautstarken Streit an. In schönstem Berndeutsch. In keinem Dialekt gibt es so herrlich derbe Schimpfwörter! Du bisch e Logimoore (du bist ein Lügenschwein). Immer schon. Das wusste ich schon die ganze Zeit. Mir kannst du nichts vormachen. Ich würde dir am liebsten die Fresse polieren. Und so weiter, und so fort …

Als die andere mit schwachen Rechtfertigungen antwortet, holt die Hundehalterin nur umso kräftiger aus und wiederholt ihre Wahrnehmungen in immer neuen Schimpftiraden. Es fehlt nur noch, dass sie aufsteht, den Gang zwischen ihr und der Kontrahentin überschreitet und ihre Drohungen wahr macht. Ich überlege Notfallszenarien. Wie würde ich reagieren, wenn sie sich anfangen sollten zu prügeln und wieso sagt keiner der Männer, die mit im Abteil sitzen, etwas?

Es ist mucksmäuschenstill. Außer mir sitzen ja auch nur noch etwa vier oder fünf Unbeteiligte mit im Wagen. Allmählich schwillt die laute Stimme der Hundehalterin ab und wird wieder normal. Da und dort setzen wieder Gespräche ein und alle verhalten sich so, als wäre nichts gewesen. War da überhaupt etwas oder war das eben nur ein täglich sich wiederholendes Ritual, eine Art Reinigungsritual gar?

Heute ist nicht viel los im Büro. In der Pause tauschen wir über Menschen und ihre Schicksale aus und ich lese in der Zeitung von einer Bluttat mitten in Bern, genau in der Straße, in der ein früherer Partner gewohnt hat. Und zwar an der Bushaltestelle, wo ich jeweils den Bus verlassen habe. Und das ganz in echt. Verrückte Welt! Auf einmal fällt mir jene Stelle aus dem Buch Die Welt auf dem Kopf ein, wo die Autorin Milena Agus den Protagonisten Jackson junior sinngemäß sagen lässt, dass die Welt nicht wirklich schlecht sein kann. Wäre sie es nämlich, würden in den Zeitungen nicht die schlimmen, sondern die guten Dinge stehen, erklärt er. In den Zeitungen stehen nämlich immer die nichtalltäglichen Sachen. Hat was.

Ich kann am Nachmittag ein paar Fleißarbeiten für die Statistik erledigen und tauche dazu tief in einige Fallgeschichten ein. Geschichten von Menschen, die durchs Netz gefallen sind und sich ihr Leben irgendwann ganz anders vorgestellt haben. Im Zug nach Hause sitzt im Abteil vis-à-vis eine junge Großmutter mit ihrem vielleicht anderthalb Jahre alten Enkel, der ihr die Welt erklärt und mit ihr Zeitung liest. Wissensdurstig wiederholt er alles, was im die Frau sagt und hängt überall Fragezeichen an seine Sätze. Er will es wissen! Er hat das Leben noch vor sich. Hat noch keine Ahnung von vielem, der Glückliche, weder von Bierdosen noch von Netzen, durch die man fallen kann. Weder von Herzschmerz noch von Not. Möge auch in der Welt, in die er hineinwächst, die bösen Dinge in der Zeitung stehen, weil sie nichtalltäglich sind.

10 – 9 – 8 – 7 – 6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1 – badouuuuf …

___________________________

EDIT: Wer weder eReader noch Smartphone noch Tablet hat, kann auch auf dem Browser eBooks lesen. Unter den browserbasierten Epub-Readern für Firefox empfehle ich den EPUBReader und Lucifox. Die kostenlosen Addons lassen sich einfach installieren und die epubs mit ein paar Klicks auf dem Bildschirm öffnen. Viel Spass!

Tickende Uhren

Die Stoppuhr läuft. Ich habe sie gestartet, nachdem ich mein smartes Telefon, auf der sie wohnt, geweckt habe, denn heute bin ich selbst noch ohne Wecker erwacht. Nun läuft sie und zählt die Sekunden und Minuten, die ich brauche um wach zu werden (ähm …), um Tee zu kochen und derweilen die Rollläden hochzukurbeln (drei Minuten), um kurz meine Blogs zu checken (zehn Minuten), um Yoga zu üben (dreizehn Minuten) und um mich zu duschen (sieben Minuten mit anziehen). Die restlichen siebzehn Minuten der Stunde, die vergeht, bis ich bereit bin, das Haus zu verlassen, versickern irgendwo im Niemandsland. Ungezähmte Zeit, die mir genauso wichtig ist wie die morgendliche Dusche. Nichts ist mir morgens so kostbar wie wilde Zeit. Sinnlose und absichtslose Zeit zum Sein.

Eine Stunde bevor ich das Haus verlasse werde, wird morgen früh also mein Wecker klingeln. Er wird mich zu einer Zeit wecken, zu der ich seit über zwei Jahren noch mindestens zwei Stunden weitergeschlafen habe. Eine Frühaufsteherin war ich nur als Kind. Seit über dreißig Jahren kämpfe ich mit Weckern und frühen Morgenstunden, kämpfe gegen die Windmühlen der Normalität, der Nullachtfünfzehn-Gesellschaft. Obwohl ich ganz viele Menschen kenne, die ebenfalls jeden Morgen nur schlecht aus den Federn kommen, bleibt in dieser Gesellschaft alles beim Alten. Obwohl es sogar Studien gibt, die belegen, dass der durchschnittliche menschliche Körper – ab Pubertätsalter – in den frühen Morgenstunden aus biologischen Gründen nicht wirklich hochtourig laufen kann. Dass er Zeit braucht, bis er warm gelaufen ist. Dass erst so ab halb neun mit effektiven Leistungen zu rechnen ist. Gut zu wissen, aber …

Unsere Gesellschaft ist leistungsorientiert und will immer mehr. Mehr herstellen, erreichen, konsumieren, haben. Der Mensch expandiert, was möglich ist (das Unmögliche bestimmt auch schon bald) und würde am liebsten den Tag verlängern. Nein, ich mag das nicht werten. Wir verdanken unsern Lebensstandard dieser Arbeitsmoral. Und wir verdanken ihn anderen beinahe mittellosen Gesellschaften, die anders funktionieren als wir und deshalb für sehr wenig Geld sehr viel für uns arbeiten müssen. Ganze Gesellschaften, die abhängig von uns sind … Eine neue Art Sklavenhandel.

Ich habe mir in meinem Leben immer Arbeitsstellen gewünscht (und sie auch gehabt), wo meine Arbeit darauf hinzielte, die Welt im kleinen ein wenig lebenswerter zu machen. Meine neue Arbeitsstelle, die ich morgen antreten werde, hat dieses Ziel ebenfalls. Unsere Zielgruppe sind Menschen, die – wie ich bis vor kurzem – langzeit-arbeitslos sind. Mit vom Kanton geförderten Angeboten, bei denen es um den Menschen mit seiner ganzen Persönlichkeit geht, soll ein Weg zurück in die Normalität gefunden werden – was immer sie ist. Dieses Projekt kenne ich durch meine frühere Arbeitsstelle bei diesem Hilfswerk, von damals, als ich in Bern gelebt habe. Immer geht es diesem Hilfswerk um die Integration von Menschen, die irgendwo durch das Netz gefallen sind. Gut und schön. Doch noch schöner wäre es, wenn es die Arbeit von Hilfswerken gar nicht brauchen würde.

Ohne Kriege, keine politischen Flüchtlinge. Ohne Schuldenfallen und ohne Korruption, keine Ausbeutung, keine Armut, keine Armutsflüchtlinge. Ohne … kein … (Nein, ich kann die Welt nicht retten …) Wir alle könn(t)en miteinander viel verändern, viel bewirken. Einzig gegen Tsunamis, Vulkane, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen sind wir machtlos.

Der Gedanke, dass ich eine sinnvolle Arbeit verrichten werde, wird mir morgen früh beim Aufstehen helfen. Hoffe ich. Sinnstiftende Arbeit motiviert.

Kreuz und quer im Kopf

Mit jedem Wort, das meinen Mund verlässt, laufe ich Gefahr, falsch verstanden zu werden. Sogar mit jedem nicht ausgesprochenen Wort. Kommt noch eine Fremdsprache ins Spiel, erst recht. Schon seit einer Woche bewegen wir uns auf dem einsamen Gehöft in der Südpfalz mitten im schottisch-englischen Sprachraum, denn Ray, unser Gast, versteht – außer Dankeschön und Bitteschön – kein Deutsch.

Mein Kopf ist zurzeit ein einziger Eintopf aus Schweizer- und hochdeutschen Gedanken und meinen englischen Übersetzungsversuchen. Komplexe und banale Gedanken ganz nah beieinander. Das Hirn arbeitet ständig auf irgendwelchen Hochtouren, funktioniert wie ein Katalysator, hält mich hellwach. Ich schlafe mit englischen Wortgeweben ein, spreche im Halbschlaf mit dem Liebsten englisch und suche zuweilen das deutsche Wort für einen Begriff, der auf Englisch ohne groß nachzudenken da ist. Nicht, dass ich besonders gut englisch könnte, nein, eher ist es so, dass die Sprache – erst einmal aus irgendwelchen kümmerlichen Kammern meines Gedächtnisses ausgepackt und nun wild geworden, da endlich befreit – übermütig ihr Comeback feiert (wie heißt das gleich auf Deutsch?) und sich nicht so schnell wieder bändigen lassen will. So ungefähr.

Zugegeben ganz schön anstrengend, zumal ich ja – wie ich dieser Tage oft denke – ein ziemlich fauler Mensch bin. Oder wohl besser eine ambitionslose Minimalistin, die nur tut, was sich ihr zu tun aufdrängt und was notwendig ist (allerdings fällt ihr auch das Nichtstun sehr schwer und andere sagen, dass meine Sicht hier gar nicht stimmt). Nun wird es kompliziert. Dass ich nur tue, was notwendig sei, schrieb ich eben, doch wer sagt (wem), was notwendig ist?

Wie Ray, Irgendlink und ich gestern Nachmittag nach einem Ausflug auf der Terrasse sitzen und Tee und Kuchen genießen, fangen wir an über meine These zu diskutieren, die da lautet:
Würde jeder und jede hinter sich aufräumen und putzen, bevor sie oder er den Platz oder Raum verlässt und weitergeht, wäre die Welt eine bessere.

Dass ich aufräumen und putzen als Metapher meine, muss ich den beiden Männern erst mal erklären, stelle dabei aber fest, dass das Ganze für mich ebenso als Nicht-Gleichnis, also wortwörtlich, einigermaßen passt. Damit wir uns richtig verstehen: Ich glaube nicht, dass die Welt durch mehr Putzen besser wird, eher so: wenn wir achtsam mit ihr, unsern Mitmenschen und uns selbst umgehen, hin und wieder auf das zurückschauen, was wir angerichtet haben, bewusster und rücksichtsvoller unsere Umgebung in unser Lebenskonzept einbeziehen, wäre die Welt anders, ich behaupte besser, lebenswerter. Dabei geht es für mich in erster Linie um Respekt und Wertschätzung. Es braucht nicht viel – eigentlich nur achtsame Aufmerksamkeit – um meiner Umgebung zu zeigen, dass ich sie ernst nehme, dass sie mir wertvoll ist. (Frage an mich: Zeugt der Status Quo unserer Gesellschaft davon, dass vielen Menschen ihrer Umwelt gegenüber diese Wertschätzung fehlt? Wenn ja, warum?)

Zum Beispiel: Ich räume mein oder auch unser aller Geschirr weg, nachdem ich etwas gegessen habe und trage es zur Spüle. Jemand von uns wird das Geschirr später spülen und noch später trocken zurück in den Schrank stellen. Was wäre, wenn wir das nicht tun würden, im Kleinen so wenig wie im Großen …?

Ist es also – um zu meiner Frage nach der Definition von Notwendigkeit und zu meiner tollen These zurückzukommen – notwendig für eine bessere Welt, dass wir hinter uns aufräumen? Besonders dann, wenn unsere Talente ganz woanders liegen? Es gibt doch so viel wichtigeres als diese verdammte Sache mit der Ordnung und Sauberkeit (und ja, ich tue auch viele andere Dinge lieber als Geschirrspülen …)

Ich schweife ab. Wir sitzen also am Tisch, wie oft in diesen Tagen, und diskutieren über Gott, die Welt, die Männer und die Frauen. Stimmt es wirklich, dass sich Frauen schneller an Unordnung und Dreck stören, wie Ray behauptet. Ich weiß es nicht, bringe den persönlichen Ekelpegel ins Spiel, wie Irgendlink und ich jenen Punkt nennen, ab welchem einem Dreck und Chaos geradezu körperlich weh tun. Gar nicht so leicht, dieses Wort zu übersetzen, zumal Leo für Ekel eine ganze Palette an Vorschlägen hat, die Ray alle als zu stark ablehnt. Auf das Thema sind wir gekommen, weil Irgendlink montags und dienstags bei einem unglaublich chaotischen Umzug mitgeholfen hat und dabei Schmutz und Durcheinander in kaum zu übertreffendem Ausmaß ertragen musste. (Müßig zu sagen, dass der Umziehende männlich war? Klischees wollen doch einfach ab und zu gestreichelt werden.)

Rücksicht. Noch so ein Wort, das Menschen, die zusammensitzen, -wohnen, -leben betrifft, egal ob sie das lang- oder kurzfristig tun.
Wie würde ich, wenn ich du wäre?, frage ich mich oft. Nein. Ich frage nicht wirklich, ich denke die Frage noch nicht einmal, ich fühle sie, habe sie ganz und gar verinnerlicht. Und von da aus, irgendwo aus meiner Mitte, interpretiere ich meine Mitmenschen. Ständig.
Wie kann ich mich verhalten, dass du dich wohlfühlt? Auch das denke ich nicht wirklich und doch verhalte ich mich so. Dass das nicht alle so handhaben, weiß ich schon lange. Erschrecken tut es mich dennoch immer wieder, wie geradezu unsensibel manche Menschen mit ihren Freunden und Mitmenschen umgehen. Gestern Abend, in Kollege T.s köstlicher Tapas-Bar, wohin uns Ray zu seinem Urlaubsabschluss eingeladen hat, kam das Gespräch wieder auf diesen unsäglichsten aller Umzüge, denn auch Kollege T. hat bei diesem mitgeholfen und – ebenso wie Irgendlink – viel Zeit, Mühe und Energie hineingesteckt. Als Lohn ein Dankeschön hätte den beiden schon gereicht. Fürs Erste. Ob das zu viel verlangt ist?

Gewohnheiten. Vieles tun wir, weil wir es so gelernt haben – oft so unbewusst und unreflektiert, dass wir noch nicht mal sagen könnten, warum wir es tun. Vieles jedoch tun wir aus Überzeugung.

Hinter sich aufzuräumen zum Beispiel, wenn ich hier von mir ausgehen darf. Zwar habe ich es als Kind beigebracht bekommen, dennoch tue ich es aus Überzeugung und weil es mir ein Bedürfnis ist. Weil ich Ordnung mag. Ich tue es aber ebenso aus Rücksichtnahme und Respekt meinen Mitmenschen gegenüber. Kann ich es dennoch von andern erwarten?
Wahrnehmen, was andere benötigen – auch das habe ich unterwegs gelernt, aber darf ich das bei andern voraussetzen?
Die Grenzen anderer zu respektieren, lernte ich dadurch, dass andere die meinen immer wieder eintraten. Grenzen anderer zu respektieren – zumindest das will ich von anderen erwarten. Obwohl ich weiß, dass es gefährlich ist, Erwartungen an meine Umwelt zu haben, denn machen Erwartungen mich letztlich nicht unfrei?

Nicht nur mit jedem Wort, das meinen Mund verlässt, laufe ich Gefahr, falsch verstanden zu werden und nicht nur mit jedem nicht ausgesprochenen Wort. Auch geschriebene Worte sind gefährlich, ungeschrieben ebenso. Auch Bloggen, meiner Meinung nach eine der demokratischten Formen der freien Meinungsäusserung, ist gefährlich. Was soll’s: Leben ist gefährlich.

Thank you very much. You’re welcome.

Figuren kreieren

Sie sitzen im Kreis. Mit offenen Mündern, die Augen weit aufgerissen, hören sie zu. Bei den einen glitzert es sogar ein wenig in den Augenwinkeln und als die Heldin die wackelige Brücke überquert hat, geht ein Aufatmen durch den Raum und die angespannten Glieder bewegen sich wieder. Die Kindergärtnerin klappt das Buch zu und auf einmal wird aus dem mäuschenstillen Menschenknäuel wieder ein wilder Haufen Piraten und Zauberinnen.

Die Heldin ist gerettet. Der Protagonist hat sein Ziel erreicht. Wir brauchen sie, diese Figuren aus den Geschichten, die wir lesen oder uns im Fernsehen oder Kino ansehen. Sie vertreten uns und helfen uns, zu leben. Gemäß eines Creative Writing Workshops in den USA – nein, ich habe keinen besucht und werde es höchstwahrscheinlich auch nie tun – soll unsere Heldenfigur innerhalb der ersten vier Seiten eines Romans eine sympathische Tat vollbringen. Weil sonst unsere Lesenden, so geht das Gerücht, das Buch zuklappen. (Hat mir ein Bekannter erzählt, der einen solchen Workshop besucht hat. Oder jemanden kennt, der einen besucht hat. Oder so.)

Na ja, solche Vorgaben finde ich stereotyp und nicht besonders kreativ, aber die Idee hat was. Die Figur, die ich für die nächsten hundert, ein-, zwei-, dreihundert Seiten begleiten werde, muss es wert sein. Sie muss mir also so weit sympathisch sein, dass ich mitgehen will. Selbst wenn diese Figur ein Schelm und ein Kunstdieb ist. Ich denke dabei an Martin Suters Figur Allmen oder Jo Nesbøs Headhunter.

Wir Schreibenden manipulieren. Immer. Bewusst oder unbewusst. Sobald wir an einem Text arbeiten, den wir nicht nur ausschließlich für uns selbst schreiben, angefangen beim Brief hin zum Artikel fürs Blog bis zur Romangeschichte, überlegen wir uns genauer, wie wir was sagen. Ich lese Sätze, die ich ins Tagebuch schreibe, selten durch, doch bereits Briefe und Mails lese ich (meistens) mindestens einmal durch. Ich formuliere manchmal kopfgesteuert oder ich lasse meine Gedanken einfach intuitiv aufs Papier oder in die Tasten fließen. Eins ist dabei klar, auch wenn ich nicht jedes Mal darüber nachdenke: ich will eine Aussage machen und mit dieser eine ganz bestimmte Wirkung erzielen. Ich will verstanden werden und darum unterstreiche ich meine Absicht mit möglichst passenden Worten. Wie es eine Kundenmalerin tut, wenn sie einen Raum neu streicht. Sie wählt jene Farbe aus, die den gewünschten Effekt erzielen soll. Oder der Koch: er hat die Zutaten und dazu eine Idee, wie das Ergebnis auf dem Teller aussehen und im Gaumen schmecken soll. Alle sind wir in irgendwas gut und darin wissen wir, wie wir die richtige, die von uns gewünschte Wirkung erzielen können.

Worte sind meine Gewürze, meine Farben, meine Klänge. Die Tastatur ist mein Instrument, mein Medium, mein Kochlöffel.

Zurzeit arbeite ich mehr oder weniger intensiv an der Fertigstellung eines Romanes, an dem ich schon seit Jahren brüte. Ich balanciere dieser Tage ständig zwischen innen und außen. Ich will die Geschichte um ihrer selbst willen erzählen (einzig das Wie ist noch nicht in jedem Detail klar). Ich will dieses Geschichte erzählen, weil ich sie erst dann wirklich loslassen kann. Und auch, weil ich sie erzählenswert finde. Ich erzähle sie, weil sie sich mir aufdrängt. Es gäbe nettere Geschichten zu erzählen, gewiss. Meine ist nicht nett. Es ist keine Mainstreamgeschichte, keine laute, schrille, die das Zeug zum Bestseller hat – nicht jedenfalls um ihres Inhalts willen. Meine Geschichte ist mein Stein, der sich mir zum Behauen in den Weg gestellt hat. Weil ich die Kenntnisse und das Werkzeug habe und weil ich die Form im Stein sehe, die ich freilegen soll, habe ich mich zur Dienerin des Steins gemacht.

Die Werkzeuge der Steinhauerin dienen der Manipulation des Steins. Hier zuckt niemand beim Wort Manipulation. Auch bei Bildbearbeitung mit Photoshop und Co. stolpert niemand allzu sehr über dieses Wort. Aber beim Schreiben, oh weh, da bekommt das Wort schnell einen negativen Beigeschmack und wir denken an Werbung, an Propaganda und an Diktaturen.

Sobald ich mit einem Text den Innenraum meiner Gedanken und den Innenraum meiner Festplatte verlassen und ihn einer Leserin oder einem Leser zeigen will, ist es nicht mehr egal, wie ich schreibe. Mir nicht, meiner Leserschaft nicht. Der Balanceakt beginnt. Ich schreibe so, dass ich möglichst so verstanden werden kann, wie ich verstanden werden will. Und doch bleibe ich mir treu. Mir und meinem Schreibstil. Meiner Denkart. Meinen Bildern.

Und genau hier wird es schwierig: Ich-du-er-sie-es-wir alle können nicht anders als von uns und unserer Bilderwelt auf jene der andern zu schließen. Weil wir nur diesen einen Einblick in ein menschliches Denk- und Wahrnehmungskonzept haben – dazu noch sehr lückenhaft. Was ich hartnäckig türkis nenne, nennt Freundin L. genau so hartnäckig grün, nur so als Beispiel.

Ist meine Figur A. für alle, die meinen Roman lesen, sympathisch? Und falls ja, verspielt sie sich diese Sympathie womöglich schon auf den ersten zehn Seiten, weil sie etwas auf eine bestimmte Weise macht, denkt, sagt, schreibt, die meine Lesenden doof finden? Sie für alle und um jeden Preis sympathisch machen zu wollen, kann also nicht funktionieren. Muss auch nicht.

Momentan lese ich ein eBook. Der Protagonist dieses Romans ist ein snobistischer Kotzbrocken. (Ich bin allerdings erst im ersten Viertel und lese das Buch weiter, weil ich die Hoffnung nicht aufgebe, dass er mir vielleicht doch noch sympathisch wird). War es Absicht des Autors, seinen Protagonisten so unsympathisch zu erschaffen? Weil dem Autor die Leserinnenschaft völlig egal ist? Als Experiment? Oder, und das ist die Frage, die mich am meisten beschäftigt, ist der Protagonist womöglich andern Lesenden durchaus sympathisch? Dass nicht alle allen sympathisch sind, wissen wir. Aber …

Für meine Schreibarbeit extrahiere ich aus meiner aktuellen Leseerfahrung folgende Frage: Kann und darf eine Figur, die wir uns als Schreibende auf eine bestimmte Art vorstellen, auf andere ganz anders oder sogar völlig gegenteilig wirken, als wir es uns vorgestellt hatten?

Ich folgere, dass unsere manipulativen Fähigkeiten nur bis dahin reichen, wo unsere Lesenden ihre Erfahrungsschätze und ihre Phantasie auspacken. Somit ist jede Geschichte immer mehr als das, was ich erzählen kann. Sie ist immer eine Synthese zwischen meinem Text und dem Lesegaumen meines Gegenübers.

Was eine Figur sympathisch oder unsympathisch macht? Obwohl sich diese Frage kaum abschließend und verallgemeinernd beantworten lässt und schon gar nicht befriedigend, gibt es wohl ein paar generelle Kriterien: Eine Hauptfigur muss menschlich sein und fehlerhaft . Sie soll ein paar nicht allzu schlimme Schwächen haben und weder darf sie zu schön noch zu hässlich sein, sonst macht sie uns Angst oder stößt uns ab. Hier betrete ich bereits wackeligen Boden. Denn es gibt durchaus hässliche Romanfiguren, die mir ans Herz wachsen können. Und sogar wunderschöne. Lassen wir es also einfach bei den erstgenannten: menschlich und unvollkommen.

Umgekehrt stellt sich die Frage, was eine Figur unsympathisch macht. Unsere Feindbilder sind so individuell wie unsere Geschichten. Als möglicherweise allgemein akzeptierte Kriterien nenne ich deshalb nur Arroganz, Korinthenkackerei, Besserwisserei, Hochnäsigkeit und Unsensibilität.

Stellt sich die Frage, ob solche Eigenschaften wirklich auch als solche wahrgenommen werden (siehe das erwähnte eBook). Womöglich wirken auf andere Leserinnen und Leser Besserwissertum und Arroganz ja als Gelehrtheit und Abgeklärtheit?

Sich gute Geschichten auszudenken ist eins, sie in lesbare Texte umzusetzen, damit andere Menschen sie lesen, mitgehen und im Idealfall etwas mitnehmen können, das ihr Leben bereichert, etwas anderes.

Ohne gute Geschichten wäre mein Leben grau. Eine gute Geschichte muss mich berühren. Ziemlich einfach eigentlich.

Und für dich?

Nostalgia – Gedanken einer Heimatlosen

Sehnsucht und Heimweh … es gibt sie nur, weil es Liebe, weil es Heimat gibt, spreche ich unterwegs ins iPhone. Schreiben kann ich ja nicht beim Autofahren. Sehnsucht und Heimweh – zwei Schmerzen, die sind, weil wir Fühlende sind. Und warum tut Erinnern meistens weh? Bedeutet das, dass ich damals Fehler gemacht habe? Oder einfach, dass etwas unwiederbringlich vorbei ist? Ich möchte das, was damals war, hier und heute nicht mehr in meinem Leben. Ich lebe jetzt.

Dennoch ist es da, dieses Heimweh, wann immer ich in der Region Bern, wo ich etwa zehn lange Jahre gelebt habe, unterwegs bin – ganz besonders wenn ich Richtung Oberland fahre. Ist es Heimweh längi Zyti, wie die BernerInnen so schön sagen? Muss man einen Weg nur oft genug gefahren, gewandert, geradelt und geschlendert sein, um ihn später als Heimat wiederzuerkennen? Muss man alle Nischen, Schleichwege und Abkürzungen einer Stadt oder eines Dorfes kennen, damit sie Heimat genannt werden dürfen? Müsste dann nicht auch meine aktuelle Wohnumgebung heimatliche Gefühle in mir auslösen – zumal ich ja hier in der Gegend aufgewachsen bin und immerhin etwa fünfundzwanzig Jahre gelebt habe, jedenfalls im Umkreis von etwa zehn Kilometern. Warum überfallen mich diese heimatlich-sentimentalen Gefühle vorwiegend im Kanton Bern? Nur dort wird mir das Herz auf diese ganz bestimmte Art weit und ich fühle mich als Nachhausekommende.

Nach meinem heutigen Recherche-Termin in Thun habe ich mir den Rest-Nachmittag freigegeben.
Du sollst morgen baden gehen!, habe ich gestern – im besten Scheffintonfall – zu mir gesagt. Und zwar sollst du zu deinem Lieblingsbadesee fahren. Und so packte ich, trotz der nicht so tollen Wettervorhersagen, heute meine Badesachen ein. Der Himmel schien sich zum Glück nicht wirklich an die Wettervorgaben halten zu wollen. Jedenfalls kein Regen in Sicht. Nur ein paar Wolken.

Gerzensee_sm

Kurz vor sechzehn Uhr. Ich und der See, allein zu zweit. Das Wasser zwanzig Grad. Wärmer als die Luft. Ich ziehe mich um und steige hinab. Wie schön es doch ist, mich auf dem Rücken zwischen den Seerosenblättern hindurch in die Mitte des Sees treiben zu lassen. Ich schwimme auf dem Rücken, die Ohren im Wasser, und lausche. Nur meine Schwimmbewegungen höre ich so. Wenn ich brustschwimme, höre ich nur die Kühe auf der nahen Wiese, die sich die Neuigkeiten des Tages erzählen, und einen Traktor am andern Ufer des Sees. Eine Stunde später spaziere ich erholt zurück zum Auto. Auf dem Weg zur Straße treffe ich eine Frau. Wir grüßen uns und grinsen uns wissend zu: sie geht dorthin, wo ich war. Der See ruft. Ich bleibe fünf Meter später stehen und drehe mich um. Aber … das ist doch … Im gleichen Augenblick hat sie sich ebenfalls umgedreht und sieht mich an.
Wir kennen uns! Du warst doch ein paar Jahre mit M. zusammen!, sagt sie.
Genau, und du, du bist … Moment, ich hab’s gleich, du bist H.!
Viele Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, darum schwatzen wir ein wenig und dann geht jede ihres Weges. Noch im Auto grinse ich über diesen Zufall.

Wie ich durch Wichtrach fahre, kann ich nicht widerstehen. Ich halte an und überfalle den örtlichen Käseladen, während draußen die Kinder aus dem Schulhaus strömen. Fünf Uhr. Wochenende. Friedliche Dorfszene. Wie ich diesen Augenblick geniesse! Das Teeniegirl vor dem Laden, das, mondän gekleidet, an seinem Smartphone fummelt, will so gar nicht vor diesen altmodischen Laden passen. Bestimmt verflucht sie es, in einem solchen Kuhdorf zu leben.

Ich betrete schmunzelnd den kleinen Dorfladen, wo der Käse, aus der Gegend, noch offen zu kaufen ist, die Joghurts ebfalls aus der Region stammen, alles so kühl und frisch duftet und die Verkäuferinnen alle Zeit der Welt haben. Ich gebe mich als Heimwehbernerin zu erkennen, doch mein falscher Dialekt verrät, dass ich nicht wirklich von hier bin. Nein, konstatiere ich, wie ich Minuten später den Motor wieder starte, auch hier bin ich nicht zu Hause, aber auch dort nicht, wo meine Sprache gesprochen wird … Weder noch. Am einen Ort fehlt mir die richtige Sprache, am andern das richtige Herzklopfen.

Würde ich wieder in der Region Bern wohnen, hätte ich gewiss bald andere Dinge, Orte und Menschen, nach denen ich mich sehnte. So war es schon immer. Ankommen ist leichter gesagt als getan und das Leben ist eben nicht ideal, wie meine Freundin M. so schön sagt. Und wie sich ein Leben ohne Sehnsucht anfühlt, wage ich mir lieber gar nicht erst vorzustellen.

__________________________

Bild:
undogmatischer Appspressionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)

sollen oder wollen?

Ich sollte wohl mal wieder bloggen!, murmelte ich vorhin. Denke ich seit Tagen. Kann das gut gehen, wenn ich so etwas denke? Kann es gut gehen, wenn wir Dinge tun, weil wir meinen, sie tun zu sollen? Wie ist es mit den ersten fünfzehn Seiten meines Romanmanuskripts, die eine Schreibkollegin lektoriert, sprich: mit Korrekturen, Tipps und Vorschlägen versehen hat. Will ich, soll ich ihre Anmerkungen annehmen? Ja. Und nein. Die einen habe ich umgesetzt, andere nach einigen Überlegungen verworfen. Und heute hat mir auch der Liebste den einen oder andern Vorschlag zum gleichen Text angekündigt.

Werde ich je einen Text schreiben, den alle perfekt finden, an dem niemand etwas zu verbessern hat? [Will ich das überhaupt?]

Können Du solltest!-Dinge funktionieren – wenn ja: besser oder schlechter als Ich will!-Dinge? Und wie verhält es sich mit meiner Disziplin in Bezug auf Zu-sollendes? Wie fast immer war meine To-Do-Liste auch heute wieder viel zu lang um realistisch zu sein. Gemessen jedenfalls am schönen Wetter, das nicht einfach ignoriert und verschwendet werden darf (zumal ich meine Tage zurzeit noch frei einteilen kann).

Anders gefragt: Bin ich  möglicherweise einfach nur faul und rede mich hier mit Wollen-statt-sollen-Parolen aus der Affäre?

Verliere ich meine Linie, meine Ziele, meinen Stil aus den Augen, wenn ich tue, was andere mir zu tun raten oder dient es gar meiner Entwicklung? Wann das eine und wann das andere?

Heute hieß mich meine Scheffin (moi-même), endlich den Papierkram – einen Teil des Papierkrams zumindest – aufzuräumen. Neulich habe ich mir für mein Geschäft extra zwei wunderschöne Ringordner gekauft: einen hellgrünen für die Finanzen (die Farbe des Wachstums, wohlgemerkt!) und einen orangefarbenen für alle administrativen Belange (die Farbe der Heiterkeit und des Sonnenuntergangs), damit ich endlich Ordnung schaffen kann. Könnte. Also sagte meine Scheffin heute Morgen zu mir: Schick deinen inneren Schweinehund in die Wüste und fang an.

Erste Auslegeordnung. Das hier, das dort, lochen, einheften … Zwar fehlt mir noch das optimale System, wie ich auf möglichst simple Weise meine Einnahmen und Ausgaben handhabe, doch das hat Zeit. (Ich werde nach einer Weile sehen, was am sinnvollsten ist. Das Buchhaltungssystem, das ich geladen habe, scheint mir doch ein bisschen großspurig. Doppelt muss sie ja nun wirklich nicht sein …). Oh, das macht ja richtig Spaß, dachte ich nach fünf Minuten. Und schon bald war ich fertig.

Der zweite fette Papierstapel, auf den meine Scheffin zeigte, umfasste sämtliche Bewerbungsbriefe-Kopien des letzten Jahres, sämtliche angeschriebenen Stelleninserate, sämtliche Aufforderungen und Infos vom Arbeitsamt und der Arbeitslosenkasse. Alles kalter Kaffee. Und alt dazu. Eine spannende Reise in die Vergangenheit. Eine Papiertragetasche voll Papier zum loslassen. Ein gutes Feuer wird das geben, nächste Woche, auf dem einsamen Gehöft. Ein Feuer, in welchem ich mit dem Liebsten Kartoffeln braten kann – nichts geht verloren.

Am Nachmittag endlich der wochenlang prokrastinierte Werbeversand – draussen auf dem Gartensitzplatz. Nach dem Multiplikationsprinzip für mein Geschäft zu werben, scheint mir im Moment der logischste nächste Schritt zu sein. Menschen, denen ich gerne mal wieder ein Lebenszeichen von mir zukommen lassen wollte, aber in den letzten Monaten und Jahren aus den Augen verloren habe, schrieb ich eine freundliche Postkarte, die ich mit einigen meiner Werbekarten in einen Umschlag steckte. Mit der Bitte, meine Karten nach Bedarf zu verwenden, auszulegen, weiterzureichen. Von Hand geschriebene Karte, von Hand angeschriebene Umschläge. Jedes Mal ein persönlicher Text. Damit steigt in meinen Augen die Wahrscheinlichkeit, dass die Briefe wahrgenommen werden und frühestens danach, bei Missfallen, im Altpapier landen – oder gar nicht, sondern ankommen. Wirken. Multiplikation durch persönliche Empfehlung. Ob das funktioniert? Funktioniert hat jedenfalls, was viele behaupten: Handschreiben ist tatsächlich Übungssache. Ich schreibe leider viel zu selten von Hand, so dass mein Gekritzel am Anfang kaum lesbar war. Besser ging einfach nicht. Erst bei der letzten Karte fand ich meine Schrift so langsam wieder vorzeigbar. Ob diese Aktion nun eher kontraproduktiv ist oder ich nur mal wieder zu selbstkritisch bin, wird sich zeigen.

Neue Anfänge bezaubern – so oder so. (Wusste schon Hesse. Wissen wir alle.)

Was am Anfang des Tages mit einem Du solltest! meiner Scheffin, die ich ja selbst bin, angefangen hat, wurde ein arbeitsreicher, schöner Tag. Sogar Dinge, die wir tun, weil wir sie sollen, auch wenn wir auf Anhieb keine Lust dazu haben oder lieber etwas anderes täten, können offenbar gut herauskommen.

Im Arbeitsleben die Balance zwischen Lust und Pflicht zu finden, fasziniert mich: Will ich oder soll ich –  und wenn ja, wieso?

gleich oder besser

Wir brauchen die Gewissheit, dass das Leben heute und morgen mindestens gleich gut oder besser ist als gestern um weiterleben zu wollen, sagt sie, morgens im Bett,

Ist das nicht der kapitalistische Wachstumsgedanke?, sagt er.

So gesehen schon … Ich meinte allerdings in erster Linie den Zufriedenheitsfaktor mit gleich oder besser. Beim Kapitalismus wäre sowieso „gleich gut“ schon ein Rückschritt, sagt sie. Das Leben jeden Tag neu anfangen als Schöpferin meiner Zufriedenheit. So wird jeder Tag zum Geburtstag.